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Full text of "Allgemeine Ethnographie"

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ALLGEMEINE 



ETHNOGRAPHIE 



VON 



X.. 

D" FRIEDRICH MULLER 

PROFESSOR AN DER L'NTVERSITAT, MITGLIEP DKU KAIS. AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN', 

MITGLIED r. P. Z. VICE-PRASIDENT DER ANTHROPOLOGISCHEN GESELLSCHAFT 

IN WIEN. 



WIEK 

ALFRED HOLDER 

(BECK-SCHE UNI VEESITÄTS- BUCH HAN DLÜNG) 

KOTHKSTHÜKMSTRASSK 15. 

1873. 



Alle Rechte vorbehalten. 



Den Freunden 

ERNST HAECKEL 

in Jena 

B ERNH AR D JÜ LG 

in Innsbruck 

CARL VON SCHERZER 

in Smyrna 
gewidmet. 



Gn 

315- 




1117538 



V R R E D E. 



Als ich vor fünf Jahren in der Vorrede zu dem von mir bearbeiteten 
ethnographischen Theile der Novara-Expedition das Vorhaben aussprach, 
später einmal, sobald meine eigentlichen Fachstudien es mir erhiuben, mit 
einer ethnographischen Arbeit vor das Publikum zu treten, ahnte ich nicht, 
dass ich sobald das betreffende Gebiet wieder öffentlich betreten würde. Der 
Beifall einerseits, welche meine eben citirte Arbeit bei N'aturforscheru. 
Ethnologen und Sprachforschern gewann, und die Walirnehmung anderer- 
seits, dass füi" ethnographische Arbeiten, bei dem regen Interesse, das man 
ihnen allenthalben zuwendet, die Zeit endlich gekommen sei, bestimmten 
mich , mein Versprechen sorgfältig im Gedächtnisse zu behalten und mit 
der Erfüllung desselben mich lebhaft zu beschäftigen. Und so wäre es bald 
gekommen, dass ich an die Ausarbeitung und Veröffentlichung einer Arbeit 
gegangen wäre, welche in dem ungefähren Umfange der bekannten Prichard*- 
schen das gesammte ethnographische Material nach dem gegenwärtigen 
Standpunkte des Wissens verarbeitet und mit den entsprechenden Liteiatui- 
Xachweisuugeu versehen, umfasst haben würde, hätte nicht der Verleger 
des vorliegenden Buches mir den Rath ertheilt, vorher ein Lehrbuch der 
Ethnographie von dem Umfange eines massigen Bandes auszuarbeiten, um 
dadurch den Weg für das grössere Werk — eine Art Handbuch — beiui 
gebildeten Publikum zu ebnen. Diesem vom geschäftlichen Standpunkte 
ausgezeichneten Rathe bin ich um so bereitwilliger nachgekommen, als nach 
meiner Ueberzeugung ein Buch, welches das ethnographische Material nach 



VI 

dem heutigen Standpunkte des Wissens, in knapper Form verarbeitet, enthält, 
gar nicht existirt, obwohl gewiss alle Forscher auf dem Gebiete der Ethnologie 
mit mir den Mangel eines solchen lebhaft empfunden haben werden. 

Und so übergebe ich das Buch, den Vorläufer einer grösseren Arbeit, 
dem gebildeten und gelehrten Publikum , speciell jenen Männern , deren 
drei Repräsentanten es gewidmet ist. Die Natur- und Sprach foi'scher mögen 
entscheiden, in wie fern sie meine Arbeit vom Standpunkte der strengen 
Wissenschaft billigen und der weitgereiste Mann, der „vieler Menschen 
Städte gesehen und Sitte gelernt hat" möge uns sagen, wie weit das Bild, 
welches ich von einzelnen Völkern zu entwerten bestrebt war, mit der 
lebendigen Wirklichkeit übereinstimmt. 

WIEN, April 1873. 

F, Müller. 



vri 



Nachträge und Verbesserungen. 



8. 14 Zeile 13 von oben statt: Vliesshaarige: 3. Afrikanische Neger. 4. Kaffern. 
lies: Vliesshaarige: 1. Afrikanische Neger. 2. Kaffern. 

S. 17 nach 5. Sprache der Eskimo, schalte ein: 6. Sprache der Aleuten. 

„ r, Zeile 19 von unten statt: Umqua, lies: Umpqua. 

„ 20 Zeile 1 von oben ist Talaing zu streichen. 

„ „ nach «. schalte ein: /. Isolirte Sprachen der hinterindischen Halbinsel, 
Talaing, Sprache der Khamen, Tsianipa. Quanto. 

S. 73 zu den verzeichneten Quellen ist als Hauptquelle, die wir leider nicht 
mehr benützen konnten, hinzuzufügen: Fritsch, Gustav, Die Ein- 
geborenen Süd-Afrikas, ethnograpliisch und anatomisch beschrieben. (Mit 
Atlas.) Breslau, 1872, 8" und fol". 

S. 74 Zeile 3 von oben statt: des ganzen südwestlichen Afrikas, lies : des gair/on 
südöstlichen Afrikas. 

S. 93 Zeile 10 von oben statt: dentalen und labialen, lies : dentalen und lateralen. 

p 118 Zeile G von unten statt: Westlich von diesen Gegenden, lies: Oestlich 
von diesen Gegenden. 

S. 119 Zeile 21 von oben lies: „Oestlich von den Bari wohnen die Beri, welche 
eine dfm Schilluk und Dinka verwandte S])rache reden, und westlich die 
Vang-bara. — Im Westen der Niederlassungen der Dinka-Stämme, vom 
Bahr-Telqauna gegen Süden bis an den Bahr-Dschemit sich hinziehend, 
liegt das Land der Dj ur (Luoh), die ein ausgewanderter Schilluk-Stamm 
' sein sollen. Weiter westlich vom 8" 30' nördl. Breite abwärts bis zum 
4" nördl. Breite und bis zum Gebiete der Yang-bara im Osten dehnen 
Kich die Niederlassunj-en der Bongo, welche von den Dinka Dor 
genannt werden. Im Westen der Djur und Bongo, und im Süden Darfurs 
liegt das Gebiet der Kredj (Fertit), das sogenannte Dar-Fertit. 
Südlich davon und westlich vom Gebiete der Bongo bis zum 31" östl. 
Länge im Osten liegt das Land der Nyamanyam oder Nyamnyam. 
Unter diesem Collectivausdrucke hat man zwei von einander verschiedene 
Kassen und Stamme zu verstehen, nämlich 1) die sogenannten freien, 
herrschenden (die Sandeh), und 2) die unterworfenen Sclavenstämme, 
zu denen die Bambiri, Basa, Qerombo, Berembo. Scheri, 
Bambia u. a. gehören. Während die ersteren als ein starker Menschen- 
schlag mit langem gescheiteltem Haar und starkem Bartwuchs geschildert 



VIII 

werden , sind die letzteren offenbar reine Neger und ihren nördlichen 
Nachbarn ganz ähnlich. Wahrschoinlicli hat man in den Sandeh es mit 
einem Volke der Nuba-Kasse (nicht der mittelländischen - Hamiten — wie 
Heuglin meint) zu thun, das eine Reihe von Negerstämmen sich unter- 
worfen hat, wodurch die Kette zwischen den Funje und den Wakuafi 
und Masai-Stämmen (vergl. S. 430) hergestellt wäre." 
Ö. 147 zu den verzeichneten Quellen ist als Hauptquelle, die wir leider nicht 
mehr benützen konnten, zu verzeichnen: Fritsch, Gustav, Die Ein- 
geborenen Süd-Afrikas. (Vergl. oben.) 
S. 149 Das Gebiet der Matebele gränzt im Süden an den mittleren Limpopo. 
im Osten und Nordosten ans Land der Ma-schona. im Westen ans Land 
der Ba-mangwato, während im Norden seine Ausdehnung unbestimmt ist. 
Die Fingo , richtiger Fingu (holländisch Fingoe geschrieben) oder 
Ama-fengu , umfassen die Ueberreste folgender, unter den Ama-iiosa in 
Sclaverei gestandener, ehemals von Tschaka aufgeriebener Nationen: der 
Ama-hlubi, Ama-fetcani, Ama-zizi, Ama-bele, Ama-z abi- 
zembi, Ama-sekuneue, Ama-tozakwe, Ama-relindwani 
Ama-schwayo. (Fritsch.) 

S. 1.50 Zeile 2 von unten ist zu citiren das Buch von Gevrey. Essai su" les 
Comores. Pondichery, 1870, 8", wo sich S. 108 ff. ein Vocabular findet. 
Doch sind die Zahlenausdrücke, die dort mitgetheilt werden, malayiscli 
(madegassisch). 

S. 225 Zeile 3 von oben statt: Nordosten, lies: Nordwesten. 

„ 231 - 19 „ „ ,. im Durango und im Guadalajara, lies: in Durango 

und in Guadalajara. 

.. 238 Zeile 19 von oben statt: am linken Ufer des Paraguay, lies: am rechton 
Ufer des Paraguay. 

„ 239 Zeih 8 von oben statt: von dem Pampas, lies: von den Pampas. 

„ 243 „ 25 „ „ „ pflegmatischen, lies: phlegmatischen. 

„ 244 „ 9 „ „ „ einen Schluss ziehen, lies: einen Schlnss zu 

ziehen. 

„ 281 Zeile 9 von oben statt: der letzteren, lies: den letzteren. 

„ 478 „ 8 „ „ „ Wrongowitz, lies : Wongrowitz. 



Einleitung. 



Begriff der Kthnograpliie und ihr Verliältiiiss zur '^^ 
Autliropologie. *) 

Die Ethnographie (von iffvo; Volk und -j-oa-f j-.v beschreiben) oder 
IJthuologie (von idvoc Volk und /.oyo; Lehre), deutsch Völkerkunde, 
ist. wie schon ihr Name besagt, die Wissenschaft vom Menschen, 
als Volks -Individuum betrachtet. Sie unterscheidet sich wesent- 
licli von der Anthropologie (von avrtow-o; Mensch und "/.c-yo; Lehre), 
der Wissenschaft vom Menschen als Mensch, d. h. als einheit- 
liches, sinnlich-vernünftiges Natur- Individuum. Der unterschied 
beider Wissenschaften liegt nicht in der Verschiedenheit 
des Objectes, denn bei beiden ist im Grunde genommen das 
Object eines und dasselbe, sondern in der Verschiedenheit 
der Auffassung dieses Objectes. Während die Anthropo- 
logie den Menschen als Exemplar der zoologischen Species Homo 
nach seinen physischen und psychischen natürlichen Au- 
la gen betrachtet, fasst die Ethnographie den Menschen als ein zu 
einer bestimmten, auf Sitte und Herkommen beruhenden durch ge- 
meinsame Sprache geeintoii Gesellschaft gehörendes Tndividiium. 



Eutvviekluug und Gescliiclite dieser Wissenschaften. 

Sowohl die Anthropologie als auch die Ethnographie sind durch- 
wegs moderne AVissenschaften, sie gehören als solche dem Ende 

*) Geograjiliisclies .Tiilirbuch von E. liehru. III. IM. \^70, S. :lli' il'. 

Müller, Allg. EtlinognipLie. I 



i 



2 

des l'S. lind dem 19. Jalirliiindevt an. Als Begründer der Anthropo- 
logie kann der Deutsche Blumenbach, *) Professor in Göttingen, 
gelten, während der Engländer Prichard**) der erste Avar, der eine 
umfassende Darstellung der ^Menschheit nach Yolksstämmen und 
Völkern auf naturwissenschaftlicher Grundlage geliefert hat. 

Spuren und Anfänge dieser Wissenschaften finden sich bei allen 
eivilisirten Völkern vor. Das älteste Cnlturvolk des Abendlandes, 
die alten Aegypter, unterschieden auf den von ihnen errichteten Denk- 
mälern vier von einander verschiedene Rassen, nämlich: 1) die 
Ludu oder Rudu, worunter die Aegypter sich selbst verstanden: 
2) die Aamu, worunter die Semiten von Palästina, Syrien und der 
Tigris-Euphrat-Länder begriften wurden; o) die Nahasiu , worunter 
man die schwarze Bevölkerung von Inner- Afrika verstand, und 
4) die Tamahu . \\ urunter sowohl die nicht-semitischen Asiaten, 
also wahrscheinlich indogermanische Völker, als auch die nicht- 
ägyptische weisse ßevökerung N ord- Afrikas , also die mit den 
Aegyptern enge verwandten hamitischen Stämme gezählt wurden.***) 

Wichtig für die europäische Weltanschauung, wenn auch 
andererseits von grossem Schaden für die Wissenschaft, wurde die| 
Sage der Semiten über den Ursprung und die Vertheilung des 
Menschengesclilechtes . letzteres namentlich deswegen, weil man die 
beschränkte Localsage für eine allumfassende wissenschaftliche An- 
schauung von tiefem Gehalt ansah. Wie bekannt, betrachtet die semi- 
tische Sage der Hebräer den Menschen als die jüngste organische 
Schö}»fuug der Erde und verfolgt die Spaltung des rothen Men- 
schen (Adam) in mehrere Völker, worunter offenbar jene gemeint 
-ind. mit denen die Semiten in der ältesten Zeit in Berührung 



*) Blumen b ach . Jolianu Friedrich. De generis liimiaiii varietate 
nativa. Praemissa epistola ail Jos. Banks, ed. III, Gottingac 171*5, 8". üeber- 
setzuiig: Ueber die natürlichen Verschiedenheitou im Menschengcschlechte. 
Nach der 3. Ausgabe übersetzt mit Anmerkungen von Joh. Gottfried Gruber, 
Leipzig 1798, 8". 

**j Pricbard. James Cowles. Natural history of man. London 1813, 8". 
r^pater in mehreren Auflagen. Uebersetzung: Naturgeschichte des Menschen- 
geschlechts. Nach der dritten Auflage von Dr. Eudolph Wagner. Leipzig 
1840—48, 8", 4 Bde. in 5 Theilen. 

***) Vergl. Lauth. „Ueber die Menschenrassen auf ägyptischen Denk- 
mälern'" (Correspondenzblatt der deutseben Gesellschaft für Anthrojtologie, Ethno- 
logie und Urgeschichte, 1870, Nr. 4 (August), S. 31), und siehe die Abbildungen 
dieser vier Kassen bei Morton. Types of mankind, 8 edition, Thiladelphia 
1860. 8", pag. 85. 



kaiiit'ii. Es ist und war nun ein uiusser Iritliuui z,u i;lanben, der 
Adam der hebräischen .Sai>e bedeute den .Menschen überhaupt, 
während er docli. wie schon die Ktyniolugie des Worters darthnt. 
nur den fieischrothen ]\Ienschen . <bMi Ivaukasier oder Mittelländer 
bezeichnet. Und auch nicht der Afittelländer in vollem Umfauae 
ist Adam, sondern nur der Stammvater der drei vornehmsten Cultnr- 
völker der mittelländischen Kasse, nämlich der Tndogermanen 
(Japhetiteni. der Semiten und der Haiuitfu. 

Auttallend ist es. dass die beiden bedeutendsten Culturvölkfr 
des Alterthums. nämlich die Grieclüii und Homer, bei ihrer aus- 
gedehnten Bt^kanntschatt mit der damaligen Welt so geringen Nutzen 
für die Vnlkerknnde gezogen haljen , so dass sie kaum zu einei" 
Ahnung dieser AVissenschatt gelangten. — Es ist von keinem 
.Schriftsteller des Alterthums überliefert, dass er sieh mit dem 
Studium fremder Sprachen und Literaturen abgegeben habe. — Des- 
halb sind die Nachrichten . welche uns die Alten von fremden 
Völkein überliefert haben, obwohl sehr genau und zuverlässig. 
<leu))Ocli für die Zwecke der modernen Wissenschaft nicht nnbe- 
<lingt zu verwerthen. da ihnen die seliarle Beobachtung des eigent- 
lichen ethnologischen Alomentes abgeht. 

Alles dies hängt innig mit der Weltanschauung der Alten und 
ihrer Auflassung des Menschen zusammen. Nur das unter den- 
selben Culturbedingungen lebende freie Individuum galt ihnen als 
gleichberechtigt. Der Sklave vollends galt nicht als Person, 
sondern als Sache. Es war daher ant solcher Grundlage eine un- 
befangene Auffassung <.U'<^ Mensclien als solchen schlechterdings 
unmöglich. 

Eine unbefangene universelle Autfassung des .Menschen haben 
zwei Factoren wesentlich vermitielt, nämlich: erstens das Christen- 
thum. besonders des.sen letzte durch die Reformation eingeleitete 
Entwicklungsphase: zweitens die Entdeckung des neuen 
Welttheiles. Nachdem das Christenthum mit seiner Lehre von 
der Gleichheit der Menschen die Schranken durchbrochen 
hatte, welche das Heidenthum gezogen, und vermöge seiner Uni- 
versalität den einzelnen N'ölkern und Sprachen eine besondere Auf- 
merksamkeit zuwandte, machte die Entdeckung Amerikas die alte 
^Velt mit ganz neuen Völkern und Sprachen bekannt. Es bildete 
sich durch Eintiuss der gleichzeitig eingeleiteten Keformation in den 
Geistern eine mehr nüchterne auf die Beobachtung der Dinge 
drängende W^dtanschauung. Man fing an neben den anderen Objecten 



der sinnliclieii WahrnelnuiiDg auch dem Menschen eine erhöhte Auf- 
merksamkeit zuzuwenden. 

Die durch drei Jahrhunderte in dieser Richtung beschäftigte 
Forschung brachte es jedoch lange nicht zu einer Wissenschaft, da 
den einschlägigen Erfahrungen und Kenntnissen das System fehlte. 
Dieses System wurde für die Wissenschaft vom Menschen , die 
Anthropologie, zu Ende des vorigen Jahrhunderts durch Blumenbacli 
gefunden und später durch andere Forscher vervollkommnet. In 
Betreff der Wissenschaft vom Volke, der Ethnographie oder Ethno- 
logie, hat man sich über das Princip noch nicht allgemein geeinigt, 
da die einen den Yolksbegritf in physischen Merkmalen suchen, 
während ihn andere mit grösserem Rechte in die Sphäre der 
geistigen Thätigkeiten verlegen. 



Rasse und Volk und ihr Verliältniss zu einander. 

Der Mensch bietet der denkenden Betrachtung eine doppelte 
Seite dar. eine physische und eine psychische. In ersterer Beziehung, 
als physisches Individuum, ist der Mensch denselben Gesetzen wie 
das Thier unterworfen. Gleich dem Thiere zerfällt der Mensch in 
mehrere Varietäten. Gleichwie jeder thierischen, ist auch jeder 
menschlichen Varietät ein eigener Verbreitungsbezirk, innerhalb 
dessen sie gedeiht, angewiesen. Gleich dem Thiere, das gezähmt in 
mehrere Spielarten zerfällt, bietet der Mensch, ein sociales Wesen, 
y.a-: j;o-/Yiv, eine grosse Menge verschiedener Typen dar. Obwohl 
nun gerade in dieser Beziehung allmälige Uebergänge von dem 
einen Typus zum anderen sich nachweisen lassen, so ist es doch 
möglich, mit Festhaltung, des Allgemeinen und Absehen von dem 
Besonderen, gewisse Grund typen innerhalb des Menschen festzu- 
stellen, und dadurch eine Classification desselben zu erstreben. 

Man nennt diese Grundtypen mit einem herkömmlichen Aus- 
drucke: Rassen. 

Die Feststellung und Beschreibung der Rasse ist Sache des 
Naturforschers . der sich mit dem physischen ]\Ieuschen beschäftigt, 
speciell des Anthropologen. Die AVissenschnft desselben, die Anthro- 
pologie, hat die auf dieses Wissensgebiet bezüglichen Thalsachen zu 
verzeichnen und in einen aus den Gesetzen der Natur erklärbaren 
Zusammenhäng zu bringen. 



Während der Mensch als physisches Wesen streng" genommen 
nur den Naturgesetzen unterworfen ist, untersteht er als ver- 
nfinttig-sociales Wesen jenen iiesetzen, welche die Gesellschaft 
ilim auferlegt. 

Wir wollen zwar damit keinen stricten Gegensatz ausgesprochen 
iiaben . als ob die Gesetze der Gesellschaft nicht aucli von den 
Naturgesetzen abhängig wären; aber während die Naturgesetze in 
dem ersteren Falle unmittelbar wirken, wirken sie in dem 
letzteren Falle mittelbar, durch den Menschen selbst. 

Als gesellschaftlich-vernünftiges Wesen zerfällt der Mensch in 
eine Eeihe von Völkern, deren Individuen durch gleiche Sprache 
und gleiche Sitten zu einer das Volksthum begründenden Einheit 
zusammengehalten werden. AVie innerhalb der Rasse ist es auch 
hier möglich, mit Festhalten des Allgemeinen und Absehen vom Be- 
sonderen, mehrere Völker zu einer höheren Einheit zusammenzufassen, 
mehrere Sprachen auf eine ihnen zu Grunde liegende Ursprache 
zurückzuführen. Mehrere auf diese Weise mit einander zusammen- 
hängende Völker bilden dann einen V o 1 k s s t a m m , mehrere 
Sprachen, welche in derselben Weise mit einander zusammenhängen, 
einen Sprachstamm. 

Die Abgränzung des Menschen nach Völkern und die Be- 
schreibung der letzteren beschäftigen den Ethnographen oder Ethno- 
logen: die betreffende Wissenschaft, die Ethnographie oder Ethno- 
logie, hat die darauf bezüglichen Thatsachen zu verzeichnen und 
aus natürlichen Gesetzen zu erklären. Obwohl nun der Mensch ein 
einheitliches, sinnlich-vernünftiges Wesen ist, so ist er doch in 
dieser Hinsicht das Object zweier Wissenschaften, nämlich der An- 
thropologie oder allgemeinen Menschenkunde, und der Ethnographie 
oder speciellen Volkskunde. AVährend die erstere ihn in Kassen 
zerlegt und classificirt, vertheilt und classiticirt ihn die letztere nach 
Völkern. Obwohl nun Rasse und Volk auf ein und dasselbe Object 
sich beziehen, nämlich den Menschen, gehören sie doch zwei ver- 
schiedenen Wissenschaftssphären an. Rasse ist ein streng anthro- 
1» 1 g i s c h e r , V 1 k dagegen ein streng ethnographischer Begriff. 

Gleichwie beim Thiere die ihm von Natur aus zukommenden 
Merkmale und Eigenschaften die ursprünglichen sind, gegen welche 
die durch Zähmung entstandenen Qualitäten als erst später hinzu- 
gekommen betrachtet werden müssen, ebenso ist auch beim Menschen 
der Rassencharakter das Ursprüngliche, der ethnologische Charakter 
dagegen als etwas später nach und nach Gewordenes anzunehmen. 



G 

Wenn wir auch gegenwärtig keinen ^Menschen ausserhalb einer 
bestimmten, mit Sprache nnd Sitte versehenen Gesellschaft — eines 
Volkes — antreften. da es im wilden Naturznstande lebende Menschen 
nirgends gibt, so müssen wir dennoch annehmen, dass es einmal 
eine Zeit gegeben liat, in welcher zwar Kassen, al)er keine Völker 
existirten. Es gab also damals noch kein Volksthnm , mithin auch 
noch nicht die dasselbe begründenden Factoren — Sprache nnd Sitten. 

Dem Menschen als Mitglied einer l»estimmten Kasse kommt 
also keine Sprache zu, der Mensch war damals, als es nur Kassen 
nnd keine Völker gab, ein sprachloses, der geistigen auf der Sprach- 
thätigkeit beruhenden Entwicklung noch völlig ermangelndes Wesen. 

Zu dieser Annahme werden wir. abgesehen von den so eben 
entwickelten naturhistorischen Voraussetzungen, durch die Betrachtung 
der Sprachen selbst gedrängt. Die verschiedenen Sprachstämme 
nämlich, auf welche die ^Vissenschaft die Sprachen zurückzuführen 
im Stande ist, setzen nicht nur bei den verschiedenen Kassen, ver- 
möge ihrer totalen Verschiedenheit in Form und Stotf, mehrere von 
einander unabhängige Ursiirünge voraus, sondern sie weisen selbst 
innerhalb einer und derselben Rasse auf mehrere von einander un- 
abhängige Ursprungspuukte hin. 

So sind, um ein nahe gelegenes Keispiel zu Avähleu, sämmtliche 
Anthropologen darin einig, dass die indogermanischen, hamitisch- 
semitischen , kaukasischen nnd baskischen Völker einer und der- 
selben Kasse angehören. Andererseits steht aber unter den Sprach- 
forschern fest, dass die indogermanischen, hamitisch - semitischen 
und kaukasischen Sprachen sammt dem Baskischen unter einander 
gar nicht verwandt sind. Da eine jede Sprache in ihrem Ursprünge 
auf eine besondere, von den anderen abgesonderte Gesellschaft hin- 
weist, diese verschiedenen Gesellschaften aber leiblich unter einander 
die engste Verwandtschaft verrathen, daher auf die leibliche Abkunft 
von einer und derselben Species hinweisen, so ist der Schluss nahe 
gelegt, dass diese Gesellschaften die Sprache von Haus aus nicht mit- 
gebracht haben können, sondern sie erst nach ihrer Absonde- 
rung von einander gebildet haben müssen. 

^. 4. 

System der Anthropologie und Ethnographie. 

Blumenbach, der Begründer der wissenschaftlichen Anthropologie, 
zerlegt in seinem Werke: „De generis humani varietate nativa 



>'(]. HJ., Gottingao, pag. 28G",(len Menscbon iu fünf Kassen (varictates), 
iiiimlidi: 1. die weisse, kaukasische (caucasia); 2. uie gelbe, mongo- 
lischo (mongolica) : '.). (Vw schwarze, äthiopische (aethiopica); 4. die 
lotlic. aiiierikaMische (anicricanaj und 5. die braune, lualayisclie 
nnahiicaX*) 

Obwohl lilunicnbach bei dit^ser Kintheiluüg von den physisrlien 
.Merkmalen des Menschen ausgeht und namentlich die Schädelbildung 
und die Hantfarbe berücksichtigt . so scheint es doch . als hätte 
ihn nicht dies allein zu seiner Eintheiluug bestimmt, sondern viel- 
mehr und in noch grösserem Maasse die geographische Ver- 
theilung des Menschen nach den fünf Welttheilen: Kuropa, Asien, 
Afrika. Amerika und Australien. 

Wenn auch der Gedanke, der dabei zu Grunde liegt, dass 
nämlicli jeder grössere Strich Landes seine eigene Mensehenvarietät 
Iteherbergt . ein ganz richtiger ist. und durch die Lehren der Thier- 
und Ptlanzengeographie glänzend bestätigt "wird,**) so ist dennoch 
seine Ausführung eine ganz verfehlte. Wie nämlich der Thier- und 
der Pflanzen-Geograph nachweisen, fallen die von ihnen gezogenen 
Verbreitungsgebiete der Thier- und der Pflanzen - Arten nicht mit 
der von der Geographie angenommenen Theiluug der Erde in die 
sogenannten Welttheile zusammen . sondern im Gegentheile . beide 
gehen sehr weit aus einander und haben mit einander Avenig oder 
gar nichts gemein. 

Dieses scheinen auch Blumenbach's Nachfolger nach und nach 
eingesehen zu haben, und es hat beinahe jeder ein eigenes System 
aufgestellt, indem er entweder den Umfang der von ihm aufgestellten 
Kassen restringirte oder erweiterte. So nimmt Cuvier in seinem 
Werke: .Le regne animal . Paris ISI?-. vol. 1.. pag. l»4, nur drei 

*) Vor BluiiK'iibacli wjin-n seilen in.-lirero \'ei-sucLe gematlit -wunioii. den 
Meiisclifii nacli seinen natürlichen «Morlinialeii zu dassificiren , ilie sich bei ihm 
iu tlcni oben citirten Werke, \y.\g. "iOti. besiirodieu finden. Am beiuerkens- 
wertheston darunter ist das System Linuf-'s, der nach Blumeubach . jjag. 2!i7. 
vier Rassen aufstellen soll (Aif amerikanische, europäische, asiatische und 
afrikanische). In dem Systema naturae, Halle 1760, vul. I.. p. 20. wird von 
Linne f(d?endo Uebersicht des Menschen gegeben. Homo ferus (nach den ge-- 
gebenen Beispielen meint er oflenbar Microcephaleni v.. Americanus. fj. Euro- 
paeus, y. Asiaticns, o. Afi-r, i. Monstrosus (dahin rechnet er die Patagonier. 
Hottentoten. Chinesen, Canadier). 

*■") Vergl. : Morton. Tyiies of mankind, ed. by Nott and Gliddon, S edit., 
Philadel])hia 1800. pag. 02. ..<icogra]diical distribution of r.ninials and races 
of men.'" 



8 

Rassen au, nämlich: 1. die weisse (la blanche, ou caucasienne) : 
2. die gelbe (la janne. ou niougolique); 3. die schwarze (la negre. 
ou ethiopique), wenn ihm aucli pag. 99 die Malayen, Papuas und 
Amerikaner nicht geringe Schwierigkeiten zu bereiten scheinen.*) 
Dem gegenüber stellt Charles Pickering (United states exploring 
expeditiou during the years 1838, 1839, 1840, 1841, 1842 under 
the command of Charles Wilkes, vol. IX., „The races of man", 
Philadelphia 1848, pag. 10) nicht weniger als eilt" Kassen auf. die 
er unter vier nach der Hautfarbe vertheilte Giupi»en zusammenbringt, 
nämlich: A Weisse: 1. Araber. 2. Abessinier: B. Braune: 3. Mongolen. 
4. Hottentoten, 5. Malayen: C Schwarzbraune : G. Papuas. 7. Negrillos, 
8. Hindus oder Telingas, 9. Aetliiopier; 1). Schwarze: lU. Australier, 
11. Neger. Der Amerikaner Samuel George Morton stellt in seinen 
Schriften sogar zweiundzwanzig Hassen auf. 

Eiue grosse Einseitigkeit aller dieser Systeme, sowie mehrerer 
anderen an diese sich anschliessenden, besteht darin, dass der Mensch 
ausschliesslich nach seiner äusserlichen Seite, als thierisches Wesen, 
betrachtet wird. Von einer Betrachtung der geistigen Seite, seiner 
Sprache, seines Fühlens und Denkens, seines socialen Lebens sind 
dabei nur Avenige Spuren vorhanden. Und doch darf gerade beim 
Meusclieu, im Gegensatze zum Thier, eine genaue Betrachtung dieser 
Seite nicht vernachlässigt werden. 

Nach und nacli hat auch parallel mit den grossen Fortschritten, 
welche die Sprachwissenschaft am Anfange dieses Jahrhunderts 
gemacht liat, das Bewusstsein von der AVichtigkeit der Sprache für 
die intellectuelle Entwicklungsgeschichte des Menschen unter den 
Forschern Platz gegriffen, und es wurden einzelne Versuche einer 
Eintheilung des Menschen auch in dieser Kichtung unternommen. 
Jedocli sind dieselben theils unvollendet geblieben, indem nuiu über 
die Classitication einzelner Völker nicht hinauskam, theils litten sie 
an denselben Gebrechen, wie die von der naturwissenschaftlichen 
Kichtung unternommenen Versuche, indem sie nur eiue ganz specielle 
Seite des Menschen zum Ausgangspunkte nahmen. 

Bei dieser Einseitigkeit, in welche sowohl die Naturforscher 
vum Faclie als auch die Sprachforscher und die Ethnologen bei der 
Betrachtung und der Classitication des Menschen verfielen, konnte 
es nicht ausbleiben, dass auch die Resultate beider Richtungen mit 



*) Auf diese ])rcitlieiluii,ii' koiuint auch biiiitcr (iobiiieau wieder zurück. 
(Es-sai sur Tiiiegalitr des races liuniaiiies. Paris 185:;— 5"). ij vol.) 



9 

oiiiiiuik'i- in einen förmlichen AVi(lersi»ru(li geriethen . und dies um- 
somehr, jemelir man die ausschliessliche lierechtiguug seines Stand- 
punktes gegenüber jenem des Gegners hervorhob. 

Nicht mit Unrecht hatte man die grosse Wichtigkeit des 
Schädels und seines Inhaltes, des Gehirnes, innerhalb des menschlichen 
Organismus stets betont , und der Betrachtung dieser Organe eine 
ganz besondere Sorgfalt gewidmet. Dieser Theil des menschlichen 
Leibes war auch am leichtesten einer genauem Untersuchung zu- 
gänglich, indem er sich einerseits vor Beschädigungeu schützen tmd 
aufbewahren liess, andererseits mit Leichtigkeit aus allen Welttheilen 
beschallt werden konnte. 

Mau darf sich daher nicht wundern, dass mehrere Anthropo- 
logen gerade im Schädel und seinen Formen jenes Merkmal gefunden 
zu haben glaubten, nach welchem man methodisch uud exact den 
Menschen classiticireu könne. *) Das erste und consequenteste System 
in dieser Kichtung verdanken wir dem schwedischen Naturforscher 
Anders Ketzius. welcher, von zwei Schädel- uud zwei Gesichtsformeu 
ausgehend, vier Typen der Kopfbildung aufstellte. Die zwei Schädel- 
formen sind folgende : 1. Die kurze, wobei der Schädel rund oder 
viereckig, aber stets kurz erscheint. — Breite und Länge des 
Schädels sind einander im Wesentlichen gleich, das Hinterhaupt ist 
dabei kurz, etwas platt. Der Scheitelhöcker ist stark , der Hiuter- 
haupthöcker ist oft nicht vorhanden. 2, Die lange. Der Schädel 
erscheint durch die grössere Entwicklung des Hinterhauptes oval 
und mehr in die Länge gezogen. Der Hiutcrhaupthöcker ist stark, 
der Scheitelhöcker oft nicht vorhanden. Die zwei Gesichtsformen 
sind folgende : 1 . Die orthognathische, mit gerader Stellung 
der Kiefer uud Zähne, daher mit senkrechter Urotilliuie des Gesichts. 
2. Die prognathische, mit vorspringenden Zahnhöhlenfortsätzen 
und Zähnen, wodurch das Gesicht durch den schnauzeuartig hervor- 
tretenden unteren Theil ein thierisches Aussehen bekommt. 

Durch Combination dieser Schädel- und Gesichtsformen ent- 
stehen nun V i e r T y p e u, nämlich L der dolicephalisch-orthognathische, 
der edelste von allen; 2. der dolichocephalisch-prognathische; o. der 
brachycephalisch-orthognathische; 4. der brachycephalisch- progna- 
thische. 

*) Vergl. Davis, J. LJaniard Thesaurus cranioruiu, catalogue of the 
skuUs of vaiious races of mcn. London 1807. 8*^, und Nott .,Comparative 
anatomy of raccs." in dem Werke von Moi-tun Types of raankind , 8 edit. 
Philadelphia 18G0. pag. 111. 



10 

Die nähere Ausfübrung dieses Systems liiit ivetzitis nicht 
weniger als vier Mal versucht, nümlich erstens 1842 in einem Anf- 
satze -Ueber die Schädelform der Nordbewohner", der 1845 in Job. 
Müller's Arcbiv für Anatomie, rhysiologie nnd wissenschaftliche 
Medicin, pag. 84 ff. (übersetzt von Dr. C. F. H. Creplin) mitgetheilt 
wurde, und in den „Ethnologischen Schriften", Stockliolm 1864. fol. 
pag. 1, sich findet, zweitens im Jahre 1844 in einer Arbeit „Ueber 
die Form des Knochengerüstes des Kopfes bei verschiedeneneu 
Yölkenr (übersetzt von W. Meves in ]\Iüllevs Arcbiv 1848, pag. 
263 nnd wieder abgednickt in den Ethnologischen Schriften, 
pag. 27), drittens im Jahre 1852 in einem an Dr. G. Nicolucci ge- 
richteten Briefe (Ethnologische Sciiriften, pag. 120), und viertens 
im Jahre 1856 in einer Abhandlung, betitelt: „Blick auf den gegen- 
wärtigen Standpunkt der Ethnologie, mit Bezug auf die TJestalt des 
ku()chernen Schädelgerüstes" (aus dem Schwedischen von Prof. 
W. Peters, in Müller"s Arcbiv 1858, pag. 106. wieder abgedruckt in 
den Ethnologischen Schriften, pag. l.'KV). 

Da Retzius' Arbeiten epochemachend auftraten und von vielen 
noch als die besten dieser Richtung anerkannt Averden, so halten 
wir es für nothwendig, diese vier einander ergänzenden systematischen 
Ausführungen hier mitzutlieilen. 

Im .Tahre 1842 stellt nun Reiziiis folgendes System auf: 

I. Gentes dolichocephalae orthognathae : Gallier, (?elten,Britteu, 
Schotten, Germanen, Skandinavier. 

II. Gentes dolichocephalae prognathae: Grünländer, mehrere 
amerikanische Stämme (wie Caraiben, Botokuden), Neger, 
Xenbolländer. 

III. Gentes brachycephalae orthognathae: Slaven, Finnen, 
Afghanen, Perser, Türken, Lappen, Jakuten. 

IV. Gentes brachycephalae prognathae: Tataren, Kalrnüken, 
Mongolen, Malayen, mehrere amerikanisclie Vidker (wie 
Peruaner, Charrua's), Papua's. 

Das im Jahre 1844 aufgestellte System ist folgendes: 
I. Gentes dolichocephalae orthognathae: Schweden, Norweger, 
Dänen, Holländer, Deutsche, Engländer (Celten), Franzosen, 
Irländer, Schotten, Belgier — dann vermuthnngsweise 
Spanier, Portugiesen, Italiener, Griechen — ferner Hindus, 
Georgier, Nubier, Abessinier, Berber. 

II. Gentes dolichocephalae prognathae: Cliines(Mi, Japanesen, 
Australier, Amboinesen, alle Negerstämme, Kaffern, Hollen- 



11 

tutoii , Kopteu , Grönländer , Koluselien , Tscherokosen, 
<"liipite\vays, Irokesen, Huroneii, Tscliikkesairs, Cayiigas, 
<>ttig•aInie^^. Potowatuniies, Lennilena[u'.s, Blacki'out-indianer. 
Botokuden, ('araii)('ii, Guaranis, Aynianis. Huanclics, Süd- 
pa tagen i er. 

in. Gentes brachyceplialae orthoguatliae: Türken, die alten 
Avaren in l'ngarn, Lapi»liinder. Slaven, Tselmden. Basken. 
Saniojeden, .lakutcn, Perser, Tan'alen, Azteken, Cliincas (?). 

IV. Gentes bracliyneplialae prognatliae: Kalmüken , Buräten. 
Afghanen, Malayen, Otaheitier, Papuas, Natcliez, Creeks, 
Seminolen , Euchees , Klatstonis , Oliarrluias , Puelches, 
Araucaner, Neupernauer. 

Im Jahre 1852 stellt Betzins folgendes System auf: 
I. Gentes dolichocephalae orthognathae : Gelten (Gallier, Cim- 
bern. Belgier), Germanen (Schweden, Dänen, Norweger, 
Normannen, Deutsche, Holländer), Bomanen, Hellenen. 
Perser, Inder, Araber. 

II. Gentes dolichocephalae proguathae: Atlantische Basse 
(Nubier, Abessinier, Kopten, Kabyen, Tnariks), Chinesen, 
Japanesen, Caraibische oder Gnarani-Basse, Eskimos, die 
rothen Indianer, Botokuden, Tapujos, die Alfnrus oder 
australischen Neger. 

III. Gentes brachycephalae orthognathae: Scythen (Lappen, 
Finnen, ]\lagyaren,Türken, Tataren), Slaven(Polen, Tschechen, 
Sloveneu, Kroaten, Wenden, Bussen, Litauer), Basken. 

IV. Gentes brachycephalae proguathae: Malayen , ^Mongolen, 
Papuas, Polynesier, Natcliez, Creeks, Incas (Peruaner). 
Chenouques u. s. w. 

Das im Jahre IsöO aufgestellte System ist folgendes: 
I. Gentes dolichocephalae orthognathae: «iermanen, (Norweger 
und Normannen in Frankreich und England, Schweden, 
Dänen, Holländer, Flamänder, Burgnnden. Deutsche, Franken. 
Angelsachsen, Gothen — in Italien und Spanien), Gelten 
(Schotten, Irländer, Engländer, Wallonen, Gallier), d-ie 
alten Bumer, die alten Griechen sammt deren xVbkömm- 
lingen, Hindus, Perser, Araber, Juden. 

II. Gentes dolicliocephalae prognathae: Alle afrikanischen 
Stämme, Tungusen , Chinesen, Australneger, Eskimos, 
mehrere amerikanische Stämme. 



12 

III. Gentes brachycephalae orthognathae : Ungarn in Europa 
(Saniojeden, Lappen, Wogulen, Ostjaken, Permier, Wotjaken, 
Tscheremisseu , Mordwinen , Tschuwaschen , Magyaren, 
Finnen), Türken in Europa, Shiven (Tschechen, Wenden, 
Slovaken, Morlakeu, Kroaten, Serbier, Polen, Russen, Neu- 
griecheu), Letten, Albanier, Etrurier, Rhätier, Basken. 

IV. Gentes brachycephalae prognathae : Ungarn in Asien (Samo- 
jeden u. s. w.), Türken, Circassier, Turkomanen, Afghanen, 
Tataren, Mandschus, Mongolen, Malayen, Polynesier, Papuas, 
mehrere Stämme Amerikas. 

Ueberblickt mau nun diese von uns mitgetheilteu vier Systeme, 
wie sie Retziu.s nach und nach aufstellte , so muss Jedermann das 
Schwanken in Betreff gewisser Völker unwillkürlich auffallen. So 
zählt Retzius die Afghanen im 1. System zu den gentes brachy- 
cephalae orthognathae, in dem 2. und 4. System dagegen zu den 
gentes brachycephalae prognathae. Die Perser gehören unter Nr. 1 
zu den gentes brachycephalae orthognathae, unter Nr. 3 dagegen zu 
den gentes dolichocephalae orthognathae. Die Nubier, Abessinier und 
Berber stehen unter Nr. 2 bei den gentes dolichocephalae ortho- 
gnathae , unter Nr. o dagegen bei den gentes dolichocephalae 
prognathae. Die Tataren sind im 1. System unter die gentes brachj- 
oer)halae prognathae gereiht, während wir sie im 3. System unter 
die gentes brachycephalae orthognathae geordnet finden. 

Am meisten in Verwunderung setzen muss aber die im vierten 
System vorgenommene Eintheiluug eines und desselben Stammes, 
nämlich der Ungarn und der Türken unter zwei verschiedenen Rubriken, 
nämlich brachycephalae ortliognathae und brachycephalae prognathae, 
je nachdem die betreffenden Individuen Europa oder Asien angehören 
(vgl, Retzius, Ethnologische Schriften, pag. 142). 

Wie nun aus einer etwas genaueren Prüfung hervorgeht, steht 
dieses System gleich den andern von der naturwissenschaftlichen 
Seite ausschliesslich unternommenen mit mehreren Erfahrungen, 
welche der Sprachforscher und Ethnograph zu machen Gelegenheit 
haben, im Widerspruche (z. ß. ist die Abtrennung der Afghanen von 
den Persern und Indern für den Ethnologen ein Räthsel). Dieser 
Widerspruch rührt aber offenbar daher, dass einerseits dieses System 
kein genealogisches, sondern ein morphologisches ist, 
andererseits der Naturforscher die Geschichte des Menschen zu wenig 
zu Rathe gezogen und die geistig-sociale Seite desselben ganz über- 



13 

seilen, der Sprachforscher und Ethnoloo- dagegen die physist-lie .Seit(' 
des Menschen bisher fast gar keiner IJetrachtung gewürdigt haben. 

Soll nun auf diesem Gebiete ein Fortschritt überhaupt auge- 
bahnt werden, so ist eine Vereinigung dieser beiden Kichtungen 
notliweudig. Diesen AVeg habe ich bereits vor mehreren Jahren in 
dem von mir bearbeiteten ethnographischen Theile der .Keise der 
Fregatte Novara" *) einzuschlagen versucht und wurde meine dort 
aufgestellte Rassen-Eintheilung von dem Naturforscher Ernst Häckol 
im Geiste der Lehre Darwins in seiner .Natürlichen Schöpfungs- 
geschichte", IL Auflage, Berlin 1870, 8^ begründet. 

Die von E. Häckel im Anschluss an meine Forschungen auf- 
gestellte Eintheilung des Menschengeschlechtes nach Rassen und 
Völkern (oder wie Häckel von seinem Standpunkte es nennt. Arten 
und Rassen), stützt sich vornämlich auf die Beschaffenheit der Be- 
haarung und die Sprache, welche zwei Dinge viel constanter als 
die Schädelform sich zu vererben pflegen. Dabei ist jedoch die Be- 
trachtung der übrigen körperlichen und psychischen Eigenschaften, 
welche die Verschiedenheit der Ty]»eu innerhalb des jMonschen- 
geschlechtes begründen, nicht ausgeschlossen, sondern im Gegentheil 
genau berücksichtigt. 

Nach der Beschaftenheit der Kopfhaare zerfallen die Menschen 
zunächst in zwei grosse Abtheilungen, nämlich AVollhaarige (Ulotriches) 
und Schlichthaarige (Lissotriches). Während bei den erstereu das 
Haar bandartig abgeplattet und der Querschnitt desselben länglich 
rund irscheint, ist jedes Haar bei den letzteren cylindrisch und 
zeigt sich der Querschnitt desselben kreisrund. Sämmtliclie woll- 
haarigen Menschenrassen sind laogköpfig (dolichocephali) und schief- 
zähnig (prognatlii), zeigen also i-elativ die grösste Verwandtschaft 
mit dem Alfentypus. Sie wohnen alle auf der südlichen Erdhälfte 
bis zum Aequator und einige Grade über diesen hinauf. 

Innerhalb dieser zwei grossen Abtheilungen, nämlich: L AVoll- 
haarige, IL Schlichthaarige, ergeben sich nach der nähern Beschaffen- 
heit und dem Wachsthum des Haares beiderseits wieder zwei Unter- 
abtheilungen. Zunächst bei den Wollhaarigen: 1. Büschelhaarige 
(Lophocomi); 2. Vliesshaarige (Eriocomi). Bei den ersteren wachsen 
die Haare getrennt in einzelnen Büscheln, bei den letzteren dagegen 



*) Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde in den .Jalireii 
1857, 1858, 1859, Anthropologischer Theil. [>rittc Abtheiliing, Ethnograjdiie, 
Wien 1868, 4«. 



14 

L;leiL-hmässig über die gauze Kopfhaut vertheilt. — Die Schliclit- 
haarigeu zerfallen ebenso in zwei ünterabtheiluugeu , nämlich: 

I. Straffhaarige (Euthycomi): IL Lockeuhaarige (Enplocami). Während 
bei den ersteren das dunkle Haar glatt und straff herabhängt, fliesst 
liei den letzteren das schwarze oder blonde Haar in Locken herunter. 
]\rit dieser letzteren Eigenschaft ist ein mehr oder weniger kräftiger 
Bartwuchs verbunden, Avelcher den übrigen Abtheilungen entweder 
uanz mangelt oder nur schwach entwickelt ist. 

Diese zwei Abtheilungen mit ihren zwei Unterabtheiluugen 
umfassen 12 Kassen, welche folgendermassen sicli vertheilen : 

I. Wollhaarige. A. Büschelhaar ige: i. Hottentoteu. 

2. Papuas. 
B. Vliesshaar if/e: 3. Afrikanisclie Neger. 
4. Kaffern. 

II. Schlichthaarige. u4. Sfraffhaarige. i. Australier. 

2. Hyperboreer oder Ark- 
tiker. 

3. Amerikaner. 

4. Malayen. 

5. Mongolen. 
B. Lockenhaarige : l. Dravidas. 

2. Nubas. 

3. Mittelländer. 

Diese zwölf Rassen theilen sich wieder ihrerseits je nach der 
Spraclie und der auf dieser basirten geistigen Cultur in mehrere 
Volksstämme. Die Zahl dieser ist innerhalb der einzelnen Rassen 
verschieden; seltener kommt es vor, dass Sprache oder Volk und 
Rasse sich gegenseitig decken. 

Einen Volks- und Sprach-Ursprung setzen nur die Kaffern 
und Malayen unzweifelhaft voraus, und diese beiden Menschenrassen 
kann man in Bezug auf die in sie fallenden Völker als mouo- 
gl ottisch bezeichnen. 

Zweifelhaft ist dies bei den Papuas und den Australiern, da 
das Material, aus welchem der Forscher seine Schlüsse ziehen 
könnte, nicht derart vollständig ist, um dies mit Sicherheit thun 
zu können. 

Dagegen sind die übrigen acht Rassen, nämlich die Hotten- 
toteu. die afrikanischen Neger, die Hyperboreer, die Amerikaner, 
die Mongolen, die Dravidas, die Nubas und die Mittelländer poly- 
glottisch, d. h. sie setzen mehrere mit einander in gar 
keinen Verwandtschaftsverhältnissen stehende Sprach- 



15 



stänniii' \i>raib 



■;io /oir:ill('ii (hÜKT in t'iiie Keilio von VuUceni. 



welclio von einander vollkcninicii unabhängig sind. 

Dass von den Negern Afrikas und den Indianern Amerikas 
eine Unzalil von S|iracheD gesproclien wird und dass sie in eine beinalie 
uDglaubliclie .Menge von Völkern zerfalleji. dies ist ein Factum, 
welches durch das übereinstimmende Urtheil aller Missionäre und 
Keisenden über allen Zweifel erhaben ist. Und auch die Wissen- 
schaft war. trotz den ansehnliclien Hilfsmitteln, welche ihr zu Ge- 
bote gestellt waren, nicht im Stande, die p]inheit dieser Sprachen 
und Völker, so gerne sie es gethaii hätte, zu erweisen. 

Nach diesem stellt sich auf Grund des von uns vorgeschlagenen 
Eintheilungsprincipes folgende Uebersicht der Rassen und Völker, 
respective Sprachen, heraus: 

I. Wollhaarig'e 

S [I ra eil -.Stäuj in e. 



Rassen. 

A . BiiscJt dh (I a r ujc . 
1. Hottentoten. 



2. Papuas. 



7) . V 1 Irssji (I (t rif/c. 

1. Afrikanische 
Neger. 



1. Hotteiitoten- 
Spraclie. 

2. Buscliinaim- 
Sprachen. 

Pai)ua-Spraclioii. 



Sprach en. 



Nania. ! Kora. Cap-Dialekt. 

Sprachen der Buschmänner. 

Sprachen von Neu-Giiinea. 
der Aboriginer der Sunda- 
Inseln und der Philip- 
pinen. 



1. 3Iaude-Spraclien. Mandiugo. Banibara. Susu. 

Vei, Kono. Tere, Gbandi, 
Londoro, Mende. Gbese, 
'l'oma, Manu. 

2. AVolof-Spraohe. 

3. Felup-Spraclieii. Felup, Filham, Bola. Sarrar. 

Papel. Biafada, Pad- 
schade, Baga. Kalium. 
Temne , Bullom , Scher- 
bro. Kisi. 

4. ßid.schogo. 
.5. Banyum. 

6. Naln. 

7. Bulanda. 

8. Liniba. 

9. Landonia. 

10. Sonrhai. 

11. Hansa. 



16 



2. Kaffern. 



Sprach-S tämme. Spraclien. 

12. Bornu-Spraclien. K.inoii, Teda, Munio, 

Ngurn, Kaneni. 

13. Krn-Sprachen. Kru, Grebo. 

14. Ewe-Spraclieii. Ewc, Yoruba, Odsclii, Akra. 

15. Ibo-Sprachen. Ibo, Nupe. 

16. Mbafu. 

17. Mitsein. 

IS. Musgu-Si)raclien. Battiu ^hisgu. Logone. 

19. Bagirmi. 

20. Maba. 

21. Nil- Sprachen. I'avi. Diiikn. Nuer. Schüluk. 



Bantu- Spraclien. 



1. Oestliche (Trui>i)e. 

II. Katir - Siiraclien : Kaiir, 

Zulu ; 
/'. Zambesi-ISpi-achen: Spra- 

clie (lerBarotse. Bayeye. 

]\Iaschona ; 
r. Sprachen von Zanzibar: 

Kisuabeli, Kikamba. Ki- 

iiika. Kibiaii. 

2. Mittlere (iruppe. 

II. Setschuana (Sesuto. Sero- 

long. Sebbi|ii) ; 
h. Tokoza (Sin-acbe der Man- 

kolosi, Älatonga. Mahbv 

enga). 

3. Westliche Gruppe. 

11. Runda, Horero, Londa; 

h. Oongo, Mpongwe, Dikele, 

Isubn, Fernando Po. 



II. Schlichthaarige 
Rassen. 

A. Straffhaarige. 
1. Australier. 



Australische 
Sprachen. 



1. Nördliche Ah- 

tljcilnu^-. 

2. SiulUclie Ab- 

theilunj?. 

u. WL'stliclie Gruiipo. Spr. 

am Svan River und King 

Gcorg"s Sound; 
h. jMittlere Gruppe. Parn- 

kalbi S|ir. am IMuiray 



17 



sprach -Stä niino. 



2. Hyperboreer oder 
Arktiker. 



3. Amerikaner. 



ö jiraclioii. 

River uml an idcr Eu- 
counter Bay ; 
c. Oestliche Gruppe. Spr. 
am Lake Macquarie, an 
der Moreton Bay. Kanii- 
lavoi . Wiraturoi . Wail- 
wun, Kokai. Pikuuipul, 
Paianipa, Kingki . Tur- 
rupul, Tippil. 

3. Sprachen von 
Tasmanien. 



1. Ynkagiriscli. 

2. Korjakisch. 
Tschnktschlsch. 

3. Sprache v. Kam- 
tschatka und der 
Knrilier (Aino). 

4. Sprache der Jeni.s- 
sei-Ostjaken und 
Kotten. 

5. Sprache der Es- 
kimos. 

1. Kenai-Sprachen. 

2. Athapaskische 
Sprachen. 



3. Algonkiu-Sprach 

4. Irokesen-Sprach. 

5. Dakotah. 

6. Pani. 

7. Appalachische 
Spraclien. 

8. Sprachen der 
Nord Westküste. 

9. Oregon-Si)rachen. 



10, Si)rachen von 
Californien. 



Qualiboqua . Tlatskanai, 

Umqua, Hoopa. 

Sprache der Apachen, Nava- 

jos, Lipanes etc. 
Cree , Ottawa , Ojibway, 
Mikmak , Mohegan. 
Ouondago, Seneca, Oneida, 

Cayuga, Tuscarora. 



Müller, AUg. Ethnographie. 



Natchez. Muscogee, Chock- 
taw, Cherokee. 

Koloschiscli, Nootka. 
Atnah , Selisch , Chinook, 

Kalapuya, Wallawalla, 

Sahaptin. 

Cochimi, Pericu. 
■> 



18 

S p 1- a c h - S t ä in iii e. Ö p r a c li e n. 

11. Yiima-Si)i'aclien. 

12. Isolirte Sprachen 
von Sonora und 

Texas. Siiraclicu der PueLlos. 

13. Sprachen der Ein- 
geborenen 31exi- 
cos (isolirt). 

14. Aztekisclie Spr. Mexicanisch (Naliuatl), Öo- 

iiora-Spraclien. 

15. Maya-Spraclien. Maya, Iluasteca. 

16. Isolirte Sprachen 
Mittelanierikas 1111(1 
der Antillen. 

17. Caraibische 

Sprachen. Caraibiscli, Aiowakiscli. 

18. Tiipi-Sjirachen. 'i'ni''- Guarani. 

19. Andes-Sprachen 
(isolivt). 

20. Araukanisch. 

21. Gnaycnrn-Abi- 
ponisch. 

22. Puelche. 

23. Tehuel. 

24. Sprache der Pe- 
schäräli. 

25. Chibcha. 

26. Quichua-Sprach. {.^lüdiua. Ayiuaia. 

4. Malayeu. Malayo-polyncsische i. Melanesische 

Sprachen. Sprachen. 

Spraclie von Viti, Annatom, 
EiTüiuango, Tana, Malli- 
kolo, Lifu, Baladea, Bauro, 
Guadalcanar etc. 

2. Polynesische 
Sprachen. 

Samoa, Tonga, Maori. Tabi- 
tisch, Rarotonga. 

Ö])rache der Marquesas- 
luscbi, Hawaiisch. 

3. Malayische Spr. 

a. Tagala-Grup])c: 1. Spr. 
der Philippinen (Tagala, 
Bisaya , Panipanga, llo- 
cana, Bicol), 2. Spr. der 



19 



Sprach-Stämnie. 



Malagasi, 
Formosa. 



Sprachen. 

Marianen , 
4. Spr. von 

Malayo-javanische Grp. : 
Malayisch (mit niehreren 
Dialekten), Javanisch, 
Sundaisch , Maduresisch, 
Biigis. Mankasarisch, Al- 
furisch, Battak, Dayak. 



5. Slousrolen. 



1. Ural-altaisclie 
Sprachen. 



a. Saniojedisch (Yurakisch, 
Tawg}- , Ostj ak - Sanioje- 
disch, Jenisseiscli.Karaas- 
siuisch) ; 

b. Finnisch: l.Suomi, Lapp- 
ländisch . 2. Ostjakisch, 
Wogulisch , Magyarisch, 

3. Sirjänisch, Wotjakisch, 

4. Tscheremissisch, Mor- 
dwinisch ; 

c. Tatarisch : 1. Jakutisch, 
2. Türkisch . Tschuwa- 
stisch , 3. Nogaisch, Ku- 
mükisch, 4. Tschagataisch. 
Uigurisch , Turkmenisch, 

5. Kirgisisch; 

d. Mongolisch: 1. Oestliche 
Sprache , 2. westliche 
Sprache (Kalmükisch), 3. 
nördliche Sprache (Bur- 
jatisch) ; 

e. Tungusisch : 1. Mandschu, 
2. Lamutisch. 3. Tscha- 
pogirisch. 



2. Japanesisch. 

3. Koreanisch. 

4. Einsilbige Spr.*) «. 



Tübetisch , 
Spraclien ; 
Barmanisch 



Himalava- 



Rakhaing. 



Lohita-Sprachen. 



*) Die unter diesem Ausdrucke begriffenen Sprachen setzen wahrscheinlich nicht einen, 
sondern mehrere Ursprünge voraus. Ich habe diesen Ausdruck, der sich auf die äussere Form 
dieser Sprachen bezieht, deswegen beibehalten, weil der Gegenstand noch nicht so genau al.= die.s 
wünschenswerth wäre, untersucht worden ist. 

2* 



20 



Sprach-Stämme. 



B. Lockenhaarige. 
1. Dravidas. 



2. Nubas. 



3. Mittelländer. 



Spracheu. 

c. Siamesiscb, Khamti, Ta- 
laing, Khassia, Spr. der 
Miao-tse ; 

d. Annamitisch ; 

e. Chinesisch: 1. Kwan-hoa 
(Dialekt von Peking und 
Nanking), 2. Fukian, 3. 
Kwan-tung(Punti.Hakka) ■ 



1. Mimda-Sprachen. Sprache der Kolh. Ho, San- 

tal etc. 

2. Dravida-Sprach. Tamil. Telugu. Tulu, Kana- 

resisch, Malaj-alam, Spr. 
der Todas etc. 

3. Singhalesiscli. 

(Elu). 



1. Fula-Spraclien. 



2. Nuba-Spraclien. 

1. Baskiscli. 

2. Kaukasische 
Sprachen. *) 



3. Hamito-Semiti- 
sche Sprachen. 



Sprache der Fula- Länder 
(Futatoro . Futadschallo, 
jMasena. Borgu, Sakatu). 

Xubi, Dongolawi, Tumale, 
Koldagi; Kondschara. 

r«, Lesghisch, Awarisch, Ka- 
sikumükisch; 

b. Tscherkessisch, Ahcha- 
sisch ; 

c. Kistisch (Tusch); 

d. Georgisch, Lazisch. Min- 
grelisch, Suanisch. 

a. Hamitische Sprachen : 

1. Libysche Gruppe (Ta- 
jMascheq) ; 

2. Aethiopische Gruppe 
(Bedscha. Somali. Dan- 
kali, Galla); 

■i. Aegyptische Gruppe 
(Alt- und Neu-Aegyp- 
tisch) ; 



*) Es ist zweifelhaft, ob alle sogenannten kaukasischen Sprachen auf eine Ursprache 
zurückgehen. Es ist wahrscheinlich, dass die im Norden des Kaukasus von den im Süden des- 
selben gesprochenen Idiomen ganz verschieden sind ; möglich, dass in den ersteren selbst mehrere 
grundverschiedene Sprachstämme vorliegen. 



21 



Siiracli -y tiimnie. Sprachen. 

h. Semitische Sprachen: 

1. Nördl. Gruppe (Chal- 
däisch . Syrisch , He- 
bräisch. Saniaritaniscb, 
Phönicisch); 

2. Südl. Gruppe (Aethio- 
pisch mit Tigre und 
Amharisch,H™jarisch, 
Arabisch). 

4. Indogermanische «. Indische Gruppe: Alt- 
Sprachen, indisch, Pali, Prakrit; die 
neu indischen Sprachen 
(Bengali. Assami, Üriya. 
Nipali, Kaschmiri. Sindhi, 
Pandschabi . Hindustani. 
Gudscharati , Marathi) ; 
Sprache der Sijaposch, der 
Dardu - Stämme und der 
Zigeuner. 

h. Eranische Gruppe: 

1. Altpersisch , Peblewi, 
Parsi, Neupersisch (mit 
seinen Dialekten) Kur- 
disch, Balutschi; 

2. Zend, Afghanisch ; 

3. Ossetisch; 

4. Armenisch. 

c. Keltische Gruppe: Welsli, 
Gaelisch. 

d. Italische Gruppe: Etrus- 
kisch (?), Unibrlsch, Os- 
kisch. Lateinisch, mit den 
romanischen Sprachen : 
Italiejiisch. Spanisch, Por- 
tugiesisch , Französisch, 
Rhät. -Romanisch, Wa- 
lachisch. 

«. Thraco-illyrisclie Gruppe: 
Albanesisch. 

/. Griechische Grupi^ie: Alt- 
griechisch, Neugriechisch. 

y. Letto-slavische Gruppe: 

1. Slavische Sprachen: 

Altslavisch, Bulgarisch, 



22 

S p r a c h e ii. 

Serbiscli , Slovenisch, 
Eussisch , Polabiscb. 
Böhmisch, Polnisch. 
2. Altpreussisch , Litau- 
isch, Lettisch. 
//. Gerruanische Gruppe: 

1. Skandinavische Spra- 
chen : Altnordisch, 
Schwedisch . Norwe- 
gisch , Dänisch; 

2. Gerruanische Sprachen: 
Gotisch. Hoch-Deutsch 
(Alt-. Mittel-, Neu-), 
Nieder-Deutsch (Alt-. 
Mittel-, Neu-). Angel- 
sächsisch. Englisch. 
Friesisch, Niederlän- 
disch. 

§. ö. 

Werth der Mensclieiirassen iiiiierliall) der naturwissenseliaft- 

lichen Systematik. 

Diese Frage bedeutet so viel als: ..bilden die Menschenrassen 
eine oder mehrere Species?" Dieselbe wurde von den Natur- 
forschern und Anthropologen bald in diesem, bald in jenem Sinne 
entschieden, und es lassen sich sowohl für die eine als auch für die 
andere Ansicht plausible Gründe anführen. Darwin kommt in seinem 
neuesten Werke: „Die Abstammung de.s Menschen", I. T.tO, auch 
auf die Erörterung dieser Frage und bringt die beiderseitigen Gründe 
in kurzem vor. Für die Ansicht, dass die menschlichen Rassen 
mehrere Species repräsentireu (eine Ansicht, welclie auch 
Haeckel theilt), sprechen die Verschiedenheit des Tyinis und 
seine Beständigkeit (vergl. weiter unten), die geographische 
Verbreitung der Rassen nach eigenen Zonen und die gänz- 
liche Verschiedenheit der auf ihnen wohnenden Schmarozer 
(Darwin I, 190—198); dagegen sind die Gründe für die Ansicht, 
der Mensch repräsentire nur eine Species, namentlich folgende: 
Die einzelnen menschlichen Rassen lassen unter einander eine voll- 
kommene und fruchtbare Vermischung zu, wie man namentlich in 
Mittel- und Süd-Auierika sieht, wo drei verschiedene Rassen (Ameri- 
kaner, Neger, jMittelUiuder) zur Constituirung der Mehrzalil der 



23 

lieutigen Bovölkoruiig boigotrag-on luiltcii. Zweitens ist die Variabi- 
lität der verschiedenen von den Aiitiiropologen angeführten Rassen- 
charaetere sehr gross, so dass sich zwischen den einzelnen Rassen 
immer gewisse Mittelt'ormen nachweisen lassen. Ein Beweis für 
die Schwierigkeit gerade dieses Punktes sind die Ansichten über 
die Anzahl der Rassen, welche, wie man weiss, zwischen zwei nnd 
dreinndsechzig schwankt (Darwin I, 198 — 201). Darwin entscheidet 
sich für die Ansicht, dass der Mensch nur eine Species bilde 
und die Rassen den Werth von Sub-Species haben (I, 201), welche 
wir für die richtigste halten nnd im Nachfolgenden durch Thatsachen 
zu erhärten suchen werden.*) 



r)ildote der Meiiscli vom Aiifaug an mehrere distiiicte, 
oder l>los eine Kasse? 

Die Antwort auf diese Frage ist bereits durch uusern Stand- 
punkt gegeben, welchen wir im Vorhergehenden angedeutet haben. 
Nachdem wir uns für die Einheit des "Menschen als Species aus- 
gesprochen und die einzelnen Rassen als Sub-Species bezeichnet, 
lerner auch die allmälige Entstehung der Arten mit Darwin ange- 
nommen haben , müssen wir uns auch folgerecht zur Ansicht einer 
allmäligeu Entwicklung der menschlichen Rassen aus einer ihnen 
zu Grunde liegenden Urform bekennen. Dies ist auch die Ansicht 
Haeckels, welcher in seiner „Natürlichen Schöpfungsgeschichte", 
Seite 620, G21. die verschiedeneu Rassen auf eine Stammart, den 
sogenannten sprachlosen Urmenschen (Homo primigenius 
alalus) zurückführt. „Aus dieser Stammart entwickelten sich durch 
natürliche Züchtung verschiedene uns unbekannte, jetzt 
längst ausgestorbene Menschenrassen. Von diesen wurden 
zwei, eine wollhaarige und eine schlichthaarige, welche 
"am stärksten divergirten und daher im Kampfe ums Dasein über 
die anderen den Sieg davon trugen, die Stammformen der 
heutigen Menschenrassen." 

Nach den weiter unten (§. 9) zur Erledigung kommenden, 
Problemen dürfte unserer Ansicht gemäss die erstere, wollhaarige 



*) Vergl. auch Pricliard. Naturgeschichte des Menschengeschlechtes, 
von Riululpli Wagner, I, 1:^. .Zusatz über die Bastardzeugung und einen 
physiologischen Beweis, dass alle ^lensclicnrassen nur eine Art (Species) bilden. 



24 

Stammform im Süden, wahrscheinlich in Afrika, die letztere, schlicht- 
haarige Stammform dagegen im Norden, in Europa und Asien, zur 
vollständigen Entwicklung gelangt sein. Nach und nach trennten 
sich auch die beiden Stammformen in je zwei Abtheilungen und 
diese wiederum in mehrere Eassen, deren successive Ablösung die 
nebenstehende Tabelle veranschaulicht. 

Alle diese im Vorhergehenden ausgesprochenen Ansichten lassen 
sich mehr oder weniger durch Belege aus der Naturgeschichte des 
Menschen bestätigen. Dass den verschiedenen Rassen in letzter Instanz 
eine Stammform zu Grunde liegt, dies beweist namentlich der 
Umstand, dass die einzelnen Rassencharaktere in der Regel erst nach 
erlangter Pubertät an den einzelnen Individuen deutlich hervortreten. 
So zeigen der Chinese und der Javane, welche zwei verschiedenen Rassen 
angehören, in der Jugend mit dem Mittelländer grosse Aehnlichkeit, 
und können manchmal selbst nach unsern Begriffen hübsch genannt 
werden. Dagegen treten mit zunehmendem Alter die Rassenmerkmale 
immer mehr und mehr hervor. Die Rassenverschiedenheiten sollen 
am kindlichen Schädel überhaupt nicht nachweisbar sein. (Darwin, 
Die Abstammung des Menschen, II, 278.) Auch die Farbe der 
Haut tritt bei den einzelnen Rassen-Individuen nach und nach zum 
Vorschein. Die Negerkinder sind Anfangs röthlich-nussbraun, dann 
schiefergrau, erst später, nach einem bis drei Jahren, werden sie 
völlig schwarz. Das Kind des Australiers ist Anfangs gelblich-braun 
und wird nach und nach dunkel -kaffeebraun. Die Kinder der 
Guaranis in Süd-Amerika sind Anfangs weiss-gelb, erst nach und 
nach nehmen sie die gelblich-braune Farbe an. (Darwin a. a. 0. 
IL 278.) 

§. 7. 

Leber den Ursprung des Meusclieii. =^ ) 

Wenn wir die uns umgebenden Wesen in ihrer wunderbaren 
Mannichfaltigkeit betrachten und uns die Frage nach dem Ursprünge 
derselben vorlegen, so sind, wenn wir nach den aus unserer 
Erfahrung über die Kräfte der Natur gewonnenen Begriffen 
urtheilen, nur folgende zwei Antworten möglich : 



*) Darwin, Charles. Die Abstammung des Menschen und die ge- 
schlechtliche Zuchtwahl, übersetzt von V. Carus . Stuttgart 1871, S", 2 voll. 
Wagner, Moritz. Neue Beiträge zu den Streitfragen des Darwinismus. 
(Ausland 1871, Nr. 13, 14, 15, 23, 24, 37, 38, 39, 40, 45, 46). 



25 






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26 

1. entweder sind alle Wesen auf einmal aus anorganischen 
Stoffen durch eine schaffende Kraft hervorgegangen, oder 

2. es sind blos die einfachsten derselben durch eine 
schaffende Kraft hervorgebracht worden, und haben sich die anderen, 
complicirteren , nach und nach aus diesen einfachsten Wesen 
entwickelt. 

Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass beide Annahmen zwei 
nicht leicht zu lösende Schwierigkeiten enthalten. Erstens ist die 
Entstehung organischer Wesen, auch der niedrigsten und ein- 
fachsten, aus anorganischen Stoffen von Niemandem zweifellos und 
sicher beobachtet und nachgewiesen worden, und zweitens war es 
der Wissenschaft bisher nicht möglich, die Umbildung einer 
Species in eine andere mit jener Präcision festzustellen, als dies bei 
derft Umstände, dass die Evolutionstheorie von diesem Satze wie 
von einem von der gesunden Vernunft postulirten Fundamentalaxiom 
ausgeht, wünschenswerth gewesen wäre. Die vorweltliche Fauna, 
welche in ihren Arten von der jetzigen ganz verschieden ist, bleibt 
sich, gleich den letzteren, durch gewisse Perioden so ziemlich con- 
stant und man hat bis jetzt jene Uebergänge innerhalb derselben 
noch nicht zu entdecken vermocht, welche von der Transmutations- 
lehre für die gegenwärtige Fauna angenommen werden. 

Trotzdem hat von den beiden Annahmen, nämlich der gleich- 
zeitigen Schöpfung und der s u c c e s s i v e n Entwicklung der Wesen 
die zweite einerseits eine grössere innere Wahrscheinlichkeit, 
andererseits wird nur sie von der Geologie bestätigt. 

Die Schichten der Erdoberfläche , insofern sie Sedimentgesteine, 
d. h. durch die Kräfte des Wassers flüssig gewordene und dann 
wieder abgesetzte Gesteine darstellen, enthalten die Zeugen eines 
früheren Lebens in sich begraben, und gel)en uns von der Be- 
schaffenheit desselben sicheren Aufschluss. *) 

Nun zeigen uns ven diesen Schichten die ältesten, was die 
Flora anlangt, zuerst die einfachsten Formen derselben, nämlich 
Algen, Tange, Farren; später erst treten uns die Cycadeen und 
Coniferen entgegen, noch später die Monocotyledonen, ganz zuletzt 
endlicli die Dieotyledonen. Dasselbe stufenweise Auftreten zeigt 

■^■) Nutürliclio Geschichte der Scliöpfuiig des Weltalls , der Erde und der 
aul" ihr hetindlichen Organismen, begründet auf die durch die Wissenschaft er- 
rungenen Thatsachen. Aus dem Englischen nach der sechsten Auflage von 
Carl Vogt. Zweite verbesserte Auflage, Braunsclnveig 1858, 8". 



27 

sich iuicb in der Thierwelt, Zuerst iu der sogenannten siluri- 
selieu Formation begegnen wir nur Strahlthieren (Kadiata) und 
Weichthieren (Mollusca), nämlich: Polypen, Trilobiten, Pteropoden, 
Gasteropoden, Cephalopoden, Spätere Schichten, die Schichten der 
sogenannten devonischen Formation, zeigen uns Fische (Ga- 
uoiden und Placoiden.) First die weiteren Schichten der sogenannten 
p e r m i s c h e n und T r i a s - F o r m a t i o n ])ieten uns Reptilien. Die 
Vögel und Säugethiere treten verhältnissmässig sehr spät — erst 
während der Kreidezeit und der tertiären Formation auf. 
Dabei ist überall vom Menschen, dem entwickeisten aller Organis- 
men, nicht die mindeste Spur vorhanden. 

Abgesehen von dieser Stutenreihe der Organismen, vom niedrig- 
sten zum höheren und höchsten, wie sie aus der Untersuchung der 
f^rdrinde mit Sicherheit erschlossen werden kann, treffen wir, je 
weiter wir von unten nach aufwärts steigen, eine immer grössere 
Aehnlichkeit und üebereinstimmung der Flora und Fauna der Vor- 
w^elt mit den jetzigen an. Umgekehrt weichen Fauna und Flora, 
je älter sie sind, desto mehr von den jetzigen ab. 

Bei dieser theilweisen Aehnlichkeit und Üebereinstimmung, 
w^elche die vorweltlichen Wesen in den höheren Schichten mit den 
jetzt lebenden zeigen, ist dennoch keine einzige der jetzt lebenden 
Species mit einer verweltlichen etwa identisch, sondern beide sind 
von einander verschieden. So sind die riesigen Farren der Vorwelt 
nicht die zum grössten Theile unansehnlichen Farren der Jetztzeit; 
ebenso sind die Fische der Jetztzeit nicht mit den schon im äusseren 
Aussehen verschiedeneu Fischen der Vorwelt zu identificiren. 

Aus diesem allem geht deutlich hervor, dass keines der 
"Wesen, welche wir kennen, in derselben Form, in Avelcher 
es uns jetzt entgegentritt, immer existirt hat, sundern dass 
vielmehr ein jedes Wesen das Product eines langen Ent- 
wickln u g s p r o c e s s e s ist. 

Können wir den Menschen, das nach den Lehren der 
Geologie jü ngste Wesen, von diesem natürlichen Entwicklungs- 
gange aller Dinge ausnehmen? Nein und abermals nein! und 
mögen sich angeborene und anerzogene Vorurtheile dagegen 
sträuben, auch der Mensch, als letztes Glied der unendlichen Ent- 
wicklungkette muss an ein ihm zunächst stehendes Wesen sich an- 
lehnen, aus welchem er nach und nach sich entwickelt hat. So 
wenigstens fordert es die denkende Betrachtung der Dinge im All- 
gemeinen und der geologischen Thatsachen im Resonderen, wenn 



28 

auch der stricte w i s s e n s c h a f 1 1 i c h e Beweis nie wird voll- 
ständig geführt werden können, da die Mittelglieder, auf denen er 
beruhen müsste, uns fehlen. 

Mehrere Forscher, die unerschrocken die Schlüsse aus den 
ihnen entgegentretenden Thatsachen zu ziehen gewohnt sind, unbe- 
kümmert um die Einsprache fremder, der Wissenschaft fern stehen- 
der Stimmen, haben in der neusten Zeit die Ansicht ausgesprochen, 
dass jenes Wesen, an welches der Mensch sich anlehnt, aus dem 
er nacli und nach sich entwickelt hat, im Affen gesucht werden 
müsse. Unter diesem Affen, der bald zum Schibboleth der Zeloten 
aller Confessionen geworden , haben aber diese Männer keineswegs, 
wie man ihnen in die Schuhe geschoben, den heutigen Affen 
verstanden, auch nicht die in den jüngsten vorweltlichen Schichten 
erhaltene Aftenspecies , sondern eine Aiel — viel ältere Form,*) 
Und es klingt in der That nicht gar so widersinnig, als gemein- 
samen Stammvater des Menschen und Affen eine Urform anzunehmen, 
von welcher der Mensch den Fortschritt, der jetzige Affe da- 
gegen den R ü c k s c h r i 1 1 und das Verharren repräsentirt. Ueber- 
haupt darf aber diese Frage, falls man sich mit ihr beschäftigt, 
nicht vom idealen Standpunkte zerpflückt, sondern muss vom rein 
wissenschaftlichen Standpunkte mit Ernst erwogen werden. Man 
stelle sich nur vor, in welche Wuth ein neugebackener Edelmann 
verfällt, wenn man ihn an seine bürgerliche oder gar bäuerliche 
Abstammung erinnert, und bedenke nur, was ein auf seine Ab- 
stammung stolzer blaublütiger Edelmann wohl sagen würde, wenn 
man ihm bemerkte, er und der im Kothe sich wälzende von Unflath 
starrende Bettler seien eines Ursprungs. Und was für ein edles 
Wesen ist nicht dieser unser Bettler gegen den jetzigen Australier und 
Hottentoten? Und auf welcher hohen Stufe befinden sich diese 
beiden gegenüber ihren vor tausend und abermals tausend Jahren 
heimgegangenen Stammvätern, denen das bischen Menschenthum, 
das in ihnen steckt, noch fehlte! 

Wir können nicht umhin, die Worte Darwins, womit er sein 
schönes Werk schliesst (II, S. 350), herzusetzen: 



*) So bemerkt Darwin (Die Abstainniuiig des Mensclieii I, 173j ausdrück- 
lich : „Wir dürfen aber nicht in den Irrthum verfallen, etwa anzunehmen, dass 
der frülie Urzeuger des ganzen Staniuies der Siuiiaden . mit Einschluss des 
Menschen, jiiit irgend einem jetzt existirenden Arten identisch oder 
iiim auch nur ^ehr ähnlich war." 



29 

.,Das Erstauuen, welclies ich empfand, als ich 7Aierst eine 
Truppe Feuerländer an einer wilden, zerklüfteten Küste sah, werde 
ich niemals vergessen; denn der Gedanke schoss mir sofort durcli 
den Sinn: so Avareu nnsere Vorfahren. Diese ]\Ienschen waren ab- 
solut nackt und mit Farbe bedeckt, ihr langes Haar war verschlun- 
gen, ihr Mund vor Aufregung begeifert und ihr Ausdruck wild, 
verwundert und misstrauisch. Sie besassen kaum irgend welche 
Kunstfertigkeit und lebten wie wilde Thiere von dem , was sie 
fangen konnten. Sie hatten keine Regierung und waren gegen jeden, 
der nicht von ihrem Stamme war, ohne Erbarmen. Wer einen 
Wilden in seinem Heimathlande gesehen hat, wird sich nicht sehr 
schämen, wenn er zu der Anerkennung gezwungen wird , dass das 
Blut noch niedrigerer Wesen in seinen Adern fliesst. Was mich 
betrifft, so möchte ich eben so gern von jenem heroischen kleineu 
Affen abstammen, welcher seinem gefürchteten Feinde trotzte, um 
das Leben seines Wärters zu retten, oder von jenem alten Pavian, 
welcher von den Hügeln herabsteigend im Triumphe seineu jungen 
Kameraden aus einer Menge erstaunter Hunde herausführte — als 
von einem Wilden, welcher ein Entzücken an den Martern seiner 
Feinde fühlt, blutige Opfer darbringt, Kindesmord ohne Gewissens- 
bisse begeht, seine Frauen wie Sclaven behandelt, keine Züchtigkeit 
kennt uud von dem gröbsten Aberglauben beherrscht wird." 

§. 8. 

Ueher das mutmassliclie Alter des Menschen als Rassen- nnd 

Volks - Individuum. 

Wenn wir nach dem Alter des Menschen fragen, so bieten 
sich uns zwei Wege, um das ungefähre Mass der Zeit, welche wir 
für dasselbe in Anspruch nehmen können, zu bestimmen. 

Zuerst haben wir in einzelnen Werken seiner Kuustthätigkeit 
ganz unverdächtige Zeugen , die uns von seiner Existenz als eines 
über dem Thiere hoch erhabeueu, nach bestimmten Zwecken thätigeu 
Wesens Nachricht geben.*) — Dieselben bestehen in Werkzeugen 
und Waffen, deren sich der Mensch zur Erlangung seiner Lebens- 
bedürfnisse, Bereitung seiner Geräthschaften oder zum Schutze 
gegen die ihm au Grösse und Kraft überlegenen Thiere bediente. 



*) Lubbock, John, Prehistoric tiiues as illustrJited by ancient remains, 
and the manners and custonis of modern savages: III edition, London 1872, 8". 



30 

Diese Instrumente sind aus Stein oder Knochen verfertigt und 
veiTatheu in ihrer Ausführung in der Regel eine mühsame und von 
nicht unbedeutendem Erfindungsgeiste zeugende Bearbeitung. Die 
Abschätzung ihres Alters lässt sich freilich nicht mit jener Genauig- 
keit und Sicherheit vornehmen, als dies im Interesse der Frage 
wünschenswerth wäre und als manche zu Schlüssen und H3-pothesen 
allzusehr geneigten Forscher uns glauben machen möchten. Trotz- 
dem lässt sich aber eine gewisse Anzahl von Jahrtausenden als 
]\Iinimum nach den unter unseren Augen bei Naturvölkern vor sich 
gehenden Entwicklungen feststellen. 

Dieselben Entwicklungsphasen, die wir auf dem Boden des 
uns vor allen bekannten Welttheils Europa annehmen, müssen auch 
bei den ältesten Culturvölkern, z. B. den Aegvptern , den Semiten, 
vorausgesetzt werden, umsomehr, als sich der Gebrauch steinerner 
Werkzeuge, freilich aber nur zu gottesdienstlicheu Zwecken, bei ihnen 
nachweisen lässt. Es müssen daher einmal auch jene Völker, deren 
Geschichte sich ins graueste Alterthum verliert , vor Beginn ihrer 
Geschichte auf einer Culturstufe gestanden haben, wo das Feuer- 
steinmesser und das polirte Steinbeil den ganzen Reichthum ihrer 
Werkzeuge ausmachte. 

Das Stein- und das K n o c h e n i n s t r u m e n t sind aber nicht die 
letzten, auf welche wir, die Entwicklungsgeschichte der mensch- 
lichen Cultur zurückverfolgend, gelangen, sondern hinter den- 
selben muss , nach den an den heutigen Naturvölkern gewonnenen 
Erfahrungen, das Holzinstrument gesucht werden. Und auch 
dieses zeigt uns noch nicht den Beginn der menschlichen Cultur, 
sondern hinter dem Holzinstrument liegt noch der zufällig aufge- 
lesene Stein, das zufällig gefundene oder abgebrochene Stück Holz. 

Welch eine Zeit mag vergangen sein, von jenem Punkte an, 
wo der Mensch ausschliesslich von der sich ihm zufällig darbietenden 
Nahrung lebte, bis zu jenem Punkte, wo er den Stein aufhob, das 
Holz abbrach , um sich mit ihnen die Nahrung zu suchen I — Da 
erst begann der eigentliche Kampf ums Dasein, aus dem der Mensch, 
auf dem also betretenen Pfade fortschreitend, als endlicher Sieger 
hervorgehen sollte. 

Welch ein riesiger Fortschritt war darin gelegen, als der 
Mensch begann , den rohen Knüttel zum zweckmässigen Instrument 
zu bearbeiten, den Stein zur schneidenden und stechenden Waffe 
zu formen! — Welche Gedanken-Entwicklung war dazu nothwendig! 
— Welch ein Zeitraum gehörte dazu, um den Menschen, der auf 



31 

seine eigene Er/iehung angewiesen war, auf diese Höht' liinauf- 
zulieben I 

Neben dieser auf der denkenden Betrachtung der alten Cultur- 
überreste des Menschen und der Zustände der heutigen Naturvölker 
beruhenden Methode zur ungefähren Bestimmung des Alters des 
Menschengeschlechtes, lässt sich auch auf einem anderen Wege, dem 
historisch-ethnologischen, das Alter des Menschen annähernd be- 
rechnen. 

Dies geschieht füglich am sichersten , indem wir an die Ge- 
schichte eines alten Culturvolkes, dessen Ursprünge weit zurück- 
reichen, und dessen Denkmäler das vollste Vertrauen verdienen, an- 
knüpfen. Unter allen Völkern, die wir kennen, ist es das ägyptrsche, 
welches die beiden von uns angegebenen Bedingungen erfüllt. 

Die Anfänge der ägyptischen Staatenbildung unter einem 
königliclien Oberhaupte gehen mindestens auf das Jahr 3000, 
höchstens auf 6000, am wahrscheinlichsten aber auf das 
Jahr 4455 (nach Brugscli) vor Beginn unserer Zeitrechnung zurück. 
Um diese Zeit dürfte das älteste ägj'ptische Eeich , das Keich von 
This, im oberen Nilthal, unter Menes sich gebildet haben. 

Nun bilden aber die Völker monarchische Einheitsstaaten, die 
nicht auf Eroberungen, sondern auf einer hoch entwickelten Cultur 
beruhen, wie der ägyptische Staat es Avar, nicht im Zustande roher 
Barbarei, sondern in einem Zustande, der eine lange Entwicklungs- 
gesoliielite voraussetzt. Wir werden daher nicht irren, wenn wir 
im Hinblick auf das moderne Europa, welches trotzdem, dass ihm 
Griechen und Kömer vorgearbeitet hatten , lange brauchte , um aus 
der Barbarei des Mittelalters sich herauszuarbeiten, mindestens 
1000 Jahre für den Zeitraum der ältesten, vorhistorischen Cultur 
der Aegypter, während welcher Zeit sie nach ihrer Sage von Göttern 
regiert wurden, annehmen , mithin die Aegypter als Volk bereits 
auf das Jahr 5500 vor Beginn unserer Zeitrechnung ansetzen. 

Nun sind aber die Aegypter keine A u t o c h t h o n e n des 
Nilthaies, sondern sind, wie sich beweisen lässt, aus Asien dort 
eingewandert. Sie gehören nämlich zur sogenannten mittel- 
ländischen Rasse und bilden mit mehreren Völkern im Norden 
Afrikas (den Berbern, den nun ausgestorbenen Guancheu, den 
Bedschas, den Somalis, den Dankalis, den Gallas) einen eigenen 
Stamm, den man heutzutage mit dem Ausdrucke des h a m i t i s eben 
bezeichnet. Die Sprachen dieser hamitischen Völker sind mit ein- 
ander aufs Innigste verwandt; sie lassen sich vermöge der Ursprung- 



,32 

liehen Einheit ihrer Form nur als Abkömmlinge einer in 
ihnen aufgegangenen Ursprache begreifen. 

Was nun diese hamitische Ursprache betrifft, die eben aus 
den vorhandenen hamitisohen Sprachen erschlossen Averden kann, so 
i^eigt sie eine innige Verwandtschaft mit den semitischen 
Sprachen und es ist, nachdem eine ursprüngliche Rasseu- 
und Sprach -Einheit vorausgesetzt werden kann, nothweudig an- 
zunehmen, dass eine ursprüngliche Einheit der Semiten und 
Hamiten obgewaltet habe, und dass beide Stämme in grauer Vor- 
zeit sich von einander abgetrennt und dann jeder für sich ganz 
eigentliümlich sich entwickelt haben. 

Als Urheimath der Semiten gilt mit Recht das Hochland im 
Norden Erans, das Land um den Oxus und Jaxartes, jene Gegend, 
iu welche die hebräische Sage den Garten Eden verlegt. Dahin 
deuten auch die Wanderungen der verschiedenen semitischen Stämme, 
namentlich der Hebräer, deren Patriarchen nach der Sage von 
Norden her eingewandert sein sollen. 

Nachdem nun, wie wir oben bemerkten, die Hamiten mit den 
Semiten ursprünglich ein Volk gebildet und eine Sprache ge- 
sprochen haben, so müssen Avir auch annehmen, dass es einmal eine 
Zeit gegeben habe, wo beide in ungetrennter Einheit im 
Norden Erans sassen. Von da aus sind zuerst die Hamiten, später 
die Semiten nach dem Süden gezogen. Von den ausgeAvanderten 
Hamiten müssen die Aeg3'pter die letzten gCAvesen sein, nachdem 
wir sie hart an der SchAvelle Asiens ansässig finden. Die Ein- 
Avanderung der mit ihnen verAvandten übrigen hamitischen Völker, 
Avelche alle den Norden und Nordosten Afrikas beAvohnen, muss 
lange vor der Ansiedelung der Aegypter im Niltlial stattgefunden 
haben. 

Naclidem Avir nun oben bemerkt haben, dass die Anfänge 
der ägyptischen Cultur, Avelche eben mit der Besonderung der 
Aegypter als Volk zusammenfallen, etAva in das Jahr 5500 vor 
Beginn unserer Zeitrechnung A'ersetzt Averden dürften, so begehen 
Avir gCAviss keinen Irrthum , Avenn Avir für den Zeitraum , Avelcher 
von der AusAvanderung der Hamiten bis zur vollständigen Ansiede- 
lung aller hamitischen Völker im Norden Afrikas reicht, die Länge 
von mindestens 1000 Jahren annehmen, und die AusAvanderung der 
Hamiten selbst in das Jahr 6500 v. Chr. versetzen. 

Es erscheint somit Avenigstens das Jahr 6500 vor Beginn 
unserer Zeitrechnung als jener Zeitpunkt, avo Avir von einem hamito- 



33 

semitisclion Urvolko im Norden Erans reden können. Dieses liamito- 
semitisclie Urvtdk ist aber ein Zweig der mittellilndisclien liasse, 
zu ^Yelcller bekanutlicli neben ihm noch drei andere Stämme, näm- 
lich der indogermanische, der kaukasische und der baskische gehören. 
Die Sprachen aller dieser vier Stämme sind jedoch , wie von den 
competenten Sprachforschern allgemein angenommen wird, mit ein- 
ander nicht verwandt. 

Wenn wir nun sehen, dass die mittelländische Kasse vier mit 
• 'inander in keinem verwandtschaftlichen Verhältnisse stehende Volks- 
-^tämme umfasst, so liegt der Schluss nahe, dass, nachdem man jede 
Sprache auf eine Gesellschaft zurückführen muss, die eine Rasse 
nach und nach in vier Gesellschaften zerfiel, deren jede selbständig 
ihre Sprache sich schuf. Eine weitere Folgerung ist die, dass der 
Kasse als solcher keine Sprache zukommt, indem ja, wenn dies der 
Fall wäre, Rasse und Sprache sich gegenseitig decken müssten, was 
nicht der Fall ist. 

Wir müssen also annehmen, dass dem Menschen damals, als 
die verschiedenen Völker der mittelländischen Rasse eine Einheit 
bildeten, damals, wo der Mensch keinem Volke , sondern nur einer 
liasse angehörte, die Sprache noch gänzlich gefehlt habe. 

Welch eine Zeit mag nun von dem Augenblicke, wo sich Ge- 
sellschaften bildeten, denen die menschliche Sjjrache noch fehlte, 
bis zu dem Punkte, wo die Nachkommen dieser Wesen als Mit- 
glieder eines bestimmten, durch die Sprache unter einander ver- 
bundenen und von den anderen geschiedenen Volkes auftraten, 
verflossen sein? Welch ein Zeitraum war wohl erforderlich, um 
aus den einfachen Tönen, welche der Brust der ersten sprachbildenden 
Menschen entquollen, ein so kunstvolles Gebilde zu schaffen , wie es 
die hamitischen, semitischen und indogermanischen Sprachen sind ? — 

Gewiss war dieser Zeitraum im Vergleich /u den anderen ein 
enorm grosser und wir können seinen Umfang nur annäherud 
bezeichnen, wenn wir etwa die Zahl von 3000 Jahren für ihn sub- 
stituiren. Rechnen wir nun diese 3000 Jahre zu den oben bereits 
gefundenen C500 Jahren, so gewinnen wir die Summe von 9 — 10,000 
Jahren, welche uns etwa den Zeitraum bezeichnen, innerhalb dessen" 
die Völker der mittelländischen Rasse bis zum Anfange unserer 
Zeitrechnung aus dem Zustande thierischer Rohheit zu der Höhe 
menschlicher Gesittung sich emporgearbeitet haben. 

Nach dieser ungefähren Berechnung, die von uns gewiss mit 
der allergrössten Vorsicht und Aeugstlichkeit angestellt worden ist, 

llüUer, Ailg. Ethuograpliie. 3 



34 

bestand also 9000—10,000 Jahre v. Clir. oder etwa 12,000 Jahre 
vor dem heutigen Tage bereits eine mittelländische Rasse. Es fragt 
sich nun weiter, wie verhält sich die mittelländische Rasse zmu 
Menschen überhaupt, d. h. zu den übrigen, mit ihr parallel laufenden 
Rassen? Nach dem von uns über die Beständigkeit der Rassen 
Bemerkten, zusammeugeuommeu mit dem Gesetze der Entwicklung 
aller lebendigen Organismen, ist es nun keinem Zweifel unterworfen, 
dass die Entwicklung der Rassen aus einem Urtypus eines unge- 
heuren Zeitraumes bedurfte. Gewiss muss dieser Zeitraum gegen- 
über der kurzen Spanne Zeit von 12,000 Jahren, welche wir für die 
Entwicklung des Menschen aus dem Individuum einer sich bildenden 
und die Sprache schaftenden Gesellschaft, eines Volkes, bis zum 
Punkte der heutigen Culturstufe angenommen haben, gewiss muss 
dieser Zeitraum gegenüber jener kurzen Spanne Zeit enorm gross 
gewesen sein, den wir also nicht nach einfachen Tausenden, 
sondern nach Z e h n t a u s e n d e n oder Hunderttauseuden von 
Jahren berechnen müssen. 

Und was ist endlich der Zeitraum von mehreren Zehntausenden 
oder Hunderttausenden von Jahren, welchen der Mensch brauchte, 
um sich aus der einen Species zu den vielen Varietäten zu difierenzireu, 
von denen die heutigen Rassen nur schwache Reste sein dürften, 
was ist dieser , für unsere Vorstellung grosse , aber für die Ent- 
wicklung" der Natur-Organismen ganz geringe Zeitraum gegen jene 
unabsehbare Periode, innerhalb welcher der Mensch von der ihm zu- 
nächst stehenden Gruppe der Wesen sich lostrennte, um die physische 
Grundlage für seine dereiustige geistige Entwicklung vorzubereiten? 

§. 9. 
Ueber die Urheimtitli des Menschen. 

Die Frage über die ürheimath des Menschen ist oft aufge- 
worfen und in verschiedenem Sinne beantwortet worden. Ohne uns 
auf eine Aufzählung und kritische Beleuchtung aller Antworten ein- 
zulassen, da sie für die Beantwortung dieser Frage im Geiste der 
modernen Forschung Avenig Werth besitzen, bemerken wir nur so 
viel, dass die Antwort auf die obige Frage eine doppelte sein 
kann, je naclidem man die Rassen als Modif icationen einer 
Species oder als verschiedene Species annimmt. 

Entscheidet mau sich für die letztere Annalime, und hält zu- 
gleich an der, Unwandelbarkeit der Species fest, so kann von einer 



35 

Urheimatli natürlich nicht die Rede sein, während dagegen mit der 
ersten Aunalime auch eine Urheimatli angenommen werden muss. 

Nachdem aber, wie wir oben gesehen haben, durch die von 
der Geologie gelieferten Thatsachen die Entwicklungstheorie nicht 
nur ihre volle Bestätigung erhält, sondern auch als die einzig mög- 
liehe, die Thatsachen auf eine wahrhaft philosophische Weise er- 
klärende Hypothese anerkannt werden muss, so können wir nur 
von der Einheit der Species ausgehen und müssen dem zufolge 
auch eine Urheimath für das Menschengeschlecht annehmen. 

Wenn wir weiter nach der Lage und Beschaffenheit dieser Ur- 
heimath fragen, so können wir der Beantwortung dieser Frage inso- 
fern näher kommen, als wir die Lebensbedingungen für den 
Menschen und jene Wesen , aus denen er sich muthmasslich ent- 
wickelt hat, ins Auge fassen. 

Vermöge des Baues seines Gebisses, sowie des Mangels 
an allen natürlichen A¥affen wie sie beinahe alle Thiere be- 
sitzen, ist der Mensch von der Natur vorwiegend zum vegetabilischen 
Nahrungsgeuusse bestimmt. Schon dadurch ist er auf ein warmes 
Klima angewiesen , welches die zu seiner Ernährung erforderlichen 
Lebensmittel in reicher Fülle hervorbringt. — Ein anderer Punkt, 
der auf ein .entschieden warmes Klima hindeutet, ist die durch- 
gängige Nacktheit des Menschen, die nicht etwa durch die spätere 
Gewohnheit der Bekleidung erklärt werden kann, da ja die Natur- 
völker, welche vorwiegend nackt umhergehen, weit entfernt eine 
dichtere Behaarung zu zeigen als der Culturmensch, im Gegentheile 
mit wenigen Ausnahmen sich durch Mangel an Behaarung an vielen 
Stellen des Leibes auszeichnen, die beim Culturmeuschen mit Haaren 
bewachsen zu sein pflegen. 

Damit stimmen auch die Lebensbedingungen jeuer Wiesen, 
welche gegenwärtig dem Menschen am nächsten stehen, nämlich der 
Affen, vollkommen überein. Der Affe, welcher ausschliesslich von 
Vegetabilien lebt, bewohne nur jene warmen Gegenden der alten und 
neuen Welt, welche die zu seiner Existenz nothweudigeu Baumfrüchte 
hervorbringen. 

Nach allem diesem muss die Urheimath des Menschen m 
einem warmen Klima gesucht werden. Zur nähern Bestimmung 
der Lage dieser Urheimath gibt uns aber die Entwicklungstheorie 
einen wichtigen Fingerzeig an die Hand. Nachdem die grössere 
oder geringere Uebereinstimmung in morphologischer Hinsicht, welche 
zwischen den Wesen herrscht, auf eine grössere oder geringere 



36 

Verwandtschaft derselben unter einander hinweist, so ist es sicher, dass 
der Mensch nur mit den Katarrhinen der alten Welt, nicht aber 
mit den Platyrrhinen der neuen Welt zusammenhängen kann. Wir 
sind also durch diesen Punkt auf einen warmen Landstrich 
der alten Welt als Urheimath des Menschen hingewiesen. 

Ob die Urheimath des Menschen genauer, als wir es gethan, 
bestimmt werden könne, möchten Avir bezweifeln, da die jetzige Erd- 
gestaltung für diejenige Zeitperiode, in welche die Entwicklung 
des Menschen fällt, keine Gültigkeit hat, und in Folge dessen auch 
die klimatischen Verhältnisse ganz andere gewesen sein mussten. 

Ob der Menscli in diesem warmen Landstrich, in welchem er 
sich zu entwickeln begann, gleich als Mensch, d. h. als ein schart 
von den ihm zunächst siehenden Wesen unterschiedenes Lidividuum 
auftrat, wie von Vielen angenommen wird, ist eine durch nichts 
gerechtfertigte Voraussetzung, welche auch die Entwicklung des 
Menschen vollkommen unerklärt lässt. 

Es gilt gegenwärtig unter den Forschern, welche der Ent- 
wicklungstheorie anhängen, als ausgemacht, dass der Mensch, gleich 
jedem anderen organischen Geschöpfe seine. Vervollkommnung 
dem mit Erfolg bestandenen Kampfe ums Dasein zu verdanken habe. 
Ein Kampf ums Dasein ist aber nur dort möglich, wo die Lebens- 
bedingungen in Folge einer durch überlegene Kräfte bewirkten Ein- 
schränkung an das in ruhigem Lel)ensgenusse befangene Wesen ge- 
wisse Forderungen stellen, denen es nur mit Aufgebot seiner Kräfte 
zu entsprechen vermag. 

Es muss dort, wo der Mensch aus jenem Zustande, den er 
mit dem Thiere gemeinsam hat, sich entwickelte, ein gewaltiger 
Wechsel der Naturkräfte und seiner Umgebung stattgefunden haben. 
Nichts ist natürlicher, als an die Eiszeit des Endes der pleiocänen 
und der Diluvial- Periode, welche durch eine Reihe schlagender 
geologischer Thatsachen für das nördliche Europa, Asien und Amerika 
bestätigt wird, zu denken. Damals, wo das Paradies des in der 
Befriedigung leiblicher Bedürfnisse einzig und allein dahinlebenden, 
unschuldigen, Gutes und Böses noch nicht unterscheidenden Menschen 
mit eisiger Hand zertrümmert wurde, damals fing der Mensch den 
eigentlichen Kampf ums Dasein an und stieg durch Anspannung 
aller seiner Kräfte zum Herrn der Natur empor. Nachdem die 
Bäume ihm keiue Früchte mehr boten, wie ehemals, begann er seine 
Nahrung auf dem Lande zu suchen, und es wurde aus dem Kletterer 
ein Läufer. In Folge dessen differenzirte sich der Fuss von der 



37 

Hanil , und Schenkel und Wade wurden kräftiger und muskulöser. 
Die Noth lelirle das gelehrige AVesen seine Geisteskräfte fleissig 
üben, wodurch das betreifende Organ sich rasch entwickelte und 
vergrösserte. Das rauhe Klima zwang zur Bekleidung und zur Be- 
reitung eines warmen Nestes. 

Um es kurz zu sagen, der damalige, auf der ersten Stufe 
seiner Entwicklung stehende Mensch befand sich dem Affen gegen- 
über, der in jenen Strichen fortlebte , die eines ewigen Frühlings 
und Sommers sich erfreuten , in demselben Verhältnisse , wie wir 
moderneu Culturvölker, Bewohner eines rauhen Klimas, gegenüber 
den Naturvölkern, den Bewolincrn des Paradieses, wo es keinen 
Winter gibt, und wo die Sorge um das tägliche Brot kein Gemüth 
beunruhigt. — Gleichwie wir nur der harten Arbeit unsere Herr- 
schaft über das Menschengeschlecht verdanken, ebenso erhob sich 
der erste Mensch über den Affen durch jene furchtbaren Kämpfe, 
welche die nach ewigen Gesetzen wirkende Natur über ihn ge- 
schickt hatte.*) 

Die vorangegangeneu Betrachtungen, welche unsere Ansicht 
über des Menschen Urheimath und wahrscheinliche Entwicklung 
umfassen, sind eine auf dem Wege der naturwissenschaftlichen 
Speculatiou aufgestellte Hypothese. Diese Hypothese steht 
mit den auf historisch -mythologischen Grundlagen auf- 
gestellten Hypothesen in keinem Zusammenhange. 

Während bei Aufstellung der letzteren, nämlicli der auf historisch- 
mythischem Grunde basirenden Hypothesen der Mensch bereits als 



*) Während Häckol (Natürliche Schöpfungsgeschichte, II. Aufl., S. 619) 
einen im Süden Asiens ehemals gelegenen, gegenwärtig versunkenen Con- 
tinent, Lemurien genannt, für die Urheimath des Menschen annimmt, ent- 
scheidet sich Darwin (Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche 
Zuchtwahl, übersetzt von V. Carus, Stuttgart 1871, 8", Bd. I, S 174) für 
Afrika, wo der Mensch bereits in der eocänen Periode, d. h. der ersten 
Phase der Tertiär-Bildungen aus den Katarrhinen sich herausentwickelt haben 
soll. Letztere Hypothese wird mit Erfolg von Moritz Wagner im Ausland (1871, 
pag. 558.) bestritten. Wagner sucht jenes Land, innerhalb dessen der Mensch 
vom Aflfen sich lostrennte, im nördlichen Europa und Asien, welche 
in der Mitte der Miocän-Periode ein warmes Klima hatten, so dass Palmen, 
Brodfruchtbäume, Feigenbäume in Ueberfluss reifen konnten. Beide Landstriche 
wurden gegen Ende der Pleiocän-Periode von der Eiszeit heimgesucht, welche 
durch die diluviale und quaterniäre Periode andauerte. Die Eiszeit, welche 
nach Wagner durch die Zerstörung der tropischen Vegetabilien und die Isoli- 
rung Europas und Nordasiens, den Impuls zur Entwicklung der fleischfressenden 
Kaubthiere und des Men-chen gab, kann für Afrika niclit nachgewiesen werden. 



38 

Mitglied eines bestimmten Volkes betrachtet und die ganze Frage 
nach des Menschen Urheimath nach rückwärts verfolgt wird, fasst 
die auf naturhistorischer Basis ruhende Hypothese den Menschen 
als solchen schlechthin ohne Rücksicht auf eine bestimmte Easse 
oder ein bestimmtes Volk, da beide damals noch nicht existirten, 
und verfolgt die ganze Frage nach vorwärts. 

Bei dieser gänzlichen Verschiedenheit der Standpunkte beider 
Richtungen begreift es sich vollkommen, dass die Ansichten der- 
selben auseinander gehen müssen. Mensch und Volk sind eben nicht 
identisch und es ist am allerwenigsten gestattet, aus der Betrachtung 
eines winzigen Bruchtheiles der engereu Sphäre (des Volkes) auf 
die weitere Sphäre (den Menschen) unmittelbar zu schliessen. 

§. 10. 
Von dem Ursprünge des Menschen aus einem oder mehreren 

Paaren, 

Die Frage, ob der Mensch in einem oder mehreren Paaren 
erschaffen Avorden oder entstanden sei, ist oft aufgeworfen und ver- 
schiedenartig beantwortet Avordeu. — Wir liulten von uuserem Stand- 
punkte die ganze Frage für unwissenschaftlich, schon deswegen, 
weil sie einerseits einen Punkt betrifft, der sich allen Beobachtungen 
entzieht, andererseits sich gar kein wissenschaftliches Materiale für 
die Beantwortung derselben beibringen lässt. 

Wie es scheint, wurde diese Frage sowohl von den Theologen 
als auch von den Naturforschern nur deswegen aufgeworfen, um 
ihre vorgefassten Meinungen zu rechtfertigen. Die einen wollten 
die biblische Schöpfungsgeschichte begründen, die anderen ihre 
Definition der Species erhärten, wobei die erstereii im allziigrosseu 
Eifer tibersehen haben, dass man mit der Annahme eines einzigen 
Paares den ersten Mensclien und ihren Nachkommen das Vergehen 
der Blutschande imputiren muss. 

Die Wissenschaft, als eine inductive Disciplin, hat aber mit 
solch' subtilen Fragen, wie die vorliegende es ist, nichts zu schaften, 
und es kann ihr im Grunde die Beantwortung derselben, möge sie 
wie immer ausfallen, nur gleichgiltig sein. — Sie kann aber nicht 
umhin, auf zwei Irrthümer, welche oft mit dieser Frage verbunden er- 
scheinen, aufmerksam zu machen und vor ihnen eindringlich zu warnen. 

Der erste dieser beiden Irrthümer ist der Schluss von der 
Einheit d er A b s t a m m u n o- xmd der damit für iden tisch 



39 

(jelialtoneii Einholt der Species auf die Einheit der Sprach en; 
der zweite, nicht weniger schädliche, da er im Grunde nur eine 
Umkehning des vorhergehenden darstellt, ist der Schhiss von einer 
a n g e h 1 i c h erwiesenen Einheit der Sprachen auf die 
Einheit der Species und der damit für identisch gehaltenen 
E i n li e i t der A 1) s t a m m u n g. 

Beide Schlüsse sind, wie der mit diesen Problemen Vertraute 
auf den ersten Blick einsieht, schon deswegen unstatthaft, weil sie 
zwei ganz ungleiche Sphären, nämlich Kasse und Volk, mit 
einander vermengen und stillschweigend eine ursprüngliche 
Einheit beider voraussetzen. Zum Beweise der Einheit der 
Species kann die übrigens aus dogmatischen, der Wissenschaft fern 
liegenden Gründen geschöpfte Ansicht von der Einheit der mensch- 
lichen Sprachen nicht das Mindeste beitragen , wie auch umgekehrt 
die aus religiösen Motiven entsprungene Ansicht von der Einheit 
des Menschengeschlechtes den Beweis der Sprach-Einheit nimmer- 
mehr zu erhärten vermag. 

Wir unsererseits halten an der Einheit der Species fest, 
indem nur diese einerseits mit den Lehren der Entwicklungstheorie, 
andererseits mit den Thatsachen im Einklänge steht, und lassen die 
Frage nach der Abstammung des Menschen aus einem oder mehreren 
Paaren als eine ganz unwissenschaftliche bei Seite. 

§. 11. 

Von der l ebereiiistimmuiig der Rassen und Völker. 

Die Uebereiiistimmuug der menschlichen Rassen und Völker 
unter einander ist eine doppelte, insofern sie nämlich entweder auf 
physischen oder psychischen Momenten beruht. Wir wollen im 
Nachfolgenden beide einer kurzen Betrachtung unterziehen. 

A. Uebereinstiniimmg der Rassen und Völker nach phy.sischen 

3Ionienten. 

Dieselben bestehen zumeist in denjenigen Merkmalen, durch 
welche der Mensch von den Thieren sich auszeichnet. Es sind dies 
der aufrechte Gang, der bewegliche Kopf, die freien, nach jeder- 
Richtung beweglichen Augen, die glatte, wenig beJjaarte Haut, der 
im Gegensatze dazu regelmässig stark behaarte Kopf. Umfang und 
Gewicht des Gehirnes sowie der Gesichtswinkel halten sich beim 
Menschen innerhalb gewisser Gränzen. Zahl und Anordnung der 
Zähne sind bei allen Rassen gleich, ebenso auch djp Dauer der 



40 

Schwangerschaft, Die Wirbelsäule ist im Vergleich mit dem Thiere 
beim Menschen kürzer, ebenso fehlt (bis auf gewisse monströse 
Fälle) die Verlängerung derselben, der Schwanz. Mangel an natür- 
lichen Waffen (Gebiss, Krallen u. s. w.) ist bei allen mensclilichen 
Varietäten anzutreffen. 

B. Uebereinstimmung der Rassen und Völker nacli psychischen 

Momenten. 

Diese bestehen namentlich in zwei Dingen, nämlich dem Vor- 
handensein menschlicher Vernunft und Sprache. Jedes noch so rohe 
und verkommene Volk spricht eine aus einer grösseren Anzahl von 
Lauten und Worten bestehende Sprache, jedes Volk hat Sinn für 
Zahlen, wenn auch manche Völker über drei hinaus die Zahl nicht 
scharf unterscheiden können. Jeder Mensch ist für moralische Ge- 
fühle und Ideen empfänglich und einer sittlichen Erziehung fähig. 
Ueberall, auch bei den rohesteu Völkern, finden wir den Gebrauch 
des Feuers, bestimmter aus Holz, Bein, Stein, Kupfer, Bronze oder 
Eisen gearbeiteter Geräthe, welche selbst in Betreff' der Form grosse' 
Uebereiustimmung zeigen, da ihnen allen die Idee der Zweckmässig- 
keit zu Grunde liegt. Ueberall treffen wir Tanz und Gesang, als 
Aeusserungeu der Freude, überall werden die Todten bestattet, was 
eine dunkle Vorstellung von der Fortdauer der psychischen Seite des 
Individuums voraussetzt- 

§. 12. 

Von der Verscliiedenlieit der Rassen und Völker. 

Die Verschiedenheit der einzelneu Kassen und Völker von ein- 
ander beruht sowohl auf physischen als psychischen Mo- 
menten , welche wir im Nachfolgenden einer kurzen Betrachtung 
unterziehen werden. 

A. Verschiedenheit der Rassen und Völker nach physischen 

Momenten. 

Unter den äussern Merkmalen, durch welche sich die Kassen 
von einander uutersclieiden, und die vor allen andern in die Augen 
springen, sind es besonders die Haut und die Haare.*) 

*) Dünn, Kobcrt. Somo observations ou thc tcguuientary differences. 
Avliicli exist among the races of man (Transactions of thc ethnological society 
of London, New Series I, 59). Crawfurd, John. Thc colour as a tost 
of the races of man (a. a. 0. IL 25L) Derselbe, On the skin, thc hair 
and tlie oyes as tests of thc races of man, (a. a. 0. VI. 114), 



41 

Die Farbe der Haut der verschiedenen Menschenrassen zeigt 
vom tiefsten Schwarz durch Braun, Olivengelb, Kuth und Struligelb 
bis zum reinen Weiss alle Abstufungen, welche sich innerhalb dieser 
Farbenscala überhaupt nur denken lassen. (Vergl. Darwin, Die 
Abstammung des Menschen, I, 213.) Das grössere oder geringere 
Dunkel der Haut lässt sich aber nicht als Folge der klimatischen 
Einwirkungen, denen die Kassen gegenwärtig ausgesetzt sind, fassen, 
sondern muss nach den darüber gewonnenen Erfahrungen als be- 
stimmter Kassencharakter aufgefasst werden. Die schwärzesten 
Menschen linden sich nicht, wie man erwarten sollte, unter dem 
Aequator , wie auch die weissesten Menschen nicht an den Polen 
angetroü'en werden. 

Der Aboriginer Amerika's zeigt unter allen Graden vom Feuer- 
land ]»is nach Mittelamerika und von da an bis zu den Sitzen der 
Eskimos dieselbe schmutzigrothe bald ins Bräunliche, bald ins Gelb- 
liche sich neigende Farbe. Der Galla, welcher vom 10'^ und 15° nörd- 
liche Breite bis zum Aequator sich herabzieht, zeigt eine bräunliche 
bis ins Kastanienbraune schillernde Hautfarbe, während der Wolof, 
der auf demselben Contiuent ungefähr unter derselben Breite wohnt, 
eine intensive Ebenholzschw^ärze darbietet. Der Isländer und der 
Bewohner der Hebrideu zeichnen sich durch eine auftauende Weisse 
und Zartheit der Hautfarbe aus, während der Eskimo, der weiter 
höher im Norden lebt ein beinahe duukelgelbes Colorit zeigt. „Die 
Eskmios leben ausschliesslich von animaler Kost, sie sind mit dicken 
Pelzen bekleidet und sind einer intensiven Kälte und lange dauern- 
den Dunkelheit ausgesetzt; und doch weichen sie in keinem ausser- 
ordentlichen Grade von den Einwohnern des südlichen China ab, 
Avelche gänzlich von vegetabilischer Kost leben und beinahe nackt 
einem heissen, ja glühenden Klima ausgesetzt sind. Die unbekleide- 
ten Feuerländer leben von den Meereserzeugnissen ihrer unwirth- 
lichen Küste, die Botokuden wandern in den heissen Ländern des 
Inneren umher und leben hauptsächlich von vegetabilischen Erzeug- 
nissen, und doch sind diese Stämme einander so ähnlich, dass die 
Feuerländer am Bord des Beagle von unseren Brasilianern für 
Botokuden gehalten wurden. Ferner sind die Botokuden ebenso 
wie die andern Einwohner des tropischen Amerika völlig von den 
Negern verschieden, welche die gegenüberliegenden Küsten des 
atlantischen Oceans bewohnen , einem uahezu gleichen Klima aus- 
gesetzt sind und nahebei dieselben Lebensgewohnheiten haben." 
(Darwin, Die xVbstammung des Menschen I, 217.) 



42 

Am Haare, dem zweiteu augenfälligen Merkmale sind mehrere 
Punkte hervorzuheben, durch welche es sich bei den verschiedenen 
Rassen unterscheidet. Es sind dies die Farbe, die Structur und das 
Wachsthum desselben. 

Was die Farbe des Haares anlangt, so finden wir verschiedene 
Abstufungen desselben vom Schwarzblau durch Schwarz- und 
Kastanienbraun bis zum Blond und Roth. Die beiden letzteren 
Farben sind eine Eigenthümlichkeit der mittelländischen Rasse und 
finden sich häufig mit einer blauen Iris vereinigt. 

In Betreff der Structur ist das Haar entweder straff oder ge- 
kräuselt. Diese beiden Formen hängen , wie mau weiss , von dem 
Baue der einzelnen Haar-Individuen ab. — Während der Durch- 
schnitt des straffen Haares eine kreisrunde Form zeigt, ist er bei 
dem gekräuselten Haare elliptisch abgeplattet. 

Was das Wachsthum anbelangt, so wächst das Haar theils 
dicht beisammen, theils getrennt in mehreren Büscheln. Eine noch 
grössere Verschiedenheit zeigt sich in der Behaarung des Gesichtes, 
der Schamtheile und den anderen von Haaren bewachsenen Theilen 
des menschlichen Körpers. Während die eine Rasse durch kräf- 
tigen BartAvuchs an den Wangen, am Kinn und an der Oberlippe 
sich auszeichnet, bietet uns die andere Rasse nur einen spärlichen 
Bartwuchs am Kinn und an der Oberlippe.*) 

Diese beiden in die Augen springenden Momente, nämlich 
Hautfarbe und Haar, Averdeii für uns noch bedeutender, wenn wir 
den Zusammenhang, welcher zwischen ihnen und anderen Momenten 
stattfindet, näher betrachten und den Einfluss beider auf die Thätig- 
keit des Menschen in Anschlag bringen. 

In der Regel finden sich dunkle Hautfarbe und dunkles krauses 
Haar mit einander verbunden vor. — Das krause dunkle Haar 
wächst meistens auf einer sammtartigen Haut, deren unterste 
Oberhautschicht (das sogenannte rete Malpighii) mit dunklem Farb- 
stoff erfüllt ist. Es scheint dies eine Folge der geringen Oxydation 
des Blutes in den Lungen zu sein, für welche eine erhöhte Thätig- 
keit der Leber, daher eine etwas stärkere Gallabsouderung statt- 



*) Vergl. Darwin. Die Abstammung des Mensclien II. 281. 282. Es ist 
merkwürdig, dass jene Eassen, welche ohnehin schwachen Bartwuchs liabcn. die 
w'enigen Haare auszureissen suchen , nach dem Grundsatze A. v. Humboldts, 
,.dass der Mensch die Charaktere bewundert und häufig zu übertreiben sucht, 
weiche die Natur ihm nur immer gegeben haben mag." (Darwin, a. a. 0. 305, 308,) 



43 

findet. Es pflegen daher das Kraushaar und die schwarze Hautfarbe 
den Bauch menschen im Gegensätze zum Lungen menschen zu 
charakterisiren. 

Daraus geht die rehitiv grössere geistige Begabung des letzteren, 
nämlich des schlichthaarigen Lungenmenschen, gegenüber dem erstereu, 
dem kraushaarigen Bauchraenschen. hervor. AVährend beim ersteren 
die Speisung des Gehirnes durch frisches arterielles Blut rasch 
vor sich geht, findet sie bei dem letzteren laugsam statt. Der 
energische Lungenmensch erscheint daher ungleich höher entwickelt 
als der träge Bauchmensch. Die dunklen kraushtiarigeu ßauch- 
völker haben nie eine höhere Stufe der Civilisation erstiegen: sie 
haben keine Geschichte in unserem Sinne durchgelebt. 

Neben den beiden äusseren Merkmalen, der Haut und dem 
Haare, sind von besonderer Wichtigkeit die inneren anatomischen 
Merkmale, davon namentlich die auf den Schädel und seinen In- 
halt, das Gehirn, bezüglicheu. 

Dabei kommt es nicht nur im Allgemeinen auf die Gehiru- 
masse an (denn weuu auch eine grössere Gehirnmasse eine grössere 
geistige Capacität verräth, so ist diese Kegel nicht von allgemeiner 
ausnahmloser Giltigkeit), sondern noch mehr auf die Ausbildung und 
Entwicklung der einzelnen Gehirn t heile. Denn wie mau in 
neuester Zeit durch vielfache Experimente nachgewiesen hat, haben 
die verschiedenen Sphären psychischer Thätigkeit in den verschie- 
denen Theilen des Gehirnes als Centralorganen ihren Sitz, und muss 
sich also dem entsprechend die Seeleiithätigkeit je nach dem ver- 
schiedenen Grade der Ausbildung dieser auch verschieden äussern. 

Ferner ist selbst die Entwicklung der einzelnen Gehirn- 
theile, namentlich der sogenannten Gehirnwindungen von 
der allergrössten Wichtigkeit. Man kann, anolog der Ausbildung der 
andern Organe auch hier sagen, je einfacher das Gehirn, desto 
weniger sind die einzelnen Seelenthätigkeiten entwickelt, je 
complicirter das Gehirn, je feiner die Anlage seiner einzelnen Theil- 
chen, eine um desto entwickeltere, vollkomranere Seelenthätigkeit 
kann vorausgesetzt werden. 

Eine Verschiedenheit der menschlichen Rassen liegt auch in 
dem verschiedenen Verhalten derselben gegen gewisse Krankheiten 
und in dem dadurch bedingten verschiedenen Acclimatisationsver- 
mögen. Wie bekannt trotzt der Neger jenem Klima, dem der 
Europäer auf die Länge der Zeit unfehlbar erliegt. Ferner lässt 
sich für die Verschiedeuheit der Rassen auch noch jener Punkt 



44 

anführen, dessen wir schon einmal erwähnt haben, nämlich die Ver- 
schiedeuheit der auf ihnen w^ohnenden Parasiten. (Darwin, 
Die Abstammung der Menschen, I, 193.) 

B. Verschiedenheit der Rassen und Völker nach ijsychischen 
Momenten. *) 

Die psychischen Momente des Menschen sind grösstentheils 
in den plwsischen begründet. Wenngleich es uns nur in den aller- 
seltensten Fällen gelingt, den Zusammenhang wissenschaftlich zu 
begründen , so haben wir doch ein ziemlich sicheres , greifljares 
Merkmal, mit dessen Hilfe wir auf das zu Grunde liegende Moment 
schliessen können. Es sind dies die verschiedenen Culturformen, 
unter denen wir die Völker auftreten sehen, und die besonders da 
•einen ziemlich sicheren Schluss gestatten, wo die Bedingungen, 
unter denen zwei Völker leben, entweder dieselben sind, oder von 
einander nur sehr wenig abweichen. 

Wenn wir z. B. die Wahrnehmung machen, dass der Neger, 
der oft unter denselben Bedingungen wie der alte Aegypter lebte, 
es nicht so wie dieser zu einer dauernden Cultur gebracht hat, so 
müssen wir nothwendiger Weise eine auf seine Rasse zurückzuführende 
geistige Inferiorität annehmen und wir begehen gewiss keinen Irr- 
thum, wenn wir sagen, dass der Neger in Betreff seiner geistigen 
Fähigkeiten .viel beschränkter ist als der Mittelländer, zu welcher 
Easse bekanntlich der Aegypter gehört. 

Auffallend tritt die Verschiedenheit der geistigen Fähigkeiten 
in einem einzelnen Punkte hervor, der in das Culturleben der 
Menschheit so tief eingreift wie kein zweiter, nämlich in der 
Zähmung gewisser Thiere und Umwandlung derselben zu Haus- 
thieren. — Während die Völker der alten Welt, und hier vor allen 
die Mittelländer, das Rind vollkommen gezähmt und sich nutzbar 
gemacht haben, ist dies den Völkern der neuen Welt nicht ge- 
lungen. Der kräftige Bison ist nach wie vor ein wildes un- 
bändiges Thier geblieben, welches man gleich jedem anderen Wilde 
jagt. Während der Elephant, jener furchtbare Koloss in Indien zu 
einem nützlichen Hausthiere geworden ist, streift er in Afrika zum 



*) Dünn. Robert. Sonic observations on the psycliological differences, 
which exist among the typical races of man (Transactions of the ethnologi- 
cal Society of London, New Serie III, 9). Carus, C G. , Die ungleiche Be- 
fähigung der verschiedenen Menschenstämrae für höhere geistige Entwicklung, 
Leipzig 1849. 8°. 



45 

Schrecken des Negers wild iimlier. Dass aber der afrikauische 
Elepliant der Zähraung ebenso zugänglich ist wie sein asiatischer 
liruder, dies haben die Karthager und Numidier bewiesen, welche 
im Altertliume denselben vortrefflich abzurichten verstanden. 

Ein weiteres Moment zur Beurtheilung der geistigen Flihig- 
keiten der Völker bieten die Gesellschaftsformen und die 
religiösen Ideen, insofern sie nämlich auf den Endzweck aller 
dieser Einrichtungen, die Vervollkommnung des Menschen, hinleiten. 
Es gibt eine Reihe von Völkern, welche nur die ursprünglichste 
und einfachste Gesellschaftsform, die Familie kennen. Andere 
Völker gehen über die Familie hinaus zur nächst höheren Stufe^ 
dem Stamme. Wieder andere gehen bis zum Volke, einer Vereini- 
gung mehrerer Stämme durch gemeinsame Sprache und gemeinsame 
Sitte, wobei aber Stamm und Familie als Individuen fortbestehen. 
Nur wenige Völker haben es zu Staaten gebracht, zu jener grossen 
einlieitlichen Gesellschaft, in welcher der Einzelne dem Ganzen sich 
unterordnet, um desto leichter und sicherer die Culturbedürfnisse 
befriedigen zu können. 

Auch in Betreff der religiösen Ideen herrscht unter den Völkern 
eine sehr grosse Verschiedenheit.*) Von dem Aberglauben der 
Australier und der amerikanischen Wilden, der grössteutheils in 
dunklen Vorstellungen ohne alle Form besteht, bis zu dem in be- 
stimmten Formen auftretenden Götzendienste der Mexicaner oder 
gar der alten Aegypter und vorderasiatischen Völker ist ein grosser 
Fortschritt. Ein noch grösserer Fortschritt liegt in der Verkör- 
perung bestimmter kosmogonischen und ethischen Ideen zu göttlichen 
Formen; welch eine Grösse geistiger Kraft und Thätigkeit liegt 
aber vollends in der Idee eines reinen, von den Dingen verschie- 
denen Wesens, wie selbe die Propheten der Hebräer und die Philo- 
sophen der indogermanischen Völker erfassten ! 

AVenn wir die Veränderungen, denen die Lehre Buddha's — 
eine That indischen Geistes — bei den Völkern der mongolischen 
Rasse anheimfiel, betrachten , welche Schlüsse lassen sich daraus in 
Betreff der Verschiedenheit arischer und mongolischer geistiger Be- 
gabung ableiten! — Die einfache Lehre Christi, wie verschieden 
entwickelt sie sich im Geiste der indogermanischen Völker, der 



*) Vergl. Race in religion (Anthropological review 1866, pag. 289) und 
Andree, Karl, Einwirkung des Racencharakters auf die Religionen und deren 
Umwandlung (Globus XIV. 236j. 



46 

Semiten selbst, und vollends der südamerikanischen, aus spanischem 
und einheimischem Blute zusammengesetzten Bevölkerung ! Wie 
verschieden zeigt sich der germanische und romanische Geist dem 
Christenthum gegenüber I 

Das wichtigste Merkmal jedoch der verscliiedenen geistigen 
Begabung des Menschen ist die Sprache. 

Wir müssen gleich hier bemerken, dass die menschliche Sprache 
uns mit Wilhelm von Humboldt nicht für ein W'erk (ioyjv), sondern 
für eine Geistesthätigkeit (hio-izia) gilt, und zwar nicht etwa für 
eine dem Menschen anerschafiene , oder angeborene , sondern eine 
zum Zwecke des Denkens selbst geschaffene. Es lässt daher die 
Sprache einen Scliluss auf die ihr zu Grunde liegende geistige 
Kraft mit ziemlicher Sicherheit machen. 

Wie bekannt, sind die Sprachen, die der Mensch spricht, nicht 
nur wurzelhaft von einander sehr verschieden, sondern auch 
verschiedenartig organisirt. Nicht allen Sprachen z. B. 
wohnt die Kraft inne, eine Thätigkeit als solche zu fassen und zur 
Darstellung zu bringen. Einer Menge von Sprachen fehlt jener 
Ausdruck, den wir Verbum nennen, so z. B. dem Tagala auf den 
Philippinen, den Algonkin-Sprachen in Nord-Amerika. Ebenso sind 
mehrere Sprachen zwar reich an concreten Ausdrücken , dagegen 
arm au abstracten , ja manche können die letzteren gar nicht be- 
zeichnen. Das Zulu z. B. in Süd- Afrika hat eine Menge Ausdrücke 
für die einzelnen Spielarten des Rindes, z. B. weisses, braunes, ge- 
flecktes ßind etc., dagegen keinen Ausdruck, der unserem „Rind" 
gleich käme. Dem Malayischen fehlt ein knapper Ausdruck für 
unser „Thier". Selbst dem Semiten stehen für die speciellen Arten 
des Gehens, wie hineingehen, herausgehen, vorübergehen, Abends, 
Morgens gehen u. s. w. Ausdrücke zu Gebote, während ihm eine 
Bezeichnung des Gehens in Abstracto mangelt. 

Nun gehen die sprachlichen Ausdrücke der Concreta den An- 
schauungen des Denkens parallel, ebenso wie die sprachlichen Aus- 
drücke der Abstracta den Begriffen unserer Denkthätigkeit entsprechen. 
i\Ian kann also mit Recht behaupten, dass ein Volk, dem der Sinn 
für Abstracta iu der Sprache mangelt, auch das begriffliche Denken 
gar nicht kenne. 

Die Anschauungen gleichen den concreten Zahlen der Arith- 
metik, die Begriffe dagegen der allgemeinen Buchstabenzeichen 
der Algebra. AVie verschieden mag nun das Denken des australischen 
Natursohnes, von jenem des indogermanischen Culturmenschen sein ! 



47 

Ks mag sich ungofähr ebenso zu ihm verhalten, wie das Eechnen 
auf dem chinesischen Rechenbrette oder mit den Fingern zum 
]\eehnen des geübten Mathematikers, der die grössten und ver- 
winkeltsten Probleme mit einem Blicke zu überschauen vermaff. 



Ueber die Beständigkeit der Rassen und Vollmer. 

In Botreff des Rassencharakters hat man durch wiederholte 
Beobachtungen die Erfahrung gemacht , dass er keineswegs so 
schwankend ist, als man nach den zwischen den einzelnen Rassen 
existireuden Uebergängen glauben könnte.*) Im Gegentheil ist der 
Kassencharakter so fest und beständig, dass weder der Einfluss der 
Zeit, noch auch eine Veränderung des Aufenthaltes den- 
selben bedeutend zu modificiren vermögen. 

' Ein eclatantes Beisi)iel für die Zähigkeit des Rassencharakters 
können die Juden bieten. Auf den Gemälden der italienischen und 
niederländischen Meister finden wir denselben Typus, dem wir bei 
diesem Volke heut zu Tage begegnen, ja selbst auf den altägyptischen, 
assyrisch - babylonischen und altpersischen Denkmälern, die nun 
mindestens 4000 Jahre alt sind, lässt sich der Rasseucharacter, der 
den Juden ganz besonders auszeichnet, keinen Augenblick verkennen. 

Auf den persischen und assyrisch-babylonischen Monumenten 
ersclieint der Typus der Bewohner der Tigris-Euphrat-Ebene ebenso, 
wie er noch heut zu Tage bei der unvermischten Bevölkerung dieser 
Gegenden sich findet. Derselbe wallende gekräuselte Bart, dieselben 
mandelförmig geschnittenen Augen, dieselbe eigenthümlich geformte 
kräftige Nase. 

Ebenso bietet der Zigeuner trotz seinen beispiellosen Wande- 
rungen noch immer den indischen Typus im eigenthümlich geformten 
Gesichtsschnitt, in den lang gestreckten Schenkeln und den laugen 
ilflnnen Fingern. 

Ein besonders instructives Beispiel ist der Neger. Wir finden 
denselben schon auf den ältesten ägyptischen Denkmälern abgebildet, 
und zwar mit denselben charakteristischen Merkmalen wie heut zu. 
Tage. Es ist derselbe Krauskopf, es sind dieselben wulstigen, auf- 
geworfenen Lippen, dieselbe dicke Stumpfnase. 



*) Vergl. Farrar. Frederic, W. Fixity of type (Transactions of the 
ethnological society of London, New Series III, 394). 



48 

Es hat also der Zeitraum von etwa 5000 Jahren nicht vermocht, 
den Neger irgendwie für uns wahrnehmbar umzugestalten! 

Wenn man endlich den von der Geologie beigebrachten That- 
sachen in diesem Punkte Glauben schenken darf, was uns, nebenbei 
bemerkt, etwas zweifelhaft scheint, so hätte der Aboriginer Amerikas 
schon damals, als dieser Welttheil noch von mehreren vor der Ent- 
deckung ausgestorbenen Säugethieren bewohnt war, denselben Rassen- 
typus dargeboten, durch den er sich heut zu Tage auszeichnet. Es 
wäre dies eine Summe von Jahren, die sich mit dem Masse der 
geschichtlichen Chronologie gar nicht messen lässt. (Darwin, Die 
Abstammung des Menschen, I. 191.) 



§. 14. 
Ueber die zwischen den Rassen und Völkern statt gehabten 

Mischungen. 

Was die Misch u n g e n der einzelnen Eassen und Völker an- 
belangt, so haben seit undenklichen Zeiten, wenigstens in der alten 
Welt, solche stattgefunden, vollends aber in der neuesten Zeit, nach- 
dem die alte und die neue Welt durch den steigenden Verkehr ein- 
ander nahe gerückt waren.*) 

Einer Mischung unter einander sind alle Rassen gleiclimässig 
fähig, aber alle sind nicht im Staude, ein kräftiges, dauerndes und 
fruchtbares Product zu liefern. Es scheint, dass die Gegensätze, 
namentlich in Betreff der Hautfarbe, einander abstossen, indem das 
aus solcher Vermischung entsprungene Product sich stets an die 
schlechtere Rasse anlehnt, während im entgegengesetzten Falle, 
wenn nämlich beide Theile einander nahe stehen, ein in jeder Be- 
ziehung tüchtiges Product geliefert wird. Aus der Vermischung 
der oliveiigelben straffhaarigen Polynesier mit den chocoladebraunen, 
krausköpfigen Papuas sind die kräftigen Melanesier hervorgegangen, 
welche in Betreff' der Widerstandskraft im Kampfe ums Dasein 
beiden überlegen sind. Einer Vermischung des zur mongolischen 
Rasse gehörenden Finnenstammes der Ungarn mit Slaven und 
Germanen verdankt das kräftige und ritterliche Volk der Magyaren 



*) Vergl. Quatrefages, The formation of the mixed human races 
(Anthropological review VII, 22). Crawfurd, John. On the commixture of 
the races of man, as affecting the progress of civilisation (Transactions of the 
ethnological society of London, New Series, III, 98). 



49 

seinen Ur^•l)run?. Die Russen, das iniU-htij^ste Slavenvolk der Neu- 
zeit, siml einer Miscluing der Slaven und Gerniaiien mit melireren 
Völkern der mongolischen Basse entsprossen. 

Xocli dentlieber zeio-t sieli der veredelnde Einfliiss der Miscluing 
innerhalb einer und derselben liasse. Unter den romanischen Völkern 
sind die mit germanischem Blute am meisten versetzten auch die 
tüchtigsten, und unter den verschiedenen deutsclien Stämmen haben 
die mit slavischem Blute gemischten als die kraftvollsten und 
intelligentesten sich erwiesen. Der am meisten unter allen germanischen 
Stämmen mit fremdem Blute versetzte, nämlich der englische, zeigt 
im Ganzen das grösste Acclimatisatiousvermögen und die zäheste 
Widerstandskraft im Kampfe ums Dasein. 

Im Ganzen aber ist jede Mischung der Kassen von einer 
heftigen Reaction begleitet, die sich in epidemischen Krankheiten 
äussert, von denen namentlich die schwäcliere Rasse hinweggerafft 
wird. Solche Keactionen pflegen selbst daim, wenn eine Vermischung 
im eigentlichen Sinne des Wortes nicht stattfindet, einzutreffen, 
wie z. B. bei grossen Festen, Schaustellungen, die eine Ansamm- 
lung von Menscheumassen bedingen, in Kriegen u. s. w. 

Die weisse (mittelländische) und die gelbe (mongolische) Rasse 
üben auf die dunkelfarbigen Rassen einen zersetzenden Eiulluss aus, 
indem überall dort, wo sie nicht selbst durch das ihnen feindliche 
Klima hin weggerafft werden (so namentlich in Afrika), die ein- 
heimische Bevölkerung vor ihnen verschwindet. Solches nehmen 
wir besonders in den neu entdeckten Welttheileu, Amerika, Australien 
und Polynesien, wahr. — Auf allen diesen Punkten geht die ein- 
heimische Bevölkerung vor den eingewanderten Europäern und 
Chinesen mit Riesenschritten dem Untergänge entgegen.*) 

In den tropischen Gegenden mit ihrem für die lichten Rassen 
mörderischen Klima leistet allein der kräftig gebaute afrikanische 
Xeger der Invasion des Europäeis und des Chinesen erfolgreichen 
Wideistand Anderseits geht aber vor dem Neger im tropischen 
Amerika, wohin ibn der Europäer verpfianzt hat, der zart gebaute 
Indianer unter. Nach allen diesen Wahrnehmungen dürften nur 
die drei auch numerisch am mächtigsten Rassen, nämlich die, 
mongolische oder hochasiatische, die mittelländische und die afrikani- 
sche Xegerrasse, sichere Aussicht haben, aus dem besonders gegen- 
wärtig hart entbrannten Kampfe ums Dasein als Sieger hervorzugehen. 



*) Vgl. Gerland. Ueber das Aussterben der Naturvölker. Leipzig 1868, 8". 

Uüllcr, AUtf. Ethiiograpliie. 4 



50 



Ueber den Einfluss vou Land nnd Klima auf die menschliche 
Cultur - Entwicklung. *) 

Die äussere Form des Landes, in welcliem der Mensch wohnt, 
hat grossen Einfluss auf das Ziel und die Entwicklung seiner 
Bildung. Es ist keineswegs für den Menschen gleichgültig, ob er 
einen weit ausgedehnten Coutiuent oder eine Insel bewohnt. Auch 
von der Gestaltung des Landes selbst ist vieles abhängig. Ein von 
hohen Gebirgen durchzogenes Land wird des Menschen Leben anders 
gestalten als ein Land, das frei vou jedem Gebirge nach allen Seiten 
sich ausdehnt. Und letzteres Avieder nährt ganz andere Bewohner, 
wenn es von grossen schiffbaren Flüssen durchschnitten ist, als 
wenn es von Flüssen entblösst, verdorrt und vertrocknet daliegt. 

Das Klima ist eine Macht, welche den Menschen beherrscht 
und ihm nicht nur in physischer, sondern auch in moralischer Be- 
ziehung seine Richtung vorzeichnet. Das rauhe Kliina zwingt den 
Menschen zu härterer Arbeit und grösserer Anstrengung als das 
warme. Niclit nur dass Kleidung und Wohnung, deren er im 
warmen Klima fast gar nicht bedarf, einen grossen Theil seiner 
Kräfte in Anspruch nehmen, benöthigt er zur Fristung seines Lebens 
sowolil reichlicherer als auch substanzloserer Xahrung. Letztere wird 
im warmen Klima von der üppig sprossenden Natur in allen Formen 
von selbst dargeboten , während sie im kalten Klima durch harte 
mühselige Arbeit erkämpft werden muss. 

"Wir wissen, dass massige Arbeit den Menschen sittigt und 
veredelt, während Müssiggang denselben moralisch zu Grunde richtet. 
Daher finden wir in den Tropenländern die Sclaverei und den Ser- 
vilismus zu Hause, die um den Preis des geliebten Müssigganges 
alles über sich ergehen lassen, was der Despotismus über sie ver- 
bäugt. Daher begegnen wir in den Ländern des Nordens dem 



*) Crawfurd, Joiin. Ou the effects of cumiuixture, locality, cliiuate 
and food ou tlie races of man. (Transactions of thc ethnological society of 
London. New Series I, 76.) Derselbe. On the couditiou, whicli favour 
retard or obstruct the carly civilisation of man (a. a. 0. I, 154). Derselbe. 
On the connection of ethnology and physical goography (a. a. 0. II, 4). Der- 
selbe. On the lelation of the domesticatcd auiuials to civüisation (a. a. 0. 
II, 387). Derselbe. On the migration uf cultivated plaiits, in reference to 
ethnology (a. a. 0. V, 178, 255, 318). 



51 

■wilden iinbeiigsameii Trotz, der, eine Folge harter Arbeit, alles zu 
bezwingen glaubt. — Wie die Geschichte zeigt, sind allzu grosse 
Hitze und alku grosse Kälte in ihren Einwirkungen auf die mora- 
lische Cultur des Menschen nicht viel verschieden. Beide lähmen 
die Energie desselben und unterbrechen seine Arbeit; beide führen 
in Folge der Unregelmässigkeit und der damit Haud in Hand 
gehenden Armuth und Unwissenheit zu Lastern — in dem einen 
Falle zum stillen hinbrütendeu Müssiggang, in dem anderen Falle 
2um Trunk. 

Einen nicht unwesentlichen Einfluss auf des Menschen Ent- 
wicklung nimmt die ihn umgebende Natur, die Flora und Fauna 
des Landes, das er bewohnt. Besonders sind es die Nutzpflanzen 
und Nutzthiere, deren Verbreitung in des Mejischen materielle und 
moralische Cultur tiefer eingreift als andere anscheinend wichtigere 
Ursachen. So lässt sich die tiefe Stufe, auf welcher der Australier 
steht, ganz leicht — neben der eigen thümlichen Gestaltung des Landes 
— aus der äusserst beschränkten Anzahl der Nutzpflanzen und 
Nutzthiere begreifen, welche ihm von der Natur zur Verfügung 
gestellt waren. Der Polynesier wäre gewiss weiter fortgeschritten, 
wenn er einerseits nicht auf so arme Inselchen verschlagen worden 
wäre, andererseits ihm säbare Nutzpflanzen und grössere, stärkere 
Nutzthiere zu Gebote gestanden hätten. Und gewiss wäre auch der 
Amerikaner, vorausgesetzt der grössere Theil des von ihm bewohnten 
Coutiueutes wäre günstiger gestaltet, nicht Jäger und Fischer ge- 
blieben, wenn ihm von der Natur eine grössere Anzahl von Nutz- 
pflanzen und irgend ein grösseres zähmbares Thier zur Verfügung 
gestellt worden wären. 

§. IG. 

Ueber die Culturstnfen und Culturherde der Menschheit. 

Ausser dem nun dem Aussterben zueilenden Australier gibt 
es wol kaum eine Menschenrasse, die auf einer so tiefen Stufe 
materieller und geistiger Entwicklung stünde , dass man sie , falls 
sie keine Sprache und die darauf basirte gesellschaftliche Eutwick-r 
lung hätte, kaum vom Thiere unterscheiden könnte. Die Bedürfnisse 
des Australiers sind rein thierischer Natur. Seine Wohnung ist 
von den Lagerstätten der Thiere, den Nestern der Vögel wenig 
verschieden. Er baut weder Nutzpflanzen, noch sammelt er irgend 
welche Vorräthe ein. Er jagt und fischt mit den cinfaclisteu und 

4* 



52 

primitivsten Werkzeugen, sobald ihn der Hunger quält; ist dieser 
befriedigt, so hat die Arbeit auch ihr Ende. Ausser der natürlichen 
Zuneigung zu den Kindern und, wenn er von Geschlechtslust erregt 
ist, zum Weibe, welche allen Thieren gemeinsam ist, finden sich 
bei ihm wenige Elemente eines Familienlebens vor. 

Auf einer bedeutend höheren Stufe stehen die Fischer- und 
Jägervölker Amerikas und Nordasiens. Wenn auch die Redürfnisse 
vorwiegend sinnlicher Art sind, so haben sie doch schon einen Zweck 
— den der Bequemlichkeit. Die Wohnung wird meistens derart 
aufgebaut, dass sie dem Sturm und Regen Trotz bietet und dagegen 
hinreichenden Schutz gewährt. Man richtet sie wohnlich ein und 
verbirgt in derselben seine Geräthschafteu. Meistens ist der Sinn 
nicht nur auf die Nützlichkeit, sondern auch auf die Schönheit ge- 
richtet; die Wohnung wird in verschiedenartiger Weise geziert. 

Obschon der Jäger und Fischer in seltenen Fällen — und 
dies nur nebenbei — sich auf den Anbau von Nutzpflanzen einlassen, 
so sammeln sie doch meistens Vorräthe verschiedener krt ein. 
Schon auf dieser Stufe offenbart die Arbeit ihren veredelnden Einfluss. 
Sie stählt den Menschen und gibt ihm ein gewisses Bewusstsein. 
Sie erhöht seine physische Kraft und verleiht ihm gegenüber seinen 
Genossen einen gewissen Adel. Durch das Zusammeuwohnen in 
grösseren Gemeinschaften entwickeln sich die Familienverhältnisse 
immer mehr und mehr und stellen sich auch bestimmte sittliche 
und religiöse Begriffe ein. 

Auf einer höheren Stufe der Entwicklung stehen die ver- 
schiedenen Nomadenvölker. Jägerei und Fischerei sind ein unsicheres 
Gewerbe. Sie reiben des Menschen Kraft zu viel auf, ohne ihm 
immer ausgiebige Nahrung zu bringen. Sie machen ihn wild und 
trotzig; nicht nur das Wild, welches er verfolgt, sondern alle seine 
Mitmenschen, die unmittelbar den Ertrag seiner Jagd schmälern, 
sind seine Feinde. Mit wilder Brutalität entringt er der Natur 
seinen Unterhalt. Anders der Nomade. Dieser hat das Thier ein- 
gefangen, durch saufte Behandlung an sich gewöhnt und gezähmt. 
Dieses Tliier treibt er auf die besten Weiden ; und da der Boden, 
auf welchem er wohnt, diese nicht immer bietet, so zieht er mit 
demselben umher. Der Umgang mit dem zahmeu Thiere macht 
ihn selbst milder und mitleidsvoller. Dadurch, dass er einerseits 
seine Kräfte zur Erzielung des Lebensunterhaltes weniger anzustren- 
gen braucht, andererseits der Zukunft mit mehr Sicherheit und 
Zuversicht entgegensehen kann, vermag er manche andere Bedürf- 



53 

iiisse zu befiiedigeu und sein Leben angenehmer zu gestalten. 
Wegen des grösseren Ertrages, den die Viehzucht gegenüber der 
Jagd gewährt , ist es nicht mehr nöthig, in abgesonderten kleinen 
Stämmen über das Land zerstreut zu wohnen. Es können sich 
grössere Gesellscliaften bilden: in Folge dessen entwickeln sich die 
Familienverhältnisse immer mehr und mehr, die sittlichen und 
religiösen Ideen werden klarer. 

Doch nat das Nomadenthum eine grosse Schattenseite. Es 
zwingt die Stämme zu immerwährendem Wandern, wodurch viel 
Zeit, an der wohl dem Nomaden wenig liegt, verloren geht. Nebst- 
dem ist es noch zu sehr auf die Stillung der täglichen Bedürfnisse 
berechnet und nicht im Stande eine grössere Menschenmenge dauernd 
zu ernähren. Letzteres vermag der Ackerbau allein zu leisten. 

Daher steht der Ackerbauer höher als der Nomade. Der Acker- 
bau allein ist im Stande, eine Cultur, welche über die täglichen 
Bedürfnisse hinausgeht, zu erzeugen. Der Ackerbau macht dem 
Wandern Einhalt und bewegt den Menschen, nicht nur seine Hütte 
fester und wohnlicher aufzubauen, sondern seine ganze Umgebung 
sich einzurichten. Die Pflege des Bodens erfordert eine gleich- 
massige Arbeit, die dem Nomaden fremd ist. Trotzdem gewinnt 
der Ackerbauer, da er des zeitraubenden Wanderns überhoben ist, 
so viel Zeit, um auch andere Bedürfnisse, welche sich regen, zu 
befriedigen. Dazu gibt ihm nicht nur der reichliche Ertrag seines 
Bodens hinreicliende Mittel, sondern derselbe setzt ihn auch in 
den Stand, Andere für gewisse ihm zu leistende Arbeit und Dienste 
zu ernähren. 

Während der Nomade in weit von einander liegenden Ge- 
sellschaften zu wohnen gezw'ungen ist , da er grössere Strecken 
Weidelandes zur Ernährung seiner Herden benöthigt, können die 
Ackerbauer ganz nahe zusammenrücken und in grossen Gemein- 
schaften zusammen wohnen. Es können sich nicht nur Gemeinden, 
sondern auch Staaten bilden. Allen jenen Bedürfnissen der Kleidung 
und Nahrung, welche vom Jäger und Nomaden innerhalb der Familie 
befriedigt werden, Avidmen sich nun Leute von besonderer Kunst- 
fertigkeit: Es entwickelt sich die Industrie. 

Wir sind damit bei den Bedingungen der Cultur angelangt. 
Nicht auf jedem zur Ausübung des Landbaues tauglichen Fleck 
Landes kann sich aber eine höhere Cultur entwickeln. Es sind nur 
einzelne grosse, durch massenhafte Gebirge geschützte und von be- 
deutenden Strömen durchschnittene Ebenen, oder günstig gelegene 



54 

Inseln, auf denen sich die Menschen zu grösseren Gesellschaften 
ansammeln und in wechselseitigem Verkehr mit einander die 
Elemente der Cultur selbständig erzeugen können. Und deren sind 
auf der ganzen bewohnten Erde nicht viele. 

Im äussersten Osten ist es China, drei von Gebirgen einge- 
schlossene und von drei mächtigen Strömen durchschnittene grosse 
Becken. Diese drei Flüsse sind von Norden nach Süden der Hoang- 
ho, der Yang-tse-kiang und der Tschu-kiaug. Die Gebirge liefern 
alle Mineralien, deren die Civilisation bedarf, während die Ebenen 
eine Fauna und Flora beherbergen, welche alles darbieten , um des 
Menschen Bedürfnisse zu befriedigen und neue zu wecken. Auf der 
östlichen Seite, wo das Meer die Grenze bildet, liegen gut gegliederte 
Meeresküsten, um einen Verkehr zwischen den einzelnen Theilen 
aufkommen zu lassen. 

Dieses Land wird, soweit unsere historische Kunde reicht, 
von einem Volke bewohnt, welches ohne irgend einen näheren Ver- 
kehr mit den Völkern des westlichen Asiens und Indiens aus sich 
selbst eine eigenthümliche Cultur erzenste, welche, grundverschieden 
von jener des Abendlandes, eine eben so grosse, wenn nicht noch 
grössere Anzahl von Völkern beeintlusst hat. Diese Cultur ist wahr- 
scheinlich älter als die westliche und stellt ihr in keiner Beziehung 
nach, sie kann überhaupt mit dieser vermöge ihres ganz heterogenen 
Charakters gar nicht verglichen, geschweige denn an ihr gemessen 
werden. 

Als zweiter Culturherd der Menschheit kann die Halbinsel 
Indien, besonders der nördliche Theil derselben, gelten. Auch 
hier entwickelte sich frühzeitig eine selbständige Cultur mit eigen- 
thümlicher Richtung. Im Verlauf der Geschichte wurden die Keime 
derselben nach Osten und Südosten weiter getragen, wo sie auf den 
grösseren Inseln des Archipelagus und den Halbinseln Hinterindiens 
weiter gediehen. Auf den letzteren Punkten traf die indische 
Cultur mit der chinesischen oft zusammen. Alle diese Keime 
konnten aber selten tiefere Wurzel schlagen und sich eigenthüm- 
lich gestalten, da ihnen manche Hindernisse, v/elche in der Rassen- 
verschiedenheit ihren tiefsten Grund haben, entgegentraten. 

Als dritter selbständiger Culturherd Asiens kann die grosse 
von den beiden mächtigen Strömen Euphrat und Tigris durch- 
schnittene Ebene Mesopotamien sammt den im Osten und 
Westen sich daran scliliessenden Gegenden bezeichnet werden. Die 
Ebene des Euphrat und Tigris war frühzeitig der Sitz der hamitischen 



55 

Cultiir und blieb es ;iucli später, als die Semiten sich dieser Gegen- 
den bemächtigten. Dort wurden die ersten grösseren Städte ge- 
gründet, dort entwickelten sich die Aufäuge einer Kunst, welche 
später von den Völkern des Westens ihrer Vollendung zugeführt 
wurde. Gewiss nicht ohne Eiutiuss dieser Culturstätten entfaltete 
sich einerseits die eranische, andererseits die vorderasiatische semi- 
tische Cultur. In Erän kann man das Fortschreiten der Cultur 
von Westen nach Osten ganz genau verfolgen. Die Annahme einer 
alten Cultur, die sich im Osten selbständig entwickelt hat und nach 
und nach gegen Westen vorgedruugen sein soll, ist ganz und gar 
ungegrflndet und widerspricht allen culturhistorischen Erfahrungen. 
Gewiss ist die eranische Tradition im vollen Rechte, wenn sie ihren 
Religionsstifter Zarathustra im Westen geboren sein und von da 
aus nach Osten wandern lässt. 

Auch die Cultur der vorderasiatischen Semiten und semitisir- 
ten Hamiten kann den Einfluss, welchen sie von den im Osten 
gelegenen Tigris- und Euphratländern empfangen, nicht verläugnen. 
Die Sage der Semiten lässt sie von den Gebirgen im Norden dieser 
Ebenen abstammen und in das von den Hamiten besetzte Land 
einwandern. Alle wesentlichen Cultureinrichtungen der Semiten 
tragen den hamitischen Typus deutlich an sich. 

Als vierter Herd einer selbständigen Cultur kann das Nilthal 
Aegypten-s gelten. Dieses Land ist für den Culturhistoriker und 
denkenden Geschichtschreiber besonders deswegen interessant, weil 
er an ihm die verschiedentlichsten Bedingungen der Cultur besser 
und umfassender studiren kann als an irgend einen» anderen Lande 
der Erde. Die ganze Cultur Aegyptens ist eine Gabe des Nil. 
Nur dadurch, dass dieser mächtige Strom seine schlammigen Wogen 
durch das trockene, am Rand der Wüste gelegene Thal dahinwälzt, 
war es möglich, dem Boden so viel Ertrag abzuge^vinnen, dass da- 
mit nicht nur die nach den Angaben der Alten fabelhaft zahlreiche 
Bevölkerung Aegyptens ernährt werden konnte, sondern dass auch 
durch den Verkauf der Produkte nach aussen Mittel zur Befriedi- 
gung der verschiedenartigsten Bedürfnisse des Luxus übrig blieben. 
Die Cultur Aegyptens ist echt iiamitisch, sie kann ihre tiefste Ver^ 
wandtschaft mit der CuHur Mesopotamiens niemals verläugnen. 

Als fünften Cullurherd innerhalb der Grenzen der alten Welt 
betrachten wir die Meeresküsten und Inseln V o r d e r a s i e n s mit 
den gegenüberliegenden Halbinseln und Inseln I^nropas. nämlich 
Griechenland und Italien. Hier war der Boden bereits durch 



56 

hamitisclie uud semitische Einflüsse vorbereitet, als die beiden 
Zweige des reichbegabteu indogermanischen Yolksstammes, die 
Hellenen uud Italer, von demselben Besitz nahmen. Durch rüstigen 
Verkehr mit einander und mit der ganzen damals bekannten Welt 
brachten sie die Cultur zu einer Blüte, welche sie vor dem nie 
erreicht hatte. Diese Cultur unterschied sich von den andern durch 
einen wesentlichen Punkt: durch die Universalität. Sie war aus 
den Bedürfnissen zur Vollendung entwickelter Menschlichkeit ent- 
sprungen und auf die Befriedigung derselben berechnet. Dadurch 
war sie im Stande überall dort, avo durch eine nationale Gesittung 
der Weg geebnet war, Eingang zu üuden und sich also über die 
ganze civilisirte Welt zu verbreiten. 

Nachdem die alten Culturen ihre Rolle ausgespielt hatten und 
durch Vereinigung westlicher und orientalischer Cultur-Elemente sich 
eine neue Cultur vorbereitete, brachte die Vorsehung aus ihrer ge- 
waltigen Rüstkammer Centralasieu neues frisches Blut in die da- 
mals entnervte und verpestete Menschheit. Es waren wieder zwei 
Sprossen der indogermanischen Familie, die Germanen uud 81a ven, 
denen es vorbehalten blieb, auf Grundlage dessen, was andere ge- 
leistet, eine neue Cultur zu entwickeln. Der Boden, den sie sich 
dazu auserkoren, war zwa/ nicht geebnet — er bedurfte harter 
Mühe und Arbeit — aber keiner scheint von der Xatnr besser ge- 
schaffen als er. Es ist Europa — gegenwärtig die Beherrscherin 
der gesammten Menschheit. 

Gehen wir auf Amerika über, so zeigt sich an mehreren 
Punkten im Allgemeinen der Boden für den Anbau von Nutzge- 
wächsen nicht ungeeignet, da er hinreichend bewässert wird. Jedoch 
fehlt hier eine wesentliche Hauptbedinguug, nämlich einerseits die 
passenden Nutzpflanzen, andererseits die zur erfolgreichen Bebau- 
ung des Bodens uothwendigen grösseren Nutzthiere. Zudem muss 
Nordamerika bis gegen Mexico herab aus der Reihe der cultur- 
erzeugenden Landstriche deswegen ausgeschieden werden, weil auf 
ihm das Verhältuiss der Wärme zur Bewässerung in einem umge- 
kehrten Verhältnisse steht. Während die östliche Seite ausgedehnte 
Landstriche besitzt, die von mächtigen Strömen bewässert werden, 
empfangt sie nicht die zum Gedeihen der Organismen erforderliche 
Wärme; dagegen ist die westliche Seite, wo die Wärme vorhanden 
ist, aller grösseren Flüsse bar, leidet daher an allzugrosscr Dürre. 
Auch Südamerika scheint der Entwicklung einer selbständigen 
Cultur nicht sehi- förderlich. Wohl ist jenes Missverhältuiss zwischen 



57 

Fouclitigkeitsnit'iif^e und Wärme, welches in Nordamerika so störend 
einwirkt, niclit vorhanden. Im Süden vom Aequator ist die öst- 
liche Seite des Welttheiles gegen die westliche wärmer und wird 
auch, gleichwie die nördliche Abtheilung, von grösseren Strömen 
durchschnitten. Zu dieser reichlichen Bewässerung treten noch 
zahlreiche periodische Regen, in welchen sich die vom Meere aus 
über das Land hinziehenden und an den hohen Gebirgszügen auf- 
gefangenen Wolkenmassen entladen. 

Durch alle diese Umstände wird die Natur zu immerwähren- 
der Production angeregt. Es ist ein ewiges Erzeugen neuer Organis- 
men ohne Zweck, blos nach dem ewigen Gesetze der Natur, dem 
gegenüber zwar jeder Organismus Berechtigung hat, die aber indirect 
das Schwache in die Gewalt des Starken liefert. Einer solchen 
mächtigen Natur gegenüber steht der Mensch ohne irgendwelchen 
starken Gehilfen aus dem Thierreiche ganz machtlos da. Wie soll 
er, der Schwache, dessen Organismus für schwere Arbeit unter der 
tropischen Sonne gar nicht eingerichtet ist, den Boden bebauen ohne 
das starke muthige Pferd, das ausdauernde ßind, den gewaltigen 
Büffel? 

Es bleiben in Amerika daher nur noch die Länder der Mitte, 
Mexico sammt den Gegenden der Landenge und die Länder des 
westlichen Theiles des südlichen Continentes, vor allen Peru, über. 
Diese Länder sind die einzigen , welche die Bedingungen zur Ent- 
wicklung einer selbständigen Cultur in sich vereinigen. Mexico 
sammt den südlich davon gelegenen Ländern kann seiner Lage 
nach zwischen zwei grossen Meeren förmlich für eine Halbinsel 
angesehen werden. Sein tropisches Klima ist einerseits durch die 
hohe Lage des Landes, andererseits durch die vom Meere hervvehen- 
den Winde gemässigt. Feuchtigkeit ist in hinreichender Menge 
vorhanden. 

Diese Gegenden waren auch die einzigen der neuen Welt, 
welche eine selbständige Cultur hervorgebracht haben. Wenn wir 
bedenken, dass diesen Völkern das Eisen und die stärkeren Nutz- 
thiere abgingen, die Zahl der ihnen zu Gebote stehenden Nutz- 
pflanzen eine geringe war, und sie mit anderen Culturvölkern in 
gar keinem Verkehre standen, so dürfen wir ihre Anlagen nicht 
gering anrechnen und ihrem Streben und Hingen unsere Anerken- 
nung nicht versagen. 

Freilich erreichten sie nicht die Cultur des Abendlandes und 
eine Cultur mit Menschenopfern macht immerhin einen widerlichen 



58 

Eindruck; aber in einem Volke, welches einen Kalender zusammen- 
gestellt hat, der den griechischen weit übertrifft, müssen doch nicht 
ungewöhnliche geistige Kräfte geschlummert haben ! 

Zählen wir die angeführten Punkte zusammen, so gewinnen 
wir von der ganzen Erde etwa sieben Landstriche , welche die Be- 
dingungen zur selbständigen Entwicklung einer höheren Cultur in 
sich vereinigen. Doch wie sich aus naturhistorischen Prämissen 
erwarten lässt, und wie auch die Geschichte zeigt, führte die Cultur 
nicht überall zu demselben Ziele. 



§. 17. 
lieber die Bedingungen der Cultur. 

Im Allgemeinen spricht man schon dort von Cultur, wo der 
Mensch den rohen Zustand verlassen und sich an ein festes, durch 
Sitte und Gesetz geregeltes Leben gewöhnt hat. So können alle 
jene Staaten, in denen die Menschen sich fest niedergelassen und 
ihre gesellschaftlichen Verhältnisse durch Gesetze geregelt haben, 
Culturstaaten genannt werden. Doch eine solche Cultur ist mehr 
eine materielle und kann nur als Vorbedingung der geistigen 
Cultur gelten. 

Damit geistige Cultur entstehe, ist vor allem Anderen noth- 
wendig, dass sich Jemand der Pflege derselben widme. Li Gesell- 
schaften, wo alles mit Hand anlegen muss, um das tägliche Brot 
zu verdienen, ist dies von selbst nicht möglich, dagegen wohl in 
Gesellschaften, wo die Arbeit eines einzigen nicht nur ihn, sondern 
auch eine Reihe anderer zu ernähren vermag. Dies ist nach dem, 
was wir im vorigen bemerkt haben, nur in Ackerbaustaaten möglich. 

Jedenfalls können sich die obigen Zustände nur unter fried- 
lichen Verhältnissen entwickeln. Denn wenn auch in Kriegen kein 
grösserer, im Gegentheil ein geringerer Theil der Bevölkerung sich 
dem Ackerbau widmet, so ist doch entweder die grössere Anzahl 
der rüstigen Bewohner mit dem Kriegführen selbst beschäftigt oder 
die Gedanken des ganzen Volkes sind auf diesen Punkt so sehr 
concentrirt, dass an die Pflege der Bildung und anderer damit zn- 
samiuenhängender Dinge kaum gedacht werden kann. 

Durch ungleiche Vertheilung des Grundes unter die verschiedenen 
Glieder und Familien eines Volkes schon bei Besetzung des Landes 
(denn ein auf persönliche Tüchtigkeit begründeter Adel besteht 



ÖD 

liberall), durch Conceutrirnng in Folge von Erbschaften einerseits 
und durch Zersplitterung in Folge von Theilungen unter die Nach- 
kommen andererseits wird in kurzer Zeit eine ungleiche Vertheilung 
des Besitzes unter den verschiedenen Mitgliedern des Volkes her- 
vortreten. Es kommt schliesslich so weit, dass die einen den 
Grund und Boden in ihren Händen haben, während die andern factisch 
nichts besitzen. Den letzteren bleibt nichts anders übrig, als für die 
ersteren den Boden zu bearbeiten, der auch für diese ohne die 
Hände ihrer Arbeiter nutzlos bliel)e. Dafür empfangen die Arbeiter 
ihren Lohn, dessen Höhe sich theils nach der Billigkeit der Lebens- 
mittel, theils nach der Concurrenz richtet. 

Die Lebensmittel sind um so billiger, je mehr ein Land er- 
zeugt, und je weniger der einzelne Mensch zu seiner täglichen 
Nahrung davon bedarf. Je billiger die Lebensmittel, um so grösser 
ist auch die Zunahme der Population, daher um so grösser die 
Concurrenz. 

Im tiefsten Grunde hängt daher die Hohe des Arbeiterlohnes 
von der Productivität des Bodens und der Grösse der Consumtion 
ab. Erstere ist bekanntlich in warmen Klimaten am höchsten, 
letztere dagegen am geringsten. 

Der Ertrag des Bodens zerfällt in zwei Theile. Ein Theil 
davon — der Arbeitslohn — gehört dem Arbeiter; der andere 
Theil — der Nutzen — dem Besitzer. Es lässt sich nun leicht 
denken, dass dort, wo der Boden einen reichen Ertrag liefert und 
der Arbeitslohn gering ist (in warmen Ländern) der Nutzen ein 
viel grösserer sein wird als dort, wo der Boden einen mageren 
Ertrag liefert, und der Arbeitslohn verhältnissmässig hoch ist (in 
kalten Ländern). Im ersteren Falle sammelt sich schnell Reichthum 
an, während es in letzterem Falle nur selten zu einer Anhäufung 
desselben kommt. 

Eine natürliche Folge des Reichthumes ist der Luxus, eine 
Folge des Luxus die Erzeugung einer Reihe sowohl materieller 
als geistiger Bedürfnisse. Doch wird sich der Luxus sammt den 
ihm entsprungenen Bedürfnissen natürlich auf jene Klasse be- 
schränken, welcher die Mittel zur Befriedigung derselben zu Ge- 
bote stehen, nämlich auf die besitzende Klasse. Diese kann daher 
auch als gebildete Klasse gelten. 

Und in der That finden wir die Verhältnisse derart gestaltet, 
wenn wir die Geschichte darüber zu Rathe ziehen. So war es in Indien 
und Aegypten, wo eine Klasse sich des Besitzthums und der Bildung 



60 

erfreute, die andere Klasse dagegen unermüdet arbeitete. So scheint 
es auch in den Ländern zwischen dem Euphrat und Tigris gewesen 
2u sein. Auch im alten Griechenland und Rom waren die Bildung 
und die Freiheit nur auf Grundlage der Sclaverei möglich. 

Wir sehen daher in den alten Ciüturstaaten, besonders in 
jenen, welche im lieissen Klima gelegen sind, Keichthum und Bildung 
als vorherrschenden Besitz einer bestimmten Klasse, während der 
übrige Theil des Volkes zu beständiger Arbeit und Verdummung 
verurtheilt ist. Mit dem. Ansehen des Keichthums steigt auch das 
Ansehen des Besitzers, die Verachtung des Besitzlosen. Eine Folge 
davon sind die üeberhebung und die despotische Gesinnung des 
einen, die Demuth und die sclavische Unterwürfigkeit des andern. 
In solchen Staaten gibt es nur Herren und Sclaven, Gelehrte und 
Dummköpfe. 

Ein allgemeiner Wohlstand und eine allgemeine Bildung sind 
nur unter einem Volke von „Herren" möglich. Dazu sind vor 
allem ein Boden, der nicht allzuviel producirt und ein Klima er- 
forderlich, das dem Menschen reichliche und substantiöse Nahrung 
vorschreibt. Diese Bedingungen erfüllen nur Europa und das Eeich 
der Mitte. Auch Nordamerika, mit europäischen Colonisten bevölkert 
und mit den Nutzpflanzen und Nutzthiereu der alten Welt versehen, 
kann Europa und China an die Seite gestellt werden. 

Dies sind die einfachen Gesetze, welche die Natur dem Men- 
schen dictirt. Oft mag sie freilich der kurzsichtige Mensch anderswo 
suchen und manchmal sogar durch seine Bemühungen umzustossen 
glauben. Es gelingt ihm wohl zeitweilig die Natur zu zwingen, 
aber diese zerbricht endlich die Fesseln und wirft den verwegenen 
Frevler zu Boden. 



g. lö. 

Ueber die Wciiideiuiigeii der Rassen und Völker.*) 

Wenn wir es unternehmen, diese Frage einer kurzen Betrach- 
tung zu unterziehen, so müssen wir im vorliinein erklären, dass wir 
nur jene Wanderungen ins Auge fassen werden, welche die Schich- 
tung der heutzutage existirendeu Rassen und Völker erklären und 
sich aus geAvissen Thatsachen mit einiger Sicherheit ergeben. Wir 



*) Vergl. Crawfurd. John. Oii tlic early uiigrations of man (Trans- 
actions of tlie ctlinological society of London. New Seriös, III, 335). 



61 

werden daher niclit auf jene Wanderungen uns einlassen, welche 
die einzelnen Kassen von dem hypothetischen Ursprungs -Cen- 
trum des Menschengeschlechtes aus unternommen haben mögen^ 
auch nicht auf eine Betrachtung jener Wanderungen, welche manche 
Völker gemacht haben, die gegenwärtig nicht melir existireu. 

Ausser dem Urbewohner des australischen Festlandes, haben 
fast alle Rassen und Völker mehr oder weniger weite Wanderungen 
unternommen. Warum aber der Australier keine über seine ur- 
sprüngliche Heimat hinausgehenden Wanderungen unternommen hat, 
dafür dürfte es mehrere gewichtige Gründe geben.^ Erstens erhob 
er sich vermöge der Natur seines Landes, bei dem Mangel an 
Nutzthieren und Nutzpflanzen, zu keiner des Lebengenusses sich 
Itewusst werdenden Culturstufe, und zweitens war das Land ausge- 
dehnt genug, um die beschränkte Anzahl der Individuen in sich 
aufzunehmen und die geringen Ansprüche derselben zu befriedigen. 

Ob der unmittelbare Nachbar des Australiers, der Papua, 
jemals Wanderungen unternommen hat, ist fraglich; man könnte 
vermöge des ümstandes, dass er durchgehends Liseln bewohnt und 
seine längs der Küste aufgeführten Wohnungen den in den Seen 
]\Iittel-Europas entdeckten Pfahlbauten ähneln, die Frage eher be- 
jahen als verneinen. Die ganze Frage hängt jedoch überhaupt aufs 
innigste mit einer zweiten zusammen, ob man nämlich annimmt, 
dass jenes ehemalige Festland, von dem die Inseln des indischen 
Archipels Bruchstücke darstellen, bei seiner Senkung bereits bewohnt 
war, oder ob die einzelnen Inseln von einem Oentrum aus nach und 
nach bevölkert worden sind. 

Keine der bekannten Rassen hat so viele Wanderungen unter- 
nommen, wie die malayishe. Die Verbreitung dieser Kasse von 
Madagascar im Westen bis zur Oster-Insel im Osten und von den 
Sandwich-Inseln im Norden bis nach Neu-Seeland im Süden steht 
beispiellos da. Und dennoch ist diese Verbreitung von einem be- 
stimmten Punkte aus von Insel zu Insel erfolgt, wie die Sagen der 
einzelnen Inseln und die Verwandtschafts- Verhältnisse der Idiome 
der einzelnen Stämme be^veisen. (Vgl. den Abschnitt über die Malayen), 

Afrika beherbergt gegenwärtig fünf von einander verschiedene 
Rassen , nämlich die hottentotische im äussersten Süden und Süd- 
westen, die Kaifern-Rasse , von der Hottentoten-Rasse aufwärts bis 
an und über den Aequator, die Neger-Rasse im sogenannten Sudan, 
die Fulah-Rasse, eingekeilt zwischen der Neger-Rasse und von Osten 
nach Westen in einer Linie sich hinziehend, und endlich die mittel- 



62 

läudische Rasse im Norden und Nordosten bis zum Aequator 
herab. Von diesen fünf Kassen sind nur die vier ersten autoclithou, 
während die letzte erwiesenermassen aus Asien eingewandert ist. 

Die Hottentoten waren ehemals die ausschliesslichen Bewohner 
des südöstlichen Theiles Afrikas von der Spitze an bis etwa 
zum 18. bis 19. Grad südlicher Breite. Sie w'urden aus ihren 
Wohnsitzen durch die von Norden her andrängenden Kaffern-Völker 
vertrieben und zuerst in den tiefsten Süden und später von dort 
längs der Westküste gegen Xorden gedrängt, bis sie sich in jenen 
'Gegenden, welche sie gegenwärtig inne haben (bis zum 19. Grade 
südlicher Breite) festsetzten. 

Die nördlichen Nachbarn der Hotteutoten, die Kaffern, sind 
in den südlichen Gegenden, wo sie gegenwärtig am zahlreichsten 
vorkommen, nicht autochthon, sondern dort eingewandert. Sie sassen 
ehemals weiter nördlich und standen durch längere Zeit in naher 
Berührung mit den aus Asien eingewanderten hamitischen Völkern, 
wie dies ihre Idiome deutlich beweisen. Diese können sich vermöge 
ihres Typus und ihrer innigen Verwandtschaft untereinauder nicht 
vor gar langer Zeit aus der für sie anzunehmenden Ursprache heraus- 
differenzirt haben, sie konnten also immer noch eine Einheit bilden, 
als die Hamiten vom Norden her in Afrika einwanderten ; sie zeigen 
aber auch in der That so nahe Berührungspunkte mit den hami- 
tischen Idiomen, dass man diese ohne Annahme directer Einflüsse 
zu erklären ausser Staude ist. Neben dieser Wanderungsrichtung 
von Norden nach Süden, die aus der soeben angeführten Thatsache 
sich ergibt, wurde aber auch eine andere, von Ost nach West, quer 
durcli den Continent, später eingeschlagen. Sie geht aus dem Um- 
stand liervor, dass die Sprachen mehrerer Stämme im äussersten 
Nordwesten des Verbreitungs-Bezirkes der Kaffern-Basse die innigste 
Verwandtschaft mit den Sprachen des äussersten Nordostens zeigen, 
eine Verwandtschaft, die sich nicht durch das Zurückgehen beider 
auf die allen Kaffer- oder Bantu-Völkern gemeinsame Ursprache, 
sondern durch Ableitung von einem Zweige dieses ürstammes ge- 
nügend erklären lässt. 

Dass die Fulah-Easse in jener Gegend, wo sie gegenwärtig 
ihren Sitz hat, nicht autochthon ist, dies beweist schon ihre Ver- 
breitung inmitten der Neger-Kasse. Eine solche Schichtung zweier 
Rassen kann nicht ursprünglich sein, sondern setzt verschiedene 
Wanderungen beider voraus. Nach unserer Ansicht sass der Fulah 
ursprünglich nördlich vom Neger, vielleicht in den gegenwärtig von 



63 

den Berberil eingenomnienen Laudstrichen, und drang nach und nach 
vom Nordwesten her in die von ihm occupirten Gegenden ein, von 
wo er sich gegen Osten bis Nubieu verbreitete. Wir stützen diese 
Ansicht auf die ualie Verwandtschaft der Fulah-Rasse mit der 
mittelländischen , was eine Mischung vorauszusetzen scheint , sowie 
auf mehrere Berührungspunkte, welche die Fulah-Idiome mit den 
hamitischen Spraclien gemeinsam haben. 

Dass die einzelnen VCdker, in welche die Neger-Kasse zerfällt, 
viele Wanderungen unternommen haben, dafür spricht vor Allem 
die grosse Anzahl der Stämme, welche sprachlich von einander 
getrennt sind und von denen nur einige eine Verwandtschaft mit 
einander vorratheu. Zu diesen Wanderungen mag nicht wenig die 
Sclaverei beigetragen haben, welche keineswegs eine Erfindung der 
Weissen ist, sondern schon lange von den Schwarzen untereinander 
geübt wurde. Es ist niclits Seltenes , dass mancher Negerstamm 
von demselben Schicksale betroffen wird, welches wir unter uns au 
den Juden und Armeniern vollführt sehen. 

Alle diese Wanderungen der vier autochthonen Rassen Afrikas 
sind aber nicht freiwillig, sondern unter dem Zwange äusserer Ver- 
hältnisse unternommen worden. Und zwar war es die massenhafte 
Einwanderung der mittelländischen ßasse und davon speciell des 
hamitischen Volksstarames, welche die Autochthonen Afrikas zwang, 
den ihnen geistig und körperlich überlegenen fremden Einwanderern 
Platz zu machen und sich nach dem Süden des Continentes zurück- 
zuziehen. Der Beginn dieser Wanderungen fällt in eine sehr frühe 
Zeit, w'elche sich auf folgende Weise ungefähr bestimmen lässt : 

Von den eingewanderten hamitischen Stämmen sind die Aegyp- 
ter die letzten gewesen, da wir sie unmittelbar an der Landenge 
von Suez, über -welche die P^inwanderung stattgefunden hat, ansässig 
finden. Nun geht die beglaubigte Geschichte der Aegypter über 
4000 v. Chr. zurück, zu welcher Zeit sie bereits einen monar- 
chischen Einheitsstaat bilden, der auf einer hochentwickelten Cultur 
basirt. Wenn wir nun auch die geringste Zahl von Jahren für 
jene Periode ansetzen, innerhalb welcher die Aegypter ihre Cultur 
aus den rohesten Anfängen bis zu jener Höhe entwickelten , welche 
uns aus ihren Denkmälern entgegentritt, nämlich 1000 Jahre, so 
kommen wir mindestens auf das Jahr 5000 als jenes der Einwande- 
rung der Aegypter in Afrika zurück. Nun sind vor den A.egyptern 
deren Verwandte , die Berber (mit ihrem Seitenzweige , den nun- 
mehr ausgestorbenen Guancheu), die Bedscha, die Somali, die Dankali, 



64 

die Galla imd andere Stämme in Afrika eingewandert, und da Völker- 
wanderungen nicht rapid, sondern successive zu erfolgen pflegen, 
so können auch ungefähr 1000 Jahre für die Wanderungs-Periode 
angenommen werden. Wir kommen dann mindestens auf das 
Jahr GOOO v. Chr., von dem aus wir die Bewegung der autochthonen 
Kassen und Völker Afrikas datiren können. 

Was nun die neue Welt betrifft, so sind hier nach unserer 
und anderer Forscher Ansicht mindestens zwei von einander 
verschiedene Kassen vorhanden, nämlich die Eskimo -Kasse, im 
höchsten Norden, und die Indianer -Kasse, von den Sitzen der 
Eskimo herab bis in den tiefsten Süden. Andere Forscher sind 
der Ansicht, dass jener Typus, den wir Indianer-Kasse genannt 
haben, in mehrere Rassen zu zerlegen sei, über deren Anzahl man 
bis jetzt noch nicht einig geworden ist. Mag sich nun die Sache 
wie immer verhalten, so stimmen doch darin so ziemlich alle über- 
ein, dass der Eskimo vom Indianer scharf zu trennen ist nnd kein 
Autochthone der neuen Welt, sondern ein späterer Einwanderer 
aus dem höchsten Xorden Asiens sein dürfte. 

Unter den Indianer- Völkern, deren nur wenige sich sprachlich 
in Gruppen vereinigen lassen (denn in Betreff der Sprache herrscht 
in Amerika dieselbe Verschiedenartigkeit wie beim Neger Afrikas), 
haben mehrere weit ausgedehnte Wanderungen unternommen. Mau 
kann diese Wanderungen am besten auf jenen Punkten verfolgen, 
welche als die Ziele derselben gelten können. Ein solcher Punkt 
ist in Nordamerika das fruchtbare Hochlaud von Mexico , gegen 
welches jene Stämme, die es im Norden unter ihren Verwandten 
zu einer höheren Cultur und grösseren Macht gebracht hatten, ihre 
Eroberungszüge richteten. — Wir finden da mehrere nacheinander 
auftretende Völker genannt, von welchen es niclit ausgemacht ist, 
ob sie von einander grundverschieden waren, oder iu irgend einem 
Verw;i::(ltscliafts- Verhältnisse zu einander standen. Die letzten dieser 
EinwuiKh'ror, die Azteken, kamen von Norden und liaben dort, wie 
die Spraclie beweist, noch heute ihre Verwandten. Nacli den neuesten- 
Untersuchungen dürften auch die riesigen Erdwälle, welche sich im 
Norden Amerikas finden, von einem den Azteken Mexikos nahe 
verwandten Volke herrühren und die rohen Vorbilder der colossalen 
Bauten Mittel-Amerikas repräsentiren. — Jedenfalls aber haben wir 
auf der nördlichen Abtheilung des amerikanischen Continents eine 
Völkerwanderung, deren Strom hauptsächlich von Norden nach 
Süden sich ergoss, anzuerkennen. 



()5 

Was Südamerika betrifft, so bildet, wie in Nordamerika 
Mexico, hier die Hochebene von Peru den Zielpunkt der Wanderungen. 
Auch hier treten uns successive mehrere Völker entgegen, deren 
letztes, das erobernde Inka-Volk der Quichuas, von den Spaniern 
bei der Entdeckung Perus angetroffen wurde. Gleich den Azteken 
in Mexico waren die Quichuas keineswegs die Urheber der einheimi- 
schen Cultur, sondern haben sich dieselbe von einem ihnen voraus- 
gegangenen Volke angeeignet. Obwohl es nicht unwahrscheinlich 
ist, dass Mexicos und Perus Cultur im tiefsten Grunde miteinander 
zusammenhängen, indem alte Cultur-Eleraente über den Isthmus 
getragen und beiderseits selbständig entwickelt worden sein konnten, 
so ist es doch sicher, dass Mexicaner und Peruaner isolirt standen 
und, wie in der alten Welt Ciiina und das übrige Asien, die einen 
von der Cultur der anderen keine bestimmte Xachricht hatten. 

Was die beiden Erdtheile Europa und Asien anlangt, welche 
in der That nur eine Einheit bilden, indem die Scheidung durch 
das zwischen ihnen liegende Gebirge als keine beide isolireude gelten 
kann, so haben wir, abgesehen von den früh ausgezogenen Malayen, 
vier autochthone Kassen anzuerkennen, nämlich die Hyperboreer- 
Rasse, im höchsten Norden längs dem Eismeere sich hinziehend, die 
Dravida-Rasse, im Süden Indiens, die hochasiatische Kasse, das 
mittlere und östliche Asien ganz erfüllend, und endlich die mittel- 
ländische Kasse, welche gegenwärtig den Süden Asiens von Indien 
an westlich, den Nordosten und Norden Afrikas und, mit Ausnahme 
des höchsLen Nordens und einiger Oasen in der Mitte und im Süden, 
ganz Europa bewohnt. 

Die Hyperboreer-Kasse war ehemals viel bedeutender, als sie 
gegenwärtig ist, wo sie nur eine unansehnliche Kuine bildet. Sie 
sass damals weiter südlich und wurde in den höchsten Norden von 
der sich gewaltig ausbreitenden hochasiatischen Kasse hineingedrängt. 
Dies beweist der Umstand , dass Angehörige dieser Kasse , freilich 
ihrer Nationalität bereits vollkommen entkleidet, in Central-Asien 
sich noch vorfinden. Wir meinen die sogenannten Jenissei-Ostjaken 
und die Rotten, nebst anderen kleinen Stämmen, welche sprachlich 
von den sie umwohnenden Ural-Altaiern geschieden sind und wahr- 
scheinlich mit den Jukagiren, Korjaken und Tschuktschen zu- 
sammenhängen. 

Die Dravida-Kasse hatte ehemals das ganze Indien vom Cap 
Komorin bis an den Himalaya inne und breitete sich auch über 

Müller, Allg. Kthnographie. 5 



66 

den Indus hinaus bis nach Belutscbistan aus. Von den eingewanderten 
Ariern gedrängt, musste sie sich immer mehr und mehr nach 
Süden zurückziehen, bis sie schliesslich auf den südlichen Theil der 
indischen Halbinsel, das sogenannte Dekhan, beschränkt wurde. 
Dass diese Kasse ehemals so weit hinaufreichte, wie wir augegeben 
haben, dies beweisen die Brahuis in Belutscbistan, deren Existenz 
in diesen Gegenden sich nur durch diese Annahme rechtfertigen 
lässt. Der Beginn der Wanderungen der Dravida-Rasse fällt mit 
dem Erscheinen der Arier im Pendschab zusammen, dürfte also 
etwa in das Jalir 2000 v. Chr. versetzt werden. 

Als Urheimath der sogenannten mongolischen, richtiger hoch- 
asiatischen Rasse muss das mittlere Asien angenommen werden. 
Von da aus breitete sich diese Rasse nach allen Richtungen, vor- 
wiegend aber nach Osten und Süden aus. Das vornehmste Volk 
dieser Rasse, die Chinesen, sind nach einer alten Tradition vom 
Westen her in die von ihnen besetzten beiden grossen Becken des 
Hoang-ho und des Jang-tse-kiang eingewandert. Vor ihnen war 
aber das Land bereits von einem anderen Volke besetzt gewesen, 
als dessen üeberreste die Stämme der sogenannten Miao-tse gelten 
können. Diese Stämme sind, wie man in neuester Zeit weiss, nicht 
Angehörige einer verschiedenen Rasse, sondern nur eines verschie- 
denen Volkes und hängen mit den Völkern Hinter-Indieus zusammen. 
Es muss also der ins graue Alterthum fallenden Einwanderung der 
Chinesen eine Einwanderung dieser zu derselben Rasse zählenden 
Aboriginer Chinas vorangegangen sein. 

Auch die Bewohner Japans sind nicht Autochthouen der von 
ihnen bewohnten Inseln, sondern vom Westen her eingewandert. 
Sie sollen bei ihrer Ansiedlung bereits Bewohner vorgefunden haben, 
welche von den Einwanderern durch ihre physische Complexion sich 
deutlich unterschieden. Da in der That in den südlichen Gegenden 
die Hautfarbe der Einwohner dunkel und das Haar etwas gekräuselt 
ist, so dürfte dies auf eine Mischung mit einer dunklen Rasse hin- 
deuten. Es wäre dann nicht unwahrscheinlich, dass die Papua-Rasse, 
deren Existenz auf den Philippinen und wahrscheinlich auch auf 
Formosa sichergestellt ist, sich ursprünglich bis nach Japan aus- 
gebreitet habe. 

Die Wanderung der hochasiatischen Rasse nach dem Westen 
muss frühzeitig begonnen haben , da wir die zu dieser Rasse ge- 
hörigen Lappen und Finnen im Norden und Nordosten Europas im 



67 

Altertbume schon finden. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass diese 
Rasse vor der Einwanderung der Gelten den ganzen Norden und 
Nordosten und vielleicht auch einen grossen Theil Mittel-Europas 
bewohnte. Viele Forscher halten jenes Volk, welches der steinernen 
Gerätlie und Waffen sich bediente, die man in Nord- und Mittel- 
pjuropa in neuester Zeit zahlreich aufgefunden hat, für einen Zweig 
der mongolischen Kasse. 

Danach dürfte Europa vor dem Auftreten der Indo-Germanen, 
welches mit dem Erscheinen der Etrusker und Gelten zusammen- 
fällt, nur von zwei Völkern bewohnt gewesen sein, nämlich von den 
Basken im Süden und den hochasiatischen Stämmen in der Mitte 
und im Norden. Diese Festsetzung der hochasiatischen Rasse in 
Europa, lange vor der Einwanderung der Indo-Germanen, lässt 
auf eine ins graueste Alterthum fallende Wanderung derselben 
schliessen. 

Nach unserer Ansicht war es vor allen diese Rasse, welche 
den Impuls zu den Wanderungen der die alte Welt bewohnenden 
Menschheit gegeben hat. Bekanntlich sind die Angehörigen derselben 
beinahe ausschliesslich Nomaden, deren Lebensunterhalt von dem 
Gedeihen ihrer Heerden und Weiden abhängt. Es durfte nur ein- 
mal ein Missjahr sich eingestellt oder eine Seuche die Heerden 
befallen haben, um diese kräftigen Horden zu zwingen, in das Ge- 
biet des Nachbars einzufallen und ihn aus seinen Wohnsitzen zu 
vertreiben. Dadurch wurde der Letztere gezwungen , seinen Nach- 
bar auf gleiche Weise zu verdrängen , worauf die verschiedenen 
Stämme gleich einem auf abschüssiger Ebene ruhenden Saudhaufen, 
von dem man ein einziges Körnchen in Bewegung gesetzt hat, nach 
allen Seiten sich ergossen. 

Denken wir uns die Indo-Germanen als Nachbarn der Hoch- 
asiaten und neben ihnen die Semiten sammt den Hamiten gelagert, 
so begreifen wir, dass in Folge eines Druckes der Hochasiaten auf 
die Indo-Germanen, diese wiederum auf die Semiten und Hamiten 
drücken mussten. Während die Letzteren nach Afrika abgedrängt 
wurden, wo sie den Impuls zu den auf Seite 62 ff. von uns be»- 
sprochenen Wanderungen der autochthonen Rassen gaben , rückten 
die Semiten in die von den Hamiten seither eingenommeneu Sitze 
ein und machten den Indo-Germanen Platz, sich nach Osten und 
Westen ungehindert zu verbreiten. Dort zwangen wieder die Indo- 
Germanen einerseits die Dravidas (in Indien), andererseits die Hocli- 



68 

asiaten (in Erau, Armenien, in Europa) zu jenen Wanderungen, 
welche wir oben in Kürze zu schildern Gelegenheit hatten. 

Neben dieser ersten Wanderung der hochasiatischeu Rasse, 
die lauge vor den Beginn der Civilisation Chinas und Aegyptcns 
fällt, treffen wir eine zweite, die den Impuls zu der unter uns all- 
gemein bekannten Völkerwanderung gegeben hat, welche von uns 
viel geuauer verfolgt werden kann, da sie bereits in die historische 
Zeit fällt. 

In Folge dieser Wanderung gelangten die Ungarn und Osmanen 
in die von ihnen eingenommeneu Wohusitze und traten durch das 
Hereiuströmen der germanischeu und slavischeu Völker in das Herz 
Europas jene Mischungen ein , in Folge deren die romanischen 
Völker entstaudeu und die verschiedenen germanisclieu und slavischeu 
Stämme sich zu bestimmten festen Individualitäten ausbildeten. 

Was uun die letzte der Rassen, die mittelländische, anbelangt, 
so scheint der Ursitz derselben im armenischen Hochlande gesucht 
werden zu müssen. Nur von da aus lassen sich die Wanderungen 
der vier Abzweigungen derselben, nämlich der Basken, der soge- 
nannten kaukasischen Völker, der Hamito-Semiten und der Indo- 
Germaueu leicht begreifen, während bei einer Verlegung des ürsitzes 
v/eiter nach Osten zwar die Verbreitung der Indo-Germanen, nicht 
aber der anderen drei Abzweigungen begreiflicli wird. 

Von den mittelländischen Stämmen sonderte sicli zuerst der 
baskische ab. nach Westen — Europa — sich wendend, ihm folgte 
der kaukasische, dessen nach Norden ziehende Schaareu in den Ge- 
birgen des Kaukasus ein Hinderniss fanden, das sie nur langsam 
sich verbreiten Hess. Die beiden übrig gebliebenen Stämme, näm- 
licli die Hamito-Semiten und Indo-Germanen, blieben geraume Zeit 
Nachbarn, was durch eine innige Verwandtschaft ihrer religiösen 
und Stammsagen bestätigt wii-d, und selbst nachdem eine Trennung 
derselben eingetreten war, bildeten noch Hamiten und Semiten eine 
ungetrennte Einheit. Letztere dauerte selbst während der Periode 
der Sprachentwicklung lange fort und löste sich erst, nachdem 
durch das Andrängen der hochasiatischen Horden die Hamiten von 
den Semiten abgedrängt und einerseits in die Tigris-Euphrat-Länder, 
andererseits nach Afrika vorgesclioben worden waren. 

Nachdem wir der Einwanderung der Hamiten in den forden 
Afrikas bereits bei der Betrachtuna" der Völker dieses Erdtheiles 



69 

gedacht haben , bleiben uns nur noch die Semiten und die Indo- 
Germauen zu betrachten übrig. 

Ueberall, wo die Semiten auftreten , sehen wir sie als Nach- 
folger der vor ihnen angesiedelten Hamiteu, so in Mesopotamien, in 
Palästina, in Nordafrika, wahrscheinlich auch in Arabien, wie mehrere 
in Süd-Arabien erhaltene, vom Arabischen ganz verschiedene Volks- 
dialekte zu beweisen scheinen, und selbst auf der letzten Ansied- 
lung der Semiten, welche vom südwestlichen Arabien und über das 
Meer stattfand, nämlich in Abessinien. Auf den meisten dieser 
Orte gehen die Hamiten in den Semiten ethnologisch auf, nur im 
^'olks-Charakter einzelne Spuren ihres Einflusses zurücklassend, so 
in Mesopotamien, in Palästina (die Phöuicier sind beispielsweise semi- 
tisirte Hamiten), in Abessinien. Nur dann, wenn mau weiss, dass 
die Bewohner Mesopotamiens semitisirte Hamiten waren, lässt die 
Uebereiustimmung der assyrisch-babylonischen (semitischen) Cultur 
mit der aegyptischeu (hamitischeu) sich begreifen. 

Was die Indo-Germanen betrifl't, so hat man anfangs deren 
Ursitz im Quellengebiete der beiden Flüsse Oxus und Jaxartes, auf 
der Hochebene Pamir gesucht, vermuthlich deswegen, weil dieser 
Punkt den Sitzen der beiden am weitesten nach Osten gezogenen 
Abzweigungen dieses Stammes, nämlich den Eraniern und den 
Indern, am nächsten gelegen ist und diese beiden Völker ervviesener- 
masseii von Nordwest und Nordost in ihre Sitze eingewandert sind. 
Man hat aber in der neuesten Zeit, wohl nicht mit Unrecht, gegen 
diese Ansicht geltend gemacht, dass der gemeinsame Sprachsatz der 
Indo-Germanen keine Spuren irgend welcher liekaimtschaft mit der 
Fauna und Flora Asiens verräth, dagegen die Bezeichnungen mehrerer 
allen indo-germanischen Völkern bekannten Bäume, wie der Birke, 
der Buche, der Eiche , eher nach Ost-Europa als nach Asien hin- 
weisen. Es haben daher mehrere Gelehrte den Ursitz der Indo- 
Germanen, d. h. jenen Punkt, auf welchem sie noch zuletzt als 
ungetrennte Einheit sasseu, in der litauisch-russischen p]bene, ja 
sogar noch weiter westlich gesucht. 

Wenn wir nun auch, conform dieser Ansicht, welche eine grosse- 
Wahrscheinlichkeit für sich hat, annehmen, der Ursitz der Indo- 
Germanen sei im Südosten Europas zu suchen, so sind die Indo- 
Germanen auf diesem Punkte nichts weniger denn als Antochthonen 
zu betrachten, sondern sind dort vom armenischen Hochlande in 
unvordenklicher Zeit eingewandert. Zu dieser Annahme werden wir 



70 

nothweudig durch die Rasseneinheit der ludo-Germauen mit den 
Hamito-Semiteu und den Kaukasiern gezwungen , welche beiden 
Volksstämrae unmöglich von Westen her in das über Mesopotamien 
gelegene Hochland eingewandert sein können. 

Wie bekannt, zerfallen die Indo-Germanen in acht Stämme, 
nämlich: Inder, Eranier, IJlyrier (als deren Ueberrest die heutigen 
Arnauten oder Schkipetaren zu betrachten sind), Griechen, Italer. 
Gelten, Slaven und Germanen, welclie Avieder, je nachdem sie früher 
oder später vom gemeinsamen Stocke sich losgetrennt und längere 
oder kürzere Zeit unter einander eine Einheit gebildet haben, in 
mehrere Gruppen zerfallen. A. Schleicher, der diese Frage besonders 
eifrig verfolgt hat, nimmt zuerst eine Spaltung der Indo-Germanen 
in zwei Gruppen an, nämlich Germanen und Slaven einerseits und 
Arier (Inder und Eranier), Griechen, Italer und Gelten andererseits, 
wobei die Illyrier zu den Griechen gezählt werden. Später 
schieden sich auf der einen Seite die Germanen von den Slaven, 
auf der anderen Seite die Arier von den übrigen drei Stämmen, 
und setzte dann jede Gruppe für sich in derselben Weise die 
Spaltung fort. 

Gegen diese Ansichten sprechen manche gewichtige Thatsachen, 
und wir erlauben uns dagegen unsere Ansicht, welche auf einer 
sorgfältigen Erwägung gerade dieser Thatsachen beruht , in Kurzem 
anzudeuten. Danach lösten sich zuerst die Illyrier von dem gemein- 
samen Grundstocke los, und zogen nach Süden, wo sie die Balkan- 
Halbinsel und die Küsten der italischen Halbinsel in Besitz nahmen. 
Später zerfiel der übrig gebliebene Grundstock in zwei Theile, 
nämlich einerseits Gelten , Italer und Griechen , andererseits Arier, 
Slaven und Germanen. Darauf lösten sich von der ersten Gruppe 
die Gelten los, gegen Westen ziehend, während Italer und Griechen 
noch geraume Zeit beisammen blieben; ebenso sonderten sich die 
Germanen von den Ariern und den Slaven , gegen Norden sich 
wendend. Zuletzt endlich lösten sich die Italer von den Griechen 
und die Slaven von den Ariern, welche ihrerseits auch in Eranier 
und Inder zerfielen. Aber auch nach dieser allseitigen Lostrenuung 
blieben noch manche der Völker in einem innigeren Verkehre, wie 
die Italer und die Griechen, die Eranier und die Inder, die Slaven 
und die Germanen, wodurch manche Beruh nmgspunkte im Leben 
der angegebenen Völker geschafien wurden. Diese erst später, nach 
der Trennung geschaffenen Verwandtschaftspunkte dürfen aber nicht, 



71 

was so oft gesehielit, mit den nrsprüngliclien , vor die Tronuung 
zurückgehenden verwecliselt werden. 

Nach diesem in Kürze entworfenen Stammbaume der Indo- 
Germaneu haben die dahin fallenden Völker bedeutende Wanderungen 
unternommen. Weit nach Osten zogen die Eranier, zu denen die 
heul igen Perser, Kurden, Osseten, Armenier, Belutsclien und Afglianen 
gehören und zu denen im Alterthume die meisten Völker Kleiu- 
Asiens, wie die Phrygier, Kappadocier zählten, und die Inder, welche 
gegenwärtig die Halbinsel Indien vom Norden bis zum Dekhan, mit 
Ausschluss einiger Gegenden im gebirgigen Innern, bewohnen. 
Weit nach Westen und Südwesten kamen zuerst die Gelten, wo sie die 
Basken vorfanden und verdrängten, später kamen die Italer, von der 
Halbinsel aus durch Roms Waffenglück über den ganzen Südwesten 
Europas sich verbreitend und die Gelten verdrängend , zuletzt end- 
lich erschienen die Germanen und Slaven , die beiden mächtigsten 
Volksstämme der Jetztzeit. 

Neben diesen Massenwauderungen der Völker lassen sicii unter 
den Angehörigen der mittelländischen Rasse, und darunter besonders 
bei den beiden Volksstämmen der Semiten und der Indo-Germauen, 
weit ausgedehnte Wanderungen nachweisen, die mit den traui'igen 
Schicksalen der betreffenden Stämme zusammenhängen. 

Allgemein bekannt ist das Schicksal der Juden, Avelche gegen- 
wärtig über die ganze W^elt zerstreut sind. Dieselbe Rolle, wie die 
Juden in der Jetztzeit, spielten die Phönicier im Alterthnme ; mau 
fand sie überall dort, wo der Boden für den Handel geebnet war. 
Unter den indo-germanischen Völkern sind es die Armenier, welche 
mit den semitischen Juden sich passend vergleichen lassen. Die 
Wanderungen der Armenier, welche gleich den Juden kein eigent- 
liches Vaterland haben, stehen den jüdischen an Abenteuerlichkeit 
in nichts nach : auch die Geschichte beider Völker hat insoferue 
grosse Aehnlichkeit, als sie sich grösstentheils um Religions- Ver- 
folgungen dreht. 

Ein vielgewandertes Volk ist das unter uns allgemein berüch- 
tigte Zigeunervölkchen. Der Abstammung nach ist der Zigeuner, 
der sich Rom nennt, ein Inder; er spricht ein Idium, welches it^ 
den heutigen Mundarten Indiens, den Enkelinnen der stolzen Veda- 
Sprache, seine Schwestern erkennt, Ereilich ist in dieses Idiom 
eine Menge fremder Elemente aus allen möglichen Spraclien Asiens 



72 

und Europas eingedrungen. So findet man darin persische, arme- 
nische, griechische, magyarische, slavische, germanische und roma- 
nische Worte, und zwar um so mehr, je weiter mau nach Westen 
kommt. In jedem Lande, das der Zigeuner auf seiner Wanderung 
berührte, hat er Brocken aufgelesen und sie seinem Jargon einver- 
leibt. Aber gerade diese Brocken sind für den Sprachforscher von 
dem grössten Werthe, da sie ihm den Weg zeigen, welchen der aus 
dem fernen Osten gekommene Vagabund bei seiner Wanderung 
eingeschlagen bat. 



I. Abtlieilung. 

TVolHiaarig-e Kassen. 

A. Büschelliaarige. 

1. Hottentoten. '^^ 

Die Hottentoteu-Kasse unifasst zwei von einander geschiedene 
Stämme, nämlich: 1. die eigentlichen Hottentoteu ; 2. die sogenann- 
ten Buschmänner. 

Die eigentlichen Hottentoten, welche sich selbst im Nama- 
Dialekte Khoikhoin „Menschen der Menschen" (d. h. Urmenschen) 
oder schlechtweg auch Khoin „Menschen" (Plurale der Singular- 
formen Khoikhoip, Khoip) nennen, bewolinen gegenwärtig den Avest- 



*) Die Quellen siehe bei Waitz, Anthropologie der Naturvölker, Band II, 
pag. XVII ff. Die ausführlichste Quelle über unseren Gegenstand ist : Kolb, 
Peter, Reise an das Cajio du Bonne Esperance oder das Afrikanische Vorgebürge 
der guten Hofnung, Nürnberg 1719, fol. Manches was Kolb erzälilt, erscheint 
dem Stubengelehrten unglaublich, ist aber nacli Theophil Hahn's Versicherungen 
vollkommen wahr (VI. u. VII. Jahresbericht des Vereins für Erdkunde inDresden. 
Dresden 1870, 8", pag. 9). In neuester Zeit sind zwei gediegene Abhandlungen 
über diesen Gegenstand hinzugekommen, welche Theophil Hahn (Sohn eines ehe- 
mals im Namaqualande thätigen Missionärs) zum Verfasser haben. Th. Hahn 
ist im Namaqualande geboren, spricht das Hottentotische als seine Muttersprache 
und hat seine Kindheit unter den Hottentoten verlebt, daher sind seine Nach- 
richten über die Hottentoten und Buschmänner das zuverlässigste, was wir 
besitzen. (Globus, Bd. XII, S. 238 ff. und Bd. XVIII, S. 65 tf.) Eine gute 
Abbildung des Hottentotentypus findet sich in Burchell, William. Travels 
in the interior of South-Africa, London 1822—24, 4". 2 voll. Abbildungen von 
Buschmanntypen findet man im Globus, Bd. XVIII, S. 84 und bei Pickering in 
United states exploring Expedition, vol. IX, Tafel 11. 



74 

liehen Theil der Südspitze Afrikas bis etwa zum lO** südlicher 
Breite. Ehemals waren sie sammt den Buschmännern die Abori- 
giner des ganzen südwestlichen Afrikas, südlich von den beiden 
Flüssen Zambesi nnd Kunene, wie sich einerseits aus den im Innern 
dieses Continents erhaltenen vSpuren (namentlich den so zahlreichen 
tumulis, mit denen der Kaffer nichts anzufangen weiss), andererseits 
aus der Verbreitung derselben und ihrem Einflüsse auf die Kaffer- 
Völker darthun lässt. 

Die Wanderung der Hottentoten- Kasse, welche durch das 
Drängen der Kaffer -Völker aus ihren Sitzen vertrieben wurde, 
ging von Norden nach Süden vor sich, bis sie an der Südspitze 
Afrikas ihren Halt fand und dann längs der Westküste von Süden 
nach Norden sich wenden musste. Dass die Hottentoten im Westen 
und Süden nicht lange Zeit hindurch heimisch sind , dies bewiesen 
sowohl ihre Traditionen *) als auch der geringe Einfluss den sie auf 
die dort wohnenden Kaffer-Völker (die Damas oder fälschlich soge- 
nannten Damaras und die Be-tschuana) geübt haben. Der letztere 
ist dagegen an der Ostküste sehr bedeutend; nicht nur einzelne 
Sitten und Einrichtungen.**) sondern auch Worte und Laute sind 
von den Hottentoten auf die dort wohnenden Kaffer-Stämme über- 
gegangen. ***) 

Gegenwärtig sind die Hottentoten sowohl eine Rassen- als 
Völker-Ruine. — Damals als die europäischen Colonisten das Cap 
der guten Hoffnung besetzten , waren sie ziemlich zahlreich und 
zerfielen in eine Reihe von Völkern, welche durch Sprache und Sitten 
von einander geschieden waren und sich eigene Namen beilegten. 
So finden wir in den alten Acten und Chroniken der holländischen 
Colonie am Cap, ferner in alten Reisewerken die Goeringaigua, 
Ankeysoa, Gorachouqua, Kochoqua, Charigurina, Grigriqua, Chai- 
rouna, Auteniqua, Habobiqua, Hessaqua, Attaqua und andere Stämme 
erwähnt, von denen allen kein einziges Individuum mehr vorhanden 



*) An der Westküste nennen sicli die südlichen Stämme Igunungu (die 
untersten), während die nördlichen sich mit dem Ausdrucke ! aunin (die an der 
Spitze stehenden\ holländisch topn;iar bezeichnen. 

**) In dem gegenwärtig von den Kaifern an der Üstküste besetzten Land- 
strichen tragen manche Flüsse und Berge noch jetzt hottentotische Namen. 

***) Die Kaffer-Stämnii' der Ama-iiosa und Ania-zulu, sowie die Ba-yeye 
am Ngami-Öee haben die sogenannten Schnalzlaute, welche den Kaffern von 
Haus aus fremd sind, aus dem Hottcntotischen aufgenommen. 



ist, da sie entweder durch die Kriege mit den Kaftern und beson- 
ders mit den am Cap angesiedelten Colonisten holländischer Ab- 
stammiiDg (Afrikaner) vernichtet oder durch Mischungen mit allen 
möglichen durch die Europäer dahin gezogeneu Völkern verschwunden 
sind. — Gegenwärlig können mir zwei Stämme, nämlich die noch 
ziemlich unvermischten Namaqua (namagu oder naman, Plural von 
namap) und die mit Kaffern und Europäern stark gemischten Kora- 
qua (Ikoragu oder Ikoran, Plural von Ikorap) als Repräsentanten des 
Hottentotenvolkes betrachtet werden. — Der Stamm der Griqua 
(Igrigu), sowie die in der Capcolonie lebenden Hottentoten haben 
ihren Typus und ihre Eigenthümlichkeiten ganz verloren , sie sind 
Mischlinge (Basters) der Hottentoten und Weissen wie auch der 
von den letzteren iraportirten Sclaven aus dem Nordwesten Afrikas 
und den Inseln des indischen Oceans und sprechen ein Holländisch, 
in welchem die verschiedenartigsten fremden Elemente vereinigt 
sich vorfinden. 

Den zweiten Stamm der Hottentoten-Rasse bilden die Saan*) 
oder San (Plural von Saap, Säp), die von uns sogenannten Busch- 
männer, welche von den Kaftern Aba-tua, von den Basuto Ba-roa**) 
und von den Be-tschuana Ma-kautu, von den Holländern Bosjes- 
maus genannt werden. Sie bewohnen , in viele Horden zerstreut, 
mehr die sandigen und gebirgigen Theile des Innern, bis hinauf an 
den Kunene und Zambesi und stehen vermöge des Mangels an den 
nöthigen Subsistenzmitteln gegenüber den Hottentoten auf einer viel 
niedrigeren Culturstufe. 

Unter den Stämmen der Sau sind die wichtigsten die ! Khuai 
in der nördlichen Capcolonie, die !Nüsa in den südwestlichen Theilen, 
die sogenannten Nasenstockträger in den westlichen Theilen der 



*) Wahrscheinlich von sä ,, ruhen", wornach es die ,,Sesshaften" bedeutet. 
(Hahn, Die Sprache der Nania, Leipzig 1870, S. 6.) Sie sind daher keineswegs 
herabgekommene Hottentoten, wie man bisher oft geglaubt hat, sondern die 
auf der primitivsten Culturstufe verbliebenen Mitglieder der südafrikanischen 
Aboriginer-Rasse. Einen schönen Beleg dafür liefert die Sitte in manchen 
Kaffergegenden, einem Buschmann, wenn dieser an einer .Jagd theiliiimmt, das 
beste Stück des erlegten Wildes zuzutheilen , selbst vor dem Kaft'erhäuptlinge, 
„weil die Buschmänner die ältesten Bewohner des Landes waren." 

**) Diese Ausdrücke bedeuten ,,Bogenmänner", sie werden von den Kaffern, 
welche nur der Wnrfkeule und des Speeres sich bedienen, auf die mit dem 
Bogen bewaffneten Buschmänner angewendet. 



76 

Wüste ! Kavi-! Kari, die Kasarere und die ßabo-mautsu in den 
westlichen Gebieten des Ngami-Sees. 

Die IHaukhoin oder Berg-Damas, welche von den Namas 
Chou-daman (Plural von Chou-daraap) genannt werden und die wir 
im ethnographischen Theile der Novara-Expedition (S. 114) zu den 
Hott^ntoten gerechnet haben, sind nach Theophil Hahn (briefliche 
Mittheilung) anthropologisch mit den Hottentoten nicht verwandt. 
Ihre Hautfarbe ist beinahe schwarz und obwohl ihre Sprache der 
Nama-Dialekt ist, so enthält sie dennoch manche Elemente, welche 
von dem Hottentoten-Idiome wurzelhaft A'erschieden sind. An eine 
Verwandtschaft der Chou-daman mit den eigentlichen Damas, welche 
zum Bautu-Stamme zählen, ist ebenfalls nicht zu denken. Theophil 
Hahn hält die IHaukhoinfür einen versprengten Negerstamm, was 
bei den eigenthümlichen ethnographischen Verhältnissen Afrikas 
nicht unwahrscheinlich ist. 

Leiblicher Typus der Hottentoten-Rasse. 

Die Statur des Hottentoten variirt zwischen 472 und 5V2 Euss; 
der Bau des Kumpfes, besonders des Beckens ist stark, dagegen 
sind die Extremitäten schwach und zart. Die Schädelbildung ist 
länglich, besonders das Hinterhaupt ist beträchtlich nach rückwärts 
gezogen. (Retzius zählt 1844 die Hottentoten zu den gentes 
dolichocephalae prognatbae.) Die Stirn ist klein, gewölbt und vor- 
stellend, dagegen das übrige Gesicht platt. Die kleinen Augen 
stehen weit von einander ab und liegen in tiefen Höhlen verborgen, 
die Nase ist an der Wurzel zwar breit aber wenig vorspringend, 
die Nasenlöcher sind gross. Die Backenknochen sind stark hervor- 
tretend, das Kinn schmal . lang und spitz. Die Lippen sind etwas 
aufgeworfen. Das Haar ist rauh, grob und wenig gekräuselt, es 
wächst in getrennten Büscheln auf dem Kopfe, welcher dadurch das 
Aussehen einer alten zerzausten Bürste darbietet. Bart und Be- 
haarung am Körper fehlen entweder ganz oder sind ungemein schwach 
entwickelt. Die Farbe der Haut ist gelblich-braun, mit einem röth- 
lichen Anfluge im Gesichte. 

FAue besondere Eigenthümlichkeit der Hottentoten -Frauen, 
über die schon so viel geschrieben worden, ist die sogenannte 
Schürze. Sie besteht in einer Verlängerung der äusseren Scham- 
lefzen, welche vier bis sechs Zoll lang herabhängen. Sie haben 
eine schmutzigblaue Färbung und gleichen dem am Schnabel des 
Truthahnes befindlichen Fleischklumpen. Wie es scheint, ist diese 



77 

Verlängenuig keine natürliche, sondern künstlicii erzengte und wurde 
nach und nach, wie dies bei Missbildnngen häufig zu geschehen 
pflegt, vererbt. Dagegen scheinen die enorm umfangreichen Backen 
des Gesässes, welche allen Keisendeu an den hottentotischen Frauen 
aufgefallen sind, in der That eine Eigeuthünüichkeit dieser Kasse 
7.i\ sein. *) 

Mit diesem von uns im ethnographischen Theile der Novara- 
Expeditiou (S. 94) geschilderten Typus der Hottentoten stimmt die 
Beschreibung des Buschmannes, welche Fritsch (ein Anatom) in 
seinem Werke Drei Jahre in Afrika, Breslau 18G8, S. 98, liefert, und 
welche Theophil Hahn als vollkommen zAitreffend (Globus XVIII, 85) 
reproducirt. 

„Gekennzeichnet — heisst es dort — wird der Buschmann, 
abgesehen von seiner kleineu Figur, durch den unförmlichen Kopf, 
welcher auf dem Scheitel deprimirt und stark nach hinten verlängert 
erscheint; die Backenknochen sind weniger hervortretend wie beim 
Hottentoten, indem sich der Kopf in der Schläfeugegend verbreitert 
und der Unterkieferwinkel stärker hervortritt; die Nase ist flach, 
der untere Theil des Gesichtes sehr stark hervorgezogen (progna- 
thisch). Die grossen, unförmlichen Ohren, sowie die kleinen, un- 
stäten, tief in den Holden liegenden Augen tragen nicht dazu bei, 



*) Vergl. die Schilderung Theophil Haliu's (Globus XII, 238). „Die 
Stirn ist durchschnittlich mehr niedrig als hoch zu nennen, dabei vorstehend 
und etwas kugelig. Die dunkelbraunen Augen liegen schiefgeschlitzt in etwas 
weiten Höhlen und stehen ziemlich von einander ab. Dabei fehlt der obere 
Nasenknoclien fast ganz und nur kurz über dem Munde tritt die Nase kaum 
bemerbar hervor, so dass eine '/a Zoll hohe Erhebung eben sichtbar ist, welche 
ohne die weiten Nasenlöcher auf die Bezeichnung Nase einen geringen Anspruch 
machen könnte. Umsomehr sind die Backenknochen ausgebildet und bei ziem- 
lich spitz hervorstehendem Kinn, ohne, oder mit nur sehr mangelhaftem Kinn- 
barte, erscheint die Gesichtsfläche nach unten zusammengedrückt. Doch ist 
der Mund im Allgemeinen wohl proportionirt, mit Ausnalime beim weiblichen 
Geschlechte, wo er etwas Rüsselartiges anzunehmen pflegt. Im l'ebrigen zeigt 
der Kopf dieselben Formationen wie bei anderen Völkern, nur mit dem Unter- 
schiede, dass er mit kleinen, krausen, auf den ersten Anblick pfefferkorn-ähnlich 
aussehenden Haaren bedeckt ist. Füsse und Hände haben oft die niedlichsten 
kleinen Formen , und in Betreff dieser Eigenschaften sind sie wohl mit Recht 
in Mancher Augen beueidenswerth. Aber gerade als ob sich Alles bei diesem 
Volke in Gegensätzen bewegen soll und muss , besitzen viele unter ihnen , be- 
sonders aber die Frauen, „unverschämt" grosse posteriora, die in Folge unge- 
heuerer Fettansammlung sich bilden." 



78 

die Schönheit dieser Leutchen zu erhöhen und geben ihrem Gesicht 
den affenartigen Ausdruck." 

Weiter bemerkt Fritsch S. 295: „durch die Gesichter aller 
Buschleute, welche ich zu sehen Gelegenheit hatte, geht ein Zug, 
der mir massgebend erscheint für ihren Charakter, um so mehr, als 
das Gesicht des Hottentoten einen ganz anderen darbietet. Graphisch 
lässt sich diese Eigenthümlichkeit so darstellen, dass man sagt, in 
das Gesicht jener, von vorn betrachtet, lässt sich ein Kechteck ein- 
tragen, in das Gesicht dieser eine Raute. Es beruht dies bei 
ersteren in der grösseren Breite der Stirn und Schläfeugegend und 
dem Vortreten der Unterkieferwinkel bei massig entwickeltem Kinn ; 
bei letzteren in der stark verschmälerten Stirn, den vortretenden 
Jochbeinen und dem markirten, sehr spitzen Kinn." Diesem fügt 
Theophil Hahn noch folgende Züge hinzu: , Die Lippen sind massig 
aufgeworfen, während der Mund der Hottentoten durchschnittlich 
fein geschnitten ist. Der schlanke proportionirte Körper variirt in 
der Höhe zwischen 3 und 4 Fuss; die Hände und Füsse sind zart 
und zierlich; doch unterscheiden letztere insofern den Buschmann 
vom Khoikhoib, als die Daumenzehe nicht so stark hervortritt 
und dadurch der Fuss vorn abgestumpft erscheint, der des Hotten- 
toten sich aber eher mit einem europäischen Damenfusse vergleichen 
lässt. Dieser Unterschied ist so in die Augen springend , dass ein 
Namahottentot darüber bemerkte: „Wir (Nama) haben schmalere 
und zierlichere Füsse als die San. Desshalb nehmen wir sie auf 
die Elephantenjagd mit, dass, wenn die angeschossenen Thiere uns 
verfolgen, sie der breiteren Spur der schnellfüssigen Buschmänner 
nachlaufen und wir leichter entfliehen können." Den sonst propor- 
tionirten Körper verunstaltet der aufgetriebene Baucli , eine Folge 
der unregelmässigen Lebensweise. Merkwürdig ist die enorme 
Conservationskraft dieser Leute; es ist wiederholt beobachtet, dass 
bei einer reichen, vierzehntägigen bis dreiwöchentlichen Kost der 
Buschmann sich fett und rund mästet; bei den Weibern zieht sich 
das Fett in das Gesäss, eine Eligentliümlichkeit, die sie mit den 
Hottentotiunen theilen." 

Psychischer Charakter der Hottentoten- Rasse. 

Als die ersten Europäer am Cap der guten Hoffnung er- 
schienen, waren die Hottentoten Viehzüchter, deren hauptsächlichster 
Fteichthum in Rinder- und Schafheerden bestand. Den Landbau 
scheinen sie gar nie gekannt zu haben und treiben ihn auch jetzt 



79 

Dur in den seltensten Fällen. Die zweite Abfcheiliing der Hotten- 
toten-Rasse, die Sau oder Buschmänner, sind dagegen nie über den 
Zustand des Jagdlebens hinausgekorainen, nicht aber, wie man früher 
geglaubt hat, von einer Stufe höherer Cultur-Entwicklung in diesen 
Zustand hinabgesunken. 

Ein wesentlicher Charakter der Hottentoten-Rasse ist das Vor- 
herrschen jener psychischen Thätigkeiten, welche wir allgemein am 
Kinde wahrzunehmen pflegen, nämlich der Nachahmung und der 
Leichtigkeit sinnliche Eindrücke sicher und schnell in sich aufzu- 
nehmen. Sowohl der Hottentote als auch der Buschmann zeichnen 
sich durch einen hochentwickelten Sinn für Musik wie auch ein 
ungewöhnliches Sprachtalent aus. Der Buschmann zeigt auch nicht 
unbedeutende Anlagen für Plastik und Malerei, wie die an den 
Felsen im Innern des Landes zahlreich gefundeneu Darstellungen 
Ton Thieren beweisen. 

Charakteristisch ist die Vorliebe der Hottentoten- Rasse für 
Bogen und Pfeil (beim Buschmann) und Gewehr (beim Hottentoten) 
gegenüber dem Kaöer, der au der Keule und dem Speer festhält. 

Ein wesentliches Merkmal der Hottentoten - Rasse ist ferner 
ihre geringe Energie und hochentwickelte Arbeitsscheu. — Selbst 
der Hunger vermag den Hottentoten selten zur Arbeit zu zwingen: 
er legt sich lieber hin und sucht denselben zu verschlafen. 

Hand in Hand mit der Faulheit geht ein starker Hang zu 
berauschenden Genüssen. Die Hottentoten sind leidenschaftliche 
Freunde des Rauchens, wozu in der Regel der wilde Hanf (dacha) 
entweder allein, oder in Verbindung mit Tabak verwendet wird. 
Hat einmal der Hottentote von berauschenden Getränken genossen, 
so gewöhnt er sich bald an dieselben und wird mit der Zeit ein 
unverbesserlicher Trunkenbold. 

Merkwürdig ist das innige Verhältniss des Hottentoten zur 
Thierwelt. Er verehrt mehrere Wesen derselben und wendet ihr 
überhaupt eine grosse Tlieilnahme zu, was seine zahlreichen Thier- 
fabeln beweisen. 

Ethnographische Schildening. 

Die Kleidung der Hottentoten besteht in der Regel in einem 
Schurze um die Schamtheile, welcher mittelst eines Gürtels um die 
Mitte befestigt wird und in einem über den Rücken geworfenen 
kurzen Mantel aus dem Felle irgend eines Thieres. Meistens nimmt 
man zu diesem Zwecke Schaffelle, au denen die Wolle stehen gelassen 



80 

wurde und deren man zwei bis drei mittelst Thiersehuen zusammen- 
näht. In der kälteren Jahreszeit wird die wollige Seite nach Innen 
gekehrt, während man sie in der wärmeren nach Aussen dreht. 

Der übrige Körper bleibt in der Regel nackt und wird zum 
Schutze gegen den Wechsel der Witterung mit Schaffett reichlich 
eingerieben. Der Kopf ist beim Manne unbedeckt, während das 
Weib eine Art Mütze daraufsetzt; an den Füssen trägt der Mann, 
namentlich auf Reisen, plumpe Sandalen aus ungegerbtem Leder, 
indess das Weib bloss umhergeht. 

Als Zierrath werden an den unteren Theilen der Waden Ringe 
von Leder getragen, welche wahrscheinlich Anfangs zum Schutz 
der Beine gegen die dornigen Gebüsche gedient hatten. An den 
Armen und um den Hals tragen die Weiber Ringe von Knochen, 
Elfenbein, Glasperlen, Messing und anderen Stoffen. 

Diese Tracht gilt von den in grösserer Entfernung von den 
europäischen Ansiedelungen wohnenden Hottentoten-Stämmen. Bei 
jenen Hottentoten, welche mit Europäern in Berührung kommen, 
werden von den Männern meistens Hosen von gegerbtem Leder und 
graue Filzhüte mit grossen Krempen, und von den Weibern eben- 
falls Röcke von gegerbtem Leder getragen. 

Eine noch grössere Einfachheit als die Bekleidung des Hotten- 
toten bietet jene des Buschmannes dar. In der Regel befindet sich 
derselbe im Zustande völliger Nacktheit, w^enn man von dem 
schmalen Fellläppchen absieht, welches er um den Leib geschlungen 
zu tragen pflegt. Um sich vor dem rauhen Wetter zu schützen 
wirft er ein Stück grösseren Felles um seine Schultern oder in Er- 
mangelung desselben vergräbt er sich in dem vorher durch Feuer 
erhitzten Sande. 

Bei einigen Stämmen der Hottentoten soll eine Art von Täto- 
wirung im Gebrauche sein, die aber keineswegs mit der auf den 
Südsee-Inseln geübten irgendAvelche Aehulichkeit hat. Allgemein 
aber bemalen die Weiber ihr Gesicht entweder mit einer rothen 
Erdart oder Kohlenpulver, welche mit Fett vermischt werden. 
Als Parfüm wird Buchu-Pulver liineingestreut, welches aus den 
Blättern mehrerer Diosma- und Croton-Arten gewonnen wird. 

Die Männer bemalen, falls sie dieser Sitte huldigen, in der 
Regel nur jenen Theil des Gesichtes, welcher sich von der Ober- 
lippe gegen die Nase erstreckt. 

Die Hütten der Hottentoten sind halbkugelförmig von etwa 
10 bis 12 Fuss im Durchmesser und 4 Fuss Höhe und gleichen 



81 

»;TOSson Bienenkörben. An der Seite befindet sich ein kleiner Kin- 
j^ang, durch den man hineinkrieclien niuss, und in der Mitte der 
Feiierplatz. 

Die Hütte bestellt aus einem Gestell von krummgebogenen 
Baumästen , welches käfigartig zusammengestellt wird und wieder 
auseinander genommen werden kann. Dieses Gestell wird entweder 
mit Fellen und Matten überspannt oder mit trocknen auf einander 
gelegten Büschen zugedeckt. Die Bereitung der Matten ist höchst 
eigenthümlieh. Man nimmt dazu die innere Kinde einer Mimosen- 
art, welche in grosser Menge eingesammelt und getrocknet wird. 
Will man dann aus derselben die Matten bereiten, so wird sie zu- 
erst in heisses Wasser gelegt und biegsam gemacht. Alle Mitglieder 
der Familie schicken sich nun an, sie zum Flechten herzurichten, 
welches dadurch geschieht, dass sie dieselbe im Munde kauen und 
auf den nackten Schenkeln zu Fäden zusammendrehen. Die Fäden wer- 
<len dann auf dem Boden in parallelen Reihen ausgebreitet, und durch 
Querfäden, welche mittelst zugespitzter Knochen oder Dornen durch- 
gezogen werden, zu einem lockeren Gewebe verbunden. Eine solche 
^Matte erfüllt ihren Zweck auf eine vollkommene AVeise. Während 
sie vermöge ihres lockeren Gewebes in der heissen Jahreszeit die 
Luft durchstreichen lässt, schwellen in der Regenzeit ihre einzelnen 
Fäden an und bilden ein dichtes Gewebe, welches gegen Regen 
und Sturm hinreichenden Schutz gewährt. In der Mitte der Hütte 
befindet sich der Herd aus über einander gelegten Steinen zur Auf- 
stellung des Kochtopfes. Ein Rauchfang findet sich nicht vor; der 
Rauch muss durch die Mattenritzen oder die drei bis vier Fuss 
hohe Thür selbst abziehen. 

Die Felle, aus welchen man sowohl die Kleidungsstücke als 
auch die zum Bedecken des Daches erforderlichen Stücke verfertigt, 
werden auf eine höchst einfache Weise zubereitet. Man rollt in 
der Regel die frisch abgezorj:ene Haut zusammen und überlässt sie 
durch mehrere Tage einer gelinden Gährung. Darauf wird das 
Haar abgezogen, die Haut hingebreitet und mit den fein zerstossenen 
Blättern einer Feigenart bedeckt. Auf diese Weise werden die noch 
übrig gebliebenen Haare locker und können ohne Mühe weggekratzt' 
werden. Zum Schlüsse wird die Haut mit Schaffett eingerieben und 
weichgeklopft, wodurch sie an Biegsamkeit unserem Tuche nicht 
nachsteht. 

Die einzelnen Hütten stehen im Kreise herum und bilden 
ein Dorf. Ein solches heisst hottentotisch ! äs d. i. Lagerplatz. 

Müller, Allg. Ethnographie. Ü 



82 

Allgemeiner bekannt ist die Bezeichnung Kraal, welche holländischen 
Ursprungs ist. Auf dem freien Platze in der Mitte eines solchen 
Kraal wird das Kleinvieh während der Nacht verwahrt, während 
die Rinder aussen im Kreise herumlageru und von einigen Männern 
bewacht werden. 

Viel primitiver ist die Wohnung des Buschmanns. Nur in 
jenem Falle, wenn die Gegend für seine Jagd ergiebig zu werden 
verspricht, schlägt er eine Art fester Wohnung in derselben auf. 
indem er Pfähle in die Erde treibt und sie mit Gesträuchen, Matten 
und Fellen behängt. In felsigen Gegenden, wenn hinreichend 
viele Steine vorhanden sind, schichtet er diese lose über einander 
und führt rohe Mauern auf, welche die Grundlage für seine Hütte 
bilden. Auf den Wanderungen dagegen ist von einer Wohnung beim 
Buschmann keine Rede. Das erste beste von einem Thiere gegrabene 
Loch, die erste beste Felsenspalte dient ihm zum Obdach, welches 
er durch Zusammentragen von Gras, Moos oder Baumzweigen wohn- 
lich zu gestalten sucht. In jenem Falle, wo 'selbst diese Schlupf- 
winkel fehlen, begnügt sich der Buschmann mit dem ersten besten 
Strauche, dessen Zweige er gegen die Windseite zusammenflicht und 
mit Moos verfilzt. 

Die Nahrung des Hottentoten ist, falls er sich mit Viehzucht 
abgibt, den Producten seiner Heerden entnommen. Das Fleisch der- 
selben wird äusserst selten gegessen ; wenn dies geschieht, schlachtet 
man einen Hammel, nur bei besonders festlichen Gelegenheiten ein 
oder zwei Rinder. Dagegen ist die Benutzung des Rindes als Last- 
und Reitthier allgemein. Die Thiere werden dazu in frühester 
Jugend abgerichtet, indem man ihnen den Nasenknorpel durchbohrt 
und einen mit zwei Haken versehenen Stock durchzieht. Wenn sie 
beladen werden , bedeckt man den Rücken derselben mit zwei bis 
drei Häuten, damit die Last sie nicht drücke, und befestigt die 
letztere mittelst eines festen unter den Bauch gezogenen Gurtes. 
Ein ausgewachsenes Rind ist gewöhnlich im Stande, eine Last von 
drei Centnern ohne Schwierigkeit zu tragen. Beim Ritte läuft der 
abgerichtete Ochs im leichten Trabe, und indem er das, was ihm au 
Schnelligkeit abgeht durch Ausdauer ersetzt, kann er es mit jedem 
mittelmässigen Pferde aufnehmen. 

Jene Thiere, welche man niclit zur Zucht verwendet, werden 
verschnitten. Dies geschieht aber nicht wie bei uns durch das 
Herausschneiden der Hoden, sondern dadurch, dass man diese 
zwischen zwei Steinen zerdrückt. Sie schwellen an und wachsen 



83 

in dieser Grösse fort, wodurch sie, wenn das Tliier geschlachtet 
wird, eine gute und nahrhafte Speise liefern. 

Die Kühe der südafrikanischen Rasse liefern spärliche Milch, 
und diese meistens nur während jener Zeit, wo sie das Kalb säugen. 
Cm aber auch ausser dieser Zeit Milch zu bekommen , wenden die 
Hottentoten einen eigenthümlichen Kunstgriff an. Während eine 
Person die Kuh melkt, werden ihr die Hinterfüsse gebunden, damit 
sie nicht ausschlage und eine zweite Person bläst ihr in die 
Scheide, damit der Bauch anschwelle und sie die im Euter vor- 
handene Milch von sich gebe. 

Das südafrikanische Schaf ist durch einen Fettschwanz aus- 
gezeichnet, der fünf oder sieben, ja manchmal sogar neun Pfund 
wiegt. Das aus demselben gewonnene Fett ist rein und schmack- 
haft und hat die I]igenschaft, an der freien Luft nicht zu stocken. 
wodurch es dick geronnenem Oele gleicht. 

Neben der Viehzucht verlegt sich der Hottentote, besonders 
wenn er keine Heerde besitzt, auf die Jagd. Letztere Beschäftigung 
ist beim Buschmann die ausschliessliche. In dieser Richtung ist 
ihm jede Beute willkommen; es gibt wenige Thiere, vor denen er 
irgend welchen Abscheu an den Tag legte. Nur der Hase wird 
von den Hottentoten nicht gegessen, da er nach der Ansicht der- 
selben ein unvollkommenes Thier ist, und in ihren Sagen als 
Himmelsbote erscheint, der vom erzürnten Gotte gezüchtiget wurde. 
Dagegen ist der Hase für den Buschmann eine unbedenkliche 
Speise, die er im vollsten .'inue des Wortes mit Haut und Haaren 
verzehrt. Auch das Schwein wird von den Hottentoten nicht ge- 
gessen: dagegen sind die Heuschrecken in geröstetem Zustande eine 
sowohl bei den Hottentoten als Buschmännern sehr beliebte Speise. 

Ackerbau wird von den Hottentoten nicht getrieben, es wider- 
strebt ihrem faulen, arbei'scheuen Sinn, das Land zu bebauen und 
auf den Ertrag desselben zu warten. Dagegen werden einige wild- 
wachsende "Wurzeln ausgegraben und roh gegessen. Dahin gehört 
vor allem die Kamru-Wurzel, ein Knollengewächs von süssem, an- 
genehmem Geschmack und der Gestalt einer grossen Gurke,*) ferner 
die Kaanap , eine Art von Kartoffel mit weissem milchartig 

*j Dieses Knulleugewächs wächst meistens auf hartem, steinigem Boden. 
Es hat ein schwaclies. mehrere Fuss langes Stämmclien. welclics gleich unserer 
Feldwinde sich an anderen Stauden hinaufschlingt, und Blätter, welche dem 
Rosmarin in Form und Farbe gleiclien. 

6* 



84 

schmeckeüdem Fleische. Dazu kommen mehrere Wurzelu von der 
Dicke eines Daumens und grosser Länge, mit einem schwachen 
Anis- und Fenchelgeruche, daher sie von den am Cap angesiedelten 
Holländern Aniswortel uud Vinkelwortel genannt werden. 

Eine besonders beliebte Speise des Busclimanns ist der Honig 
der wilden Biene, die in den Wildnissen zahlreich vorkommt uud 
deren Nest er mit bewunderungswürdigem Scharfsinn aufzuspüren 
vermag. Er uennt sie seine „Milchkuh" und betrachtet jedes ge- 
fundene Nest, das er mit einem Merkzeichen zu versehen pflegt, 
als sein Eigenthum. Wehe dem Fremdlinge, der sich an seinem 
Eigenthum vergreift! 

Ist die Jagd ergiebig ausgefallen und hat sich der Busch- 
mann einmal feist gefressen, so denkt er auch daran, die Ueberreste 
für die Zukunft aufzubewahren. Das Fleisch wird zerlegt und in 
dünnen Schnitten in der Sonne zum Trocknen ausgelegt. Nachdem 
es also zubereitet worden, bewahrt man es in Höhlen oder anderen 
sicheren Orten auf. 

Jene Hottentoten- und Buschmann-Stämme, welche an der 
Meeresküste oder an grösseren während der trockenen Zeit Wasser 
haltenden Flüssen wohnen, treiben auch Fischfang. Sie sind im 
Gegensatze zu den des Schwimmens unkundigen Kaffern in der 
Regel vorzügliche Schwimmer uud Taucher. 

Das Fleisch, welches man geniesst, wird nie roh gegessen, 
sondern immer am Feuer oder in heisser Asche gebraten uud zwar 
ohne jeglichen Zusatz von Gewürzen. Einzelne Theile werden auch 
im Wasser gekocht und dieses daun als Suppe genoss^eu. Als be- 
sondere Delicatesse aber gilt dem Hottentoten das aus den fetten 
Theilen gezogene Schmalz, welches er ohne jeglichen Zusatz mit 
grossem Behagen hinabschlürft. 

Der Cannibalismus ist der Hottentoten-Kassc vollkommen un- 
bekannt, während die cultivirteren Nachbarn derselben, die Kaffern, 
demselben im hohen Grade ergeben sind. 

Als einheimisches Getränk der Hottentoten kann das Krii oder 
Honigbier gelten. Dieses Getränk wird aus wildem Honig, AVasser 
und dem gegohrenen Absude der Kriiwurzel bereitet. Man über- 
lässt diese Mischung einer drei- bis vierstündigen Gährung und erhält 
auf diese Weise einen Trank, der ebenso angenehm als erfrischend 
schmeckt, uud wie Champagner moussirt. Das Krii soll sehr diure- 
tisch sein und ein probates Mittel gegen den Blasenstein bilden. 



85 

Die Hottentoteu verstellen es auch, ans einer Gattung süsser 
Beeren Branntwein zu bereiten. Zu diesem Zwecke werden die 
reifen Beeren gesammelt und in einem ledernen Schlauche der Gährung 
überlassen. Wenn diese hinreichend fortgeschritten ist, wird die 
Maische in einem Topfe gekocht und der Dampf mittelst eines 
alten Gewehrlaufes in ein nebenan stehendes Gefäss geleitet. Die 
gewonnene Flüssigkeit wird nach verhältnissmässig kurzer Ablagerung 
zu einem geistigen, stark berauschenden Getränke. 

Als allgemeines beliebtes Reizmittel gelten die Blätter des 
wilden Hanfes (dacha), welche entweder allein oder mit einem Zu- 
sätze von Tabak geraucht werden. Auch der letztere wird besonders 
von den Weibern gern genossen, und die Leidenschaft für denselben 
ist so gross, dass man für eine unbedeutende Quantität desselben 
gerne ein Stück Vieh hingibt. 

Die beim Rauchen verwendeten Pfeifen sind grösser als die 
unseren; sie werden von den Hotteutoten selbst aus Thon oder 
einer weichen Steinart verfertigt und auf ein Hörn , gewöhnlich 
jenes des prächtigen Kudu, gesetzt. Die Art und Weise zu rauchen 
weicht beim Hottentoteu von der bei uns gewöhnlichen ganz ab. 
Während wir nämlich den Rauch einziehen und dann beim Mund 
oder der Nase wieder herausströmen lassen, ist der Hottentote ge- 
wohnt, denselben zu verschlucken, wodurch die narkotische Wirkung 
des Krautes um ein Bedeutendes verstärkt wird. 

Unter den Hausgeräthen stehen obenan mehrere Decken uud 
Matten, in welche man sich während der Nacht einhüllt, die bei 
Tage zusammengerollt und in der Hütte aufbewahrt werden. Zur 
Aufbewahrung der Milch bedient man sich lederner Schläuche oder 
ausgehöhlter Kürbisse. Zum Kochen dienen irdene Töpfe eigener 
Fabrikation, welche sehr porös sind und ein ziemlich plumpes Aus- 
sehen haben. 

Zu den ursprünglichen Waffen des Hotteutoten sowie des 
Buschmannes gehören der Wurfspiess, der Bogen und der Pfeil. 
Der Wurfspiess (Assagay) besteht aus einem langen , nach hinten 
zu immer schwächeren Schafte von leichtem Holze mit einer eisernen 
Spitze. Er kann nur in geringen Entfernungen mit einiger Sicher- 
heit geworfen werden. Der Bogen ist etwa drei Fuss lang und 
mit einer aus den Gedärmen der wilden Katze verfertigten Sehne 
bespaimt. 

Die Pfeile bestehen in einem Schafte aus Rohr von etwa 
18 Zoll Länge und einer in demselben eingesetzten, mit einem 



86 

Widerhaken versehenen Spitze aus Knochen oder Eisen. Letztere 
ist gewöhnlich mit Gift betrichen und kann ohne schwere Ver- 
letzung des verwundeten Wesens nicht herausgezogen werden. Das 
Gift wird theils aus gewissen Zwiebeln (Haemanthus toxicaria) ge- 
wonnen, theils aus den Giftbeuteln der Schlangen herausgepresst. 
Es ist von starker Wirkung und führt nach kurzer Zeit den Tod 
des Getroffenen herbei. 

Mit dem Bogen weiss der Hottentote und noch mehr der 
Buschmann sehr gut umzugehen ; Auge und Hand desselben sind 
fest ui;d sicher. Er trifft seine Opfer selbst auf eine Entfernung 
von hundert bis hundertundfünfzig Schritten und schiesst mit 
solcher Schnelligkeit, dass ein Pfeil dem anderen unmittelbai' zu 
folgen scheint. 

Durch die Europäer sind die Hottentoten mit dem Schiess- 
gewehre bekannt geworden, welches in neuester Zeit jede andere 
AVaffe bei ihnen verdrängt hat, so dass man Bogen und Pfeil gegen- 
wärtig beinahe nur bei den Büschmännern im Gebrauche findet. 
Durch ihre grosse Sicherheit in der Handhabung der Flinte sowie 
durch den Besitz des Bosses sind bekanntlich in neuerer Zeit 
einzelne Hottentoten - Stämme der Schrecken ihrer Nachbarn, der 
Kaffervölker, geworden. 

Wenn eine Hottentotin die Stunde der Geburt herannahen 
fühlt, begibt sie sich in die Hütte, wo ihr von mehreren Frauen 
der Nachbarschaft Hilfe geleistet wird. Während dieser Zeit muss 
ihr Manu die Hütte verlassen. 

Die Geburt geht in der Kegel mit grosser Leichtigkeit vor 
sich. Sollte dies jedoch nicht der Fall sein, so nimmt man zu 
sogenannten Hausmitteln seine Zuflucht, welche meistens in einem 
Absude von Tabak in Kuh- oder Ziegenmilch bestehen. 

Das Kind wird gleich nach der Geburt mit Kuhmist gereinigt, 
mit dem Safte einer Feigenart und Schaffett eingerieben und mit 
Buchu-Pulver reichlich bestreut. Seine Geburt ist für die Familie 
ein fröhliches Ereigniss , welches nach Massgabe der Mittel mit 
einem oder zwei Kindern oder einem Schafe gefeiert wird. Werden 
Zwillinge geboren, so wird dies nicht, wie es bei wilden Völkern 
der Fall ist, bedauert, sondern im Gegentheile der Vater empfindet 
Freude und rühmt sieh seiner Männlichkeit. Nur in dem Falle, 
wenn die Familie arm ist und die Mutter nicht im Staude sein 
sollte, die beiden Kinder selbst zu säugen , greift man zu dem 



87 

grausamen Entschlüsse, eines derselben zu opfern. Es wird dann 
entweder ausgesetzt oder lebendig begraben. 

Das Kind wird von der Mutter selbst gesäugt und während 
des ganzen Tages, selbst bei der Arbeit, auf dem Kücken umher- 
getragen. Zu diesem Beliufe befestigt die Mutter das Kind mittelst 
eines langen Matten- oder Deckenstückes und legt ein zweites 
unter, damit es nicht herabfalle. Während des Säugens kräftigt 
sich die Mutter durch tteissiges liauchen und pflegt auch zeitweilig 
das Kleine, wenn es unruhig wird, von dem köstlichen Kraute 
kosten zu lassen. 

Oft pflegt die Mutter den kleinen Säugling auf den Schooss zu 
nehmen und zu besingen. Ein solcher Lobgesang ist improvisirt 
und der Inhalt desselben ungefähr folgender: 

„üu Sühn einer helläugigen Mutter, 

Da weitsichtiger, 

Wie wirst Du einst ,.Spur schneiden" (das Wild aufsiiüreni — 

Du, der du starke Arme und Beine hast, 

Du starkgliedriger, 

Wie wirst du sicher schiessen, die Herero berauben, 

Und deiner Mutter ihr fettes Vieh znin Essen bringen — 

Du Kind eines starkschenkligen Vaters, 

Wie wirst Du einst starke Ochsen zwischen deinen Schenkeln bändigen — 

Du, der Du einen kräftigen Penis hast, 

Wie wirst Du kräftige und viele Kinder zeugen I' 

Hierbei pflegt die Mutter die besungenen Theile zu streicheln 
und zu küssen , die Geschlechtstheile jedoch betastet sie nur und 
küsst die eigenen Finger, welche diese Theile berührt haben. 
(Theophil Halm im Globus XII, 278.) 

Sobald das Kind der Säugung der Mutter nicht mehr bedarf, 
wird es sich selbst überlassen und muss den Gebrauch seiner Glieder 
selbständig erlernen. Es werden daher hier, wie auch bei den an- 
deren Naturvölkern, nirgends Krüj)pel oder sonst mit Gebrefl.en 
behaftete Personen angetroffen. 

Ehemals bestand unter einigen Hottentoteii- Stämmen die 
Sitte, bei den heranwachsenden Jünglingen im neunten oder zehnten 
Jahre die Exstripatiou eines Hodens vorzunehmen. Der Patient 
wurde dabei auf den Boden gelegt und von mehreren Männern an 
den Händen und Füssen gehalten. Der Hoden wurde von einem 
älteren Manne mittelst eines scharf geschliffenen Messers heraus- 
ueschnitteu und die Wunde, nachdem sie mittelst einer Ochsen- oder 
Schafs^ehne vernäht worden Avar, mit einer aus Scliaffett und 



88 

verschiedenen Kräutern bereiteten Salbe verstrichen. Die uufläthige 
Cermonie des Besprengens mit Urin, welche mit diesem Acte ver- 
bunden wai-, hat man bei uns in Europa bezweifelt, sie soll aber, 
nach der Versicherung Theophil Hahn's vollkommen verbürgt sein. 

An das Fest der Versehneiduug schloss sich ein Schmaus, 
wob( i ein fetter Hammel geschlachtet wurde. Alle Anwesenden 
rieben sich mit dem Fette reichlich ein und jener Mann, w^elcher 
die Operation glücklich vollzogen hatte, trug zum Schlüsse ver- 
schiedenartige Geschenke davon. 

Auch bei der Jungfrau wird die Zeit der Mannbarkeit, d. h. 
jener Periode, wo sie die erste Menstruation hat, mit einem be- 
sonderen Feste gefeiert. Während das Mädchen, abgesehen von 
einigen Ringen um Arme und AVaden und einigen Anmieten am 
Halse, nackt umherging, wird nun der Jungfrau ein verzierter Pelz 
umgehängt, womit sie als heirathsfähig bezeichnet wird. Nachdem 
sie drei Tage lang am Eingange der Hütte gleichsam zur Schau mit 
stolzem Antlitz und mit fischmaulartig vorgestrecktem Munde ge- 
sessen, wird am dritten Tage eine junge Kuh geschlachtet. Es 
kommt einer ihrer nächsten unverheiratheten Anverwandten mit den 
Nachbarn daher, um seine Glückwünsche darzubringen. Indem er ihr 
das Magenfell der geschlachteten Kuh über den Kopf hängt, wünscht 
er ihr so fruchtbar zu sein wie die junge Kuh uiul recht viele 
Kinder zu gebären. Darauf nahen ihre Freunde und Freundinnen 
zu ähnlichen Glückwünschen und die Ceremonie findet in einem 
solennen Sehmause, bei dem Honigbier in reichlicher ]\Ienge ge- 
trunken wird, ihren würdigen Abschluss. 

Während der monatlichen Reinigung pflegen die Weiber sich 
in eine abgesonderte Hütte zurückzuziehen und bei einigen Stämmen 
obendrein ihr Gesicht mit einem brillenförmigen Zeichen zu bemalen. 

Wenn ein Jüngling einem Mädchen seine Neigung zugewendet 
hat, so entdeckt er sich vor allem seinem Vater oder Vormunde 
und begibt sich mit demsell)en in das Haus des Vaters seiner 
Braut. Man bietet Dacha zum Geschenke an. Die Pfeife wird 
angezündet, und nachdem der Rauch s ine AVirkung zu äussern 
begonnen, wird der Bräutigam redselig und bringt in Gemeinschaft 
mit seinem Vater die Werbung vor. Ist man damit ei in erstanden, 
so werden allsogleich die Vorbereitungen getroffen und ein Schmaus 
veranstaltet. Die Braut zieht mit dem Bräutigam fort und sie 
sind ohne alle Ceremonien Mann und Weib. Die von älteren 
Schriftstellern berichtete unHäthige Ceremonie, wonach Braut und 



Bräutigam von dem Zaubcrpiiestor druimul angei)isst wurden, ist 
neuerdings von mehreren europäischen Gelehrten bezweifelt worden, 
sie soll aber nacli Theophil Hahn's Versicherung noch immer 
im Schwünge sein. 

Vielweiberei ist dem Hottentoten zwar gestattet, er iiimnit 
aber selten mehr als eine Frau, was tlieils seinem trägen Tempera- 
mente, theils dem Mangel an ausreichenden Subsistenzmitteln zu- 
zuschreiben ist. 

Ehescheidungen sind leicht zu bewerkstelligen. In diesem 
Falle muss das V^ermögen getheilt werden und ebenso folgen von 
den Kindern die weiblichen der Mutter, während die männlichen 
beim Vater zurückbleiben. 

Wie bei allen Naturvölkern ist die Stellung des Weibes bei 
den Hottentoten und Buschmännern bis auf einzelne Ausnahmen 
eine höchst gedrückte. Alle Sorgen und Geschäfte des Hauses 
lasten vornehmlich auf ihr; sie hat nicht nur das Kind zu säugen 
und den ganzen Tag mit sich herumzuschleppen , sondern muss 
auch alle grobe Arbeit verrichten und auf der Wanderung das 
Lastthier des Mannes abgeben. Trotzdem, dass sie sich all' diesem 
willig unterzieht, wird sie vom Manne oft erbarmungslos misshandelt 
und kaum mit der genügenden Kost versorgt. Eine Folge davon 
ist das ungewöhnlich rasche Altern der Weiber und das frühzeitige 
Aufhören ihrer Fruchtbarkeit. 

Mehrere Familien sind gewöiinlich zu einem Stamme unter 
einem Häuptlinge vereinigt. Die Stellung des letzteren ist dieselbe 
wie bei anderen Naturvölkern. Er zeichnet sich weder durch eine 
bessere Wohnung noch durch schöueie Kleidung von den übrigen 
Genossen des Stammes aus. Manche Häuptlinge jedoch, welche mit 
den Weissen viel in Berührung kommen, tragen eine halbeuropäische 
Kleidung. Dieselben verstehen es auch in der Regel ihre Macht 
zu consolidiren und sich zu förmlichen Despoten sowohl ihres 
eigenen als auch mehrerer anderen Stämme aufzuwerfen. 

Ist ein Mord ohne Absicht begangen worden, so kann er durch 
Abgabe von bestimmten Geschenken an die Mitglieder der Familie des 
Ermordeten gesühnt werden. Dabei wird auch ein Festmahl von Seite 
des Todschlägers veranstaltet, an welchem die beiderseitigen Ver- 
wandten und Freunde Theil nehmen. Während die Letzteren fröh- 
lich die geschlachtete Kuh verzehren, muss er selbst, mit dem Blute 
derselben bestrichen, schweigend zusehen. Ist dagegen der Mord 
absichtlich begangen worden, so gilt hier wie bei allen Naturvölkern 



90 

die Blutraclie, wonach das Vergehen erst mit dem Tode des Mörders 
als gesühnt zu betrachten ist. Die Pflicht der Blutrache fällt auf 
den nächsten Anverwandten, in Ermangelung desselben auf den 
besten Freund. 

Wenn ein Hottentote alt und krank wird , so bringt man 
ihn in eine abgesonderte Hütte und versieht ihn mit einiger Speise 
und Trank; andere Hilfe wird im nicht geleistet. Ist die Krank- 
heit eine bösartige, so ziehen die Bewohner aus dem Dorfe und 
überlassen den Kranken seinem Schicksale. 

Sobald Jemand gestorben ist, hüllt mau ihn in alte Felle 
imd legt ihn in kauernder Stellung in ein vom Stachelschwein oder 
einem anderen Thiere gegrabenes Loch und deckt dieses mit f]rde 
und einigen Steinen zu. Bei Häuptlingen wird ein Steinhaufen von 
etwas grösserer Höhe errichtet. Den anwesenden Freunden und 
Anverwandten wird ein Gastmahl gegeben, wobei mehrere Thiere 
des Verstorbenen (die Zahl richtet sich nach seinem lleichthume) 
erwürgt werden. 

Im Ganzen erreichen die Hottentoten ein hohes Alter; Greise 
von neunzig bis hundert Jahren sind keine Seltenheit, Dies ist 
um so merkwürdiger, als der Hottentote nicht im Ueberflnsse lebt 
und beständig dem Wechsel der Witterung ausgesetzt ist. 

Mit der Heilung der verschiedenen Krankheiten befassen sich 
bestimmte Personen, welche im Rufe stehen, liegen zu machen, 
Geheimnisse zu entdecken und noch andere Zauberei zu verrichten. 
Als Ursache der Krankheit wird von ihnen stets eine Schlange 
angegeben, welche sie nach einigen am Körper des Patienten vor- 
genommenen Schnitten herausziehen. 

Ehe sie jedoch auf eine Cur sich einlassen, muss regelmässig 
entweder ein Rind oder ein Schaf, je nach dem Vermögen des 
Patienten, geschlachtet werden, von dem natürlich ihnen selbst der 
Löwenantheil zufällt. 

Diese Zauberer befassen sich auch mit der Heilung der von 
Schlangen Gebissenen und nach der Versicherung mehrerer Reisen- 
den, sowie der am Cap angesiedelten europäischen Colonisten sollen 
sie dies stets mit dem besten Erfolge ausführen. Gewöhnlich wird 
von jedem der reichen Boer's ein hottentotischer Giftdoctor gehalten, 
um sich von ihm vorkommenden Falles behandeln zu lassen. 

Ein solcher Giftarzt beginnt seine Wirksamkeit damit, dass 
er Schlangengift verschluckt und dasselbe durch mehrere am Körper 
gemachte Schnitte sich einimpft. Er soll dadurch giftfest werden; 



91 

seine Ausdünstung nimmt einen penetranten, Ekel erregenden Geruch 
an und sein Urin wird süss. 

Wird er zu einem von einer Schlange Gebissenen gerufen, so 
umhüllt er die Wunde mit einem Lappen, welcher mit seinem 
Scliweisse imprägnirt ist und gibt dem Kranken seinen Urin, sowie 
einen aus seinen Kleidern gezogenen Abguss zu trinken. Die 
Kleider, welche der Giftdoctor getragen, sollen lange Zeit ihre 
Wirkung gegen Schlangengift bewahren, und es werden einzelne 
Tlieile derselben als Medicamente nicht nur von den Eingeborenen, 
sondern auch von den europäischen Colonisten aufbewahrt. 

Gleich anderen Naturvölkern sind die Völker der Hottentoten- 
Rasse grosse Liebhaber des Tanzes, welcher meistens in der Nacht 
wäbrend des Mondscheines unter Gesang und Musikbegleitung aus- 
geführt wird. Bei demselben stellen sich die Tänzer, abwechselnd 
Männer und Weiber, im Kreise um eine in der Mitte befindliche 
Person , welche als Vortänzer gelten kann , fassen sich bei den 
Händen und drehen sich bald rascher bald langsamer herum. Dann 
löst sich plötzlich der Kreis auf und jeder beginnt für sich mit 
aller Anstrengung seiner Glieder zu tanzen, bis sich Ermüdung 
der Tänzer bemächtigt und ihren Productionen ein Ende macht. 

Das National-Instrument, womit die Hottentoten ihre Unter- 
haltungen begleiten, ist die !Gora, Dieses Instrument hat die Ge- 
stalt eines Dogens; an einem Ende desselben ist ein Federkiel 
befestigt. Es wird entweder einfach geblasen als auch mit einem 
kleinen Stäbchen geschlagen. Im letzteren Falle wird es wie eine 
Harfe aufgestellt und an dem untersten Ende mit dem Fusse ge- 
halten. Die Töne, welche dadurch hervorgebracht werden, sind 
höchst einfach und etwas unrein; selten ist ein Spieler im Stande 
denselben Ton zu wiederholen, noch weniger gelingt es, aus mehreren 
Instrumenten ein zusammenstimmendes Orchester zu bilden. 

Der religiöse Glaube der Hottentoten scheint im tiefsten Gründe 
auf sehr verschwommenen Ideen zu beruhen und sich auf eine ge- 
wisse Verehrung der Seelen der Verstorbenen zu beschränken. 
Darauf führt wenigstens ihre Furcht vor den Leichen. Die Hütte, 
worin Jemand gestorben ist, wird in der Regel abgebrochen und 
Niemand wird es wagen mit den Hölzern derselben eine andere 
zu bauen, oder Speisen, die am damit augezündeten Feuer gekocht 
wurden, zu geniessen. Kein Hottentote, wenn er an einem Grabe 
vorübergeht, vergisst einen Stein oder einen Baumast auf dasselbe 
zu werfen, so das in manchen Gegenden die dadurch entstandenen 



<\2 

Hügel eine namhafte Höhe erreichen. Dabei wird der Name des 
Heitsi-Eibip ausgesprochen, der hier begraben liegen soll. Dies ist 
wahrscheinlich nichts Anderes als die Personification der Seelen der 
Verstorbenen, da Heitsi-P]ibip nach der Sage stirbt und wieder 
auflebt und an mehreren Orten begraben liegt. (Vergl. Theophil 
Hahn im Globus XII, 275 und VI und VII Jahresbericht des Ver- 
eins für Erdkunde in Dresden 1870, S. 64 und Bleelc. Kej^nard the 
fox in South- Africa, London 1864, Nr. 36 und 37.) 

Neben Heitsi-Eibip, der namentlich in den Sagen der Hotten- 
toten eine grosse Rolle spielt, kommt noch eine andere Persönlich- 
keit vor. die Tsui-iigoap (Wuudknie) genannt wird. Tsui-iigoap 
ist der Schöpfer der Menschen; auf ihn wird alles Gute bezogen. 
Er soll gleich Heitsi-Eibip ein grosser Zauberer gewesen sein. 
Merkwürdig ist, dass die Kaffern den Namen Tsui-iigoap als u-tino 
zur Bezeichnung ihres höchsten Wesens (Gott) von den Hottentoten 
entlehnt haben. 

Als dritte göttliche Persönlichkeit, welche auch in den Sagen 
vielfach erwälmt wird, ist der Mond zu betrachten. Der Neumond 
wird Von den Hottentoten mit Tänzen und Gesängen gefeiert, an 
denen sich alle Mitglieder des Stammes betheiligen. Während 
einer Mondesfinsterniss werden Klagelieder gesungen und sollte sich 
<ler Stamm auf einer Jagd oder sonst gearteten Unternelimnng 
befinden, wird diese abgebrochen, da man sonst Unglück befürchtet. 

Noch viel primitiver als der religiöse Glaube des Hottentoten 
ist jener des Buschmanns. Der Buschmann gibt sich gleich jedem 
andern Soline der Natur mehr mit der Besänftigung der bösen 
Geister ab, als der Verehrung der guten. — Er trägt daher Anm- 
iete, um den Eiufluss der bösen Geister abzuwehren. Je nach der 
Verschiedenheit der Stämme geniesst auch dieses oder jenes Thier 
^ine Art von Verehrung. In diesem Falle wird es nicht gegessen- 
Auch von fabelhaften Thieren, ähnlich unserem Basilisken, wird 
■erzählt. Den früher noch nie gesehenen Geräthen der Weissen wird 
mit einer gewissen abergläubischen Furcht begegnet. So nannte 
ein Buschmann, der einen Wagen vorher nicht gesehen, denselben 
„das grosse Thier des weissen Mannes" und setzte mit Furcht über 
die Kadspuren desselben hinweg. 

Sprach e. 

Die Hottentotensprache ist ein selbständiges, mit keiner anderen, 
weder afrikanischen noch asiatischen Sprache verwandtes Idiom. 



93 

Morphologisch ist sie in die Classe der sogenannten anfügenden 
Sprachen zu stellen. Als die Europäer am Cap erschienen, bestan- 
den von dieser Sprache mehrere Dialekte, gegenwärtig sind davon 
nur zwei, nämlich der Xama- und der 1 Kora- Dialekt vorhanden, 
welche von den beiden Stämmen der Nama und Kora gesprochen 
werden. 

Das Lautinventar der Hottentoteusprache besteht aus neun- 
zehn ächten Consonanten (Exspiraten) nämlich h, g, k, ch, ng, kli. 
kch, gy, d, t, ts, s, z, n, r, b, p, w, m, vier Schnalzlauten fluspiraten), 
nämlicli dem palatalen, cerebralen, dentalen und labialen und 
mehreren Vocalen, nämlich den fünf einfachen a, e, i, o, u und 
deren Trübungen und Nasalirungen, sowie den aus ihnen zusammen- 
gesetzten Diphthongen. Die Schnalzlaute kommen nur im Anlaute 
der Wörter vor Vocalen und Gutturalen vor. 

Die Wurzeln , jene Elemente, aus denen die Worte aufgebaut 
werden, sind einsilbig: sie sind ihrer Natur nach doppelt, entweder 
stofflich oder blos hinweisend. Durch Anfügung der letzteren au 
die ersteren werden die Worte gebildet, wobei nicht ausgeschlossen 
wird, dass auch die ersteren mit einander verbunden werden können; 
jedoch ist ohne Hinzunahme von einem hinweisenden Elemente ein 
hottentotisches Wort nicht möglich. 

Das belebende Element der Sprache bilden die Pronomina, an 
welchen drei Geschlechter und drei Zahlen (Singular, Dual, Plural) 
unterschieden werden. Jedoch sind Geschlechts- und Zahlenbezeich- 
nung nicht formaler, sondern rein stofflicher Natur, was aus der 
gänzlichen Verschiedenheit ihrer Exponenten deutlich hervorgeht. 
Durch Anfügung der Pronomina an Nominal-Stämme wird eine Art 
Flexion derselben erzielt, wie auch das Verbum, welches ein Passi- 
vum. Reflexivum, Reciprocum und ähnliches, sowie Praesens. Perfec- 
tum und Futurum deutlicb unterscheidet , durch lose Vorsetzung 
oder durch Anfügung der Pronoraina gebildet wird. 

Abgesehen von den Schnalzlauten, welche eine daran gewöhnte 
Zunge hervorzubringen ausser Stande ist, wird der Klang der 
Hottentotensprache als nicht unschön geschildert. Die Erzeugnisse 
des hottentotischen Volksgeistes bestehen in Liedern und Thier-* 
fabeln, von denen mehrere in neuester Zeit durch Bleek und Theophil 
Hahn bekannt geworden sind. 

Die Sprachen der Buschmänner (Sän\ denn es sollen in der 
That verschiedene Sprachen und nicht etwa Dialekte sein, hängen 
weder mit dem Hottentotischen noch mit irgend einer anderen 



94 

Sprache Afrikas zusammen. Sie werden gegenüber dem Hotten- 
totischen durch eine gewisse Rauhheit gekennzeichnet. So besitzen 
sie nicht nur die vier Schnalzlaute des Hottentotischen sondern 
manche derselben noch einen fünften und sechsten, maiiclie sogar 
einen siebeuten und achten Schnalzlaut. Während im Hottentotischen 
der Schnalzlaut nur vor Vocalen und Gutturalen vorkommt, ist er 
in den Buschmann-Sprachen auch vor Labialen möglich. 

So weit man diese Sprachen kennt, gehören sie morphologisch 
in die Classe der isolirenden. Sie unterscheiden kein Geschlecht 
wie das Hottentotische und haben nur zwei Zahlen, nämlich Singular 
und Plural. Letzterer scheint meistens durch Verdoppelung des 
Singulars gebildet zu werden. 

Während das Hottentotische im Ganzen wohlklingend genannt 
werden kann, sind die Buschmann-Sprachen wegen der Menge von 
Schnalzlauten und eigeüthümlich gekrächzten Gutturalen als äusserst 
übelklingend zu bezeichnen. 

2. Papua's. '•=) 

Der Name Papua gründet sich auf das malayische papuwah, 
, kraushaarig", worunter die Malayen die dunkle Bevölkerung der 
benachbarten Inseln verstehen. Wir wollen den Ausdruck, da er auf 
ein in der That charakteristisches Merkmal basirt ist, und auf 
einen Gegensatz, also einen eigenthümlichen Rassen-Typus hindeutet, 
beibehalten, mit dem einzigen Unterschiede, dass wir darunter nicht 



*) Die Litteratur findet man verzeichnet bei Waitz , Anthropologie der 
Naturvölker, Bd. 5, Abth. 2, S. XXVI flf. und Bd. 6, S. XIX. Besonders wichtig 
für unseren Gegenstand sind: Wallace, Alfred Rüssel. On the varieties of 
man in the Malay archipelago. (Transactions of the ethnological society of 
London, N. S. III, 19G.) Derselbe: The Malay archipelago, London 1809. 8«, 
2 voll. Uebersetzung : Der malayische Archipel. Autorisirte deutsche Ausgabe 
von Adolf Berniiard Meyer, Braunschweig 1869, 8", 2 Bde. — Earl, George 
Windsor. The native races of the Indian archipelago. Papuans. London 1853, 8". 
Nieuw Guinea ethnographisch eii uatuurkundig onderzocht in 1858 door en 
Nederlandsch Indische comniissie, Amsterdam 1862, 8". Das mit besonderer Rück- 
sicht auf letzteres Werk bearbeitete Buch von F i n s c h , Neu-Guinea und seine 
Bewolmer, Bremen 18G9, 8", und Sempcr, Die Philippinen und ihre Bewohner, 
Würzburg 1869, 8". Abbildungen des Papua-Typus findet man bei Raffles, 
History of Java, Crawfurd History of the Indian archipelago, bei Earl in 
dem oben citirten Werke und in dem Buche Nieuw Guinea ethnographisch 
en natuurkundig onderzocht (vergl. oben). 



95 

nur die von den Malayen papuAvali benannten Stihnnie l)egTeifen, 
sondern densell)en auf die ganze Sippe ausdehnen. 

Als ursprüngliche Heiniath der Papua-Kasse können die Inseln 
des indischen Archipelagus überhaupt gelten. Dort sind die Papuas 
die eigentlichen Aboriginer, gegenüber den späteren Ansiedlern, den 
Malayen. 

"Wie wir weiter unten Itei der näheren Betrachtung der 
raalayischen Rasse sehen werden, müssen die ursprünglichen Sitze 
der letzteren auf den östlichen Küsten des asiatischen Festlandes 
und den demselben zunächst gelegenen Eilanden gesucht werden. 
Von da aus breitete sie sich über die herrliclien Sunda-Inseln und 
Philippinen aus, wo sie sich vorzüglich an den Küsten niederliess 
und die dunkle Urbevölkerung entweder ganz vernichtete oder ins 
Innere zurückdrängte. Die letztere verschwand auf einzelnen, beson- 
ders den kleineren Inseln nach und uacji ganz, während sie auf 
anderen bis heutzutage unter verschiedenen Benennungen ihr Da- 
sein fristet. 

Die auf diese Weise von der malayischeu Kasse besetzten 
Inseln waren die Philippinen, die Suuda-Iuseln und die Molukken. 
Ueber diese hinaus scheint sie Anfangs nicht gekommen zu sein. 
Erst in späterer Zeit zogen malayische Prahu's, nach den Erinne- 
rungen, wie sie die Tradition aufbewahrt, von Büro aus gegen den 
Osten. Nachdem sie auf dem nördlichsten Theile Neu-Guineas, in 
der Nähe des Arfak- Gebirges, kloine Ansiedelungen zurücKgelassen 
hatten, richteten sie ihren Lauf nach der Südsee, wo auf den 
grösseren vulcanischen Inseln die nämliche dunkle kraushaarige 
Bevölkerung seit langem bereits sesshaft war, während die kleinen 
Koralleninseln sammt Neuseeland noch ganz unbewohnt waren. 

Es ist eine von mehreren Forschern gemachte Beobachtung, 
dass auf den Continenten oder grossen Inseln eine Vermischung 
zweier ver^^chiedener Rassen niemals, oder nur sehr langsam ein- 
tritt; so gross ist die Abneigung, welche den civilisirten Stamm 
von dem auf niedriger Stufe stehenden trennt. Ein Beweis dafür 
sind die KafFeru gegenüber den Hottentoten in Südafrika, die Neger 
gegenüber den Weissen auf dem Continente, endlich auch die Malayen 
gegenüber den Papuas auf den grossen Inseln des indischen Archipels. 
Dem ist aber auf den kleinen nicht so ; dort wird der ursiirüngliche 
Gegensatz leichter vergessen und gegenseitige Annäherung und 
Vermischung treten bald ein. Wie es scheint, gingen auf den 
vulcanischen Inseln der Südsee die weniger zahlreichen Malayen in 



90 

deu Papuas auf, während diese ihre ursprüngliche Sprache gegen 
das Idiom der ihnen geistig überlegenen malayischen Rasse ein- 
tauschten. 

Als zur Papua-Rasse gehörig sind zu betrachten: 
A. Reine Papuas. Dies sind vor allen die Bewohner von 
Xeu-Guinea, sowie die Bewohner der Ke- und Aru-Inseln, von 
Mysol, Salwatty und Waigiou (vergl. A. Rüssel Wallace. The 
Malay arcliipelago II. 277.) Ferner gehören hieher die sogenannten 
Negritos auf den Philippinen, genannt Aeta, Agta , schwarz'', welches 
mit dem malayischen hetam identisch ist. Ehemals auf allen Inseln 
einheimisch, wie die Nachrichten älterer Schriftsteller beweisen, 
tinden sie sich gegenwärtig blos in den gebirgigen, der malayisch- 
europäischen Cultur unzugänglichen Gegenden einzelner derselben 
vor. So auf der Insel Negros in der Gebirgsgegend um den Vulcan 
herum und in den nördlichen Theileu der Insel Luzon. Auf der 
letzteren Insel finden wir sie an der Ostküste auf Alabat, bei Mau- 
ban, auf der Bergkette von Mariveles und Zambales, bei Baier, bei 
Casiguran, bis sie endlich von Palanan an bis an das Cabo Eugano 
hinauf ausschliesslich die Küste sowohl wie die Gebirgsgegenden 
dei östlichen Bergkette bevölkern. (Semper, Die Philippinen und 
ihre Bewohner, Würzburg 1869. 8^ S. 49.) Auf der Insel Mindoro, 
wo Earl, a. a. 0. 137, die Negritos in einem Gebirgsdistricte, ge- 
nannt Bangan anführt, scheinen sie gegenwärtig nicht mehr vorzu- 
kommen. Ob die von den Malayen unterschiedenen Stämme in den 
inneren Theilen der grösseren Inseln. Borneo, Celebes und Gilolo 
als reine Negritos oder als Mischlinge aufzufassen sind, bleibt bei 
dem Mangel bestimmter Nachrichten etwas zweifelhaft. (Vergl. 
besonders Earl a. a. 0., S. 144 ff.) Dagegen sind die Semang im 
Gebiete von Kedah auf der Halbinsel Malaka, *) sowie die Bewohner 
der Andamanen und Nicobaren (?), nach dem ürtheile competenter 
Naturforscher reine Negritos. (A. Rüssel Wallace. The Malay 
archTpelago, II, 278 und Earl, S. 1(>1.) Wie es mit den wollhaarigcn (?) 



*) Die Semang finden sich am Berge Jerci im Gebiete von Kedah nörd- 
lich von Pinang. Die Malayen theilen die Semang in vier Classen, nämlich: 
1. Semang paya (diejenigen, welclie in der Ebene wohnen), 2. Semang bnkit 
(diejenigen, welche im Gebirge wohnen), 3. Semang bal<au (diejenigen, welche 
an den Meeresküsten wohnen) und 4. Semang bila (diejenigen, welclie das wilde 
Leben verlassen haben und mit dem Jlalayen verkehren). Identisch mit den 
Semang sind die Pangan in Innorn von Tringanu. (Vgl. Earl a. a. ü.. 
S. 150 ft".) 



i 



97 

und sclnvarzen Stämmen in don Gebirgen Cocliin-Cliinas sich ver- 
liült (Karl, a. a. 0. S. 158) ist bei dem Mangel bestimmter auf 
Autopsie beruhender Naclirichten nicht zu entscheiden. 

\\'ir können nicht umhin, gleich hier des Widerspruches zu 
gedenken , welcher in Betreff der Negritos zwischen den Ansichten 
zweier ausgezeichneter Naturforscher, nämlich des Deutschen Seniper 
und des Engländers A. Rüssel Wallace, besteht. Der letztere hält 
in seinem oft citirten Werke: The Malay archipelago 11, 278, die 
Negritos für eine von der Papua-Rasse ganz verschiedene Menschen- 
varietät aus dem Grunde, weil trotz der üebereinstimmung in Be- 
treff der Haarbildung und Hautfarbe die Körperhöhe und Nasen- 
bildung beider Typen von einander gar zu sehr abweichen. Während 
nämlich der Papua in der Regel ö Fuss überschreitet, erreicht der 
Negrito kaum 4 Fuss G bis 8 Zoll, und während der Papua durch 
eine grosse vorspringende und herabhängende Nase sich auszeichnet 
ist die Nase des Negrito klein und platt. Daher spricht Wallace 
in Erwägung des ümstandes, dass die Andamanen von Negritos 
bewohnt werden, dieser Varietät einen continentalen (asiatischen) 
Ursprung zu (a. a. 0. 279). 

Obwohl nun Semper, wie aus der von ihm gelieferten Be- 
schreibung dieses Menschentypus hervorgeht (a. a. 0. 49), diese 
Abweichungen des Negrito vom reinen Papua nicht unbekannt waren, 
steht er dennoch nicht an, beide, vermöge der gleichen Hautfarbe 
und Beliaarung. zu einem Rassen-Typus zu vereinigen und den 
Negrito für einen auf einer niedrigeren Stufe stehenden Repräsen- 
tanten der Papua-Rasse zu erklären. Wir unsererseits halten die 
Ansicht Semper's für die richtigere und indem wir sie adoptiren, 
erlauben wir uns auf den Umstand aufmerksam zu macheu, dnss 
die Stämme Nen-Guineas, je nachdem sie an der Küste, oder im 
Innern wohnen, in Betreff" der Statur von einander ebenso ab- 
weichen (Earl, u. a. 0., S. -']) und können nicht umhin, auf ähnliche 
und zwar noch auffallendere Abweichungen innerhalb des amerika- 
nischen Rassen-Typus (Feuerländer und Patagonier) hinzuweisen. 

B. Gemischte Papuas. In diese Abtheilung gehören 
strenge genommen sämmtliche östlich von den Ursitzen der Papuas 
wohnenden Stämme der malayischen Rasse, da sich bei allen ohne 
Ausnahme eine mehr oder weniger intensive Vermischung derselben 
mit den Papuas anuehmeri lässt. Dies wird namentlich aus den 
Nachrichten Wallace's. eines in naturwissenschaftlichen Dingen ganz 
besonders feinen und zu\erlässigeu Beobachters, klar. Wallace hält 

Müller, AUg. Ktlinogruphie. 7 



98 

nämlich den östlichen Zweig der malayischen Rasse, den polynesi- 
sclieu , für nahe verwandt mit den sogenannten Melauesiern und 
den Papuas, wobei er sich auf die Uebereinstimmung aller dieser 
Typen in Betreff der physischen Merkmale, mit alleiniger Ausnahme 
des Haarwuchses, und in Hinsicht der psychischen Anlagen stützt. 
— Und in der That sind alle diese Beobachtungen vollkommen zu- 
treffend (a. a. 0. 279, 280). 

Wenn wir nun auch die Richtigkeit der Beobachtungen Wallace's 
vollkommen anerkennen, vermögen wir dennoch nicht seine aus 
den festgestellten Thatsachen gezogenen Schlüsse zu adoptiren, da 
dieselben mit anderen ebenso wohl begründeten Thatsachen nicht 
im Einklänge sich befinden. Wir halten den ganzen östlichen 
Zweig der Malayen- Kasse von den Sitzen der Papuas an für einen 
gemischten oder richtiger ausgedrückt mit Papua-Blut versetzten, 
woraus der Gegensatz beider zu einander leicht erklärlich wird, 
glauben aber im Laufe unserer Untersuchung von einer Mischung 
im eigentlichen Sinne des Wortes nur da sprechen zu können, wo 
diese durcii gänzliche Umbildung des ursprünglichen Typus offen 
zu Tage tritt. Daher werden wir die Polynesier nicht als einen 
, Mischstamm" bezeichnen, da die Beimischung von Papua -Blut 
nicht so bedeutend ist, dass der Malayen-Typus darin untergegangen 
wäre (was die Abweichung des Polynesiers vom Papua in Betreff 
der Haarbildung und Uebereinstimmung desselben in diesem Punkte 
mit dem Malayen darthut), während wir jene Stämme, bei welchen 
das Papna-Hlut den Malayen förmlich zum Papua umgestaltet hat, 
als Mischstämme aufzählen werden. Zu denselben gehören die so- 
genannten Alfuren der nördlichen Halbinsel von G-ilolo, die Abori- 
giner-Bevölkerung der Inseln Ceram, Bouru und Timor, ferner der 
Inseln westlich von Timor bis Flores und den Sandelholz-Inselu 
und östlich bis Timorlaut. Alle diese Stämme werden als ver- 
schieden, ebenso von den Malayen, wie von den Papuas beschrieben. 
Sie haben die Gesichtszüge des Papua und sein Haar, sind gross, 
schlank und am Körper behaart, aber von lichter Hautfarbe wie 
der Malaye. (Wallace II, 276, 277.) 

Die Mischlinge von kraushaarigen Negritos mit den schlicht- 
haarigen Malayen, wie die Mamanuas an der Ostküste von Mindanao, 
die Balugas in der Provinz Pangasinan, die Irayas am Ilarön theilen 
zwar mit der Papua-Rasse die Hautfarbe, weichen aber von ihr 
durch die Behaarung ab (schlichthaarige Neger). 



99 

D(Mi Haiiptsitz jedoch der gemischten Papua-Bevülkeriing bilden 
jene Inseln, welche man mit dem Namen Melanesien bezeichnet, 
niiter denen die Viti-Griippe am bekanntesten ist. Hier ist der 
schlichtliaarige Maiave, der bei seiner Wanderung nach Osten diese 
Gegenden passiven musste. in dem kraushaarigen Papua spurlos 
untergegangen. Die Uewohner dieser Gegenden sind sämratlicli 
durch die dunkle Hautfarbe und den krausen Haarwuchs charakte- 
risirt. d. h. sind leibliche Papuas, sprechen aber Idiome, die sich als 
Abkömmlinge der malayischen Ursprache deutlich verrathen, wodurch 
sie ethnologisch in die lleihe der Polynesier (malayische Kasse) 
einzureihen sind. 

In Betrefl" der Papua-Rasse, sowie deren verschiedenen Misch- 
tormen gibt es mehrere Ansichten unter den .Anthropologen und 
Ethnograi»hen, welche ziemlich weit auseinander gehen. — A. Kussel 
Wallace, welcher in seinem AVerke: „The Malay archipelago" zu 
wiederholten Malen in den bestimmtesten Ausdrücken auf den 
Gegensatz zwischen Malaye und Papua hinweist (besonders II, 
S. 270 Ö*.), spricht sich denuoeh (II, 280) dahin aus, dass der Papua, 
der Bewohner von Gilolo und Ceram, der Viti-Insulaner sammt dem 
Bewohner der Sandwich -Inseln und dem Neu-Seeländer nur ver- 
schiedene Varietäts-Formen der einen grossen oceanischen oder poly- 
nesischen Rasse repräsentiren dürften. Dass er aber in diesem 
Punkte selbst nicht ganz sicher ist, dies beweist der Umstand, dass 
er unmittelbar darauf die Ansicht, nach welcher der braune Poly- 
nesier eine Mischform des Papua und Malayen sein dürfte, für 
ebenso wahrscheinlich hält. Nach unserem Dafürhalten ist nur die 
letztere Ansicht die einzig richtige, da mit ihr neben dem anthropo- 
logischen Moment im Typus des Polynesiers zugleich die un- 
zweifelhafte ethnische Einheit desselben mit dem Mainyen genügend 
erklärt wird, während sie in dem ersteren Falle für uns ein voll- 
kommenes Räthsel bleibt. 

Eine andere Ansicht vertritt G. Gerland, der Fortsetzer des 
AVaitz'.-chen Werkes „Anthropologie der Naturvölker\ Der.-elbe ver- 
wirft die von A. Rüssel Wallace entworfene Schilderung des Papua- 
Typus als nicht überall zutreffend (natürlich — da vielfache Misch- 
ungen stattgefunden haben) und erklärt die Melanesier, namentlich 
die Viti's (a. a. 0. 545), für einen reinen ungemischten Stamm. 
Diese Ansicht ist, wie ich schon früher (Mittheilungen der anthropo- 
logischen Gesellschaft in ^^"ien U, S. 45) gezeigt habe, deswegen 
nicht richtig, weil sich mittelst derselben die anthropologische 



100 

Verschiedenheit der Melanesier uud Malayo-Polynesier einerseits (die 
einen sind nämlich eine kraushaarige duukelgefärbte ßasse, die 
anderen dagegen schlichthaarig") und die ethnische Einheit aller dieser 
drei Menschen-Typen andererseits schlechterdings nicht erklären lässt. 
Es bleibt noch eine Ansicht übrig, welche dahin geht, dass 
der Papua mit dem Australier identisch sein dürfte, wie es denn 
manche Forscher gibt, welche an eine Bevölkerung Australiens von 
Neu-Guinea aus festhalten. Gegen diese Ansicht spricht die gänz- 
liche Verschiedenheit der Behaarung beider in Betreff der Haut- 
farbe einander nahestehender Menschen-Typen. Während der Papua 
krausliaarig ist, wird der Australier durchgehends als schlichthaarig 
besclirieben. (Vergl. besonders Earl a. a. 0., S. 189 und Plate VI.) 
Wiewohl es nun, wie wir oben gesehen haben, auf den Philippinen 
schlichthaarige Neger gibt, so sind diese stets aus einer Mischung 
der wollhaarigen Negritos mit den schlichthaarigen Malayen hervor- 
gegangen. Wir müssten auch hier annehmen, dass sich der woll- 
haarige Papua mit einem schlichthaarigen Stamme in unvordenklicher 
Zeit gemischt habe und dieser Mischung der schliehtliaarige Austral- 
Neger entsprossen sei. Naciidem aber auf eine vor diesem schlicht- 
haarigen Neger existirende ungemischte schlichthaarige Bevölkerung 
keine einzige Spur hinweist, so könnte dabei nur an den Malayen 
gedacht werden. In diesem Falle aber müssten sich gewisse ethno- 
logische, namentlich aber linguistische Momente nachweisen lassen, aus 
denen auf den einstigen Zusammenhang geschlossen werden könnte. 
Nun weist aber weder im Leben des Australiers noch in seiner 
Sprache (die durchgehends nur die Suffixbildung kennt, während 
den malayischen Idiomen auch die Präfixbildung geläufig ist) etwas 
auf eine Verwandtschaft mit dem Malayen hin, wodurch die An- 
nahme einer ehemaligeu Mischung irgendwie gerechtfertigt wäre. 

Leiblicher Typus der Papua-Rasse.*) 

A. Rüssel Wallace besclireibt den Papua - Typus folgender- 
massen (The Malay archipelago II, 273, Uebersetzung 41 1 ff.) : 

„Die typische Papua- Rasse ist in vielen Hinsichten der 
malayischen gerade entgegengesetzt und bis jetzt sehr unvollkoju- 
men beschrieben worden. "^[.Die Farbe des Körpers ist tief schwarz- 
braun i^deep sooty brown) oder schwarz; sie erreicht zwar nie das 



*) Ueber die craniologische Seite dieser Frage vgl. JJaer, K. E. lieber 
Papuas und Alfureii, St. Teteroburg 1859. 



101 

Kolilscbuarz einiger Neger-Rassen, aber sie nähert sich dentiselbeu 
mancbmal. Sie variirt in der Tinte jedoch mehr als die des Ma- 
layen nnd ist manchmal dunkelbraun.*) Das Haar ist sehr 
eigentbttmlich rauh, trocken und gekräuselt und wächst in 
kleinen Büscheln oder Locken, welche in der Jugend sehr 
kurz unu compact sind, aber später zu einer beträchtlichen Länge 
auswachsen und die compacte gekräuselte Frisur bilden, in welcher 
des Papua Stolz nnd Rubra besteht. Das Gesicht ist mit einem 
Barte von derselben krausen Art wie das Kopfhaar 
geschmückt. Die Arme, die Beine nnd die Brust sind mehr 
oder weniger mit Haaren gleicher Art bekleidet.**) In seiner 
Statur übertrifft der Papua entschieden den Malayen und ist dem 
Durchschnitts-Europäor vielleicht gleich oder selbst überlegen. Die 
Beine sind lang und dünn und die Hände und Füsse grösser als 
bei dem Malayen. Das Gesicht ist etwas verlängert, die Stirn flach, 
die Brauen sehr hervorstehend, die Nase gross, ziemlich gebogen 
und hoch, die Basis derselben dick, die Nasenlöcher breit und die 
Oeffnungeu derselben hinter der verlängerten Nasenspitze verborgen ; 
der Mund ist gross, die Lippe dick und aufgeworfen. Das (Je- 
sicht hat daher in Folge der grossen Nase im Ganzen ein melir 
europäisches Aussehen,***) als das des Malayen; und die eigenthüm- 
liche Form dieses Organes, die hervorstehenden Brauen und der 
Charakter des Haares auf dem Kopf, im Gesiebt und auf dem 
Körper setzen uns in den Stand, die beiden Rassen auf einen Blick 
zu unterscheiden." Ueber den leiblichen Typus der Negritos auf 
den Philippinen bemerkt Semper (a. a. 0. 49): „Bei einer durch- 
schnittlichen Körperhöhe von 4' 7" par. (Männer) und 4' 4" (Weiber) 
sind ibre (ilieder dem entsprechend ungemein zart, aber wohlgebildet. 
Mit rundem, namentlich bei den Weibern stark ausgeprägtem Ge- 
sichte, äusserst dicker, schwarzbrauner, glanzloser 
und wollig krauser Haar kröne; mit geradem wenig vorsprin- 
gendem Kiefer und schwach gewulsteten Lippen, mit sehr flaclier, 
breiter Nase und dun kelkupfer brauner Körperfarbe f) — so 

*) Der Stich ins Blaue, von dem oft berichtet wird, ist nichts Natür- 
liches, sondern etwas Künstliches, was die Papuas wahrscheinlich mittelst des 
Absudes einer Baumrinde hervorbringen. (Vergl. Earl a. a. 0., S. 47.) 
**) Vergl. auch Earl a. a. 0., S. 2 ff. 
***) Vergl. besonders die Profilzeichnungen bei G. Windsor Earl , auf 
Plate VI. 

t) Earl (a. a. 0., 131) nennt sie ebony-black, like the negroes of Africa. 



102 

bilden diese Neger einen schroffen Gegensatz zu den grösseren und 
eckiger gebauten malayischen Usurpatoren. Durch die ungemeine 
Schmächtigkeit ihrer Beino und die verhältnissmäss ig grossen Bäuche 
erinnern sie etwas an die glatthaarigen Bewohner x^ustraliens."*) 

Mit dieser Schilderung der Negritos. stimmt die Charakteristik 
der Semangs, welche Logan, wahrscheinlich nach Autopsie, in seinem 
Journal of the Indian archipelago (bei Earl a. a. 0. 156) mittheilt 
und die wir hier im Auszuge reproduciren wollen. Höhe 4' 8" bis 
4' 10", Kopf und Vorderiiaupt klein, das Gesicht enger wie beim 
Malayeu, Augenbrauen vorstehend, die Glabella eingedrückt, die 
Nase klein, an der Spitze dünn, oft aufstehend, Backenknochen 
breit aber nicht besonders hervorragend, Mund gross, Lippen dick 
aber nicht aufgeworfen, der untere Theil des Gesichtes oval. Die 
Gliedmassen sind zart, dagegen der Bauch gross, die Bauchhaut 
schlapp und faltig. Hautfarbe dunkelbraun bis schwarz. Das 
Haar ist spiralförmig und wächst in dicken Büscheln. Die Stimme 
ist uasal-cerebral. 

Psychischer Charakter der Papua- Rasse. 

Ueber denselben äussert sich A. Rüssel Wallace (The Malay 
archipelago, II, 274 ff-, üebersetzung 413 ff.). „Die moralischen 
Charakteristiken des Papua scheinen ihn ebenso deutlich von dem 
Malayen zu unterscheiden, wie seine Gestalt und Gesichtszüge. Er 
ist impulsiv und demonstrativ in Sprache und Handlungen. Seine 
Erregungen und Leidenschaften drücken sich im Schreien und Ge- 
lächter, im Geheul und ungestümen Sprüngen ans. Die Frauen und 
Kinder nehmen Theil an jeder Unterhaltung und scheinen bei dem 
Anblick von Fremden u. Europäern wenig beunruhigt zu sein." Weiter 
beurtheilt Wallace den Iiitellect des Papua ; er hält ihn dem 
Malayen gegenüber hierin überlegen und setzt seine thatsächliche 
Inferiorität auf Kechnung des mangelnden tieferen Einflusses von 
Seite höher gebildeter Kassen , mit denen der Malaye zu wieder- 
holten Malen verkehrt hat. 

Schliesslich fasst er sein Urtheil zu folgender trelVenden Charak- 
teristik zusammen. „Der Malaye ist l)löde, kalt, in sich geschlossen. 

*) Vergl. auch Eurl n. a. 0., 131. While still youiig tliey are iieatly 
formed; but the Ute tliey lead in the woods, ... eating a large quantity one 
day and often iiothiiig the uext . . . produce a large stotiiacli ;iiid render the 
extreinities iiieagre and laiik. 



103 

niliig; dev Vd\nvd kiiliii, uii<;('stüin , reizbar und geräuschvoll. Der 
erstere ist ernst und lacht selten, der letztere ist vergnügt und 
liebt (las Lachen — der Eine verbirgt seine Bewegungen, der Andere 
trägt sie zur Schau." 

Hiemit stimmt auch Dasjenige, was Semper über den Charakter 
der Negritos bemerkt, überein, indem es den Gegensatz derselben 
gegen den Charakter der Malayen deutlich erkennen lässt. „Ihr 
Charakter — so schreibt Semper a. a. 0. 50 — ist meistens besser 
als ihr Ruf. Von Natur sind sie zutraulich, frei und offen, miss- 
trauisch nur im Verkehr mit den Christen, den Käubern ihres Lan- 
des: ausdauernd und an Muth den malayi?-chen Nachbarn weit 
überlegen: bereitwillig zu Diensten, sobald diese nur im Bereich 
des Gewohnten liegen; und von einer unbegrenzten Liebe zur indivi- 
duellen Freiheit und zum Wanderleben. Von ihrer wirklich gut- 
müthigen Natur erhielt ich im Lande der Irayas an der Westküste 
der Cordillere von Palauan einen freundlichen Beweis. In der einen 
Hälfte dieses Stammes (den Catalanganes, einer Mischung von 
Malayen und Chinesen, vergl. Semper a. a. 0., S. 54) fand ich eine 
sehr ungastliche Aufnahme, und hier schienen sich die Bewohner 
fast gänzlich allen intimen Umganges mit den Negern zu enthalten; 
in der andern aber hatte die unverkennbare grosse 
Vermischung mit den Negern allen Leuten ein so 
freundliches Wesen eingeprägt, dass mir der Gedanke an 
die Wochen, die ich unter ihnen zubrachte, mit zu meinen liebsten 
Reise - Erinnerungen gehört." 

Ethnographische Schilderung. 

Der Papua auf Neu-Guinea geht in der Regel nackt umher; 
doch werden von den Männern die Schamtheile nicht ofl'en zur 
Schau getragen, sondern in einem getrockneten Kür.ds, Bambus- 
Futteral oder unter einer grossen Muschtl verborgen, während die 
Weiber einen Schurz aus Pflanzenfasern oder Muscheln um ihre 
Hüfteulegen. Dem Haar wird grosse Sorgfalt zugewendet; dasselbe 
wird entweder kurz abgeschnitten oder aber in kleine Zöpfe oder 
einen grossen Knoten geflochten und mit Bambuskämmen, Knochen- 
stücken, Vogelfederu und anderem Zierrath aurge])utzt. Manchmal 
wird eine Mütze aus feinen Bambusfasern oder Kängurufellen auf- 
gesetzt. Bei vielen Stämmen winl das Haar mittelst Muschelkalk 
gebeitzt, wodurcii es eine rothe oder flachsige Farbe erhält. Nase, 
Ohren, Hals und Arme werden verziert, und zwar die beiden eisteren 



104 

mit einem durch den durchbohrten Nasenknorpel oder das durch- 
bohrte Ohrhippchen gezogenen Thierknoclien , Bambusstäbchen oder 
einer Feder, ja die Nase selbst mit zwei mit einander verbundenen 
Schweinehauern, deren Spitzen nach oben gerichtet werden, Hals 
und Arme mit Eingen, Bändern und anderem Zierrath. Die Sitte, 
die Haut aufzuschneiden, um erhabene Narben hervorzubringen, und 
sich Gesiclit, Brust und Arme mit allerlei rothen und schwarzen 
mittelst glimmender Kohle eingebrannten und verschiedenen Erd- 
arteu eingeriebenen Flecken und Figuren zu bemalen, ist allgemein 
verbreitet. Dagegen lässt sich von der malayischen Sitte der Täto- 
Avirung mittelst der Nadel nirgends irgend welche Spur nachweisen. 

Die Zähne werden von den Papuas spitz zugefeilt: doch scheint 
diese Sitte nicht von derselben Bedeutung wie eine ähnliche bei 
den Australiern zu sein. 

Hiemit stimmt auch dasjenige, was über die Bekleidung und 
Ausschmückung der Negritos auf den Philippinen bekannt ist, über- 
ein. Auch der Negrito geht nackt einher, bis auf die Schürzen 
und Schenkelbinden, mit denen er die Hüften umkleidet. Er trägt 
wunderlich gestaltete Ohrgebänge, sowie Ringe an Beinen und Armen 
und Halsketten. In Betreif des sogenannten Tätowirens herrscht 
unter ihnen eine doppelte Sitte. Die einen , die von Mariveles, 
schneiden gleich den Papuas die Haut auf, wodurch hohe Narben 
hervorgebracht werden ; die anderen, die Negritos der Ostküste von 
Baier an bis nacb Pahman, bedienen sich der Nadel. Die letztere 
Sitte ist offenbar von den Malayen entlehnt. Aber alle stimmen 
in der Form der Figuren überein, insofern lauter geradlinige 
Muster angewendet werden. 

Unter den AVohnungen der Papuas sind besonders jene charak- 
teristisch, welche am Flussufer sich l)etinden; es stehen gewöhnlich 
mehrere derselben zu einem Kampong vereinigt beisammen. Sie 
sind auf Pfählen errichtet und aus Bambus aufgebaut. Sie gleichen 
daher vollkommen den an den Seen Mitteleuropas in neuester Zeit 
zahlreich entdeckten Pfahlbauten. Eine solche Hütte ist etwa tünf 
Fuss hoch, sechs Fnss breit, aber nicht Aveniger als hundert Fnss 
lang. Doch kommen auch Hütten von etwa siebenzig Fnss Länge 
und zwanzig Fuss Breite vor. Der Boden besteht aus Bambus- 
hölzern, welche ziemli' h weit von einander abstehen, so dass das 
Gehen auf diesem Lattenwerke, durch das man ins Wasser hinab 
sehen kann, eine grosse Uebung erfordert. Das bis zwanzig Fuss 
hohe Dach besteht aus den Blättern der Sagopalnu': der höhere 



105 

Giebel desselben ist dem Wasser zugewendet. Auf dieser Seite 
werden die Pralnis angelegt, und dort wohnen auch die jungen 
Männer, um bei nahender Gefahr allsogleicli bei der Hand zu sein 
und ilire ]\Iassregeln ergreifen zu kiniiieu. Das Innere der Wohnung 
zerfällt in zwei durch einen Gang getrennte Hälften, und diese 
wieder in melirere kleinere Abtheilungen, deren jede einen beson- 
deren Eingang nnd Feuerherd hat. Ausser dem letzteren sind ein 
Haufen Blätter, welcher als Schlafstelle dient, hölzerne schemel- 
artige Kopfivissen und einige ausgehöhlte Kürbisse, welche zum 
Trinken . Rauchen und anderen Verrichtungen verwendet werden, 
sowie Säcke, in manchen Fällen auch Matten aus Bast, die einzigen 
Hausgeräthe. In anderen Gegenden finden sich wieder kleinere 
Hütten mit niederen Däcliern, welche nicht auf Pfählen auf- 
gebaut sind. 

Die Papuas bauen Kähne (prähu) aus ausgehöhlten Baum- 
stämmen, welche sie mittelst langer Ruder geschickt fortbewegen. 
Ein solcher Kahn ist sehr schmal nnd oft fünfzig bis sechzig 
Fuss lang. Bei der steten Gefahr des Umschnappeus ist der Papua 
auf das Schwimmen angewiesen, und in der That ist er in dieser 
Fertigkeit, sowie im Tauchen von .Jugend auf ein vollendeter Meister. 

Von Haiisthieren finden sich eine eigene Gattung des Schweines 
(Sus papuensis) und der Hund. In vielen Gegenden werden Beeren 
und Früchte eingesammelt und für den späteren Gebrauch auf- 
bewahrt. PJbenso ist dem Papua die Bereitung des Sago nicht un- 
bekannt. An manchen Orten findet man angebaute Stücke Landes, 
welche mit Tabak, Palmen und anderen Nutzpflanzen besteckt 
sind. Selbst Hecken trifft man um solche Aecker gezogen, was 
einen gewissen Sinn für Eigentiium verräth. 

Die Speisen werden in heisser Asche gebraten; dabei werden 
aber bei animalischen Naiirungsmitteln keine besonderen Vorberei- 
tungen getroifen. Der Gebrauch des Salzes ist dem Papua un- 
bekannt: au einigen Orten wird es durch Meerwasser ersetzt. Geistige 
Getränke, namentlich der unter den Polyuesiern verbreitete Kawa- 
trank, finden sich bei den Papuas nicht vor. 

Unter den Waffen sind Pfeil. Bogen. Lanze und ein ans hartenr 
Holz zierlich geschnitzter Streitkolben zu erwähnen. Derselbe ist 
ungefähr vier Fuss lang, mit einem cylindrischen schmalen Stiel 
und drei- oder vierkantigem breiten Ende. Letzteres ist entweder 
mit verschiedenen Schnitzereien versehen oder mit Steinen aus- 
gelegt. Die Spitze des Pfeiles und der Lanze besteht entweder aus 



106 

zugespitzten Casuarknochen oder aus gehärtetem Hol/e und ist mit 
einem starken Widerhaken versehen. Der Bogen ist sieben bis acht 
Fuss lang und aus einer ungemein zähen Holzgattung verfertigt. 
Auch Messer und Aexte kommen vor, beide aus spitz zugehaueneu 
Kieseln und denen bei uns in den Denkmälern der Steinzeit gefun- 
denen ähnlich. 

Etwas den Papuas ganz Eigentliümliches sind die Blasroiire 
aus Bambus von beträchtlicher Länge. Sie dienen als Sigualzeichen, 
indem Staub mittelst derselben in die Höhe geblasen wird, ähnlich 
der Rauchsäulen bei anderen Volkeren. (Vgl. Eail a. a. 0., S. 38.) 

Was das Leben des Aeta auf den Philippinen betrifft, so lebt 
er unter der kleinen leichten Hütte, die leicht abgebrochen und 
fortgetragen werden kann, ein ewiges Wanderleben. Von einer 
Häuslichkeit und irgend welchem Hausthiere ist bei ihm keine 
Spur vorhanden. Ohne Ackerbau nährt sich derselbe von den 
Herzen der verschiedenen Palmsorten und den Wurzeln der vielen 
wild wachsenden Aroideen, sowie den jagdbaren Thieren des Waldes 
(Rehen und Schweinen) und den Fischen des Meeres und der Flüsse. 
Seine Werkzeuge und Waft'en dabei sind sehr einfach, Bogen und 
Pfeil, welciier wie bei den Buschmännern in Afrika in der Regel ver- 
giftet ist*) (Earl a. a. 0., S. 125, 131 und 134), nebst einem 
grossen eisernen Messer, das ebenso beim Ausgraben der Wurzeln, 
wie bei der Vertheidigung gegen den Feind vortrelt'liche Dienste 
leistet. Eine besonders beliebte Nahrung ist der Honig der wilden 
Bienen, welche mittelst Rauches giftiger Kräuter aus den Baum- 
höhleu, worin sie nisten, vertrieben werden. Das Wachs, welches 
dabei gewonnen wird, formt man zu Kuchen, die mau an die 
christlichen Händler gegen Strohmatten, Reis, Glasperlen und Tabak 
verhandelt. 

Während der Jagd zeichnet sich der Aeta durch eine besondere 
Behendigkeit aus. Er versteht es ganz vorzüglich auch die höchsten 
Bäume gleich einem Affen zu erklettern, so dass eine Truppe dieser 
Jäger in ihren Bewegungen einer Schaar Orang-utans gleichen soll. 

Der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens bildet beim 
Papua die Familie. Das Oberhaupt derselben ist der Mann, welcher 
sich so viele Weiber neluneii kann , als er xu ernähren im Stande 
ist. Die Braut wird von dem Bräutigam durch Erlegung eines 
l)estimmten Schatzes an Sclaven. Waaren und Lebensmitteln erkauft 

*; Auch die Seiiiaiii{ vergiften ilire Wafteii (P]arl a a. (). 153). 



107 

und demselben dann feierlich bei einem grossen Festgelage, bei 
dem wohl nicht berauschende Getränke, aber verschiedene lärmende 
Instrumente die Hauptrolle spielen, übergeben. 

Bei den Bergvölkern im Innern Xeu-Guineas ritzen sich Braut 
und Bräutigam sammt den beiderseitigen Verwandten die Stirn 
auf zum Zeichen der Verbrüderung, was mit der weiter unten zu 
erwähnenden Sitte des Eides zusammenhängen mag. Irgend welche 
religiöse Gebräuche scheinen bei der Heirath nicht stattzufinden, 
obschon der Papua sowohl Tempel als Götzenbilder kennt. 

Die Aetas auf den Philippinen sollen in Monogamie leben, 
woran das beschränkte Mass der Subsisteuzmittel Schuld sein mag. 
Als äusserst sinnig werden ihre Hochzeitsgebräuche beschrieben. 
Sobald ein Jüngling ein Mädchen heirathen will, lässt er durch 
seine lOltern oder Freunde um dasselbe werben. Es wird nun ein 
Tag festgesetzt, au welchem vor Sonnenaufgang das Mädchen in 
den Wald geschickt wird, wo sie sich verbirgt und entsprechend 
ihrer Neigung zu ihrem Freier sich linden oder nicht finden lässt. 
Nach etwa einer Stunde macht sich derselbe auf, seine Braut zu 
suchen; hat er sie vor Sonnenuntergang gefunden und zu seineu 
Freunden zurückgebracht, so ist die Ehe vollzogen, im Gegentheil 
bat er seine Ansprüche auf das Mädchen aufzugel)en und ist als 
mit seiner Werbung abgewiesen zu betrachten. 

Sobald eine Papua-Frau niederkommen soll, wird sie von den 
Frauen des Kaiupongs aufgesucht und von denselben dadurch unter- 
stützt, dass sie dieselbe mit den Fäusten über der Brust kneten 
oder mit Wasser begiessen. Nach der Geburt des Kindes bleibt 
sie durch zwanzig Tage in ihrer Hütte abgesondert zurück, worauf 
das Kind vom V^ater einen Namen erhält. Nachdem das Kind von 
der Mutter gesäugt worden, wird es, sobald es lauten kann, sich 
selbst überlassen. Das männliche Kind, grösser geworden, begleitet 
den Vater auf die Jagd und lernt von ihm die Handhabung der 
Waffen , sowie die Verfertigung der verschiedeneu Geräthscliaften 
kennen. Das weibliche Kind wächst zu Hause unter den Augen 
der Mutter heran, welche es zu den häuslichen Arbeiten anhält. 

JMehrere Familien wohnen in Dörfern, sogenannten Kampongs,' 
vereinigt beisammen, üeber ein solches Dorf übt zwar in inanchen 
Gegenden ein Aeltester eine gewisse Autorität; diese ist aber immer 
sehr precär, denn es werden ihm weder irgend welche Abgaben 
entrichtet, noch zeichnet er sich vor den anderen Bewohnern durch 
besseren Schmuck oder eine schönere Wohnung aus. 



108 

Unter den Gebräuchen, welche das öffentliche Leben betreffen, 
ist die Eidesleistung zu erwähnen , welche darin besteht , dass die 
beiden Theile ihr eigenes Blut, welches sie durch Ritzen der Hand 
hervorlocken, mit Wasser vermengen und dann trinken. 

Von Krankheiten ist besonders ein aus eiternden Geschwüren 
bestehendes Hautübel verbreitet. (Vergl. Earl a. a. 0., S. 37 u. 74.) 

Die Leichen werden in der Regel begraben ; nach Ablauf etwa 
eines oder zweier Jahre gräbt man aber die Gebeine wieder aus 
und setzt sie unter Festlichkeiten in einer Felsengrotte bei. Bis 
dahin müssen die Angehörigen trauern , und die zurückgebliebene 
Witwe darf sich erst, nachdem dies alles vor sich gegangen, wieder 
verheiratheu. 

Bei den Völkern im Innern von Neu-Guinea, ebenso bei den 
Stämmen an der Südostküste kommen andere Gebräuche vor. Man 
legt die Leiche, nachdem sie gewaschen und in ein Bastzeug ein- 
gewickelt worden, auf ein Gerüst, unter dem man einen Monat lang 
ein gelindes Feuer unterhält. Nachdem die Leiche auf diese Weise 
mumificirt worden, setzt man sie unter Festlichkeiten in einer 
Felsengrotte bei. 

Merkwürdig sind in Hinsicht der Verstorbenen manche Sitten 
der Aetas auf den Philippinen. — Nach ihrer, sowie aller Natur- 
völker Ansicht ist jeder Todesfall eine Folge des bösen Einflusses 
eines anderen Wesens und muss der Todte durch den Tod dieses 
feindlichen W^esens gerächt werden. Man macht sich daher un- 
mittelbar nach dem Begräbnisse auf, um dieses Wesen aufzusuchen, 
als welches das erste beste, welches den Suchenden gerade in den 
W^eg kommt, erkannt wird. Bei dieser Gelegenheit ist man eifrig 
bemüht, den Weg der Suchenden durch abgebrochene oder gebogene 
Zweige und andere Merkmale zu kennzeichnen, damit nicht etwa 
ein Freund denselben in den Wurf komme, da man ihn sonst als 
Sühnopfer erbarmungslos tödten müsste. Ueber dem Grabe des 
Verstorbenen werden seine Waffen, Bogen und Pfeil, aufgehängt, 
damit er jede Nacht aus dem Grabe emportauchen und jagen 
könne. Man kehrt zu dem Grabe oft zurück und legt Tabak und 
Betel darauf 

Ein grosser Fortschritt des Papua gegenüber seinem auf der 
untersten Culturstufe stehenden Nachbar, dem Australier, ist der 
Handel. Derselbe beschränkt sich zwar in Neu-Guinea nur auf 
einzelne Rohproducte, welche von den Bewohnern aus dem Innern 
geholt und an malayische Kaufleute hintangegeben werden; erträgt 



aber wesentlich dazu bei , den Papua lür gewisse Bedürfnisse des 
Lebens empfünglicli zu machen. In jenen Gegenden, wo der Tausch- 
handel in grösserem Umfange betrieben wird, bekleiden sich die 
Einwohner mit Kleidungsstücken aus Kattun und haben, wenn auch 
ziemlich oberflächlich, den Islam angenommen. 

Ein anderer nicht minder wesentlicher Vorzug des Papua 
gegenüber dem Australier, ist ein ziemlich entwickelter Formensinn, 
welcher sich in der plastischen Nachahmung versciiiedener Gegen- 
stände kund gibt. Wir hndeu beim Papua eine Reihe von ge- 
schnitzten Figuren, welche sowohl Menschen als Thiere repräsentiren. 
Die Darstellung der ersteren ist allerdings höchst primitiv und 
sonderbar: überall zeigt sich ein im ^Verhältnisse zu den übrigen 
Körpertheilen auffallend grosser Kopf, eine dicke grosse Nase , ein 
unförmlicher grosser Mund und ein riesiger Penis. (Oifenbar nur 
eine Uebertreibuug des ächten Papua-Typus. Vergl. die geschnitzte 
Figur bei Wallace a. a. 0., II, 274, Uebersetzung 412.) 

In ßetreff' der religiösen Anschauungen der Papuas sind wir 
wenig unterrichtet, doch scheinen dieselben eine bestimmte Form zu 
besitzen. Wenigstens finden sich grössere Gebäude von eigenthüm- 
licher Form (so das ßumslam bei Dorei, der Tempel im Kampong 
Tobaddi in der Humboldtbai), welche nichts anderes als Tempel 
sein können, sowie Figuren verschiedener Art, denen gewiss irgend 
welche religiöse Vorstellung zu Grunde liegt. In einigen Theileu 
von Neu-Guinea begegnet man einer bestimmten Idee von einem 
höchsten AVesen, das über den Wolken wohnend gedacht wird. 
Diese Idee ist jedoch ohne irgend welche praktische Bedeutung, da 
diesem höchsten AVesen weder Opfer dargebracht werden, noch das- 
selbe mit Gebeten angerufen wird. Mehrere Völker im Inneren 
sollen die Sonne und die Berge verehren und bei diesen Dingen 
auch schwören. 

Von Fällen des Cannibalismus wird zwar unter den Papuas 
berichtet, diese sind aber nicht hinlänglich verbürgt und beruhen 
wahrscheinlich auf Verwechslungen. 

Festlichkeiten kommen bei verschiedenen Gelegenheiten vor, 
so bei Hochzeiten, Begräbnissen. Eine Hauptrolle spielen dabei die 
Musik und der Gesang. Erstere wird in der Kegel mittelst einer 
Trommel gemacht, letzterer besteht in dem lärmenden Absingen 
von Liedern. Die Trommeln sind mit der Haut einer grossen 
Eidechse oder dem Felle eines vierfüssigen Thieres bespannt und 
aus einem etwa zwei Fuss langen, ziemlich schmalen ausgehölten 



110 

Stück Holz verfertigt. Sie werden mittelst eines Stäbchens ge- 
schlagen. 

Gleich anderen Naturvölkern haben die Papuas ihren National- 
lanz, zu dem sie sich eigenthümlich schmücken. Arme und Hüften 
werden mit Vogelfedern geziert; Nase, Wangen und Brust werden 
mit Kalk oder einer anderen Erdart bestrichen. Man stellt sich 
in zwei Reihen auf und sucht den Vortänzer, welcher mit einem 
eigenthümlichen grotesken Kopfputze ausgestattet ist, zu copiren. 
Das Ganze wird von ohrenzerreissendem Trommelschall begleitet. 
Neben dem Nationaltanz kommen auch Kriegstänze vor, welche von 
zwei Abtheilungen, wovon die eine die Augreifer, die andere die 
Angegriffenen darstellt, aufgeführt werden. — Alle diese Tänze 
werden seltener zur Nachtzeit, häufiger bei Tage aufgeführt. Merk- 
würdig ist, was von den Aetas auf den Philippinen berichtet wird, 
dass sie keine Musik-Instrumente besitzen (Earl a. a. 0., S. 133), 
obwohl man ihr Temperament als heiter und lebhaft schildert. 

Bei den Papuas des Bezirkes Lobo (in der Nähe des Berges 
Lamantseieri auf Wonini-di-bawa) lässt sich eine geordnete Zeit- 
rechnung nachweisen , welche auf der Wiederkehr des Vollmondes 
und Monsun's (Ngarak-wida) basirt. Die Zeit von einem Vollmonde 
zum anderen heisst üran-sa (ein Mond). — Der Ost-Monsun ent- 
hält sechs, der West-Monsun fünf Monde; ein Mond entfallt auf 
die grosse Ebbe (Meti besar). Ein Jahr heist Ngarak-sa. Die 
grosse Ebbe tritt im Oktober ein, wo die Papuas auf den Trepang- 
fang aussegeln und wird auch von ihnen am Ausschlagen des 
Eisenholzbaumes erkannt. 

Sprache. 

Die von den reinen Papuas gesprochenen Sprachen sind noch 
wenig bekannt, daher die Vergleichung derselben unter einander 
nur äusserst mangelhaft sein kann und sich auf das Allgemeinste 
beschränken muss. Dass die verschiedenen auf Neu- Guinea ge- 
sprochenen Dialekte mit einander in einem tieferen Zusammenhange 
stehen, scheint sicher zu sein ; wie sich das Verhältniss derselben 
zu dem Idiome der sogenannten Negritos stellt, darüber müssen 
spätere Forschungen entscheiden. 

Die Sprache der Aetas auf den Philippinen wird als beson- 
ders rauh beschrieben, „yleich dem Zwitschern der Vögel" (Earl 
a. a, 0., S. 133), was auf eine starke Häufung der Consouanten 
schliesscu lässt. 



111 



B. Vliesshaarige. 
1. Afrikanische Xe^er.*) 

Das Gebiet der afrikanischen Neger-Rasse, welches die ältere 
Anthropologie mit diesem Weltlheile identisch erklärt hatte, ist nach 
dem gegenwärtigen Standininkte der Wissenschaft auf einen bestimm- 
ten Theil desselben beschränkt. Es ist jener Theil des westlichen 
und mittleren Afrika, der vom Senegal bis gegen Tirabuktu und 
von da an bis an die nördlichen T'fer des Tsad-Sees reicht, von 
da aus gegen Norden in die Sahara bis gegen Fezzan sich zieht, 
wo im Norden mittelländische im Osten Nuba-Stämme ansässig 
sind. Hier zieht sich das Gebiet der Neger über Darfur, den Nil 
herauf bis etwa zu den nördlichen ufern des Ükerewe-Sees, von 
wo an eine mehr oder weniger gerade gegen den Meerbusen von 
Biafra gezogene Linie die südliche Grenze desselben bildet. Es um- 
fasst also eine Strecke von etwa 50 Graden Länge und 10 bis 
15 Graden Breite des afrikanischen Continents. 

Die Neger sind die eigentlichen Aboriginer von Nordwestafrika 
in eben demselben Sinne wie die Hottentoten es von Südafrika sind. 
Sie scheinen ehemals vor der Verbreitung der Fulah- und der Kaffer- 
Kasse über dii' von ihnen gegenwärtig eingenommenen Strecken den 
ganzen Norden und Westen bis gegen und über den Aequator herab 
in Besitz gehabt zu haben.**) Von Norden und Osten her von 



*) Die Quellen fiiideu sich veri^eichnet bei Waitz, Autliroiiologic der Natur- 
völker Bd. 2, XVII, ß. Die vorzüglichsten darunter sind: Barth, H., Reisen 
und Entdeckungen in Nord- und Ceutral-Afrika, Gotha 1857, 8°, 5 Bde. Cruick- 
shank: Eighteen years in gold coast of Africa, London 1853, 8", 2 voll. 
Forbes: Dahomey and the Dahomeans, Paris 1851, 8". Hecquard: Reise an 
die Küste und in das Innere von West-Afrika, Leipzig 1854, 8". Kaufmann, 
A. Schilderungen aus Cenral- Afrika, Brixen 1862, 8". Monrad, Gemälde 
von der Küste von Guinea, Weimar 1824, 8". Raffe nel, Voyage dans l'Afrique 
occidentale, Paris 1846, 8" und Nouveau voyage dans le pays des negres, Paris 
1856.8". Wilson, Western Africa, its history, condition and prospects. London 
1856, 8^. Nebstdem enthalten die sprachwissenschaftlichen Arbeiten von Barth, 
Boilat, Kölle, Mitterrutzner, Riis , Schlegel. Schön. Sehlenker, Zimmermann, 
sowie der ilission satlas von Grundemann manche werthvullo Angaben über 
die ethnographischen Verhältnisse Afrikas. 

**) Waitz (Anthropologie der Naturvölker II, 5) glaubt, dass die Neger- 
Rasse in alter Zeit den ganzen Osten und Süden von Afrika, u)it einzigem 



112 

Stämmen der Fulah- und Kaffer-Rasse, später auch der mittel- 
läudisclien Rasse gedrängt, wurden sie nach und nach auf ihren 
gegenwärtigen Verbreitungsbezirk beschränkt, wobei Mischungen 
an den Räudern des Gebietes mit den ihnen nachrückenden Stäm- 
men nicht ausbleiben konnten. So sind die Mischungen im Nord- 
osten und Osten mit der mittelländischen und im Süden mit der 
Kaffer-Rasse nicht zu verkennen,*) während überall dort, wo der 
Fulah als Eroberer eingedrungen ist, eine Atinäherung des Neger- 
Typus an den seinen nachgewiesen werden kann. Am reinsten und 
bestimmtesten hat sich der Neger- Typus in jenem Theile seines 
Gebietes behauptet, welcher am weitesten von den Berührungs- 
grenzen mit den fremden Rassen und Stämmen entfernt ist, nämlich 
im Südwesten. Es kann daher vor allem jener Theil Afrikas, welcher 
vom Senegal bis gegen den Niger reicht, als das Land des ächten 
Negers betrachtet werden. 

Wir finden den Neger mit allen seinen physischen Charaktern, 
die ihn heutzutage auszeichnen, bereits auf den Denkmälern der alten 
Aegypter abgebildet. Diese Denkmäler wurden zu einer Zeit er- 
richtet, wo die Wanderung der Kaffer-Rasse gegen 8üden schon be- 
gonnen hatte und die Verwandten der Aegypter, die sogenannten 
hamitischen Völker i^Berbern, Gallas, Somalis, Dankalis) von Asien 
aus in ihre Sitze im Norden und Osten Afrikas eingezogen waren. 
Die Einwirkungen der fremden Rassen auf die Neger-Rasse hatten 
zwar schon begonnen, aber es ist sehr zu bezweifeln, ob sie so tief- 
greifender Natur waren, als man im vorhinein zu glauben versuchl: 
sein könnte, da wir dem Neger slots geschieden von dem ^Veissen 
und grösstentheils nur als dessen Sclaveu begegnen. 

Einen viel grösseren Eintluss der stammfremden Rassen und 
Völker auf den Neger müssen wir dort zugestehen, wo der letztere 



Ausschluss des Hottentotenlandes, in Besitz gehabt habe. Andererseits hält er 
dafür (a. a. 0.. II, 375), dass die westlichen und südlichen Theile des 
jetzigen Gebietes der Kaffer-Rasse ursprünglich im Besitze ron Negern waren 
bis zu jener Zeit, da sich aus dem Nordosten Afrikas wilde gelbbraune Stämme 
(KafferuV), vun grobem, wenn nicht schlichtem, doch gewiss nicht welligem 
Haar über dasselbe ergossen. 

*) Die westlichen KafFerstämme , namentlich im Norden, zeigen eine 
grössere Annäherung an den Neger-Typus als dies bei den östlichen und süd- 
lichen der Fall ist. (Vergl. Waitz, Anthropologie der Naturvölker, II. 8.375.) 
In gleicher Weise nähern sie sich ethnologisch den Negervölkern derart, dass 
sie eher zu diesen als zu den Kafier Völkern zu gehören scheinen. 



113 

den erstereu gegenüber in der üebermaclit ersclieint nnd der Unter- 
schied beider in intellectueller Beziehung vermöge der weniger ent- 
Avickelten Cultur der Einwanderer nicht so scliroff hervortritt, wie 
in Aegypten und im Osten überhaupt, wo die hamitische Cultur 
frühzeitig zu ungeahnter Höhe emporgewachsen war. So namentlich 
im Norden, wo der wanderlustige und räuberische Stamm der 
Berber immer tiefer und tiefer ins Gebiet der Neger eindrang und 
sich festsetzend es sogar frühzeitig zur Begründung eines eigenen 
Kelches brachte. So dürfte das Eeich Ghanata im Nordwesten 
von Timbuktu an der nördlichen Grenze des Negergebietes, wo nach 
Ahmed Baba zwei und zwanzig Sultane aus dem Stamme der Weissen 
vor ^luhammed geherrscht haben sollen, auf einen Stamm der Berber 
zu beziehen sein. — (Waitz, Anthropologie der Naturvölker, II, 
S. 9.) Es ist interessant, das allmälige Vordringen und Sichfest- 
setzen des kühnen Berbervolkes in den Negerländern nach den 
wenigen Nachrichten zu verfolgen , welche uns die Araber hinter- 
lassen haben und nach denen Barth und nach ihm Waitz in seiner 
Anthropologie der Naturvölker, II, S. 8 ff., sie uns schildern. Sie 
erklären uns manche Eigenthümlichkeiten des afrikanischen Lebens 
in diesen Gegenden und liefern uns über die Bewegungen der Neger- 
stämme manche wichtige Fingerzeige. 

Von dem grössten Einflüsse auf das Leben und die Schicksale 
der Negervölker wurden jene Begebenheiten, av eiche der Entstehung 
des Islam und dem durch ihn genährten kriegerischen Geiste folgten. 
Durch den Islam wurde auch dem Neger etwas von dem fauatisclien 
Krieger, der in dem Semiten steckt, mitgetheilt. Der Neger, durch 
den Glauben begeistert, erhob sich gegen den fremden Eindringling 
und suchte selbst Herr über ihn zu werden. So scheint der Fall 
des Berberreiches Ghanata, welcher durch die im Südosten davon 
wohnenden Mandingos herbeigeführt wurde, vornehmlich dem Impulse 
des Islam zu verdanken sein. 

Der Islam brachte aber auch zwei dem Neger stammfremde 
Eroberer in sein Gebiet, nämlich den Fulali und den Araber. — 
Der erstere setzte sich als kühner rücksichtsloser Eroberer im 
Herzen des Negerlandes fest, wo er bis heut zu Tage mit abwechseln- 
dem Glücke den Kampf ums Dasein mit dem Neger kämpft, wäh- 
rend der letztere vornehmlich als politischer Intriguant und schlauer 
Kaufmann es wohl verstand, den sanguinischen Neger seinen 
Zwecken dienstbar zu machen. 

Müller, All?. Ethnographie. 8 



114 

Seit dem Beginne der Neuzeit, welche mit der Entdeckung 
des neuen Welttlieils durch Christoph Columbus zusammenfällt, war 
es vornehmlich der Weisse, der bald als Freund, bald als Feind 
einen gewaltigen Einfluss auf das Leben und Geschick des Negers 
ausübte. Durch das auf den Boden der neuen Welt verpflanzte 
Institut der Sclaverei, wodurch die Nachfrage nach dem der tropischen 
Sonne trotzenden Schwarzen gesteigert wurde, erhielt die Sclaverei 
auf afrikanischem Bodon , w^o sie schon seit undenklichen Zeiten 
geübt wurde, neue Nahrung. Man veranstaltete förmliche Mensehen- 
jagden und schleppte ganze Familien und Stämme in eine ihnen 
fremde Umgebung. Dadurch wurde die Mischung der Negerrasse 
^ehr befördert; diese wurde um so grösser, je weiter der Neger von 
seinem heimathlicheu Boden entfernt war und frischer Zuzug das 
fremde Blut nicht so leicht ausgleichen konnte. So ging der Neger 
in den Colonien nach und nach in einen aus der Verbindung mit 
Indianer- und Europäerblut gebildeten Mischling über. Und als 
man vollends in der neuesten Zeit das an dem Neger seit Jahr- 
hunderten verübte Unrecht einsehend, denselben freigab und in sein 
altes Heimathsland zurückschickte, musste der also umgestaltete, 
aus der Fremde gekommene Neger auf den in der Heimath gebliebenen 
keinen unwesentliclien Einfluss ausüben, so dass selbst gerade jener 
Theil des Negergebietes , welcher als der relativ von Mischungen 
freieste gelten kann, nicht mehr als völlig rein und unvermischt be- 
trachtet werden darf. 

Uebersicht der Völker, welche zur Neger-Rasse gehören. 

Im äusseisten AVesten des Negergebietes, besonders jenes Theiles, 
wo der Neger-Typus am reinsten sich erhalten hat (zwischen den 
Flüssen Senegal und Niger), finden wir das Volk der Wolof („die 
Schwarzen", im Gegensätze zu den Fulah, „den Gelben"). Sie 
dürften die älteste, d. h. am ersten bei der Wanderung der 
Negervölker in diesen Gegenden sesshaft gewordene Bevölkerung 
bilden, welche es frühzeitig zu einem geordneten, von einem Ober- 
haupte beherrschten Staate gebracht hat. Hieraus erklärt sich die 
Verbreitung der Wolof-Sprache über ihre Grenzen hinaus, und der 
Einfluss, den sie auf die umliegenden, mit ihr nicht verwandten 
Idiome geübt hat, welche mehrere aus ihr entlehnte Cultur-Aus- 
drücke enthalten. 

Gegenwärtig bewohnen die Wolof die Länder Qualo, Cayor, 
einen Tiieil von Baol, nebst der Halbinsel Dakar bei Cap Verde. 



115 

Die Wolof-Spraclie steht in der Heilie der westarnkanischcii Neger- 
Sprachen isolirt da. 

Südwestlich von den Wolof, und von ihnen umschlossen, 
wohnt das Volk der Sererer oder Sarrar. Verwandt den 
Letzteren sind die Felup an der Gambia, die Filham oder Filliol 
am Flusse Casamanza, die Bi afade oder Biafaren an beiden 
Ufern des Flusses Geba und am rechten Ufer des Bio Grande, die 
Papel auf den Bissagos-Inseln und zwischen den Flüssen St. Do- 
mingo und Geba, die Balantes zwischen den Flüssen Geba und 
Casamanza, die Cassangues zwischen den Flüssen St. Domingo 
und Casamanza und die Naga am linken Ufer des St. Domingo 

Die Banyum, welche ehemals am linken Ufer der Gambia 
Sassen, sind weiter südlich hinabgedräugt worden, wo sie bis an 
das linke Ufer des Casamanza sich herabziehen. Am linken Ufer 
des Bio Grande linden wir die Tyapi, dann südlich vom Nunez 
bis an den Pongos die Nala, weiter die Temne*) und die 
Bullom, die Bevölkerung des Niederlandes von Sierra Leone. 

Indem wir die Vei, welche südöstlich von Sierra Leone wohnen 
und mit dem Volke der Mandingo zusammenhängen, vor der Hand 
bei Seite lassen, betreten wir am linken Ufer des St. Paul-Flusses 
das Gebiet des Kru, welche einer Sage nach von den Eroberer- 
völkern der Mandingo und Fnlah aus dem Linern in ihr jetziges 
Gebiet hineingedrängt worden sein sollen. Ihr Gebiet erstreckt 
sich vom Cap Mesurado am rechten Ufer des St. Paul- Flusses bis 
St. Andreas, ist also jenes Land, welches von uns insgemein „die 
Pfeffer-Küste" genannt wird. Mit den Kru dürften die Bewohner 
der „Zahnküste", welche von den Wohnsitzen der Kru bis an den 
Fluss Assinie reichen und sich selbst Avekvom nennen, im inni«'- 
sten ethnologischen Zusammenhange stellen. 

Die Stämme östlich vom Flusse Assinie bis au den Niß-er 
stehen, wie iiire Sprachen dartlmn, zu einander in einem innigen 
Verwandtschaftsverhältnisse. Es sind dies die Bewohner der Beiche 
Asante (Aschanti), Fanti, Akim, Akwapim und Akwambu, 
wo überall die Odschi-Sprache geredet wird. Innig verwandt mit 
diesen ist das Volk von Akra, welches der Ga-Sprache, eines mit 
dem Odschi aufs innigste verwandten Idiomes, sich bedient. 



*) Nach Schlenker (Gramniar of tlie Temne language, London 1864. 8") 
von ir 15' bis 13" 10' westl. Länge und von 8" 15' bis 9" 6' nördl. Breite. 

8* 



116 

Weitere Verwandte siud jene Stämme, welche die Ewe-Spraclie 
reden, nämlich die Bew^ohner von Dahome (Dahomey), Angfue, 
A n g 1 imd M a c h i , ferner die Y o r u b a , welche besonders in 
der Neuzeit durch die christlichen Missionen nnd ihren schwarzen 
Bischof Samuel CroAvther allgemein bekannt geworden sind. 

Südöstlich von den Yoruba in den Nigerdeltas bis zum 
Flusse Alt-Calabar wohnt das Volk der Ibo, dessen Sprache mit 
mehreren Dialekten sich weit nach Nordosten verbreitet. 

Weiter hinauf nach Norden in jenen Gegenden, die von der 
Mündung des Benue in den Niger bis gegen liabba sich erstrecken, 
wohnen Stämme, welche der Nuffi- (Nupe-)Sprache sich bedienen. 
Wie das Verhältniss der beiderseitigen Sprachen, nämlich Ibo und 
Nupe zu einander sich stellt, dies bleibt näheren Untersuchungen 
zu entscheiden überlassen. 

Oestlich vom Flusse Alt-Calabar bis gegen Adamaua wohnen 
mehrere uns blos dem Namen nach bekannte Stämme, so die 
Mbafu, die Batti, die Mitschi u. a. 

Nachdem wir die Stämme aufgezählt haben, welche längs der 
Küste vom Senegal an bis an den Meerbusen von Biafra angesiedelt 
sind und nach diesem Lagerungsverhältnisse für. die ältesten, d. h. 
am frühesten in diesen Gegenden sesshaft gewordenen Bewohner 
gelten können , die auch relativ am meisten unvermischt geblieben 
sind und den ächten Neger-Typus beibehalten haben, wollen wir uns 
abermals gegen Norden wenden und vom Senegal, der nordwestlichen 
Scheidegräuze des Neger- und Berber-Gebietes ausgehend, jene 
Stämme betrachten, welche erwiesenermassen nach Ansiedlung der- 
jenigen, welche wir soeben kennen gelernt haben, grösstentheils von 
Nordosten in diese Gegenden eingedrungen und mit fremdem Blute 
mehr als die vorigen gemischt w^orden sind. 

Als das älteste Volk in den Gegenden, welche nordöstlich 
von den Wohnsitzen der Wolof gelegen sind, w^erden die Serechule 
(Sarakule, Serrakolet) angesehen. Die Serechule waren höchst wahr- 
scheinlich jeuer Stamm, welcher den Grundstock der Bevölkerung 
innerlialb des alten von den Berbern errichteten Reiches Ghanata 
bildete. Da der Name Serechule „weisse Mensclien" bedeutet und 
einzelne Stämme derselben in der That durch eine hellere Hautfarbe 
von den umwohnenden Völkern sich auszeichnen sollen, so dürften 
die Serechule gar kein eigenthümliches Negervolk, sondern einen 
durch Aufnahme von Berber -Elementen frühzeitig entstandenen 
Mischstamm repräsentireu. Damit stimmt auch der Umstand 



117 

überein , dass die Serecliule zu dou Mandingo , welche das alte 
Kcieh zerstörten, in ein Untertliänigkeitsverliältniss traten, denn der 
Name Assuanek, Ssuaniuki, der ihnen von den Mandingo beigelegt 
^vird im Gegensatz zu Melli, jNlellinki, welches ,frei, edel", bedeutet, 
besagt so viel wie „die Unterdrückten''. Gegenwärtig sind die 
Serechule von den Mandingo zum grössten Theile in sich aufge- 
nommen worden, so dass sie nur in einzelnen Gegenden als eigen- 
thümlicher Stamm erscheinen. Die von ihnen gesprochene Sprache, 
genannt Gadschaga oder Kadschaga, soll mit dem Mandingo nicht 
verwandt sein, sondern isolirt dastehen. 

Die Mandingo waren vor den Eroberungen der muhamme- 
danischen Fulah das mächtigste Volk Westafrikas. Das Reich 
Melli, welches auf den Trümmern des alten Berber-Reiches Ghanata 
sich erhob, war eine Schöpfung der Mandingo, welche ebenfalls 
zum Islam sich bekannten. — Durch den Glanz und die Macht 
seines Reiches gewann das Volk der Mandingo, sowie seine Sprache 
eine grosse Verbreitung unter den Stämmen des westlichen Afrika. 
Die Mandingo haben sich manchen Stamm ganz assimilirt und 
sind nach Westen weit hinein in die Gebiete der Wolof und Felup 
vorgedrungen. 

Als Verwandte der Mandingo sind zu betrachten: die Bam- 
bara, die Susu, welche frühzeitig neben den Mandingo auf 
dem Schauplatze der Geschichte Westafrikas erscheinen, und die 
V e i , welche den äussersten südwestlichen Ausläufer dieser Völker- 
familie bilden. Sie sind nach einer Stammsage erst vor etwa hun- 
dert Jahren aus dem Lande Mani, das nordöstlich von ihren jetzigen 
an der Küste gelegenen Sitzen liegt, in dieselben vorgedrungen. 

Nordöstlich von den Mandingo au den gegen das Gebiet der 
Berber gelegenen Nordgrenze des Verbreitungsbezirkes der Neger- 
Rasse, sitzt das Volk der Sourhay. Das Sonrhay-Volk spielt in 
der Geschichte des westlichen Mittelafrika dieselbe wichtige Rolle 
wie das Volk der Mandingo in Westafrika. Geradeso wie die 
letzteren das Berber-Reich Ghanata zerstört und auf den Trümmern 
desselben das Reich Melli gegründet hatten, wurden sie später von 
den Sourhay besiegt und unterworfen, welche nun der mächtigste 
Staat des sogenannten Sudan wurden. — Durch die Eroberungen 
des Sonrhay-Volkes wurde auch seine Sprache weit über die Grenzen 
ihres ursprünglichen Verbreitungsbezirkes getragen. Sie wird gegen- 
wärtig von Timbuktu und der Landschaft Asuad bis gegen Agades 



118 

]iiü gesprochen. Was ihre Stellung zu den umliegendeu Sprachen 
betrifft, so dürfte sie am besten als isolirt-steheud zu betrachten sein. 

Südlich vom Verbreitungsgebiet des Sonrhay- Volkes wohnt 
das Volk der Hausa. Wenn wir auch von der Geschichte des- 
selben nur sehr Weniges wissen, so lässt sich dennoch aus der 
weiten Verbreitung der Hausa-Sprache, weit hinaus über die Grenzen 
ihres Stammlandes, auf die ehemalige Bedeutung des sie sprechen- 
den Volkes ein Sehluss machen. Sie ist eine in der Keihe der 
afrikanischen Sprachen isolirt stehende; das semitisch-hamitische 
Element, welches man in ihr entdeckt zu haben glaubte, beruht auf 
arger Täuschung. — Gegenwärtig reicht das Gebiet der Hausa- 
Sprache von den Hausa-Staaten Katsena, Segseg, Saria, Kano, Rauo, 
Geber und Daura gegen Nordosten nach Damerghu und Air; sie 
wird aber im Süden in den Kelchen Saufara, Kebbi, Nyft'i, Guari, 
Yauri, Yoruba uud Kororofa (am linken Ufer des Benue), sowie 
in Burgu (am rechten Ufer des Niger) als Handelssprache gesprochen 
und allgemein verstanden. 

Südöstlich von Damerghu trifft der Stamm der Kanori 
(Kanuri) mit dem Hausa- Volke zusammen. Die Kanori sind das 
Hauptvolk von Bornu , welcher Staat im 12. Jahrhundert unserer 
Zeitrechnung von einem Sultan aus der Keihe der Weissen (Berber 
oder Araber) errichtet wurde. Durch die glücklichen Eroberungen 
dieses Reiches breitete sich die Kanori-Sprache über viele Gegen- 
den Mittelafrikas aus. Nahe Verwandte der Kanori sind die Be- 
wohner von Mauga, Nguru, Kanem und die Tibbu,*) deren 
Sprache, Teda, mit der vorhergenannteu zu einem uud demselben 
Stamme zu rechnen ist. 

Südlich von Bornu, unterhalb des Tsad-Sees, wohnen mehrere 
Völker, welche sprachlich untereinander verwandt zu sein scheinen. 
Es sind dies die Bewohner von Kotoko uud Gamerghu, Lo- 
goue, jMarghi, Musgu, Man dar a und Batta. Die Fall, 
die Bewohner des Landstriches südöstlich von Adamaua sollen mit 
den vorhergehenden Stämmen nicht zusammenhängen. 

Westlich von diesen Gegenden liegt Baghirmi, dessen Be- 
wohner mehreren Stämmen angehören sollen ; die Sprache des Haupt- 
stammes (Bagiiirmi) ist als eine isolirte zu betrachten. Nordöstlich 
von Baghirmi liegt Wadai, wo das Maba als allgemeine Verkehrs- 



*) Vergl. Nachtigall, Die TibLu. Etlinograplüsclie Skizze (Zeitschrift 
der Gesellscliaft für Erdkunde in Berlin 1870, S. 2U) ff., 289 ff.). 



119 

Sprache gilt. Im Osten von Wadai endlicli liegt Darfur, das 
eine mit den östlichen Völkern, Nubas und Arabern, sehr gemischte 
lU'völkcrung zeigt. 

In demjenigen Landstriche, der von Baghirmi, Wadai, Darfur, 
den Xilländeru, sowie Kalla eingeschlossen wird und im Süden an 
das Gebiet der Kaffer- Völker grenzt, scheint eine ziemlich bedeutende 
Anzahl von Stämmen zu wohnen, von denen nur die im änssersten 
Osten am 13ahr-al-Abyad wohnenden näher bekannt geworden sind. 
Es sind dies die Stämme der Schill uk am linken Ufer des Bahr- 
al-Abyad vom Flusse Kailak und dem Dschebel-Tekera bis hina!) 
gegen Mokadat-el-Kelb , die N u e r am rechten Uler des Bahr-al- 
Abyad südlich von den Schillnk, ferner die Dinka von den Dinka- 
Bergen am östliclien Ufer des Bahr-al-Abyad vom 12'^ nördl. Breite 
bis zum C)^ und am westlichen Ufer des Bahr-al-Abynd lierab bis. 
zum lU" nördl. Breite. Sie zerfallen in mehrere Stämme, unter 
denen die der Tuitsch, Bor, Rlyaij und Kyetsch die be- 
merkenswerthesten sind. Südlicli vom Lande der Elyab und Bor 
wohnen die Bari, deren nördlichster Stamm T seh ir genannt wird. 
AVie weit das Gebiet der Bari gegen Süden sich erstreckt, ist un- 
bekannt; gewiss reicht es weit über den Berg Belenyan hinauf. — 
Oestlich von den Bari wohnen die Beri, welche eine dem Schilluk 
und Dinka verwandte Sprache sprechen, westlich die Yang- bar ä 
und noch weiter gegen Westen die Nyam-uyam oder Makara, 
welche Cannibalen sein sollen, obschon dies nicht wahrscheinlich 
ist, sondern vielmehr auf die im Süden wohnenden Kaffervölker, 
welche erwiesenermassen Cannibalen sind, hinzuweisen scheint.*) 

Phy.sisclier Typus der Neger-Rasse. *) 

Seiner Gestalt nach ist der Neger im Ganzen stark und mus- 
kulös gebaut, er erreicht eine Höhe von 5V2 bis (> Schuh. Neben 
der mittelländischen Kasse ist, was Arbeitsleistung anbelangt, die 
Neger-Rasse die stärkste, ja im heissen Klima wird die erstere 
sogar von ihr nbertroffen. Der Hals des Negers ist dick, kurz und 

*) Vcrgl. Kaufmann. A., SchiUleruiigen aus Central- Afrika, Brixen 1862, 
8",^Seite 202. 

**) Crawl'urd, .Jolm. On tlie ]il)ysical and mental characteristics of the 
Negro. (Transactioiis of the ethnological society of London. New Series, IV, 
212/. Hunt, James. On the Negros jilace in nature (Memoirs read before 
the anthropological society of London 18G3 — 04, I, 1). Peacock, Thoraas, 
On the weight of tho brain in tlio N'.'gro (a. a. 0.. L 0-5). 



120 

kräftig, sein Xacken stark entwickelt; dagegen ist seine Wirbel- 
säule weniger biegsam. Das Becken ist bedeutend kleiner und 
enger wie beim Weissen — es ist mehr keilförmig und stark nach 
rückwärts geneigt, woraus sich der eigenthümlich steife, das Gesäss 
stark nach rückwärts wendende Gang des Negers erklärt. Der 
Unterarm tritt beim Neger bedeutend gegen denselben Theil bei 
anderen Eassen hervor , ebenso auch die Finger. Dagegen sind der 
Oberschenkel und die Wade schwach entwickelt, woran die hockende 
Stellung, welche der Neger gern einzunehmen ptlegt, nicht wenig 
Schuld tragen mag. Die Knie sind etwas gebogen, der Fuss ist 
mit eiuer langen und breiten Ferse versehen. Die Haut ist von 
dickerer Structur wie beim Weissen ; sie fühlt sich stets sammt- 
artig und kühl an, zeigt keine Behaarung und hat eine eigenthüm- 
lich widerlich riechende Ausdünstung. Bemerkenswerth ist, dass 
die Haut auf der inneren Seite der Hand bedeutend härter und 
unempfindlicher als beim Weissen zu sein pflegt. 

Das Knochengerüst des Negerschädels ist schwer, dick und 
hart. Das Hinterhaupt erscheint lang ausgedehnt und das Hiuter- 
hauptloch etwas nach hinten gerückt. Das Gehirn des Negers ist 
im Ganzen von geringerem Volum wie bei der mittelländischen 
Kasse, auch die Gehirnwindungen sind nicht so vortheilhaft wie bei 
dieser entwickelt. Das Mittelhirn wiegt immer über das Vorderhirn 
bedeutend vor. Bei der Schmalheit der Stirn und der langgestreck- 
ten und nach vorne gerichteten Kiefern erscheint der Kopf wie von 
beiden Seiten zusammengedrückt und das Gesicht in Folge dessen 
lang und schmal ; bei dem im höchsten Grade ausgesprochenen 
Prognathismus ragt der untere Theil desselben schnauzenartig hervor. 

Die Oberfläche der kleinen kugligeu Stirn ist uneben. Unter- 
lialb derselben befinden sich zwei schwarze enggeschlitzte Augen. 
Die Nase hat eine breite Basis, ist dick, flacii und mit breiten 
Löchern versehen. Der Mund ist breit und weit, aus ihm blickt 
eine Reihe hellweisser, nach vorne geneigter schiefsitzender Zähne 
hervor. Die Lippen sind wulstig, aufgeworfen und duukelroth ge- 
färbt. Das Kinn ist plump, aber klein. Die Farbe der Haut ist 
dunkel vom tiefsten Ebenholzschwarz durch Braun bis zum 
schmutzigen Ledergelb; das Haar, welches in der Kegel nur am 
Kopfe, seltener am Kinn und noch seltener oberhalb der Lippen zu 
wachsen pflegt, ist schwarz, kraus und kurz. Wie alt der Neger 
durchschnittlich wird, ist sehr schwer zu bestimmen, da er selbst 
nie sein Alter anzugeben im Stande ist. Bei dem Umstände jedoch, 



121 

dass man in ^elir vielen Fainilieu Enkel von 15 Jahren antriflt 
und der Xeger um das zwanzigste Jahr zu heirathen pliegt , kann 
auf ein Durchschnittsalter von GO Jahren leicht geschlossen werden. 
Uebrigens sollen Leute, bei denen mau auf ein Alter von 7u Jahren 
und mehr schliessen kann, nicht besonders selten sein. 

Der im Vorhergehenden in Kurzem geschilderte Tvpus ist ein 
scharf abgegränzter und findet zunächst auf die Individuen jener 
Gegenden Anwendung, wo der Neger von Mischungen mit stamm- 
fremden Kassen und Völkern sich frei erhalten hat. Dagegen 
weicht der Typus in jenen Gegenden, wo fremde Elemente auf den 
Neger eingewirkt haben, in diesem oder jenem Punkte von dem 
eben geschilderten ab, jenachdem dieses oder jenes Volk oder 
mehrere durch kürzere oder längere Zeit ihren Einfluss geltend 
gemacht haben. 

So findet im Norden und Nordosten, wo Berber und Araber 
mit dem Neger sich gemischt haben, eine Annäherung des Neger- 
typus au den mittelländischen insofern statt , als die Hautfarbe oft 
lichter, das Haar weniger kraus und etwas lunger erscheint. So 
zeichnen sich einzelne Stämme der Serechule durch lichtere Farbe 
und längeres oft bis auf den Hals herabfallendes Haar aus. Auch 
die Hausa, obwohl von jener Hautfarbe und jenem Haar, wie sie 
den Neger auszuzeichnen pflegten , zeigen im übrigen Typus , der 
als sehr regelmässig geschildert wird, Anklänge an die Formen der 
mittelländischen Rasse. 

Psychischer Charakter der Neger-Rasse. 

Der Charakter des Negers ähnelt in vielen Punkten dem des un- 
entwickelten Kindes, er wird durch tiefe Receptivität und nur momen- 
tan und heftig wirkende Spontaneität gekennzeichnet. Der Neger 
ist im Ganzen ein sinnlicher Mensch, bei dem die Phantasie über- 
wiegt. Der Grundzug seines Temperamentes ist daher Heiterkeit; 
er kann aber auch, durch äusserliche plötzlich auf ihn einwirkende 
Ursachen leicht in die gegentheilige Stimmung getrieben werden, 
welcher er, da er in seinem Innern keinen festen Halt findet, in der 
Regel auch erliegt. 

Der ungezügelten Phantasie des Negers entspringen vor allem 
seine Putzsucht und Eitelkeit, die sich überall im Umgange kund 
geben , sowie seine Neigung zu lärmenden Schaustellungen und 
Tänzen. In dieser Stimmung i.-t er im Stande, alle Sorgen und 
Leiden zu vergessen und sich mit seinem harten Loose zu versöhnen. 



122 

Aeusserlicbkeiten , nameutlich eitler Prunk, verfehlen nie auf 
das Gemütli des Negers einen tiefen Eindruck zu machen. Er legt 
daher gegenüber jenem, der ihm in dieser Richtung zu imponireu 
versteht, eine grosse Unterwürfigkeit an den Tag. Andererseits 
aber verleiten ihn sein Hang zur Prahlerei und sein der persön- 
lichen Eitelkeit entsprungener Stolz gegen Gleich - oder unter 
ihm Stehende zu dem anmassendsten Betragen. Jeder Neger glaubt 
ein Recht darauf zu haben, von Anderen sich bedienen zu lassen. 
Selbst der grösste Bettler nimmt die Dienste des ersten besten 
Knaben, der ihm begegnet, in Anspruch. Ein Knabe, der nur um 
einen Zoll grösser ist als der andere glaubt diesen deswegen 
commaudiren zu können. 

Der Neger ist gleich dem Kinde ein Mensch des reinen Augen- 
blicks. Er lebt so zu sagen „in den Tag hinein" und denkt weder 
über die Zukunft noch über die Vergangenheit nach. Am liebsten 
verbringt er den Tag im Nichtsthun unter Tändeleien und sinnlosem 
Gespräch oder Gesaug mit Seinesgleichen und nur Hunger und 
Geschlechtslust sind stark genug, ihn zu erregen und aus seiner 
Ruhe zu wecken. 

Die im Ganzen geringe geistige Energie der Negers hat eine 
gewisse natürliche (jutmüthigkeit, ja Sanftmuth zur Folge. Dem 
Stammesgenossen und Gastfreund gegenüber zeigt er stets eine 
offene Hand und ein offenes Herz. Er theilt alles was er hat mit ihm, 
in der Voraussetzung, dass dieser auch dasselbe tlmn werde. Dieser 
Leichtsinn und Hang zum Communismus ist für die Entwicklung des 
Sinnes für Eigenthum, Erwerb und Arbeit von dem grössten Schaden 
und erhält umgekehrt l)ei dem ^langel au Energie und Arbeitslust 
stets neue Nahrung. Alle Missionäre haben über diese Eigenthüm- 
lichkeit des Negercharakters Klage geführt und namentlich in ihr 
das Haupthinderniss einer gründlichen Bekehrung des Negers ge- 
funden. Denn so lange nicht der Neger durcii Gewöhnung an 
regelmässige Arbeit und Lust zum Erwerben vor der Notii geschützt 
ist, die als eine unausbleibliche Folge der schlechten Wir tii schalt 
einzutreten pflegt, ist au ein Gewinnen desselben tür unsere Cultur 
nicht zu denken. *) 



*) Kaufmann, Öcliilderungen iuis Centralafrika, S. 145, bemerkt riclitig, 
„dass eine Mission unter den Negern nur nacli Art der Benedictiner in Deutscli- 
land gedeihen könne; dass der Missionär zugleich wie ein Colonist arbeiten und 
die Mission zusrleich eine Ackerbauschulc sein müsse. Der Ne;,'er kaini nur 



123 

Eine Folge dieser souderbareii Anschaiiuug über Erwerb und 
Besitz ist es, dass der Neger, wenn er einen Gegenstand besitzt, 
den er vai'züglich liebt, denselben den Augen seiner Genossen arg- 
wubniscli zu entziehen sucht, damit er ja nicht von ihnen bean- 
sprucht >Ycrde. Solche Gegenstände werden in der Kegel vergraben 
und mit Argusaugeu behütet. Es entwickelt sich so neben der 
'^rössten Freigebigkeit ein schmutziger lächerlicher Geiz, der stets 
nur auf das Täuschen der Genossen bedacht ist. *) 

So gutmüthig und freundlich der Neger dem Freunde gegen- 
über sich zu betragen pflegt, ein ebenso rücksichtsloses und grau- 
sames Betragen übt er gegen den Feind. Wie bei allen Sanguinikern 
linden aber sein Zorn und seine Wuth mit der Zerstörung der Opfer 
ihr Ende: der Neger pflegt nie in jene Herz und Gefühl empörende 
cannibalische Roheit zu verfallen , in welche sich andere Rassen, 
wie der Malaye und der Amerikaner, mit einer Art von Wollust ver- 
senken. Sowohl die bestialische Gier des Malayen als auch die 
raffinirte Grausamkeit des Amerikaners sind ihm fremd: nur religiöser 
Fanatismus vermag momentan seinen Sinn zu verwirren und ihn zu 
einer Art raft'inirter Grausamkeit zu verleiten. 

So bewegt sich das Leben des Negers in steten Gegensätzen 
und finden in seinem Herzen die widersprechendsten Gefühle und 
(jledanken Platz. Leichtfertige, tolle Lustigkeit wechselt mit düsterer 
Verzweiflung, überspannte Hoftnung mit quälender Furcht, sinnlose 
leichtsinnige Verschwendung mit dem schmutzigsten Geize. 

Der vorwiegend receptiven Grundlage des Gemüthes entspricht 
auch die geistige Begabung des Negers. Im Allgemeinen sind alle 
jene Geistesgaben , bei deren Bethätigung es vor allem auf Nach- 
ahmung ankommt, beim Neger gut entwickelt, während er in Betretf 
jener Geistesfähigkeiten, wo ein selbständiges Denken erfordert wird, 
auf einer niederen Stufe steht. 

Das Negerkind ist in den ersten Jahren seiner Entwicklung, 
wo es ausschliesslich aufs Aufnehmen von Kenntnissen ankommt, in 
der Regel dem weissen Kinde überlegen; es bleibt aber in der 
Periode der Pubertät, wo die selbständige Verarbeitung der auf- 
genommenen Kenntnisse und Erfahrungen beginnt, stehen, während 
das weisse Kind stetig fortschreitet. Hiermit in Uebereiustimmung 

durch Arbeit erzogen und gehoben werden; die Schule allein 
vermag es nicht."' 

*) Vergl. Kaufmann. Schilderungen aus Centralafrika, S. 184. 



124 

steht auch die oft gemachte Wahrnehmung, dass der Neger 
gleich dem Kinde mit einem eminenten Gedächtnisse begabt ist und 
z. B. sehr leicht fremde Sprachen, oft mehrere zu gleicher Zeit, zu 
erlernen im Stande ist. Dagegen zeigt er gar keinen Sinn für 
Zahlen. Dies geht so weit, dass oft ein Individuum nicht einmal 
sein Alter anzugeben im Staude ist. *) Während die Azteken in 
Kordamerika einen Kalender construirt liaben, der den griechischen 
an Genauigkeit weit übertrifft, haben die Xegervolker- es stets nur 
zu einer unvollkommenen Zeitrechnung gebracht. 

Mit diesen Bemerkungen steht jene , dass der Neger nament- 
lich im Handelsverkehr mit dem Fremden grosse Findigkeit und 
List zeige, nicht im Widerspruclie. Gerade dieser Zug zeigt uns 
so recht die Beschränktheit des Negers, aus der das Mistrauen, 
die Quelle der List, leicht zu erklären ist. Pflegen ja in der Regel 
geistig nicht besonders entwickelte Weiber in Betreff der List und 
Findigkeit selbst hochbegabte Männer zu übertreffen ! 

Die Beschränktheit des Negers offenbart sich auf anderer 
Seite darin, dass er alles, was über die Capacität seiner Geistes- 
kräfte hinausgeht, d. h. was er nicht im täglichen Leben mit 
eigenen Augen geschaut hat, dem Anderen unbedingt glaubt. Ueber 
das unmittelbar Gesehene durch Schlüsse hinauszugehen und sich 
über das von Anderen Gehörte selbst eine bestimmte Meinung zu 
bilden, ist nicht des Negers Sache. Daher findet selbst das Un- 
sinnigste und Lächerlichste beim Neger Glauben und der erste beste 
Betrüger, der es versteht, seine Lhantasie gefangen zu nehmen, 
vermag ihn zum Spielballe seines Willens zu machen. 

Diese au einzelnen Individuen gemachten Erfahrungen bestätigen 
auch vollkommen die Negervölker. Dieselben, seit uralten Zeiten 
mit höher stehenden Rassen verkehrend, haben es in der sogenannten 
äusseren Cultur, deren Formen blosse Producta der Nachahmung 
sein können, ziemlich weit gebracht, sie haben sich aber nie zu 
einer selbständigen höheren Cultur erhoben. In Allem, wo es auf 
die Initiative ankommt, sind sie immer von den höheren Rassen 
abliäugig gewesen , selbst die Bildung von Einheitstaaten sclieinen 
die Neger dem Impuls des Islam ausschliesslich zu verdanken. 
Gleich dem unselbständigen Kinde wurden und werden sie von An- 
deren e-eleitet. 



*) Vergl. Kaufmann, Schilderungen aus Centralafrika , S. 131. 



125 

Wenn man bedenkt, dass andere Rassen unter denselben oder 
viel ungünstigeren klimatischen und materiellen Verhältnissen, z, B. 
die Amerikaner in Mexico und Peru, es zu derselben oder einer 
höher entwickelten Cultur gebracht haben, wiewohl sie keinem Ein- 
flüsse höher gebildeter Rassen ausgesetzt waren, oder dort, wo 
letzteres stattgefunden (z. B. auf Java) , sie den Neger bei weitem 
übertreffen haben, so kann man nicht umhin, eine gegenüber anderen 
Menschenvarietäten viel geringere geistige Begabung der 
Kecrer -Rasse anzunehmen. 

Diese Inferiorität der Xeger-Rasse in geistiger Beziehung zeigt 
sich auffallend sowohl in der mangelhaften Benutzung der von der 
Natur dem Menschen zur Verfügung gestellten Schätze, als auch 
in dem Verhältnisse, welches, wie die Geschichte bestätigt, die Xeger- 
Rasse stets zu den anderen Rassen eingenommen hat. 

Manches in Afrika einheimische zähmbare Thier war der Neger 
zu zähmen nicht im Stande, während dem Weissen dies stets ge- 
lang. Seit den ältesten Zeiten finden wir, wie die ägyptischen und 
westasiatischen Denkmäler darthun, den Neger als Sclaven im 
Dienste der weissen Völker, wodurch sich, stritten nicht dagegen 
Christeuthum und Moral, ein historisches Recht der am höchsten 
entwickelten weissen Rasse auf die Sclaverei des Negers ableiten 
liesse. 

Im Ganzen und Grossen wird man schon in Betreff' des 
Negers bei der von unbefangenen Beobachtern gemachten Bemer- 
kung bleiben müssen: „der Neger lässt sich zwar abrichten, 
aber nur sehr selten wirklich erziehen." 

Ethnographische Schilderung. 

Entsprechend dem Klima, in welchem der Neger wohnt, geht 
er in der Regel nackt umher, nur pflegt er in manchen Gegenden 
zum Schutz gegen die Sonne den Leib mit Fett und gewissen Erd- 
arteu einzureiben. Dort wo der Islam Eingang gefunden hat, trägt 
man eine Kleidung aus leichteren Stoffen, die weit und luftig ist und 
den Gebrauch der Glieder nicht hindert. Der Widerwille gegen 
eine beengende Bekleidung ist allgemein und selten weiss der Neger, 
wenn er dieses oder jenes Kleidungsstück erhandelt oder zum Ge- 
schenk erhalten hat, den rechten Gebrauch davon vai machen; er 
wendet es dann als Zierde an, die natürlich nach unseren Vorstel- 
lungen über den Zweck des Gegenstandes höchst lächerlich er- 
scheinen muss. 



126 

Frauen pflegen in den meisten Fällen ihre Schamtlieile mittels! 
eines um die Lenden geschlungenen Stückes Zeug oder eines Scburzes 
zu verhüllen : dass aber nicht Schamhaftigkeit die Ursache dieser 
Sitte ist, l)eweist der Umstand, dass man in vielen Gegenden 
Innerafrikas nicht so sehr die vorderen als vielmehr die hinteren 
Theile den Blicken der Fremden zu entziehen sucht. 

In manchen Gegenden (z. B. bei den Nuer am oberen Nil) 
werden die Haare derart gepflegt, dass man sie mit einem aus Asche, 
Kuhmist und Kuhuriu bereiteten Kuchen bedeckt, so dass sie 
schliesslich roth werden und straft" herabhängen , während man 
wieder anderswo (so bei den Diukastämmen) das Haar bis auf einen 
am Scheitel übrigbleibenden Büschel abscheert, welcher mit Federn 
und Perlen aufgeputzt wird; in den meisten Fällen wird aber das 
Haar sich selbst überlassen und nur zum Schutze gegen die Sonne 
täglich mit Fett, Asche oder gewissen Erdarten eingerieben. 

Hals, Arme, Füsse werden mit irgend einem Zierrath, meistens 
Schnüren von Glasperlen oder Eisenringen aufgeputzt; ebenso 
herrscht häufig die Sitte, Ohr und seltener eine der Lippen zu 
durchbohren und mit Schmucksachen zu versehen. 

Allgemein verbreitet unter den Negervölkern ist eine Art von 
Tätowirung, welche aber von der bei den Malayen üblichen vollkommen 
abweicht, dagegen mit der von den Papuas geübten eiuigermassen 
übereinstimmt. Sie besteht in Hautausschnitten auf gewissen Theilen 
des Körpers, welche, nachdem sie verwachsen sind, erhöhte Narben 
bilden. Im tiefsten Grunde scheinen diese Narben Zierzeichen zu 
sein, die erst nach der Art und Weise ihrer Form und Anordnung 
zu Stammeszeichen erhoben wurden. 

In Verbindung mit dieser Sitte findet sich eine andere, welche 
darin besteht, dass man die Zähne spitz zufeilt oder gar die vordersten 
derselben au'sbricht. Auch sie ist gleich der vorigen beinahe über 
das ganze Negergebiet verbreitet. 

Als das charakteristische Wohngebäude des Negers muss jenes 
betrachtet werden, welches beinahe im ganzen Negergebiete in einer 
und derselben Form sich wiederfindet.*) Es gleicht einem grossen 
mit einem Spitzdache versehenen Bienenkörbe. Die 4 bis 4\''o Fuss 
hohe Grundmauer besteht entweder aus einfachen Plahleu, deren 



*) Vergl. über den äussersten Westen Monrad. Gemälde von der Küste 
von Guinea, Weimar 1824, S. 261, und über den äussersten Osten Kaufmann, 
Sdiilderungen aus Centralafrika , S. 103 ff. und 184 ff. 



127 

Zwischenräume mittelst Schilf verstopft werden oder aus zwei Keiheu 
parallel in die Erde eingetriebener Stöcke , deren Zwischenraum 
mit Erde ausgefüllt ist, oder aus festgestampfter Thonerde, seltener 
aus Stein (namentlich bei den Mandingo) ; das Dach aus Stroh, 
Schilf, Bambus oder übereinander gelegten Blättern. Der Durch- 
messer einer solchen Hütte beträgt ü — 10 Schuh. Die Thür be- 
findet sich in der Eegel nicht unmittelbar am Boden, sondern 
etwas höher, zum Schutze gegen Schlangen und anderes kriechende 
Ungeziefer. Sie ist so klein, dass der Neger auf allen Vieren 
hineinkriechen muss. Fenster oder andere Oeftnungeu finden sich 
an der Hütte nicht vor. 

Neben dem Eingange, der Nachts mittelst einer aus Stroh, 
Schilf oder biegsamem Strauchholz geflochteneu Thüre von Innen 
verschlossen wird, befindet sich der Feuerherd, auf welchem die 
Hausfrau bei Tage kocht, und dessen Feuer zur Nachtzeit die Hütte 
erleuchtet und erwärmt. 

Da eine solche Wohnung klein ist und für eine Familie kaum 
liinreicht, so besitzt dieselbe gewöhnlich mehrere solcher Hütten, 
welche zusammenstehen und mit einer gemeinsamen Hecke oder 
Verzäunung umgeben sind. In der Mitte derselben finden sich in 
der Kegel die ähnlich den Hütten gebauten Kornspeicher. 

In jenen Gegenden, wo fremder Eiufluss auf den Neger ein- 
gewirkt und ihn mit den Bedürfnissen einer höheren Cultur bekannt 
gemacht hat, haben auch der maurische und europäische Baustyl 
Eingang gefunden. Mau trifft da massivere, zum Theil aus einem 
bis zwei Stockwerken bestehende viereckige Wohnungen mit Fenstern 
und mehreren Abtheilungeu im lunern. 

In der Kegel stehen mehrere Hütteucomplexe beisammen und 
bilden ein Dorf. Ein solches Dorf ist mit einem Erddamme und 
einer Hecke umgeben. Ausserhalb des Dorfes befinden sich die 
Brunnen und der Begräbnissplatz, letzterer au einem schattigen und 
angenehmen Orte. 

Die grösseren Dörfer (Städte) sind meistens befestigt. Sie 

haben dicke aus Erde oder Backsteinen errichtete Mauern mit 

Wachthürmen an den Ecken. Das Eingangsthor ist schmal und 
niedrig. 

Es gibt in den Negerläudern ziemlich bedeutende Städte, oft 
von 70.000—80.000 Einwohnern. So Kuka, Timbuktu u. a. Solche 
Städte sind mit regelrecht gebauten Mauern aus Backsteinen umgeben. 



128 

liaben mehrere symmetrisch angelegte Strassen, "Moscheen und andere 
öffentliche Gebäude. 

Die Geräthe, welche man in einer Negerwohnung antrift't, sind 
in der Regel sehr einfach und nicht zahlreich. Sie bestehen in 
einigen Matten oder Häuten zum Schlafen, einzelnen kleinen hölzernen 
Schemeln, die zu Kopfkissen dienen, einigen Säcken, Körben oder 
Taschen zum Aufbewahren von Samenfrüchten und kleineren Uten- 
silien, einigen hölzernen Schlüsseln, Kürbisschalen und irdenen, roh 
gebrannten, seltener eisernen Töpfen zum Kochen. 

Vor der Hütte befindet sich ein grösserer Mahlstein zum Zer- 
stosseu und Malen des Getreides, dessen Stelle in jenen Gegenden, 
wo Steine sich nicht finden , ein aus hartem Holze verfertigter 
Mörser vertritt. 

Die Nahrung des Negers ist theils animalischer, theils vegeta- 
bilischer Natur. In beiden Richtungen isst er alles, was nur über- 
haupt geniessbar ist, falls nicht gewisse religiöse Vorurtheile ihn 
daran hindern. Vor faulem, bereits halb in Verwesung überge- 
gangenem Fleische verspürt er nicht den mindesten Ekel, er hält 
es im Gegentheile für seiner Gesundheit sehr zuträglich. Trotzdem 
wird das Fleisch v.om Neger nie roh gegessen, sondern stets gekocht 
oder am Feuer geröstet. Von einer Reinigung des Fleisches ist 
dabei natürlich keine Rede, ebenso wartet der Neger selten so lange 
bis das Fleisch gar geworden, sondern pflegt es heisshungrig halb- 
roh zu verzehren. Das Feuer wird mittelst eines Feuerzeuges, das 
aus einem Stücke harten und einem Stücke weichen Holzes zu- 
sammengesetzt ist, durch Reibung beider Theile an einander erzeugt. 
In jenen Gegenden, wo die Viehzucht getrieben wird, bildet 
die Milch der Kühe das beliebteste Nahrungsmittel. Doch liefern 
die Kühe, da sie jeder besseren Pflege entbebreu, verhältnissmässig 
nur geringe ]\Iengen von Milch. In den Zeiten der Noth, wo die 
Quantität und Qualität des Produktes bedeutend sich vermindern, 
wird dem Rindvieh etwas Blut abgezapft, um es an Stelle der Milch 
zu geniessen (so am weissen Nil). Das Fleisch der Kuh wird gar 
nie, jenes des Ochsen nur in seltenen Fällen, so bei Festmahlen 
genossen, die beim Friedensschlüsse, bei Hochzeits- oder Todten- 
feierlichkeiten, bei schweren Krankheiten veranstaltet werden. Einen 
Missionär, der einmal ein weibliches Kalb schlachten Hess, schalten 
die Neger am weissen Nil eine Hyäne, da er sogar die Kühe esse. 
Die vegetabilische Kost des Negers besteht aus gewissen 
Mehlarten (von Hirse, Mais, Dura u. a.), die in süsser oder saurer 



129 

Milrli. in maiirlieii Fällen mit Zusätzen nnimalisclier oder vegeta- 
Itilischer Natur eingekocht werden. Als berauschendes Getränk 
dient ihm Palmwein, oder dort wo dieser nicht vorkommt, ein aus 
Dura oder anderen Körnerfrüchten bereitetes Bier. 

Ein allgemein beliebtes Eeiz- und Betäubungsmittel ist . der 
Tabak, der aus grossen thönernen Pfeifen geraucht wird. "Wie die 
Hottentöten, lassen ihn auch mehrere Xegerstämme in die Lungen 
einströmen, wodurch seine betäubende Kraft au Intensität gewinnt. 
Sonderbar ist die Sitte der Kyetsch am weissen Nil, die von Kauf- 
mann , Scliilderungen in Centralafrika. S. 110, Ijeschrieben wird. 
.,Sie haben die Sitte, dass das Weib dem Manne den Tabak raucht, 
wahrend der ;^^ann den in dem Rauche getränkten Bast kaut. Sie 
haben dazu eine eigens geformte Pfeife, deren Rohr so weit wie die 
Pfeife selbst ist, und mit einem Baste, ähnlich unserem Flachse, 
angefüllt wird: durch diesen Bast muss der Rauch durchgehen und 
sr-tzt seine Essenz ab, di<^ den Bast gelbbraun färbt und der dann 
uekaut wird." 

Der Xeger hat in der Regel bestimmte Mahlzeiten , die er 
je nach der .Jahreszeit und den mit ihr verbundenen Arbeiten zu 
gewissen Zeiten des Tages abhält. Im Ganzen genommen isst er 
nicht oft. alier weim der Vorrath seiner Mittel es erlaubt ausgiebig. 
In den Zeiten der Xoth ein wahrer Mässigkeitsapostel und Ascet, 
kann er in Zeiten des Ueberflusses zum Schlemmer werden , der 
Unglaubliches leistet. Es wird dann so lange geschmaust und 
getrunken, als überhaupt nur etwas Geniessbares vorhanden ist. 

Gewöhnlich scheint eine Hauptmalilzeit genommen zu werden, 
welche in die Zeit des Sonnenuntergangs fällt. Xur während der 
Zeit der Ernte, wo die Arbeit grösser ist und die Mittel reichlicher, 
wird zweimal gegessen. In anderen Gegenden isst man regelmässig 
zweimal, seltener dreimal. 

Im Ganzen ist dem Neger das häufige Essen des Europäers 
unbegreiflich. Wie A. Kaufmann berichtet,* wunderten sich die 
Bari am weissen Nil, als sie die katholischen Missionäre dreimal 
des Tages, Morgens. Mittags und Abends essen sahen und sagten: 
Ngutu tschilo nyetschu mufi (diese Leute essen immer). Nicht- 
unpassend bemerkt dabei Kaufmann: „Diese Massigkeit und die 
öftere Noth mag wohl auch vor den vielen Fiebern bewahren, denen 
Europäer so häufig ausgesetzt sind." 

Seine Nahrungsmittel entnimmt der Neger dem Ertrage der 
zwei von ihm beinahe ausschliesslich getriebenen Hauptbeschäftigungen, 

Müller. AUg. Ethnoi'raphie. 9 



130 

nämlich dem Landbau und der Viehzucht. Jagd und Fischerei 
werden von ihm entweder gar nicht oder nur sehr selten, und dies, 
um die dadurch gewonnenen Producte an Fremde zu verUaufeu, 
getrieben. 

Den Landbau treiben in der Regel die im Innern des Con- 
tinents wohnenden Negerstämme. — An den Küsten dagegen , wo 
der Neger viel mit Fremden verkehrt und sich durch Handel und 
andere Beschäftigungen seinen Lebensunterhalt viel leichter zu ver- 
dienen im Stande ist, wird der Landbau entweder gar nicht oder 
nur in geringem Umfange betrieben. 

Mit der Vieh«ucht im grösseren Massstabe beschäftigen sich 
im Westen blos jene Völker, welche mit den Fulahs, einem Hirten- 
volke, in nähere Berührung gekommen sind, so vor allem die Man- 
dingo, im Osten besonders die Bewohner des oberen Bahr-al-Abyad, 
die Dinka- und Bari-Stämme. Doch scheint an dem letzteren Orte 
der Einfluss der südlich wohnenden Kafter -Rasse bedeutend ein- 
gewirkt zu haben. Wir finden hier in Betreff der Milchwirthschaft 
manche Züge, die ganz an die im tiefsten Süden Afrikas wohnenden 
Kaffer-Stämme erinnern; so z. B. die grosse Werthschätzung des 
Rindes*) und seiner Excremente, die zum Reinigen der Gefässe ge- 
braucht werden, das Wohnen der erwachsenen Jugend in den Rinder- 
liürden u. a. Von den Hausthieren sind zu nennen das Rind , das 
Schaf und das Schwein ; im Osten findet sich auch die Ziege und 
an den Küsten der Esel, das Pferd dagegen kommt in einzelnen 
Gegenden entweder gar nicht vor oder gilt lediglich als Luxus- 
artikel. 

Der Ackerbau wird in einer äusserst primitiven Weise mit 
einem spateuförmigen Werkzeuge aus Eisen oder hartem Holze 
getrieben, mit welchem man den Boden einige Zoll tief aufreisst. 
Man bebaut den Boden ein-, höchstens zweimal. Da der Samen 
nicht sehr tief steckfund das Gras, mit welchem der Boden vor 
der Aussaat bedeckt gewesen war, nur oberflächlich weggekratzt 
wurde, so kommt es oft vor, dass die Saat entweder bei längerer 
Dürre zu Grunde geht oder von dem schnell wachsenden Unkraute 
erstickt wird. Da ferner der Neger nicht gewohnt ist mit den 



*) Kaufmann, Schilderungen aus Centralafrika , S. 101. „Der Todesfall 
einer Kuh wird beweint und betrauert wie der eines Menschen; der Besitzer 
trägt einige Tage den Strick, womit die Kuh angebunden wurde, am Halse 
und erzählt allen sein Unglück." 



131 

Lebeusmittehi, wenn solche vorhanden sind, zu sparen, sondern die- 
selben so schnell als möglich in festlichem Müssiggang zu verprassen 
pflegt, so stellt sich in trockenen Jahren beinahe regelmässig eine 
Hungersnoth ein. Angebaut werden Mais, Reis, Bohnen, Dura und 
andere Gartenfrüchte, ferner Baumwolle und Tabak. Dieses Kraut 
wird beinahe im ganzen Negerlande genossen, und gerne statt haaren 
Geldes genommen. 

Der Landbau wird von den Weibern, in reicheren Gegenden 
auch von Sclaven getrieben. Die Weiber sind es auch, welclie die 
äusseren Geschäfte des Hauses besorgen, während den Männern die 
Geschäfte zu Hause, wie die Wartung der Kühe u. a., obliegen. 
Gewöhnlich aber beschränkt sich die Beschäftigung der letzeren 
auf ein müssiges Herumlungern in Gesellschaft der Nachbarn, wo- 
bei die Kühe, Weiber und Händel des einen oder andern den Ge- 
sprächstoff bilden. 

Indnstrie und Handel finden sich, sollen sie diesen Namen ver- 
dienen, nur dort, wo der Neger mit höher gebildeten Völkern in 
Berührung gekommen ist, also vorzüglich im Westen und Nord- 
westen und in den Küstengegeudeu. Von Natur aus mit einem vor- 
züglichen Nachahmungstalente begabt, versteht es der Neger, Anderen 
die Kunstgriffe abzugucken und für sich zu verwerthen. Die ein- 
heimischen Producte der Industrie, namentlich der Töpferei, welche 
aus dem Innern kommen, verratheu wohl keine besondere Kunst- 
fertigkeit, doch sind manche derselben, namentlich die aus Metallen 
verfertigten Producte, zierlich und fein gearbeitet. Letzteres muss 
uns umsomehr in Erstaunen setzen , als die Werkzeuge dieser 
schwarzen Schmiede höchst primitiv sind und wie bei unseren 
Zigeunern nur aus einem grossen Steine als Ambos, einem schlägel- 
artig geformten Steine oder Eisen als Hammer, einer hölzernen 
Zange und einem mit einer Haut überspannten Topfe als Blase- 
balg bestehen. Ueberhaupt hat der Neger, weyn auch wenig Kunst- 
geschmack, doch viel mechanisches Talent; es fällt ilim gar nicht 
schwer, dem Mechanismus europäischer Fabrikate , z. B. der Uhren, 
auf die Spur zu kommen und dieselben vorkommenden Falles aus- 
zubessern. 

In West- und Mittelafrika verstehen es mehrere Stämme gnn/; 
gut, gewisse Industriezweige lucrativ zu betreiben, so z. B. die 
Färberei, Weberei und Gerberei, .das Bereiten von Seife und anderen 
ludustrieartikeln. In diesem Falle werden die Wfiaren nicht, wie 
dies bei Naturvölkern in der Regel zu geschehen pflegt, zu Hanse 

9» 



132 

nebenbei, sondern von bestimmten, dem Geschäfte ansschliesslicli 
sich widmenden Handwerkern gearbeitet. Doch Ist es für die Stellung 
der Handarbeit zum Leben des Negers charakteristisch, dass die 
Handwerker im Ganzen überall eine verachtete Stellung einnehmen; 
natürlich am meisten dort, wo Industrie und Handel ganz darnieder- 
liegen, z. B. in den Nilländeru. Dort bilden die Schmiede, die sich 
vorwiegend mit der Anfertigung von Ackereiseu und Lanzen be- 
schäftigen, einen verachteten Stand, der bei den öffentlichen Ver- 
handlungen nie etwas mitzureden hat. (Kaufmann, Schilderungen 
aus Centralafrika, S. 187.) 

Der Handel, welcher in Afrika überall vorkommt, besteht in 
den meisten Fällen in Abgeben der Rohproducte , welche das Land 
erzeugt, gegen andere Artikel, die man selbst benöthigt. Nur in 
West- und Centralafrika, namentlich aber in den Küsteugegenden 
wird Avirklicher Handel getrieben , indem fremde Producte gegen 
einheimische eingehandelt und dann weiter vertrieben werden. Dass 
der Handel, der noch immer zum grössten Theil in einem Tausche 
besteht, nicht besonders entwickelt sein kann, dies beweist der 
Mangel einer aus Edelmetall geprägten Münze. In den meisten 
Gegenden des Innern vertreten noch immer die Kauri-Muscheln die 
Stelle des Kleingeldes und Gold-, Eisen- und Kupferspangen die 
Stelle der grösseren Geldstücke, und nur im Noi'dosten und in den 
inneren Gegenden findet mau europäisches Silbergeld , namentlich 
die sogenannten Maria-Theresia-Thaler. 

Zu den ursprünglichen Waffen des Negers gehören Bogen und 
Pfeil, ferner der Speer und die Keule, — Die Pfeile sollen in 
manchen Gegenden vergiftet sein, gleichwie bei den Buschmännern;*) 
auch bei den Speeren soll dies in einzelnen Gegenden des Ostens 
vorkommen.**) Doch läugnet der Missionär Kaufmann diese bar- 
barische Sitte bei den Neger-Stämmen am weissen Nil auf das 
Bestimmteste (Schilderungen aus Centralafrika, S. 118). In jenen 
Gegenden, wo die islamitischen Völker festen Fuss gefasst haben, 
und in den Küsteugegenden, wo der Neger mit dem Weissen in 
innigen Verkehr getreten ist, haben auch die Waffen dieser Völker 
Eingang gefunden und die primitiven Waffen des Negers nach und 
nach verdrängt. 



*) Duncan, Keisen in West-Afrika. Ucbersetzt von Lindau. Dresden 
1848, 8°, II, 178. 

**) Rüppell, Keisen in Nuliien, Nordat'iika und dem jjeträisclieirAiabicn, 
Frankfurt a. M. 18^, 8". S. 154. 



i:33 

Die Ursachen zii^i Kriege sind oft ^elir geriiiglügiger Xatur, 
wie /.. B. der Diebstahl einer Kuh, der Kaiib eiwes Weibes. In 
jenen Gegenden , wo die einzehien Stämme unter eigenen Ober- 
häuptern wohnen und eine Centralisirung derselben noch nicht ein- 
getreten ist, betheiligt sich in der Kegel nur der Stamm des Be- 
stöhlenen am Kriege und daron nur seine uäclisten Anverwandten 
und die unverheirathete Jugend, da die verheiratheten Männer gerne 
"Weib und Kind zum Vorwaud nehmen , um sich von der Theil- 
nahme am Kampfe los zu machen. 

Man rüstet sich in der Kegel zum Kriege, indem man sich 
am ganzen Körper bemalt, in einigen Gegeiden weiss,*) in anderen 
dagegen roth.**) Der Krieg wird nach einer längeren Berathung 
beschlossen. Eine solche wird von Kaufmann (a. a. 0. 155) unter 
den Bari's schön geschildert. „Droht ein Krieg — berichtet er — so 
wird eine allgemeine Volksversammlung gehalten. Solches geschieht 
spät Abends und dauert bis tief in die Nacht; es erscheint dabei 
jeder Häuptling mit seiner ganzen Mannschaft, alle in ganzer 
Küstung. Während die junge Mannschaft in einem weiten Kreise 
sich niedersetzt, treten die- Häupter in die Mitte, welche nun nach 
einander in kurzen Keden all das Unrecht vorbringen, das sie vom 
Feinde wduldet. — Alles horcht stille. Es wird nun berathen, wie 
abzuhelfen, ob Krieg oder Frieden vorzuziehen sei. Um ihren Keden 
mehr Kraft zu verleihen, schlagen sie mit den Wafton auf den Boden, 
springen herum; wer mehr schreit, dringt meistens mit seiner Ansicht 
durch. So wird dann der Tag bestimmt, an dem es losgehen soll." 

In der Kegel sind aber die Kriege der Neger unter einander 
keineswegs so blutig und furchtbar als man dies glauben sollte. 
Man greift sich gegenseitig mit den leichteren Waffen an und nach- 
dem ein paar Mann verwundet worden oder gefallen sind, zieht man 
sich zurück und beginnt zu unterhandeln. Kommt ein Vergleich, 
dessen Preis gewöhnlich in mehreren Kühen oder anderen werthvollen 
Artikeln besteht, nicht zu Stande, so wird der Kampf bald wieder 
aufgenommen. Dort wo die Neger-Stämme unter einander keinen 
Sclavenhandel treiben, werden auch keine Kriegsgefangenen gemacht 
— es wird weder Pardon gegeben, noch angenommen (Kaufmann, 
a. a. 0. 119). Anders dagegen ist es in jenen Gegenden, wo der 

*) An der Giiineakiiste, vergl. Isert. Neue Rei?e nach Guinea, Berlia 
1790, 8", S. 69. 

**) Kaufmann. Schilderungen aus CiMitralafrika' S. löO. 



134 

Sclavenhandel bei den Schwarzen selbst in der grössten Blüthe steht 
uiid die Sclaven- und Beutejagd in grösserem Style betrieben wird. 
So namentlich im Westen und in Ceutralafrika. Dort werden Land 
und Städte verwüstet und die Bewohner wie Vieh au Stricken in die 
Sclaverei fortgeschleppt. Jene Grausamkeiten, Avie sie am Feinde von 
anderen Kassen, wie z. B. den Malayen, den Amerikanern vollfülirt 
werden, sind dem Neger fremd, wenn auch in einzelnen Gegenden, 
wo wilde Despoten das Volk in fortwährender kriegerischer Auf- 
regung zu erhalten verstehen, Dinge vorkommen, die ganz an die 
bestialischen Siegesfeste der Malayen erinnern. 

Bei der eigenthümlichen Organisirung der Neger-Stämme ist 
die Kriegsmacht, die in den Kampf zieht, nicht bedeutend. Oft 
sind es blos hundert oder einige hundert Mann ; nur despotische 
Staaten, die auf Eroberungen ausgehen, sind im Stande, Armeen von 
15.000 bis 30.000 Mann auf die Beine zu bringen. 

Innerhalb der Ehe, der Grundlage der Familie, herrscht beim 
Neger die Polygamie; er nimmt sich in der Regel so viele 
Frauen, als er zu ernähren vermag. Der Arme, der nichts besitzt, 
muss sich mit einer Frau begnügen, während der Reiche deren 
mehrere hat. Je mehr Frauen, desto angesehener der Mann, wo- 
durch die Frau selbst mit dieser unseren Anschauungen so fremden 
Institution sich versöhnt. 

Von den Frauen nimmt immer eine die Stelle der eigentlichen 
Hausfrau ein, während die übrigen mehr für bevorzugte Dienerinnen 
gelten können. Jede der Frauen hat mit ihren Kindern eine eigene 
Hütte eingeräumt und führt ihre eigene VVirthschaft. 

Das Mädchen, welches man zur Frau zu nehmen wünscht, 
muss, wie bei allen Naturvölkern, dem Vater, oder wenn dieser 
nicht mehr am Leben sich befindet, seinem Stellvertreter (dem 
ältesten Bruder, Onkel) abgekauft werden. Der Preis, der gewöhn- 
lich in Kühen oder anderen Werthsachen besteht, richtet sich nacb 
dem Reichthum der Familien, aus welchen Braut und Bräutigam 
stammen. In Folge dieser Sitte ist in jenen Gegenden, wo der 
Neger noch in seinen alten patriarcbalischen Zuständen lebt und 
vom Gifte europäischer Civilisation noch nicht inficirt worden ist, 
das Betragen der jungen unverheiratheten Mädchen im Ganzen ein 
keusches und eingezogenes.*) Denn selten wird es Jemand wagen 



*) Der katliolisclie Missionär Kaufmann , der von den DinKa-Stiimmeii 
sagt, ..sie leben unter Vieh und ihm älmlioh und denken auch älinlich. Essen. 



I 



135 

ein junges Mädchen zu verführen, da er die sichere Rache des 
Vaters und der Brüder, denen in einem solchen Falle der Braiit- 
preis entginge, zu erwarten hätte. Anders ist es dagegen in jenen 
Ciegeuden, wo der Neger mit dem Fremden viel in Berührung ge- 
kommen. Dort sind die Sitten im Ganzen viel lockerer und man 
soll seihst nicht Anstand nehmen ein Mädchen zu hoiratheu, welches 
sich durch Unzucht, wobei es Proben seiner Tüchtigkeit abgegeben, 
eine erkleckliche Morgengabe verdient hat. 

Viel freier und ungezwungener leben die Frauen. Namentlich 
entlaufene Weiber, sowie alte sitzen gebliebene Jungfrauen geben 
sich einem zügellosen Lebenswandel hin. p]in mit einer Frau be- 
gangener Ehebruch wird nicht so sehr als ein moralisches Vergehen, 
als vielmehr ein in das Eigenthumsrecht eines Anderen begangener 
Eingriff betrachtet und in den meisten Fällen mit einem gewissen 
Preise gesühnt. 

Man hat viel über die Lockerheit des ehelichen Bandes unter 
den Negervölkern geschrieben ; doch ist vieles davon nicht so sehr auf 
die Rechnung der Sitten, als vielmehr des Zwanges der äusseren 
Verhältnisse zu setzen. Während nämlich überall eine Trennung 
der Ehe und "Wiederverheirathuug beider Theile gestattet ist, kommt 
es auch oft vor, dass beide Theile in Folge von Hungersuoth, die 
in Afrika nichts seltenes ist, auseinandergehen und in ferne Gegen- 
. den ziehen müssen, wo jedes wieder eine neue Verbindung eingeht. 
So kommen sie später wieder zusammen , gehören aber einander 
nicht mehr an. 

Bis auf die kurze Zeit der Honigwochen muss das Weib, 
sobald es in das Haus ihrer Mannes gezogen, tüchtig arbeiten. Nicht 
nur die Besorgung der Küche, sondern auch jene des Ackers fällt ihr 
zu; sie hat auch die Kinder zu ernähren und für deren sonstige Bedürf- 
nisse zu sorgen. So kommt es denn, dass sie frühzeitig altert und 
unfruchtbar wird, wo dann der Mann eine jüngere Frau sich nimmt 
und die ältere ganz vernachlässigt. 

Das in der Ehe geborene Kind wird von der Mutter durch 
'6 bis 4 Jahre gesäugt, wobei sie es zu allen sowohl in als auch 

Weib. Kühe und Tauz sind der Gegenstand ihrer Gespräclie,"' bemerkt dennoch 
(a. a. 0. S. 92) „Ich muss sagen, dass ich durch 3 Jiihre nio etwas Unsitt- 
liches gesehen oder in meiner Gegenwart geliört habe, wenn auch noch so oft 
junge Burschen und Mädclien unter einander beisammen waren. Von Ver- 
führung eines jungen Mädcliens haben wir wenig gehört." 



136 

ausser dem Hause zu verrichtenden Arbeiten mitnimmt. — Nachdem 
es entwöhut worden, wird es sich selbst überlassen und begleitet 
entweder Vater oder Mutter bei allen ihren Beschäftigungen , um so 
Yon ihnen alles für das Leben Erforderliche zu lernen. Die Eltern 
hängen mit grosser Liebe an den Kindern, wie auch umgekehrt die 
Kinder den Eltern mit inniger Pietät zugethan sind. ■■•■") 

Da das Weib in den Augen des Negers keine Person, 
sondern eine Sache ist, die man um Geld sich kaufen kann, 
so folgt daraus von selbst, dass demselben in den meisten Neger- 
ländern auch kein Erbrecht zusteht. Stirbt der Manu, so ist 
in der Kegel der älteste Sobn, falls er erwachsen ist, sein Erbe: er 
hat dann für den Unterhalt der Frauen seines Vaters, sowie seiner 
unmündigen Geschwister zu sorgen. Hat der Mann entweder gar 
keine Kinder oder blos Töchter hinterlassen, so ist sein nächster 
männlicher Anverwandter Universalerbe, dem dann der ganze Besitz 
des Verstorbenen sammt dessen Frauen und Kindern, für die er zu 
sorgen hat, zufällt. 

Beinahe durch das ganze Negerland verbreitet ist die Sitte 
der Beschneidung, welclje aber nicht nur an den Knaben, sondern 
auch an den Mädchen vollzogen wird. Mit derselben ist auch eine 
gewisse religiöse Ceremonie verbunden, in jenen Ländern, wo der 
Islam Verbreitung gefunden hat, soll auch häufig die sogenannte 



*) Waitz (Aiitbropologie der Naturvölker, IL 124) betrachtet die Sitte 
der Neger in einigen Gegenden, missgestaltete Kinder und Zwillinge umzubringen 
als Etwas, was Zweifel darüber erregen niüsste, ob der Neger wirklicb zu 
seinen Kindern eine tiefere Zuneigung besitzt. Er sucht dabei mit dem .Aber- 
glauben, der ohne Zweifel bei den Negern dabei im Spiele ist , den grössten 
Theil des moralischen Fleckens wegzuwaschen , den diese Sitte auf die Neger 
wirft. Wir glauben jedoch , dass man diese Sitte überall wo sie sich findet 
ganz anders beurtheilen müsse, als wir dies vom religiösen Standpunkte (wo 
man immer die unsterbliche Seele im Gedanken hat) zu thun gewohnt sind, 
lilan b^enke, dass die Liebe zum Neugeborenen beim Vater, der hier zunächst 
allein in Betracht kommt, weder beim Menschen noch beim Thiere so intensiv 
ist, wie bei der Mutter, und dieselbe beim Menschen eigentlich erst da beginnt, 
■wo das Kind durch den Anblick, das Lachein und andere Aeu.sserungen dem 
Vater nälier tritt. Nun iiiidcii wir es entschuldigt, wenn der Vater, dessen 
Herz keine moralischen Erwiigungen bewegen, in Voraussicht des Elends, welches 
des verkrüppelten Wesens liarrt, es vorz'eht. demselben die Pforten des Daseins 
zu verschlie.-sen. als es dem schwankenden Kahne der ungewissen Hoffnung zu 
übergeben. Es ist diese Sitte keineswegs so roh, als wenn — wie es bei uns 
so häufig geschieht — eine Mutter uLs Kindesmörderin auftritt. 



i;)7 

lüfilulation jj^eübt worden, die gewiss keine Ertindung der Neger ist, 
>oiiderii ihnen walirscheinlicii von den Arabern überliefert wurde. 

Im Leben und Verkehr mit Seinesgleichen ist der Neger nach 
den Berichten aller lleisenden und Missionäre sehr freundlich, hält 
aber gleich allen Naturvölkerji auf gewisse Höflichkeitsformen. Bei 
Vernachlässigung derselben ist er in seinem Stolze beleidigt und 
nicht so leicht zu versöhnen. 

Die Gastfreundschaft wird allgemein in grösserem oder ge- 
rinsrerem Masse geübt und auch überall wie selbstverständlich 
erwartet. j\lan pflegt daher für erwiesene Gastfreundschaft gar 
nicht zu danken. 

Von den Krankheiten werden nur die äusserlichen durch An- 
wendung gewisser Arzneimittel geheilt, während man bei den inner- 
lichen in der Eegel zur Zauberei seine Zuflucht nimmt. Mau sucht 
durch- gewisse mystische Hantierungen, Anmiete und andere Mittel 
den Zauber aus dem Leibe des Kranken zu entfernen und im 
äussersten Falle selbst den bösen Geist, der an der Kranklieit Schuld 
trägt, zu versöhnen. Dass dabei der Patient zu bedeutenden materiellen 
Opfern an den Zauberdoctor und seine Sippschaft sich herbeilassen 
muss, brauchen wir wohl nicht ausdrücklich zu erwähnen. 

Der Todte wird in vielen Gegenden in jener Stellung bestattet, 
in welcher der Mensch im Älutterleibe sich beflndet, so in Südwest- 
und in Ostafrika bei den Dinka- und Bari-Stämmen, üeberall wird 
das Grab in Ehren gehalten und oft in der Nähe der Wohnung 
gegraben, damit der Todte durch Kaubthiere nicht aus ihm gerissen 
werde. In den meisten Fällen bringt man dem Todten ein Opfer 
auf demselben dar ; dies besteht in Thieren . in einzelneu Gegenden 
in Menschen. Bekannt ist Dahomey wegen der enorm grossen 
Anzahl der Menschenopfer, welche am Grabe des Königs dar- 
gebracht zu werden pflegen. 

Mehrere Familien sind zu einem Stamme vereinigt. Ueber einen 
solchen Stamm übt, wie bei allen Naturvölkern, ein Häuptling eine ge- 
wisse Oberhoheit aus. Diese gründet sich in den meisten Fällen auf das 
durch seine kriegerische Tüchtigkeit und andere hervorragende Eigen- 
schaften gewonnene Ansehen. Dieses Ansehen, welches mit einer ge- 
nauen Befolgung der Stammtraditionen Hand in Hand gehen muss, 
bringt aber dem Betreffenden keine materiellen Vortheile, sondern 
muss im Gegentheile in jenen Fällen, wo es auf eine Bethätigung 
desselben nach Aussen ankommt, durch maLClie bedeutende Opfer des 



138 

Häuptlings gewahrt werden. So namentlich, wenn es gilt einen 
Kriegszug gegen einen Feind zu unternehmen, der einem an Macht 
gewachsen oder gar überlegen ist und wo wenig oder gar keine 
Beute, dagegen aber Wunden oder der Tod in sicherer Aussicht 
stehen. In solchen Fällen muss der Häuptling seine Ueberredungs- 
Lunst durch Geschenke und Versprechungen, namentlich aber durch 
Verabfolgung reichlicher Speisen und Getränke unterstützen. 

Diese patriarchalische Verfassung, welche offenbar die ursprüng- 
liche ist, besteht aber nur in den wenigsten Gegenden des Neger- 
gebietes. Namentlich in den westlichen und mittleren Theileu 
desselben hat sie einem an die asiatischen Formen mahnenden und 
diese in vielen Fällen noch überbietenden Despotismus Platz ge- 
macht, üeberall dort, avo der Neger mit fremden Rassen und 
Völkern zusammenstiess, die seine Existenz bedrohten, war eine 
Consolidirung mehreier Stämme unter einem kriegstüchtigen Häupt- 
linge nothwendig, um dem Feinde mit Erfolg Widerstand leisten 
zu können. Dieser Häuptling hielt sich mit seiner Familie an der 
Spitze der Verbindung und Avurde auch von dem Feinde, der es 
lieber mit einem als mit mehreren Häuptern zu thun hatte, als 
Herrscher anerkannt. Dadurch befestigte sich wieder sein Ansehen 
den Seinigen gegenüber, so dass im Laufe der Zeit aus dem gleich- 
berechtigten Krieger ein die anderen weit überragender Despot 
wurde. Bei jedem grössere Ebenen bewohnenden Volke, welches 
von eroberungslustigen Feinden oft angegriffen wird, muss sich 
im Laufe der Zeit aus dem schlichten Verhältnisse der Stamm- 
verfassung der Despotismus (bei rohen Naturvölkern) oder die 
Monarchie (bei Culturvölkern) entwickeln. 

Li der Regel liebt es der Herrscher, um sein Ansehen zu er- 
höhen, sich so viel als möglich dem täglichen Verkehre zu entziehen 
und mit einem Schutzwalle der albersten Ceremonien zu umgeben. 
Um sich in seiner Stellung zu befestigen, legt er sich oft über- 
menschliche Eigenschaften bei, so z. B. : die Kraft, Regen zu macheu, 
Krankheiten zu heilen u. a. m. Man naht ihm mit der allergrössteu 
Unterwürtigkeit, indem mau kriechend den Boden küsst. Staub aufs 
Haupt sich streut oder mit demselben das Gesicht reibt. Auch 
einer in Asien sehr häufigen Sitte begegnet man bei den Neger- 
despoten , nämlich nur in der Sprache des herrschenden Stammes 
mit Jedermann zu verkehren, wenn einem auch die Sprache der 
Anderen bekannt und geläufig sein sollte. Zu diesem Zwecke ist ein 



139 

DoUmctseher, „des Königs Mimd" genauut, zugegen, der den Ver- 
kehr zwischen dem Könige und Demjenigen besorgt, welchem die 
Audienz gewährt worden. 

Dieser Stellung entsprechend verändert sich auch das äussere 
Auftreten und Leben des Häuptlings selbst. Während in jenen 
Gegenden, wo patriarchalische Sitten noch fortbestehen, der König 
weder in Wohnung noch in Kleidung und Schmuck von den anderen 
Stammesgenossen sich irgendwie besonders unterscheidet, tritt er 
als Selbstherrscher in jeder Beziehung mit gewissem , das Auge 
blendendem Pomp auf. Er bewohnt ausgedehnte Wohnungen, worin 
seine zahlreichen Frauen und Kinder sammt seinem Hofstaate 
untergebracht werden, er trägt besonderen Schmuck, den zu tragen 
ausser ihm Niemandem erlaubt ist. Den Luxus, der dabei entfaltet 
wird, bestreitet er zum grössten Theile auf jene einfache Weise, auf 
welche Fürsten unter Naturvölkern gewöhnlich zu verfallen pflegen^ 
nämlich durch Monopolisirung des Grosshandels. Er ist in seinem 
Lande entweder der einzige oder doch der bedeutendste Kaufmann und 
Mäkler, mit dem die Fremden verkehren. 

In anderen Ländern, namentlich in den despotischen Staaten 
Mittelafiikas und in Dahomey, bildet der Sclavenhaudel, der ganz 
systematisch durch Sclavenjagden seine W^aare geliefert bekommt, 
die Haupteinnahmsquelle des Herrschers. Letzteres Land, der 
afrikanische Militärstaat xa-' ico/riv, kann überhaupt als Muster- 
bild des Despotismus in den Negerländern gelten. Der König 
ist hier unumschränkter Herrscher im vollsten Sinne des Wortes ; 
er ist der eigentliche Besitzer des ganzen Landes und Volkes , das 
Leben eines jeden Unterthaneu steht ihm auf einen Wink zur freien 
Verfügung und jeden Augenblick steht es ihm frei, durch einen 
Urtheilsspruch Leben, Vermögen und Familie jedes Einzelnen zu 
confiscireu. Wie mehrere Reisende berichten , soll er sogar die 
Töchter seiner Unterthanen zur Ehe vergeben und den Kaufpreis 
derselben in den königlichen Schatz fliessen lassen. 

Neben diesen Einkünften, die nicht unbedeutend sein müssen, 
fällt dem Könige auch ein grosser Theil aus den Erbschaften 
seiner Unterthanen und Beamten zu, indem er als Oberherr und 
„Vater^' des Landes auch der Universalerbe ist. Solche Einkünfte 
sind aber auch nothwendig, um seine zahlreichen Söldner und 
Söldnerinneu , sowie das Volk bei den glänzenden Festen , die er 
ihnen gibt, zufrieden zu stellen, denn ohne bedeutende Geschenke 
gibt es hier kein Ansehen. 



140 

Trotz dein gauz und gar despotischen Charaktei- der Kegierungs- 
form in Daliomey verrätli sich dennoch die patriarchalische Grund- 
lage derselben in mehreren Punliten. So vor allem darin, dass der 
König in Uehereinstimmuug mit den Sitten und Traditionen seines 
»Stammes regieren und zwei höhere sein Thun controlirende Beamte 
an seiner Seite sich gefallen lassen muss. Diese Beamten sind 
,der oberste Henker" (der Eepräsentaut der inneren, zumeist auf 
Strafen sich beziehenden Verwaltung) und der „Aufseher des Han- 
dels" (der Repräsentant der äusseren, fast ausschliesslich auf den 
Handel sich beziehenden Angelegenheiten). 

Diese beiden höchsten Beamten des Staates sind auch die 
Erzieher und Vormünder des unmündigen Königssohnes und so 
lauge bis er zum König ausgerufen worden, seine Mitregeuten, 

Da der König als der Inbegriff, gleichsam die Personificatiou 
des heimischeu Rechtes angesehen wird, so stirbt mit seinem Tode 
auch dieses und eine Zeit der Anarchie tritt ein, die so lange 
dauert bis der neue König iustaliirt worden ist. Während dieser 
Zeit, die auf eine bestimmte Länge festgesetzt ist, werden alle jene 
Vergehen, welche sonst hart bestraft werden, ungeahndet gelassen. 

Die Königswürde ist in der Regel in den Negerländern erblich, 
geht aber nur in den seltensten Fällen wie bei uns im Abendlande 
vom Vater auf den ältesten Sohn über. Viel häufiger ist die acht 
patriarchalische Sitte, den Thron dem Aeltestou der Familie, also dem 
jüngeren Bruder des verstorbenen Königs zuzusprechen. Eine gauz 
besondere Eigenthümlichkeit mancher Negervölker ist es, auf den 
König den ältesten Sohn seiner Schwester folgen zu lassen, an welcher 
Sitte vor allem das Misstrauen gegen die eheliche Treue der Weiber 
Schuld tragen mag. Ob aber diese Sitte den Negern ursprünglich 
zukommt, wie Waitz (Anthropologie der Naturvölker 11, 131) meint, 
möchten wir bezweifeln. Sie scheint gleich der scheu&slichen Sitte 
der lufibulation durch arabischen Einfluss bei den Negern erst ent- 
standen zu sein, wofür besonders der Umstand spricht, dass über- 
all dort, wo die Succession des Schwestersohnes oder der Schwester 
summt deren Manne sich findet, auch arabische Einflüsse nach- 
gewiesen werden können. Denn \ou Natur aus ist der Neger gegen 
sein Weib nicht eifersüchtig und misstrauisch, kann es aber, von 
anderen gereizt, bis zum Wahnsinn werden, ein Moment, das der 
grosse Seelenmaler Shakespeare zu einer seiner wirksamsten Tragö- 
dien zu vorarbeiten verstanden bat. 



ux 

Z»vischeu diesen beiden soeben kurz geschilderten Formen der 
Verfassung, der patriarohalisch-republikauischen und der patriarclia- 
lisch-despotisclien. bewegen sich alle Staatsverfassungen der Xeger- 
länder. Die erstere Form finden wir vorwiegend im Westen in den 
Küsteugegenden und im Osten unter den Viehzucht und Ackerbau 
treibenden Stämmen, die letztere dagegen mehr im Innern und 
namentlich dort, wo der Islam seinen Einfluss geltend gemacht hat. 

Was die sociale Stellung der Mitglieder eines Stammes oder 
Staates anlangt, so zerfallen sie in zw^ei grosse Classen, nämlich 
Freie und Sclaven. Die Sclaverei tindet sich über alle Gegenden 
des Negergebietes , mit wenigen Ausnahmen (an der Südwestküste) 
verbreitet. Dieselbe wurde dort von alten Zeiten her in grossem 
Massstabe geübt und ist nicht etwa erst durch den Verkehr mit den 
Weissen entstanden. So sollen in den Mandingoländern die Sclaven 
drei Viertel, in den Yorubaländern sogar vier Fünftel der Gesammt- 
bevölkeruug ansmachen. Im Ganzen ist jedoch bei den Negern das 
Verhältniss des Sclaven zum Herrn ein durchwegs patriarchalisches 
und durch bestimmte gesetzliche Bestimmungen geregeltes , es wnrd 
kaum härter sein, als es bei den alten Griechen und Römern war 
und als es in der Geschichte Josephs bei den alten Aegyptern ge- 
schildert' wird. An die Verhältnisse und die drückende Behandlung 
der Schwarzen in Amerika ist dabei gar nicht zu donkeji. 

Gleich andern Naturvölkern ist auch der Neger ein besonderer 
Liebhaber des Tanzes, der im Mondenschein unter dem Getöse der 
Trommel aufgeführt wird. Dieses Instrument ist in den meisten 
Gegenden sehr einfach gebaut; es besteht zumeist ans einem aus- 
gehölten Baumstämme, der au beiden Enden mit einer Haut über- 
spannt ist und von beiden Seiten mittelst zweier Stäbchen geschlagen 
wird.*) Diese Tänze, die im Ganzen sehr einfach sind und an 
denen sich ein ganzes Dorf, ja sogar mehrere derselben betheiligen, 
sind entweder erotischer oder kriegerischer Natur, und die ersteren 
sollen nach den Versicherungen mehrerer Missionäre trotz ihrem 
sinnlichen Charakter keineswegs so anstössiger Natur sein , als die 
Tänze jener Mädchen , an denen der „ernste" Araber im Norden 

*) Ausser <lt?r Trommel, die überall vorkommt, linden sich bei einzelnen 
Stämmen auch noch andere Instrumente. 80 besitzt man Hörner, Trompeten, 
Glocken, Pfeifen, Cithern, die mit 8, ja sogar 17 Saiten bespannt sind, Har- 
monicas u. a. , aus deren Vereinigung ein ziemlich gutes Orchester zusammen- 
gestellt werden kann. Ueberhaupt zeigt der Neger viel Sinn für Musik und 
dürfte hierin der mittelländischen Rasse am nächsten stehen. 



142 

und Osten Afrikas sein Auge zu ergötzen pflegt. Die Tänze werden 
in den „Zeiten des üeberflusses", gleich unmittelbar nach der Ernte 
durch mehrere Monate beinahe täglich auf grossen freien Flächen 
in der Nähe der Dörfer abgehalten. 

Die Kriegstäuze, an denen sich ganze Stämme betheiligen, 
müssen in den herrlichen stillen Mondnächten Afrikas wahrhaft 
imposant sein, und wir können nicht umhin, die anschauliche Schil- 
derung eines solchen Tanzes bei den Bari am ßahr-al-Abyad, welchem 
der Missionär A. Kaufmann am 25. Juli 1858 beiwohnte und den 
or in seinem oft citirten Buche S. 171 beschreibt, herzusetzen: 

„Nachmittag — so schreibt Kaufmann — ward schon mit den 
Trommeln das Zeichen gegeben, dass Abends Tanz sei : und so tönte 
um 7 Uhr Abends wieder die grosse Trommel mit dem Tanztempo 
und dauerte lange fort, um allen benachbarten Dörfern dieses 
Freudenfest anzukünden. Um 9 Uhr, wo der Mond schon hoch 
stand, war der Anfang; aus allen Dörfern zog alles Volk aus und 
begab sich auf den Tanzplatz, nachdem sie früher wacker gegessen. 

Neben einem riesigen Kurulengi (Oelbaum) befand sich der 
schon aus alten Zeiten hergerichtete Tanzplatz, vom Vollmond schön 
beleuchtet; ringsum standen hohe Durafelder, hinter denen die 
Hütten der Tänzer sich verbargen und einige davon nahe hervor- 
guckten. Als wir hinkamen, lärmten die Trommeln schon wie 
rasend. „Seid ihr da?" — , Guten Abend!" — „Heut ist Tanz!« 
— Jst der Tanz schön?" — „Habt ihr keinen Tabak?" — so 
riefen viele durcheinander, indem sie unsere Namen in die Menge 
Lineinschrieen. — Das war unser Empfang. 

In der Mitte des Platzes stand der alte schon abgewitterte 
Baumstamm eingegraben, mit dem Wore, d. h. einem Kranze aus 
Zweigen und Gras , zum Zeichen des Festes. Unter ihm herum 
waren die Trommler, kecke junge Buben, und ein Trupp Kinder, 
welche hüpften , sprangen und ihre jungen Glieder reckten. Der 
Tanz beginnt. Weiber und Kinder, Männer und Jünglinge drängen 
lierbei, alle jubelnd und bunt unter einander, endlich bilden sie den 
Kreis. Dieser besteht und bewegt sich in zwei Keihen ; den inneren, 
tleineren Kreis bilden die Weiber und Mädchen, die mitunter 
Durastängel statt Lanzen tragen (oft tragen sie auch wirkliche 
Lanzen) ; den äusseren, weiteren Kreis bilden die Familienväter mit 
ihren Burschen. Alle sind bewaffnet da mit Köcher, Bogen und Lanzen. 
Angesehene tragen auch Schilde aus Elephantenhaut, Was der 
Bari Schönes hat, zieht er bei solchen Festlichkeiten hervor, um sich 



143 

gross zu zeigen. Jeder ist geschmückt mit weissem Federbusch, 
theils helmartig emporstehend, theils gleich dem Rossschweife vom 
Kopfe rficiiwärts herabhängend. Auch seltene Tbierfelle kommen 
zum Vorschein, von Ichneumon und Zibet-Katzen und kleinen Pun- 
thern und zieren je nach ihrer Grösse Scheitel und Brust dieser 
Neger. Glasperlen dürfen freilich auch nicht fehlen. Eine Haupt- 
sache für die Tänzer sind aber eine Schnur Eisenglöcklein (Waryakan), 
die sie an ihren Füssen bis über das Knie herauf befestigen, womit 
sie bei jedem Tact und Schritt ein furelitbares Get(3se herausstampfen. 
Die Mädchen zieren sich ebenfalls Hals und Hüfieu mit Glasperlen, wie 
auch die Weiber, die überdies neue Schürzen anziehen. Wer sich noch 
dazu mit hochrother Oelfarbe vom Scheidel bis zur Fusssohle an- 
schmieren kann, der ist wahrhaft schon und macht Furore. Medi, der 
Häuptling, prangte mit seiner gelbblecliernen Leibbinde, die er Tags 
vorher um 4 Hennen gekauft hatte, wovon er aber noch zwei schuldete. 
Alle beneideten ihn um so einen Schatz. „Er ist gross!" sagten 
sie nach einander. Sein Haupt ziert nach vorn der Schnabel eines 
Marabu, seine Hand trägt einen Schild von Elephanteuhaut, während 
über seinem Rücken .ein Leopardenfell herabhängt. Auch seine zahl- 
reichen Kupferringe an Händen und Füssen sind neu geputzt. Er 
schaut jubelnd aus, denn er wird wohl auch zuvor einige Schalen 
Bier (yawa) geleert haben. Ausser den Kreisen von Tänzern sind 
Scliaaren von Zuschauern , die nur warten, bis die ersten ermüdet 
abtreten und ihnen Platz machen. Diese halten unterdessen den 
Tross jubelnder Kinder zurück, damit sie nicht in den Tanzkreis 
treten und selben verwirren. 

Der Tanz selbst besteht im tactmässigen Stampfen in einer 
grimmigen Stellung, im tactmässigen Hin- und Herbewegen des 
Leibes, indem sie sich rücklings umkehren, während dem die Eisen- 
glöcklein einen furchtbaren Lärm machen. Die Weiber im inneren 
Kreise schwenken .und schwingen dabei die Arme, beugen sich vor 
und rückwärts, hüpfen mit emporgehaltenen Händen hoch auf, 
schreien und jubeln gellend in den Gesaug hinein, der choralförraig 
von den Tänzern gesungen wird und immer fortdauert. Auf ein 
Zeichen der Trommel geräth Alles in Unordnung, der Tanz hört 
anf, der Gesaug verstummt, nur die Trommeln wüthen rastlos fort 
in das Gerassel hinein, es Avird wie unheimlich! — Denn Männer 
stürzen auf Männer mit grimmigem Blick, schwingen die Lanzen 
gegen einander wie in wilder Schlacht, die Weiber heulen — doch 
die Lanzen sinken zu Boden; es war nur blosser Schein und ein 



14-i 

uneudlichev Jubel dringt durch die Lüfte. "Wieder ruft die Trommel, 
es erscheint der Häuptling mit hochgeschwungener Lanze, er zieht 
voraus und alle Tänzer ihm nach, und im Kreis geht der Zug der 
Krieger wie zur Schlacht, ebenso bewegt sich der Kreis der Weiber. 

Wer schöne, riesige aber wilde Krieger sehen will, kann bei 
so einer Gelegenheit seine Neugierde befriedigen. Nun kommen noch 
Fackeln von brennendem Stroh und mitten in den Tanzkreis werden 
sie getragen, und der Kriegstanz beginnt bei dieser Beleuchtung 
von Neuem und wird so noch um Vieles schauerlicher, wilder." — 

Was die Keligiou des Negers betrifft,' so bezieht sich dieselbe 
mehr auf die Verehrung eines bösen als eines guten Principes ; denn 
wenn auch an das letztere in den meisten Gegenden namentlich 
von dem intelligenteren Theile der Bevölkerung geglaubt wird , so 
ist dieser Glaube ohne alle praktische Bedeutung, da dem guten 
Geiste nirgends besondere Verehrung bewiesen wird, noch bestimmte 
Opfer dargebracht werden.*) Dagegen greift der Glaube an einen 
bösen Geist oder mehrere böse Geister tief in das Leben des Negers 
ein insofern als beinahe alle religiösen Hebungen desselben auf die 
Abwendung des bösen Einflusses dieser Mächte, sich beziehen. 

Diese bösen Mächte werden eigentlich als ausser der sinnliehen 
Welt existirend gedacht, sie haben aber die Kraft, von jedem Gegen- 
stande Besitz zu ergreifen und in ihm zu wohnen. Dadurch kann 
der von ihnen besessene Gegenstand selbst dem Menschen furchtbar 
und schädlich werden. Nur der Zauberpriester hat die Kraft durch 
Opfer oder durch die Dienstbarmachuug noch höherer Mächte den 
bösen Einfluss derselben zu hemmen und sie unschädlich zu machen. 

Darin besteht das eigentliche Wesen des sogenannten Fetischis- 
mus, der sich, Avie man sieht, im Wesentlichen nicht viel von den 
primitiven Religionsformen anderer Naturvölker unterscheidet. Wenn 
der Neger einen Baum, einen Stein, eine Schlange, eine Uhr, ja 
selbst einen Topf oder sonst ein Product menschlicher Kunstthätig- 
keit zum Fetisch, d. i. zum Objecto der Verehrung sich auserwählt, 
so verehrt er damit nicht den Gegenstand selbst, sondern .den Geiste 
der in ihm seinen Wohnsitz aufgeschlagen hat und den er durch 
seine Verehrung für sich gnädig stimmen will. Denn er glaubt, dass 



*) Der gute Geist, der die Welt erschaffen hnt, wird auch unter gewissen 
Formen, wie z. B. der Form des Firmaments, der Sonne u. a. vorgestellt, da 
er aber gut ist und dem Menschen nie schadet, so tritt er auch natur- 
gemäss im Gedanken des Negers zurück. 



145 

der Geist, wenn ungiiädig gestimmt, die Macht besitze, ihm schädlich 
zu sein, andererseits aber auch, gnädig gestimmt, kräftig genug sei, 
um den Eiufluss anderer Geister von ihm abzuhalten. 

Diesem wüsten Glauben, der ganz mit dem Hange des Negers 
zum Phantastischen und Wunderbaren übereinstimmt, sind alle jene 
Stämme und Völker zugethan, zu denen der Islam noch nicht ge- 
drungen ist; überdies wuchert er auch in den muhammedauislrten 
Gegenden des Negergebietes neben dem Islam als Volksreligion noch 
fort. Seine Priester, denen die Ausübung ihres Geschäftes nicht 
mir zu einem gewissen Ansehen, sondern auch zu nicht unbedeuten- 
dem Reichthum verhilft, beschäftigen sich nicht nur mit der Be- 
säuftigung der Fetische durch Opfer, sondern auch mit der Heilung 
von Krankheiten. Wie überall bei Naturvölkern werden auch vom 
Neger jede schwere Krankheit, jeder Todesfall den Einflüssen böser 
Menschen und böser Geister zugeschrieben, deren Bann der Zauber- 
priester durch seine ]\Iacht aufheben muss. Bei den eigenthümlichen 
klimatischen V^erhältuissen Afrikas, wo der periodische liegen zum 
Gedeihen der Feldfrüchte und "Weiden unumgänglich uothwendig ist 
und ein Ausbleiben desselben Hungersuoth mit sich bringt, spielen 
namentlich die sogenannten „Regenmacher" eine grosse Rolle un.d 
wird deren Beschäftigung als eben so einträglich wie lebensgefährlich 
geschildert. Denn falls der Regenmacher, nachdem er die reichlichen 
Geschenke in Empfang genommen, nicht richtig prophezeit hat, kann 
er sicher gefasst sein, der Wuth des Stammes zum Opfer zu fallen 
und seinen frommen Betrug mit dem Leben zu büssen. 

Dass der Glaube an einen guten Geist, der in der That bei- 
nahe überall hinter diesem wüsten Aberglauben durchschimmert, 
ohne alle praktische Bedeutung für den Neger ist, dies beweist neben 
dem oben bereits angeführten Moment (dass nämlich der gute Geist 
nirgends Verehrung und Opfer geniesst) auch der Umstand, dass der 
Neger entweder an ein zukünftiges Leben gar nicht glaubt, oder 
wo dies der Fall ist , dieses zukünftige Leben als unabhängig von 
dem Thuen dieses Lebens von ihm augesehen wird. Es fehlen daher 
allen seinen Handlungen sogar die religiös-moralischen Motive, der 
philosophisch-moralischen zu geschweigen. 

Wenn der Neger irgendwie gehindert wird , seinen Neigungen 
und Leidenschaften die Zügel schiessen zu lassen und von Mord, 
Diebstahl und anderen Vergehen abgehalten wird, so ist dies nicht 
als ein Ausfluss religiöser oder moralischer Grundsätze zu betrachten, 

Müller, Allg. KthnogiapLie. lO 



146 

soudern vielmehr als eine Folge der Furcht, die er vor dem 
Fetisch hegt, der sein böses Thiin an den Tag bringen und zu be- 
strafen vermag. 

Der Islam fand, wie wir schon oben gesehen haben, bei den 
Negerstämmen des Nordens frühzeitig Eingang und hat sich auch 
in den meisten Gegenden als Staatsreligion, d. i. als die Keligion 
des gebildeten Theiles der Bevölkerung befestigt. Er ist diejenige 
Keligionsform, durcli die noch am leichtesten Cultur und Moral dem 
Neger zugeführt werden können, er ist kurz gesagt die Eeligion 
der Zukunft Afrikas. Oline bedeutende, das individuelle und Familien- 
leben beschränkende Anforderungen an den Neger zu stellen, ist er 
ihm überdies durch das Auftreten seiner ßekenner, die vermöge 
ihrer Lebensgewohnheiten vom Neger durch keine allzuweite Kluft 
getrennt sind, sympathisch. Er sieht, dass seine hauptsächlichsten 
Apostel, die Kaufleute, nur mit den Waffen des Friedens kämpfen 
und ihm Wohlstand und Reichthum zubringen. Alles was diese 
schlichten Männer ihm sagen ist so einfach und seinen Begriffen 
augemessen, dass es ihm nicht schwer fällt, seinen Fetischen zu 
entsagen und ausschliesslich an den einen Gott (Allah) zu glauben, 
der ja ohnedies seinem Gemüthe nicht fern stand, und dadurch, 
dass er an Allah und an die Sendung Muhammeds glaubt, der diesen 
wahren Glauben der Welt znm Heile und zur Erlösung überbrachte, 
dadurch ist er schon ]\Iuslim geworden. 

Gegenwärtig erstreckt sich der Islam über die Mandiugoländer, 
Bornu, Wadai und die Hausastaaten ; er findet sich auch bei den 
Wolof und den Serechule, ferner am unteren Niger, in Aschauti 
und üahomey, an den letzteren Orten aber nur sporadisch. 

Sprach e. 

Die Sprachen der Neger scheinen in eine erkleckliche Anzahl 
eigenthümlicher von einander verschiedener Stämme zu zerfallen. 
Jene Uebersicht der Negersprachen, die wir auf S. 15 ff. gegeben haben, 
kann daher nur als eine vorläufige gelten, da wir trotz der immensen. 
Entdeckungen, welche die Neuzeit auch auf sprachwissenschaftlichem 
Gebiete mit sich gebracht hat, keine richtige Vorstellung von der, 
wie es scheint, ungeheueren Anzahl der Neger-Idiome besitzen. Doch 
lässt sich schon auf Grund des mangelhaften Materials, welches uns 
zu Gebote steht, der sichere Schluss bauen, dass die Negersprachen 
von einer Ursprache nicht ausgegangen sein können, sondern im 



147 

Gegenthcil mehrere vou eiiiandev uiuibhiuigige Urspruugspiinkte 
voraussetzen. Denn abgeselion davon, dass die Abweichungen im 
grammatischen Baue der Negersprachen solche sind, die nur zwisclien 
ganz unverwandten Sprachen sich finden, lassen sich auch in lexica- 
lisfcher Beziehung, abgesehen von einzelnen entlehnten Cultur- Aus- 
drücken, keine Uebereinstimmungeii waliruehmen, die irgend eine 
Verwandtschaft verrathen könnten. 

Die Erzeugnisse des dichtenden Volksgeistes beschränken sich 
beim Neger auf Fabeln , lläthsel und Sprüchwörter. Namentlich 
die beiden letzteren zeugen von einer besonderen Originalität und 
angeborenem Mutterwitz. Die lyrischen Gesänge sind bei dem engen 
Gefühlskreise des Negers unbedeutend; die besseren derselben lassen 
fremden, arabischen Einfluss nicht verkennen. 



2. KafFerii. *) 

Der Ausdruck ..Kaffer'' entstammt dem arabischen Worte 
Katir, „üngläubiger% und wäre also richtiger Kater zu schreiben. 
Wir vorstehen darunter im anthropologischen Sinne eine bestimmte 
Rasse , im ethnographischen Sinne einerseits ein bestimmtes , im 
Süden Afrikas, nordöstlich von den Hottentoten ansässiges Volk, 
andererseits einen Völkercomplex , welcher alle an der Ostküste 
Afrikas vom Gap bis an das Gebiet der Galla wohnenden Stämme 
umfasst, von denen das Volk der Kaftern als das bedeutendste 
betrachtet werden kann. 



*) Die Quellen finden sich verzeichnet bei Waitz, Antliroi^ologie der 
Naturvölker II, XVII. Die wichtigsten darunter sind: Alberti, L., Descrip- 
tion pliysique et historique des Cafres, Amsterdam 1811, 8". Andersson, 
Keisen in Südwest-Afrika bis zum Nganii, übersetzt v. Lotze, Leipzig 1858, 8". 
Burchell, William, Travels in the interior of South- Africa, London 1822—24, 
8", 2 voll. ; deutsche Uebersetzung, Weimar 1822, 8". Dohne, Das Kafferland 
und seine Bewohner, Berlin 1843, 8". Fleming, Kaft'raria and its inliabitants. 
London 1853, 8". Fritsch, Drei Jahre in Süd-Afrika. Breslau 1868,8". Grout, 
Lewis, Zulu-Land, or life among tlie Zulu-Kaffirs, New edition, London 1805. 8". 
Kay, Travels and rcsearches in Kaffraria, New- York 1834, 8°. Lichten st ein. 
Reisen im südlichen Afrika, Berlin 1811,8". Livingstone, Missi .nsreisen und 
Forschungen in Südafrika, übersetzt von Lotze, Leipzig 1858, 8". Pr.tterson, 
Reise in das Land der Hottentoten und Kaflern, übersetzt von Forster, Berlin 
1790, 8". Abbildungen des Kaffer-Ty]ius finden sich bei Burchell, William. 
Travels in the interior of South-Africa, London 1822—24, 2 voll., und Fr its eh. 
Drei Jalire in Süd-Afrika, Breslau 1868, 8", S. 33, 91, 332, 379 u. a. 

10* 



148 

Wie wir bereits schon früher bemerkt haben (S. 111). waren 
die Kaffern nicht seit jeher in denjenigen Gegenden ansässig, wo 
wir sie gegenwärtig finden (nördlich von den Sitzen der Hotten- 
toten bis an den Aequator und den 5" nördl. Breite), sondern sind 
in dieselben nach und. nach von Nordosten eingewandert.*) Als 
die nächsten Anverwandten der Neger sassen sie wahrscheinlich 
im Osten von dem Verbreitungsgebiete derselben und standen daher 
frühzeitig in freundlichem und feindlichem Verkehr mit den von 
Asien eindringenden Stämmen der mittelländischen Kasse, speciell 
denHamiten. Manches am leiblichen und geistigen Typus des Kaifern 
lässt sich nur durch die Annahme eines innigen Verkehrs der beiden 
Eassen und Völker erklären. Der physische Typus des Kaffern 
weicht in Farbe und Gesichtsbildung von jenem des Negers be- 
deutend ab und nähert sich hierin dem mittelländischen, und in der 
Sprache finden sich manche Punkte, die an Hamitisches und Semi- 
tisches so stark anklingen, dass man unwillkürlich an eine in älter 
Zeit slattgefundene Entlehnung denken muss. Es ist daher eine 
mehr als wahrscheinliche Annahme, der wir auch beim Entwerfen 
des Stammbaumes der Menschen-Kassen gefolgt sind (S. 25), dass 
die Kaffer-Kasse durch eine in unvordenkliclier Zeit stattgefundene 
Mischung mit hamitischen Stämmen aus der Ur-Neger-Rasse zum 
heutigen Typus sich difierenzirt habe. **) 

Die Wanderung der Kaft'er-Kasse aus dem Nordosten Afrikas 
ging Anfangs, dem Drängen der hamitischen Stämme nachgebend, 
nach dem Süden vor sich, bis sie endlich an dem Widerstände der 
Völker der Hottentoten-Kasse einen Halt land. Später scheint eine 
zweite Wanderung, wahrscheinlich durch das Andrängen der Galla- 
stärarae veranlasst, quer durch den Continent von Csten nach 
Westen liinzugetreten zu sein. 

Für diese Facta sprechen Zeugnisse , welche sich aus der 
grösseren oder geringeren Verwandtschaft der Kaöer-Sprachen unter 
einander ergeben. So zeigt das Kaffer-Idiom sammt dem Zulu die 



*) Die Traditionen aller Kaffer- Völker berichten, sie seien aus Nord- 
osten in die von ihnen gegenwärtig bewohnten Sitze eingewandert. Vergl. 
History of the Bassutos, Cape Town 1857, 8", pag. 3 ff. Audersson Lake Ngami, 
London 1856, pag. 218 ff. Nach dem Glauben der Herero wohnt ihr oberster 
Gott Omu-Kuru im hohen Norden. Damir, hängt auch die Sitte zusammen, 
die Todteu mit gegen Norden gewendetem Antlitz zu begraben. 

**) Vergl. auch Waitz, Aiitliroi)ologie der Naturvölker. II, S. oTl ff. 



149 

grösste Verwandtschaft mit dem Se-tschuana (der Sprache der Be- 
tschuana) und weiter mit dem Otschi-herero (der Sprache der Ova- 
herero), während ihm das Ki-suaheli und die Sprache von Congo 
ferne stehen. Ebenso sind wieder das Ki-suaheli au der Ostküste 
und die Sprachen der M-pongwe*) und ßa-kele**) an der West- 
küste mit einander innig verwandt, eine Verwandtschaft, Avelche 
sich nur aus der Annahme einer vor nicht lauger Zeit stattgefun- 
denen Trt-nuung erklären lässt. 

Als die ältesten Auswanderer aus der Urheimath im Nordosten 
Afrikas erscheinen die am weitesten nach Süden vorgedrungenen 
Kattei-Völker. worunter die Stämme der Ama-iiosa, Ama-tembu, 
Ama-mpoudo und Ama-zulu***) gehören. Darunter ist besonders 
der letztere Stamm durch Eroberungen unter kriegerischen Häuptlingen, 
wie Tschaka , f ) ümzilikatsi, in der neuesten Zeit allgemein bekannt 
geworden. ff) Zu den Kaffern gehören auch die Fingo, eine Ver- 
einigung mehrerer, ehemals von den Ama-iiosa unterworfenen Kaffer- 
stämme. 

Die Sprachen aller dieser Stämme zeigen unwiderleglich, dass 
sie sich erst spät, vor nicht gar langer Zeit von einander getrennt 
haben ; sie stehen auch sonst auf einer alten Stufe , so dass sie 
relativ für das getreueste Bild der nun nicht mehr eiistirenden Ur- 
sprache gelten können. Damit stehen auch die Sitten und Ein- 
richtungen, welche vieles Alterthümliche an sich tragen, in vollem 
Einklänge. Es kann also eigentlich blos der Kaffer mit seinen 
Verwandten im Süden des Conti iients für den treusten Typus seiner 
Rasse und seines Volkes gelten, während bekanntlich in Betreff des 
ethnischen Charakters der Bewohner des nördlichen Theiles der 
Westküste an den Neger, der Bewohner der Ostküste au den Galla 
und Araber sich anschliesst. A\'ir werden daher bei Schilderung 



*) Vergl. A grammar of tlie Mpongwe language l>y the missioiuiries of 
thcA. B. C. F. M. Gaboon mission, western Africa, New-York 1847, 8", pag. VI. 
**) Vergl. A grammar of the Bakele lauguage, by the missionaries of the 
A. B. C. F. M. Gaboon mission, western Africa, New-York 1854. 8", pag. IV. 
***; Die Ama-zulu umfassen gegenwärtig eine Reihe vai mehreren ur- 
sprünglich von ihnen verschiedenen Völkern, welche von ihnen unterworfen 
worden sind, und deren Sprache und Sitten angenommen haben. 

t) Ueber Tschaka vergl. Waitz, Anthropologie der Naturvölker II, 
S. S94 n. 

tl) Die Matebele, bekannt durch ihre Eroberungszüge unter Moselakatse 
fUmzilikatsi). sind ein Zulu-Volk. 



150 

der etbnograpliischen Eigenthümlichkeiten der Kaffer- und Congo- 
Völker vor allen andern auf diese Stämme zurückgeben müssen.*) 
Westlich von den Kaffern, im Innern des Continents, wohnen 
die Be-tschuana (Be-tjuaua), von etwa 28 '^ bis lö'* südlicher Breite. 
Sie zerfallen in 23 Stämme, von denen 12 im Osten und 11 im 
Westen wohnen. Es sind dies folgende: A. Oestlicbe Stämme: 

I. Die Ba-suto, 2. die Ba-tau , 3. die Ba-puti , 4. die Ma-kolokue, 
5, die Ba-phiring, 6. die Li-khoya, 7. die Ba-blokwa oder Ba- 
mantati, 8. die Ba-mapela, 9. die Ba-tlouug, 10. die Ba-peri, 

II. die Ba-tsetse, 12. die Ba-fukeng. B. Westliche Stämme: 1. die 
Ba-rolong, 2. die Ba-hlapi , 3. die Ba-meri, 4. die Ba-matlarn, 
5. die Ba-kbatla, 6. die Ba-kweua, 7. die Ba-wauketsi, 8. die Ba- 
hurutse, 9. die Ba-kaa, lü. die Ba-mangwato, 11. die Ba-lala oder 
Ba-kalahari. 

Westlich von den Be-tschuana wohnen die Dania (fälschlich 
Damaras oder Damras genannt) nach den Angaben des Missionärs 
J.Hahn zwischen 22° 58' und 19^' 30' südlicher Breite und U*» 20' 
östlicher Länge, bis einige Grade im Westen vom Ngami-See. Die 
westlichen Stämme nennen sich Ova-herero, die östliclien werden 
mit dem Xamen v a - m b a n d s c h e r u (Ova-mbandjeru) bezeichnet. **) 
Nordöstlich von den Ova-herero liegen die Sitze der Ova-mpo. 

Nördlich von den Kaftern, speciell den Zulus, leben mehre re 
Stämme, welche uns leider nicht näher bekannt sind, aber in Sprache 
und Sitten gewiss zu demselben Völkercomplexe gehören. Es sind 
dies die Ama-tonga an der Delagoa-Bai und westlich von ihnen 
im Innern die Ama-swazi. Nordöstlich von den nördlichsten Sitzen 
der Matebele unter dem 18^ südlicher Breite und dem 31" östlicher 
Länge wolint der Stamm der Ma-schona. Oberbalb des Zambesi 
wohnt der weit ausgedehnte Stamm der Makua. Am weitesten 
gegen Norden wohnen die Suaheli (arab. sawahili), unter welchem 
Ausdrucke man die Bewohner der Küsten (arab. sawahil) vom Cap 
Delgado bis zu den Ansiedelungen der Somali begreift.***) Sie 
sind, wie sowohl ihr Körperbau, als auch ihre Sprache beweisen, 
mit arabischem Blute stark gemischt. 



*) Dasselbe tliut auch ^Yaitz, Autliropologie der Naturvölker II, 382 tf. 
**) Vergl. Halm. Josapliat, Die Ova-liereru (Zeitschrift für Erdkunde 
der Gesellschaft in Berlin 18G8. 8. 193, 403 ui,d 1869, Ö. 22G. 482). 

***) Auch die ursprüngliche Bevölkerung der Comoren, nach der Sprache 
der Insel Hanzuan zu scliliessen, ist zu den Suahelis zu rechnen. 



151 

Westlich von ilen Suahelis im Iiiiiein des Landes, wohnt eine 
Reihe von Stämmen, welche sprachlich aufs innigste mit ihnen zu- 
sammenhängen, wie die Wa-nika, deren südlichste Ansiedelungen 
sich Wa-digo nennen, wälirend die uördliclien Wu-lnpangu genannt 
werden, ferner die W a - k a ni b a . die AV a - p o k om o u. a. 

Südwestlich von diesen, im Osten des Sees Unyamesi wohnt das 
Volk der Mo-n yamwesi (Monomoezi), im Westen und Süden des- 
selben Sees weit nach Norden das Volk der Maemba oder Molua 
und weiter südlich eine Keihö von weniger bekannten Stämmen. Am 
oberen Zambesi, nördlich von den Ma-kololo, sitzen die lia-rotse, 
und nordwestlich vom See Ngami die Ba-yeye. 

Zu diesen Völkern, obschon es nicht bestimmt ist, zu welchem 
speciell, ist die Aboriginer-lievölkerung der Insel Madagascar zu 
rechnen, deren herrschender Stamm, die Madegassen oder Malgaschen, 
bekanntlich der malayischen Kasse augehört. — AVie weit diese 
Aboriginer-Bevölkerung reicht, ist bisher nicht genau ermittelt, als 
sicher dahin zu reclmen sind die Wa-zimba*) im Westen der Insel, 
oberhalb des 19'^ südlicher Breite, v/elche von deu Madegassen als 
die Urbewohner des Landes angesehen werden, ferner die Scliaffat 
im Südosten der Insel, unterhalb des 22'^ südlicher Breite. 

An der Westküste Afrikas , bis hinauf zum Aequator, wohnen 
die Congo-Völker, zu denen die Bewohner von Benguela, Angola, 
Congo und Loango gehören. Weiter gegen Norden sitzen am Gaboon 
die M-pongwe, Benga, Ba-kele (Ba-kalai) und Ba-tanga, deren 
Idiome sich sämmtlich als Mitglieder der Bantu-Familie deutlich ver- 
ralhen. Wie weit das Gebiet dieser Sprachen im Norden, besonders 
im Innern des Continents, sich erstreckt, ist nicht mit Sicherheit 
ausgemacht, schwerlich jedoch dürfte es unter den ö'-* nördlicher 
Breite herabreichen. 

Physischer Typus der KafFer-Rasse. 

Der Schädel des Katfern zeigt zwar einige Aehnlichkeit mit 
jenem des Negers, er weicht aber in vielen Punkten wesentlich von 
ihm ab. Die Form desselben ist langgestreckt und an beiden 
Seiten abgeflacht, wodurch der Gesichtsausdruck schmal und lang- 
erscheint; dagegen ist die Stirn hoch und gewölbt, die Nase nicht 



*) Ueber die Verbreitung und Bedeutung dieses Namens auf dem 
afrikanischen Festlande, vergl. Waitz, Anthropologie der Naturvöll^ev II, 
S. 3.^8 ff. 



152 

platt gedrückt, sondern mehr vorspringend und oft sogar gebogen. 
Der Unterkiefer ist nicht stark vorragend, die Backenknochen zwar 
breit aber nicht so stark hervorstehend, das Kinn massig und spitz 
zulaufend. Die Lippen sind nicht so wulstig wie beim Neger und 
wenig aufgeworfen. Das Haar ist zwar wollig wie beim Xeger, aber 
weniger grob. Bei den südlichen Stämmen wächst es oft in 
Büscheln auf dem Kopfe wie beim Hottentoten und Papua, was 
auf eine ]\lischung mit der ersteien Kasse hinweist. Der Bart 
ist schwach entwickelt, aber doch bei weitem reichlicher als beim 
Neger; die Behaarung der bedeckten Körpertheile ist mangelhaft. 

Der Bau der unteren Gliedmasseu bietet zwar manche An- 
klänge an den Negertypus, jedoch sind die Waden entschieden 
stärker, wie auch die Schenkel fleischiger. Die Farbe der Haut ist 
ursprünglich gelbbraun, mit einem Stich bald ins Lichtere, bald ins 
Dunklere: man begegnet aber auch einem tiefen Schwarz, so 
namentlich im "Westen und Nordosten, welches wohl auf Mischungen 
mit reinem Negerblute zurückzuführen ist. 

In Betreff der Zulu bemerkt Fritsch, Drei Jahre in Süd-Afrika, 
S. 199. .Die äussere Erscheinung derselben ist mannigfaltig, so 
dass es schwer ist, einen bestimmten Typus dafür festzustellen. Die 
Gesichter sind regelmässiger als bei den eigentlichen Kafferu, die 
Nase ist besser entwickelt und nicht so aufgestülpt, die Stirne ist 
hoch, die Lippen sind stark aufgeworfen, das Gesicht jedoch häufig 
nur wenig prognathisch. Der Körper ist mehr proportionirt , aber 
aucli bei ihnen findet sich selten eine eigentliche Taille, sondern 
die Seiten der Brust fallen senkrecht ab." 



Psycliisolier Charakter der Kaffer-Rasse. 

Die KaÖern sind von Haus aus ein Nomadenvolk. Alle Kaffer- 
stämme zeigen eine besondere Vorliebe für Viehzucht, welche für 
so ehrenvoll gilt, dass sie ausschliesslich von den Männern geübt 
•wird. Die Nahrung der Katfern ist ausschliesslich der ]\lilch ent- 
nommen. Neben der Viehzucht wird auch Landbau getrieben,*) 
dieser gilt aber für eine minder ehrenvolle Beschäftigung, welche 
daher meistens nur von den Weibern ausgeübt wird. 



*) Im LJaiizen ist der Landbau iiielir bei den Betscbuana-Stäiumcn als 
bei den Kaffern verbreitet. 



153 

Ein Punkt, in welchem die Kaifern sieh wesentlich von den 
Negern unterscheiden, ist die Abwesenheit der Sclaverei,*) und das 
freiere Verhältiiiss, in welchem der gemeine Mann zu seinem Häupt- 
linge steht. Denn trotz der Verehrung, welche dem letzteren stets 
gezollt wird, und trotz der straffen Disciplin, welche namentlich im 
Kriege geübt wird, hat jeder Manu in der Versammlung das Kecht, 
seine Ansicht frei zu äussern und selbst die Anordnungen und 
Massregeln des Häuptlings einer Kritik zu unterziehen. 

Ausgezeichnet sind die Kaffern durch Tapferkeit, welche aber 
selten in toUeu Blutdurst ausartet; man begnügt sich damit, den 
Feind zur Unterwerfung zu bringen und ihm seine Besitzthümer 
wegzunehmen.**) Der Krieg wird stets vorher angekündigt und 
der überwundene Feind ritterlich behandelt. Eiue Folge der Tapfer- 
keit sind die Energie und Massigkeit, welche den Kaffer auszeichnen. 
Der Kaffer gibt sich selten dem Nichtsthuu in dem Grade hin wie 
der Xeger und findet an aufregenden Getränken überhaupt wenig 
Geschmack. Ein Au^Üuss dieser edlen Eigenschaften ist ein reges 
Kechtsgefühl und eiue aus dem Innersten des Herzens stammende 
Ehrlichkeit. Diebstahl, welcher vom Neger gern geübt und ohne 
jegliche Beschämung eingestanden wird, kommt unter den durch 
fremde Einflüsse noch nicht verdorbenen Kaffern nur selten vor. 

Ethnographische Schilderung. 

In den jüngeren Jahren geht der Kaffer ganz unbekleidet ein- 
her: später trägt der Jüngling einen kurzen Schurz, von etwa acht 
Zoll Länge, aus dem Felle irgend eines Thieres, um seine Scham- 
theile und einen gleichen um den Hintertheil, während das Mädchen 
mit einem Stücke gefärbter und bemalter Haut, welche bis ans 
Knie hiuabreicht, seine Lenden umhüllt. 

Bei einigen Stämmen werden (namentlich von angesehenen 
Personen) Mäntel getragen, welche aus weich gegerbten Ochsen- 
häuten verfertigt werden. Um den Körper vor den Sonnenstrahlen 



*) Als einige Stämme im Innern zum ersten Male von der Sclaverei 
hörten, erklärten sie dieselbe alsogleich für ein schreiendes Unrecht. 

**) Räthselhalt bleiht der Cannibalismus, der in neuester Zeit durch die 
Endeckung grosser Hö,.luii mit benagten und zertrümmerten Älenschenknochen 
erwiesen ist. Auch die Erzäiilungen der süd ichcn Neger von Menschenfressern 
dürften auf die alte Sitte der Anthropo^ihagie bei den Kaffern zu beziehen sein. 
(Vergl. oben S. 84.) 



154 

zu scbtitzen, wird derselbe mit Fett reichlich eingerieben. Bei 
einigen Völkern im Innern, wie z. B. bei den Be-tschuana, ist die 
Beschneidung im Schwünge, welche /Air Zeit der Pubertät au dem 
Knaben, oft auch an dem Mädchen Yollzogen wird. Diese Sitte ist 
in neuerer Zeit auch zu einigen Kafferstämmeu übergegangen. 

Beim Eintritt in die Zeit der Verheirathung werden dem 
Jünglinge und der Jungfrau die Haare geschoren und bei ersterera 
ein King von etwa vier Zoll Durchmesser, bei der letzteren dagegen 
ein Büschel stehen gelassen. Das Haar des Ringes wird mittelst 
einer Ochseiiselme zusammengeflochten und mit einer Mischung von 
Klebestoft' und Kohleupulver reichlich bestrichen. Dadurch wird 
ein Kranz von etwa einem Zoll Dicke gebildet, der vermöge seiner 
tiefen Schwärze vom übrigen Haarvvuchse bedeutend absticht, das 
Haarbüschel des Mädchens wird zusammengeflochten und mit einer 
Mischung von Fett und einer rothen Erdart reichlich eingerieben. 

Die Kafli'ern sind grosse Liel)haber von Schmuckgegenständen. 
Dieselben bestehen meistens ans Ringen, Armspangen und Hals- 
ketten, wovon erstere aus Metall, letztere dagegen aus an einander 
gereihten Muscheln bestehen. Manche Person ist mit dergleichen 
Zierrath förmlich überladen. Dazu kommen noch verschiedenartige 
Amulette von Holz- und Hornstückchen, Wurzeln, Zähnen und anderen 
Dingen, ohne welche man selten einem Individuum begegnet. Ein 
sehr beliebter Schmuck sind die Haare des Ochseuschwauzes, welche 
in der Regel am Knie befestigt werden, und über das Schienbein 
herabhängen. Das Haar wird mit Federn verschiedener Vögelarten 
aufgeputzt, unter deneu namentlich die Strauss- und die Pfauen- 
federn besonders hoch geschätzt werden. Bei einigen Stämmen 
besteht auch die Sitte, die oberen Körpertheile (Rücken, Brust, Arme) 
mit Einschnitten zu yersehen (vergl. die Sitte des Negers und des 
Papua) und diese mit Asche einzureiben, Avodurch das ganze Aussehen 
etwas Wildes und Unheimliches bekommt. Die Ohren Averden ge- 
wöhnlich in den jungen Jahren durchbohrt und Holzstückcheu durch- 
gezogen. In späterer Zeit, nachdem die Oeffnungen sich hinlänglich 
erweitert haben, steckt man Elfenbeinstücke und anderen Zierrath 
hinein, die Männer aber lieben es besonders, ihre Schnupftabak- 
dosen — ausgehöhlte Rohrstücke — hier aufzubewahren. 

Die Füsse bleiben unbedeckt; nur die Männer pflegen bei 
weiteren Reisen Sandalen anzulegen, welche aus dickem Leder be- 
stehen und mittelst Riemen am Fusse befestigt werden. 



155 

Die Wobüungen der Kaft'eru bestehen aus einem Complex von 
mehreren Hütten, mit einer Umzäunung. Dieselben sind halbkngel- 
förmig aus Flechtwerk aufgerichtet, mit zwei bis vier Stützen in der 
Mitte, und mit Gras bedeckt, so dass sie grossen Bienenkörben 
nicht unähnlich sehen.*) Ihre Höhe beträgt in der Mitte sechs Fuss, 
ihr Durchmesser zwölf bis fünfzehn Fuss. Unten befindet sich ein 
Eingang von etwa zwei Fuss Höhe, und einem und einen hallten 
Fuss Breite, der zugleich als Fenster dient. 

Diese Hütten, welche zur Wohnung des Mannes, seiner Frauen 
und Angehörigen dienen, sind im Kreise aufgebaut. Um dieselben, 
im Abstände von etwa fünf Fuss, läuft die Umzäunung, innerhalb 
welcher Nachts die Kühe und übrigen Hausthiere untergebracht 
werden. 

Der Boden der Hütte besteht aus festgestampftem Lehm, 
wozu man in der Regel die Ameisenhügel verwendet. Derselbe wird 
mit Kuhdünger reichlich bestrichen und dieser eigeuthümliche Ueber- 
zug in gewissen Zeiträumen wieder erneuert. Beim Mittelpfosten 
gegen den Eingang zu befindet sich der Feuerplatz, ein in die Erde 
gegrabenes Loch, um welches ein Rand aus Lehm herumläuft. An 
dem Rande der Hütte werden die verschiedenen Utensilien auf- 
gestellt, wie Töpfe. Kalebassen, Steine zum Mahlen des Kornes, 
Schlafmatten, Feuerholz u. a. 

Bei der Anlage seiner Wohnung sieht der Kafter vor allem 
darauf, dass das Regenwasser gehörigen Abfluss habe. Er wählt 
daher gerne einen sanften Hügel dazu aus, um da sein Getreide 
sicher in Erdlöchern aufbewahren zu können. Doch muss der Ort 
frei von Stürmen sein und in seiner Nähe fruchtbarer Boden zum 
Anbau einiger Cerealien und zur Viehweide, sowie hinreichendes 
Wasser sich befinden. 

Die zur Aufbewahrung des Getreides bestimmten Erdlöcher 
befinden sich in der Mitce des Hüttencomplexes. Sie haben einen 
etwa einen und einen halben Fuss breiten und zwei Fuss langen 
Eingang, so dass ein Mann durchschlüpfen kann, und einen nach 
allen Richtungen gleich weit ausgehölten, mit Kuhmist bestrichenen 
Bauch , so dass sie dem Lmern einer Flasche gleichen. Das für 
den Vorrath bestimmte Korn wird hineingeschüttet und mit Steinen, 
Kuhmist und Erde zugedeckt. 



*) Vergl. die Abbildung bei Fritsch , Drei Jalire in Süd-Afrika, S. 34. 



156 

Dasjenige Korn, welelies für den täglichen Gebrauch dient 
wird in grossen eiförmigen Körben oder in kleineu, taubenhaus- 
ähnlichen Hütten aufbewahrt. 

Zum Baue des Hauses muss nach den einheimischen Gesetzen 
die Erlaubniss vom Häuptlinge eingeholt werden. 

Der vorzüglichste Keichthum der Kafferu sind ihre Rinder- 
herden, ihre liebste Beschäftigung die Milchwirthschaft. Diese wird 
ausschliesslich von den Männern geübt, während die Bebauung des 
Landes dem Weibe zufällt. Auf die Vermehrung seiner Rinderherden 
denkt der Katter bei Tag und bei Nacht ; alles übrige Besitzthum 
wird in Kühe umgesetzt, mit Kühen wird alles Kostbare, ja selbst 
auch das AVeib gekauft. 

Die hauptsächlichste Nahrung des Kaftern besteht aus der 
geronnenen Milch. Man füllt zu diesem Behufe die süsse Milch 
in eine grosse Kalebasse, wo sie mit saurer Milch versetzt und 
stehen gelassen wird. Nach einiger Zeit schöpft man die Molken 
ab, welche den Kindern zur Nahrung dienen, und setzt die übrig- 
gebliebeue dicke, säuerliche Substanz entweder allein, oder mit Mais- 
grütze vermengt als Speise vor. 

Von den Feldfrüchten Averden besonders das Kafterkorn (Sorghum 
saccharatum) und der Mais angebaut; man wählt dazu gewöhnlich 
einen in der Nähe der Hütte gelegenen frachtbaren Platz. Zuerst 
wird alles Strauchwerk und Gras verbrannt, dann der Samen aus- 
gesäet, und durch Umgraben der Erde mit einem Pflocke in dieselbe 
versenkt. Ausser diesen beiden Feldfrüchten sind Kürbisse, Rüben 
und verschiedene Knollengewächse eine beliebte Nahrung. Fleisch 
wird selten, fast nur bei festlichen Gelegenheiten gegessen. 

Die Speisen werden in Töpfen aus gebranntem Lehm gekocht, 
welche auf einer Unterlage von drei Steinen ruhen. Ein zweiter um- 
gestürzter und mit dem Rande eng angelegter Topf dient als Deckel 
Die Fugen werden mit Kuhmist verstrichen. 

Das Mahl wird auf eine auf dem Boden ausgebreitete Matte 
gelegt und hockend eingenommen. Dabei fehlt niemals ein riesiges 
Trinkgefäss voll Bier aus Kafferkoru, wozu man entweder einen 
irdenen Topf oder einen dicht geflochtenen ausgepichten Korb ver- 
wendet. 

Der Kafier hält in der Regel täglich eine einzig Mahlzeit und 
zwar gegen Abend, etwa eine Stunde vor dem Schlafengehen. 
Während des Tages wird ausser Milch selten etwas genossen. 



157 

Bemerkenswerth ist die Scheu des Kaflfeni vor dem Genüsse 
eiir/elner Tliiere. So wird das Fleisch des zahmen Scliweines nicht 
geuosseu, während man jenes des wilden geuiesst. 

Auch die von Hühnern gelegten Eier gehören beim Kafter in 
diese Gattung von Speisen, während sie von den Völkern des Innern 
geschätzt werden. Eltenso wird das ElephantenHcisch nicht 
genossen, indem das Thior, nach der Ansicht des Kaft'ern, Avegen 
seiner Klugheit dem Menschen zu nahe steht. Bekanntlich stehen 
mehrere Stämme des Innern nicht an , von dem Fleische des 
Elephauten sich zu nähren. 

Während dem Weibe die Besorgung des Feldes und die Be- 
reitung der Speisen zufallen, gehört ausser der Milchwirthschaft die 
Verfertigung der Kleider und Geräthe zu den Obliegenheiten des 
Mannes. Die Kleider werden in der Regel aus Fellen verfertigt, 
die Töpfe aus Thon, die Körbe aus Baumzweigen, die Schneidc- 
geräthe und Waffen aus Eisen. Das letztere wird von den Kaffern 
selbst gegraben und geschmolzen. Obwohl den Schmieden nur sehr 
unvollkommene Werkzeuge zu Gebote stehen, sind die von ihnen ge- 
fertigten Geräthe und Waffen sehr dauerhaft und zweckmässig 
gearbeitet. 

unter den Waffen stehen obenan die Lanze, der Wurfspiess, 
die Keule und die Hacke. Bogen und Pfeil kommen bei den Kaffer- 
völkern in der Regel nicht vor. — Das hauptsächlichste Feld- 
geräth ist ein zehn bis zwölf Pfund schwerer eiserner Spiess zum 
Umgraben und Zertrümmern der Erdklösse. 

Zu jenen Luxusgegenständeu, welche bei keinem Katfer fehlen, 
gehören die Schnupftabakdose und Pfeife. Die erstere besteht ent- 
weder in einem Ochsenhorn oder einem kleinen Kürbis, meistens 
aber in einem ausgehöhlten Rohrstücke. Das Ochsenhorn wird in der 
Regel an einer um den Hals befestigten Schnur, der Kürbis in einem 
kleinen Säckchen am Gürtel getragen, das Rohr aber allgemein durch 
die durchbohrten Ohrläppchen gezogen. 

Ein steter Begleiter der Dose ist ein kleines Löffelchen aus 
Elfenbein, mit welchem der Kaflfer den Schnupftabak in die 
Nase einführt. Dieses wird entweder gleich der Dose im anderen 
Ohrläppchen untergebracht oder unter den Haarring am Kopfe ein- 
gesteckt. Gewöhnlich hört der Kaffer mit dem Einführen des Tabaks 
in die Xase nicht eher auf, als bis den Augen reichliche Thränen 
entfliessen; dann hat sein Wohlbehagen den höchsten Grad erreicht. 



158 

Die Pfeife besteht in einem ivdeneu kugelförmigen Gefässe 
mit einer unten befindlichen Oeffnuug, in welche ein Rohr eingesetzt 
wird. Dieses Rohr steht mit einem langen Antilopenhorn in Ver- 
bindung, durch welches man den Rauch einzieht. Gewöhnlich rauchen 
an einer solchen Pfeife mehrere Individuen. Das Gefäss wird mit 
den Tabakblättern und einem Beisatz von dem betäubenden Samen 
des wilden Hanfes gefüllt, angezündet und in der Runde so lange 
herumgereicht, bis es vollständig ausgeraucht ist. 

Bei der Bereitung des Schnupftabaks werden die Blätter ge- 
trocknet, zerrieben und schliesslich — um ihnen eine grössere Schärfe 
zu verleihen — mit der Asche der Aloeblätter versetzt. 

Im ehelichen Leben des Kaifern herrscht die Polygamie. Der 
Mann nimmt sich in der Regel so viele Frauen, als er zu kaufen 
im Stande ist. Die Verheirathung des Mannes ist jedoch, gleich 
dem Baue eines Hauses, in jenen Districten, wo mächtige Häupt- 
linge herrschen, nicht allein von seinem eigenen Willen abhängig, 
sondern weit melir von der Erlaubniss des Häuptlings. Dies hat 
seineu Grund in der militärischen Disciplin, nach welcher der Stamm 
organisirt ist, wonach alle nnverheiratheten Männer zum Waffendienste 
und zur Heerfolge verpflichtet sind. 

Erst nachdem dieselben durch eine Reihe von Jahren ihrer 
Pflicht Genüge gethan und ihr ermüdeter Körper nach Rulie sich 
sehnt, wird ihnen vom Häuptlinge gestattet, sich einen festen Wohn- 
sitz zu gründen und ein Weib zu nehmen. 

Bei Schliessung der Ehe wird das Mädchen um seine Neigung 
und seinen Willen gar nicht befragt, sondern man wendet sich ein- 
fach an ihren Vater, welcher für sie den Preis, der stets in Kühen 
gezahlt wird, bestimmt. In dieser Sitte, wonach das Mädchen 
gleich einer Waare taxirt und bezahlt wird, *) sielit dieses gar nichts 



*) Zur Illustration der Ehe mag die folgende Schilderung aus Kay's 
Travels and researches in Caffraria, New-York 1834, pag. 166, dienen: „Der 
Häuptling der Umzi, der nahe an 60 Jahre alt zu sein schien, war eben daran, 
ein "Weib zur Anzahl derjenigen, welche er bereits besass, hinzuzufügen. Nachdem 
er seine Vorschläge an die Eltern gemacht und einen Preis für deren Tochter 
angeboten hatte, wurde dieselbe an den Ort seines Aufenthaltes von einer An- 
zahl von Freundinnen und Anverwandten geleitet, geschmückt mit Decken und 
anderem Zierrath, wie es die Sitte erheischt, wie „eine Braut geziert für ihren 
Bräutigam". Nachdem sie jedoch angekommen, blickte der alte Mann auf sie 
mit der grössten Kühle und Gleichgiltigkcit, und in einem mürrischen Tone 
begann er die Zahl der herrlichen lÜnder aufzuzählen, welche er zu zahlen 



159 

Entwürdigeudes, soudeni rühmt sich im Gegentheile des für sie 
bezahlten Preises. Ja sie würde, wenn man sie ohne einen Preis 
hingeben sollte, die Ehe für gar nicht geschlossen erachten, wie 
auch umgekehrt der Mann ein Mädchen ohne Zaliluug des Preises 
nimmermehr zur Frau annehmen möchte. 

Da bei der Bewerbung nicht Jugend , Schönheit oder andere 
körperliche Eigenschaften entscheiden, sondern nur der grössere oder 
geringere lieichthum an Kühen, so ereignet es sich mehr als ein- 
mal, dass ein älterer, bereits selbständiger Mann Gehör findet, 
während der jüngere, von seinem Vater noch abhängige, mit seiner 
Bewerbung durchfällt. Denn da das Weib als rüstige Arbeiterin 
und Gebärerin der Kinder nur das Einkommen des Mannes ver- 
mehrt und seinen Staat vergrössert, dieses aber nur mit Kühen 
erkauft werden kann, so sucht jeder Familienvater, welcher Töchter 
besitzt, so viel Kühe als möglich aus den Verbeirathungen derselben 
herauszuschlagen, um sich dann selbst wieder eine neue Frau kaufen 
zu köuueu. 

In gewissen Fällen, wenn z. B. mehrere Bewerber gleichzeitig 
sich einfinden, welche gleiche Anerbietungen machen, oder wenn der 
Vater seiner Tochter eine Stimme in Betreff der Wahl zuerkennt, 
greift der Liebhaber zu Zaubermitteln, um sich die Neigung seiner 
Erkorenen zu sichern. Diese bestehen in gepulverten Kräutern, 
Wurzeln und ähnlichen Dingen, auf welche nur die Phantasie der 
Verliebten zu verfallen vermag. Sie werden dann von einem guten 
Freunde in Empfang genommen und der Geliebten in die Kleider 
gestreut oder irgendwie beigebracht. 

Ist man beiderseits übereingekommen, so werden die Anstalten 
zum Hochzeitsfeste alsogleich getroffen. Die Braut wird von ihren 
Verwandten abgeholt und in das Haus des Bräutigams geführt. 
Dabei legen alle Theilnehmer am Feste ihren Schmuck an und 
zieren sich mit Federn und Ochsenschwänzen. 

Im Hause des Bräutigams augekommen, vertheilt die Braut 
verschiedene Schmuckgegenstände unter die Anwesenden , und ihr 
Vater scblachtet zwei Kinder, das eine für die Seelen der abgeschie- 
denen Vorfahren, um deren Beistand und Segen auf das Haus seiner 
Tochter herabzurufen, das andere für den Bräutigam, um iiim einen 



hatte, wenn er sie behielt. Nach langem Zögern und einer ernsten Ueber- 
legung, ob das Weib wirklich so vieler Rinder werth sei, befahl er endlich, eine 
Hütte für deren Empfang herzurichten. ■ 



160 

Ersatz für die als Preis seiuer jungen Frau ausgegebenen Rinder 
zu bieten. 

Hierauf beginnen die Braut und deren Gespielinnen einen 
Tanz aufzuführen, während die Mutter und deren Mitfrauen in dem 
Lobe der jungen Neuvermählten sich ergehen und deren Keize und 
Geschicklichkeiten preisen. Es wird dann ein Rind von Seite des 
Bräutigams geschlachtet und ein solenner Schmaus veranstaltet. 
Zum Schlüsse macht der Bräutigam seiner Schwiegermutter ein 
Thier zum Geschenke, welches ebenfalls geschlachtet und von den 
Hochzeitsgästen verspeist wird. 

In Betreff der Keuschheit, namentlich der Frauen, lauten die 
Urtheile der Reisenden und Missionäre verschieden. 

Während die einen sie als Muster in dieser Richtung darstellen, 
können die anderen sich nicht genug über die Liederlichkeit und 
Ausgelassenheit derselben beklagen. OflTenbar wäre es unbillig, an 
Naturmenschen, deren Kleidung kaum die Schamtheile bedeckt, und 
deren Cultur-Entwicklung auf einer so niedrigen Stufe sich befindet, 
jenen Massstab anzulegen, mit dem wir uns zu messen gewohnt 
sind. Trotzdem stossen wir auf Züge, welche darthun, dass das edlere 
Schamgefühl ihnen fast ganz fremd ist. So berichtet Kay: Travels 
and researches in Caffraria, pag. 141: ,If a young womau should 
be asked if she is married, not content with giving the simple 
negative, she usually throws open her cloak, which generally con- 
stitutes her almost only covering." Auch die milde Behandlung 
der Ehebrecher ist bemerkenswerth. Gewöhnlich wird der Ehebruch 
mit einigen Kühen gesühnt, und es geschieht oft, dass der beleidigte 
Ehemann über den ihm gewordenen materiellen Gewinn sich freut 
und mit dem Manne, welcher sein Bett geschändet, später ganz 
freundschaftlich verkehrt. 

Linerhalb der Familie ist der Hausvater das Oberhaupt, welchem 
die Frauen und Kinder unbedingt gehorchen. In weiterer Folge 
stehen die Oberhäupter der Familien unter dem Districtsoberhaupte, 
die Districtsoberhäupter unter dem Häuptlinge des Stammes. Da- 
durch steht jedes Mitglied eines Stammes vom Districtoberhaupte 
abwärts in einer gewissen Bevormundung und darf nur mit Erlaubniss 
seines Vorgesetzten etwas Wichtiges unternehmen. Umgekehrt muss 
jedes Mitglied für ein ZAveites in jeder Beziehung solidarisch ein- 
stehen und ist für dasselbe verantwortlich. Dadurch soll das Ge- 
fühl der Zusammeno-ehörio:keit rege erhalten und die Ansicht, der 



161 

Stamm sei niclits amloros als eine grosse Familie, mit dem Häupt- 
ling als Vater an der Spitze, praktisch durchgefiilirt werden. 

Von dieser Ansicht ist auch das Erbrecht der KafTern durch- 
drungen. Stirbt nämlich ein ]\lann, so ist der älteste Sohn sein 
natürlicher Erbe, dem sich alle Mitglieder der Familie unterordnen 
müssen; ist kein Sohn da, so erbt der Vater des Mannes; ist der 
Vater gestorben, so erbt der Bruder; ist kein Bruder vorhanden, 
so geht die Erbschaft an den nächsten Verwandten und in Abwesen- 
heit eines solchen zuletzt an den Häuptling über. 

Der Häuptling ist innerhalb seines Stammes unumschränkter 
Herr, dessen Wort dem Gesetze gleich geachtet wird. Jedoch muss 
er mit den bestehenden Satzungen und Gewohnheiten so wie mit 
den Anschauungen seiner Unterhäuptlinge und des ganzen Volkes 
in Uebereinstimmung sich befinden, widrigenfalls es geschehen könnte, 
dass ihm der Gehorsam verweigert wird. Er geniesst daher inner- 
halb seines Stammes dasselbe Ansehen, welches dem Hausvater 
innerhalb seiner Familie gezollt wird. Dafür hat er aber gegen- 
über demselben gleiche Verpflichtungen. Er muss über die Sicher- 
heit seines Stammes wachen und für das Gedeihen desselben Sorge 
tragen. Him liegt es ob, in schwierigen Kechts-Fällen zu entscheiden*) 
und die gewonnene Beute unter die Krieger zu vertheilen. Im 
äusseren Auftreten unterscheidet sich der Häuptling durch nichts 
von den übrigen Stammesgenossen; er bewohnt dieselbe ärmliche 
Wohnung, trägt dieselben Kleider und verrichtet dieselben Geschäfte 
wie jeder Mann aus dem Volke. 

Bei begangenen Verbrechen ist in der Regel die ganze Familie 
für die Unthat irgend eines ihrer MitQ-lieder verantwortlich. Auf 



*) Die Art und Weise, wie schwievigeve Eechtsfälle geschlichtet werden. 
illustrirt folgender Vorfall bei Kay, Travels and researches in Caifraria, pag. 139: 
,a calf in its way to the world . or, in other words, -when but half-delivered. 
was killed by a dog. The case was brought before the king, and a defeuce set 
tp on tlie ground that the animal destroyed never belonged to the plaintiff, 
and could no niore be considered as a part of bis herd than a calf to be born 
twelve years hence. Neither the judge nor any of bis eiders could recollect a case 
in point; and hesitating to establish a precedent evcn in so simple an affair, 
he despatched messengers to all the other chiefs for advice upon the subject. 
Each of thein called together the old nien of their respoctive tribes , and dc- 
manded their opinion ; and all send back a rej)ly stating, that a similar case 
had never. to their knowledge. been discussed before. The king then ordered 
the matter to lie over until his doubts should be removed; and with tliis 
resolution both parties are perfectly satisfied." 

Müller, Allf.'. Etlin'.Tr:in"iip. 11 



1G2 

die meisten derselben ist eine Sülme gesetzt, welche in einer An- 
zahl von Kühen besteht: in den seltensten Fällen — nur dann, 
wenn der Missethäter auf frischer That ertappt wird — verhängt 
man über ihn die Todesstrafe. Dies gilt unter den freien Stämmen 
besonders vom Diebstahl, welcher in den Tagen des wilden Zulu- 
Eroberers Tschaka regelmässig mit dem Tode bestraft wurde. 

Diesen strengen Gesetzen vor allem andern entspringt die 
Ehrlichkeit der freien Kafterstämme. Alle Missionäre , welche sich 
unter ihnen niedergelassen haben, versichern, dass ihnen selten etwas 
von den Eingeborenen gestohlen wurde, während bekanntlich die 
unter den Negern und Südsee-Insulauern stationirten Sendboten über 
den diebischen Hang derselben sich nicht genug beklagen können. 
Diese Ehrlichkeit, welche auch jetzt immer gegen Stammesgenossen 
geübt wird, erleidet dort, wo Colonien fremder Ansiedler sich 
finden, bedeutende Ausnahmen. Oft nämlich lässt ein junger Mann, 
der kein Vermögen besitzt und doch gerne heirathen möchte, sich 
hinreisseu den Hof des Colonisteu zu beschleichen und ihm eine 
Anzahl von Kühen zu entführen. In der That sind auch die Kaffern 
in diesen Gegenden als äusserst geschickte Kinderdiebe berüchtigt. 

Der Wunsch nach Einderbesitz erfüllt ganz den Sinn des 
Kattern und bei Tag und bei Nacht sinnt er auf Mittel, seinen 
Viehstand zu vermehren. Ihm opfert er alle anderen Lebensbedürfnisse 
und kaum wird er, in den Besitz von Geld gelangt, sich herbeilassen, 
irgend ein Kleidungsstück oder Geräth anzuschaffen, wenn er es noch 
so nothwendig brauchen sollte. Aller Erwerb wird zusammen- 
gescharrt und in Kühe umgesetzt. Diese Boomanie macht aus dem 
von Natur gastfreundlichen Kaffer einen argen Knauser, der Jeder- 
mann von Armuth und Mangel vorjammert, damit er ja nicht um 
irgend etwas angesprochen werde. 

Im Umgange ist der Kaffer leutselig, gesprächig und voll von 
Schmeicheleien. Dabei aber versteht er es ein gewisses Selbst- 
bewusstsein zu behaupten und ist, wenn dieses verletzt worden, auch 
alsogleich zum Streite bereit. Dieser Streit artet gewöhnlich in 
grobe Thätlichkeiten aus, so dass beide Theile schliesslich mit 
blutigen Köpfen heimziehen. Aber die ganze Angelegenheit hat 
damit auch ihr Ende erreicht; nie wird dem Feinde der unliebsame 
Handel nachgetragen oder derselbe auch nur durch eine finstere 
Miene mehr daran erinnert. 

Die Sorglosigkeit des Kaffern, in welcher er um den morgigen 
Tag sich niclit viel kümmert, entspringt nicht so sehr, wie beim 



loa 

Neger, einer aiigehurciieii iiidoleiiz, sondern einem gewissen Selbst- 
liewusstsein. einem Adel der Seele, welcher es eines Mannes für un- 
würdig hält, sieh mit täglichen Dingen viel abzngeben. Seine liebste 
Beschäftigung nach der Besorgung der Milch wirthscliaft ist es 
mit mehreren Freunden zusammenzukommen und bei einem Sclmupf- 
und Hauchgelage in ungezwungener Frölilichkeit zu schwätzen. 
Diese Unterhaltung dreht sich iu der Regel um die Viehlieerden. 
um Stammesangelegeuheiten, ja selbst um Gegenstände der äusseren 
Politik.*) 

Der Kafter ist überhaupt, im strictesten Gegensatze zum Neger, 
keine leichtgläubige sondern mehr sceptische Natur. 

Er hat viel Beobachtungsgabe, und weiss allem, was mit seinem 

Aberglauben- nicht verbunden ist und mit der täglichen Erfahrung 

nicht übereinstimmt, gewichtige Zweifel entgegenzustellen. Nicht 

mit ünreclit haben die unter den Kafferstämmen stationirten Missionäre 

über die Kreuz- und Querfragen ihrer Schüler sich verwundert und 

es ist hinlänglich bekannt, dass au den Zweifeln Colenso's in Betreif 

der fünf Bücher Mosis sein eingeborener Zulu-Gehilfe beim Ueber- 

setzen derselben einen nicht unwesentlichen Antheil gehabt hat.**) 

Die Gastfreundschaft des Kaffern gegen seine Stammesgenosseu 

ist eine Folge der socialen Einrichtungen und der Bescliaffenheit 

des Landes. Sie wird thatsächlich in der umfassendsten Weise 

geübt und Niemand, der auf eine Reise sich begibt, nimmt irgend 

welchen Proviant mit sicli. da er gewiss ist in jedem Hause freie 

Unterkunft zu rinden. 

Eine weitere Folge der socialen Einrichtungen ist die Sympathie, 
welche jeder Katfer seinem Stammesgenossen entgegenbringt. Diese 
zeigt sich besonders in Unglücksfällen, wie Krankheiten, Brand oder 
Beraubung. Sobald es bekannt wird, dass irgend Jemandem der- 
gleichen zugestosseu, strömen aus Nah und Fern die Freunde herbei. 
um den Unglücklichen zu trösten und mit ihm zu trauern. 

Der Kaller ist ein unerschrockener und bis zur Todesverachtung 
tapferer Krieger. Dabei aber artet seine Tapferkeit selten in Bar- 
barei aus, wie beim Malayen und Amerikaner; er weis im tapferen 
Feinde auch den Menschen zu achten. Der Feind wird nie über- 
fall^i und mit Hinterlist bekriegt, sondern der Krieg wird stets 
voriier angekündigt. Dieser gilt auch nicht so sehr dem Leben des 

*) Vergl. Waitz. Anthropologie der Xaturvöll^er II, S 408. 
*"j Vergl. auch Waitz. Aiithropylogie der Naturvölker IJ. S. 107 il". 

11' 



164 

Feindes als seinen ßesitztliümern, daher wird der wehrlos gefangene- 
Feind auch nach geschlossenem Frieden wieder freigelassen.*) 

Im Gegensatz zu dieser Xlnerschrockenheit steht die Scheu des 
Kaflfern vor dem Wasser. Er versteht das Schwimmen in der Kegel 
gar nicht und ist mit der Schifffahrt vollkommen unbekannt. Daher 
weiss er auch aus den Producten des Wassers keinen Nutzen zu 
ziehen, obwohl in vielen Gegenden der Fischfang zum Wohlstaude- 
der Bevölkerung nicht unwesentlich beitragen könnte. Dieser Um- 
stand hat seinen Grund einerseits in dem Mangel grösserer ruhiger 
Flüsse, andererseits in der grossen Vorliebe für Viehzucht, welche- 
mit dem Fischfange sich nicht gut vereinigen lässt. 

Was den religiösen Glauben der Kafifern betrifft, so ruht er 
auf sehr unsicheren Grundlagen. Es ist sehr zweifelhaft, ob ihnen 
die Idee eines ewigen , freien und allmäclitigen Wesens überhaupt 
bekannt ist, in der Sprache wenigstens lässt sich keine Spur eines 
solchen entdecken. Dagegen werden wie bei anderen Naturvölkern 
die Seelen der Abgeschiedenen verehrt und wird ihnen eine grosse 
Macht über die Angelegenheiten ihrer lebenden Stammgenossen zu- 
geschrieben. Es werden daher oft ihnen zu Ehren Thiere geschlachtet 
und davon die Galle als besonders wirksam angesehen. Man be- 
spritzt mit ihr die Anwesenden und lässt sie von derselben etwas 
trinken. Die Gallenblase gilt als ein selir wirksames Amulet; sie 
wird daher oft auf dem Kopfe oder am Arme getragen. 

Gegen die Anfechtungen der bösen Geister bedient man sieb 
verschiedener Amulete, welche aus Wurzeln, Holz- und Beinstück- 
cheii, sowie Hörnern, Klauen, Haaren und anderen Dingen bestehen. 
Je wirksamer die Pflanze, je wilder das Thier, denen das Amulet 
entnommen ist, für desto kräftiger wird dasselbe gehalten. Man 
begegnet oft Individuen, welche mit dergleichen Amuleten förmlich 
behängt sind. Der Glaube an ihre Kraft und Wirksamkeit ist so 
tief eingewurzelt, dass der Kaffer, wenn er auch zum christlichen 
Missionär Vertrauen gefasst hat und rationelle Mittel gegen Krank- 
heiten von ihm annimmt, sich dennoch nicht enthalten kann, nebenbei 
sein Amulet zu tragen und etwas davon mit der Mediciu einzunehmen. 



*) Anders über den Cliaraktcr der Kaft'crn urtlieilt Fritscli (Drei Jahre 
in Süd-Afrika, S. 142), der die KalFor-Kasse die feigste und blutdürstigste nennt, 
die es auf Erden gibt. Offenbar hatte er die mit den Weissen verkehrendeu 
corruujiiirten Kaffer-Individuen vor Augen. 



1G5 

Die Piiostor, ^velche iiucli — wie anderwärts bei Natur- 
völkern — Wunderdoetoren sind, heissen Izi-nyanga (Singular 
I-nyaiigaX Der Ausdruck bedeutet, gleich dem polyuesisclien Toluiuga, 
ursprünglich einen Meister, der irgend ein Handwerk versteht, z.B. 
einen Korbliechter, Schmied, Gerber u. a. Speciell bezeichnet man 
damit zunächst einen Wunderdoctor, sowohl fürs Vieh als für Men- 
schen, und dann einen Zauberer, der es versteht mit übernatürlichen 
Wesen zu verkehren. 

Neben den Zauberpriestern kommen im Norden, namentlich im 
Innern des Contineuts, wo der liegen sparsam fällt, die Eegen- 
macher zahlreich vor und stehen beim Volk im grössten Ausehen. 
In der Regel widerfahrt auch den christlichen Missionären die Ehre, 
für solche Regenmacher gehalten zu werden. 

Wenn Jemand krank ist, so schickt er nach dem Wunder- 
iloctor, welcher nur nach weitläufigen Ceremonien zur Cur schreitet. 
Diese besteht theils im Auflegen eines Amuletes und im Hersagen 
von Zaubersprüchen, theils auch im Darreichen von Arzeneimitteln. 

Ist Jemand gestorben, so beginnen seine Freunde und An- 
gehörigen zu klagen und mit ringenden Händen umherzulaufen. 
Dabei schlagen sie sich auf die Brust und aufs Haupt. Noch an 
•demselben Tage wird der Todte bestattet. Man gräbt zu diesem 
Behufe innerhalb der Umzäunung oder in der Nähe derselben ein 
Grab und setzt den Leichnam in hockender Stellung, umgeben von 
seinen schönsten Kleidungsstücken und Walfeu hinein.*) Darauf 
wird das Grab mit Steinen zugedeckt und in der Regel eine Dorn- 
hecke auf demselben gepflanzt, um es vor der Entweihung durch 
wilde Thiere zu schützen. Oft wird das Grab noch obendrein mit 
Hörnern verziert. Bei mehreren Stämmen des Innern werden die 
Leichen ärmerer Leute ausgesetzt, um von den Hyänen aufgefressen 
zu werden. 

Bei einigen Stämmen ist es Sitte, den Kranken, sobald man 
seinen Tod befürchtet, aus der Umzäunung an einen abgelegeneu 
Ort zu schatten, damit das Haus und die Inwohner desselben durch 
«inen Todten nicht verunreinigt werden. Dort wird der Kranke so 
lange gelassen, bis er gestorben ist oder Hotfnung auf seine Besserung 
eintritt. Im letzteren Falle schleppt mau ihn wieder in seine Hütte 
zurück, wo er mit Mundvorrath versehen und dann grösstentheils 
sich selbst überlassen wird. 



*•) Vergl. daü Zulugrab bei Fritsch : Drei J^hre in Süd-Afrika, S. 216. 



1(36 

Nacli dem Tode wird der Mensch nach der geuöbuliehen An- 
sicht der Kafiern zu einem Geiste. Er wohnt als solcher in der 
Unterwelt und kommt da mit seinen Vorfahren und Freunden Zu- 
sammen. P]r findet dort dieselben Dinge, wie hier auf der Oberwelt, 
Häuser, Kühe, Schafe und andere Thiere, aber alle sind viel kleiner. 
Auch der Mensch wird dort in eine Art Zwerg umgewandelt. 

Nach einer anderen Ansicht verwandelt sich der Mensch, 
nachdem er gestorben ist, in ein Tbier. am liebsten in eine Schlange. 
Nur tapfere Häuptlinge werden in Löwen oder Elephanten ver- 
wandelt. Wenn daher eines dieser Thiere einem Hofe naht, ohne 
Jemandem etwas zu Leide zu thun, so wird es von den Bewohnern 
mit einer gewissen Pietät betrachtet, und man sagt dann, der da- 
hingegangene Freund sei gekommen, um die Seinigen zu besuchen. 
Ein gleicjies Schwanken wie über das künftige Leben des 
Menschen herrscht auch über den Ursprung desselben. Nach einer 
Tradition war es Un-kulunkulu, „der Grosse", welcher die Menschen 
geschaften hat, nach einer anderen dagegen Um-veliqangi, „der 
Schöpfer", nach einer dritten waren Un-kulunkulu der Mann und 
Um-veliqaugi das Weib, welche das menschliche Gesclilecht gezeugt 
haben. Sie irrten nach ihrer Entstehung aus einem Rohre lange 
Zeit umher, bis sie in einen Garten kamen, wo mannigfache Früchte 
wuchsen. Dort asseu sie und zeugten Kinder . welche sich nach 
und nach gewaltig vermehrten. 

S j) r a c h e. 

Die Sprachen der Kaft'er-Kasse bilden einen Sprachstaram, 
den man mit dem Ausdrucke Bantu-Sprachen bezeichnet. Derselbe 
erstreckt sich, mit xVusschluss der Hotteutoteu- und Buschmann- 
Sprachen, über ganz Süd-Afrika vom Oap der guten Hoffnung bis 
bis zum 5 oder G*^ nördl. Breite. Alle diese Sprachen hängen unter 
einander auf das innigste zusammen, etwa so wie die indogermanischen 
oder die semitischen Sprachen und sind als Abkömmlinge einer 
nunmehr nicht existirenden , in ihnen aufgegangenen Urprache zu 
betrachten. Sie hängen als solche mit keinem Sprachstarame weder 
Afrikas, noch Asiens zusammen, ol »gleich sich gewisse Anklänge an 
die hamitisclien Sprachen nicht verkennen lassen. 

Das Laut-Inventar dieser Sprachen ist reichhaltig. Es umfasst 
an Vocalen fünf, nämlicli a, i, u, e, o, an Consonauten sieben und 
zwanzig, nämlich: k, g, ch, h, ng, tsch, dsch, scb, y, 1, ny, t, d, s, 
ts, z, r, rr, u, p, b, f, w, m, py, by, my. Alle Consonauten kommen 



1(37 

in keiner einzelnen SpvaelK? vor, dagegen linden sich in einzelnen 
Dialekten noch drei eiu-enthümliche Laute, welche Schnal/.en gleichen 
und welche wir bei Gelegenheit der Betrachtung der Hottentuten- 
Sprache bereits erwähnt haben. 

Die Formen sind im Allgemeinen wohlklingend gebaut. Sie 
lauten durchgehends vocaiisch aus; Consonantenhüufnngen, welche 
eine Sprache ranh und unmelodisch machen, linden sich in den 
Bantu-Sprachen nicht. 

Die Elemente der Sprach^ zerfallen in zwei Kategorien, erstens 
in solche, welche sinnfällige Anschauungen oder concrete Vorstel- 
lungen bezeichnen, und zweitens in solche, welche allgemeine Ver- 
hältnisse ausdrücken. Durch Verbindung der letzteren mit den 
ersteren werden die "Worte gebildet. 

Das Princip, wonach dieses stattfindet, ist das der Präfigirung. 
Es folgt daher nicht wie in unseren Sprachen die Beugung dem 
Wortstamme nach (z. B. Mensch, Mensch-en, Kind, Kind-er), sondern 
geht demselben voran. Z. H. : iu-komo, Kuh, izin-komo, Kühe, 
um-fana, Knabe, aba-fana, Knaben , ili-zwi W^ort , ama-zwi Worte. 
Daher stimmt auch das Beiwort mit dem Hauptworte nicht wie bei 
uns in der JEndung (z. B. bon-us serv-us, bou-a ancill-a, bon-um 
vin-um), sondern in der anlautenden Silbe übereiu, z. B. um-fana 
om-kulu, der grosse Knabe (statt um-fana a-um-kulu, der Knabe, 
welcher ein grosser), ili-zwi elikulu, das grosse Wort (statt ili-zwi 
a-ili-kulu, das Wort, welches ein grosses) ili-zwi 1-ami, mein Wort, 
izin-komo z-ami, meine Kühe, izin-komo z-aba-faua, die Ivühe der 
Knabf'u u. s. w. 

Das Zeitwort ist merkwürdig wegen seiner zahlreichen Formen, 
welche die verschiedeneu Modificationen der Handlung nicht nur 
mit Bezug auf das Subject, sondern auch in Bezug auf das Object 
ausdrücken. So bildet man von bona, sehen, das Causativum bon- 
isa zu sehen vernrsachen ^= zeigen, das Reciprocum bon-ana, ein- 
ander sehen, das Passivum uonwa gesehen werden. Durch Vereinigung^ 
der Exponenten dieser Formen entstehen eine Menge zusammen- 
gesetzter Bildungen, wie bonisisa, deutlich zeigen , bonisana, sicli 
gegenseitig zeigen, boniswa, verursachen gesehen zu werden, bonisiswo. 
verursachen deutlich gesehen zu werden. 

Die Modificationen erstrecken sich auch auf die vom Zeitwort 
.ausgehenden Substantivbildnngen. So heisst um-boni einer der sieht, 
um-bonisi ein Aufseher, isi-bono etwas was sich dem Gesichte dar- 
bietet, ein Object, isi-boniso eine Vision u. s. w. 



168 

Der Kaffer -weiss die Sprache mit ausserordentlicher Geschick- 
lichkeit zu handhaben. Seine Rede zeugt von natürlichem Mutter- 
witz und Nachdenken. In den Versammlungen der Kaffern werden 
kräftige Reden gehalten, die oft stundenlang dauern. Dabei wird 
der Redner nie von einem Andern unterbrochen, sondern Alles hört 
ihm aufmerksam zu. ^Var es eine Streitfrage, so wird seine Rede 
vom Gegner mit einer ebenso langen und nachdrücklichen Ent- 
gegnung l)eantwortet und alle Punkte derselben werden in gleicher 
Ordnung einer scliarfen Discussion unterzogen. 

Die Erzeugnisse des dichtenden Yolksgeistes sind bei den 
Kaft'ern nicht bedeutend. Ihre Lieder, mit denen sie sich die Zeit 
verkürzen, sind von geringem Umfange und bestehen in der Regel 
aus einem einzigen, in mehreren Variationen vorgetragenen Gedanken. 
Dagegen athmeu manche zu Ehren ihrer verstorbenen Häuptlinge 
verfassten Gesänge einen tiefen poetischen Geist und zeugen von 
Sinn für dichterische Formen. Neben Gesängen finden sich auch 
Fabeln. Räthsel. Mährchen u. a. Stücke erzählender Art. 



II. Abtlieiiiiiig. 

Soliliclitliaai-i«>'e Iriasseii. 

A. Straffliaarige. 

1. Australier.'"-) 

Wir begreifen unter diesem Ausdrucke die Aborigiuer des 
australischen Continents (Neu-Holland) sammt den Urbewohnern 
Tasmaniens (Vandiemensland), denen sich die Bewohner der um- 
liegenden kleinen Inseln (Melville-Iusel, Bathurst-Insel, Prinz Wales- 
Inseln u. a.) zugesellen. Alle diese duukelgefarbten Stämme sind 
sowohl von den kraushaarigen dunkeln Papuas als auch von den 
straffhaarigen olivengelben Malayo-Polynesiern scharf zu sondern 
und bilden einen besonderen Kassen-Typus, der sich in sehr frühen 



*) Die Quellen finden sich verzeichnet bei Waitz, Anthropologie der 
Naturvölker, Bd. VI. XIX. — Die treffliche Darstellung der Australier und 
Tasmanier von G. Gerland, S. 706 ff. desselben Werkes wurde von uns in um- 
fassender Weise benützt. Treffliche , unseren Gegenstand betreffende Arbeiten 
sind ferner: Oldfield, Aug., On the Aborigines of Australia (Journal of 
the ethnological society of London, New Series III, 215). Die Urbewohner 
Australiens (Globus XVIII, 225) mit Bezug auf Oldfield's Aufsatz; Oberländer, 
Die Eingeborenen der australischen Colonie Victoria (Globus IV, 238, 278); 
Major, R. H., Nativc Austnilian tradition.s (Journal of the ethnological society 
of London, New Series I, 349); Crawfurd, John, On the vegetable and 
animal food of the natives of Australia in reference to social position, with a 
comparison between the Australians and some other races of man {^n. a. 0. VI, 112), 
Aussterben der Eingeborenen von Australien (Globus IX, 318). Eine Abbildung des 
australischen Typus findet sich bei Pickering in ünited states exnloriiig expedition, 
vol. IX, Tafel 5. 



170 

Zeiten von den übrigen straffhaarigen Menschenrassen abgesondert 
und diesen Welttheil als sein Eigenthum in Besitz genommen hat. 

Sowohl anthropologisch als auch ethnographisch zerfällt die 
australische Kasse in zwei grosse Abtheilungeu, nämlich 1. Austra- 
lier im engeren Sinne und 2. Tasmanier. Leider ist der letztere 
Menschenschlag gegenwärtig ganz ausgestorben und sind wir in Be-. 
treff seiner blos auf die Nachrichten früherer Reisenden und einige 
Abbildungen desselben angewiesen.*) aber nichts desto weniger 
zeigen diese eine ziemlich starke Verschiedenlieit* desselben vom 
eigentlichen australischen, die namentlich in der Behaarung und in 
der Farbe der Haut hervortritt. Während nämlich der Australier 
durcbi langes straffes, in Folge mangelnder Pflege verfitztes und 
leicht sich kräuselndes Haar und durch eine braune bald lichtere, 
bald dunklere Hautfarbe sich auszeichnet, hatte der Tasmanier ein 
kurzes, mehr wolliges Haar und eine an Schwarz streifende Haut- 
farbe. Da aber in Betreff' der Sprache und mehrerer anderer 
ethnologisclier Momente ein tieferer Zusammenhang zwischen diesen 
beiden Typen bestanden zu haben scheint, so lässt sich diese Ab- 
weichung nur durch Annahme einer ehemaligen Mischung mit 
einer kraushaarigen , dunkeln Menschenvarietät genügend deuten. 
Wir steheii daher nicht an, den Tasmanier für einen Mischtypus 
zu erklären, hervorgegangen aus der Verbindung des straft'haarigen 
Australiers mit dem kraushaarigen Papua, worin jedoch der erstere 
gegen den letzteren ungleich bedeutender hervortrat. 

Diese Vermischung kann von Neu-Caledonieu aus stattgefunden 
haben, wo der Papua vor Einwanderung des Malayo-Polynesiers als 
Aborjginer betrachtet werden muss und dessen Entfernung von 
Tasmanien nicht so gross ist wie jene der Samoa-Gruppe von Neu- 
seeland oder der Sandwich-Inseln von ihrem Muttergebiete. 

Ueber die Wanderungen der australischen Rasse als solcher 
lässt sicli nichts Sicheres ermitteln, da sie einerseits als eine voll- 
kommen isolirte, keine Schichtungen, die auf alte Wanderungen 

*) Vergl. Waitz, Antliro})ologie der Naturvölker, Bd. VI, S. S17 tt".. 
Lebensweise und Ursprung der Tasmanier nach J. Bonwick (Globus XVII, 378); 
Das Aussterben der Urbewohner von Tasmanien (Globus XVI, 280, 343), welcher 
Aufsatz eine ausluhrliche Schilderung dieses Menschenschlages enthält; Der 
letzte Tasmanier (Globus VII. 320); Nekrolog der Tasmanier (.Ausland 1870. 
Nr. 7); lerner die ausführliche Arbeit über die Tasmanier von Giglioli im 
Archivio per F antropologia e la etnologia von Mantegazza und Finzi. vol. I, 
fasc. 2, ]iag. 85, wo aucl; gute Abbildungen derselben sich finden. 



171 

schliesscn liesseii, zeigt, andererseits die Spraclicn der einzelnen 
Stämme, deren grötJserer oder geriuc^erer Verwandtschaftsgrad unter 
einander die Lostrennuug derselben vom ]\[utterstocke uns verrathen 
könnte, noch nicht hinlänglich erforsclit sind. Im Allgemeinen aber 
können wir behaupten , dass die Bevölkerung des Continents vom 
Norden nach Süden vor sich gegangen sein muss, dass daher im 
Grossen und (laiizen die am weitesten nach Süden vorgescliobenen 
Stämme als die ältesten d. h. auf der primitivsten Cultursiul'o 
stehenden aufgefasst werden müssen. Daraus, dass die nördlichen 
Stämme die in dor Cultiir relativ am weitesten fortgeschrittenen 
sind, ableiten zu wollen, dass sie auch die ursprünglichsten 
sein müssen, wie Gerland bei Waitz, Anthropologie der Natur- 
völker VI, S. 708, es thut, scheint uns aus meiirfachen Gründen 
unzulässig. Und vollends hier ist es misslich, auf gewisse Cultur- 
elemeute einen Schluss zu bauen, als malayisch-polj^nesische Einflüsse 
sich mit ziemlich grosser Bestimmtheit nachweisen lassen, mithin 
viel leichter der Fortschritt der nördlichen Stämme als der Verfall 
der südlichen begriffen werden kann. 

Die Zahl der Stämme, in Avelche die australische Rasse zer- 
fällt, ist sehr bedeutend. Dennoch ist es wahrscheinlich , dass sie 
ethnologisch nur eine einzige Familie bilden, indem trotz der 
bedeutenden Abweichungen in Sitte und Sprache dennoch die voll- 
kommenste üebereinstimmuug in diesen beiden Momenten unver- 
kennbar hervortritt. (Vergl. Waitz, Anthropologie der Naturvölker, 
VI, 70G ff.) 

Leiblicher Typus des Australiers. 

Die physische Höhe und Miiskeleutwicklung des Australiers 
ist wesentlich von der Nahrung, welche ihm zu Gebote steht, ab- 
hängig. Mau triff"t daher an der Meeresküste und an den Flüssen, 
wo die Quellen der Ernährung reichlicher vorhanden sind, grössere 
und kräftigere Individuen, als in den trockenen, sandigen Gegenden 
des Inneren. Im Allgemeinen aber erreicht der Australier nicht die 
Mittelgrösse des Weissen und l)leibt in Betreff der Muskelentwickluug 
weit hinter ihm zurück. Die Glieder sind dünn und beispiellos mager, 
dagegen der Bauch in Folge der schlechten und nicht gut vertheilteii 
Kost von grossem Umfange. Der Knoidieubaa ist äusserst fein und 
— man könnte sagen — zierlich; auffallend ist, gleichwie bei anderen 
dunkeln Rassen, der Mangel an Waden, von denen sich keine Spur 
findet. Die Schädelbildung ist bei den ]\[änn(^rii etwas schöner als 



172 

bei eleu Weibern, im Ganzen ist sie schmal und länglich. Die 
Wangenbeine sind hoch; der untere Theil der Stirn um die Brauen 
ist liervorragend, dagegen der obere Theil stark zurücktretend. Die 
Nase ist an der Wurzel schmal, "n'odnrch die Augen zusammen- 
gerückt erscheinen: gegen unten zu wird sie breiter und etwas ein- 
gedrückt. Die Ohren sind ein wenig nach vorn gebogen, der Mund 
gross und unförmlich: die Zähne dagegen schön und weiss. Die 
oberen Zähne decken meistens die unleren, dasselbe ist auch mit 
der Oberlippe gegenüber der Unterlippe der Fall. Das Kieferbein 
ist zusammengedrückt, das Kinn klein und zurücktretend. Die Haut 
ist meistens kaffeebraun, seltener schwarz. 

Das Haar ist reichlich entwickelt, nicht nur auf 
demHaupte, sondern am ganzen Körper. Bei den Männern 
lindet sich auf dem Kinn und den Wangen ein üppiger 
Bartwuchs. Das straffe Haar ist von pechschwarzer Farbe und 
etwas gekräuselt ohne jedoch wollig zu werden. Es breitet sich 
vom Kopf nach allen Richtungen strahlenförmig etwa sieben 
Zoll lang aus, wodurch dieser bedeutend grösser erschemt. Die 
Augen sind tiefliegend, klein und schwarz; das Weisse derselben 
hat meistens einen gelblichen Anüug. üeber den Augen hängen 
dicke, schwarze Augenbrauen herunter. Die Ausdünstung der Haut 
ist von eigenthümlichem, widerlichem Gerüche und wird für die 
Nase Civilisirter noch unerträglicher durch das Einreiben des Körpers 
mit dem Fette verschiedener grösserer Fische. Die mittlere Lebens- 
dauer beträgt etwa 50 Jahre. *) Dieser Typus gilt insbesondere von 
den Bewohnern der südlichen Küsten, wo die Aboriginer Australiens 
bis auf die Ankunft der Europäer von jeder Berührung mit Fremden 
freigeblieben sind. Im Norden und Westen des Continents sollen sich 
Typen hnden, welche in mancher Beziehung von dem oben geschilder- 
ten abweichen. Höciist wahrscheinlich ist dies dem malayischen 
Einflüsse, welcher dort frühzeitig sich geltend machte, zuzuschreiben. 

Mit dieser von uns im ethnographischen Theile der Novara- 
Expedition, 8. 3, gegebenen allgemeinen Schilderung des Australiers 
stimmt auch jene überein, welche Haie (der Linguist der nord- 
amerikanischen Expedition unter Comm. Wilkes) von ihm entwirft 
und Gerland im VI. Bd. der Waitz'schen Anthropologie der Natur- 
völker, S. 708, reproducirt. 



*) Männer von 70—80 Jaliren sollen unter den Australiern nichts 
seltenes sein. 



173 

Mit (lieser Schilderuiio- stimraeu ancli im Ganzen jene Einzeln- 
beschioibiingcn überein, welche bei Waitz a. a. 0., Bd. VI., S. 709 if. 
Yor|jjetiilirt werden. „Xacli ihm (Haie) — so heisst es bei Waitz- 
Gerland a. a. 0. — sind die Australier von mittlerem Wüchse, nur 
selten über 6' und unter 5' gross, schlank mit langen Armen und 
Beinen, manche Stämme wohlgenährt und niclit hässlich, die Mehr- 
zahl aber äusserst mager, mit vorstehendem Bauch. Ihre Gesicbts- 
bildung steht zwischen Xegern und Malayen. Die Stirn ist schmal, 
meistens zurücklaufend, oft hoch und vorspringend, die Augen klein, 
schwarz, tiefliegend; die Nase oben eingedrückt, unten breit, aber 
adlerförmig, Backenknochen und Kiefern vorspringend, bei 
zurückweichendem Kinn; der Mund gross mit dicken Lippen und 
starken guten Zähnen. Der Schädel ist sehr lang gezogen und un- 
gewöhnlich dick, er rulit auf einem kurzen, kleinen Xacken. Das 
Haar lang, fein, aber wollig,*) ist durch >\langel an Ptlege häufig 
wie verfilzt, es ist oft glänzend schwarz, häutiger jedoch tiefbraun. 
Die Körperbehaarung ist reichlich, der Bartwuchs stark. Die Haut- 
farbe ist dunkelchocoladebraun bis röthlich-schwarz oder aber heller." 

Mit diesen Schilderungen stimmt bis auf die verschiedene 
Structur des Haares und Plautfarbe der Typus der Tasmanier über- 
eiu, wie er von Gerland in Waitz, Antnropologie der Naturvölker 
VI., S. 718 ff., nach den zuverlässigsten Quellen entworfen wird. 
Derselbe lässt sich in Kürze fol-^eudermassen charakterisiren: 



*) Diese Beschreibung des Haares leidet zu sehr an unbestimmten und 
einander widersprechenden Ausdrücken; sie stimmt nicht mit den Photographien 
und Abbildungen australischer Eingeborenen, die wir vor uns haben, sowie 
aach den bestimmten Nachrichten anderer Reisenden überein. — So fand Camp- 
bell das Haar der Bewohner von Port Essington meistens schlicht und lang, 
Hombron lang und k orkzieh er artig (leicht gekräuselt?) gewunden, 
(Waitz VI. 710); Cook nennt das Haar der Bewohner der Botanybay nicht 
wollig, theils kraus, theils aber straff (Waitz VI. 711); Peron das Haar der 
Bewohner von Westernport lang und glatt (Waitz VI, 713;; Koeler be- 
schreibt das Haar der Bewohner des Vincentgolfes und der Umgebung von 
Adelaide als nicht sehr lang, oft gekräuselt, meist struppig abstehend, 
nie wollig (Waitz VI, 71.".). Ueberhaupt wird das Haar von den beston 
Gewährsmännern als nicht wollig, wenn auch gekräuselt beschrieben. 
Letzteres scheint aber keine natürliche Lockung des Haares, sondern vielmehr 
eine durch Mangel an Pflege und Verfilzung entstandene Kräuselung zu be- 
deuten, so dass die Australier in der That mit dem Ausdrucke Straffhaarige, 
nicht aber, wie man glauben könnte, mit dem Ausdrucke Lockenhaarige zu 
bezeichnen sind. 



174 

Gestalt mittelgross, schlauk, mit dünnen Extremitäten und kleinen 
Füssen. Hautfarbe dunkelbraun bis schwarz, dunkler als die der 
Australier. Haar wollig, kraus, nach Cook dem der Papuas gleich. 
Bartwuchs reichlich. Schädelform prognathisch, Kinnbacken breit. 
jSTase breit und dick, Lippen dick aber nicht negerartig. Obren 
gross und abstehend, Augen bei stark vorspringenden Braubogen und 
zurücklaufender Stirn sebr tiefliegend. Das Weisse des Auges ins 
Gelbliche getrübt. — 

Psychischer Charakter des Australiers. 

Die geistigen Anlagen des Australiers sind, falls man sie mit 
jenen dör höchst organisirten Thiere vergleicht, als bedeutend ent- 
wickelt zu betrachten, dagegen zeigen sie sich mit den Anlagen 
höherer Kassen in . Parallele gestellt als sehr beschränkt. Der 
Australier zeigt in allen Verrichtungen, welche sich auf das tägliche 
Leben beziehen, eine ungemeine Geschicklichkeit. Seine Geräthe 
und Waffen sind, obschon höchst primitiv, dennoch sehr zweck- 
mässig; er weiss dieselben gegen das Wild mit grossem Scharfsinn 
zu verwenden. In der Aufspürung und Verfolgung des Wildes sucht 
der Australier seines Gleiclieu; besonders merkwürdig und stauneu- 
erregend ist das Verfahren, womit er dem Opossum bis auf die 
höchsten Bäume ohne andere Werkzeuge als eine Schlingpflanze und 
eine Steinaxt nachspürt. 

Daher ist der Australier Aon Seite des Europäers nach über- 
einstimmenden Nachrichten für jede Art mechanischer Fertigkeiten gut 
zu verwenden. Er ist ein vortrefflicher Jäger und Viehwärter und 
ein guter Arbeiter , falls iiim die Arbeit genau vorgezeichnet ist. 
Bei dem bedeutenden Nachalimungstalente, welches er besitzt, lernt 
er leicht fremde Sprachen, wie er auch für Malerei und Musik ein 
leidliches Talent zeigt.*) 

Dagegen sind die auf Spontaneität beruhenden Fähigkeiten des 
Australiers unbedeutend. Ein Beweis dafür ist der Umstand, dass 
der Antrieb zu jeglicher Bethätigung seines Verstandes vom Hunger 
und Geschlechtstrieb ausgeht. Das Leben des Australiers verläuft 
zwischen Essen und Schlafen, Hungern und Jagen. Die Sorge für 
den folgenden Tag ist ihm vollkommen unbekannt. Diese Züge 
theilt er zwar mit anderen Kassen, und er wäre vielleicht gegenüber 



*) Einzelne, das psychische I;ebcn der Australier kennzeichnende Charakter- 
zügc siehe l'ci Waitz, Anthropologie der Naturvölker \'l. S. 707 ff. 



175 

iliiu'ii nii-lit auf einer so niederen Stufe menschliclier J-iiitwiclchmg 
steilen geblieben, wenn ibm ein Land mit einigen Nntzidhmzen und 
Jagd- oder zälinibareu Tbiercn zu Theil geworden wäre. 

Man hat viel gestritten über die Stellung, welche der Abori- 
giiu'i- Australiens in der Keihe der menschlichen ilassentypen ein- 
nimmt. Während die einen im Australier das auf der tiefsten Stufe 
menschlicher Culturentwicklung stehende Geschöpf erblicken (so 
Meinicke und wir), lialten die anderen (Darwin^; denselben um einige 
Stufen höher als den Feuerländor, andere (Gerland) sogar für noch 
bedeutend höher begabt, ^^'ir müssen gestehen, dass die letztere An- 
sicht mir dadurch, dass sie eine Summe einzelner Züge zusammen- 
stellt, die nicht auf Rechnung der einheimischen liasse, sondern 
fremder EinÜüsse zu setzen sind, scheinbar begründet werden kann, 
Avährend der Vergleich mit dem Feuerläiider über die Höhe der 
Kassen-Begabung nichts entscheidet. Denn der Feuerlander, welcher 
wahrscheinlich zu derselben Rasse wie der Azteke und der Quichua 
gehört, ist ein nur durch die ungünstige Lage seines Landes ver- 
kommenes Lulividuum, während der Australier sich ohne fremde Ein- 
Üüsse nie über jenen Zustand erhoben hat, in welchem Avir ihn im 
Süden des australischen Coutineuts antreffen. — Wir stehen daher 
nicht an , geleitet von diesen Erwägungen , die australische Rasse, 
was natürliche Geistes-Begabung und Cultur-Eutwicklung anbelangt, 
auf die unterste Stufe der Menschheit zu versetzen. Es ist auch 
diese Rasse vor allen anderen von der Xatur dem Untergänge ge- 
weiht, ein Fingerzeig, den man bei Beurtheilung derselben nicht 
verkennen darf. 

Ethnographische Schildening. 

Li den meisten Gegenden leben die Bewohner im Zustande 
vollkommener Nacktheit; nur im rauheren Klima (im Süden des 
Continents) oder während der kühleren Jahreszeit hüllt man sich in 
Ueberwürfe, welche aus' dem Felle des Känguru gemacht werden. 
Bemerkenswerth ist der Maugel an allem Schamgefühl, der sich in 
der Zurichtung des Kleides kundgibt. Während man den oberen, 
besonders rückwärtigen Theil des Körpers zu bedecken sucht-, 
iässt man oft die Schamtheile völlig unbedeckt. Eine besondere 
Sorgfalt widmet man der Verzierung des Kopfes; das Haar wird 
in der Regel mit Zähneu, Fischgräten, Vogelfedern oder dem Schwänze 
irgend eines Thieres (gewöhnlich des Dingo) aufgeputzt. Andere 
Stämme theilen das Haar in kleine Locken, die mit dem Safte des 



176 

Gummibaumes bestrichen werden ; wieder andere formen es zu einem 
Kegel, der mittelst eines Bandes aus Gras ringsum zusammen- 
gehalten Avird. 

Alle australischen Stämme, bis auf einzelne an der Südküste, 
üben die Sitte des Aufritzens und Bemalens der Haut. Das erstere 
besteht darin, dass man unter gewissen Festlichkeiten zur Zeit der 
Pubertät die Haut der Brust, des Oberarmes, der Schaltern und in 
manchen Fällen auch der Lenden mittelst scharfer Muscheln auf- 
ritzt und dann die Wunden so lange offen hält, bis sie concav ver- 
narben. Die Männer sind in der Regel mit mehr Streifen ausge- 
stattet als die Frauen , welche sich mit einigen Strichen oberhalb 
der Brust oder auf dem Rücken begnügen. 

Die Procedur ist mit vielen Schmerzen verbunden, und es ist 
selten Jemand im Stande, sie auf einmal zu ertragen. Man bringt 
daher zuerst nur einige Ritze an und geht erst nach einiger Zeit, 
nachdem dieselben etwas vernarbt sind, zu den folgenden über. Zum 
Bemalen der Haut bedient man sich entweder einiger Erdarten, 
wie Ocher, Kalkerde, oder der Kohle. Dieselben werden gewöhn- 
lich mit Fett vermengt. Meistens gilt das Bemalen bestimmten 
festlichen Gelegenheiten, wie dem eigenthümlichen nächtlichen Tanze 
der Australier, genannt Korropori.*) In vielen Fällen scheint da- 
efosfen sowohl das Bemalen als auch das Ritzen einfaches Verzierungs- 
und Unterscheidungszeichen der verschiedenen Stämme zu sein. An 
der Westküste bemalen die Stämme das ganze Gesicht roth, während 
bei den östlichen Stämmen ein weisser Strich über das Gesicht von 
einem Ohre zum anderen gezogen wird. Im Ganzen aber haben 
die vier dabei zur Verwendung kommenden Farben, nämlich Weiss, 
Schwarz, Roth und Gelb eine bestimmte Bedeutung. Roth ist ge- 
wöhnlich die heilige Farbe, daher Farbe des Todes und der fest- 
lichen Freude, Weiss in der Regel die Farbe des Krieges und der 
Trauer. 

Neben der Sitte des Ritzens und Bemalens der Haut kommt 
auch jene der Beschneidung und Verstümmelung an einzelnen Finger- 
gliedern oder Zähneu unter den australischen Stämmen im weitesten 
Umfange vor. Dagegen ist das Durchbohren der Nasenwand und 
die Verzierung derselben mit verschiedenen Gegenständen, wie Thier- 
knochen, Federn, Stückchen Holz u. s. w. keine australische Sitte. 



*) Beckler, H., Der Corroberri (Globus XIII, 82, 122). 



177 

Sie ist aiigenseheinlicli von den Papuas angenommen und wird 
daher aiissciiliesslich im Norden des Continents geübt. — Dort 
werden auch Hals und Arme von den Eingeborenen mit Muscheln 
und Zähnen verziert. 

Die Wohnung des Australiers entspricht ganz seinem primi- 
tiven Culturznstande. Jn mehreren Gegenden des östlichen Austra- 
liens tindet man Avahre Troglodyten, oder es lassen die zahlreichen 
Speisenüberreste in den Höhlen auf dieselben schliessen. Einzelne 
Familien schlagen im Busch oder in den Baumliöhlen ihr Lager auf. 

Wo von den Aboriginern Hütten aufgebaut werden , sind die- 
selben von der rohesten Anlage. In den Waldregionen werden sie 
aus Baumrinden, besonders vom Maliagonibaum, in der Höhe von 
vier bis fünf Fuss aufgebaut. Diese Kinden werden entweder gegen 
einander geneigt, unten im Boden festgedrückt und oben mit ein- 
ander befestigt, oder nur auf einer Seite auf zwei ihnen entgegen- 
geneigte und oben mittelst eines Querholzes verbundene Stöcke ge- 
lehnt. In dem ersteren Falle entsteht eine Hütte, die einem 
Kartenhaus ähnlich sieht, in dem letzteren Falle nur eine über- 
hängende Wand. 

Die Hütten der Häuptlinge oder der an den Küsten wohnenden 
Stämme sind etwas besser gebaut. Sie. werden aus Pflöcken con- 
struirt, die man schräg gegen einander stellt, und in die Erde 
einrammt: das auf diese Weise gebildete Gerippe wird mit Rinde 
und Baumzweigen bis auf eine kleine Oeffnung am Boden, welche 
als Thür dient, überdeckt. Vor der Hütte brennt ein Feuer, welches 
Tag und Nacht flammend, oder doch Avenigstens glimmend erhalten 
wird. Das Gesicht der Hütte ist stets gegen Südosten gewendet, 
als diejenige Gegend, von welcher am seltensten Eegen und Gewitter 
zu kommen pflfgen. 

Die Nahrung des Australiers besteht in allem irgendwie 
Geniessbaren ; Ekel vor gewissen, dem civilisirten Menschen 
unerträglichen Speisen ist ihm vollkommen unbekannt. Nicht nur 
Katten, Fledermäuse, Eidechsen, Schlangen, Frösche, sondern auch 
aasfressende Vögel und ekelhafte Würmer und Raupen w^erden mit 
dem besten Appetit verzehrt.*) Trotzdem wird nach den überein- 



*) Man muss stets im Auge behalten , dass Australien von zähmbaren 
Thieren ganz entblösst ist und auch jene, welche man als Jagdtliiere bezeichnen 
kann, entweder nächtliche Thiere sind oder sich durch ungemeine Scharfe der 
Sinne und Schnelligkeit auszeichnen. Ebenso fehlt dem Lande jegliche Nutz- 

Müller. All^. Ktlinot,'r;ipuie. 12 



178 - 

stimmenden Nachricbteu aller Reisenden nichts in rohem Zustande 
gegessen, sondern alles vorher am Feuer geröstet. Dabei ist aber 
weder von einer vorherigen Zubereitung noch Reinigung des Gegen- 
standes eine Spur. Derselbe wird nur ein wenig ausgewaidet und 
dann unmittelbar ins Feuer geworfen,*) oder, was bei Vögeln der 
Fall zu sein pflegt, abgerupft, die innere Seite desselben nach 
aussen gedreht und auf die glimmende Feuerstelle gelegt. In einigen 
Gegenden werden Vegetabilien gegessen, wie z. B. die Wurzeln des 
wilden Yams, die Körner und Wurzeln gewisser Pflanzen, die man 
entweder einfach röstet oder zerstampft und daraus Kuchen bäckt. 
Merkwürdig ist, dass, trotz dem vollständigen Maugel an Ackerbau 
und au einem eigentlichen Jägerleben, dennoch die Jagd- und Pflanzen- 
reviere von den einzelnen Stämmen als ihr Eigenthum beansprucht 
werden und der Eingriff Fremder in dieselben als eine Eigenthums- 
verletzung angesehen und mit Gewalt abgewehrt wird. Ja selbst 
der Durchzug durch ein von einem Stamme besetztes Gebiet muss 
vorher erbeten werden, widrigenfalls man sich auf den bewaftueteu 
Widerstand des vermeintlichen Eigentbümers gefasst machen muss. 

Originell ist die Art und Weise , wie der Australier seineu 
Durst löscht. Wenn eine Karavaue von der Jagd ermüdet heim- 
kehrt, nachdem sie — was nicht selten der Fall ist — wasserlose 
Strecken zu passiren hatte, pflegt man, sobald Wasser gefunden 
worden, sich in dasselbe hineinzulegen, um so von innen und aussen 
zugleich die verdunstete Feuchtigkeit zu ersetzen. 

Ebenso einfach wie die Wohnung des Australiers sind auch 
seine Geräthe und Waften. Von den erstereu kennt er nur die- 
jenigen, welche zum Behauen des Holzes, zum Aufkratzen des 
Bodens oder Zerreisseu des Fleisches und zur Aufbewahrung der 
spärlichen geniessbaren Pflanzensamen und Knollen dienen. Es sind 
dies Axt und Messer, beide in der Regel aus Stein, besonders Quarz 
oder Knochen , erstere mit einem hölzernen Stiel , in welchen sie 
hineingesteckt wird, und eine aus Binsen oder Rinde gepttochtene 
Tasche. — 



pflanze, die sich mit unserem Getreide oder dem Mais Amerikas vergleichen 
Hesse. Daher ist der Aboriginer Australiens auf ein Leben angewiesen, das in 
jeglicher Beziehung tief steht unter jenem der Jäger- und Fischervölker 
Amerikas und Nordasiens. 

*) Das Feuer wird mittelst zweier aneinander geriebener Hölzer angemacht 
oder man trägt, da diese Procedur immer etwas beschwerlich ist. ein brennendes 
oder glimmendes Holzstück bei sich. - 



179 

Die Stüimiie an den Fluss- und Meeresufeni verfertigen Netze 
tür den Fischlan«;- aus der Kinde des Nesselbaumes, welche zwischen 
zwei Steinen weich geklopft und zu Fäden gesponnen wird ; sie 
luiben auch kleine, gebrechliche Kähne; grössere Kähne jedoch, in 
denen sie sich weiter ins Meer hinauswagen könnten, sind ihnen 
meistens unbekannt. Wo sich solche finden, sind sie entschieden 
entweder malayischem Einflüsse zuzuschreiben oder direct von den 
^Malayen erhandelt. 

An Trutzwaflfen finden sich der Speer, die Keule und der 
Wurfstock; an Schutzwaffen der Schild. Vom Speere gibt es mehrere 
Arten, Die zum Fischspiessen verwendete Art besteht aus vier bis 
fünf Spitzen aus Käuguruzähnen oder zugespitzten Beinen, welche 
an einem acht bis zehn Schuh langen Stocke aus Myrteuholz mittelst 
eines Bindfadens befestigt sind. Andere Arten, welche zum Erlegen 
des Wildes oder zum Kriegführen verwendet Averden, haben eine 
Spitze aus Fischgräten oder Stein. Die Keule ist aus Myrtenholz 
verfertigt, hat zwei bis drei Fuss Länge und einen wuchtigen mit 
Unebenheiten versehenen Kolben. Der dem Australier eigeiithüm- 
liche Wurfstock, Bumeraug genannt, besteht in einem harten, schwach 
l)0genförmig gekrümmten, glatt polirteu Stücke Holz von zwei bis 
<lrei Fuss Länge, und hat, w^enn von geübter Hand geworfen, die 
Eigenschaft, in der Luft einen Bogen zu beschreiben imd sodann 
wieder zu seinem Ausgangspunkte zurückzufliegen.*) Jedoch nimmt 
die Geschicklichkeit in der Handhabung dieser originellen Wafte 
unter den Eingeborenen immer mehr und mehr ab. Der Schild 
endlich wird aus einer weichen und leichten Holzgattuug verfertigt. 
Er ist im Inneren mit einer geschnitzten Handhabe versehen und 
von Aussen mit verschiedenartigen Strichen bemalt. 

Das Leben des Australiers bewegt sich ausschliesslich inner- 
halb der Familie, welche auf den primitivsten Grundlagen aufgebaut 
ist. — Das Kind wird von der Mutter so lange gestillt, bis es 
laufen kann und dann sich selbst überlassen.**) Seine Erziehung 
besteht einzig darin , dass man es in den verschiedenen Handgriffen 
und Fertigkeiten, welche es zur Fristung seines Daseins kennen 
muss, abrichtet. Beim Eintritt in die Pubertät werden dem Knaben 



*) Vergl. Waitz, Anthropologie der Naturvölker, VI, S. 744. 
**) Die Kinder zu züchtigen gilt als Grausamkeit, daher wachsen dieselben 
in Ungebundenheit und Uebermuth, ja in Gewaltthätigkeit lieran. (Waitz. 
a. a. 0. 782.) 

12* 



180 

die beiden vordersten Oberzähne vom Zauberer ausgeschlagen und 
die Procedur der Hautaufritzung und Bemalung an ihm vollzogen. 
Bei einigen Stämmen (im Süden, Norden, Nordwesten und im Inneren) 
ist die Beschneidung im Schwange, welche, wie bei den alten 
Israeliten, mit einem steinerneu Messer ausgeführt wird. *) Darauf 
ist der Jüngling berechtigt, mit den Männern zu verkehren, an allen 
Unternehmungen und Unterhaltungen derselben theilzunehmen und 
sich zu verheirathen. 

Die Verheirathung findet ohne alle Ceremouien statt.**) Der 
Australier nimmt sich so viele Weiber, als er zu ernähren vermag. 
Da die Nahrungsquellen jedoch nicht allzu reichlich fliessen, kann 
die Zahl der Weiber auch keine grosse sein; sie übersteigt selten 
zwei bis drei. — Bei der Bewerbung, welche in den meisten Fällen 
ein einfacher Kaub ist, entscheiden das persönliche Ansehen und der 
Reichthum, welche wieder von der pliysischen Kraft und den bereits 
vollbrachten Thaten abhängen. Daher geschieht es oft, dass älterere 
Männer die jugendlicheren, schöneren Mädchen heimführen, während 
mancher Jüngling mit einem älteren Weibe sich begnügen muss. 

Nach der Verheirathung wird das Mädchen unter die Weiber 
aufgenommen. Die Ceremonie, welche dabei stattfindet, beschränkt 
sich darauf, dass demselben von einem Weibe ein Stück das kleinen 
Fingers an der linken Hand abgebissen wird. 

Merkwürdig und an den thierischen Zustand des Australiers 
mahnend, ist die Thatsache, dass die Verheirathung und Begattung 
meistens während der wärmereu Jahreszeit, wo die von der Natur 
dargebotene Nahrung in reicherer Fülle vorhanden und der Körper 
zu wollüstigen liegungen disponirt ist, zu geschehen pfiegt, und die 
letztere sich in vielen Fällen darauf beschräukt. ***) 

Bei einzelnen Stämmen, so z. B, bei den Vatschandi's, soll 
die Begattung während der warmen Jahreszeit mit einem Feste 

*) Ueber die dabei stattfindenden Ceremonien vgl. Waitz, Anthropologie 
der Naturvölker, VI, S. 783. 

**) Ueber die verschiedenen Arten zn freien, deren eine an die Sitte der 
Aetas auf den Philippinen erinnert, vgl. Waitz, Anthropologie der Naturvölker. 
VI, 772 ff. 

***) Auch die Art und Weise der Begattung, welche bei den Australiern 
■wegen der nach einwärts gedrehten Füsse und der Lage der Genitalien stets 
von hinten vollzogen wird, ist ein Moment, das an den thierischen Zustand 
derselben erinnert. 



181 

gefeiert weiden, welclies sie Kaaro ueunen. *) Dieses beginnt mit 
dem ersten Neumond, naclidem die Yams reif geworden sind, und 
wird mit einem Fress- und Saufgelage von Seite der Männer eröffnet. 
Zu diesem Zwecke reiben sich die Männer mit Asche und Wallaby- 
fett reichlich ein und führen im Mondlicht einen höclist abscönen 
Tanz um eine Grube auf, welche mit Gebüsch umgeben ist. Grube 
und Gel)üsch repräsentiren das weibliche Glied, dem sie auch ähn- 
lich gemacht werden; die von den Männern geschwungenen Speere 
stellen die männlichen Glieder vor. Die Männer springen mit höchst 
wilden und leidenschaftlichen Geberden, welche ihre erregte Wollust 
verrathen, umher und stossen unter Absingung eines Liedes ihre 
Speere in die Grube. Dieses Lied, augemessen dem abscönen Feste, 
lautet: 

Pulli nira, pulli nira, 

Pulli nira, wataka!**) 

Ist die Behandlung des Mädchens innerhalb der Familie gegen- 
über dem Knaben keine freundliche, so wird sie nach der Ver- 
heirathung desselben vollends grausam. Das Weib wird von dem 
Manne nicht nur als Werkzeug seiner rohen, thierischen Lust an- 
gesehen, sondern auch förmlich als Sclavin behandelt. Ihr liegen 
alle häuslichen Arbeiten ob, ihr werden beim Wandern alle Hab- 
seligkeiten zusammt den Kindern aufgeladen. Während der Mann 
<len besten Theil der gesammelten Nahrung verzehrt, sitzt sein 
Weib schweigend in ehrerbietiger Entfernung und begnügt sich am 
Schlüsse der ]\Iahlzeit mit den spärlichen Ueberresten, welche der 
Mann ihm übrig gelassen.***) Durch die rohe Behandlung altert 
das Weib sehr schnell und wird bald unfruchtbar. Sollte aber 
letzteres nicht der Fall sein, so werden die Kinder, besonders wenn 
<is Mädchen oder Zwillinge sind, gleich nach ihrer Geburt getödtet, 
<la die Mittel zu ihrer Ernährung nicht hinreichen. 

Trotzdem hängt die Mutter mit rührender Liebe an ihren am 
Leben erhaltenen Kindern, und ergreifend ist die Trauer, Avelche beim 
Tode eines derselben in lautem Weinen und Wehklagen sich kund gibt. 



*) Ein Seitenstück zu diesem Tanze bildet jener, von dem Koeler: Einige 
Xotizen über die Eingeborenen des St. Vincentgolfes, S. 53, erzählt. 

**) Non fossa, non fossa, 
Non fossa, sed cunnns! 

***) Dass in der grausamen Behandlung und Missachtung des Weibes bei 
'len Australiern eine Art von Tapu- Gesetzen wie in Polynesien steckt, wie 
Gerland (Waitz. Anthropologie der Naturvölker, VI, 117) annimmt, ist uns 
unwahrscheinlich. 



182 

Eheliche Treue soll nicht zu den Tugenden der australischen 
Frauen zählen. Oft geschieht es, dass, wälirend der Gemahl mit 
seinen Freunden beim Feuer sitzt und arglos dem Gelage sich hingibt, 
auf ein Gewisper oder ein anderes Zeichen, welches aus dem Ge- 
büsche herüber tönt, die weibliche Ehehälfte unter irgend einem 
Verwände sich entfernt, um im Gebüsche mit ihrem jungen Ge- 
liebten dem Genüsse einiger seliger Augenblicke sich hinzugeben. 

Erkrankungen und Todesfälle, besonders bei jungen, kräftigen 
Individuen, werden den Zauberkünsten der Feinde zugeschrieben. 
Tritt daher ein Todesfall ein, so ist es Aufgabe der Anverwandten, 
den Mörder durch Beobachtungen gewisser Zufälligkeiten, z. B. des 
Fluges eines Insectes, aufzuspüren und zu tödten. Dadurch werden 
oft Familien in langjährigen Streit verwickelt, welcher erst mit der 
gänzlichen Ausrottung derselben ein Ende nimmt. 

Andere Veranlassungen zu Kämpfen sind Weiberraub , Ver- 
letzung der Ruhestätte eines Todten u. a. m. Diese Kämpfe werden 
aber nicht mit derselben Erbitterung geführt; die Ehre des Be- 
leidigten ist in der Regel mit einigen Blutstropfen des Beleidigers 
rein gewaschen. 

Im Kriege scheint von den Australiern Cannibalismus geübt 
zu werden, wobei die weit verbreitete Vorstellung zu Grande liegt, 
dass man durch den Genuss des Fleisches oder Fettes des erschlagenen 
Feindes seine Tapferkeit in sich aufnehme. Auch die Zauberer sollen 
durch Genuss von Menschenfleisch sich ihre Zauberkraft erwerben. 
Dagegen scheint die Sitte, das Fleisch von verstorbenen Angehörigen 
zu verzehren und die abgezogene Haut derselben mit sich herum- 
zutragen , ein Ausfluss sehr sonderbar bethätigter Pietät zu sein. 
(Vergl. über diese Sitten die ausführliche Darstellung bei Waitz, 
Anthropologie der Naturvölker, VI, 747 ff. und 782.) 

Die Todten werden in dunklen Hainen, meistens in der Nähe 
des Wassers bestattet. Man gräbt zu diesem Behufe ein Loch von 
etwa vier Fuss Tiefe, bekleidet es mit Rindenstücken und setzt die 
Leiche in hockender Stellung hinein. Das auf diese Weise bereitete 
Grab wird dann mit Gesträuch und Erde zugedeckt, besonders 
deswegen, um die Leiche vor Verstümmelung durch den Dingo zu 
schützen. In einigen Gegenden ist es Sitte, den Todten auf ein 
über dem Erdboden erhabenes hölzernes Gerüst zu legen und mit 
Gebüsch zu bedecken. Meistens befinden sich mehrere Gräber auf 
demselben Platze, umgeben von einem Zaune aus Rinden, welche 



183 

mittelst eines aus doii Fa^evn der Eucalyptus verfertigten Strickes 
unter einander verbunden sind. 

In anderen Gegenden werden die Todten, besonders wenn es 
ältere Leute waren, verbrannt. Einer Frau, wenn sie während des 
Säugens ihres Kindes gestorben ist, wird dieses lebendig auf den 
Arm gelegt und mit ihr bestattet.*) Man errichtet bei dieser Ge- 
legenheit einen Seheiterliaufeii von etwa drei Fuss Höhe aus trockenem 
Holze und Reisig und legt den Todten mit gegen die Sonne gerichtetem 
Antlitz, umgeben von seinen Lieblingsgeräthschaften, darauf. Nach- 
dem man den Leichnam verbrannt, werden die Ueberreste gesammelt 
und in einem Sacke aufbewahrt. Der Name des Todten darf nicht 
ausgesprochen werden; sollte Jemand den gleichen Namen tragen, 
so muss er denselben gegen einen anderen vertauschen. 

Im südlichen Australien sollen Menschenschädel als Trink- 
gefässe häufig benutzt werden, wie denn auch das ethnographische 
Museum von Sydney Exemplare dieser sonderbaren Geschirre auf- 
bewahrt. Höchst wahrscheinlich spricht sich in dieser Sitte eine 
gewisse Pietät gegen die ehemaligen Besitzer der Schädel aus und 
dürfte der Cannibalismus ihr fern liegen. (Vergl. die oben erwähnte 
Sitte, die Ueberreste der Todten in einem Sacke bei sich zu führen.) 

Eine Eigenthümlichkeit der Australier sind ihre Heiraths- 
gewohnheiten. Dieselben werden von verschiedenen Schriftstellern- 
je nacli der Verschiedenheit der Gegend mit einigen Abweichungen 
erwähnt. Es scheint, dass die Familien der Australier in zwei 
Gruppen, nämlich patricische (freie?) und plebejische (unterthänige?) 
zerfallen. Ob mit dem Patriciat gewisse Vorrechte verbanden sind, 
ist nicht recht klar. Jede Gruppe umfasst wieder zwei Abtheil- 
ungen, deren jede aus einem Mann und einem Weibe, mit beson- 
derem Namen besteht. Die Uebersicht derselben ist im Südosten 
nach Ridley (The Aborigines of Australia, Sydney 1804, 8**) folgende: 

Mann Weib 



I. 


P a t r i c i e !• : 


Ippai 


Ip])ata 






Kuuipo 


Puta. 


I. 


P lebej er: 


Murri 


Mata 






Kupi 


Kapota. 



Nach den Ehegesetzen darf ein bestimmter Mann nur eine 
bestimmte Frau heiratheu und zwar nur aus einer bestimmten Kaste. 



*) Diese Sitte kommt auch bei den Grönländern vor. (Cranz, David, 
Historie von Grönland, Frankfurt 1779, 8", S. 274.) 



184 

Die aus dieser Ehe entsprungenen Kinder werden in eine ebenso be- 
stimmte Kaste versetzt. Dadurch werden die einzelnen Familien in 
ihren verschiedenen Gliedern gleichmässig des Patriciats theilhaftig. 
Die Uebersicht dieser Vorgänge ist folgende: 

Ippai heiratliet die Kapota; die Kinder werden Murri und Mata. 

Murri „ „ Puta; ,, „ „ Ippai „ Ippata. 

Kupi ,. „ Ippata; „ ^ „ Kuiupo „ Puta. 

Kuuijio „ „ Mata; „ „ „ Kupi „ Kajjota. 

Man sieht hieraus, dass die Kinder in Betreft' des Ranges der 
Mutter folgen,*) aber in eine andere Familie versetzt werden, als 
jene, in welche die Mutter gehört. 

Ebenso bestimmt wie die Heirathsgesetze sind auch, wie bei 
anderen Naturvölkern, die Formen für die verschiedenen Begrüssungs- 
arten festgesetzt. **) Gleich dem Neger ist auch der Australier, je 
verkommener desto mehr stolz auf seine Stellung; auch er scheint 
des Weissen überlegene Geistesgaben und physischen Kräfte anzu- 
erkennen, aber nichts desto weniger in gewissen Hantierungen, die 
er mit Meisterschaft handhabt und denen gegenüber der Weisse sich 
unbeholfen anstellt, einen Vorzug zu erblicken.***) 

Zu den Belustigungen der Australier gehören Tänze (vergl. 
Waitz, Anthropologie der Naturvölker, VI., 754), namentlich eine 
Art Kriegstanz, genannt Korroporri, den sie, wie die Negervölker, 
während des Mondscheins bei einem angezündeten Feuer auftühren, 
Sie bemalen sich zu diesem Zwecke mit den als Verzierung gelten- 
den Strichen und springen mit einem Waftenstücke oder einem 
Feuerbrand in der Hand, unter Absingen einer kurzen und monotonen 
Melodie , um das angezündete Feuer herum. Da diese sinnlosen 
Tänze während der fenchten Jahreszeit stattfinden und die Erhitzung 
der Tänzer sowohl in Folge der raschen Bewegung als auch des 
brennenden Feuers bedeutend zu sein pflegt, während der Australier 
mit einem leichten Ueberwurfe bekleidet oder vollkommen nackt 
auf dem kalten Boden zur Buhe sich hinlegt, so kann man leicht 

*) Es mag dies wie anderswo, z. B. in Afrika, dalier rüliren, dass man 
in die Keuschheit des Weibes wenig Vertrauen setzt (vgl. die Züge bei Waitz, 
Antluopologie der Naturvölker, VI. S. 774), nicht aber in Tapu-Gesetzen seinen 
Griiiui liala"), wie Gerland (a. a. 0., S. 777) ainiimnit. 

i.*j Vergl. W.dtz. Anthropologie der Naturvölker, VI, S. 7-19 ft". 
***) Dieser Charakterzug findet sich so ziemlich bei allen Naturvölkern. 
(Vergl. Crauz. David. Historie von Grönland, Frankfurt 1770, 8", S. 1(33.) 



185 

crmessen, welche Krankheiten ein solcher Kurroporri nach sich zieht 
und wie viele rüstige Männer einer durchschwärmteu Nacht zum 
Opfer fallen mögen. 

In Betreif der moralischen und religiösen Bildung der austra- 
lischen Aboriginer vermögen wir uns schwer ein bestimmtes 
Urtheil zu bilden. Die Nachrichten der Missionäre sind oft einander 
•widersprechend und auch die Notizen der Reisenden müssen mit 
grosser Vorsicht benützt werden, indem in vielen Fällen schon 
Einflüsse der Europäer vorzuliegen scheinen. 

Sicher ist der Glaube der Australier im tiefsten Grunde von 
jenem anderer auf derselben Stufe der Bildung stehender Naturvölker 
nicht verschieden. Gleich diesem beruht er vorzüglich auf der Yer- 
chruno- böser Geister, welche mit den Geistern der Verstorbenen für 
verwandt oder identisch gehalten werden. Sie schwärmen besonders 
während der Nachtzeit und beim Sturm umher, daher fürchtet sich 
der Australier im nächtlichen Dunkel oder während eines Gewitters 
seine AVohnuug zu verlassen. Es gibt Mittel, den bösen Geist zu 
bannen; doch diese werden blos vom Zauberer gekannt. 

Seit der Bekanntschaft mit den Weissen ist unter den Austra- 
liern der Glaube verbreitet, die letzteren seien Incarnatiouen ihrer 
abgeschiedenen Seelen und jeder Schwarze werde nach seinem 
Tode in einen Weissen verwandelt. 

Alle diese Ideen sind jedoch sehr allgemein und verschwommen 
und haben selbst nicht zur rohesten Gestalt irgend eines Götzen- 
dienstes geführt. — Ebenso wenig ist es bis heutzutage gelungen , ein 
Götzenbild bei einem australischen Stamme nachzuweisen. Höchstens 
könnte man die geschläugelten Striche, welche auf den Bäumen oft 
eingeritzt erscheinen, als solche betrachten; diese sollen, nach der 



*) Dass (lieser Glaube \ o r der Bekanntscliaf t mit den Weissen bestanden 
habe und in der Anschauung basire, dass die Todten in das Eeich des Lichtes 
und der Wolken zurückkehren (wie Gerlaud, Waitz, Anthropologie der Natur- 
völker, VI, 810, annimmt), schehit uns unwahrscheinlich. Wenn der Weisse 
den Teufel schwarz, der Neger weiss sich dachte, so steckt darin, was die Form 
anlaugt, nicht reine Erfindung, sondern Anlehnung an Thatsächliches. Warum 
begegnet man im ^lythus überall nur Menschen wie sie f actisch existiren, 
nirgends aber grünen oder blauen, die doch der Symbolik weit nälier lagen V 
Einen Beweis gegen die Richtigkeit der Gerland'schen Ansicht liefert übrigens 
das von ihm selbst (S. 810) erwähnte Factum, dass man im Norden die Todten 
mit den gelben Malayen identificirte. 



186 

Aussagen der Eingeborenen eine Eidechse oder Schlange darstellen, 
in deren Gestalt das Haupt ihrer Geister sichtbar zu werden pflegt.*) 

Es dürfte daher die Ansicht mehrer Forscher, so z. B. Ger- 
land's, des Bearbeiters des VI. Bandes der Waitz'schen Anthropo- 
logie der Naturvölker, die Australier hätten m-sprünglich eine reiche, 
an die polynesische mahnende Mythologie besessen, wie sie denn über- 
haupt von einer höheren Culturstufe in ihren jetzigen Zustand herab- 
gesunken sein sollen**) nicht stichhaltig sein, dabei einzelnen aus- 
führlicheren Sagen eine Entlehnung von den Malayo-Polynesiern nicht 
unwahrscheinlich ist (wie auch die Malereien am Glenelg deutlich 
den malayischen Ursprung verrathen, vergl. Waitz, Anthropologie 
der Naturvölker, VI, 762), und die Nachrichten über ein höchstes, 
die Welt schaffendes Wesen höchst wahrscheinlich von den Missionären, 
die überall Spuren der ürofteubarung wittern, dem Australier an- 
gedichtet sind. 

Bei einem so vagen und rohen Charakter des Götzendienstes, 
der es weder zu Götzen, noch zu Tempeln, noch zu einem bestimmten 
Cultus gebracht hat, ist es begreiflich, dass ein Priesterstand unter 
den Australiern nicht existirt. Statt der Priester finden wir die 
Zauberer, welche die Mittel kenneu, den bösen Geist oder Zauber 
unschädlich zu machen, und in dem Fall, als es sich um Abwendung 
persönlicher Uebel, z. B., Krankheiten handelt, die Stelle der Arztes 
vertreten. Denn nach dem Glauben des Australiers, — wie auch 
der meisten Naturvölker, stammt alles Unglück vom Einflüsse der 
bösen Geister und Zauberer, und kann nur durch Brechung ihrer 
Macht gehoben werden. 

Die Zauberer sind die einzigen Personen, welche bei der 
Menge ein Ansehen geniessen. Zwar gibt es unter den Australiern 
Häuptlinge, welche einen gewissen Einfluss auf mehrere Familien 
ausüben; die Macht derselben ist aber nur vorübergehend und be- 
schränkt. Ein jeder gilt nur insofern etwas, als er die Mittel be- 
sitzt oder zu besitzen scheint, sich den anderen furchtbar zu machen. 
Ein Gleiches wie von den Mitdiedern einer Familie und eines 



*) Ob die mit Rinde bedeckten Steine, welclie in Waitz, Anthropologie 
der Naturvölker, VI, 804, erwähnt werden, wirklich Idole sind, scheint uns 
zweifelhaft. 

**) Dagegen spriclit schon die Ausstattung des äusseren Lebens der 
Australier. Ein solch' greller Widersiiruch ist gegen alle ethnologischen 
Erfahrungen. 



187 

Stammes gilt auch von den Stämmen im Verlüiltnisso zu einander. 
AVährend jeder Stamm absolut frei ist und streng genommen keine 
Autorität eines anderen anerkennt, so gibt es dennoch gewisse 
Stämme, welche entweder wegen der Tapferkeit ihrer Mitglieder 
oder wegen der Kraft ihrer Zaul)Grer gefürchtet werden und in 
einem gewissen Ansehen stehen. 

Sprach e. 

Die Sprachen Australiens sind sehr zahlreich, was sich aus 
dem Zerfallen der Bewohner in eine Menge kleiner Stämme, deren 
mehrere blos aus einigen Familien bestehen, leicht erklärt. Trotz 
ihrer Mannigfaltigkeit scheinen alle diese Sprachen dennoch im 
tiefsten Grunde verwandt zu sein, ein Factum, welches sowohl durch 
die Bemerkungen einzelner Reisenden, als auch durch eine genauere 
Analyse derselben bestätigt wird. In weiterer Beziehung hängen 
sie jedoch mit keiner Sprache, weder der neuen, noch der alten 
Welt zusammen, sondern stehen, gleich der australischen Rasse, voll- 
kommen isolirt da. 

Der Bau der australischen Sprachen ist polysyllabisch. Die 
Silben lauten in der Regel consonantisch und stets einfach an, und 
lauten auf einen Vocal oder einen flüssigen Consonanten aus. Von den 
Consonanten kommen nur die momentanen Stummlaute (k, t, p) vor ; 
der Hauchlaut h, die Spiranten (f, w) und die Sibilanten (s, z) fehlen 
gänzlich. Die Formen werden aus der Wurzel vermittelst des Pro- 
cesses der Suffigirung gebildet, ein für die Entscheidung der Ver- 
wandtschaft der australischen mit anderen, z. B. den polynesischen 
Sprachen schwer wiegendes Merkmal. Bekanntlich kommt sowohl in 
den malayo-polyuesischen als auch in den Papua -Sprachen die 
Präfixbildung zur Verwendung, welche schon an und für sich ent- 
schieden gegen eine gegenseitige Verwandtschaft Verwahrung einlegt. 

Da der Accent meistens auf der vorletzten Silbe ruht, so haben 
die australischen Spracher. keinen unangenehmen Klang. Bei dieser 
sinnlichen Wohlgestaltung sind sie auch, was die innere Form be- 
trifft, gut eingerichtet. Sie sind sehr reich an Ausdrücken für sinn- 
liche Anschauungen, in deren Ausmalung sie sich gefallen. Dagegen 
mangeln ihnen Ausdrücke für Begriffe ganz und gar. Sie sind voll- 
kommen adäquat den beschränkten geistigen Bedürfnissen des 
Australiers, dessen ganzes Denken sich blos in den Dingen des 
täglichen Lebens bewegt, — Merkwürdig ist auch der Umstand, 
dass der Australier, wie aus seiner Sprache hervorgeht, für Zahlen 



188 

— also für Abstractioneu — gar keinen Sinn zeigt, indem die 
meisten Stämme nur . bis „drei", einige bis ,fünf", welches oben- 
drein ein unbestimmter Ausdruck ist, zählen können. 

Die Producte des dichtenden Volksgeistes sind, wie sich nach 
der niederen Culturstufe erwarten lässt, bei den Australiern ganz 
unbedeutend ; ihre Lieder sind kurze abgerissene Gedanken ohne einen 
tieferen Zusammenhang, wie sie die augenblickliche Erregung ein- 
gibt. Von Fabeln, Märchen und Sinngedichten, wie sie der Hotten- 
tote und der Neger in grosser Anzahl und gelungener Form besitzen, 
ist keine Spur vorhanden. 

2. Arkfiker oder Hyperboreer.'^') 

Unter diesem Ausdrucke begreifen wir eine Keihe von Völkern 
im Nordosten Asiens und im Nordwesten und Norden Amerikas, 
welche anthropologisch von den Hochasiaten einerseits und den 
Indianern andererseits abweichen, wie sie denn auch ethnologisch 
weder mit den einen noch mit den andern zusammenhängen. Nach 
den über sie bekannten Nachrichten sind nur diese Thatsachen als 
gewiss anzunehmen, während der Umstand, ob sie wirklich einen 
einheitlichen Kassen tjpus bilden oder mehrere, gegenwärtig nicht mit 
völliger Sicherheit entschieden werden kann. Uns seheint jedoch der 
erstere Fall mehr wahrscheinlich zu sein als der letztere, daher wir 
auch den obigen Ausdruck zur einheitlichen Bezeichnung aller dieser 
Völker gewählt haben. 

Wie die Verbreitung dieser Völker über die nordöstliche Spitze 
Asiens, namentlich die Halbinsel Kamtschatka, die Kurilen und die 
unterhalb der Mündung des Amurflusses gelegene Spitze, sowie das 
ganze nordwestliche und nördliche Amerika darthut, muss die "Wande- 
rung derselben von Asien ausgegangen sein, und es ist mehr als 
wahrscheinlich, dass diese Kasse vor Ausbreitung der mongolischen 
den grössten Theil des Nordens und Nordostens dieses Welttheils be- 
wohnte. Es sind blosse Trümmer einer Kasse und eines Völkercomplexes, 
die, wenn man den Traditionen über die ältere Bevölkerung Sibiriens 
glauben darf, jedenfalls sehr bedeutend gewesen sein müssen. — 



*) Ausführlich behandelt findet man die hieher gehörigen uordasiatischen 
Stämme bei Prichard, Naturgeschichte des Menschengeschlechtes, III, 2., S. 459 ff. 
Abbildungen finden sich in dem Praclitwerke von T. de Pauly. Description 
ethnographique des pL'U]des de la llussie, S. Petersbourg 18G2, fol. 



189 

Als zur arktischen oder Hyperboreer-Rasse gehörig betrachten wir 
folgende Völker: Ä. in Asien: 1. die lukagiren, 2. die Tschuktschen 
mit den Korjaken , 3. die Kamtschadalen (Itelnien) mit den Ainos 
(lüirilier), 4. die Jenissei-Ostjaken mit denKotteu; B. in Amerika: 
5. die Innuit-Stämme, G. die Aleuten. 

1. lukagiren. *) 

Die lukagiren (lukaliiren), Avelche sich selbst Adon domni 
nennen und von den Korjaken Aetäl genannt werden, wohnen öst- 
lich von den Jakuten und Tunguseu an den Flüssen Jana, Indi- 
girka, Alaseja, Kolyma und dem oberen Auadyr.**) Sie sind der 
spärliche Ueberrest eines grösseren Volksstammes, welcher vor dem 
Eindringen der Jakuten und Tungusen im nordöstlichen Sibirien 
sesshaft war und nebst den lukagiren die nun verschwundenen 
Omoken, Schelagen und Aniuyleu umfasste.***) Die Tschu- 
wanzen. welche namentlich am Auiuy und dem oberen Anadyv 
nomadisiren, sind eine Unterabtheilung der lukagiren. 

Die älteren Nachrichten beschreiben die lukagiren als ein 
kriegerisches Volk von kräftigem und schönem Körperbau, ganz 
verschieden von den kleinen Samojeden. Durch Kriege mit ihren 
Nachbarn, den Tschuktschen und Korjaken, und zuletzt mit den 
Russen sind sie sehr heruntergekommen und haben sich mit anderen 
Stämmen vielfach gemischt. 

Die lukagiren sind noch gegenwärtig grosse, schön gebaute 
Gestalten von heller Hautfarbe. Namentlich bei den Weibern der- 
selben tritt die letztere Eigenschaft stark hervor. Ihr Gesicht ist 
länglich und schön geformt, Augen und Haar sind schwarz. 

Ihre Kleider, deren man in der Regel zwei über einander an- 
zieht, sind aus Renthierfellen gefertigt. Sie wohnen in grossen 



*) Vergl. Wrangel, F<^rdin. v., Reise , längs der Nordküste von Sibirien 
in den Jahren 1820 bis 1824, Berlin 1839, 8", 2 voll. (Bd. 38 und .39 des Magazin 
von merkwürdigen neuen Reisebescbreibungen). 

**) Das Gebet des Herrn in den Sprachen Russlauds, St. Petersburg 1870, 
4^ S. 3, und die von R. d'Erckert entworlene, von Kiepert ausgeführte ethno- 
graphische Karte zum Pauly'sclien Prachtwerke. Die ethnographische Weltkarte 
zu Waitz, Anthropologie der Naturvölker, Bd. VI, gibt die Sitze derselben nicht 
richtig an. In dem ethnographischen Theile der Novara-Expedition wo die Sitze 
ebenfalls nicht ganz genau bestimmt sind, ist statt des Druckfehlers Lena — 
Jana zu lesen. 

***) Wrangel a. a. 0., I, 190, II, 5. 



190 

hölzernen Hütten. Ihre Hauptbeschäftigung sind der Fischfang und 
die Keuthier- und Gänsejagd, daneben wird eine Wurzel mit mehligem 
süsslichem Fleische von den Weibern fleissig eingesammelt und für 
den Winter aufbewahrt. — Die lukagiren sind besondere Liebhaber 
des Gesanges und Tanzes: sowohl Lied als Melodie werden impro- 
visirt. Gleich den anderen Völkern Nordasiens sind auch sie dem 
Schamanismus zugethau. 

Gegenwärtig soll die Anzahl der lukagiren, mit Einschluss 
der 200 Tschuwanzen, nicht mehr als 1000 Seelen betragen. (Das 
Gebet des Herrn in den Sprachen Kusslands S. 3, und T. de Paulv 
Description ethnographique des peuples de la Kussie.) 

II. Die Tschiiktschen und Korjaken.*) 

Die Tschuktschen (Renthier-Tschuktschen)**) bewohnen den 
äussersten nordöstlichen Winkel des asiatischen Festlandes, mit 
Ausnahme des Küstengebietes, von der Koliutschin-Bay im Norden 
bis zum Golf von Auadyr im Süden. Ihre südliche Grenze ist 
der Fluss Anadyr, im Westen reichen sie bis zum Cap Schelagow: 
doch finden sich auch Tschuktschen südlich vom Auadyr, wo sie 
sich mit den Korjaken vermischen. 

Die Korjaken***) wohnen südlich vom Flusse Anadyr, wo sie 
auf der Halbinsel Kamtschatka bis zum Flüsschen Ukoi im Osten 
und bis zum Flüsschen Chariuska im Westen reichen; ferner bewohnen 
sie das ganze Küstengebiet, w^elches vom Flusse Penschina bis 
zum Flüsschen Nuktschan sich erstreckt. Sie zerfallen in zwei Ab- 
theilungen, nämlich sesshafte Korjaken, w^elche die Küstengegenden 
bewohnen und sich hauptsächlich vom Fischfange ernähren, und 
wandernde Korjaken, welche mit ihren Renthierherdcn in dem 
Inneren des Gebietes herumziehen. 

Die Eenthier- Tschuktschen und Korjaken, welche sich selbst 
Tschauktschu nennen, woraus die Russen das Wort Tschuktschi 



*) Die Tschuktschen nach F. Lütke (Eiman's Archiv für wissenschaft- 
liche Kunde von Kusshmd, III (1843) S. 446), Krascheninnikow, Stephan. 
Opisanie zenili kanitschatki — St. Petershurg 17-55, 4°, 2 voll., französische 
Uebersetzung : Histoire de Kamtschatka, traduite par M. E***, Lyon 1767. 12". 
voll., II, p. 21.5 if. 

**) Die sogenannten Fischer-Tschuktschen (Naniollo^ gehören niclit hiehev 
sondern zu den Innuit (siehe weiter unten). 

***) Der Name Korjak soll von Kora „Rennthier" stammen (vgl. Kraschenin- 
nikow, II, 85) und wurde ihnen von den Russen beigelegt. 



191 

gebildet haben, sind im Grunde ein Volk; die Sprachen beider 
Stämme sind mit einander aufs innigste verwandt, auch die Sitten 
und von beiden gebrauchten Geräthe sind dieselben, nur dass sich 
die Korjaken von den Tschuktschen in ihrer Lebensweise durch 
grössere Unreinlichkeit unterscheiden. 

Die Kenthier-Tschuktschen sind grosse stark gebaute oft gigan- 
tische Leute. Ihr Gesicht ist ilach, mit hervorstehenden Backen- 
knochen, kleinen aber nicht schiefgeschlitzten Augen und lioher Stirn. 

In Betreff der Kleidung haben die Tschuktschen in neuester 
Zeit viel Russisches angenommen. Die alte Kleidung, welche noch 
hier und da getragen wird, bestand aus einem kurzen Unterkleide 
aus lienthierhäuten und zwei bis drei laugen Überkleidern aus den 
Eiugeweideu der Seelöwen, Bären oder Walrosse. Dagegen sind 
ihre Waffen und Geräthe, nämlich Bogen, Pfeil, Lanze und Messer, 
noch immer die alten , weil Flinten an sie zu verkaufen von russischer 
Seite verboten ist. « 

Ihre Kähne (Baidaren) sind flach gebaute Fahrzeuge, bestehen 
aus Treibholz und sind mit Walrosshäuten überzogen. 

Die Tschuktschen wohnen Sommer und Winter in Zelten von 
gegerbten Renthierfellen (Jurten.) In einer solchen Jurte, die 
ziemlich gross ist, wohnen in der Regel mehrere Familien beisammen, 
daher auch das Innere derselben durch herabhängende Felle in 
mehrere Abtheilungen getheilt ist. — 

Die Tätowirung besonders am Arm und an der Brust wird all- 
gemein geübt. Von den narkotischen Genussmitteln ist besonders 
der Tabak beliebt, der in grossen Pfeifen geraucht wird. Ihre 
Tänze sollen zwar sehr monotoii, aber im höchsten Grade obscön sein. 

Unter den Korjaken unterscheiden sich die beiden Abtheilungen 
der sesshaften und wandernden sowohl durch ihre Leibesbeschaffen- 
heit als auch ihre Sitten. Die sesshaften ähneln den Kamtschadalen 
und Renthier- Tschuktschen; sie sind gleich diesen grosse, stark 
gebaute Leute. Dagegen sind die wandernden klein und mager. 
Das Haupt ist klein, das Haar schwarz, die Augen klein, die Nase 
kurz und stumpf, dagegen der Mund gross. Dieselben sind van 
unglaublicher Eifersucht gegen ihre Weiber besessen; wird ein 
Weib auf frischem Ehebruch ertappt, so wird sie sammt ihrem 
Verführer auf der Stelle niedergemacht. Daher sollen die Weiber 
der wandernden Korjaken einer besonderen Unreinlichkeit sich be- 
fleissigen, um ja nicht den Fremden verführerisch zu erscheinen. 



192 

Dagegen sind die sessliaften Korjaken auf ihre Weiber, namentlich 
den Fremden gegenüber, wenig eifersüchtig. Es ist allgemeine Sitte, 
sowohl bei den Korjaken, als auch bei den Tschuktschen, einem Gast- 
freunde sein Weib oder seine Tochter zur freien Verfügung anzu- 
bieten, und es wäre eine schwere Beleidigung, wenn Jemand von 
dieser Erlaubniss keinen Gebrauch machen möchte.*) Zu diesem 
Zuge, der auf eine bei einem Naturvolke beinahe unbegreifliche 
Sittenverderbniss hinweist, tritt noch ein anderer hinzu, nämlich 
die allgemeine Verbreitung der Päderastie. Diese widernatürliche 
Gewohnheit wird unter diesen Völkern ganz offen betrieben und es 
gibt zahlreiche Männer, welche aufgeputzt gleich einem Weibe und 
geübt in buhlerischen Verführungskünsten sich dem Schandgewerbe 
öffentlich hingeben. **) 

Gleich den meisten Völkern Nordasiens hängen die Tschuktschen 
und Korjaken dem Schamanismus an. Der Schaman, der in der 
Regel ein in Taschenspielerkünsten erfahrener Mann sein muss, 
befasst sich vornemlich mit der Heilung der Krankheiten , mit 
Wahrsagen u. a. Die gegenwärtige Anzahl der Tschuktschen wird 
auf 10,000 angegeben; die der Korjaken soll bedeutend geringer 
sein. (Das Gebet des Herrn in den Sprachen Russlands S. 4.) 

III. Die Kamtschadalen (Itelmen) und die Aiiio oder Kurilier. ***) 

Die Kamtschadalen, welche sich selbst Itelmen (welches aus- 
gesprochen wie Itenemen lautet)!), d. i. „Bewohner" (ürbewohner), 
nennen tt), bewohnen den südlichen Theil der Halbinsel Kamtschatka 
unterhalb der Flüsse Ukoi im Osten und Chariuska im Westen bis 
auf jenen Theil von Kurilskaja Lopatka, der von den Ainos besetzt 
ist, ferner die Insel Schumtschu, die erste der kurilischen Inseln. 



*) Vergl. Er man, Adolph, Reise um die Erde in den Jahren 1828, 
1829 und 1830, Berlin 1833, 8". Bd. II, 423. 

**) Verg]. Wrangel a. a. 0., II, 227, und Erman in Zeitschrift für Ethnologie 
von Bastian III, 161. 

***) Vergl. Krascheninnikow a. a. 0. , Eevue de l'Orient 18Go , Decemb. 
pag. 331, und Zeitschrift für Erdkunde der Gesellschaft in Berlin N. F. III 
(1857), 501 S. 

t) Erraan in Zeitschrift für Ethnologie, II, 307. 
tt) Vgl. itelachsa „ich wohne" (Erman in Zeitschrift für Ethnologie von 
Bastian II, 307). Der Nanie Kamtschadal soll von den Korjaken stimmen, 
welche ihre südlichen Nachbarn Kontsclial nennen. 



Die Aino sind die Bewohner der sogenannten Kurilen (mit 
Ausnahme von Schumtschu) und die Aboriginer der Inseln Jeso oder 
Matsmai und Sachalien, Identisch oder stammverwandt mit den Aino 
sind die Giljaken, die Bewohner des Sachalien gegenüberliegenden 
Festlandes, welches sich südlich vom Amur hinabzieht. Auf letzterem 
Punkte sind die Aino wahrscheinlich die Aboriginer, wo sie durch 
die immer mehr und mehr vordringenden See-Tunguseu oder Lamuten 
sowie andere tungusische Stämme eingeschränkt wurden. 

Ihrer äusseren Erscheinung nacii werden die Kamtschadalen 
ähnlich den anderen Nordasiateu, aber mit mehr länglichen Ge- 
sichtern und weniger hervorragenden Backenknochen beschrieben; 
sie haben grossen Mund, grosse Zähne und besonders starke Schultern. 

Die Kamtschadalen zeichnen sich von ihren Nachbarn durch 
eine besondere Unreinlichkeit aus. Sie waschen sich weder Gesicht 
und Hände, noch kämmen sie sich die Haare, daher diese mit Un- 
geziefer angefüllt sind. Sie essen mit ihren Hunden aus demselben 
Geschirre, welches nie ausgewaschen wird. 

Ihre Wohnungen sind je nach der Jahreszeit doppelter Art. 
Die Winterhäuser bestehen aus grossen, etwa 5 Schuh tiefen Erd- 
löchern , welche mit Rasen und Erde eingedeckt sind und in der 
Mitte ein viereckiges Loch haben, das zugleich als Fenster, Rauch- 
fang und Thüre dient, durch die man mittelst kleiner Leitern in die 
Tiefe hinabsteigt.*) Die Sommerwohnungen, sogenannte Balagane, be- 
stehen in leichten Hütten, die auf zwei Klafter hohen Gerüsten auf- 
geführt und mit Gras und Strauchwerk eingedeckt sind. In diesen 
Hütten pflegen sie auch ihr Wildpret und ihre Fische zu dörren 
und über den Winter aufzubewahren. Ein solcher Balagan hat 
zwei einander entgegengekehrte Thüren, wodurch er im Inneren sehr 
luftig zu sein pflegt.**) 

Ihre häuslichen Geräthe bestehen in Platten, Kannen und 
Trögen aus Birkenholz. Ihre Schneide-Instrumente (Messer, Hacken) 
und Waftenspitzen (Bogen, Pfeil, Lanze) waren, als die Russen in 
Kamtschatka erscliienen, aus Walfischbein, Renthierknochen oder 
Stein verfertigt, doch waren hie und da eiserne Stücke im Gebrauche, 
die von den Aino eingehandelt waren und wahrscheinlich aus 
Japan stammten. 



*) Vergl. die Abbildung bei Krascheninuikow in der russischen Original- 
Ausgabe, II, S. 25. 

**) Vergl. Krascheninnikow in der russischen Original-Ausgabe, II, S. 38 
und 44. 

Müller, Allg. Ethnograph!«. 13 



194 

Die Hauptnahrung der Kamtschadaleu ist dem Ertrag ihrer 
Beschäftigung, dem Fischfänge, entnommen. Daneben kommen die 
Wurzeln und Beeren, welche von den Weihern eingesammelt Aver- 
den, fast gar nicht in Betracht. Die Fische werden zerschnitten 
imd getrocknet oder geräuchert: einzelne Theile wirft man in grosse 
Gruben, überlässt ßie der Gährung, wodurch sie einen unbeschreib- 
lich stechenden Geruch und Geschmack annehmen, und schöpft dann 
die Jauche mittelst grosser Löffel heraus. Als Getränk ist ein be- 
rauschender Absud des Fliegenschwamms besonders beliebt. Ihre 
Kleider sind aus den Häuten der wilden Thiere, Hunde und See- 
thiere verfertigt: man zieht, wie anderwärts, zwei derselben über 
einander an. Wie anderwärts bei den Hyperboreern (z. B. bei den 
Eskimo) gehört es zu den Beschäftigungen der Weiber, das Haus 
zu bauen, die Fische zu zertheilen und zu dörren, die Häute für 
die Kleider zuzubereiten und den ganzen Haushalt zu besorgen. 
Bei Eeisen an Wasser bedient man sich eigener Boote (Baidaren) 
zu Lande leichter Schlitten, die mit Hunden bespannt werden.*) 

AVie die anderen Völker Nordasiens leben auch die Kamtscha- 
dalen in Polygamie; jeder Mann nimmt sich in der Kegel zwei bis 
drei Frauen. Auf die Jungfrauschaft der Braut wird wenig Werth 
gelegt; in gleicher Weise sind auch die Frauen auf ihre Männer 
wenig eifersüchtig. Vor dem Erscheinen der Eussen in jenen Gegen- 
den lebten die einzelnen Familien unabhängig von einander, höchstens 
dass mehrere derselben unter einem Aeltesten, der aber keinen Ein- 
fluss auf die inneren Angelegenheiten der einzelnen Familien aus- 
übte, vereinigt waren. 

Die religiösen Ideen der Kamtschadaleu sind sehr verworren 
und weichen von jenen der anderen Völker Nordasiens nicht sehr 
ab. Doch trifft man unter ihnen keine Schamanen, sondern die 
alten Weil)er vertreten die Stelle derselben. Ihre Todteu werfen 
sie den Hunden vor, um von ihnen aufgefressen zu werden, indem 
sie glau])en, dass diese von ilinen gezogen um so leichter ins Jen- 
seits gelangen. Zu diesem Zwecke wird der Leiche ein lederner 
lliemen um den Hals gelegt und diese aus der Hütte heraus- 
gezogen und den lauernden HunJen hingeworfen. Die gegenwärtige 
Anzahl der Kamtschadaleu soll kaum 2000 Seelen betragen. (Das 
Gebet des Herrn iji den Sprachen Kusslands, S. 5.) 



*^) Vergl. Krasclieniiinikow in der russisclien Original-Ausgabe, II, S. 54. 



195 

Die Aino (d. li. „Menschen") oder Kurilier*) wenleu als eiu 
eigentbümliclier Menschenschlag beschrieben. Von Natur klein, 
haben sie ein rundes Gesicht und einen dichten schwarzen Bart. 
Auch der übrige Körper soll sehr stark behaart sein. Die Farbe 
der rauhen Haut ist kupferbraun. Die Sitte, das Haar bis auf 
einen Kranz zu scheeren, scheinen die Aino von den Japanesen 
angenommen zu haben, ebenso auch die Mode , in den Ohrläppchen 
Gehänge von Silber zu tragen. Originell ist die Sitte, sich die Lippen 
zu schwärzen. Der Arm bis an den Elleubogeu wird mit verschie- 
denen Figuren tätowirt. 

Hire Kleider bestehen aus den Fellen verschiedener Thiere, 
namentlich der Seethiere und Vögel. Im Uebrigen gleichen sie in 
Kleidung, Wohnung und Bewaffnung den Kamtschadalen ; doch 
zeichnen sie sieh durch eine grössere Eeiulichkeit und Freundlich- 
keit im Umgänge vor diesen aus. Auch sie leben in Polygamie, 
auch ihre Frauen sind wenig fruchtbar. 

Merkwürdig ist die Verehrung des Bären bei den Aino, eine 
Sitte, die unter den Hyperboreern und den Völkern Nordasieu.^ über- 
haupt wiederkehrt. 

IV. Die Jeuissei-Ostjaken und Rotten , sammt den gegenwärtig 
tatarlsirten Arinen oder Arinzen nnd As.sanen. ** } 

Die Jenissei-Ostjaken wohnen am oberen Jeuissei und seinen 
Nebenflüssen, zwischen Jenisseisk und Turuchausk, die Arinzen in 
den sajauischen Steppen und die Kotten am Agul, einem Neben- 
flüsse des Kan. „Die Jenissei-Ostjaken zerfallen in zwei nun deutlich 
geschiedene Stämme, die sym'schen und die imbazkischen. Die 
Sym-Ostjaken leben meistens am Sym, aber auch hie und da zwischen 
dem Dorfe Auzyferow'a und der Podkamenuaja Tuuguska an den 
Flüssen Kas, Sym und Dubtsches auf der linken, und Pit und Kis 
auf der rechten Seite des Jenissei. Die imbazkischen Ostjaken 
wohnen an dem Flusse Bachta bis zur Kureika im Norden; ihr 
Centralpunkt ist der Jelogui, von dessen neun Mündungen zwei den 



*) Vergl. Davis, Joseph Barnard , Desciiptiou of the skeleton of au 
Aino wüiuan (Memoirs read befoie the anthropological society of London, III, 21). 
**j Vgl. Castren, A, Versuch einer jenissei-ostjukischen und kottischen 
Sprachlehre, St. Petersburg 1858, 8", ö. V ff. Prichard, J. C. , Natur- 
geschichte des Menschengeschlechtes, III, 2, S. 45t), und Klaproth, Jul., Asia 
polyglotta. Paris 1823, 8", p. 166 ff. 

1:3* 



196 

Dörfern Ober- und unter- Imbazk gegenüber liegen." (Castren, 
a. a. 0., VII ff.) Wir rechnen diese Völker deswegen zu der 
Hyperboreer- Rasse, weil sie einerseits in ihrer Sprache von den 
umwohnenden Ural-Altaiern sich unterscheiden, andererseits auch 
physisch von ihnen bedeutend abweichen sollen. 

Die Gesammtzahl der unter diese Völkersippe fallenden Indivi- 
duen dürfte kaum 1000 betragen. — Castren, der diese Völker 
besuchte, hatte nur mehr fünf Kotten, welche ihre Sprache und 
Nationalität bewahrt hatten, vorgefunden. Diese fünf Personen 
waren — wie Castren erzählt — übereingekommen, ein kleines Dorf 
am Agul anzulegen, wo sie ihre Nationalität aufrecht erhalten wollten. 
An diese haben sich mehrere bereits russificirte Kotten-Familien 
angeschlossen, so dass gegenwärtig die Anzahl der Kotten eine 
grössere als zu Castreus Zeiten sein dürfte. 

V. Die lunnit *) (Holraberg's Konjagen). 

Zu denselben gehören die Grönländer , die nördlichen und 
westlichen Eskimo, ferner eine Reihe von Stämmen, welche längs 
der Küste von Mount Elias an der Nordwestküste von Amerika im 
Süden bis an die Kotzebue-Bucht im Norden wohnen. Es sind dies 
speciell folgende: 

1. Die Ugalakmuten oder Ugalachmuteu,**) der süd- 
lichste dieser Stämme. Er erstreckt sich von der Icy-Bay bis zum 
Ausflusse des Kupferflusses. 

2. Die Tschugatschen oder Tschugatschi graute n. Sie 
bewohnen die Küsten und die Inseln des Tschugatsch- Golfes und 
die südwestlichen Küsten der Halbinsel Kenai. 

3. Die Konjagen, Kodjaken oder Kaniagmuteu. Die- 
selben bewohnen die Insel Kadjak und den grössten Theil der Halb- 
insel Aljaska, vom Iliamna-See bis etwa zum löd'^ Avestl. Länge. 



*) Innuit bedeutet „Mensclien, Volk", von innuk „i\Iensch". Die Laupt- 
säclilichsten Quellen für die Kenntniss dieser Völker sind: Holmberg, H. J., 
Ethnographische Skizzen über die Völker des russischen Amerika, I, Helsingfors 
1855 , 4". (Aus den Akten der Finnl. Societ. d. Wissenschaften besonders ab- 
gedruckt.) Dali, William, Alaska and its resources, Boston 1870, 8". Cranz, 
David, Historie von Grönland, Frankfurt und Leipzig 1770. 8". Etzel, Grön- 
land, geographisch und statistisch beschrieben, Stuttgart 1860, 8". Egede, P., 
Nachrichten von Grönland, Copenhagen 1790, 4". 

**) Die Endung -mut (Holmberg schreibt -mjut) bedeutet „Stadt, Platz", 
das ganze Wort in adjectivischcm Sinne bedeutet das Volk oder den Stamm, 
welcher diesen Platz bewohnt. 



197 

4. Die Aglegmiiteu (Holmberg) oder Oglemuten (Dali). 
Sie wohueu au der uördlichen Küste von Aljaska, vom 159° westl. 
Länge bis zur Spitze der Bristol-Bay und längs der nördlichen Küste 
dieser 13ay bis Point pjtoliu. 

5. Die Nuschagagmu teu (Dali) oder Kijataigmuten 
(Holmberg). Sie bewohnen die Küste nahe der Mündung des Nu- 
schagag-Flusses und reichen gegen Westen bis zum Cap Newenham. 

6. Die Kuskw ogmuten (Dali) oder Kuskok wigmuten 
(Holmberg'. Sie wohnen an den beiden Ufern der Kuskokwim-Bay 
und weiter hinauf an dem Flusse gleichen Namens. 

7. Die Agulmuten. Ihre Sitze erstrecken sich vom Cap 
Avinoff bis zum Cap ßomauzoö". Einzelne Familien wohnen auch 
auf der Insel Nunivak.*) 

8. Die Magemuten oder Ma gagmuten. Sie bewohnen 
die Strecke vom Cap liomauzoff bis zur Yukon-Mündung. **) 

9. Die Ekogmuten. Sie umfassen die Kwikhluagrauten 
und Kwikhpagmuten Holmberg's. Dieselben bewohnen das Yukon- 
Delta von Kipniuk bis Paschtolik. 

10. Die Uualig muten oder Unaleet. Sie umfassen die 
Tschnagmuten und Paschtoligmuten Holmberg's und wurden von 
andern auch fälschlich Aziagmuten genannt. Sie bewohnen die Küste 
von Paschtolik bis gegen Schaktolik. 

11. Die Mahlemuten (Dali) oder Maleigmuten (Holm- 
berg). Sie bewohnen die Küste von der Norton-Bay. Ihr östlichster 
Sitz ist Attenmut und iiir westlichster Punkt jenes Flüsschen, 
welches sich nördlich in die Sparavietf-Bay im Kotzebue- Sound 
ergiesst. 

12. Die Kaviagmuteu (Dali) oder Anligmuten (Holm- 
berg). Sie bewohnen die Halbinsel Kaviak und die Insel Aziak. 

13. Die Okeogmuten. Ihr Sitz sind die Inseln der Be- 
ringsstrasse. 

Die Jakutat, die Bewohner des Küstenlandes von Mount Fair- 
weather bis zum Mount Elias werden von Waitz (Anthropologie der 
Naturvölker III, 302) nach Buschmanns Vorgange ethnologisch 
(sprachlich) zu diesen Stämmen gerechnet; sie gehören aber 



*) Holmberg's Nachrichten über sie sind nach Dali nicht richtig. 
**) Die Angaben Holmberg's über diesen Stamm sollen nach Dali auch 
nicht richtig sein. 



198 

entschieden in dieser Eichtiing zu den Thlinket, speciell den Kolo- 
schen, also zur amerikanischen liasse. 

Dagegen sind hieher 7ä\ ziehen die sogenannten Fischer- 
Tschiiktschen oder Namollo, richtiger Tuski. Sie bewohnen 
die Küste Nordwestasiens von der Koliutschin-Bay im Norden bis zum 
Golf von Anadyr im Süden. Sie sollen erst vor etwa 300 Jahren in 
diese Gegenden aus dem nordwestlichen Amerika eingewandert sein. 

Da von allen diesen Stämmen hauptsächlich die Eskimo und 
darunter wieder die östlichen am besten bekannt sind, so werden 
wir diese unserer ethnographischen Charakteristik zu Grunde legen.*) 

Die Eskimo bewohnen gegenwärtig den höchsten Norden 
Amerikas und zwar nur den Küstenstrich, wo sie sich vom Fisch- 
fange nähren. Das Felsengebirge scheidet sie in zwei grosse Ab- 
theilungen, welche dialektisch verschiedene Sprachen reden. Die 
Unterschiede dieser beiden Idiome sind nicht unbedeutend , so dass 
Individuen dieser beiden Abtheilungen ohne vorherigen längeren 
Verkehr sich nicht leicht verständigen können. 

Der Name Eskimo stammt von den Abenaki, einem Algonkin- 
stamme, der ihnen benachbart wohnt. Dieselben nennen sie Eski- 
mautsik, d. h. „Roh-Fleisch-Esser",**) während die Eskimo sich 
selbst lunuit, d. h. „Menschen", benennen.***) Der Name Karalit, 
den sie nach den Angaben einiger Missionäre sich beilegen sollen, 
ist kein einheimischer. Nach Egede's Lexicon der grönländischen 
Sprache unter dem Worte Karalek sollen die Eskimo diesen Aus- 
druck in älterer Zeit nicht gebraucht haben. p]r ist ihnen von den 
ersten Europäern, die mit ihnen zusammenkamen, nämlich den 
Normännern, beigelegt w^orden und ist nichts anderes als der nach 
den Lautgesetzen der Eskimosprache umgestaltete nordische Aus- 
druck skrälling (Zwerg). Die Normänner nämlich nannten alle 
Bewohner des nördlichen Amerika, mit denen sie auf iliren Fahrten 
zusammentrafen, und vornehmlich die nördlichsten derselben, die 
Eskimo, skrällinger (Zwerge), f) Dieselben scheinen damals das von 
den Normännern besuchte Winland (wahrscheinlich das heutige 
Massachusetts) bewohnt zu haben , von wo sie im Laufe der Zeit 



*) Ueber das Rassenmoment bei den Eskimo vergl. Morton. Types of 
mankind, VII!. ed : Philadclpliia 18G0, 8«, pag. 44(5. 

**) Cranz, David, Historie von Grönland, Frankfurt 1779, 8«, S. 303. 
***) Cranz, a. a. 0., S. 160. 
t) Cranz, a. a. 0., S. 296. 



199 

vor tleu sich ausbieiteiuleu Algoi)kinstämmeii weiter nach Norden 
zurückAveichen mussten. 

Wie bekannt, siedelten sich die Normänner in Grönland au 
und blieben dort bis zum Anfange des 15. Jahrhunderts, wo die 
Colonieu in Vergessenheit geriethen , so dass die Colouisten theils 
getödtet wurden, theils mit den Eingebornen sich vermischen mussten. 
Üaher findet man namentlich iu Süd-Grönland noch heut zu Tage 
deutliche SpiirL'u einer ehemaligen Vermischung mit Europäern, 
indem man häufig europäisch-geformten Physiognomien mit blondeu 
Haaren begegnet. 

Der leibliche Typus der Eskimo stellt sich nach den Beobachtungen 
mehrerer Reisenden, namentlich von David Cranz*), folgendermassen dar : 

Die Höhe des Körpers beträgt meistens unter, seltener über 
fünf Schuh. Der Schädel ist gross, von lauger, schmaler, beinahe 
pyramidaler Form, das Gesicht breit mit einer nach oben sich ver- 
riugenden Stirn. Die Backenknochen sind breit und vorragend, die 
Nasenbeine platt, so dass sie mit der Stirnfläche und den Backen 
beinahe in einer Linie zu liegen scheinen. Der Mund ist klein 
und rund und die Unterlippe etwas dicker als die obere. Die Augen 
sind klein, schwarz und etwas schief geschlitzt, Füsse und Hände 
sind klein und zart, dagegen Brust uud Schultern sehr breit 
und stark. Der ganze Körper ist sehr fleischig und reich an Fett 
und Blut. Die Farbe der Haut ist am Leibe dunkelgrau , im An- 
gesicht dunkelbraun mit einem Stich ins Eöthliche; doch sollen 
die Kinder weiss zur AVeit kommen uud erst nach und nach in 
Folge des Klimas, der animalischen Nahrung uud der Unreiulichkeit 
die oben geschilderte Farbe erhalten. Das Haupthaar ist pechschwarz, 
straft" uud laug, dagegen ist das Barthaar ziemlich spärlich und 
wird auch sorgfältig ausgerupft. Die durchschnittliche Lebensdauer 
beträgt beim Mann wegen der aufreibenden Strapazen, welche seine 
Beschäftigung mit sich bringt, selten über 50 Jahre , während das 
"Weib oft ein Alter von 70 bis 80 Jahren erreicht. 

lieber den psychischen Charakter der Eskimo urtheilt Cranz 
(Historie von Grönland, Frankfurt uud Leipzig 1779, S'\ S. 162) 
folgendermassen. Ihr Temperament ist vorwiegend sanguinisch- 
phflegmatisch; sie sind zwar immer aufgeräumt und freundlich, aber 
nicht lustig und ausschweifend. Unbekümmert um die Zukunft und 
entfernt von jedem Geiz sind sie doch karg im ]\littheilen. Ohne 



*) Vergl. Historie von Grönland, S. 160 ff. 



200 

hochmüthig zu sein „haben sie aus Unwissenheit eiil grosses Mass 
von dem sogenannten Bauernstolz, setzen sich weit über die Euro- 
päer, oder Kabhinät, wie sie sie nennen, hinaus und treiben wohl 
förmlichen Spott mit ihnen. Denn ob sie gleich die vorzügliche 
Geschicklichkeit derselben an Verstand und Arbeit gestehen müssen, 
so können sie doch dieselbe nicht schätzen. Dahingegen gibt ihre 
eigene unnachahmliche Geschicklichkeit im Seehundsfang, wovon sie 
leben und ausser welchem sie nichts unentbehrlich benöthigt sind, 
ihrer Einbildung von sich selbst genugsam Nahrung. Und sie 
sind in der That auch nicht so dumm und stupid, als man die 
Wilden insgemein ansieht; denn in ihrer Art und Geschäften sind 
sie witzig genug. Sie sind aber auch nicht so sinnreich und raffinirt, 
als sie von manchen ausgegeben werden. Ihr Nachdenken äussert 
sich in den zu ilirem Bestehen nöthigeu Geschäften, und was da- 
mit nicht uuzertrennlicli verbunden ist, darüber denken sie auch 
nicht. Man kann ihnen also eine Einfalt ohne Dummheit und eine 
Klugheit ohne Eaisonnemeut zuschreiben." 

Die Eskimo haben grosses Geschick für mechanische Arbeiten, 
was sich schon aus ihren Geräthen, Waffen und Booten entnehmen 
lässt.*) Sie sind fleissig, haben aber wenig Ausdauer, so dass sie 
ein Gescliäft, wenn unvorhergesehene Schwierigkeiten dazwischen 
treten, unbeendigt lassen. Sie sind geduldig und weichen lieber 
aus, wenn man ihnen zu nahe tritt, dagegen in die Enge getrieben, 
werden sie wild und sclirecken selbst vor dem gewissen Tode nicht 
zurück. Meister in der Unterdrückung ihrer Affecte, sind sie scheinbar 
schwer zum Zorn zu reizen; sie werden in solchem Falle stumm, 
mürrisch und vergessen nicht sich zu gelegener Zeit zu rächen. 

Die Eskimo sind ein Fischervolk. Ihre vorzüglichste Nahrung 
bilden der Seehund, der Walfisch, der Häriug und andei'e Seethiere, 
welche sie in iliren leichten Booten fangen und für die Zeit des 
Winters zu grösseren Vorräthen aufspeichern. Das Fleisch wird dann 
getrocknet und in der Eegel roh gegessen. Andere, namentlich 
vegetabilische Speisen, wie Beeren, Kräuter, Wurzeln und Seegras, 
können nur als Delicatesseu, die man zur Erfrischung geniesst, 
gelten. Als besondere Delicatesse gilt Renthierfleisch ,**) sowie der 



*) Belcher, Edw. ün tlie uiaiiufacture of works of art b}'' the Esqui- 
maux. (Traiisactions of the cthnological soc^ety of London , N. ö. I, 129.) 

**) Das Fleisch des Hisen wird vom Eskimo sonderbarerweise nicht 
geschätzt, daher auch sehr selten gegessen. 



201 

Kentbiermagen mit seinem Inhalte, welcher Nenikak, d. h. das 
Essbare kat-exocben, genannt wird. Man pflegt denselben, sowie die 
Eingeweide einer Kebhnhnart, mit Thran und Beeren gemengt zu 
verspeisen und zwar nur in Gemeinschaft mit den besten Freunden. 

Das Trinken von Thran, welches man von den Eskimo er- 
zählt, ist, wenigstens in diesem Umfange, eine Erfindung. (Vergl. 
Crauz, a. a. 0., 174.) Ebenso sind dieselben keine besonderen 
Freunde von geistigen Getränken; ihr Getränk besteht in der Kegel 
aus frischem Wasser, das in kupfernen oder hölzerneu Gefässeu 
aufbewahrt und täglich in Schläuchen, die aus starkem Seehundsleder 
zusammengenäht sind, ins Haus gebracht wird. Dagegen sind die 
Eskimo leidenschaftliche Verehrer des Tabaks, den sie tlieils raucheu, 
theils — und zwar häufiger schnupfen. Die letztere Leidenschaft ver- 
mag den Eskimo in demselben Grade zu beherrschen, wie ander- 
wärts der Haug zu berauschenden Getränken den Mann gefangen 
nimmt, so dass er oft lieber sein letztes Hab und Gut hingibt uud 
mit den Kindern Noth uud Elend leidet, als dass er den Geuuss 
des Schnupftabaks sich versagen könnte. 

Die Wohnungen der Eskimo bestehen während des Winters 
in festen Häusern, im Sommer in Zelten. Die Wiuterhäuser sind 
zwei Klafter breit und vier bis zwölf Klafter lang und in jenen 
Gegenden, wo Treibholz vorhanden ist, aus diesem, sonst aus Steinen 
oder Eisblöcken aufgebaut. Sie sind in der Kegel auf erhöhten 
Punkten, am liebsten auf Felsen erbaut, damit der Schnee leichter 
weggeweht werde und das Schnee- Wasser ablaufe. Man bedeckt 
sie mit Käsen uud Erde, wodurch das Dach in gefrorenem Zustande 
an Haltbarkeit gewinnt. Die Thür, welche auch als Schornstein 
dient, vertritt ein 2 bis 3 Klafter langer gewölbter, niedriger, im 
rechten Winkel gebrochener Gang, durch den man in das Innere 
hineinkriechen muss. Dieser Gang soll sowohl Wind und Kälte 
vortrefflich abhalten, als auch eine gute Ventilation vermitteln. 
Auf beiden Seiten dieses Ganges befinden sich viereckige elleugrosse 
Oefthungen, welche mit zusammengenähten Scehundsdärmen ver- 
macht sind. Dieselben spenden hinreichend Licht uud halten Schnee 
und Wind ab. Die Wände sind von Innen mit abgenutzten Zelt- und 
Boot-Fellen behangen, um die einsickernde Feuchtigkeit abzuhalten. 

Von der Mitte des Gebäudes an zieht sich gegen die rück- 
wärtige W\and eine Vz Elle über dem Fussboden erhabene Pritsche 
aus Tannenholz -Brettern, welche mit Fellen bedeckt ist und zum 
Sitzen und Schlafen der Familie dient. In der Kegel ist, da ein 



202 

Haus von mehreren Familien bewolint wird, diese Pritsche durch 
herabhängende Felle abgetheilt, so dass jede Familie eine solche 
Abtheilung bewohnt. An jeder Abtheilung befindet sich eine Feuer- 
stelle. Dieselbe besteht in einem Stein oder Holzklotz, auf dem 
sich eine aus Weich stein verfertigte halbmondförmige Lampe be- 
findet. *) Diese Lampe wird mit Thran gefüllt, in welchen man 
klein geriebenes Moos statt des Dochtes hineinlegt, lieber der 
Lampe hängt ein mit vier Schnüren am Dache befestigter aus 
Weichstein gehauener Kessel, in welchem die Speisen gekocht 
werden. Ueber dem Kessel befindet sich ein aus hölzernen Stäben 
gemachter Eost, auf welchem die Eskimo ihre nassen Kleider zum 
Trocknen auslegen. 

Die Vorrathskammern, in denen sie ihr Fleisch aufbewahren, 
befinden sich ausserhalb der Wohnungen ; sie haben die Form von 
Backöfen und sind aus Stein aufgebaut. 

Die Sommerzelte bestehen aus einem Gerüste von mehreren 
in der Form eines Viereckes aufgestellten und mit der Spitze zu- 
sammenlaufenden Stangen , welches mit einer doppelten Decke von 
Seehundsfellen belegt wird. Der untere Rand der Decke wird mit 
Steinen beschwert und mit Moos verstopft, damit der Wind sich 
darin nicht fange. Den Eingang verhängt man mit einem Vorhange 
aus zusammengenähten Därmen des Seehundes, wodurch der Wind 
abgehalten und gleichzeitig genug Licht durchgelassen wird. 

Die Winterhäuser werden im Oktober bezogen und im März, 
April oder Mai wieder verlassen , jenachdem der Schnee früher 
oder später schmilzt und das mit Erde und Rasen bedeckte Dach 
durchzuweichen droht. 

Das Bauen des Hauses und Zeltes, sowie auch die Ver- 
fertigung der häuslichen Geräthe und die Zertheilung des gefangenen 
Wildes ist ein Geschäft der Weiber, während der Mann nur das 
Material dazu herbeischafft. Jeder Eskimo würde eine solche Be- 
schäftigung für Etwas ihn entehrendes ansehen, daher denn auch 
die Weiber vor den Männern durch eine besonders starke Brust 
und feste Schultern sich auszeichnen. 

Die Kleider der Eskimo sind aus Seehunds- und Reuthierfellen 
und Vogelbälgen vorfertigt. In Südgrönland trägt man auch Woll- 



*) Das Feuer wird bei den Eskimo, sowie bei andereu Naturvölkern mittelst 
eines Holzstöckchens angemacht, das mittelst einer Schnur in einem durch- 
löclierten Holze mit Geschwindigkeit hin und her gedreht wird. 



203 

uiul Hamnwollstofte, die man vun den Europäern einhandelt. Man 
/ielit in der Kegel zwei Kleider über einander an , von denen eines 
mit einer Kapuze versehen ist, die man hei kaltem und nassem 
Wetter über den Kopf zieht. — Bei einer Fahrt auf die offene See 
zieht man einen schwarzen glatten Seehundspelz darüber an, oft 
auch darunter ein Hemd von Seehundsdärmen, um das Ganze mehr 
w^asserdicht zu machen. Beide Geschlechter tragen Beinkleider. 
Die Strümpfe bestehen aus den Fellen der Seehund -Eml)ryos und 
die Schuhe bei aen ]\lännern aus glattem, schwarzgegerbtem , bei 
den Frauen aus weiss- oder rothgogerbtem Seehundsleder. — Die 
Slütter und Kinderwärteriimen tragen einen weiten Pelz, der auf 
dem Kücken so weit ist, dass ein Kind darin Platz findet. Dieses 
steckt ganz nackt darinnen und ist vor dem Durchgleiteu durch 
einen um die Mitte des Leibes geschnallten Gurt gesichert. — Zu 
Hause sitzt man ])is auf die Beinkleider vollständig nackt in der 
Stube. Da die Alltagskleider von Schmutz förmlich triefen, sind sie 
auch mit Läusen angefüllt. Der Eskimo vertreibt sich seine Zeit, 
diese Thierchen zu fangen und mit den Zähnen zu zerbeissen. 

Das Haar wird von den Männern rund herum kurz ab- 
geschnitten, von den Weibern dagegen lang, in einen dicken, mit 
einem Bande und Glasperlen gezierten Zopf geflochten, getragen. 
Nur während der tiefsten Trauer schneidet das Weib seine Haare 
ab. Als grösste Zier gilt eine Art von Tätowirung am Kinn, an 
den Wangen , Händen und Füssen. 

Dieselbe besteht darin, dass mau die Haut an diesen Körper- 
theilen mit einem von Russ geschwärzten Faden durchnäht, wodurch 
sich schwarze Punkte bilden , so dass die Haut wie mit schwarzen 
Bartstoppeln bedeckt erscheint. Diese schmerzhafte Operation voll- 
zieht die Mutter au der Tochter schon während der Kindheit, aus 
Furcht, sie möchte sonst keinen Mann bekommen. 

Im Verkehr mit einander beobachten beide Geschlechter die 
grösste Züchtigkeit; selten hört man von der Verführung eines 
Mädchens. Dagegen leben junge Witwen und verstossene Weiber 
viel freier. 

Die Vielweiberei ist zwar dem Eskimo gestattet, aber man 
findet selten zwei, noch seltener drei bis vier Weiber.*) Li dem 
letzteren Falle wird der Mann, da man nicht Liebe zur Familie 



*) In niaiiclicii Gegenden trillt mii! das Gegenbld der Polygaiulo, die 
Polyandrie, gowölinlicli Dyandrie. 



204 

sondern Wollust als Triebfeder voraussetzt, von seineu Stamm- 
geuossen verachtet. Bei der Walil der Frau entscheiden nicht 
Besitzthümer, da sie in der Eegel ausser ihren Kleidern und 
Küchengeräthen nichts mitbekommt, sondern ihre Tüchtigkeit und 
Geschicklichkeit zu den häuslichen Arbeiten. Obschon die Frauen 
leicht, ohne alle fremde Beihilfe gebären, sind sie nicht besonders 
fruchtbar. Man trifft gewöhnlich drei bis vier, selten sechs Kinder 
in den einzelnen Familien. Die Fruchtbarkeit anderer Nationen, 
von der sie hören , vergleichen die Eskimo spöttisch mit der 
ihrer Hunde. 

Die Kinder werden von den Eltern innig geliebt. Sie wacht-eu 
zwar ohne alle Zuclit auf, man merkt aber au ihnen nicht jene 
Piohheit und Gewaltthätigkeit, welche bei anderen liasseu so oft 
hervorzutreten pflegen. In der ßegel befleissigen sich die Jungen 
gegenüber den Alten eines sittsamen, bescheidenen Betragens. 

Sobald der Knabe laufen kann , wird er in der Führung der 
Waffen und im Rudern des Bootes vom Vater unterriclitet. Mit 
dem fünfzehnten Jahre muss er selbstständig auf den Seehuudsfang 
mitgehen. Mit dem zwanzigsten Jahre muss er Waffen und Boot 
sich verfertigen und kann sich nun verheirathen. Auch das Mädchen 
muss von dem vierzehnten Jahre an die Mutter in allen li ausliehen 
Arbeiten, wie Kochen, Nähen, Gerben ,*) Häuser und Boote bauen, 
unterstützen, worauf sie dann, nachdem sie gehörig ausgebildet ist, 
einem Manne zum Weibe gegeben wird. Die jungen Eheleute 
wohnen bei den Eltern des Mannes, so lange diese leben. Die 
Schwiegermutter führt die Wirthschaft, in deren Besorgung sie 
ihre Schwiegertöchter gleich Mägden unterstützen müssen. 

Zu den hauptsächlichsten AVafl'en der P]skimo geliören Bogen 
und Pfeil aus Tannenholz, in neuester Zeit die Flinte, mehrere 
Harpunen und Lanzen. Die Spitzen dieser Waffen waren ehemals 
aus Stein und Knochen verfertigt, gegenwärtig aber sind sie aus 
Kupfer oder Eisen gemacht.**) Das kostbarste und vornehmste Geräth 
ist das Boot, von dem es eine leichtere, blos für einen Mann 
bestimmte (das Männerboot), und eine schwerere, für mehrere Per- 
sonen bestimmte Art (das AVeiberboot) gibt.***) Die Leitung des erstereu 



*) Uebcr die originelle Art des Gerbeus bei den Eskimo vergl. Cranz, 
Historie von Grönland, S. 201 ff. 

**) Vergl. Cranz, a. a. 0., 177 ff. 
***) Vergl. Cranz, a. a. 0., 180 ff. 



205 

erfordert eine ungemeine Geschicklichkeit, die nur durch Uebung 
von der zartesten Jugend an erworben werden kann. — Zu Lande 
gebraucht man leicht gebaute Schlitten, die mit mehreren Hunden 
(vgl. Cranz, a. a. 0., S. 109) bespannt werden. 

Im Verkehr unter einander sind die Eskimo äusserst verträg- 
lich und in hohem Grade gastfreundlich, ,,Sie helfen einander gern 
— bemerkt Cranz, a. a. 0., S. 205 — und leben in gewissen Stücken 
gemeinschaftlich, ohne sich auf einander zu verlassen und dadurch 
nachlässig und faul zu werden." In ihren Unterhaltungen ge- 
sprächig, witzig und scherzhaft, beleidigen sie sich gegenseitig nicht 
und zanken nicht mit einander. Einander zu widersprechen, in die 
Rede zu fallen oder gar zu überschreien gilt für unanständig. 

Originell ist die Art und Weise wie sie sich für angethanene 
Beleidigungen oder verübtes Unrecht unter einander zu rächen suchen. 
Die Rache wird tanzend und singend genommen, daher man ein 
solches Verfahren einen Singstreit nennt. Der Beleidigte dichtet 
nämlich ein satyrisches Gedicht, worin er dem Beleidiger sein 
Unrecht vorhält. Dieses Gedicht singt er seinen Hausleuten und 
Angehörigen so lange vor, bis diese es auswendig können. Darauf 
lässt er überall bekannt machen, dass er auf seinen Gegner singen 
wolle. Nachdem die Leute der Umgebung auf einem bestimmten 
Orte sich eingefunden haben, trägt er tanzend nach dem Klange 
der Trommel mit seinen Angehörigen, die jeden Vers singend wieder- 
holen, seine Satyre vor. Der Gegner erwidert ihm mit Gleichem, 
worauf sich, beide so lange mit Worten bekriegen, bis einer von 
ihnen das letzte Wort behält, der dann den Process gewonnen hat 
und bei allen Leuten in grossem Ansehen steht. 

Von den Verbrechern werden nur die Mörder und Hexen mit 
dem Tode bestraft; doch wird mit ihnen in der Regl äusserst 
summarisch verfahren. Diebstahl an Landsleuten ist wohl verpönt, 
an Fremden aber ist er kein Vergehen, sondern ein schlauer Streich, 
dessen man sich rühmt. 

Die Winter- Sonnenwende am 22. December wird von den 
Eskimo mit einem grossen Feste gefeiert. Nachdem man in fest- 
licher Stimmung umhergezogen und sich überall vollgegessen, führt 
man einen Tanz auf, der in einer mehr oder weniger starken Be- 
wegung der Hände und Füsse besteht, während der Tänzer den 
Ort nicht vorlägst. Man schlägt dazu die Trommel, einen zwei bis 
drei Finger breiten Reif aus Holz oder Walfischbein, der mit einem 



20G 

dünneu Fell blos auf einer Seite überzogen ist. Diese Tänze werden 
während der Nacht durch längere Zeit ausgeführt. 

Die Krankheiten werden von den Eskimo, wie von den audern 
Naturvölkern, für Einwirkungen der bösen Geister und Hexen ge- 
halten und mit Zaubermitteln curirt. In anderen Fällen, namentlich 
bei äusserlichen Krankheiten, wendet man sogenannte Hausmittel 
an. So wird der Scorbut mittelst gewisser Kräuter und Wurzeln 
geheilt, die gekaut werden, eine Wunde dadurch, dass man sie in 
ein mit Urin gefülltes Gefäss steckt, mit Speckfasern oder mit im 
Thran gebranntem Moose bedeckt und mit einem Kiemen fest ver- 
bindet. 

Wenn ein Eskimo dem Sterben nahe ist, werden ihm die besten 
Kleider angezogen und die Knie eingebogen. Sobald er todt ist, 
werden alle Geräthe aus dem Hause getragen und der Todte wird 
dann eine Stunde lang in aller Stille beklagt. Gegen Abend wird 
der Todte durch das Fenster des Hauses oder den Hintertheil des 
Zeltes hinausgeschafft und auf einer Anhöhe begraben. Das Grab 
wird mit Moos und einem Felle ausgefüttert, und nachdem der 
Todte hineingelegt worden, mit einem Fell, Rasen und Steinen zu- 
gedeckt. Neben das Grab legt man, wenn es ein Mann ist, seinen 
Kahn, seine Waffen und Werkzeuge, wenn es ein Weib ist, sein 
Messer und Nähzeug. Bei Kindern legt man einen Hundskopf aufs 
Grab, damit die Seele des Hundes dem unmündigen Kinde den Weg 
ins Jenseits weise. Wenn eine Mutter während jener Zeit stirbt, 
wo sie ein Kind säugt, wird dieses in der Regel zugleich mit der 
Mutter lebendig begraben. 

In Betreff des Lebens nach dem Tode sind die Ideen der 
Eskimo ziemlich verschwommen. *) Die meisten Stämme haben eine 
Vorstellung von einer Unterwelt, welche tief unter dem Meere 
und der Erde liegen soll. Dort wohnt Torngarsuk (der grosse Geist) 
mit seiner Mutter. Dort ist ein ewiger Sonnenschein und keine' 
Nacht. Da ist Ueberfluss an Seehunden, Fischen und Renthieren, 
die man ohne Mühe fangen kann oder in einem grossen Kessel 
siedend vorfindet. Aber nur jene Leute, welche in diesem Leben 
tüchtig gearbeitet und lleissig Seehunde gefangen haben, können an 
diesen Ort gelangen. Die Seele braucht fünf Tage, bis sie dorthin 



*) Vergl. Mestorf, Die altgvöiilänJisclic Religion und die religiösen 
Begriffe der heutigen Grönländer. (Globus XIX, 11, 23, 88, 55, 70.) 



207 

gelangt, indem sie an einem rauhen Felsen , der davon blutig ge- 
worden ist, lierunterrutscheu muss. 

Torngarsnk, „der grosse Geist", den man sich theils in der 
Gestalt eines Bären, theils eines einarmigen Mannes vorstellt, ist 
zwar unsterblich, aber doch nicht der Schöpfer der Welt. Mit ihm 
besprechen sich die Zauberer der Eskimo, die Angekok, über die 
Krankheiten und deren Heilung, das Wetter, den guten Seehunds- 
fang u. a. Dinge. Die Kraft eines Angekok kann nur durch an- 
dauernde Meditationen an einem einsamen Orte uud Fasten erlangt 
werden, worauf Torngarsuk dem Jünger einen Torngak, den Schutz- 
geist, zusendet, der ihm alle Weisheit und Geschicklichkeit bei- 
bringt und ihn auf seinen Fahrten ins Jenseits begleitet. 

Die Tuski oder Kamollo*) werden dem Typus und den 
Sitten nach den Eskimo ähnlich beschrieben, so dass sie schon des- 
wegen nicht lange Zeit von denselben getrennt sein können und ihre 
oben erwähnte Tradition grosse Wahrscheinlichkeit hat. Die Haut- 
farbe der Tuski ist ziemlich licht, gleich jeuer der Eskimo uud 
sticht gegen die etwas dunklere ihrer westlichen Nachbarn, der 
Tschuktschen, bedeutend ab. 

Ihre Statur ist mittelgross, doch sie erscheinen etwas kleiner 
wegen ihrer dichten bauschigen Bekleidung, welche durchgehends 
aus Fellen besteht. Und zwar sind Hemd, Beinkleider und Strümpfe 
aus Renthierfellen zusammengenäht, die von den Tschuktschen 
eingetauscht werden, das weite üeberkleid dagegen, sowie die Stiefel, 
bestehen aus Seehuudsfellen , deren haarige Seite nach aussen ge- 
dreht ist, und sind wasserdicht. 

Die AVinterhäuser der Tuski werden in der Regel an jenen 
Stellen gebaut, wo der Wind stets freien Zutritt hat, damit der 
Schnee leicht weggefegt werde. Das Gerippe derselben besteht 
ans den Rippen des Walrosses, welche kreisförmig in den Boden 
eingesteckt werden. Als Ueberwurf dient Rasen; über das Ganze 
werden tüchtig eingeölte AValrosshäute gebreitet. Durch herab- 
hängende Häute wird das Innere der Hütte in mehrere Abtheiluugeu 
getheilt. 

Die Sommerhütten bestehen lediglich aus Walrosshäuteu. 
welche über ein leichtes Gerüst gebreitet werden. Sie werden ebenso 
wie die Winterhäuser durch herabhängende Häute in mehrere Ge- 
mächer abgetheilt. Man baut sie gerne in der Xälie von Bächen. 



*) Vergl. Dali. William, Alaska aud its resourccs. pag. 378 ff". 



208 

Als Schlafstellen dienen grosse Säcke aus Seehundsfell , welche mit 
Moos ausgefüllt werden. Die Beleuchtung und Erwärmung der 
Hütte im Winter geschieht mittelst einer Thraularape, mit einem 
Stücke Moos als Docht, um sich zu erwärmen, kauert man sich 
über die Lampe und bedeckt sich, um die Wärme recht festzuhalten, 
mit einem aus Häuten verfertigten Mantel. 

Die Nahrung der Tuski besteht aus dem Fleische und Specke 
der Walthiere und einzelner Fischgattungen. Dieselben werden 
manchmal roh gegessen. Dazu geniesst man eine Art Salat, der 
aus Sauerampfer oder Löffelkraut besteht. Der Genuss des Brannt- 
weines, welchen die Tuski gegen Thran, Walfischbein und andere 
Artikel eintauschen, ist stark verbreitet. 

Das Tätowireu mit einer blauen, aus gewissen Beeren ge- 
zogenen Farbe ist bei den Tuski allgemeine Sitte und zwar nicht 
nur im Gesichte, sondern am ganzen Körper. 

Die Tuski sind kühne Seeleute, welche mit ihren kleinen, 
zierlichen und leichten Booten oft weite lieisen, so z. B. nach 
St. Lawrence Island unternehmen. Sie sind gastfreundlich und 
gutmüthig, aber nicht immer zuverlässig. Im Angriff sind sie 
tapfer und ertragen Strapazen und körperliche Schmerzen mit grosser 
Kühe und Selbstüberwindung. Sie leben in Vielweiberei, sie haben 
meistens zwei, seltener vier bis fünf Weiber. Sie sind nicht reich 
an Kindern. Häuptlinge kennen sie nicht; jener Mann, welcher der 
reichste ist, hat auch gewissermassen den grössten Einfluss. Be- 
stimmte Gesetze existiren unter ihnen nicht. Mit üebelthätern 
pflegen die Stammgeiiossen in der Regel summarisch zu verfahren. 

Der religiöse Glaube der Tuski gleicht im Ganzen dem Glau- 
ben der Naturvölker Nordasiens. Er beruht auf der Verehrung der 
bösen, seltener der guten Geister. Man glaubt wohl an ein künftiges 
Leben, aber weder an eine Belohnung des Guten noch an eine Be- 
strafung des Bösen. 

Leiclite Krankheiten av erden durch ein Opfer geheilt, welches 
mau den bösen Geistern darbringt. Wenn eine Person alt und 
krank geworden ist , so pflegt man sie, falls die Kranklieit mehr 
als sieben Tage andauert, an einem um den Hals gelegten Stricke 
um die Hütte etwa eine halbe Stunde lang zu schleifen, um 
gleichsam deren Lebensfähigkeit zu erproben. Stirbt der Patient 
nicht imd hat sein Zustand sich auch nicht gebessert, so schleppt 
man ihn auf einen bestimmten Platz, wo er getödtet und seine Leiche 
eine Zeit lang ausgestellt wird. 



20i» 

In dor Kegel wird der grösste Theil derselben von den Hunden, 
Füchsen und Eisbären aufgefressen. 

Alte und gebrechliche Personen pflogen freiwillig den Tod 
von den Ihrigen sich zu erbitten. Man legt sie dann in eine mit 
Moos ausgelegte Grul)o und schlaclitet ein Thier, dessen Blut in 
die Grübe gegossen -wird. Der zum Tode Bestimmte wird dann 
noch einmal gefragt, ob er zu sterben wünsche und iiim eine aus 
der Avüden nux voniica bereitete Substanz in die Nase gerieben, 
um ihn zu betäuben. Ist dies geschehen, so werden ihm die Adern 
geöflnet und das Herz durchbohrt, damit er sich verblute. 

Die Leichen der Aermeren überlässt man einfach der Ver- 
wesung, während jene der Reicheren verbrannt oder richtiger auf 
Holz, Moos und Thran geschmort werden. Stirbt Jemand eines 
natürlichen Todes, so pflegt mau die Leiche durch ein im hinteren 
Theile der Hütte gemachtes Loch hinauszutragen. Dieses Loch wird 
alsogleich sorgfältig vermacht, damit der Geist des Verstorbeneu 
nicht zurückkehren könne. 

VI. Die Aleuten.*) 

Die Aleuten zerfallen in zwei Stämme, nämlich die Atka's oder 
Atcha's und die Unalaschka's. Davon bewohnen die ersteren ursprüng- 
lich den westlichen, die letzteren den östlichen Theil des Insel-Meeres. 
Sie haben jedoch durch Wanderuugen sich mit einander stark ver- 
mischt, ebenso haben sie viel Russisches in sich aufgenommen. 

Die Aleuten sind sprachlich von den Innuit geschieden; es ist 
daher ihre Sprache in der allgemeinen Uebersicht auf S. 17 als 
6. Abtheilung der Sprachen der Hyperboreer -Rasse zu verzeichnen, 
was dort durch ein Versehen unterblieben ist. 

Die Aleuten sind gegenwärtig sowohl leiblich als auch geistig 
durch den russischen Einfluss bedeutend umgestaltet worden. Ihr 
leiblicher Typus gleicht im Ganzen jenem der Eskimo, doch sehen 
sie besser geformt und etwas intelligenter aus. 

Derselbe wird von Erman (Zeitschrift für Ethnologie von Bastian 
und Hartmann, III, IGO) folgendermassen beschrieben: Statur mittel- 
gross, Hautfarbe dunkel-gelbbraun. Die Augen sind dunkel-schwarz 



*) Vergl. Erman in Zfitsclirift für Ethnologie von Bastian und Hart- 
niann, III, S. 159 ff. Dali, William, Alaska and its resources, pag. 385 ff., 
und Lowe. Fr. Wenjaminow, über die aleutischen Inseln und d"ren Bewohner. 
(Erman's Archiv für wissenschaftliche Kunde von Kussland, II, 459.) 

Müller, Allg. Etlinograpliie. 14 



210 

uud merklich schief geschlitzt, die Backenknochen hervorragend, 
das Haar ist schwarz, straff, aber nicht grob; der Bartwuchs spär- 
lich. Die Schienbeine sind merklich ausgebogen, die Sohlen der 
Füsse kurz , sowohl an und für sich als auch besonders iin Ver- 
hältuiss zu ihrer Breite, ein Umstand, der auch bei den Kamtscha- 
dcLlfeü auffallend hervortreten soll. 

'' .Kleidung, Wohnung und Nahrung der Aleuten sind gegen- 
<vWrtig den Russen entlehnt, durch die sie audi zum griechischen 
Glaubensbekenntniss bekehrt worden sind. Dem rastlosen Eifer 
des. Apostels der Aleuten, Innocentius Wenjaminoff, verdanken sie 
die Einführung der Schulen. Viele der älteren Leute sprechen 
daÜer das Russische mit grosser Geläuttgkeit und lesen auch russi- 
sche Bücher; in neuester Zeit sollen -aber in Folge des Abganges 
W.enjaminÖft''s bedeutende Rückschritte gemacht worden sein. 

j,,,,, Die .vorzüglichste Beschäftigung der Aleuten ist die Jagd nach 
Seethieren, a.uf welche sie in ihren kleinen hurtigen Booten aus- 
gehen. Durch das immerwährende Sitzen in denselben bekommen 
die Mäuuer krumme Beine. 

Di^, Al&uten sind grosse Liebhaber des Schnupftabaks und des 
Branntweines, ifür welche sie oft all ihr Hab und Gut hingeben, ia 
nianchmal sich selbst als Leibeigene verdingen. Mit ihrer geistigen 
ßeschi'änktheit geht ,ein gewisser Trotz Hand in Hand; LTnrecht zu 
ertragen widerstrebt ihrem Charakter vollkommen ; sie greifen in 
diesem Falle, lieber, zum Selbstmorde. 

j;.-.. .-;') ; li'iij'-iii'iH');: (1111:11! 

^f . -• Bei; dey, ersten Berührung mit den Russen waren Leben uud 
(f^bayakt^r dev A^leut^n .gajjz anders. Damals waren sie lebhaft und 
tapfer und grosse Fretupde von Tänzen und Festlichkeiten. Jene 
ij^ille Melancholie, welche einen Gruudzug ihres Charakters bildet, 
.}f.2^i' darnals noch nic.ht yorhfl.i;iden. 

MMih^ Piie.lWohnuug'enidör alten Aleuten bestanden aus grossen Erd- 
löchern, welche mit Treibholz ausgelegt und mit Rasen eingedeckt 
warew. Man stieg iit die iWöhnung, welche oft hunderte von Per- 
-Sfonen fassen kounte,i mittelst einer Leiter hinab. Das Innere der- 
selben war durch, Zwischenwände ia mehrere Abtheilungen getheilt. 
Eine aus einem ausgehölten Steine verfertigte Thranlampe diente 
z,yr,; Erleuchtui^g lier^^lb^n,; Da jdu^^^h das Beisammensein so 
y^e^ßX .Mp'i,sjQhßft..,vin(Ji ^'m imnaerdiUi'j'bvennende Lampe sich viele 
.Wärmelentwickelte, so pflegte man beinaihe völlig nackt in der Woh- 
nung sich aufzuhalten. Die Sitte der Tätowirung war allgemein; 



211 

ebenso pflegte man durch die duiclibolirte Nasenwand einen kleinen 
Knochencylinder zu stecken. 

Die Nahrung bestand aus dem Fleische und dem Specke der 
Seethiere, welche man theils roh, theils halb gar gemacht genoss. 
Waffen und Geräthe waren aus Stein, Knochen oder Kupft-r verfertigt. 

Die alten Aleuteu lebten in Polygamie; in der Kegel ging die 
Anzahl der Weiber nicht über vier hinaus. Die Weiber standen 
stets zur Disposition des Gastfreundes und wurden auch oft aus- 
getauscht. 

Die Kleidung der alten Aleuten bestand hauptsächlich in einem 
laugen hemdartigen Rocke aus Thierfelleu oder Vogelbälgen. 
Während schlechten Wetters oder einer Seefahrt legte man ein 
wasserdichtes mit Federn verbrämtes Ueberkleid an. Als Kopf- 
bedeckung diente ein eigenthümlich gestalteter Hut aus leichtem, 
dünnem Holze und mit Federn und anderem Zierrath geschmückt. 
Er war mit einem ungewöhnlich weit vorspringenden Schirm ver- 
sehen, um die hauptsächlich vom Wasserspiegel reflectirten Sonnen- 
strahlen abzuhalten. 

Während des Monats December wurden von den Aleuten 
Feste und religiöse Tänze gefeiert. Während derselben wurden die 
Götzenbilder von einer Insel zur anderen getragen und dabei nächt- 
licher Weile gewisse geheime Ceremonien verrichtet. Männer und 
Weiber führten, von einander abgesondert, nackt im Mondenschein 
heilige Tänze auf, während deren sie das Gesicht mit einer Maske 
bedeckten. Dabei waren die Männer von den Tänzen der Weiber 
und die Weiber von den Tänzen der Männer strenge ausgeschlossen. 
Jedes ungebührliche Eindrängen wurde von der Gesellschaft mit 
dem Tode bestraft. 

Die Art der Todtenbestattung war bei den alten Aleuten 
folgende : Aermere Leute wurden in Kleider oder Matten eingewickelt 
und mit einer Maske über dem Gesichte in Felsspalten beigesetzt. 
Reichere Leute legte man mit ihren Kleidern und Waffen in eine 
aus Treibholz verfertigte Kiste und hing dieselbe auf einem horizon- 
talen Stocke auf, der auf zwei senkrecht in den Boden eingeschlage- 
nen Pflöcken ruhte. Der Todte wurde unter Wehklagen lange Zeit 
betrauert. Mütter pflegten die Ueberreste ihrer geliebten Kinder 
in zierlich geschnitzten Büchsen aufzubewahren und diese stets mit 
.^ich zu führen, 

U* 



212 



3. Amerikaner. 

Amerika wird, mit Ausschluss jenes Theiles im Norden, den 
die zur Hyperboreerrasse gehörenden Innuit einnehmen , von einer 
einzigen Menschenvarietät bewohnt, welche sowohl in Hinsicht 
ihrer körperlichen Eigenschaften, als auch in Betreif ihrer geistigen 
Begabung mit keiner der Kassen, welche die alte Welt bewohnen, 
irgend welche nahe Verwandtschaft verräth. Es lässt sich zwar 
nicht läugnen , dass einerseits gewisse Momente vorhanden sind, 
welche eine Aehnlichkeit der Völker Amerikas, namentlich im höchsten 
Korden , mit den Völkern Nordasieus bedingen, und andererseits die 
Völker Amei'ikas selbst, sowohl in Betreff ihrer pliysischeu Con- 
stitution, als auch in Bezug auf geistige Begabung und Cultur- 
eut Wicklung bedeutende Unterschiede zeigen: aber nichts desto weniger 
dürfte die oben ausgesprochene, von den competentesten Anthropologen 
und Ethnographen gehegte Ansicht als die naturwissenschaftlich 
und historisch am meisten begründete sich erweisen. Denn wenn 
man die Aehulichkeiten der nordamerikanischen Völker, namentlich 
im Westen, mit den Völkern der nordasiatischen Hyperboreer-Rasse 
näher untersucht, so sind sie entweder — falls sie ethnologischer 
Natur sind — auf den innigen Verkehr, welcher zwischen beiden 
seit lauger Zeit stattgefunden hat, zurückzuführen, oder sie erweisen 
sich • — falls sie der anthropologischen Sphäre angehören — als 
Fortsetzungen jener tieferen Verwandtschaft, welche zwischen den 
beiden Kassen , der arktischen und der amerikanischen nämlich — 
unzweifelhaft besteht. (Siehe die Stammtafel der Menschen-Kassen 
auf S. 25.) In gleicher Weise dürften die Versuche mehrerer 
Naturforscher, so nameutlicli des Amerikaners Charles Pickering, 
innerhalb der Bevölkerung Amerikas zwei von einander verschie- 
dene Kassen zu statuiren, eines thatsächlichen Grundes entbehren, 
umsomehr als damit die Einwanderung des amerikanischen Abori- 
giners in eine relativ sehr späte Zeit lieraufgerückt würde. Denn wenn 
der erwähnte Naturforscher (United states exploring expedition, 
Vol. IX.) der neuen W^elt zwei verschiedene Kassen zusclireibt, 
nämlich: 1. die mongolische,*) welche den ganzen Coutinent 
mit Ausschluss des Oregongebietes, Californiens, der Antillen, der 



*) Unter der mongolischen Easse verstellt Pickering unsere liocliasiatisclie, 
jedoch mit Ausschluss der Koreaner, Japanesen, Aino und der hinterindischen 
Völker, welche er sämmtlich sc'uer malajischen Rasse beizählt. 



213 

Mceronge von Panama und des Landstriches /wischon dem Magda- 
lenen-Flusse und dem Maracaybo-See bewohnen soll , und 2. die 
malayische, welche die obengenannten Striche einnimmt, so 
kann nach dieser Schichtung der beiden Kassen nur die erstere die 
ältere sein und muss die letztere als später eingewandert angesehen 
werden. Nun aber ist es sehr unwahrscheinlich, dass die auf einer 
ticl'eron Culturstufe stehenden Stämme in das Gebiet höher gebildeter 
VöUier, wie es namentlich die Völiier Mittelamerikas waren, ein- 
gedrungen seien und sich bis heute physisch unversehrt erhalten 
hiUten, abgesehen davon, dass sie in einer im Verhältniss zu den 
Mongolen zu unbedeutenden Zahl auftraten und wir von einer Wande- 
rung der malayischen Rasse nach Norden absolut nichts wissen. 

Ueberdies ist eine Besiedelung Amerikas durch die mongo- 
lische Kasse ebenso räthselhaft und unbegreiflich, — falls mau 
nämlich nicht die mongolische Kasse im vorhinein für einen grossen 
Sack erklärt, in dem alles ünerklärbare Platz findet — als wir da- 
bei au die nördlichsten Abzweigungen derselben denken müssten, 
welche stets gegenüber ihren südlichen Verwandten auf einer tiefen 
Culturstufe stehen geblieben sind. Wir kämen dabei, namentlich 
wenn wir die Cultur der mittel- und südwestamerikanischen Völker 
aus den Zuständen ableiten wollen, welchen w'ir bei den nördlichen 
Stämmen der mongolischen Kasse begegnen, in endlose Wider- 
sprüche, aus denen uns nicht der glänzendste Scharfsinn heraus- 
zureissen vermöchte. Andererseits aber reicht die Annahme zweier 
aus Asien eingewanderten ürrassen nicht aus, um die Mannigfaltig- 
keit, welche sowohl in anthropologischer als auch in ethnologischer 
Beziehung zwischen den Völkern Amerikas unzweifelhaft besteht, 
einigermassen zu erklären. Nach unserer Ansicht sind diese Ab- 
weichungen zwar sehr zahlreich, lassen sich aber aus der Thatsache 
einerseits, dass diese Kasse einen geographisch blos in die Breite 
gezogenen Verbreitungsbezirk einnimmt, und aus dem Umstände 
andererseits, dass sie vor langer Zeit von den continentalen Rassen 
sich losgelöst hat, genügend erklären. Wir stehen daher nicht an, 
den Aboriginer Amerikas vom anthropologischen Standpunkte als 
isolirt zu betrachten, wie auch seine Kasse neinheit aus- 
zusprechen, üebrigens wird die Isolirung des Aborigiuers Amerikas 
sich uns noch deutlicher zeigen, wenn wir neben der anthropo- 
logischen Seite auch die ethnologische näher ins Auge fassen und 
uus namentlich der Frage über den Ursprung der amerikanischen 
Cultur zuwenden. 



214 



lieber den Ursprung der Cnltur der amerikanisclien Rasse. 

Die Cnltur der Völker Amerikas, sowohl der Natur- als auch 
der beiden Culturvölker , nämlich der Mexicaner mit den Völkern 
Mittelamerikas und der Peruaner mit den im Norden derselben sess- 
haften Muiscas, erscheint auf den ersten Anblick so eigenthümlich 
und dabei mit den anderwärts auftretenden Culturformen so über- 
einstimmend, dass mehrere Forsclier einen Zusammenhang 
derselben mit jener der alten Welt annehmen zu müssen glaubten. 
Dieser Zusammenhang soll nach jenen Ansichten nicht nur ein loser 
sein, etwa der Art, dass die Keime der späteren Culturerscheiuungeu 
auf beiden Seiten dieselben waren, sondern vielmehr ein so inniger, 
dass auf beiden Seiten bereits gewisse Entwicklungen und tiefgrei- 
fende Einflüsse vorausgesetzt werden müssen. 

Indem wir es unternehmen die Gründe für die Berechtigung zu 
einer solchen Ansicht kritisch zu prüfen, werden wir den Gegenstand 
in zwei Tlieile zerlegen und erstens die Frage über den Ursprung der 
Cnltur der sogenannten Indianerstämme, zweitens die Frage über 
den Ursprung der Cnltur Mexicos und Perus einer kurzen Betrach- 
tung unterziehen. ' 

Was die erste Frage betrifft , so ist mau heutzutage darüber 
einig, dass wenn eine Einwanderung des rothen Menschen aus Asien 
— in unvordenklichen Zeiten, wo er noch nicht das war, was er 
jetzt ist, — angenommen wird, dieser noch der menschlichen Sprache 
ermangelt haben müsse. Dahin führt vor allem die enorme Anzahl 
der amerikanischen Stamnisprachen, welche unmöglich einer Quelle 
entsprungen sein können, sondern mehrere von einander geschiedene 
Ursprungspunkte voraussetzen. *) Der rothe Mensch Amerikas war 
also während jener Zeit, welche der Absonderung desselben in die 
einzelneu nach den Sprachen geschiedenen Völker vorausging, ein 
der Sprache ermangelndes Individuum. War er aber als Mitglied 
der rothen Rasse noch sprachlos, so muss er es nothwendiger Weise 
auch schon früher gewesen sein , wo eine amerikanische Rasse sich 
noch nicht aus einem älteren hinter ihr liegenden Typus, wo sie 
mit der arktischen und weiter zurück mit der australischen eine Ein- 
heit bildete (^siebe die Stammtafel auf S. 25), herausdift'erenzirt hatte. 



*) Deu ausführlichen Beweis siehe in den Mittheilungen der aiithroi)ü- 
logischen Gesellschaft in Wien, I, S. 259 ff. 



215^ 

War aber jener vor-araerikanisclie Mensch ein sprachloses 
"Wesen , so kann er ebenso wenig irgend welche Ciiltur-Anfiinge 
gekannt haben, wie heutzutage manche in Gesellschaften lebende 
Aftenarten. Von WaiFen, Geschirren und anderen Gerätlien kann 
natürlich bei ihm keine Rede gewesen sein, noch weniger von einer 
Todtenbestattung und Gottesverehrung, lauter Dinge, welche nicht 
nur eine aus sprechenden Individuen bestehende Gesellschaft, son- 
dern bereits ein gewisses, an eine entwickelte Sprache geknüpftes, 
abstraetes Denken nothwendiger Weise zur Vorausetzung haben. 

Wenn nun aber der rothe Mensch bei seiner Einwanderung 
aus Asien nnch Amerika selbst von den einfachsten Ciiltur-p]lemen- 
teii noch keine Ahnung hatte, so musste er nothwendiger Weise 
jene Cultur. welche man bei der Entdeckung Amerikas bei ihm 
vorfand, — da ein Einfluss von Seite der Polarvölker undenkbar 
ist — selbst ständig erzeugt und entwickelt haben. 

Wir "gehen nun zur Betrachtung des zweiten Punktes über, 
nämlich zur Erwägung der Frage, ob die Cultur der Mexicaner und 
der Peruaner aus fremden, nämlich ägyptisch -phönicischen oder 
(hinesisch-japanesischen Einflüssen, wie man behauptet hat, erklärt 
werden müsse oder könne? 

Es wird natürlich dabei vorausgesetzt, dass die Einwanderer, 
welche die Cultur den alten Mexicanern und Peruanern überbrachten, 
über den atlantischen (Aegypto-Phönicier) oder pacifischen (Japano- 
Chinesen) Ocean gekommen sind, da ja die Ansicht, dieselben hätten 
den kürzesten Weg über die Beringsstrasse eingeschlagen, schon im 
vorhinein höchst unwahrscheinlich ist, denn es müssten ja in diesem 
Falle die Spuren des Weges dieser Einwanderer in Gestalt von 
Bau -üeberresteu, Pflanzungen, Verbreitung gewisser Thier-Arten 
im Norden Amerikas sich nachweisen lassen, und dann bliebe immer 
noch die unbestrittene Thatsache, dass die mexicanische und die 
l»eruanische Cultur von einander verschieden und unabhängig sind,, 
völlig unaufgeklärt. 

Nehmen wir nun an , die Cultur Mexicos und Perus verdanke 
ihren Ursprung fremden, über das Meer gekommenen, europäischen 
oder asiatischen Einflüssen, so könnte dies nur durch zufällig 
au die Küsten der neuen Welt verschlagene Schifter, Kaufleute oder 
Al)enteuerer geschehen sein. — Denn wären die nach Amerika 
herübergekommenen Fremden absichtlich nach dieser Richtung 
entsendete Colon ien gewesen, so müssten sich entweder feste 
Verbindungen zwischen der neuen und der alten Welt in den 



216 

vor die Entdeckung Amerikas fallenden Zeiten nachweisen lassen, 
oder es müssten doch wenigstens irgend v/elche Nachrichten 
über solche PJxpeditionen sich voifinden. Da nun aber köines von 
dem Letzteren der Fall ist, so bleibt blos die erste Ansicht übrig, 
dass nämlich die nach Amerika gekommenen Fremden nur durch 
zufällige Ereignisse dorthin gelangt sein können. 

Nun aber können wir unmöglich glauben , dass Leute so ge- 
ringer Bildung, wie Schiifer, Abeuteuerer, welche für längere See- 
fahrten gar nicht ausgerüstet, und nur mit den allernothweudigsteu 
Dingen versehen sind (denn an unsere heutige Schitffahrt dürfen 
wir dabei nicht denken), als Lehrer und Civilisatoreu eines Volkes 
aufgetreten wären. lijönnen wir nicht füglich annehmen, dass die 
nngeberdigen Wilden die angekommenen Fremdlinge augenblicklich 
zu Sclaven gemacht oder gar getödtet und aufgefressen haben wür- 
den? Hat man je gehört, dass ein Volk durch einige zufällig aus 
Land verschlagene, vielleicht vor Schrecken über die ungewohnte 
Umgebung halb todte Abeuteuerer civilisirt worden sei? Zeigt uns 
nicht die Ciilturgeschichte, dass die Cultur nur durch eiuen langen 
und innigen Verkehr zwischen zwei Völkern nach und nach 
sich fortpflanzt, oder vielmehr sicü erzeugt? Und dann ist es 
wohl glaublich, dass Jemand, der für Gesittung und Bildung nicht 
empfänglich ist, diese so ohne weiteres annehmen wird? Setzt 
also nicht die A n n a h m e der fremden , europäischen oder ost- 
asiatischen Cultur eiuen bereits erreichten hohen Culturgrad 
voraus? Damit aber kommen wir wieder zu dem Ausgangspunkte 
zurück und haben den Ursprung der mexicanischen und peruani- 
schen Cultur unerklärt gelassen. 

Ein Hauptbeweis jedoch gegen die Annahme eines fremden 
Einflusses auf die alten Mexicaner und Peruaner besteht darin, 
dass es uns nicht gelungen ist irgend ein Nutzt hier oder 
irgend eine Nutzpflanze der alten Welt in diesen Gegenden der 
neuen Welt wiederzutiudeu. Warum fanden sich bei der Entdeckung 
Amerikas keine Samengewächse der alten W^elt vor, die doch mit 
dem Schiff gewiss dahin gekommen wären? 

Wir können also Angesichts q^Uer dieser Erwägungen und That- 
sachen nicht umhin, of!"en zu gestehen, dass die Cultur und Civilisa- 
tion Mexicos und Perus Erzeugnisse der rothen amerikanischen 
Kasse sein müsseu, ebenso wie die Cultur des Nilthals als ein Er- 
zeuguiss der Aegypter und die Cultur Chinas als ein Product der 
mouiiolischen Kasse betrachtet werden niuss. 



1>17 



Ueborsicht der "^'ölkei*, welche zur amorik,anisclion Rasse geliören.*) 

Till äussorstoii Nordwesten, an die Innnit grenzend . wohnen 

I. Die Konai-Vülker,**) 

welche sich selbst Thnaina d. i. „Menschen" nennen. Zu ihnen 
gehören die Kenai-tena, am Cook-Sund (Cooii:s inlei), die Kai- 
yukho-tana, die Inoalik der Russen, an den beiden Ufern des 
unteren Ynkon. 'im Thale des oberen Kuskokwim und in jener 
Gegend, wtdehe zwischen diesen beiden Flüssen gelegen ist, die 
U n a k h - 1 a n a ( Dali) oder 1 u n u a c h o - 1 a n a ( Holmberg) , am 
Yukou bis zum Koyuknk, die Ko yukukho-tana (Dali) oder 
Junnakacho-t ana (Holmberg), am Koyukiik-Flusse und die Ah- 
tena oder Atnah am oberen Theile des Kupferflusses (Atnah). 
Die letzteren werden von den Russen auch Kolschina (Koltschancn^ 
von den Engländern Yellow knife oder Nehaunee genannt. 
Ferner gehören hieher die von den Russen sogenannten ügalentsi 
(ügalenzen, Ugalachmuten) , welche während des Winters auf der 
Bucht gegenüber der Insel Kayak, im Sommer an den Mündungen 
des Kupferflusses sich aufhalten. Mehrere Scbrifl steller (so Radlofi" 
Bulletin de Tacademie de S. Petersbourg Vol. XV. 2G) rechnen die 
letzteren zu den Thlinket, vermnthlich deswegen, weil ihre Sprache 
eine Menge Bestandtheile aus dem Koloschischt-n enthält; doch ge- 
hören sie entschieden zu den Kenai- Völkern, wie Waitz naidi Busch- 
mann und Dali nach Gibbs annehmen. Trotzdem nimmt die Sprache 
der ügalentsi nach dem bei Dali (Alaska and its resources, Hosten l'-^TO, 



*) Die nachfolgende Ucbcrsicht ist tlieils nach den heutige», theils nach 
jenen Verhältnissen gegeben, wie sie bei der Besetzung des Landes durch die 
Europäer vorgetunden wurden. Das letztere ist namentlich bei mehreren 
Stämmen der Fall, die gegenwärtig niclit mehr existiren. Im Ganzen ist es 
gerade bei der amerikanischen Rasse am allerwenigsten möglich eine der wissen- 
schaftlichen Genauigkeit sich nähernde Darstellung ihrer Völker zu liefern, wi\s 
wir zu unserer Entschuldigung und zur Aufklärung des Lesers hinzufügen 
müssen. Als Hauptquelle für die Pixirung der linguistisch -ethnologischen 
Grundlage kann noch immer (wenn nicht neuere Hilfsmittel vorhanden sind) 
A delung- Vater Mithridates. Theil III, Abtbeilung 2—3 gelten, aus 
dem wir aut-li bis auf einzelne Fälle in der nachfolgenden Darstellung ge- 
schöpft haben. 

**) Vergl. Holmberg, H. J., Ethnographische Skizzen über die Völker 
des russischen Amerika, Helsingfors 1855, 8", und Dali, W. , Alaska and its 
resources, Boston 1870, 8". 



218 

8*^, pag. 550) mitgetlieilteü Vocabular eiue selbststäudige Stellung 
innerhalb der Kenai-Spraclien ein. 

Oestlich von den Kenai- Völkern und in mancher Hinsicht mit 
ihnen verwandt, wohnen 

IL Die A t h a p a s k e 11 .*) 

welche sich selbst Tinneh, d. i. „Menschen", nennen und von den 
Engländern Chippewyans genannt werden. Dieser grosser Indianer- 
stamm erstreckt sich von dem Ausflusse des Mackeuzie bis zum 
58*^ (im Osten) und 51^ (im Westen) nördl. Breite und sporadisch bis 
an den 20*^ uördL Breite, an den Rio grande del Norte herunter. 
Er reicht bis zum Yukon im Westen und bis zum Ausflusse des 
Churchill im Osten.**) 

Zu dem Volksstamme der Athapasken gehören: die Nehaunee. 
Mit diesem Ausdrucke bezeichnet mau jene Indianerstämme, welche 
in der Gegend der Flüsse Lewis (oder Tahco) und Pelly und im 
Thale des Chilkaht-Flusses sich aufhalten. Die Bewohner an den 
Flüssen Pelly und Macmillan nennen sich speciell Abbato-tena, 
die Bewohner des Thaies von Chilkaht nennen sich Chilkaht- te na; 
jene Stämme, welche am Liard's river sitzen, bezeichnen sich mit dem 
Ausdrucke Daho-tena oder Acheto-tena. Die Tutschone- 
kutschin von den Engländern Cro w -In di ans (Krähen-Indianer) 
genannt, wohnen an beiden Seiten des Yukon um Fort Selkirk. Sie 
werden auch Berg-Indianer und fälschlich Nehaunee genannt. Die 
H an- kutschin wohnen am Yukon unterhalb der vorigen. Oest- 
lich vom oberen Porcupine-Flusse und im Osten am Mackenzie 
wohnt der Stamm der Vun t a-kutschin (Kat-people) auch Digothi 
oder Loucheux genannt. Die Natsch e-kuts chin (strong people) 
wohnen am nördlichen Ufer der Mündung des Porcupine-Flusses 
und die Kutscha- kutsch in (Low^land people) in der Gegend 
am Ausflusse des Porcupine in den Yukon. Die Tenan-kuts eh in 
bewohnen jenes Land, welches von dem Tananah-Flusse durchströmt 
wird. Die beiden Stämme der Tennuth-kutschin und der 
T a t s a h - k u t s c h i n , welche ehemals zwischen den Mündungen 
des Porcupine und des Tananah sassen , sind gegenwärtig ganz 



*) Vergl. Buschmann. J. C. E. , Der atbapaskische Sin-achstamm (Ab- 
liaiuUungen der Berliner Akademie 1855). 

**) Die genauere Angabe der Grenze siebe bei Waitz, Anthropologie der 
Naturvölker. III. i. 



219 

vovscliwuiuloii. — Am oberen Mackenzie südlich von den Vunta-kut- 
pchia und im Westen des grossen Bären-Sees wohnen die sogenann- 
ten Hasen- Indianer, mit denen die weiter südlich sitzenden Hunds- 
rippen-Indianer aufs innigste zusammenhängen. Oestlich von 
den vorigen im Norden des grossen Sclavensees wohnen die sogenannten 
elbmesser-Indianer. Weiter östlich von den letztaufgezähl- 
tcn Stämmen sitzen am Kupfermiuenflusse die Kupferminen- 
Indianer und noch weiter im äussersten Osten des Verbreitungs- 
bezirkes des Athapasken-Stanimes südlich bis an den Churchill und 
westlich bis an den Athapaskafluss reichend die im engeren Sinne 
sogenannten Chippewyans, oft mit dem Algonkinstamme der 
Chippeways oder Ojibways verwechselt. Sie zerfallen in die nörd- 
lichen und südlichen Chippewyans. Südwestlich vom Athapaska- 
See am Friedensflusse wohnen die sogenannten Biber -Indianer, 
und weiter südwestlich von diesen, im Westen und Süden des kleinen 
Sclaven-Sees die Berg- Indian er, von den Engländern Strong- 
bows genannt, die wahrscheinlich mit den von anderen Autoren 
erwähnten Sicaunies identisch sind. 

Im äussersten Südwesten des Verbreitungsbezirkes der Atha- 
pasken sitzen die Stämme der Sarsees zwischen den Quellen des 
Athapaska- Flusses und des Saskatchewan und die Tacullies, 
westlich von den vorigeit, zwischen dem Felsengebirge und dem 
Küstengebirge. Identisch mit den Tacullies sind die Nagailers, 
die südwestlichen Nachbarn derselben am oberen Salmon river und 
am rechten Ufer des Fraser-Flusses. 

Getrennt von den so eben aufgezählten Athapasken-Stämraen 
aber durch ihre Sprachen sich als versprengte Glieder derselben 
deutlich verrathend, wohnen folgende Stämme. *) Die Qualihoqua 
nördlich vom Ausflusse des Columbia ins Meer und die Tlats- 
kanai im Süden des unteren Columbia, einige Meilen im Innern. 
Beide sind durch den Stamm der Chinook von einander getrennt. 
Die ümpqua weiter im Süden wohnen am Flusse gleichen Namens. 
Südlich von denselben unter dem 41"^ nördl. Breite, oberhalb der 
Biegung des Sacramento - Flusses nach Süden, sitzen die Hoopah. 
Weit im Südosten dieser Stämme unterhalb des Colorado bis an 
den 29" 40' nördl. Breite in einer von Nordwesten nach Südosten' 
gedehnten Linie sich hinziehend, wohnt das wilde Volk der 

*l Vergl. Buschui aiin , J. C. E.. Das Apaclie als eine ;itlia}iaskisclie 
Sprache erwiesen (Abhandlungen der Berliner Akademie 1860), 



220 

Apachen. Im Norden \on ihneu, vom Yaquesila- Flusse bis an 
den oberen Arkansas reichend, wohnen die sogenannten Apaches 
de navajo (Navajos) und am Ausflusse des Kio graude del Norte 
ins Meer bis an die Mündung des Xueces-Flusses sitzt der Stamm 
der Lipanes, der südlichste aller Athapaskenstämnie. 
Oestlich uud südöstlich von den Athapasken wohnt 

III. Der Algonkin -S taiii m.*) 

Die Bezeichnung „Algonkin" ist von einem einzelnen Volke 
hergenommen, das ehemals im Osten eine Itollo spielte, aber früh- 
zeitig durch Kriege mit den Irokesen zu Grunde gegangen ist. 
Der Verbreitungsbezirk der Algonkin reicht im Nordwesten bis an 
den Ausfiuss des Churchill-Flusses, im Norden bis an die Hudsons- 
nnd James-Bay und die Sitze der östlichen Eskimo ; im Osten 
bildet das Meer bis Cap Hatteras seine Grenze. Die Südgrenze 
läuft vom Neuse-Fluss bis an den Cumberland, von wo die West- 
grenze vom Einflüsse des Oliio in den Mississippi bis an den Wis- 
consin sich hinzieht. Von cia an bildet eine von den nordwestlichen 
Ufern des Micliigan-Sees gegen Nordwesten bis an die beiden Arme 
des Saskatchewan gewundene Linie wieder die Südgrenze, worauf 
sie sich gegen Süden bis an den Yellow stone river abbiegt, um 
von da au gegen Nordwesten bis an die nördliche Bi'jgung des 
Oiegon uud Mount Hooker zu verlauten, wo das Gebiet der Atha- 
pasken, speciell der Sarsees beginnt. 

Zu den Algonkin gehören: die Mikmak, der nordöstlichste 
aller Algonkin -Stämme, der Neu- Braunschweig, Neu- Schottland, 
Prince-Edwards Island, Cap Breton Island und seit dem Ende des 
vorigen Jahrhunderts auch Neufundland bewohnt. Die sogenannten 
rothen ludianer, welche als die Urbewohner von Neufundland er- 
wähnt werden, sammt den Mountainers oder Montagnards 
uud dl n.Nescaupic-In dianern, welche man als die Abbriginer 
Labradurs aufzälilt, dürften wohl aucli zum Algonkin-Stamme zu 
zählen sein. Wie es mit den von mehreren älteren Scliriftstellern 
in diesen Gegenden erwähnten Etchemin sich verhält, ob sie 
nämlich als Algonkin oder als Irokesen zu betrachten sind, ist zweifel- 
haft. Dagegen ist der Name Abenaki (entstanden aus Wapanachki) 
eine Bezeichnung mehrerer Algon'kinstämme im Süden der S. John- 
Flusses. — 

*) Hecke w cid er, J. Xarnitive of the mission uf the uiiited brethreii 
aijioig tlie Deluwaire and Molicgan Indians. Phihidelpliia, 1820, 8". 



221 

Alle \'ülker, welclie längs der Küste uacli Süden hin bis ans 
Cap Hatteras von älteren Reisenden aufj^ozälilt werden, gehörten zu 
dem Stamm der Lenni-Lennape oder Delawaren ; sie redeten eine 
nnd dieselbe Sprache. Es waren die Pennacock am Merrimac, 
die Pawtucket, die Xipmuck im Norden und die Wani- 
panoafr im Süden des heutigen Boston, die Narraganset nnd 
Peqnot am unteren Connecticut, die Mohikan (Mohegan) im 
(►sten des Hiulsonflnsses und in der Gegend des lieutigen New-York, 
die Meilowack oder Meitowac k auf Long Island, die Susque- 
hannocks am unteren Susquehannah, westlich vom heutigen 
Haltimore, dann vom Cap Charles aufwärts die Accomacs, die 
Accohanoes. die Tockwaghs und die Nanticokes, die 
Powhatans, im Xiederland und au der Küste von Nord-Carolina 
bis zum Patuxent, die i\Ian nahoacks im Westen derselben und die 
Pamplicoes am Pamlico-Sund. 

Im Norden des Cumberland bis an den Kentucky und Ohio 
sass zuletzt das Volk der Shawanoes, und nordwestlich davon 
das Volk der Illinois, welches in mehrere Zweige, wie die Pegrias, 
K a s k a s k i a s . W e a s . P i a n k e s c h a w s zerfiel. Nördlich von 
letzterem Volke sassen die K i k a p u s . und ö-^tlich die M i a m i s. 
Die Sauks und Foxes, welche zusammen ein Volk bildeten und 
in der Gegend des unteren Wisconsin wohnen, sind nahe Anverwandte 
der Kikajuis; sie sollen auch, nach einer einheimischen Tradition, 
mit den Schawanoes zusammenhängen. 

Den Norden des Verbreitungsbezirkes der Algonkiustämme 
längs der James- und Hudsons-Bay bis an den Churchill, von da 
an bis Fort George, den Saskatschewan und den Winipeg-See, bis 
an die Wasserscheide des oberen Sees und der Hndson-Bay nehmen 
die Crees oder Knistino (Knistinaux) ein, welche sich selbst 
Naehiaok nennen. Sie sind ein Eroberervolk, welches andere 
Stämme, namentlich seine nördlichen Nachbnrn, immer mehr und 
mehr zurückgedrängt hat. Um die Se^n (Ober-, Huron- und Michi- 
gan-See) herum w^ohnte das Volk der Ojibway, zu denen auch die 
Pottovvatomies südlich vom Michigan-See, in der Gegend des 
heutigen Chicago, die Ottawas zwischen dem Michigan- und Huron- 
See, die Saulteux am nordöstlichen Ufer des oberen Sees und die 
Missinsig am Nordostende des Ontario-Sees gehören. 

Der nordwestlichste Stamm der Algonkin sind die Schwarz- 
füsse (Blackfeet), welche zwischen dem 46*^ und 52*' n. Br. an den 



222 

Znfliisseu des Saskatschewau wohueu und bis an den oberen Missouri 
und den Yellow stone river sich hiuabziehen. Sie bestehen aus den 
Kena oder Blut-Indianern südöstlich von Mount Hooker, den 
Satsika oder Sitsekai, südöstlich von den vorigen, und den Piekan. 
südöstlich von den Satsika. Verwandt mit diesen drei Stämmen 
sind die Arrapahoes im Osten von ihnen und im Westen der 
zum Dakotastammc gehörigen Assineboins, und die Chiennes, 
südlich vom Teufelssee und westlich vom lied river. 

umschlossen von den Algoukins, den Lorenzstrom herab bis 
an den Hurou-, Ontario- und Erie-See und von da an zwischeii den 
Algonkiustämmen bis au den Neuse-Flnss sich hinziehend wohnt 

IV. Das Volk der Irokesen.*) 

Die Irokesen, deren unter uns bekannter Name aus dem Franzö- 
sischen stammt, nannten sich selbst Hodenosauni, „das Volk 
des langen Hauses % und wurden von ihren östlichen Nachbarn, den 
Lenni Lenape, mit dem Namen Mengwe bezeichnet. Ihre Haupt- 
masse bildete bis zum Anfange des 18. Jahrhunderts ein Bund 
von fünf Völkern, nämlich: 1. den Ganeagaouo, ., dem Volke mit 
dem Feuerstein", allgemeiner bekannt unter dein Namen der Mo- 
hawk: 2. den Xundawaono, ,dem Volke des grossen Hügels", 
bekannt unter dem Namen der Seneca; 3. den Gueugwehouo, 
„dem Volke des schmutzigen Landes", bekannt unter dem Namen 
Cayuga; 4. den Ouuudaga (Ouondago), „dem Volke auf den Hügeln", 
und 5. den Ouayoteka (Oneida), „dem Granit-Volke". Alle diese 
Stämme lebten am Ontario-, Erie- und Champlain-See. Zu Anfang 
des IS. Jahrhunderts traten als sechstes Volk die im Süden am 
Neuse-Fluss wohnenden Tuscarora in den Bund, der in stetem 
Krieg mit seinen Nachbarn lebte. In Folge dieser Kriege wurden 
die einzelnen Stämme theils von ihren ursprünglichen Sitzen ver- 
drängt, -theils gänzlich vernichtet. Unter die letzteren gehören 
nameutlich die zum Irokesenstamrae gehörigen Attionondarons, 
welche am rechten Ufer des St. Lorenzstromes wohnten, die Eries im 
Süden des Sees gleichen Namens, die Andastes, nördlich vom 
heutigen Pittsburg u. a. Zum Irokeseustamme gehörten ferner die 
Hur neu, im Norden des Ontario -Sees und am Ottawa- und 
St. Lorenzflusse bis über Montreal hiuausreichend und die Wyandots 

") Heekc-wcl der, a. a. 0., unl Sclioocraft, a. a. 0.. 



223 

nordöstlich von den vorigen, die nrsprünglich bis an die Mündungen 
des St. Lorenzstromes sieh hinabzogen. 

Westlich und südlich von den Algonkins, im Westen bis ans 
Felseng^birge und im Süden bis an die Mündung des Arkansas in 
den Mississippi reichend, wohnt 

V. Der Stamm der Dakota.*) 

Der Name Dakota bedeutet „die sieben Rathsfeuer", 
worunter der Staatenbund des hauptsächlichsten Volkes dieser 
Familie zu verstehen ist. Französische Schriftsteller nennen diesen 
Stamm auch S i o u x , andere auch N a u d o w e s s i e s (N a d o w e s s i e r), 
welcher letztere Name aus dem Worte Nadoesi entstanden ist, wo- 
mit die Ojibways die Dakotas zu benennen pflegen. Das haupt- 
sächlichste Volk dieses Stammes sind die Dakota, welche im Osten 
vom Einflüsse des Wisconsin in den Mississippi von diesem Flusse 
und dem Chippeway, und im Osten von den schwarzen Bergen 
(Black hills) begrenzt w-erden. Südlich reichen sie etwa bis zur 
Mündung des Siouxflusses und zum Plattefluss. Sie umfassen, wie 
schon bemerkt, sieben Völker, nämlich: ]. die Mdewakanton- 
wans, 2. die Wahpetonwans, 3. die Wahpekutes, 4. die 
Sisitouwans, 5. die Janktonwans, G. die Jankton w^anuas 
und 7, die Titonwans. Innig verwandt mit den Dakotas sind 
die Winebagoes, um den See gleichen Namens, am Westufer 
des Michigan -Sees. Von ihnen sollen die Jowas, Missouris, 
Otoes und Omahas abstammen, d. h. nur Abtheilungen ihres 
Stammes bilden. Im Süden dieser Völker, welche die Hauptmasse 
des Dakota-Stammes darstellen, wohnen die Kansas, nördlich vom 
Kansasflusse, die sagen, südlich vom Missouri, und die Quappas, 
zwischen dem Arkansas und Mississippi. Im Westen des Ver- 
breitungsbezirkes des Dakota -Stammes wohnen die Mandans und 
Menitaries, an der Biegung des Missouri von Osten nach Süden 
uivd westlich von den schwarzen Bergen (Black hills) sitzen die 
Upsarokas, genannt Crows (Krähen-Indianer). Das nordwest- 
lichste Volk der Dakota-Familie sind die Assineboins, welche 
bis an den südlichen Saskatchewan sich verbreiteu. 

*) Vergl. Riggs, S. E., Grammar and dictionary of tlie Dakota langnago, 
Washington 1852, 4°, VII ff. 



224. 

Sikl westlich von den Dakotas, am Platte und Kansas wohnt 

YI. Das Volk der Pani (Pa-wnie).*) 
Zu den Pauls gehören ethnologiscli die Riccaras am Sha3'enue- 

Flusse mitten im Gebiet der Dakota-Yölker und die "Wacoes uud 

Witchitas unterhalb des Rio Roxo, ringsum vou stammfremdeu 

Völkern begrenzt. 

Oestlich vom Mississippi, im Norden vom Cumberland und 

im Osten und Süden vom Meere begrenzt, wohnt 

YII. Der Appalachiscb e Volksstamm. 

"Wir wählen diesen Xamen, der als Bezeichnung eines Landes 
dieser Gegenden schon in den ältesten Reiseberichten vorkommt in 
Ermanglung eines besseren vor der Hand für die einheitliche Be- 
nennung dieser Völker, umsomehr als hier nicht ein, sondern zwei 
oder drei von einander geschiedene Stämme vorhanden zu sein 
scheinen. 

Das nördlichste Volk dieser Gruppe die Cherokee (Tschi- 
roki) am Holston river, scheint in der Reihe der nordamerikanischen 
Stämme isolirt dazustehen, wenn nicht Mittelglieder, die seiue Sprache 
mit den südlichen verbinden würden, für uns verloren gegangen 
sind. Südöstlich von den Cherokees, am Flusse gleichen Namens, 
wohnten die Katabas (Catawbas), weiter die Sewees, San- 
to es und Cöngarees, welche sowohl von einander, als auch von 
deu Cherokees in Sitten uud Sprache verschieden gewesen zu 
sein scheinen. 

Das Gebiet südlich vom Cumberland und dem Vcrbreiiungs- 
bezirke der eben erw'ähuten Völker geliörto den Chikasaws 
(Chicach as) sammt den Clioctaw^s (Chactas), welche eine 
und dieselbe Sprache reden ^'^j und den Creeks, welche sich in 
zwei Abtheilungen, eine nördliche (Muskogies) und eine südliche 
(Seminolen) scheiden. Verschieden von den Choctaws und Creeks 
waren die im Süden wohnenden Alabamas, am Flusse gleichen 
Namens, die Natchez am Mississippi unterhalb des heutigen Vicks- 
burg uud darüber hinaus bis an den Red river reichend, sowie die im 
Osten wohnenden U che es. 



*) Wied-N eu-\vied, Max, Prinz zu, Reise iu das Innere von Nord- 
Amerika 1832—34, Coblenz 1839, 4", 2 voll. 

**) Vergl. Bying'ton, Cyrus, Grammai of tlie Choctaw language, 
Philadelphia 1870, 8", S. 3. 



220 

Nachdem wir die Völker Nordamerikas von Nordwest nach 
Südost berabgehend betrachtet habeu, gelangen wir abermals, nach 
dem Nordosten uns wendend, in das Gebiet der 

VIII. Aboriginer der Nordwestküste.*) 

Der nördlichste Stamm derselben sind die Jakutat, zwischen 
dem Mount Elias und Mount Fairvveather. Südlich von ihnen wohnen 
die Thlinket, welche nach dem Vorgange der Russen auch Kolo- 
schen genannt werden. Sie sind mit den vorhergehenden innig 
verwandt und zerfallen in zwei Völker, nämlich die Stikhin-kwan 
und die Sitkin-kwan. Davon haben die ersteren die Niederungen 
am Stikhin-Flusse inne , während die letzteren die Sitka-Bay bei 
Neu - Archangel mit den benachbarten Inseln bewohnen. Weiter 
im Süden auf dem südlichsten Theile der Prince of Wales-Insel und 
auf dem Queen Charlotte's Archipel, sowie auf mehreren umliegenden 
kleineren Inseln wohnen die Kygani und die Haidah. — In 
gleicher Breite mit diesen beiden Stämmen wohnen am Festlande 
bis etwa zum nördlichen Salmon river herab die Chimmesyan 
oder Nass, und noch weiter südlich, sowie auf dem nördlichen 
Theile von Vancouver die Hailtsa. Vancouver selbst wird von 
mehreren Völkern bewohnt, die sich ethnologisch nach den vier 
Hauptsprachen in folgende vier Gruppen bringen lassen: 1. Qua- 
coll im Norden und Nordosten, welche Sprache mit dem Balla- 
bolla auf dem Festlande im Osten des Queen Charlotte's Archipel 
zusammenhängt, 2. Cow'itchin im Osten, das sich auf dem Fest- 
lande im Norden des Fräser -Flusses wiederfindet, 3. Gl all am 
oder Tsclallum**) im Süden, und 4. Macaw im Westen. Die 
Völker und Sprachen südlich vom Fraser-Flusse am Puget-Sund sind, 
nach den Mittheilungen, die wir über sie besitzen, äusserst zahlreich, 
aber beinahe unbekannt. — Wir gelangen damit in das Gebiet der 

IX. Völker des Oregon -Gebietes,***) 
welche von Mount Brown und Mount Hooker im Norden bis an 
den Sacramento im Süden sich herabziehen und östlich bis an den 



*) Vergl. Dali, W. , Alaska and its resources, Boston 1870, 8", und 
Holmberg, a. a. 0. , 

**) Gibbs, George, Alphabetical vocabularies of tlie Clallam and Lunimi 
New- York 1863, 8°. (Shea's library of American linguistics XI.) 

***) Haie, Hör. in United states exploring expedition, Vol. VII, Ethno- 
graphy and philology, und Buschmann, J. C. E, Die Völker und Spraclien 
Neu-Mexicos und der Westseite des britischen Nordamerika, (.\bliandlungen der 
Berliner Akademie 18.57.) 

Müller, AUg. Ethnographie. 15 



226 

oberen Missouri sich erstrecken. Das Gebiet derselben ist, wie wir 
bereits oben (S. 219) zu bemerken Gelegenheit hatten von den zur 
Athapasken-Familie gehörenden Stämmen der Qu ali ho qua, Tlats- 
kanai, Umpqua und Hoopah durchsetzt. — Speciell lassen 
sich diese Völker nach den Forschungen Hör. Hale's und Busch- 
manns in folgende 10 Gruppen vertheileu. 1. Die Kitunahas 
oder Flatbows, im Osten des Verbreitungsbezirkes dieser Völker, 
nordöstlich von den beiden Flüssen Flatbow und Flathead, westlich 
von den Sitzen der zum Algonkinstamme gehörenden Schwarzfüsse 
(Blackfeet); 2. die Tsihaili-Selish, westlich von den vorhergehen- 
den. Dahin gehören die Atnah oder Schuschwap, im Osten des 
Fraser-Flusses und südlich vom Mount Brown, die Selish oder 
Flathead, am oberen Oregon und dessen Nebenflüssen, die Pis- 
kwau, südlich von den vorhergehenden, und die Skitsuisch (Coeur 
d'Alenes), südlich vom Flathead -Flusse, ferner die Tsihailish 
und Cowelits im Norden der Qualihoqua und Chinook am unteren 
Oregon und die Killamuck im Süden vom Ausflusse des Oregon 
unterhalb des heutigen Astoria; 3. die Sahaptin (Nez perces) 
östlich vom Snake river und nördlich vom Salmon river. Mit ihnen 
aufs innigste verwandt sind die Wallawalla am nördlichen Oregon, 
vor seiner Vereinigung mit dem Snake river, und die Cliketat, 
im Westen der vorhergehenden, östlich von den Cowelits und Chinook; 
4. die AVaiilaptu mit den Cayuse und Molele, die ersten 
zwiselien dem Oregon und dem Snake river, die zweiten im Norden 
und die dritten im Südwesten; 5. die Chinook am oberen Oregon;*) 
6. die Calapuya, zwischen den Tlatskanai und ümpqua; 7. die 
Jakon, an der Meeresküste, nordöstlich; 8. die Lutuami oder 
Tlamatl, südöstlich von den Umpqua; 9. die Palaik, im äussersten 
Südosten, und 10. die Schastie, im äussersten Südwesten des 
Verbreituugsbezirkes dieser Völker, an der Meeresküste. 

Südlich von den Schasties und dem zum Athapaskenstamrae 
gehörigen Volke der Hoopah, im Westen vom Meere und im Osten 
vom Flusse Sacramento begrenzt, bis hinab an das Cap Concepcion, 
in dem sogenannten Neu-Californien, wohnt eine Reihe von Völkern, 
welche Aveder mit ihren nördlichen (den Oregon-), noch östlichen 
Nachbarn (den mexicanischen Völkern) in irgend welchem Verwandt- 
schaftsverhältnisse stehen, und die wir sammt den Bewohnern von 



*) Gibbs, George, Alphabetical vocabulary of the Chinook language, 
New- York 1863, S°. (Shea's library of American linguistics IX.) 



227 

Alt-Californieu — der Halbinsel, welche sich vom Ausflusse des 
Colorado an nach Süden hinabzieht — unter dem Namen der 

X. Aboiiginer von Calif ornien*) 

zusammenfassen. Unter den letzteren (den Alt-Californiern) gelten 
drei Sprachen als die bedeutendsten, nämlich: Pericu, Monqui und 
Cochimi. Zum Pericu gehört der Stamm der Gera, im äussersten 
Süden der Halbinsel, und zum Monqui zählen die Guaycuros 
(Waycuros) und die üchitis, nördlich von den vorigen. 

Mitten in der von uns mit dem Namen der Aboriginer von 
Oalifornien belegten Völkerfamiliej im Westen von mexicanischen 
Völkern durchbrochen, wohnt 

XI. Der Yumastamni. . 

Das Hauptvolk derselben bilden die Yumas, am unteren 
Colorado und Gila, mit denen die Cocomaricopas und die 
Cocapas (Cocopas), ein Zweig der vorigen , aufs innigste 
zusammenhängen. Die beiden letzteren leben im Süden und Norden 
<ler Yumas, dieselben umschliessend. Mit den Yumas und den 
beiden genannten verwandt sind die Indianer von St. Diego und die 
Mohawes; die letzteren unterhalb der Biegung des Colorado nach 
Süden. — Ferner gehören hieher die Wallpays, südöstlich vom 
Tule-See, und die Cutchanas, zwischen dem Colorado und Gila, 
endlich die Yabipais (Niforas), zwischen den Flüssen Gila und 
Yaquesila, das Gebiet der Apachen von dem der Navajos trennend. 

In dem Lande südlich von den Flüssen Colorado und Arkan- 
sas bis nach Mexico herunter wohnen mehrere Volker, welche ausser 
Zusammenhang mit den bisher betrachteten auch mit dem Haupt- 
volke — der grossen mexicanischen Familie — in keinem verwandt- 
schaftlichen Verhältnisse stehen. Wir fassen sie unter der Collectiv- 
bezeichnung 

XII. Isoliite Völker von Sonora und Texas 

zusammen. Zu denselben gehören namentlich folgende Völker: Die 
sogenannten Pueblos, die Eingeborenen des nordöstlichen Neu- 
Mexico, am oberen Rio grande del Norte und seinen Zuflüssen, im 
Westen und Süden von den zur Athapaskenfamilie gehörenden Navajos 

*) Pimentel, Fr., Cuadro descriptivo y coraparativo de las lenguas 
indigenas de Mexico, Mexico 1862—65, 8", 2 voll. 

15* 



228 

und Apachen, sowie den zum Yumastamrae gehörenden Yabipais 
begrenzt, während sie im Osten von den zur mexicanischen Familie 
gehörenden Comanchen umgeben sind. Von diesen auf einer höheren 
Culturstufe stehenden ludianerstämmen werden nicht weniger als 
fünf von einander verschiedene Sprachen gesprochen, nämlich: 
1. Zuni im Südwesten; 2. Chuchacas, welche von den Kiwomi oder 
Queres, im Nordosten der vorigen, gesprochen wird ; 3. Tanos, die 
Sprache der Jemez, im Westen; 4. Tegiia, die Sprache der Tezuque, 
im Nordosten, und 5. Piro, die Sprache der Picuries im Norden. 

Im Süden des Colorado, um die Mündung des Yaquesila, sitzen 
die Cosninas und die Tontos und unterhalb der Mündung des 
Colorado, längs dem Golf von Californien, die Axuas, Tepocas, 
Gueimas und Seris. In einer beinahe gebogenen Linie zwischen 
Culiacan, Chihuahua und dem Tiio graude del Norte finden wir die 
Hurabas, Tobosos, Gabilanes, Nazones, Nazos und 
Pilones, lauter Stämme, welche unter ihren Nachbarn und zum 
grössten Theile auch unter einander als isolirt zu betrachten sind. 

Als isolirt zu betrachten sind ferner die Kioway, im Westen 
der Pani (Pawnie), nördlich von Lougs Pick, im Qiiellengebiete 
des nördlichen Platteflusses, und die mit ihnen aufs innigste ver- 
wandten Paduca, am oberen Kansas, im Südosten der Pani; 
ferner die ehemals mächtigen Caddos, in Texas am Red river, 
sammt den längs der Küste ehemals sesshaften Caraucahuas, 
denen sich noch andere kleinere Stämme, wie die Towiaches, 
zwischen dem Canadian river und Red river, die Taensas, am 
mittleren Washita, u. a. anschliessen. 

Der grosse Landstrich, welcher vom Salmon river bis gegen 
Mexico sich herabzieht, ist mit Ausnahme der im Vorhergehenden 
erwähnten isolirten Völker (der Aboriginer Californiens, der 
Yumas, der isolirten Völker von Souora und Texas, sowie der 
versprengten Athapaskenvolker) von eine m grossen Volksstamme 
bewohnt, zu dem aucii das Eroberervolk der Azteken in Mexico ge- 
hört. Dieses hat bei seinem Zuge von Norden nach Süden dort 
eine Reihe von Völkern vorgefunden", die als 

XIII. Aboriginer Mexicos*) 
bezeichnet werden können. Dieselben hängen weder mit den Azteken 
noch unter einander zusammen, so dass der Name, den wir für 



*) Orozco yBerra, Manuel, Geogratia de las leuguas de Mexico, Mexico 
1864, 4". 



220 

dieselben gewählt haben , blos als eine conventionelle Bezeichnung 
derselben, nicht aber etwa als ein wissenschaftlicher Ausdruck zu 
betrachten ist. 

Zu diesen Völkern gehören: Die Totonaken, südlich von 
Panuco bis nach Jalapa herunter, und die Otomi (Hiaihiu ', 
im Gebirgslande im Norden, Westen und Osten von Mexico (von 
S. Luis Potosi bis Mexico). Ein Zweig der letzteren waren die 
Mazahuas oc|er Mazateken, nordwestlich von Mexico. Ferner 
gehörten dazu die Tarascas, die einheimische Bevölkerung von 
Mechoacan. Wahrscheinlich sind auch die sogenannten Chichimeken- 
Vöiker, im Norden der Otomi, hieher zu rechnen, von denen die 
Guicholas, Cazcanes, Guachichiles, Guamares, Mecos, 
Pames u. a. namentlich angeführt werden. 

Weiter im Süden, in Oaxaca, sind folgende Völker hieher zu 
beziehen: die Mixteken, im Westen von Acatlau am llio nasca 
bis nach Tututepec am Süd-Meer, die Chinanteken , im Nord- 
osten von Oaxaca, die Zapoteken, im Süden einer von Oaxaca 
gegen Tehuautepec gezogenen Linie, ferner die Mix es und die mit 
ihnen verwandten Zoques an der Grenze von Chiapas und Tabasco. 

Nachdem wir im Laufe unserer Darstellung bis nach Yucatan 
herab gelangt sind, wenden wir uns abermals nach Norden, um die 
Verbreitung der 

XI\'. ilexicanischen Völker*) 

ijn Einzelnen zu verfolgen. — Diese Völker bilden den anderen 
gegenüber unzweifelhaft eine Einheit, wie sich aus einer sorgfältigen 



*) Vergl. Orozco y Berra, Manuel, Geografia de las lenguas de 
Mexico, Mexico 1864, 8°. Pimentel, Franc.,' Cuadro descriptivo y comparativo 
de las lenguas indigenas de Mexico, Mexico 1862 — 6-5, S'', 2 voll., und Busch- 
mann, J. C. E. , Grammatik der sonorischen Sprachen. (Abhandlungen der 
Berliner Akademie 1863 ff.) In Betreff der Völker und Sprachen Mexicos sind 
manche Irrthümer auf der ethnographischen Karte von Nordamerika, welche 
dem 4. Bande der Waitz'schen Anthropologie der Naturvölker beii^egeben ist, zu 
verbessern. Coiiahuila geht vom 29" bis Matamoros und südlich bis Saltillo; 
westlich davon bis an den Rio grande del Norte sind die Tobosos zu verzeich- 
nen und weiter westlich bis Chihuahua die Conchos. Die Apachen reichen nur 
bis zum 29" 41' herunt-r nördlich von Chihuahua, das im Gebiet der Tarahu- 
mara, nicht der Tepeguana liegt. Dagegen liegt Durango nicht im Gebiet der 
Tarahumara, sondern der Tepeguana. Die Huastecas reichen nur etwas wenig 
über Tamaulipas hinauf. Dort wo Mecos verzeichnet ist, soll Pames stehen. 



230 

Betrachtung ihrer Sprachen darthun lässt. Freilich reicht der Zeit- 
punkt ihrer Abtrennung von einander sehr weit zurück und sind in 
Folge der eigeuthümlichen Isolirung der amerikanischen Völker 
manche Spuren der Verwandtschaft, die sich anderwärts unversehrt 
erhalten haben, hier bedeutend verwischt. Nichts desto weniger ist 
diese Entdeckung, die wir dem Scharfsinne Buschmanns verdanken, 
als eine der schönsten Thaten moderner Sprachforschung zu be- 
trachten. 

Im Nordwesten des Verbreitungsbezirkes dieser Völker, am 
Snake river bis etwa zum 41° nördl. Breite herunter, wohnen die 
Wihinascht, auch westliche Schoschonies genannt, da sie 
mit den im Nordosten sesshaften Schoschonies oder Schlangen- 
Indianern (Snakes) eine nur dialektisch verschiedene Sprache reden. 
Zwischen diesen beiden Völkern am oberen Snake river dehnt sich 
von West nach Ost der Stamm der Pa nascht oder Bonaks aus. 

um den grossen Salzsee herum, namentlich im Süden desselben 
wohnen die Utahs (Yutahs) und oberhalb der Biegung des 
Colorado nach Süden die Pah -Utahs (Piedes oder Payuches). 
Einige Meilen vom linken Ufer des Colorado entfernt, unterhalb des 
Taquesila, wohnen, umgeben von vier fremden Völkern (den Tontos, 
Navajos, Yabipais und Apachen) die Moquis, das gebildetste 
Volk dieser Classe. Die Com auch es*), zu denen auch dieYam- 
paricas im Osten des grossen Salzsees gehören, wohnen vom 
Quellengebiet des Colorado, Rio grande del Norte und Arkansas im 
Norden bis an das Quellengebiet des Nueces im Süden. Die Spra- 
chen aller dieser Völker fasst Buschmann zur fünften Abtheilung 
seines sonorischen Sprachstammes zusammen. 

Auf der Südküste von Neu-Californien, etwa vom Cap Concepcion 
im Norden bis nach St. Diego del Key im Süden, im Norden von 
den Aboriginern Californiens und im Süden und Osten von den 
Yuma- Völkern begrenzt, wohnen mehrere Stämme, die sprachlich 
zusammenhängen und mit den vorher aufgezählten zu einer Familie 
gehören. Es sind diess von Norden nach Süden die Kizh von 
S. Gabriel, die Cahuillo, zwischen den Quellen der Flüsse S. Ana 
und S. Gabriel, die Netela in S. Juan Capistrano, die Kechi, in 



Die Otomi reichen von S. Luis Potosi bis Mexico, Guanaxuato liegt mitten in 
ihrem Gebiete. Die Mazahuas sitzen nordwestlich von Mexico, jenseits des Ge- 
bietes der Otomi. (Siehe die Karte bei Orozco y Berra a. a. 0.) 

* ) F i s h e r , Morton C. , On the Arapahos , Kiowas and Comanches 
(Journal of the ethnological society of London, New series I, 274). 



231 

S. Luis Key, und die Chim eh ueves, am unteren Colorado, zwischen 
den Yuraas. Die Sprachen dieser Stämme werden von Buschmann 
zur vierten Abtheilung seiner sonorischen Sprachfamilie zusammen- 
gefasst. 

Am Gilafluss und seinen südlichen Zuflüssen wohnt das Volk 
der Pirnas,*) mit denen die weiter im Westen sitzenden Papa- 
gos (Papabotas) zusammenhängen. Die Pima-Sprache , welche 
namentlich mit dem Tepeguana zusammenhängt, bildet die dritte 
Abtheilung der sonorischen Sprachfamilie Buschmanns. Südlich 
von den Pirnas in Sonora wohnen die Opatas, und westlich von 
diesen die Eudebes. **) Südlich von beiden wohnen die Hiaqui» 
(Yaquis), noch weiter südlich die Mayos und südöstlich von 
den letzteren die Tubar. Die Sprachen dieser fünf Stämme werden 
von Buschmann zur zweiten Abtheilung seiner sonorischen Sprach- 
familie zusammeugefasst. 

An der Ostküste des Golfes von Califoruien wohnen im nörd- 
lichen Sinaloa die Cahitas und im südlichen die Co ras, welche 
mit den im Süden von Chihuahua und im Xorden von Durango sess- 
haften Tarahumaras und den im Durango und im Guadalajara, 
wohnenden Tepeguanas eine Einheit (Buschmanns erste Abtheilung 
der sonorischeu Sprachenfamilie) bilden. 

Der bedeutendste Stamm dieser Familie, zu den bisher be- 
handelten Völkern in einem entfernteren Verwandschaftsverhältnisse 
stehend, ist der aztekisch-toltekische. Seine ursprüngliche Heimath 
war im Norden gelegen, und er ist in jene Gegenden, in welchen 
er zur geschichtlichen Bedeutung sich entwickelt hat, vom Nord- 
westen her eingewandert. Denn zu dieser Annahme zwingt uns die 
Tradition des letzten Zweiges dieser Familie, der Azteken, welche 
von einer Wanderung über ein grosses Wasser spricht, worunter 
nur der Meerbusen von Califoruien gemeint sein kann. 

Unter den Angehörigen des aztekisch-toltekischen Stammes 
waren die Tolteken die ersten Einwanderer, da wir sie lange vor 
der Blüthe der toltekischen Cultur in Mexico bereits in den süd- 
liehen Gebieten, Guatemala und Yucatan angesiedelt finden. Von da 
aus sollen, wenn man die einheimische Tradition richtig interpretirt, 



*) Smith, Buckingham, Grammar of the Pirna or Nevome, a language 
of Sonora, London 1862, 8". (Shea's library of American linguistics, V.) 

**) Smith, Buckingham, a grammatical sketch of the Heve language, 
London 1862, 8°. (Shea's library of American linguistics III.) 



232 

die Keime der toltekischen Cultur nach Mexico getragen und dort 
weiter entwickelt worden sein, so dass die Einwanderung der Tol- 
teken in Mexico als eine Rückwanderung von Süden nach Norden 
aufzufassen wäre. Bei dieser Gelegenheit scheinen die Tolteken 
jene Völker, welche wir als Aboriginer Mexicos bezeichneten, vor- 
gefunden und ihrer Herrschaft unterworfen zu haben. Die Tradition 
bezeichnet sie mit dem unbestimmten Ausdrucke Chichimeken 
(welches so viel wie Barbaren bedeutet). Nachdem das Toltekenreich 
die Zeit seiner Blüthe durchlebt hatte, scheint es gleich anderen 
Reichen von innerer Fäulniss ergriffen worden zu sein, in Folge 
deren es ein Raub der empörten Chichimekenvölker wurde, die es 
verwüsteten und unter einander vertheilten. Doch die Tolteken 
gaben das Terrain nicht auf, sondern sich zeitweilig zurückziehend, 
brachten sie bald starke Hilfe in ihren Stammgeuossen, den Na- 
bu atl- Völkern, namentlich den kriegerischen Azteken. Diesen, 
einem anfänglich unscheinbaren Volke, gelang es, durch eine rück- 
sichtslos durchgefühlte, stramme Organisation nicht nur das frühere 
Besitzthum der Tolteken zu erobern, sondern eine förmliche Welt- 
herrschaft in diesen Gegenden zu begründen, die nur an dem unvor- 
gesehenen Erscheinen der Spanier ihr klägliches Ende erreichte. 

In Folge dieser aztekischen Eroberungen lassen sich die Spuren 
der aztekischen Sprache nicht nur weit nach Süden (bis zum See 
von Nicaragua), sondern auch hoch hinauf nach Norden (bei allen 
Sonora-Völkern bis zu den Schoschonie's) nachweisen, ein Factum, 
welches in neuester Zeit durch Buschmann als sichergestellt zu 
betrachten ist. 

Im Ganzen lassen sich, namentlich in späterer Zeit, die Tolteken- 
Völker von den Azteken-Völkern nicht trennen , da beide Stämme 
entweder eine und dieselbe oder blos dialektisch verschiedene 
Sprache geredet zu haben scheinen. Nur bei den älteren Völkern, 
so z. B. bei den Culhuas, Acolhuas, Ulmeken, Chika- 
lankeu, Tepaneken, ist dies eiuigermassen möglich, welche 
direct als Tolteken bezeichnet werden. Andererseits ist es von den 
Cohuixken, Tlapaneken, Cuitlateken in Mexico mehr als 
wahrscheinlich, dass sie zum Aztekenstamme zu rechnen sind. 
Gleiches gilt auch von den Mazapilen in Ost-Süd-Ost von Guada- 
lajara und von den Tlascalteken. 

Ebenso sind die C h i a p a n e k e n , die alte Bevölkerung von 
Chiapas, höchst wahrscheinlich ein Tolteken- Volk, welches bei seiner 



233 

weiteren Verbreitung nach Süden über Guatemala und Nicaragua 
unter dem Namen der Pipiles wieder auftaucht. 
Als die Aboriginerbevölkerung Yukatans kann 

XV. Der Maya-Stamm*) 

gelten, welcher ehemals, wie aus der Verbreitung der im Osten 
vor S. Luis Potosi wohnenden Huasteken geschlossen werden 
kann, weit nach Norden hinauf gereicht haben muss und wahr- 
scheiulich vor P^inwanderung der toltekisch-aztekischen Völker die 
ganze Küste von Tabasco bis Tamaulipas inne hatte. Das Haupt- 
volk dieses Stammes sind die Mayas im nördlichen Yukatan. — 
Zu den Mayas gehöreii die Tsendals in Chiapas, deren Sprache 
nur einen Dialekt des Maya bildet. — Verwandte derselben sind 
die Quiche, Kachiquel, Poconchi und Chorti, deren 
Sprachen mit der Maya-Sprache 7AI demselben Stamme gehören, 
ferner die Lacandons, welche unterhalb des Peten-Sees erwähnt 
werden, sammt den südöstlich wohnenden Mopanes und Chol es. 
Zu den Mayas gehören auch, wie schon erwähnt worden, die Huas- 
teken, im Nordosten von Mexico, von Tozapan bis Tamaulipas. 

Die Landstrecke von Honduras an bis gegen den Golf von 
Darien wird mit Ausschluss einiger aztekisch-toltekischen Völker, 
deren wir oben bereits erwähnt haben, von Stämmen bewohnt, die 
mit den vorigen nicht zusammenhängen und auch unter einander 
ohne tiefere Verwandtschaft sammt den Bewohnern der Antillen 
als isolirt zu betrachten sind. 

Wir fassen sie daher unter der Collectiv-Bezeichnung 

XVI. Isolirte Stämme Mittelamerikas und der Antillen,**) 

zu einer Einheit zusammen. Zu diesen gehören die Chorotegas, 
die Aboriginer von Nicaragua, von welchen berichtet wird, dass ihre 
Sprache von der mexicanischen verschieden gewesen sei. Sie um- 
fassen die vier Stamme der C h ol u t e c a s an der Bay von Fonseca, 
die Xagrandans, südöstlich von den vorigen, die Dirians, nord- 
westlich von Nicaragua und die Orotinas, am Golf von Nicoya. 
Verschieden von den vorhergehenden Stämmen sind die Chondals, 



*) Orozco y Berra, Manuel, Geografia de las lenguas de Mexico, 
Mexico 1864, 8". 

**) Squier, Die Staaten von Central- Amerika , deutsch von Andree, 
Leipzig 1856, 8°. 



234 

die Urbewohner des gebirgigen Innern von Nicaragua. Von den 
Völkern Costa -Ricas, Panamas und Dariens kennen wir ausser 
beiläufigen Notizen nur die blossen Namen und lässt sich ihre 
ethnologische Stellung daher schwer bestimmen. So wird um 
die Bay von Chiriqui das Volk der Changuenes erwähnt, im 
Südwesten derselben das Volk der Terrabas, im Südosten das 
Volk der ßorucas. Die Völker der Landenge von Panama und 
des Golfes von Darien gehörten zum grössten Theile zusammen, da 
sie, wie berichtet wird, ein Idiom, die Cueva-Sprache, redeten. 

Die Bewohner der Antillen gehörten zu dem Stamm der Cibu- 
neys, bis auf einzelne Striche von Hayti, wo frühzeitig zwei andere, 
wahrscheinlich festländische Stämme (Cariben und Arowaken?) 
festen Fuss gefasst hatten. Dass die Cibuueys zum Maya-Stamme 
nicht gehörten, wie vielfach behauptet wird, sondern eher mit einem 
der isolirten Völker Süd- Amerikas zusammenhingen, dies scheint 
vor allem aus der Flora dieser Inseln hervorzugehen, welche sich 
an jene Süd-Amerikas anschliesst. 

Von den Völkern des nordöstlichen Theiles von Süd-Amerika 
sind namentlich zwei näher bekannt, nämlich 

XVII. Die Arowaken und Caraiben.*) 

Die ersteren, welche sich selbst Lukkunu, „Menschen", 
nennen (der Name Aruak, „Mehlesser", wurde ihnen von ihren 
Nachbarn gegeben), waren ehemals die Bewohner des ganzen Küsten- 
gebietes zwischen dem Amazonas nnd dem Golf von Paria, von wo 
sie auf einzelne der nahe liegenden Inseln, ja selbst wahrscheinlicher 
Weise auf Hayti übersetzten. Gegenwärtig bewohnen sie den Land- 
strich zwischen den Flüssen Corentyn und Pomerun (das britische 
und holländische Guiana) und soll ihre Anzahl nicht mehr als 
2000 Seelen betragen. **) 

Die Caraiben (Cariben, Galibis) scheinen ein weitver- 
breiteter Stamm gewesen zu sein; sie lassen sich bis nach Uraba 
im Nordwesten und bis Cap Orange im Südosten nachweisen. Auch 
auf den Inseln ist ihre ehemalige Existenz bezeugt. Wie weit sie im 



*)Schomburgk, R., Reisen in Britisch - Guiana 1840—1844, Leipzig 
1847—48, 8°, 3 voll. Edwards, Bryan, The history of the British colonies 
in the West-Indies 4. edition, London 1807, 8", 3 voll. 

**) Brinton, D. G., in Transactions of the American philosophical society 
held at Philadelphia. New series XIV, 427. 



235 

Inneren reichten, ist nicht mit Sicherheit zu entscheiden, doch scheint 
es, dass sie im Süden längs des Amazonas bis über den Rio negro 
sich verbreiteten. Gerade diese weite Verbreitung der Caraiben ins 
Innere auf diesem Punkte macht es wahrscheinlich, dass wir die 
ursprüngliche Heimath dieses seekundigen Volkes in diesen Gegen- 
den Süd-Amerikas zu suchen haben. 

Als mit den Caraiben verwandt sind zu betrachten die Chara- 
gotto, südlich von Caracas, die Cumana-gotto, südlich von 
Piritu und Cumana, die Paria- gotto, am Golf von Paria, die 
Arina-gotto, südlich vom Orinoco, au den Flüssen Caura und 
Caroni, die Piano -gotto, an den Quellen des Coreutyn, ferner 
die Guaycaris und die Tamanaken, am oberen Orinoco, ober- 
halb der Zuflüsse des Cuchivero, die Quiriquires, am Südufer 
des Meer-Busens von Maracaybo, die Macusi, im Quellengebiete 
des Rio branco, die Akawai, am oberen Cujuni, endlich die Za- 
para, Encab ellados, Inquiavates, Putumayos, Angute res, 
Iquitos und Mazanes, zwischen dem oberen Putumayo und 
Pastaza, bis an den 79" westl. Länge, also hart an die Grenze des 
alten Inca-Reiches sich hinziehend. 

Dagegen ist es von den folgenden Stämmen zweifelhaft, ob sie 
zu den Caraiben gehören oder als die nun isolirten Urbewohner 
ihres Gebietes zu betrachten sind. Es sind dies die Tayronas, 
Guajiros und Caquetios, welche um den Meerbusen von Mara- 
caybo und auf der Halbinsel Guajira wohnen, die Otomaken, im 
Quellengebiete des Apure, die Yaruros, an den Mündungen des 
Apure in den Orinoro, die Salivas, in der Gegend des heutigen 
S. Fe de Bogota, die May pures mit den Cabres, im Quellen- 
gebiete des Orinoco, die Wapisiana, Atorai und Taruma, 
im Quellengebiete des Essequibo und seiner Zuflüsse, die Paravil- 
hanos, am unteren Rio branco, u. a. kleinere Stämme. 

Das Gebiet, welches von den beiden Flüssen Amazonas und 
Paraguay eingeschlossen wird und nebstdem im Nordwesten au 
den 4" nördl. Breite und den 54" westlicher Länge hinaureicht, wird 
von drei Stämmen eingenommen, welche in Betrefl:' der Sprache auf 
eine ehemalige Einheit schliessen lassen,*) nämlich den 



*) Vergl. Adelung-Vater, Mithridates III, 2, S. 603 tf. Schultz, 
Woldemar, Natur- und Culturstudien über Süd-Amerika und seine Bewohner, 
Dresden 1868, 8", S. 22, und Martius, C. F. P. von, Beiträge zur Ethno- 



236 



XVIII. Tupis, Guaranis und Omaguas. 

Davon haben die ersteren den nordöstlichen, die zweiten den 
südöstlichen und die dritten den westlichen Theil dieses Gebietes iune. 
— Die Tupis stehen zu den Guaranis in einem viel engeren 
Verwandtschaftsverhältnisse als zu den Omaguas, so dass wir 
füglich von den zwei Gruppen Tupi-Guarani und magna, 
bei der näheren Betrachtung der hieher gehörigen Stämme, aus- 
gehen können. 

Zu der ersten Gruppe gehören die Timbu, Caracara und 
Mbegua, am rechten Ufer des Parana, unterhalb des heutigen 
Santa-Fe und oberhalb Buenos Ajres, die Carlos, am Paraguay, 
unterhalb des heutigen Asuncion, die Arachanas, zu beiden Seiten 
des mittleren Uruguay, die Guayanas mit den C h o v a s , M u n n o s , 
Chovaras und Bat es, am oberen Uruguay, unterhalb des Iguazu, 
die Gualaches und I tatin es, zwischen den Flüssen Paraguay 
und Parana, die Apiacas und Cabahybas, im Quellengebiete 
des Tapajoz und seiner Zuflüsse, und die Bororos, südlich von 
den vorigen. — Ferner gehören hieher einzelne Stämme an der 
Ostgrenze des ehemaligen Inca- Reiches, so die Guarayos, Chiri- 
guanas, Chaneses, Sirionos, im Süden des Gebietes der 
Chiquitos. 

Zur zweiten Gruppe, dem Volksstamme der Omaguas, gehören 
die m a g u a s y e t e oder m a g u a s im engeren Sinne, am oberen 
Putumayo und Yapura sammt deren Zuflüssen, die Achaguas und 
Enaguas, südöstlich vom heutigen S. Fe de Bogota, die Aguas, 
zwischen dem Maranon und Yavari, die Capanaguas, am Ucayale, 
die Mar aguas, am Yutay, die Yurim aguas, am Yurua, und die 
Ucayales (Cocamas), am Ucayale und Apurimac, im Osten 
des altperuanischen Inca-Reiches. Wahrscheinlich sind auch die 
Omaguacas in Tucuman hieher zu rechnen. 

Innerhalb des Gebietes dieser drei Stämme finden sich mehrere 
grössere und kleinere Völker angesiedelt, von denen es wahrschein- 
lich ist, dass sie nicht mit ihnen zusammenhängen, sondern die 
zersprengten Ueberreste eines oder mehrerer grösseren Stämme bilden. 
Es sind dies die Mi rauh as, am oberen Yapure, und südlich von 
ihnen die Jumanhas, die Ticunas, am unteren Yutay, die 

graphie und Sprachenkunde Amerikas, Leipzig 1867, 8", I, 170. Wied-Neu- 
wied, Max, Prinz von, Reise nach Brasilien in den Jahren 1815 — 17, Frank- 
furt a. M. 1820—21, 4", 2 voll. 



237 

Catauxis, am Coarv, die Muras und Paiupurus , am unteren 
Purus , die A r a n a s , C u 1 i n o s und N a w a s , am oberen Yurua 
und Yutay, und östlicli davon die Jamamaris, die Pamas, am 
oberen Madeira, die Mundrucus, am unteren, und die Paron- 
titins, am oberen Tapajoz, die Paresis, im Quellengebiet des 
Paraguay und seiner Zuflüsse, die Parabitatas und Nabicuaras, 
im Quellengebiet des Ariuos, die Jundiahis und Jacundas, am 
unteren Tocantius, die ersten am linken, die zweiten am rechten 
Ufer, die Gavioes, Caracatis, Apinages, Cberentes und 
Chavantes an demselben Flusse oberhalb der vorigen. Die 
Oarayas und Cayapos, am oberen Araguay und seinen Zuflüssen, 
die Ay mores oder Guaymores, allgemeiner bekannt unter dem 
Namen der ßotokuden, im Osten des Flusses S. Francisco, die 
Kiriris in der Provinz Bahia, in der Nähe von Cochoeira, und 
die Puris, Choropos mit den Goaytacas, an beiden Ufern 
des unteren Parahyba im Nordosten von Kio de Janeiro. 

Der Strich Landes, welcher im Westen des Verbreitungsbezirkes 
der Tupi-. Guarani- und Omagua-Völker, im Osten der Anden, etwa 
vom Chimborazo bis an den lUimani, sich herabzieht, wird in den 
Gebieten der Flüsse Maranon und Madeira und deren Zuflüsse von 
mehreren Völkern bewohnt, die weder mit einander noch mit irgend 
einem der erwähnten Volksstämme zusammenhängen und die wir 
unter dem Collectiv-Ausdrucke 

XIX. Andes-Völker 

zusammenfassen. Es sind dies die Cofanes und Huamboyas, 
östlich vom Chimborazo, die Jivaros. westlich vom mittleren 
Pastaza, die Yaincos, am unteren Chambira, die Pacamoros 
und Y u g u a r z n g s , an der Biegung des Maranon von Norden nach 
Osten, die C o c h i q u i n a s , am unteren Y avari , die M a y o r u n a s , 
am mittleren Ucayali, die Panos, am oberen Ucayali und seinen 
Zuflüssen, die sogenannten Antisaner, im Quellengebiet des Beul 
und seinen Zuflüssen, die Moxos, die Bewohner der Provinz Moxos, 
mit den kleineren Stämmen der Bau res, Jtouamas, Pacagua- 
ras u.a. und die Chiquitos, die Bewohner der Provinz gleichen 
Namens, mit den Saravecas, Inimas, Otukes, Zamucas u. a. 

Das Land Chile vom 30" südl. Breite abwärts wurde von 
mehreren Völkern bewohnt, die aber eine und dieselbe Sprache 
redeten, so dass wir sie füglich zu dem Stamme der 



238 



XX. Araukaner*) 

zusammenfassen können. Dieselben können als die Aboriginer dieser 
Gegenden betrachtet werden. Der einheimische Name, den sie sich 
beilegen sollen, lautet Moluche, „Krieger". Speciell nennen sich 
die im Nordwesten lebenden Stämme Picunche, „die Nördlichen", 
die im Nordosten ansässigen Pu eiche, „die O.estlichen". Die Küsten- 
stämme, welche von St. Jago de Chile bis herab gegen Valdivia 
wohnen, nennen sich Pehuenche, „die Fichtenmänner", die Stämme 
im Süden des Landes bis hinab gegen das Feuerland werden mit 
dem Namen Huilliche, „die Südlichen", bezeichnet. Die südliche 
Abtheiluug der letzteren, etwa vom 41*' südl. Breite herab nennt 
sich speciell Vuta Huilliche und unterscheidet sich auch von 
der nördlichen dadurch, dass sie mit den im Osten wohnenden 
Tehuelche stark gemischt ist. Im Osten, in den Pampas am Salcado 
und seinen Zuflüssen, gehören die beiden Stämme der Kanqueles 
und Chilenos (Aucas) hieher, die erst nach der spanischen Be- 
siedeluug des Landes von Westen her eingewandert sind. 

Indem wir uns abermals gegen Norden wenden , betrachten 
wir zunächst jene Stämme, welche am linken Ufer des Paraguay 
und seinen westlichen Zuflüssen von 19° bis etwa zum 32" südl. 
Breite herab sich erstrecken. Wir benennen sie nach den beiden 
Hauptvölkern dieser Gruppe 

XXI. Gu aycuru- Ab ipoiier**) 

und rechnen auch die am linken Ufer des Uruguay, von seiner 
Mündung an bis etwa zum 30^ südl. Breite hinauf, wohnenden 
Charruas mit deren Verwandten dazu. — Der nördlichste dieser 
Stämme sind die Payaguas oder Payagoas, welche am Para- 
guay, vom p]influsse des Taquari bis etwa 5 Grade abwärts, wohnen. 
Zwischen dem Paraguay und Pilcomayo \vohnt das Volk der Guay- 
curus, und westlich daran, jenseits des Pilcomayo die Mbocobies. 
Am Bermejo finden wir die Lules, Mataguayos, Chunupis, 
Malbalaes und Tobas und zwischen dem unteren Pilcomayo und 



*) Smith, E. K. The Araucaiiians , New-York 1855, 8". Stewenson, 

W. B. A., Narrative of 20 years residence in South-America, London 1825, 8", 3 voll. 

**) Vergl. Martius, Ph., Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde 

Amerikas, Leipzig 1867, 8", I, 226. Dobrizhof fer , Martin, Historia de 

Abipoiiibus, equestri bellicosaque natioue Paraguaria, Viennae 1784, 8", 3 voll. 



239 

Berraejo die Mbayas. Iin Süden zwischen dem Parana und Salado 
und über diesen hinaus bis an den Dolce sitzen die Abiponer. 

Das Land südlich von diesen Gegenden, die sogenannten 
Pampas, bewohnt der Stamm der 

XXII. Puelche.*) 

Das Wort bedeutet „die Oestlichen", das nördlichste Volk, 
welches hieher gehört, wird Taluhet bezeichnet. 

Das Land südlich von dem Pampas bis hinab gegen das 
Peuerlaud wird von dem Stamm der 

XXIII. Tehuelche**) 

bewohnt, bei uns unter dem Namen Patagonen oder Patagonier 
allgemeiner bekannt. Die südlichen Stämme am Golf von S. Jorge 
nennen sich speciell Culilau-cunny, die am Flusse S. Cruz 
Sehuau-cunny und die auf der Ostseite des Feuerlandes wohnen- 
den Yacaua-cuuny. 

Im Süden der Araukaner und Tehuelche auf dem Feuerland 
und den umliegenden kleineren Inseln sitzen die sogenannten 

XXIV. Fenerländer. 

welche nach den Nachrichten, die man über sie besitzt, in mehrere 
durch verschiedene (stammfremde?) Sprachen geschiedene Stämme 
zerfallen, so die Alikoolip, im Südwesten, die Tekeeuica, im 
Südosten des Feuerlandes, die Y a p o o s auf Hoste Island u. a. 

Nachdem wir im vorhergehenden die Stämme Süd-Amerikas, 
welche auf der Ostseite der Anden ansässig sind, betrachtet haben, 
bleiben uns nur mehr jene Völker zu erwähnen, welche wir auf 
der Westseite dieses Gebirgszuges angesiedelt finden. Hier stossen 
wir im Süden und Westen des Caraibengebietes auf den Stamm der 

XXV. Chibcha oder Muisca,***) 
an welchen sich mehrere, theils verwandte, theils stammfremde Völker 
anschliessen. Das Gebiet dieser Völker erstreckt sich vom oberen 



*) Baucke. Florian, Reise in die Missionen nach Paraguay 1748-1766, 
Regensburg 1870, 8«. 

**) Falkner, Thomas, Description of Patagonia and the adjoining parts 
of South-America. Hereford 1774, 4". Andree, Carl, Buenos-Ayres und die 
argentinischen Provinzen. Leipzig 1867, 8°. 

***) Gumprecht, Das Volk der Muyscas oder Chibchas in Neu-Granada 
(Zeitschrift für Erdkunde in Berlin 1856, S. 167 ff. und 247 ff.) Uricoech ea, E., 



240 

Zuila im Norden bis herab gegen Pasto im Süden , wo die Grenze 
der Quichua-Völker beginnt, und von den Quellen des Atrato im 
Westen bis gegen S. Fe de Bogota im Osten. Das Hauptvolk dieser 
Gruppe, die Muiscas, lebte im heutigen Neu-Granada, in Bogota 
und Tunja. Westlich davon, auf dem rechten Ufer des Magdalenen- 
flusses, Sassen die P auch es und auf dem linken Ufer die Panta- 
goros. Im Nordosten, am Zuila, wohnten die Chitareros und 
südlich von ihnen die Guanes und Lach es. Im Südosten von 
Popayan ist das Volk der Paezes erwähnenswerth und nordwestlich 
und südöstlich von diesen die Pijaos. 

Das ganze Küstengebiet vom 4** nördl. bis zum 30"^ südlicher 
Breite wird von mehreren Völkern bewohnt, als deren bedeutendstes 
das Inca-Volk der Quichua's gelten kann. Wir benennen daher 
diese Völkergruppe mit dem Namen der 

XXVI. Quichua-Völker,*) 

ohne damit die einheitliche Abstammung derselben zu behaupten. 
Das Hauptvolk, die Quichuas, welches bei der Eroberung dieser 
Gegenden durch die Spanier als das herrschende auftritt, ist 
ursprünglich in der Umgebung von Cuzco zu Hause, es hat sich 
aber durch die Eroberungen der Incas über seine ursprünglichen 
Grenzen verbreitet, wie auch seine Sprache weit über dieselben nach 
Norden und Süden getragen. Die nächsten Verwandten der Qui- 
chuas sind die Aymaras**), die ursprünglichen Bewohner des Ge- 
birgslandes im Osten und Südosten des Titicaca-Sees. Sie sind die 
eigentlichen Urheber der peruanischen Cultur und stehen zu dem 
Eroberervolke der Quichuas in einem ähnlichen Verhältnisse wie 
die Tolteken zu den kriegerischen Azteken in Mexico. 

Neben diesen beiden Völkern treffen wir eine Keihe von 
Stämmen, welche ethnologisch mit denselben und wahrscheinlich 



Gramatica de la lengua Chibclia, Paris 1871, 8". Derselbe, Memoria sobre 
las antiguedades Neo-Granadinas , Berlin 1854, 8'^. Das Wort Muisca bedeutet 
»Leute, rerson", wäbrend Cbib'.ba die Sprache bezeichnet, welche von diesem 
Volke gesprochen wird. 

*) Tschudi, J. J. von, Peru. Reiseskizzen aus den Jaliren 1838 — 42, 
St. Gallen 1844—46, 8°, 2 voll. Derselbe, Reisen nach Süd- Amerika, Leipzig 
18ö6, 8". 5 voll. 

**) Vergl. Tschudi, J. J. von. Die Kechua-Sprache, Wien 1853, 8", I, 18. 
Forbes, David, On the Aymara Lidians of Bolivia and Peru. (Journal of tlie 
ethnological society of London, New series II, 193 flf.) 



241 

auch unter einander niclit zusammenhängen. Es sind dies die 
Barbacoas und Iscuandees, im Nordwesten, und die Quilla- 
cingas, im Südosten von Pasto, die Puruayes, südlich vom 
Chimborazo, die Guancas (Huaucas) und Yauyos in der Breite 
von Lima , die ersten im Inneren, die zweiten mehr an der Küste, 
die Atacamas, die Bewohner der Küste südlich von Arica bis gegen 
Atacama, und südlich von ihnen die C h a n g o s , L 1 i p i s und andere 
Stämme. *) 

Leiblicher Typus des Amerikaners.**) 

Was den physischen Typus der amerikanischen Kasse anbe- 
langt, so sind die meisten Keisenden und Forscher darin einig, dass 
die Aboriginer der neuen Welt vom höchsten Norden bis zum 
tiefsten Süden eine Physiognomie zeigen, deren Abweichungen sich 
in der Kegel aus localen Ursachen erklären lassen. Ebenso stimmen 
Alle darin überein, dass der Amerikaner von jeder anderen Menschen- 
varietät leicht zu unterscheiden ist und dass, wenn auch einzelne 
Aehnlichkeiteu zwischen ihm und anderen gelben oder braunen 
Rassen obwalten , die Unterschiede wiederum derart sind , - dass an 
eine Identificiruug beider nicht gedacht werden kann. 

Im Allgemeinen dürfte folgendes Bild auf den Aboriginer 
Amerikas passen. 

Der Körperbau ist ziemlich kräftig,***) jedoch weniger wie beim 
Weissen und Neger, daher auch die Arbeitskraft des Amerikaners 
jener der beiden genannten Menschenvarietäten nachsteht. Der Schädel 
ist bald rund, bald mehr länglich und nach hinten gezogen, 
das Hinterhaupt nur wenig abgerundet, oft förmlich abgeplattet. 
Die Stirn ist sehr breit, aber auch sehr niedrig, oben etwas schmäler 
als unten. Dadurch treten der mittlere und untere Theil des Ge- 
sichts mehr hervor, als bei jeder anderen Kasse, und es ist der 
Amerikaner an diesem Zuge leicht von den übrigen Menschen- 
varietäten zu unterscheiden. Die Augenhöhlen sind sehr gross, 
beinahe viereckig und der untere Kand derselben mehr gekrümmt 



*) Ueber die wunderbar grosse Anzahl der fremden Stämme in Peru nach, 
neuen u;id älteren Nachrichten, vergl. Tscbudi a. a. 0. 18. 

**) Abbildungen des amerikanischen Typus findet mau bei Prichard, 
Schoolcraft. Maximilian Prinz von Wied-Neuwied, und bei Pickering in United 
states exploring expedition IX. 

***; Die verbreitete Ansicht von der Schwäche der amerikanischen Rasse 
ist in ihrer Allgemeinheit unbegründet. 

Müller, Allg. Ethnographie. ' 16 



242 

als der obere. Die Augen sind iu der Regel tiefliegend, klein und 
schwarz, die Augenlidspalte ist stets horizontal. Die Backenknochen 
sind stark und treten mit einer plötzlichen Neigung gegen den 
Unterkiefer bedeutend hervor. Die Kiefer sind lang und vorstehend, 
die Zähne sitzen oben in denselben vertical und sind von beträcht- 
licher Grösse. Die Nase ist gross, lang und etwas gebogen, die 
Nasenlöcher weit. Der Mund ist von bedeutender Grösse, die 
Lippen oft dick ohne aufgeworfen zu sein. Das Haar ist. schlicht, 
lang, grob und von sehr schwarzer glanzloser Farbe. Bart und 
Aucfenbrauen sind sehr schwach entwickelt. 

Die Behaarung an den bedeckten Theilen des Körpers fehlt 
ganz. Ob der letztere Charakter ursprünglich dieser Rasse zu- 
kommt oder in den meisten Fällen mit der Sitte des Ausreissens 
der Haare am Körper zusammenhängt , wobei Vererbung dieser 
künstlich erzeugten Beschaffenheit mit der Zeit eingetreten sein kann, 
lässt sieh schwer entscheiden. Die Haut ist zart und atlasartig an- 
zufühlen, die Farbe derselben schwankt zwischen Schmutziggelb, 
Olivenbraun, Lohfarb, Zimmtbraun und Kupferroth. 

Merkwürdig ist die Sitte der Abplattung der Stirn, des Hinter- 
hauptes, oft auch der Seiteutheile des Kopfes, welcher wir bald in 
dieser, bald in jener Form bei den meisten Völkern Amerikas be- 
gegnen. Es scheint hierin nichts anderes als eine Uebertreibung 
des typischen Rassencharakters zu liegen, in welchem jede Rasse 
das Ideal ihres Schönheitsbegriffes zu erblicken pflegt. 

Psychisclier Charakter des Amerikaners. 

Der Grundzug des Charakters des Amerikaners ist Verschlossen- 
heit und Ernst. Er unterscheidet sich hierin bestimmt von anderen 
Rassen und erinnert vielfach an den Malayen. Der Amerikaner 
sieht allem, was um ihn vorgeht, mit würdevoller Indifferenz zu und 
nimmt überhaupt an der äusseren Welt wenig Antheil. Er ist 
daher im Verkehre mit Seinesgleichen ernst und schweigsam und 
lässt stets Ueberlegung und Vorsicht merken. 

In den Versammlungen der nordamerikanischen Indianer geht 
es ganz eigenthümlich zu. Der Redner spricht laugsam, eintönig, 
wie wenn er in einem Monolog begriffen wäre. Alle Anwesenden 
hören ihm schweigend zu und dieses Schweigen dauert auch eine 
Weile fort, nachdem der Redner geendet. Wenn nach einigen 
Minuten ein neuer Redner anhebt, bekommt* man unwillkürlich den 
Eindruck einer Versammlung von Zerstreuten, die durch die Stille 



243 

aufmerksam geworcleu, wie aus einem Traume erwachen und über 
den vorgetragenen Gegenstand nachzudenken scheinen. 

Parallel mit dieser äusserlich zur Schau getragenen Apathie 
und Gleichgiltigkeit gegen die Dinge der Aussenwelt geht eine ans 
Wunderbare gn-nzende Selbstüberwindung, mit welcher der Indianer 
den Schmerz erträgt. Nachdem er den Feind, welcher in seine 
Gewalt gefallen , mit der unmenschlichsten Grausamkeit behandelt, 
erträgt er selbst, in Gefangenschaft gerathen, alle Grausamkeiten, 
welche der übermüthige Feind an ihm vornimmt. Er stösst keinen 
Laut aus, welcher seinen Schmerz verrathen, er verzieht keine 
Miene, welclie seinen inneren Seelenkampf andeuten könnte. Die Hel- 
den Homers, welche ihrem Schmerz durch lautes Schreien Ausdruck 
geben, wären in den Augen des Indianers feige Memmen. Ein in- 
dianisches Weib, welches gleich einem Weibe aus unserer Mitte 
während der Geburt, wo sie von Wehen überwältigt wird, stöhnen 
oder gar schreien möchte, würde verachtet und verspottet werden. 
So verschieden sind die Ansichten des Indianers von den unsrigen, 
dass er selbst dann, wenn es gilt das Leben zu verlassen und aus 
dem Kreise seiner Lieben für immer zu scheiden, von Jedermann 
stoische liuhe und Gleichgiltigkeit fordert, nicht so sehr deswegen, 
weil die AVeit mit ihren Gütern des Lebens nicht werth, sondern 
weil es eines Mannes unwürdig ist,, sich durch den Schmerz über- 
wältigen zu lassen. 

Diese Selbstbeherrschung und Gleichgiltigkeit entspringen aber 
nicht einem pHegmatischen Temperamente, sondern sind vielmehr 
Folge der dem Amerikaner angeborenen Härte und Verschlossenheit. 
Der Grundzug seines Temperamentes ist im Gegentheile cholerisch. 
In demselben Grade als der Indianer sich äusseren Einflüssen gegen- 
über zu beherrschen weiss, gibt er sich Affecten mit Lebhaftigkeit 
und beispielloser Leidenschaft hin. Ist sein Herz dem Zauber der 
Liebe verfallen oder sein Kopf von der Wuth des Spieles ein- 
genommen, so ist er im Stande all sein Hab und Gut zu opfern 
und selbst seines eigenen Lebens nicht zu schonen. 

Als Krieger ist der Indianer tapfer. Er führt den Krieg in 
der Kegel mit ebenso viel Grausamkeit als List. Er erinnert viel- 
fach an den Maori, er vergreift sich auch gleich diesem an dem 
erschlagenen Feinde und isst von seinem Fleische. 

Die im Charakter des Indianers gelegene, nach aussen zur 
Schau getragene Gleichgiltigkeit und Verschlossenheit wird durch 
die eigenthümlichon Ansichten über Schicklichkeit noch mehr genährt. 

16* 



244 

Nach diesen ist es uicht gestattet den Spreclieuden zu 
unterbrechen oder Misstrauen gegen die Wahrheit seiner Worte an 
den Tag zu legen. Es gilt auch nicht für schicklich, die Rede all- 
sogleich zu beantworten ; je grössere Wichtigkeit man derselben 
beilegt, um so länger zögert man in der Regel mit der Autwort. 

Daher ist es für den Fremden ausserordentlich schwer mit 
dem Indianer zu verkehren und aus dem Betragen desselben, welches 
er momentan an den Tag legt , auf das was in seinem Innern vor 
sich geht einen Schluss ziehen. Da der Indianer Jedermann mit 
einer gemessenen Höflichkeit begegnet, so fordert er dieselbe auch 
von Anderen. Wird er beleidigt, so ist er weit davon entfernt, auf 
der Stelle Gleiches mit Gleichem zu vergelten; im Gegeutheile, er 
trägt die gleichgiltigste Miene zur Schau , obgleich sein Inneres 
bereits auf Rache siunt. Wehe dann dem Unvorsichtigen, der sich 
durch solches Benehmen täuschen lässt, und den stumpfen Wilden 
mit noch grösserer Insolenz behandeln zu können glaubt! 

Ethnographische Schilderung. 

Vermöge der beschränkten Anzahl von Nutzpflanzen und Nutz- 
thieren, sowie der nicht überall günstigen Lage des Landes, ist der 
Aboriginer Amerikas im Ganzen gegen die anderen Rassen in seiner 
Gulturentwickeluug bedeutend zurückgeblieben. Die Natur selbst 
hat ihn zum Jäger und Fischer gemacht und ihm den Zutritt zu 
einer höheren Cultur verwehrt. Er war viel stiefmütterlicher von 
ihr behandelt worden als der Malaye, der Neger und der Hotteu- 
tote ; sie hatte ihm nur ein Weniges mehr geboten als dem Australier 
und dem Papua. 

Trotzdem gelaug es ihm auf einzelnen Punkten, wo er von 
der gewaltigen Natur nicht so hart bedrängt war und sich gleich- 
sam sammeln konnte , sich aus dem wilden Zustande empor zu 
arbeiten und zum Culturmensclieu heranzubilden. Diese Cultur ist 
nicht nur eine materielle, sondern eine zum Theile auf die Befrie- 
digung geistiger Bedürfnisse abzielende, und wir müssen sie um so 
mehr anerkennen, als sie ganz ohne äusseren Eiufluss zu Stande 
kam und wie es scheint erst nach unsäglichen Kämpfen mit den 
nothwendigsteu Bedürfnissen des Lebens augebahnt werden konnte. 
Deswegen nimmt auch nach unserer Ansicht der Amerikaner in der 
Reihe der Menschenrassen eine höhere Stufe ein als der im Javaneu 
zum Culturmeuscheu erliobene Malaye, der im Ueberfluss schwelgende 



245 

Neger otler der über den Nomadenzustand nicht hinausgekommene 
Kafter. — 

Vom Standpunkte der einheimischen Cultur theilt sich die 
Aboriginer-Bevülkerung Amerikas in zwei Abtheilungen. In die 
eine fallen die beiden Cultnrvölker dfer Mexicaner und Peruaner, an 
welche sich die Völker Mittel-Amerikas einerseits und die Völker 
Neu-Granadas andererseits auschliessen , in die andere Abtheiiung 
dagegen die übrigen Stämme Nord- und Süd-Amerikas, welche man 
füglich unter dem Ausdrucke Naturvölker zusammenfassen kann. 

Ä. Naturvölker Amerikas. 

1. Nordamerikanische Völker. *) 

In der Kleidung des nordamerikanischen Indianers prägt sich 
eine eigenthümliche Mischung des Pompösen und Phantastischen aus. 
Dieselbe ist grösstentheils den Fellen der von ihm erlegten Thiere 
eutuommeu, worunter der Bison obenan steht. Die Felle werden 
zu diesem Zwecke gegerbt und zu Röcken, Beinkleidern, Gamaschen 
und Schuhen zusammengenäht. Dieselben sind besonders an den 
Seiten mit allerlei Zierrath, der frausenartig herabhängt, aufgeputzt. 
In der Regel wird über diesen Anzug ein mit allerlei Figuren be- 
malter Mantel, ebenfalls von Leder, geworfen. 

Das Gesicht wird mit verschiedenfarbigen Strichen bemalt, 
und gilt für desto schöner, je mehr schreiende Farben aufgetragen 
werden. Das Haupt, dessen Haare entweder frei herabhängen, oder 
bis auf einen Büschel am Scheitel geschoren sind, wird mit Federn, 
Büscheln von Pferdehaaren, den Skalp-Locken des erschlagenen 
Feindes, Büffelhörnern und anderem Zierrath geschmückt. Solche 
Dinge, nebst noch anderen bunten und mannigfaltigen Gegenständen, 
wie Thier- und Vogelbälge, Bänder, Steinstückchen, werden auch 
an Schnüren zusammeugereiht und sowohl um den Hals, als auch 
um einzelne Waffenstücke und Geräthe, vor allem die Pfeife, 
umgehäugt. 



*) Quellen: Schoolcraft Henry, R. Historical and Statistical informa-, 
tion resp. tbe history of the Indian tribes of the ü. S., Philadelphia 185J, 4", 
5 voll, und Catlin, George, Letters and notes on the manners, customs and 
condition of the North- American Indians, London 1841, 8°, 2 voll. Wir haben 
uns bei der vorliegenden Schilderung auf die Indianerstämme im Osten des 
Felsengebirges beschränkt, da die an der Nordostküste sesshaften Stämme bereits 
Anklänge an Nordost-Asien zeigen. 



246 

Der Torzüglichste Schmuck des nordamerikanischen Indianers 
sind jedoch die sogenannten Wampums. Dies sind Arm- und Hals- 
händer aus farbigen, besonders blauen Perlen, welche aus kleinen 
Muscheln verfertigt werden. Zu diesem Behufe wird die Muschel 
an Steinen glatt und rund gerieben und dann mittelst eines spitzigen 
Instruments durchbohrt. Man fasst mehrere solcher Perlen an 
Schnüren zusammen, und diese werden um so höher geschätzt, je 
bunter und gleichförmiger die einzelnen Perlen sind. 

Vermöge der mühseligen Arbeit bei Verfertigung derselben 
ist der Werth solcher Wampums in den Augen des nordamerikaui- 
schen Indianers sehr gross. Sie werden überall statt baren Geldes 
genommen. Bei Unterhandlungen ist die Zusendung des Wampums 
ein Zeichen der Freundschaft, im Kriege ein Zeichen des angebotenen 
Friedens. Häufig wird der Tribut, welchen ein unterworfener Stamm 
zu zahlen hat, in Wampums gezahlt. 

Die Wohnungen des nordamerikanischen Indianers bestehen 
aus Hütten, welche bei den Fischerstämmen aus Baumrinde, bei 
den Jägerstämmen dagegen aus zusammengenähten Büifelhäuten 
verfertigt werden. Die ersteren sind in der Kegel grösser und 
haben eine beinahe halbkugelförmige Gestalt, die letzteren dagegen 
sind nach oben spitz zulaufend. Das Gerüste der Hütte wird aus 
mehreren Stangen gebildet, welche mittelst Thiersehnen zusammen- 
gebunden werden. Bei den Hütten der letzteren Art ist die Zelt- 
decke mittelst Pflocken unten am Boden befestigt. Dieselbe ist von 
aussen mit verschiedenen Figuren bemalt und mit Fransen reichlich 
verziert. An einer Seite wird die Naht unten ein wenig unter- 
brochen und die Decke nach beiden Seiten zurückgeschlagen, wodurch 
eine kleine Thür entsteht, durch welche man in die Wohnung hin- 
einkriecht. Oben an der Spitze befindet sich ein Loch, welches zum 
Abziehen des Rauches dient. In der Mitte der Hütte ist der Feuer- 
platz gelegen, ein rundes, in die Erde gegrabenes Loch, über welchem 
ein grosses kesseiförmiges Gefäss von einem aus drei gegen einander 
geneigten Stangen gebildeten Gestelle herabhängt. 

Eine solche Hütte wird von einer Familie bewohnt; sie um- 
fasst alle ihre Utensilien, wie Geschirre, Waffen und übrigen Ge- 
räthe. Sie kann in kurzer Zeit aufgeschlagen und ebenso abgebrochen 
werden. Im letzteren Falle werden die Felle zusammengerollt, und 
die Stangen der Hütte bilden das Gerüst , auf welches man die 
verschiedenen Stücke des Hausrathes legt und fortträgt. Das Zu- 
sammenpacken und Forttragen der Hauseinrichtung ist in der ßegel 



247 

das Geschäft des Weibes, welchem auch die anderen Verrichtungen 
des Haushaltes zufallen, während der Mann blos um seine Waffen, 
die Jagd und den Krieg sich kümmert. 

Die Hausgeräthe sind aus Holz, Thon, leichten Steinen und 
Thierhäuten verfertigt. Die Schneide - Instrumente und Waffen 
wurden vor der Bekanntschaft mit den Weissen aus Steinen und 
Knochen gearbeitet. Obschon das Land einen grossen Keichthum 
an Metallen darbietet, waren dem nordamerikanischen Indianer die 
Gewinnung und Bearbeitung derselben unbekannt. 

Bei den Fisclierstämmen ist der Kahn eines der wesentlichsten 
Geräthe. Er wird entweder aus Baumrinde oder der Haut des 
Bisons verfertigt und ist ebenso durch Leichtigkeit, als durch Dauer- 
haftigkeit ausgezeichnet. 

Von den Jägerstämmen werden im Winter, wenn der Schnee 
hoch liegt, Schneeschuhe getragen. Es sind dies grosse elliptisch 
oder in der Form eines Fisches geschnittene Platten von weichem 
Holze und Leder, auf denen der Jäger über den hartgefrorenen Schnee 
dahingleitet, während das von ihm verfolgte Wild mit jedem Satze 
im Schnee versinkt. Er hat daher mit seiner Beute in der Kegel 
leichte Arbeit. 

Mehrere zusammenstehende Hütten bilden ein Dorf. Die An- 
lage eines solchen ist aber nichts weniger als regelmässig. Meistens 
findet man solche Indianerdörfer an Stellen, wo der Jagdertrag er- 
giebig zu sein pflegt und wo Wasser in geringer Entfernung sich 
findet. Manchmal wird das Dorf mit einer Umzäunung von Stöcken, 
die reihenförmig in die Erde eingerammt sind, umgeben, um es vor 
plötzlichen Ueberfällen sicher zu stellen. 

Die Nahrungsmittel des nordamerikanischen Indianers sind 
grösstentheils animalischer Natur. Das Fleisch wird entweder ge- 
trocknet, geräuchert oder gekocht; rohes Fleisch scheint nur dann 
genossen zu werden, wenn entweder der Hunger zu gross ist oder 
das Feuer augenblicklich fehlt. Dabei wird das Fleisch weder ge- 
salzen, noch mit irgend einem anderen Gewürze versetzt. 

Wenn die Jagd nicht genug ergiebig ausgefallen ist, nimmt 
man auch zur vegetabilischen Nahrung seine Zuflucht. Dieselbe 
ist aber stets nur den wildwachsenden Pflanzen entnommen ; Land- 
l)au wird von den Indianern Nordamerikas nicht getrieben. Sowohl 
vom Fleisch, als auch von einzelnen Pflanzenarteu (z. B. dem wilden 
Keis) werden für den strengsten Theil des Winters Vorräthe an- 
gelegt, welche man in dicht verdeckten Gruben aufbewahrt. 



248 

Die Gewohnheit au das Jäger- und Fischerleben ist im nord- 
amerikauischeu Indianer so tief eingewurzelt, dass er auch dann, 
nachdem er durch die Weissen sowohl mit den Hausthieren, als 
auch den Culturgewächsen der alten Welt beschenkt worden war, 
es verschmähte, in der Viehzucht oder im Landbau die Quelle 
seiner Nahrung zu suchen. 

Er zieht kein einziges unserer Hausthiere; selbst das Pferd, 
welches ihm bei der Jagd so wesentliche Dienste leistet, Avird von 
ihm wild eingefano^en. 

Bestimmte Mahlzeiten werden vom nordamerikauischen Indianer 
nicht gehalten, man isst, sobald man Hunger verspürt oder irgend 
etwas vorhanden ist. War die Jagd ergiebig, so ist auch die Mahl- 
zeit reichlich und das Feuer wird unter dem Fleischtopfe so lange 
unterhalten, als nur etwas da ist; im entgegengesetzten Fall weiss 
man sich auch mit dem Wenigen zu begnügen. So ist es Sitte bei 
allen Völkern, welche mit ihrem Lebensunterhalte auf die Jagd an- 
gewiesen sind. Sie können, ist alles im üebertiusse vorhanden, im 
Essen Unglaubliches leisten , wissen aber auch im Nothfalle mit 
magerer Kost ihren Hunger zu stillen, Daraus erklären sich die 
einander widersprechenden Urtheile über die nordamerikauischen 
Indianer. Während die Einen sie als unmässige Fresser verschreien, 
können die Andern ihre Frugalität nicht genug loben. 

Berauschende Getränke waren vor der Bekanntschaft mit den 
W^eissen nicht vorhanden. Erst durch diese wurde der Branntwein 
eingeführt, und hat mit seinen Eeizen das arglose Gemüth des 
Wilden gefangen genommen. Während des Essens sitzen die 
Männer von den Weibern abgesondert. Die letzteren findet man 
stets mit den Kindern und Hunden beisammen. 

Ein allgemein verbreitetes Keizmittel ist das Bauchen des 
Tabaks. Man raucht denselben aus grossen Pfeifen , welche aus 
einem eigenthümlichen weichen Steine von rother Farbe geschnitzt 
und mit verschiedenartigem, mitunter höchst phantastischem Zierrath 
versehen sind. Nach den Sagen einiger Stämme ist der Pfeifenstein 
das Fleisch ihrer Vorfahren, und deswegen raucht man aus ihm zum 
Zeichen des Friedens. 

Die Friedenspfeife, welche nur bei der Ceremonie des Friedens- 
schlusses geraucht werden darf, zeichnet sich durch eine grössere 
Gestalt und künstliche Form aus und wird mit den Schwungfedern 
des Adlers aufgeputzt. Sie wird jedesmal aus dem Zelte des Häupt- 
lings hervorgeholt und in der Runde herumgereicht. Nach beendeter 



i 



249 

Ceremouie wird sie wieder sorgsam eingehüllt und im Zelte des 
Häuptlings aufbewaiirt. 

Die Sitte des Kaucheus war bei den Indianern Nord-Amerikas 
schon vor der Einführung des Tabaks einheimisch. Mau rauchte 
verschiedene Blätter und Rindensorten von narkotischer Wirkunsr, 
welche getrocknet und zu Pulver zerrieben wurden. Dieselben wer- 
den noch heut zu Tage neben dem Tabak geraucht. 

Bei dem Stamme der Mandan finden sich Schwitzbäder im 
Gebrauehe, welche ganz den sogenannten russischen bei uns ähn- 
lich sind. Zu diesem Zwecke wird in einem aus Büffelfell erbauten 
Zelte ein Gestell mit einem siebähnlichen Aufsatze aufgestellt und 
zu gleicher Zeit eine Anzahl von Steinen erhitzt. Nachdem alles 
bereitet worden, kommt der Badende, in ein weites Gewand gehüllt, 
aus seiner Hütte und hockt sich nackt auf dem siebähnlichen Auf- 
satze nieder. Eine zweite Person bringt einen Stein nach dem 
andern daher, stellt ihn unterhalb des Aufsatzes nieder und giesst 
kaltes Wasser darauf. Nachdem sich hinreichend Dämpfe entwickelt 
haben, wird das Zelt eng geschlossen und der Badende einer hef- 
tigen Trausspiration überlassen. Nachdem er hinreichend Schweiss 
gelassen, öffnet er das Zelt und springt in einen nahe gelegenen 
Bach, worauf er sich mit Fellen abreibt und in sein weites Gewand 
einhüllt. Zum Schlüsse Avird er am ganzen Leibe mit Bärenfett 
reichlich eingerieben. 

Die ursprünglichen Waffen des nordamerikanischen Indianers 
waren die Keule, das Beil, der Bogen und der Pfeil, aus Holz, 
Stein und Thierknochen verfertigt. Seit der Bekanntschaft mit dem 
Weissen sind sie jedoch eisernen Waffenstücken gewichen, worunter 
das Beil (Tomahawk) und das Schlachtmesser die bemerkenswerthesten 
sind. Besonders das letztere weiss der nordamerikanische Indianer 
mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit zu führen und sich 
dadurch furchtbar zu machen. In neuerer Zeit wird auch die Flinte 
vielfach verwendet, jedoch erweisen sich die alten Exemplare der- 
selben der vervollkommneten Waffen der Weissen gegenüber als 
unbrauchbar. 

Die Geburt geht bei den Weibern der nordamerikanischen 
Indianer in der Regel schnell und glücklich von Statten. In vielen 
Fällen entbindet das Weib selbst, ohne von Jemandem in diesem 
schmerzlichen Akte unterstützt zu werden. 

Das Kind bekommt bald nach der Geburt einen Namen, 
welchen es so lange beibehält, bis ihm von seinen Gespielen und 



250 

Verwandten ein anderer gegeben wird, welcher gewöhnlich von 
seinen körperlichen oder geistigen Eigenschaften oder anderen her- 
vorragenden Eigenthümlichkeiten hergenommen ist. 

Die Erziehung der Kinder ist darauf berechnet, in ihnen einen 
freien und unabhängigen Geist auszubilden. Sie werden daher sich 
selbst überlassen und von den Eltern in den seltensten Fällen ge- 
züchtigt. Die Strafen, besonders bei den Knaben, sind derart, dass 
sie diesen Namen gar nicht verdienen ; man begnügt sich damit, 
das Kind einfach zur Eede zu stellen oder mit kaltem Wasser zu 
begiessen. Man sieht es gern , wenn die Kleinen frühzeitig die 
Verrichtungen und Neigungen der Erwachsenen nachahmen. Man 
lässt sie mit den Schädeln der erschlagenen Feinde spielen und 
unterweist sie im regelrechten Scalpiren derselben. Durch eine 
solche Erziehung, oder vielmehr durch diesen Mangel an aller 
Erziehung wird in den Kindern ein unbändiger, störrischer Sinn 
herangebildet. Dieselben zeichnen sich frühzeitig ebenso durch 
Ungehorsam gegen ihre Eltern als durch Zügellosigkeit und Ueber- 
muth gegen ihre Altersgenossen aus. 

Aus solcher Jugend wächst ein unbändiges, stolzes und ge- 
waltthätiges Geschlecht heran, welches jeden Versuch von Seite des 
Weissen , es zu civilisiren als einen Eingriff" in seine Freiheit und 
Unabhängigkeit betrachtet und alsogleich zu blutigen Thätlich- 
keiten bereit ist. 

Während der Knabe frühzeitig mit den Männern verkehrt, 
und als Jüngling ohne alle Ceremonie in ihre Gesellschaft gelangt, 
wird das Mädchen, sobald es zur Jungfrau herangereift ist, ge- 
wöhnlich auch äusserlich als solches gekennzeichnet. Dies geschieht 
dadurch, dass man ihr zu Ehren ein Fest veranstaltet und ihr Ge- 
sicht mit einigen Strichen bemalt. 

Um das vierzehnte oder fünfzehnte Jahr macht sich der Jüng- 
ling auf, um sich seinen Zaubersack (Medicinsack) zu holen. Dies 
ist ein aus dem Balge irgend eines vierfüssigen Thieres oder eines 
Vogels gemachtes sackförmiges Amulet, welches am Kleide befestigt 
oder in der Hand getragen und nie abgelegt wird. Man vertraut 
unbedingt auf seine Zauberkraft, und kein Mann würde sich ent- 
schliessen den Medicinsack unter welchen Bedingungen immer weg- 
zugeben. Geht der Zaubersack durch Zufall verloren, so muss mau 
einen solchen dem Feinde abzunehmen trachten. 

Die Art, wie ein solcher Zaubersack gewonnen wird, ist folgende : 
Der junge Mann, welcher ihn zu besitzen wünscht, entfernt sich 



251 

vom Elternliause auf einen entlegenen einsamen Platz und bringt 
dort mehrere Tage unter Fasten und Anrufungen des grossen Geistes 
zu. Er verfällt dann, von dem langen Fasten und Wachen ermattet, 
in einen tiefen Schlaf. Das erste Thier nun, von welchem er träumt, 
betrachtet er als den ihm vom grossen Geist bestimmten Beschützer 
und begibt sich nach Hause, um seine Waffen zu holen und das- 
selbe zu erlegen. Hat er es erlegt und befindet er sich im Besitze 
seines Balges, so ist er gegen alle Gefahren für immer gesichert. 
Ebenso wie jedes Individuum, hat jeder einzelne Stamm seinen 
Zaubersack, welcher heilig gehalten und vor den Blicken des Frem- 
den verborgen wird. 

Die Heirath ist bei den Indianern Nord-Amerikas ein reines 
Kaufgeschäft, bei welchem vor allem andern das Ausehen, die Ver- 
bindungen und der lleichthum des Freiers den Ausschlag geben. Die 
Festlichkeiten beschränken sich meistens auf ein reichliches Mahl, 
welches den Gästen gegeben wird. 

Bemerkenswerth ist die frühe Zeit, in welcher die Mädchen 
zu reifen und sich zu verheirathen pflegen. Bräute mit eilf bis 
zwölf Jahren sind nicht selten und gar häufig begegnet man drei- 
zehn- bis vierzehnjährigen Mütter u. Durch das frühzeitige Heirathen, 
sowie die Mühen und Anstrengungen, welche dem Weibe auferlegt 
sind, altert dieses vor der Zeit und bietet oft mit dreissig Jahren 
den Anblick einer verwelkten Matrone dar. 

Während der monatlichen Reinigung muss sich das Weib vom 
Manne, sowie auch von der Wohnung trennen und die ganze Zeit 
in einer kleinen abgesonderten Hütte zubringen. Wenn die Zeit 
abgelaufen ist, muss sie sich in fliessendem Wasser baden und 
kann erst, nachdem dies geschehen, mit ihrer Familie sich ver- 
einigen. 

Gewöhnlich nimmt sich ein Mann so viele Frauen, als er zu 
ernähren im Stande ist. Doch begnügt man sich in den meisten 
Fällen mit einer einzigen Frau und nur Reiche oder Häuptlinge 
nehmen sich deren mehrere. Von diesen nimmt gewöhnlich diejenige, 
welche in der Gunst des Mannes am höchsten steht, nämlich die 
jüngste, den ersten Rang ein. 

Das Leben der Frau ist nichts weniger als ruhig und sorgen-; 
los. Auf ihr lasten in der Regel alle Geschäfte des Hauses. Während 
der Mann sich um nichts anderes zu kümmern braucht, als um die 
Jagd und den Krieg, ist es Saciie der Frau, alle übrigen Bedürf- 
nisse zu besorgen. Ihr liegt es ob, die Baumrinde für die Hütte 



252 

herbeizuschaffen , uud die Felle für die Zelte , sowie für die ver- 
schiedenen Kleidungsstücke zu bearbeiten. Sie selbst begibt sich in 
den Wald, um Beeren und Feuerholz einzusammeln. Dabei muss 
auch ihr Auge über den Kleineu wachen , damit ihnen nichts zu 
Leide geschehe. Sie muss den hilflosen Säugling nähren und 
pflegen. Letzteren trägt sie bei allen Arbeiten auf dem Kücken 
mit sich herum. 

Vielleicht eben in Folge dieser Mühsale und Entbehrungen 
entwickelt sich besonders in der Mutter ein zärtliches Gefühl für 
ihre Kinder. Sie werden von ihr stets mit der grössten Liebe ge- 
pflegt, und selbst wenn die Familie zu einer beträchtlichen Grösse 
herangewachsen ist, wird nicht, wie bei anderen Völkern, zu dem 
grausamen Mittel des Kindesmordes gegriffen. 

Obwohl mitunter auch einzelne Familien unter ihrem natür- 
lichen Oberhaupte ein isolirtes Leben lühren , sind doch meistens 
mehrere derselben zu einem Dorfe unter einem Häuptlinge ver- 
einigt. Doch ist die Vereinigung eine nur lose und die Stellung 
des Häuptlings im Frieden eine unbedeutende. Ueberhaupt beruht 
die Würde des Häuptlings vor allem auf seineu persönlichen Eigen- 
schaften und dem durch sie erworbenen Ansehen, sowie den Ge- 
schenken, mit welchen er die tapfersten Männer des Dorfes an sich 
zu fesseln weiss. Eine Vereinigung mehrerer Dörfer zu einem 
Stamme findet nur in Kriegszeiteu statt, uud selbst dann ist ein 
solcher Stamm mehr ein Aggregat verschiedenartiger Lulividnalitäten 
als ein einheitlicher Organismus. — Daher kommen die Planlosig- 
keit, mit welcher die Kriege von den nordamerikanischen Indianern 
geführt werden und der unglückliche Ausgang ihrer Kämpfe. 

Die Kriege werden mit mehr List als Tapferkeit geführt. 
Zwar wird immer der Feind von dem bevorstehenden Kampfe unter- 
richtet, indem man irgend ein Symbol (meistens ein Bündel 
Pfeile) ihm zusendet, aber nach Eröffnung der Feindseligkeiten ist es 
ganz gleichgiltig, durch welche Mittel man zu seinem Ziele gelaugt. 

Als die werthvollste Trophäe gilt die Kopfhaut des gefallenen 
Feindes, welche man sammt den Haaren und in der Regel auch den 
Ohren mittelst eines scharfen Messers herabzieht. Der Wunsch 
nach dem Besitze eines solchen Scalps verleitet manchen jungen 
Krieger zu Thaten, welche nicht so sehr in das Gebiet krie- 
gerischer Tapferkeit, als vielmehr in jenes des feigen Meuchel- 
mordes crehören. 



253 

Krankheiten luul Unglücksfalle werden, wie bei anderen Natur- 
völkern, dem Einflüsse der bösen Geister zugeschrieben, die man sich 
in der Gestalt bestimmter Thiere vorstellt. Wenn daher Jemand 
erkrankt, so ist es die vorzüglichste Aufgabe des Zauberdoctors, 
jenes Thier. welches in den Kranken hineingefahren ist, zu entdecken 
und aus ihm herauszubringen. Zu diesem Zwecke nimmt er, nach- 
dem er ein ansehnliches Geschenk in p]mpfang genommen und an 
einer Pfeife sich gestärkt hat, eine Reihe von Ceremonien vor, 
welche schliesslich damit enden, dass das feindliche Thier in effigie 
zu kleinen Stücken zerstossen und verbrannt wird. Gesundet der 
Kranke, so hat die Cur gewirkt, im entgegengesetzten Falle hat 
entweder der Zauberdoctor das rechte Thier nicht getroffen oder 
der Zauber des letzteren war zu kräftig, als dass er hätte gebrochen 
werden können. 

Die Todten werden in ihre Kleider gehüllt und begraben; 
man schlachtet ihre Thiere und gibt ihnen ihre Lieblingsgeräthe, 
sowie einige Speisen mit, damit sie jenseits ihr gewohntes Leben 
fortsetzen können. Bei einigen Stämmen ist es Sitte, die Todten 
in Häute zu hüllen und auf einem Baume oder erhöhten Gerüste 
unter freiem Himmel auszusetzen. 

Vorstellungen von einem zukünftigen Leben finden sich über- 
all; sie sind aber sehr unbestimmt und verschwommen. Das zu- 
künftige Leben wird als eine unmittelbare Fortsetzung des jetzigen 
gedacht; nirgends tritt der Gedanke einer Vergeltung für das hie- 
nieden Gethanene hervor. 

Die Seelen der Abgeschiedenen stehen in fortwährendem Ver- 
kehre mit ihren Hinterbliebenen. Deswegen hegt man vor ihnen 
Furcht und sucht sie stets gnädig zu stimmen. Dies geschieht vor 
allem durch Opfer und dadurch, dass man den Ruf des Verstorbenen 
vor jeglicher Verunglimpfung zu bewahren sucht. Bei einzelnen 
Stämmen werden sogar jene, welche einem Todten Böses nachreden, 
mit dem Tode bestraft. 

Der Glaube an einen grossen Geist, welcher als der Schöpfer 
alles Seienden angesehen wird, kehrt bei allen Indianervölkern in 
verschiedenen Formen wieder. Jedoch wird die Idee desselben ent- 
Aveder zu abstract- verschwommen gefasst, so dass er dem Alltags- 
menschen als etwas Fremdes erscheint, oder er tritt gleich als Person 
auf mit menschlicher Gestalt und menschlichen Sinnen, als Riese 
einer alten, längst verschwundenen Zeit. In beiden Fällen ist seine 
Idee ohne jede praktische Bedeutung ; er wird höchst seilten verehrt, 



254 

und nur liie und da werden ihm einzelne unbedeutende Opfer 
dargebracht. Mit desto grösserem Eifer werden die bösen Geister 
verehrt, welche den Menschen stets bedrohen können. Auch der 
Schutzgeist, der des Einzelnen Geschicke lenkt und über seinem Ge- 
deihen wacht, wird immerdar durch Opfer und Geschenke gnädig 
gestimmt. 

Zu den Verrichtungen , mit denen man das Wohlgefallen der 
Götter zu erringen glaubt, gehören vor Allem die Tänze. Die 
Auffassung des Tanzes ist beim nordamerikauischen Indianer ganz 
verschieden von jener der anderen Naturvölker, wie der Malayen, 
der Neger, und hat auch Nichts mit jener der Jnder, der Araber 
und der Javanen gemein. Der Tanz ist dem Indianer weder Aus- 
druck erregter Liebesgefülile, noch eine Art Schaustellung, sondern 
vielmehr ein gottesdienstlicher Act, und lässt sich am besten mit 
den erregten Tänzen der muhammedanischen Derwische vergleichen. 

Schon die Art, wie die einzelnen Tänze ins Werk gesetzt 
werden, lässt die Beziehung derselben auf religiöse Anschauungen 
erratheu. Dieselben werden nämlich meistens durch Personen aus- 
geführt, welche als Thiere verkleidet sind und diese in Geberde und 
Betragen nachzuahmen suchen. Offenbar liegt ihnen derselbe oder 
ein ähnlicher Gedanke zu Grunde, wie der Bereitung des Zauber- 
sackes, welcher im Leben des nordamerikauischen Indianers eine 
so grosse Kolle spielt. 

Die wichtigsten dieser pantomimischen Tänze sind der Bären- 
tanz, der Büffeltauz, der Hundetanz, der Adlertanz. Etwas anderer 
Art sind der Schneeschuhtanz, der Pfeifentauz und der Scalptanz. 
welche bestimmte Feierlichkeiten zum Zwecke haben. Besonders der 
letztere wird für ein grosses Fest angesehen. 

Ein Seitenstück zu den Tänzen bilden die Peinigungen, welchen 
sich junge Leute auszusetzen pflegen. Dieselben scheinen aus 
einem doppelten Zwecke geübt zu werden, nämlich einerseits, um 
sich abzuhärten, und seine Gleichgiltigkeit gegen körperlichen 
Schmerz an den Tag zu legen, andererseits, um dem grossen Geiste 
ein Opfer zu bringen. Dabei lassen sich die jungen Männer die 
Muskeltheile der Gliedmassen, sowie der Brust und des Rückens 
mittelst Stacheln durchbohren und sich durch an denselben befestigte 
Stricke in die Höhe ziehen. Kein Laut entströmt ihrem Munde, 
keine Miene wird dabei verzogen, wenn sie auch vor Schmerz ohn- 
mächtig werden und halbtodt herabgelassen werden sollten. (Vergl. 
älm liehe Kasteiungen bei den alten Mexicanern.) 



255 

Diese Selbstpeinigiiugen trügen wesentlicli dazu hei, das Ge- 
fühl des nordamerikanischen Indianers abzustumpfen und ihn gegen 
die Leiden Anderer gleichgiltig zu machen. Wehe daher dem Feinde, 
der in seine Hände gelaugt! Er wird ihn ohne Erbarmen peinigen 
und quälen und sich an den Zuckungen seines Opfers mit dämoni- 
scher Grausamkeit weiden. 

Die Aboriginer Nordamerikas zeichnen sich gleich anderen 
Naturvölkern durch eine natürliche Eedegabe aus. Ihre Keden sind 
von einer seltenen Naturwahrheit und einer auf Einfachheit beruhen- 
den Kraft des Ausdruckes; gleicli den Helden Homers ist jeder 
tapfere Krieger bestrebt, auch als Kedner sich einen Namen zu 
machen. 

Unter den Erzeugnissen des dichtenden Volksgeistes stehen 
die Gesäuge, welche das Andenken tapferer Häuptlinge oder Krieger 
feiern, obenan. Sie werden meistens im Chore vorgetragen. Au 
dieselben schliessen sich die Kriegslieder und Klagegesäuge zu Ehren 
gefallener Helden. Weniger bedeutend sind die kurzen Zauber- 
uud Liebeslieder. 

Gleichwie die Poesie anderer Naturvölker, leidet auch jene der 
nordamerikanischen Indianer an Wiederholungen. Die Kriegslieder, 
obwohl manchmal voll von eiliabenen Gedanken , strotzen in der 
Eegel von Prahlereien und Uebertreibungen, welche die Harmonie 
des Ganzen wesentlich beeinträchtigen. Gleichwie bei den Insulanern 
der Südsee, und darunter namentlich bei den Maoris, kommen bei 
den Indianern Nordamerikas in den Liedern Wortformen vor, welche 
in der gewöhnlichen Sprache sich nicht nachweisen lassen und oft 
sehr schwer verständlich sind, woraus auf ein hohes Alter mancher 
dieser Lieder geschlossen werden kann. 

2. Südamerikanische Völker. 

Die Bewohner Süd -Amerikas stehen zu jenen Nord- Amerikas 
in einem gewissen Gegensatze insofern, als bei ihnen das Jäger- und 
Fischerleben bedeutend zurücktritt und theils der Zustand absoluter 
Culturlosigkeit, theils Anfänge einer höheren Cultur durch grösseren 
Betrieb des Landbaues sich zeigen, üeberhaupt aber bieten die Süd- 
Amerikaner weniger jene Gleichförmigkeit, welche man an den 
Stämmen im Osten des Felsengebirges einerseits und au der Nord- 
westküste andererseits zu beobachten Gelegenheit hat, und kann 
von ihnen viel weniger, als von jenen ein Gesammtbild entworfen 
werden. 



256 

Die als arge Cannibalen berüchtigten Caraiben oder Cariben 
sind ein keineswegs ganz culturloser Stamm. Zwar ist ihre Be- 
kleidung sehr mangelhaft, indem die Männer ausser einer Muschel 
oder einem Schurze, womit sie die Schamtheile bedecken, nichts 
am Leibe tragen. Das Bemalen mit Farbe scheint nicht so sehr 
zur Maskiruug der Nacktheit, als vielmehr zum Schutz gegen die 
Insekten geübt zu werden. 

Der Landbau, der zwar nur mit dem primitivsten Werkzeuge, 
einem spitzigen Stocke, getrieben uud den Weibern überlassen wird, 
ist bei diesen Stämmen nicht unbedeutend; man baut eine Keihe 
von Nutzpflanzen, namentlich Mais und mehrere Melonenarten in 
eigens zu diesem Zwecke hergerichteten Aeckern au. Ebenso sind 
ihnen das Spinnen und Weben vollkommen bekannt; die von ihnen 
verfertigten Stoffe sollen durch Solidität und Dauerliaftigkeit sich 
auszeichnen. Auch die Wohnungen, welche aus Holz aufgebaut 
sind und deren in der Regel mehrere zu Dörfern vereinigt sich vor- 
finden, lassen auf einen bedeutend entwickelten Sinn für sesshaftes 
Leben schliessen. Dieser Sinn tritt auch bei anderen Gelegenheiten 
hervor. Wenn nämlich die Caraiben auf Eroberungszüge ausgehen, 
pflegen sie in ihren Fahrzeugen einiges Bauliolz raitzuführen, um 
sich im Feindesland niederlassen und befestigen zu können. 

In Folge der mehr sesshaften Lebensweise scheint sich trotz 
dem kriegerischen Sinne bei den caraibischen Stämmen der Handel 
frühzeitig entwickelt zu haben. Die Märkte w^areu immer stark 
besucht uud mit allen Producten des Landes reichlich versehen. 
Der enorme Goldreichthum des Landes mochte wesentlich zur raschen 
Entwicklung dieser Verhältnisse beitragen. 

Die maritime Lage und das Vorhandensein vieler Inseln in 
der Nachbarschaft machte die Caraiben frühzeitig zu einer seefahren- 
den Nation. Damit aber wurden auch die Sitten rasch gelockert 
und die Missachtung des Weibes sowie eine Anzahl unnatürlicher 
Laster war die nächste Folge davon. 

Das Weib lebte immer in vollständiger Unterthänigkeit ; 
eine Scheidung vom Manne war ihr nicht gestattet. Während man 
auf die Keuschheit des Mädchens nur wenig Werth legte, wurde 
die verlieirathete Frau mit der grössten Eifersucht bewacht. Doch 
scheint trotzdem das Misstrauen in die Keuschheit des Weibes 
gross gewesen zu sein, da mau, wie bei vielen andern Naturvölkern, 
die Verwandtschaft ausschliesslich nach der Mutter bestimmte. 



257 

Die Faniilientugenden, als da sind die Liebe der Kinder zu 
den Eltern, der Poltern zu den Kindern und der Verwandten zu 
ihrer Verwandtschaft, sind nach dem übereinstimmenden Urtheile 
der Reisenden bei den Caraibeustäraraen bedeutend entwickelt. 
Auch im Verkehr mit den Fremden, welche in friedlicher Absicht 
sich ihnen nähern, wird ihnen Leutseligkeit und Freundlichkeit viel- 
fach nachgerühmt. 

Li Uebereinstimmung mit den Sitten der nordamerikanischen 
Indianerstämme und der Mexicauer stehen die schmerzhaften Peini- 
gungen , denen sich namentlich die Jugend bei den Caraiben aus- 
zusetzen pflegt. Wie dort haben dieselben auch hier einen religiösen, 
mystischen Hintergrund und tragen wesentlich dazu bei, das Gefühl 
für die Schmerzen Anderer abzustumpfen. — Es werden auch die 
Caraiben vielfach als die ärgsten Anthropophagen geschildert, welche 
ihre getödteten Feinde am Schlachtfelde und die Gefangenen zu 
Hause verzehren, ja sogar getrocknetes Menschenfleisch auf ihren 
Kriegszügen als Proviant mitnehmen sollen. 

Auf einer niederen Stufe der Culturentwicklung stehen die 
als „Erdesser" berüchtigten Otomaken, zwischen den Flüssen Apure 
und Sinaruco ; dagegen sind die Omaguas am oberen Putumayo und 
Yutay, wie aus den Nachrichten der älteren Schriftsteller hervor- 
geht, von einer höheren Culturstufe, welche sie ehemals inne hatten, 
herabgesunken. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass das Cultur- 
volk der Muisca seinen Einfluss bis in diese Gegenden ausgeübt 
hat, wie denn auch die Spuren einer ehemaligen höheren Cultur, 
die sich im Osten der Anden nachweisen lassen, auf peruanische 
Einflüsse zurückgeführt werden dürften. 

Die Ay mores oder Botokuden*) am rechten Ufer des 
oberen S. Francisco stehen zwar auf der untersten Stufe mensch- 
licher Civilisatiou, indem ihre materielle Cultur auf die Befriedigung 
der allernothwendigsten Bedürfnisse berechnet ist (die Kleidung 
fehlt beinahe ganz, die Hütten sind sehr ärmlich, in Bezug auf 
Speisen sind sie nicht wählerisch), aber es scheint, dass hier die 
Naturumgebung einerseits, und das Klima andererseits den Menschen 
verhindert haben, irgend welche namhafte Culturfortschritte zu 
machen. 

*) Von dem portugiesischen botoque, batoque „Fassspund", wegen des 
sonderbaren Zierraths, welchen sie sich durch die durclibohrte Unterlippe zu 
stecken pflegen. 

Müller, Allg. Ethnographie. 17 



258 

Die Araukaner, die Aboriginer von Chile, waren seit alter Zeit, 
wahrscheinlich durch peruanische Einflüsse, ein Ackerbauvolk. Sie 
bauten im Wesentlichen dieselbeu Nutzpflanzen wie die Peruaner, 
Mais, Bohnen, Quinoa und Kartoö'elu. Sie düngten ihre Felder und 
hatten zur Bewässerung derselben Canäle gezogen. Daneben züch- 
teten sie das Llama, um dessen Wolle und Fleisch zu verwerthen. 
Und selbst jetzt, nachdem durch die Europäer das Pferd, das Kind 
und das Schaf eingeführt worden sind, verlegen sich die Araukaner, 
mit Ausnahme jener Stämme, die in die Pampas gezogen sind, neben 
der Viehzucht auf den Ackerbau, indem sie ausser den alten Nutz- 
pflanzen auch die -vorzüglichsten der von den Europäern eingefühi-ten, 
wie Gerste, Erbsen, Kohl u. a. anbauen. 

Einen gleichmässigen Charakter zeigen die Bewohner der Pampas 
bis an die Südspitze hinunter. Von unstäter Lebensweise scheinen 
sie den Landbau nie recht gekannt zu haben und sind seit der Ein- 
führung des Pferdes wilde kriegerische Eeitervölker geworden. Ihre 
Nahrung ist durchwegs animalischer Natur und den zahllosen Pferde- 
uud Kiuderheerden der Pampas entnommen; von einer Wohnung im 
eigentlichen Sinne des Wortes ist selten die Rede. Merkwürdig ist, 
dass die Selbstpeinigungen und Blutentziehungen an den Gliedern 
und der Zunge, welche namentlich im alten Mexico häufig sind, 
auch hier wiederkehren. 

Während die Patagonier oder Patagoneu als gross und stark 
beschrieben werden, sind dagegen die weiter südlich wohnenden 
Feuerländer (Peschäräh) klein, indem sie durchschnittlich zwischen 
4' 6" und 5' 6" variiren. Namentlich fallen ihre kurzen und 
plumpen Extremitäten gegenüber dem langen Oberleibe auf. Sie 
sind ein Fischervolk, das sich ohne jegliche Spur von Landbau 
mühselig von dem Ertrage des Meeres nährt. Ihre Wohnungen be- 
stehen in kleinen halbkugelförmig oder bienenkorbartig aus Sträuchern 
und Gras aufgebauten Hütten, ihre Kleidung aus Fellen, welche sie 
einfach über die Schulter werfen. Einen gewissen Scharfsinn ver- 
rathen ihre nicht ohne Kunst verfertigten Waffen aus Walfisch- 
knochen und Stein, sowie ihre Kähne, auf welchen sich sechs bis 
acht Personen aufs Meer hinauswagen können. 



259 



B. Cnltur- Völker Amerikas. 

1. Mexicaner. *) 

Als die Spanier in Mexico erschienen , fanden sie drei ver- 
bündete Keiclie vor, nämlich das Reich von Mexico, das Reich von 
Tezcuco und das Reich von Tlacopan , Avorunter das erste über die 
zwei anderen eine gewisse Oberherrlichkeit ausübte. Es ist bekannt, 
dass die Entdecker selbst über die Cultur, welche sie dort vorfan- 
den, erstaunt waren, eine Thatsache, welche selbst durch die auf 
uns gekommenen spärlichen Ueberreste derselben vollkommen er- 
klärt wird. Wir wollen es versuchen, die Beschatfeuheit dieser 
Cultur, insofern sie zur ethnologischen Beurtheilung des mexica- 
uischen Volkes dient, in kurzen Zügen vorzuführen. 

Zuerst zeugt die Anlage der Stadt Mexico selbst von dem 
hohen Culturgrade des Volkes. Dieselbe lag am Westende des 
Sees von Tezcuco und auf der Ostseite eines kleineren höher ge- 
legenen Sees, der mit dem vorigen durch mehrere Cauäle verbunden 
war. Die Stadt war also von allen Seiten vom Wasser umgeben 
and ihrer Anlage nach dem heutigen Venedig sehr ähnlich. Sie 
hatte zum grössten Theile Wasserstrassen , welche mit Brücken 
versehen waren. Hinter den Häusern lagen gut bewässerte Gärten. 
Auf den grösseren Plätzen befanden sich die Tempel und wur- 
den die Märkte abgehalten. Wie gross die Stadt gewesen sein 
mag, kann man daraus entnehmen, dass nach den Berichten Oviedo's 
nicht weniger als 50,000 Familien dort gewohnt haben sollen. 

Die anderen Städte standen wohl Mexico an Pracht und Gross- 
artigkeit nach, zeugten aber nicht minder von einer bedeutenden 
materiellen Cultur des Volkes. 

Die Häuser waren etweder (bei den ärmeren Leuten) aus luft- 
trockenen Ziegeln oder (bei den reicheren Bewohnern) aus Mauer- 
steinen mit Kalk aufgeführt. Sie waren in der Regel ohne Stock- 
werk, aber ausgedehnt und in mehrere Abtheilungen getheilt. Die 

*) Brasseur de Bourbourg, Histoire des nations civilisees du Mexique 
€t de TAmerique centrale, durant les siecles anterieurs ä Christophe Colomb. 
Paris 1857—59, 8". 4 voll. Humboldt AI. von, Vues des cordillieres t-t 
monumens des peuples indigenes de TAmerique, Paris 1816, 8", 2 voll. Kings- 
borough. Antiquities of Mexico, London 1831, fol. 9 voll. Prescott, W., 
History of the conquest of Mexico, New- York 1844, 8", 3 voll. Armin, Th., 
Das alte Mexico, Leipzig 1865, 8". 

17* 



260 

Wände waren mit Gyps überworfeu; die platten Dächer dienten 
zum Lustwandeln. 

Der Umstand, dass Mexico eine Wasserstadt war, machte, ab- 
gesehen von den Brücken , für den leichteren Verkehr eine Menge 
von Kähnen nothwendig. Dieselben waren jedoch sehr primitiver 
Natur; sie waren aus einem einzigen ausgehölten Baumstamme 
verfertigt und hatten keine Segel. 

Vermöge des Mangels grösserer Nutzthiere, sowie mehrerer Nutz- 
pflanzen, wäre, so sollte man denken, die Landwirthschaft in Mexico 
auf einer niedrigen Stufe der Entwicklung gestanden. Dem war 
aber nicht so, da der Mensch das, was die Natur ihm verweigert 
hatte, durch erhöhte Thätigkeit ersetzte. Jeder nur einigermassen 
fruchtbare Fleck Landes wurde für den Feldbau benützt, und wo 
das Land fehlte, bildete man aus Weiden und Wurzeln Geflechte, 
bedeckte sie mit Erde und liess sie als bewegliche Gärten auf dem 
See herumschwimmen. 

Unter den Nutzpflanzen, welche die Mexicaner anbauten, stan- 
den obenan der Mais, die Bananen, Bohnen, Kürbisse und besonders 
die Agave, welche ausser Speise und Trank (Pulque) das Material 
für Kleidungsstoffe , Papier und Bindfaden lieferte. Von anima- 
lischen Nahrungsmitteln ist das Fleisch der Truthühner, Wachteln, 
Kaninchen und Hunde hervorzuheben. Als Getränke dienten neben 
dem Pulque,*) dem gegohrenen Safte der Agave, mehrere Bier- 
sorten, die aus Mais- oder Cacaomehl, mit Zusatz von etwas Honig, 
bereitet wurden. Unter den Narcoticis genoss namentlich der Tabak 
eine grosse Verbreitung, den man aus Söhren rauchte, wobei, wie 
bei den Hottentoteu und andern Völkern, der Rauch verschluckt 
wurde. — 

Die Kleidung bestand bei den Männern aus einem Schurz 
und einem als Mantel dienenden, grossen über die Schulter ge- 
schlagenen Tuche, bei den Weibern aus Böcken, die bis an die 
Knöchel hinabreichten und einem darüber angezogenen Hemde. 
An den Füssen trugen die Männer Sandalen aus den Fasern der 
Agave, während die Frauen in der Kegel barfuss einhergingen. 
Vornehme pflegten auch Schuhe aus Baumwolle zu tragen. 

Obschon die Kleidungsstücke grösstentheils zu Hause ver- 
fertigt wurden, so gab es dennoch bestimmte Handwerker, welche 



*) Das Trinken des Pulque war nicht frei, sondern nur bei grossen Festen 
oder bei harten Arbeiten den Männern vom 30. Jahre an gestattet. 



261 

sich dem von ihnen vertretenen Gewerbe mit einer besonderen 
Kunstfertigkeit widmeten. In Betreff des Handels herrschte meistens 
der Tauschhandel, der auf bestimmten stark besuchten Märkten vor 
sich ging: doch gab es auch gewisse Gegenstände, welche die 
fehlende Münze vertraten, darunter gehörten Cacaobohnen , Kupfer- 
stücke, Zinnplatten, Goldstaub, der in Kielen von Vogelfedern auf- 
bewahrt wurde, Stücke von feinerem Baumwollenzeug u. a. Die 
Artikel wurden nach bestimmten Längen- und Hohlraaassen verkauft: 
wahrscheinlich war auch die Wage den alten Mexicaneru nicht un- 
bekannt. Man fand auf den mexicanischen Märkten nicht nur eine 
erstaunliche Menge der seltensten und entlegensten Naturproducte, 
sondern auch die meisten Artikel der höheren Industrie, welche 
selbst die Spanier in Verwunderung setzten. Unter den letzteren 
sind besonders die Metallwaaren hervorzuheben, die von entwickeltem 
Kunstgeschmack und einer erstaunlichen Feinheit der Technik 
zeugten. Die Metalle wurden von den Azteken selbst gewonnen 
und zwar nach den besten bergmännischen Grundsätzen. Ebenso 
merkwürdig sind die Holzschnitzereien, beinahe unbegreiflich aber 
sind die Steinarbeiten, die wir von den alten Mexicanern kennen. 
Trotz den primitiven Werkzeugen (das Eisen war den alten Mexi- 
canern unbekannt) haben sie es verstanden, die härtesten Steine 
zu bearbeiten und zu poliren. Manche dieser Arbeiten können selbst 
heut zu Tage für unübertrefflich gelten. 

Von der grössten Wichtigkeit aber für die Beurtheilung des 
Nationalgeistes der alten Mexicaner sind die von ihnen geschaffenen 
colossalen Bauten, welche den Denkmälern der Aegypter und vorder- 
asiatischen Hamito-Semiten ebenbürtig an die Seite gestellt werden 
können. Die bemerkeuswerthesten dieser Bauten sind die Pyramiden 
von Cholula, Papantla und Xochicalco, der Palast von Tezcuco und 
die Gräberpaläste von Mitla, *) 

An diese Colossalbauteu schliessen sich die Paläste der Könige, 
was Grossartigkeit betrifft, würdig an. Der Palast Montezumas soll 
aus drei Höfen bestanden haben und hatte zwanzig Thüren. Er 
war aus Stein aufgebaut; die Wände waren im Innern mit kost- 
baren Steinen und Hölzern ausgelegt, der Fussboden mit Teppichen 



*) Abbildungen der altmexicanischen Denkmäler finden sich, abgesehen 
von den schwer zugänglichen Prachtwerken, in dem Buche von Baldwin, 
John, Ancient America or notes on American archaeology, London 1872, 8", 
sowie in Armin, Das alte Mexico, Leipzig 1865, 8". 



262 

bedeckt. Die Anzahl der Zimmer, welche über 25 Fuss lang waren, 
betrug über hundert , abgesehen von den Prunksälen , welche oft 
über hundert Fuss in die Länge und fünfzig Fuss in die Breite 
maassen. In einzelnen Gemächern befanden sich Bäder, deren Bassins 
durch unterirdische Wasserleitungen gespeist wurden. Nicht minder 
grossartig wie die Paläste waren die Gärten angelegt. Baumgruppen 
wechselten da mit Bluraenteppichen und künstlichen Felsenpartien 
ab; es gab da künstlich gegrabene Teiche, angefüllt mit Fischen 
und belebt von den herrlichsten Wasservögeln. 

Die Regierungsform des Landes, welche sich aus einer ur- 
sprünglich vom Volke , dann von dem Adel vollzogenen Wahl im 
Laufe der Geschichte zu einer monarchischen entwickelt hatte, war 
zu den Zeiten der spanischen Invasion in einen förmlichen Despotis- 
mus der ärgsten Form ausgeartet. Der König galt als von Gott 
eingesetzt, als Stellvertreter Gottes, dem man unbedingten Gehorsam 
schuldet. — Er umgab sich mit dem steifsten Ceremoniell und 
entfaltete einen unglaublichen Luxus. Sein Harem soll nicht weniger 
als 3000 Concubiuen enthalten haben, welche die schönsten Mädchen 
des Landes repräsentirten. Er hatte seine eigene Leibwache und ein 
Corps von Läufern, welche von Station zu Station wichtige Nach- 
richten beförderten, so dass er selbst aus den entlegensten Theilen 
des Reiches von den jeweiligen Vorfällen in kurzer Zeit aufs ge- 
nauste unterrichtet wurde. Der Staat war gut organisirt. Dem 
König zur Seite standen zwei Minister, deren einer die Geschäfte 
des Friedens, der andere die Geschäfte des Krieges besorgte. Das 
Land war in Provinzen getheilt, welche von Statthaltern regiert 
wurden, und in deren Händen sich die Verwaltung und Justiz vereinigt 
befanden. Das Volk war nach gewissen Principien besteuert, und 
für die Gerichtspflege waren Gerichte eingesetzt mit bestimmten 
höheren Instanzen. Ueberhaupt gehörte die unparteiische Ausübung 
des Rechts zu den ersten Obliegenheiten, welche den Königen am 
Herzen lagen und selbst mancher jener Fürsten, die als stolze 
Despoten berüchtigt waren , soll verkleidet umhergezogen sein, 
um unerkannt das Thun und Treiben seiner Beamten zu erforschen. 
Ebenso wird von manchen Königen erzählt, dass sie ihre eigenen 
Frauen und Söhne nach erwiesener Schuld erbarmungslos zum 
Tode verurtheilten. Ueberhaupt waren die Strafgesetze der alten 
Mexicaner sehr hart; die meisten Verbrechen wurden mit dem Tode 
bestraft. 



263 

Bei dem Umstände, dass das veihältnissmässig kleine Volk 
der Azteken die Herrschaft seiner Kriegstüchtigkeit und militärisch 
strammen Orgnnisation zu verdanken hatte, lässt sich leicht ermessen, 
in welchem Ansehen die persönliche Tapferkeit bei ihm stand. Es 
war daher die vorzüglichste Aufgabe des Adels, seine Söhne kriegs- 
tüchtig zu erziehen. Diese Erziehung soll schon mit dem fünf- 
zehnten Jahre begonnen haben. Vor allen anderen aber wurde vom 
Könige persönliche Tapferkeit erfordert, und es werden auch von 
allen Königen Mexicos Thaten bericlitet, welche von Muth 
und kriegerischem Geiste zeugen. 

Die Kriegsrüstung der alten Mexicaner bestand aus dicken 
Baumwollwämsen, Arm- und Beinschienen und hölzernen Helmen. 
Bei Vornehmen waren diese Stücke mit Gold und Silber überzogen. 
Jeder Krieger führte einen Schild mit sich, der mit Baumwolle und 
Federn ausgefüttert war. Die Waffen bestanden aus Bogen und Pfeil, 
Keulen, Lanzen, Schleudern und Schwertern, deren Schneide aus scharf- 
geschliffenen Obsidiansplittern bestand, welche reihenweise eingesetzt 
und mittelst Leim befestigt waren. Das Heer, welches ausgezeichnet 
organisirt war, scheint die Stärke von etwa 200.000 Mann erreicht 
zu haben. Zum Schutze gegen die äusseren Feinde war das Land 
mit mehreren gut gebauten Festungen versehen : auch in eroberten 
Ländern pflegte man solche zur Befestigung der Herrschaft anzu- 
legen und mit Garnisonen zu versehen. 

Die Bevölkerung zerfiel in zwei grosse Abtheilungen, Freie 
und Sclaven. Unter den ersteren ist wiederum der in mehrere 
Classen zerfallende Adel hervorzuheben, der als der eigentliche 
Besitzer des Landes betrachtet werden kann. Die Sclaven wurden 
im Ganzen mild behandelt und waren keineswegs gesetzlich der 
schrankenlosen Willkür ihrer Besitzer preisgegeben. 

In ihrem Betragen im gewöhnlichen Leben werden die alten 
Mexicaner als ernst und verschlossen, dabei aber höflich und ver- 
träglich geschildert. Ob jener melancholische Zug, der nach den 
Berichten neuerer Reisenden überall in ihren Lebensäusserungen her- 
vortreten soll, eine Eigenthümlichkeit der amerikanischen Rasse ist, 
wie wir zu glauben Grund haben, oder in Folge des lange auf 
ihnen lastenden spanischen Druckes, wie andere meinen, diess zu 
entscheiden wollen wir dahin gestellt sein lassen. 

Im ehelichen Leben der alten Mexicaner herrschte in der 
Regel die Monogamie; nur Reiche und Vornehme scheinen — wie 
anderswo — dem Luxus, sich mehr als eine Frau zu halten, gehuldigt 



264 

zu haben. Die Frau lebte zwar still und eingezogen und hatte mehr 
die Stellung einer Dienerin, sie war aber keineswegs ganz rechtlos. 
So durfte sie z. B. selbst auf Scheidung von ihrem Gemahl dringen, 
falls dieser sich gewisser Vergehen gegen sie schuldig gemacht 
hatte. — Wie bei den alten Israeliten war auch bei den Mexicanern 
die Leviratsehe Sitte. 

Die unverheiratheten Mädchen lebten in züchtiger Eingezogen- 
heit, da man auf Keuschheit sowohl vor als während der Ehe sehr viel 
hielt. Obschon es in Mexico öffentliche Mädchen gab, so war 
dennoch ihr Gewerbe allgemein verachtet. Unnatürliche Laster 
waren streng verboten und wurden bestraft. 

Die Hochzeit wurde mit bestimmten Cermonien und Festlich- 
keiten gefeiert; in gleicher Weise der Eintritt der Schwangerschaft, 
die Geburt und Namengebung des Kindes. Die Ernährung des 
Kindes wurde ausschliesslich von der Mutter besorgt, selbst die 
Königin scheute sich nicht ihr Kind zu säugen. — Die Entwöhnung, 
welche mit dem dritten oder vierten Jahre erfolgte, wurde ebenfalls 
festlich begangen. Bis zum sechsten bis neunten Jahre blieb das 
Kind zu Hause und wuchs unter den Augen der Mutter heran, von 
da an schickte man es entweder in den Tempel, wo es bis zum 
Eintritte der Pubertät vom Priester in den geistlichen und welt- 
lichen Wissenschaften unterrichtet wurde, oder in eine Kriegsschule, 
wo es eine für den künftigen Stand vorbereitende Ausbildung er- 
hielt. Die Erziehung war streng; der Zögling musste sich in der 
Entsagung und Massigkeit üben und Strapazen ertragen lernen. 
Die Söhne der Handwerker und Landbauer wurden ebenso in 
ihren Beschäftigungen von frühester Jugend an unterwiesen und zu 
Fleiss und Ausdauer angeleitet. 

Die Todten wurden bei den alten Mexicanern entweder ver- 
brannt (die Vornehmen) oder begraben (die Aermeren). — In dem 
letzteren Falle wurde der Todte in ein entweder im Hause oder 
auf einem heiligen Orte bereitetes, ausgemauertes Grab in sitzender 
Stellung auf einem Sessel herabgelassen und ihm die Werkzeuge 
seiner Beschäftigung mitgegeben. Bei Fürsten und Königen waren 
die Leichenfeierlichkeiten von besonderer Pracht und Grossartigkeit. 
Die Leiche wurde am vierten Tage nach dem Tode in mehrere 
kostbare Stoffe gewickelt und ihr eine Maske über das Gesicht 
gelegt. — Es fand dann am vierten Tage selbst die Verbrennung 
der Leiche statt, wobei die Weiber und Sclaven des Verstorbenen 



265 

ihm geopfert wiirdeu. Diese Opfer wurden am zwanzigsten, vierzig- 
sten und achtzigsten Tage wiederholt, worauf die Asche mit zwei 
Haarlocken in ein mit dem Porträt des Verstorbenen geziertes 
Kästchen gelegt und in einer Tempelcapelle beigesetzt wurde. 

In Betreff des Zustandes nach dem Tode glaubten die alten 
Mexicaner an eine Unsterblichkeit und zwar nicht nur bei Menschen, 
sondern auch bei den Thieren. In das Paradies, welches im Osten 
gedacht wurde, kamen die Guten, während die Bösen für die von 
ihnen begangenen Thaten in der Unterwelt, welche mau im Norden 
sich dachte, gezüchtigt wurden. Die Rangunterschiede hieniedeu 
wurden auch auf das Jenseits ausgedehnt; so sollen den Vornehmen 
viel edlere Genüsse zu Theil werden als dem gemeinen Volke, Avie 
auch jene in viel edlere Gestalten als dieses verwandelt werden. 

Die Staatsreligion der Mexicaner, welche auf toltekischer Grund- 
lage ruhte, bestand in einem Sonnendienste. Die Sonne war es, 
welche mau täglich mit Gebeten begrüsste und welcher man zu 
bestimmten Tagen und Stunden in den Tempeln opferte. Unter 
dem Bilde der Sonne wurde — so scheint es — von den auf- 
geklärten Priestern und Weisen der eine, unsichtbare Gott gedacht. 
— Daneben lässt sich ein Avahres Pantheon von Göttern nachweisen, 
die mit einander in keinem inneren Zusammenhange stehen. Offen- 
bar gehören diese Götter verschiedenen Systemen an, die sich bei 
den einzelnen Völkern, aus denen die Bevölkerung Mexicos bestand, 
entwickelt hatten, und wurden zuletzt von den Azteken mit ihren 
eigenen Nationalgöttern zu einer Einheit verschmolzen. Sie sind 
theils kosmisch-moralischer Natur, theils zu Göttern erhobene Heroen. 
Zu den ersteren gehören Tezcatlipoca, „der glänzende Spiegel", 
der Schöpfer der Elemente, der Alles durchdringt und sieht und 
den Frevel der Menschen mit Dürre, Krankheiten und Hungersnoth 
bestraft — wahrscheinlich die Sonne selbst — ; Tlaloc, der Gott 
des Wassers und der Fruchtbarkeit, der auf den Bergen wohnt und 
den schlangenförmigen Blicz von Gold führt, und Centeotl, ,das 
Weib der Sonne", die Göttin der Erde und der Feldfrüchte. In die 
Reihe der letzteren gehörte Quetzalcoatl, ,die schön gefiederte 
Schlange", eine Art von Prophet, der von den Priestern des Natur- 
gottes Tezcatlipoca vertrieben au der Meeresküste in der Gegend 
von Coazacoalco verschwindet.*) Seine Anhänger lassen ihn von 
einer Jungfrau auf übernatürliche Weise geboren werden; er soll 

*) Vergl. Waitz, Anthropologie der Naturvölker. IV, 18 ff. 



2GG 

auf die Abschaffung der Menschenopfer gedrungen, Friede und 
Menschenliebe gepredigt und das Fasten besonders empfohlen haben. 
Man glaubt, dass er ewig fortlebe und dereinst wiederkehren werde. 
Als die Spanier in Mexico erschienen, w^urden sie nach den Be- 
richten der alten Geschichtschreiber Mexicos für Söhne Quetzal- 
coatls gehalten. Eine andere Persönlichkeit, die gleich der vorher- 
gehenden in die Keihe der vergötterten Heroen zu stellen ist, war 
H u i t z i 1 p c h 1 1 i , der Anführer der nach Anahuac eingewanderten 
Azteken, der Gott des Krieges, der eigentliche Schutzgott des 
Aztekenstammes, der naraentlicli in späterer Zeit stark hervortrat 
und die älteren Götter im Bewusstsein des Volkes zurückdrängte. 
Neben diesen Göttern gab es eine Menge von Land-, Stadt- und 
Kastengottheiteu und Schutzpatronen, welche von Gomara auf nicht 
weniger als 2000 berechnet wird , gewiss ein Pantheon , das dem 
indischen nicht nachsteht! Merkwürdig ist das Kreuz, ,der Baum 
des Lebens", als Symbol des Gottes des Regens und der Fruchtbar- 
keit bei den alten Mexicanern, welches, wie berichtet wird, auf der 
grossen Tempelpyramide von Cholula von den Spaniern angetroffen 
w^irde. — 

Die Götter liatten ihre Statuen, Tempel und Priester. Die 
Zahl der Tempel war sehr gross; manche derselben w^aren gross- 
artig angelegt. Die Priester bildeten bestimmte Collegien und 
hatten eine ebenso geachtete wie eiuflussreiche Stellung. In der 
Kegel traten mehrere Mitglieder der königlichen Familie in den 
Priesterstand ein. Die Beschäftigung der Priester, welche ihr Haar 
nie abschneiden und kämmen durften und im Gesichte schwarz be- 
strichen waren, bestand im Beten und Räucliern, Darbringen von 
Opfern und Beobachten der Sterne. Im Uebrigen mussten sie ein 
eingezogenes, den Wissenschaften und der Askese gewidmetes Leben 
führen; manche derselben w^aren auch zum Cölibat verurtheilt. Neben 
den Priestern gab es auch mehrere religiöse Orden, sowohl für 
Männer, als auch für Jungfrauen. 

Unter den gottesdienstlichen Handlungen sind neben den Selbst- 
peinigungen, welche der amerikanischen Rasse eigenthüralich sind 
(vergl. die Sitte bei den nordamerikanischen Indianern S. 254), nament- 
lich die Menschenopfer hervorzuheben , da sie den Ciiarakter der 
amerikanischen Rasse so recht illustriren. Dieselben sind in Mexico 
gewiss sehr alt, gewannen aber erst unter dem kriegerischen Volke 
der Azteken jene Ausdehnung, von welcher uns die älteren Berichte 
melden. Wenn auch die Anzahl dieser Opfer von den christlichen 



267 

Scliriftstelleru übertrieben wurde, um die Verworfenheit des Heiden- 
thums ins rechte Licht zu stellen, so dürfte dennoch die Zahl alles 
übertreften, was uns von anderen Völkern in dieser Richtung bekannt 
geworden ist. 

Was die geistige Begabung des mexicanischeu Volkes anbe- 
langt, so dürfen wir sie nach den Nachrichten der älteren Schrift- 
steller, den vorhandenen uns freilich nicht ganz verständlichen 
schriftlichen Denkmälern und namentlich nach der von ihnen auf- 
gestellten Zeitrechnung als nicht gering anschlagen. PJin Volk, 
welches so gut mit Zahlen umzugehen verstand, wie das mexicanische, 
musste eine ungewöhnliche Begabung für begriffliches Denken be- 
sessen haben und kann schon deswegen auf deu Namen eines Cultur- 
volkes gerechten Anspruch erheben! Und wenn wir die Begabung 
einer Rasse nach den grossen Männern beurtheilen wollen, die aus 
ihr hervorgegangen, so können wir aus der neusten Zeit den ver- 
storbenen Präsidenten Don Benito Juarez , aus dem Stamme der 
Zapoteken, nennen, einen Mann voll der schönsten Bürgertugenden 
und der reinsten republikanischen Gesinnung, der selbst dem alten 
Rom zur Ehre gereicht haben würde. 

2. Peruaner.*) 

Die Cultur des alten Peru stammt nach den übereinstimmen- 
den Nachrichten der alten Schriftsteller aus der Gegend um den 
Titicaca-See, wo das Volk der Aymara seine Sitze hatte. Aus diesen 
Gegenden sollen die Incas an der Spitze des Quichua-Volkes die- 
selbe nach Cuzco, welches ihnen seine Blüte verdankt, gebracht 
haben. Darnach wäre die Cultur Perus, welche an das Andenken 
des Inca-Volkes der Quichuas sich knüpft, nicht das Erzeugniss 
dieses Stammes, sondern vielmehr der ihnen verwandten A^'maras, 
und die Quichuas stehen somit zu den letzteren in demselben Ver- 
hältnisse, wie die Azteken Mexicos zu den ihnen vorangegangenen 
Toltekenvölkern. 

Das Inca-Reich hat in Betreff seiner Entstehung und Geschichte 
viele Aehnlichkeit mit Rom ; wie dieses war es Anfangs unansehn- 
lich und beschränkte sich seine Herrschaft nur auf die Hauptstadt 



*) Prescott. W., History of tbe conquest of Peru, New-York 1847, 8"; 
2 voll. Tscbudi, J. J. von, und Ilivero, M. E., Antiguedades Peruanas, 
Vienna 1851, 4", und fol". Mark harn, Clements R., Cuzco and Lima. London 
1856, 8", und Castelnau, Expedition dans les parties centrales de l'Amerique 
du Sud, Paris 1850, 8", 7 voll. 



268 

und ihre nächste Umgebung. Gleich den Körnern breiteten die 
Quichuas durch VYaffenglück und List ihre Herrschaft immer weiter 
aus, so dass die ganze Westküste Südamerikas bis weit nach Chile 
im Süden und über Quito hinaus nach Norden unter ihrer Bot- 
mässigkeit stand. Einen klaren Beweis jedoch, wie weit der Einfluss 
des Quichua-Volkes nach allen Seiten reichte, bietet die Verbreitung 
der Quichua- Sprache und der Umstand, dass ausserhalb der Grenzen 
des alten Peru viele geographische Namen sich vorfinden, welche 
dem Sprachschätze des Quichua angehören. 

Das alt -peruanische Reich war von der Hauptstadt Cuzco 
aus nach den Himmelsgegenden in vier Theile getheilt, welche 
Anti-suyu (Osten), Cunti-suyu (Westen), Chincha-suyu (Norden) 
und Colla-suyu (Süden) hiessen. Die einzelnen Provinzen wurden von 
Statthaltern verwaltet, die dem Inca-Geschlechte selbst angehörten. 

Merkwürdig und von der strammen militärischen Disciplin des 
Quichua-Volkes zeugend, ist der Umstand, dass die unterworfenen 
Völker sämmtlich gezwungen wurden, die Sprache des herrschenden 
Volkes anzunehmen, sowie auch die Gewohnheit aus der Bevölke- 
rung einer eroberten Provinz einen Theil ins Innere des Reiches 
zu verpflanzen. Man suchte dadurch eine Einheit des Reiches fest- 
zustellen und Empörungen zu begegnen, was bei der ungemeinen 
Menge der verschiedenen Völker, Avelche das alt-peruanische Reich 
bildeten, nothwendig war. 

Innerhalb des Inca- Reiches war die strengste militärische 
Organisation durchgeführt. Jede Provinz hatte ihre bestimmt vor- 
geschriebene Kleidung und die Familien waren zu 10, 100, 1000 
und 10.000 in Abtheilungen getheilt, über welche bestimmte Be- 
amte die verantwortliche Oberaufsicht führten. Die Beschäftigung 
vererbte sich vom Vater auf den Sohn. Freizügigkeit war nicht 
gestattet. Man führte genaue Geburts- und Sterbelisten (mittelst 
Quipu's). Alles Land war Staatseigenthum, welches wiederum ent- 
weder dem Tempel oder dem Volke oder dem Inca zur Nutzniessung 
gehörte. Jede Familie bekam für die Ernährung ihrer Mitglieder 
ein Stück Landes angewiesen, wofür sie zwar keine Steuer zu zahlen, 
aber im Dienste des Tempels und des Inca au gewissen Tagen 
Robot zu leisten hatte.*) Ueberdies waren die Männer auf eine 
Anzahl von Jaliren zum Kriegsdienste verflichtet. 



*) Bei eiuer sulchen Organisation der Gesellschaft und dem Umstände, 
dass die edlen Metalle dem Verkehr ganz entzogen waren (sie gehörten dem 
Inca). konnte sich der Handel im alten Peru nicht entwickeln. 



269 

Der Herrscher selbst, der Inca, wurde als göttliclier Abkunft, 
als dem Sonneugeschlecht entsprossen, betrachtet; seine Befehle wurden 
gleich göttlichen Verordnungen ausgeführt und wurde ilim nach dem 
Tode göttliche Verehrung erwiesen. Er wohnte in herrlichen Palästen, 
deren er mehrere besa'ss und trug ein prächtiges Cos tum. Seine 
besondere Auszeichnung bestand aber in einer rothen wollenen 
Quaste, welche er nebst einer weissen und schwarzen Feder auf 
dem Kopfe trug. An seinem Hofe lebte in der Regel eine grosse 
Auzahl der Söhne des hohen Adels, theils um ihm aufzuwarten, 
theils um als Geissein die Ruhe der Provinzen zu verbürgen. 

Gleich den aztekischeu Königen von Mexico hatten auch die 
lucas ein Corps von Schnelläufern, welche Nachrichten aus den 
entferntesten Theilen des Reiches mit grosser Schnelligkeit au sie 
überbrachten. Zu diesem Zwecke wohnten sie in Häusern, die auf 
den Landstrassen in gewissen Entfernungen sich befanden. 

Das Kriegsheer war wohl organisirt und mochte an 200.000 
Mann betragen haben. Die Rüstung bestand aus festen Baum- 
wollengewändern und hölzerneu Helmen; als Waffen dienten Bogen 
und Pfeil, die Schleuder, die mit einem kupfernen Knopfe versehene 
Keule, die Streitaxt und die Lanze. An den Grenzen war das 
Land durcli eine Reihe gut gebauter Festungen geschützt. 

Die Rechtspflege war wohl eingerichtet; die Richter entschie- 
den nach bestimmten Gesetzen , die von einem bereits geklärten 
Volksbewusstsein zeugen. 

Im ehelichen Leben der alten Peruaner herrschte in der Regel 
die Monogamie ; nur dem hohen Adel war der Luxus der Polygamie 
gestattet. Die Frau wurde dem Manne unter bestimmten Ceremonien 
angetraut; man sah dabei auf Gleichheit der Stände, ja selbst auf 
die Angehörigkeit zu demselben Orte.*) Die Frau lebte still und 
eingezogen, Oeffentliche Mädchen gab es wohl , dieselben wurden 
aber verachtet. Unnatürliche Laster sollen unter den Quichuas 
nicht vorgekommen sein. 

Das Kind wurde, wie bei den alten Mexicanern, von der Mutter 
selbst gesäugt, am fünfzehnten bis zwanzigsten Tage nach der Ge- ^ 
burt erhielt es einen Namen, zu welchem im zehnten oder zwölften 
Jahre noch ein zweiter gefügt wurde. Mit dem Eintritt der Pubertät, 



*) Merkwürdig ist die Sitte, dass der Inca eine seiner Schwestern, die 
nicht von derselben Mutter stammten, zur Frau nehmen musste. 



270 

also mit denT füufzelmten bis sechzehnten Jahre wurde beim Knaben 
die Wehrhaftmachung vollzogen, bei welcher Gelegenheit ihm die 
Ohren durchbohrt und Ohrgehänge eingehängt wurden. 

Die Erziehung, selbst bei den königlichen Prinzen, war streng; 
mau forderte von der Jugend Abhärtung und Enthaltsamkeit, um 
sie für ihren künftigen Beruf vorzubereiten. In den öffentlichen 
Schulen wurden nur die Söhne der Vornehmen in den verschiedenen 
Wissenschaften unterrichtet; das gemeine Volk war vom Unter- 
richte ausgeschlossen, damit es nicht in Folge der Aufklärung den 
Gehorsam verweigere und Revolutionen anzettele. Daher war auch 
die Bildung im alten Peru ein ausschliessliches Eigenthum der 
vornehmen Classe. 

Die Leichen wurden in den meisten Fällen in hockender 
Stellung — in jener Lage, welche der Mensch im Mutterleibe ein- 
nimmt — begraben. Man gab dem Todten die Geräthe seiner Be- 
schäftigung mit ins Grab und versah ihn unter Beigabe eines Haus- 
gottes mit etwas Mais und Chicha, welches mau auch später durch 
ein Loch ins Grab hinabrinnen Hess. Die Leichen der Vornehmen, 
namentlich der Incas, wurden mit kostbaren Wohlgerüchen ein- 
balsamirt und auf vergoldeten Sesseln im Tempel aufgestellt. 

Von der bedeutenden materiellen Cultur der alten Peruaner 
geben ihre Bauten ein beredtes Zeugniss. Es gab mehrere bedeutende 
Städte im Lande; die Hauptstadt Cuzco soll nahe an 200.000 Ein- 
wohner mit einer Garnison von 30,000 Mann beherbergt liaben. Sie 
war von einer Mauer umschlossen, durch die mehrere Thore führten, 
und hatte im Norden zu ihrem besonderen Schutze eine auf einer 
Anhöhe stehende Citadelle. Die Gebäude waren theils aus Stein, 
theils aus lufttrockenen Ziegeln aufgebaut. Ueberhaupt war das 
erste Material mehr im Gebirgslaude, das letztere dagegen in den 
regeulosen Hochebenen beliebt. Die Dächer waren grösstentheils 
platt und entweder mit Stroh oder mit Gras eingedeckt. 

Von dem grossen Platze der Stadt, welche durch eine breite 
Strasse in eine südliche und nördliche Hälfte getheilt war, neieu 
vier Kunst-Strassen nach den vier Himmelsgegenden in die ver- 
schiedenen Provinzen des lleiches. Dieselben waren mit Mauern 
oder Zäunen auf beiden Seiten versehen und mit Bäumen bepflanzt. 
In gewissen Entfernungen befanden sich Quartiere, bestehend aus 
grösseren Vorrathshäuseru, um den Inca mit seinem Gefolge während 
der Reise aufzunehmen. Neben diesen grossartig angelegten Kunst- 
strassen nehmen vor allem die Wasserleitungen unser Interesse in 



271 

Auspnich, die, grösstentbeils aus colossaleu auf einander gepassteii 
Steinblöckeu erbaut, deu römischeu iu uicbts nachsteben. 

Die vegetabiliscbje Nabrung der alten Peruaner bestand in den 
warmen Gegenden im Mais, in den kälteren Districteu iu der 
Quinoa und deu Kartoffeln. Der Landbau stand in boben Ebreu; 
das Land wurde dort, wo es uotbwendig war, kOnstlicb bewässert 
und gedüngt, wozu man vornebmlicb den Guano verwendete. Es 
scbemt, dass man sieb beim Ackerbau in einzelneu Gegenden des 
Llama als Zugtbier bediente. Dagegen war der Gebrauch dieses 
Thieres als Lasttbier allgemein. Man zücbtete es in zablreicben 
Heerden und verwertbete namentlicb die Wolle. Das Fleiscb wurde 
nur von männlichen Thieren, gegessen. Merkwürdig erscheint die 
Nachricht mehrerer spanischer Schriftsteller, dass die alten Peruaner 
Fleisch und Fische auch in rohem Zustande verzehrt hätten. 

Die Kleidung der alten Peruaner bestand iu Kleidern aus 
Baumwolle, welche den Männern bis an die Waden gingen, bei den 
Frauen dagegen bis an die Knöchel biuabreicbten. Beide Geschlechter 
trugen Sandalen und Kopfbiudeu. Bei kühler Witterung wurde 
überdies von den Männern ein kurzer Mantel und von den Frauen 
ein Obergewand getragen. 

Die verschiedenen Stoffe und Gerätbe, welche man in der 
Wirthschaft beuötbigte, wurden grösstentbeils zu Hause selbst ver- 
fertigt, doch gab es auch bestimmte Handwerker und Künstler, 
welche sich einzelnen Zweigeu der Industrie widmeten. Besonders 
gerühmt werden die Wollgewebe, sowohl wegen der Feinheit des 
Stoffes, als auch der Schönheit uud Dauerhaftigkeit der Farben. 
Als bewunderungswürdig und unübertroffen werden die Metallarbeiten 
geschildert, umsomehr als deu alten Peruanern bei Anfertigung 
derselben nur die einfachsten Werkzeuge zur Hand waren. Die 
Metalle, -namentlicb die edlen, an denen das Land sehr reich war, 
wurden von den Peruanern selbst gewonnen. 

Wie in Mexico bildet in Peru der Sonnencultus die Grund- 
lage der Religion ; die Incas selbst führten ihre Familie , als gött- 
lichen Ursprungs, auf die Sonne zurück. Neben der Sonne und zu 
gewissen Zeiten sogar höher gestellt als sie wurden zwei Persön- 
lichkeiten, welche vielleicht am richtigsten als Culturheroeu aufzu- 
fassen sind, nämlich Pachacamac und Viracocha, von denen 
der erstere im Norden um Lima, der letztere am Titicaca-See, im 
Stammlande der Aymara, besondere Verehrung genossen. 



272 

Viracocha entspricht etwa dem Coxcox der Mexicaner, 
dem Noah der Hebräer ; er soll nach der grossen Fluth (einer Sage, 
die öfter sowohl in der alten als anch in der neuen Welt wieder- 
kehrt) auf der Insel des Titicaca-Sees ans Land gestiegen sein und 
dort Sonne, Mond und die übrigen Gestirne, zuletzt endlich die 
Menschen aus Stein gebildet haben, welche erst später, nachdem 
man sie bei ihren Namen gerufen hatte, lebendig wurden. (Vergl. 
die griechische Sage von Deucalion.) Gleich dem mexicanischen 
Quetzalcoatl verschwindet Viracocha auf einem Schiffe im Meere.*) 
Pachacamac, der auch der Weltschöpfer heisst, unterscheidet sich 
von Viracocha insofern, als er ein Sohn der Sonne genannt wird 
und ihm ein anderer Gott, Con, vorausgeht, der die Erde mit den 
Menschen erschafft. Doch die Menschen werden übermüthig und 
lasterhaft, was Con bewegt, sie zu strafen und die Erde zu verlassen. 
Es erscheint darauf Pachacamac, verwandelt die früheren Menschen 
in Thiere und schafft neue, denen er seine Gaben und Lehren 
mittheilt. 

Neben den oben aufgezählten Gottheiten wurde eine grosse 
Menge von Göttern unter der Gestalt der verschiedenen Gestirne, 
Naturkräfte, Berue und Flüsse verehrt. Dies war jedoch mehr die 
Eeligion des Volkes, neben welcher eine Keligion der Gebildeten 
einherging, welche die Vorstellung von Pachacamac zur Idee eines 
unsichtbaren allmächtigen Gottes vertieft hatte. 

Für die Ausübung der Keligion bestanden eine Anzahl von 
Tempeln, von denen der Tempel des Pachacamac**) bei Lima wegen 
seines ehrwürdigen Alters und der Tempel der Sonne in Cuzco, 
wegen seiner Pracht und Herrlichkeit ausgezeichnet waren. Die 
Priester, welche in mehrere Classen zerfielen, und ein eingezogenes 
keusches Leben führten, standen in hoher Achtung : der Oberpriester 
stand nur um einen Grad tiefer als der Inca selbst. Neben den 
Priestern sind besonders die sogenannten Sonnenjungfrauen erwähnens- 
werth, Mädchen, welche zu lebenslänglicher Keuschheit verurtheilt 
in Klöstern lebten, die mit den Sonnentempeln verbunden waren. 

Menschenopfer, welche in Mexico bis auf die Zeit der Er- 
oberung durch die Spanier in unglaublicher Zahl vorkamen, scheinen 



*) Hieraus erklärt sich der Umstand, dass man die Spanier bei ihrer 
Ankunft für Viracochas hielt, gleichwie in Mexico für Söhne Quetzalcoatls. (Die 
Erklärungen, welche Waitz, Anthropologie der Naturvölker IV, 455 gibt, sind 
zu künstlich.) 

**) Vergl. Baldwin, John, Ancient America, London, l872, 8°. 



2T6 

in Peru zwar iu alter Zeit vielfach geübt worden zu seiu, wurden aber 
später unter den Incas nur bei ausserordentlichen Gelegeniieiten 
(beim Tode des Herrschers, bei verheerenden Krankheiten) vollzogen. 
Die geistige Bildung war bei den alten Peruanern, wie wir schon 
oben bemerkt haben, ein ausschliesslicher Besitz der vornehmen 
Classe, und sie musste es mehr oder weniger auch sein, da ein 
Medium zur schnelleren und grösseren Verbreitung derselben fehlte. 
Die Peruaner besassen nämlich keine Schrift, da man ihre Quipus, die 
aus verschieden gefärbten und verschieden verschlungenen Fäden 
bestanden, für nichts mehr denn Merkzeichen der allernothwendig- 
steu Begritfe des täglichen Lebens ansehen kann. Es musste also 
alles im Gedächtnisse aufbewahrt und mündlich überliefert wer- 
den. Dennoch waren die astronomischen , geographischen , natur- 
historischen und medicinischen Kenntnisse der alten Peruaner nicht 
unbedeutend, und auch ihre poetischen Erzeugnisse müssen nach den 
Proben, die wir von ihnen besitzen (namentlich das Drama Ollanta 
zeugt von einer bedeutenden Entwicklung der dramatischen Kunst), *) 
als das weitaus beste beseichnet werden, was die amerikanische 
Kasse in dieser Richtung geleistet hat. 

Ueber die Sprachen Amerikas.**) 

Kein Welttheil bietet eine so grosse Anzahl von Sprachen, 
welche in ihrer Anlage mit einander übereinstimmen, im Sprachstoffe 
dagegen von einander abweichen, wie Amerika. Von der Südspitze 
Amerikas bis zu den Ansiedelungen der Eskimo erklingen Sprachen, 
welche alle ein gemeinsames Princip befolgen, aber dennoch, sobald 
man auf die Prüfung des ihren Bildungen zu Grunde liegeud!en 
Stoffes näher eingeht, sich grössteutheils mit einander durchaus nicht 
verwandt verrathen. 

Dieses Factum ist um so merkwürdiger, als die Bevölkerung 
Amerikas im Verhältnisse zu seiner Grosse und jeuer der anderen 
Welttheile auffällend klein ist. Nach den zuverlässigsten Nach- 

*) Vergl. Tschudi, J. J. von, Die Kechua-Spniche, Wien 1853, Bd. 2, 
und Ollanta, An ancient Inca drama by A. R. Markliam, London 187L, 8"^ 
**j Pickering, John., Remarks on the Indian languages of Noith-America, 
Reprinted, 1830, 8". Deutsche Uebersetzuiig: Ueher die indianischen Sprachen 
Amerikas, übers, v. Talvj , Leipzig 1834, 8". Steinthal, H., Charakteristik 
der hauptsächlichsten Typen des Sprachbaues , Berlin 1864, 8", und meine Ab- 
handlung. Der grammatische Bau der Algonkin-Sprachen (Sitzungsberichte der 
kais. Akademie der Wissenschaften in Wien, Bd. LVI.) 

Müller, Allg. Gthuogruphie. 18 



274 

richten belauft sich die Anzahl der noch lebenden ameiikauischen 
Aborigiuer-ßevölkerung nicht ganz auf zwölf Millionen. Wenn wir 
auch die barbarischen Menschenopfer einzelner Stämme , die grau- 
samen Vertilgungskriege der Eingeborenen unter einander und der 
Euroi)äer gegen dieselben, die eingeschleppten Krankheiten und die 
Mischungen mit anderen Kassen in Anschlag bringen, so dürfte 
deunocli Amerika in der Zeit seiner grössteu Blüthe kaum so viel 
Bewohner beherbergt iiaben als heut zu Tage, wo ihm von p]uropa, 
Afrika und Asien zahlreiche Contiugente zugeführt werden, nämlich 
ungefähr 84 Vg Million.*) 

Dieser geringen Bevölkerung gegenüber erscheint die Anzahl 
der Sprachen , mithin auch der Völker als eine ausserordentliche. 
Obgleich viele derselben vom Erdboden ohne irgend welche Spuren 
verschwunden sind, schätzen dennoch Reisende der Jetztzeit die 
Sprachen Südamerikas allein noch auf mindestens hundert. Eine 
nicht geringere Mannigfaltigkeit bietet Mittel- Amerika, und ebenso 
reichhaltig ist das westliche Nord-Amerika. _ 

Nach diesem dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir bei 
älteren Schriftstellern Nachrichten begegnen, wonach die Zahl der 
-Sprachen Amerikas auf ein halbes Tausend und darüber angegeben 
wird. So berichtet der bekannte Polyhistor Athanasius Kircher, ein 
Mitglied des Jesuitenordens, er habe 1675 die in Kom versammelten 
Jesuitenmissiouäre über die Sprachen Amerikas zu Rathe gezogen 
und liabe nach den eingezogenen Erkundigungen in Amerika bei 
fünfhundert Sprachen herausgebracht. *) 

Es lässt sich wohl nicht läugnen , dass diese Schätzungen 
meistens von Forschern ausgegangen sind , welchen sowohl das 
Sprachraateriale in seinem vollen Umfange nicht zugänglich war, 
als sie auch nicht die Schule durchgemacht hatten, um über sprach- 
liche Dinge mit Sicherheit urtheilen zu können, und dass wohl in 
manchen Punkten eine methodisch angestellte Untersuchung andere 
Resultate zu Tage fördern dürfte; aber dennoch erscheint die Frage 
berechtigt, wie es denn gekommen ist, dass gerade hier eine so 
immense Anzahl von so verschiedenen Sprachen und Völkern sich 
entwickeln konnte? 



*) Behm und Wagner, Die Bevölkerung der Erde (Ergänzungsheft 'od 
der l^term<ann'scben Mittheilungen) p. V. 

**) Vergl. Kirch er, Äthan., Tiirris Babel. Amstelodanii 1679 fol. p. 132. 



275 

Will man iiiclit zur Ansicht hinneigen, dass die amerikanische 
Rasse gleich von Anfang an in eine grosse Anzahl von Völkern 
sich difterenzirte — eine Ansicht, der ^vir anhängen — so ist es 
am natürlichsten, in der eigenthümlichen Gestaltung des Landes 
und der dadurch hedingten Lebensweise des Amerikaners selbst den 
Grund für diese Zersplitterung zu suchen. Andererseits mag auch 
der eigenthümliche Bau der amerikanischen Sprachen, sowie der 
Maugel einer Schrift viel zur Difterenzirung derselben beigetragen 
haben, ein Factum, welches uns auch in den sogenannten kauka- 
sischen Sprachen vorzuliegen scheint. 

Nachdem das Material, welches dem Forscher auf dem Gebiete 
der amerikanischen Sprachen zu Gebote stellt, selbst noch mangel- 
haft ist, so kann eine Classification der amerikanischen Sprachen 
nur annähernd genau sein und muss die von uns auf S. 17 ff. ver- 
suchte üebersicht als eine vorläuiige betrachtet werden. Nament- 
lich sind die Abtheilungen 7, 9, 10, 12, 13, 16, 19 als Gruppen 
zu bezeichnen, die bei näherer Untersuchung in zwei, ja auch in 
mehrere Glieder zu zerlegen sein dürften, üeberdies ist auf manche 
unbestimmbare Idiome, welche in den Gebieten weit verbreiteter 
Sprachen eingesprengt sich finden (so z. B. innerhalb 17 und 18) vor- 
läufig gar keine Rücksicht genommen worden. Man wird — glauben 
wir — doch dies eine Factum aus unserer üebersicht entnehmen 
können, dass, wenn man die Anzahl der Sprachstämrae auf dem 
Boden Amerikas auf etwa fünfzig veranschlagen würde, dieselbe als 
nicht übertrieben bezeichnet werden dürfte. 

Die Sprachen Amerikas beruhen im Ganzen auf dem Principe 
des Polysynthetismus oder der Einverleibung. Während nämlich in 
unseren Sprachen die einzelnen Anschauungen, deren Verknüpfung 
im Satze ihren Ausdruck findet, sprachlich gesondert auftreten, 
werden sie in den amerikanischen Sprachen grösstentheils in eine 
untrennbare Einheit vereinigt. Es fallen dann Wort und Satz voll- 
ständig zusammen. 

Bei diesem Processe werden die einzelnen Worte verkürzt und 
oft nur durch Theile derselben dargestellt. Dass dadurch die Klar- 
heit der Anschauungen, welche zu einem Urtheile verknüpft werden 
sollen, bedeutend beeinträchtigt w'ird, lässt sich im Vorliinein 
errathen. 

Merkwürdig ist auch der Umstand, dass viele amerikanische 
Sprachen (z. B. die Algonkinsprachen, das Trokesische in Nord- 
Amerika) das Nomen und das Verbum von einander nicht scheiden 

18* 



276 

Sie kennen vom Staudpunkte der Formenlehre nur ein Nomen^ 
welches, falls es mit Possessivsuffixen bekleidet wird, unserem Verbal- 
ausdrucke entspricht. Der Satz gründet sich nicht, wie bei uns,, 
auf das Verhältuiss des Subjectes zum Prädicat , sondern auf jenes 
des Objectes zu seinen verschiedenen Beziehungen. Die Redeform 
wird nicht von einem verbalen, sondern von einem substantivischen 
Verhältnisse (dem des Besitzes) beherrscht. Diese Redeform, einer 
einseitigen Bildung der Anschauungen entsprungen, kann umgekehrt 
nicht umhin, auf die Ausbildung des Denkens eigenthüralich einzu- 
wirken. Nicht nur unsere Ansichten und Begriffe, sondern auch 
unsere ganze Art und Weise zu denken müssen dem Aboriginer 
Amerikas höchst eigenthümlich und fremd erscheinen. Unsere 
Sprachen sind ihm Kleider, die für seine Gedankengebilde nicht 
passen , mit denen er nichts anzufangen weiss. 

4. Malayen.*) 

Unter dem Ausdrucke „malayische Rasse" begreifen wir die 
lichtgefärbte schlicht haarige Bevölkerung der Inseln des 
indischen Archipelagus und der Südsee von Sumatra mit den um- 
liegenden kleineren Inseln im Westen bis zur Osterinsel im Osten 
und von Formosa und den Sandwich-Inseln im Norden bis Neu- 
seeland im Süden. Zu ihr sind auch die Bewohner der Küsten 
der Halbinsel Malaka, sowie, wenigstens nach der Sprache und 
anderen ethnologischen Momenten, die herrschende Bevölkerung der 
hart an der afrikanischen Küste gelegenen Insel iMadagascar zu 
rechnen. 

Vom linguistischen und culturhistorischen Standpunkte aus zer- 
fällt die malayische Rasse in zwei grosse Abtheilungeu, nämlich 
eine westliche und eine östliche, oder in die Malayen im engereu 
Sinne und in die Polynesier, zu denen wir ethnologisch auch die 
der Papua -Rasse angehörenden Melanesier zählen. Die ersteren 



*) Die Quellen finden sich verzeichnet bei Waitz, Anthropologie der 
Naturvölker, V. 2, pag. XXVI ff. und VI., pag. XIX ff. Abbildungen der 
hauptsächlichsten Typen der inalayischen Rasse finden sich bei V/ilkes, United 
states exploring expedition, vol. IX., Marsden. Sumatra, Raffles, The 
history of Java u. s. w. Ueberhaupt erlauben wir uns jene Leser, die nach 
einer ausführlicheren Belehrung über die in diesem Capitel abgehandelten 
Völker Verlangen tragen, auf den V. und VI. Band der Waitz'schen Anthro- 
pologie, sowie auf den von uns bearbeiteten ethnographischen Theil der Novara- 
Expedition zu verweisen. 



277 

sprechen Sprachen, welche für bedeutend entwickelt gelten können, 
und auch nicht unbedeutende Literaturen erzeugt haben, die letzteren 
dagegen reden Idiome, an weldion man die lautliche und formelle 
Armuth alsogleich wahrnimmt und welche es nie zu irgend welchen 
bedeutenden literarischen Leistungen gebracht haben. 

Die ersteren haben einerseits selbständig, andererseits durch 
Aufnahme fremder Elemente eine ziemlich hohe Cultur erzeugt: die 
letzteren sind im Grossen und Ganzen über die Anfänge mensch- 
licher Gesittung nicht hinausgekommen. 

Das Verhältniss dieser beiden Abtheilungen zu einander, sowohl 
vom anthropologischen, als auch vom linguistisch -ethnologischen 
Gesichtspunkte, welches zur Beurtheilung der Entwicklung dieser 
Menschenvarietät von der grössten Wichtigkeit ist, wird sich am 
besten aus der Beantwortung der Frage über den ursprünglichen 
Sitz und die Verbreitung der malayischen Rasse ergeben, ein Pro- 
blem, dem wir uns gleich hier zuwenden wollen. 

Ueber den ursprünglichen Sitz und die Verbreitung der 
malayischen Rasse. 

Zur Entscheidung der Frage, wohin wir den ursprünglichen 
Sitz der malayischen Rasse zu verlegen haben , müssen wir sowohl 
das Verhältniss derselben zu jener Rasse, mit welcher 
in Gemeinschaft sie die Inseln bewohnt, nämlich den 
Papuas, als auch die Wanderuugsrichtung' der ver- 
schiedenen malayischen Stämme selbst genauer ins Auge 
fassen. 

Was nun den ersten Punkt betrifft, so finden wir, wie wir 
oben (S. 95) gesehen haben, auf allen grösseren Inseln des indischen 
Archipels, nach den Berichten der zuverlässigsten Reisenden, eine 
Menschenvarietät, welche als dunkel und kraushaarig, also 
verschieden von der olivengelben und schlichthaarigen malayischen 
Rasse beschrieben wird. Dieselbe findet sich auch in den Gebirgen 
der Halbinsel Malaka und wahrscheinlich auch im Inneren von 
Formosa. Das Verhältniss dieser beiden Rassen zu einander ist 
derart, dass während die malayische Russe vorwiegend an den 
Küsten angesiedelt ist, die dunkle Papua-Rasse, wenigstens überall 
dort, wo sie sich neben der ersteren findet, in der Regel in den 
inneren Tbeilen des Landes angetroffen wird. 

Schon aus dieser Schichtung der beiden Rassen geht, da 
beide zusammen unmöglich autochthon sein können, mit grosser 



278 

Wahrscheinlichkeit hervor, dass die Papua-Rasse als die ältere, 
die malayische dagegen als die später eingewanderte betrachtet 
werden muss. 

Die Einwanderung der Malayen in diese Gegenden kann aber 
— wenn wir die Frage a priori betrachten, von zwei Seiten erfolgt 
sein, nämlich entweder vom Osten oder vom Westen. 

Für die Ansicht der Einwanderung der Malayen aus Osten, 
wonach die polynesischen Inseln als die Urheimath der malayischeu 
Rasse angesehen werden müssten, scheint allerdings der Umstand 
zu sprechen, dass in der Tliat, wie wir weiter unten sehen werden, 
Polynesien gegenüber den Malayen-Ländern ethnologisch auf dner 
primitiven Culturstufe steht und relativ als der treueste Repräsentant 
des alt-malayischen Volksthums betrachtet werden kann. 

Auf der anderen Seite spricht gegen eine Einwanderung der 
Malayen aus Osten, sowie gegen die Annahme, dass Polynesien für 
die Urheimath der malayischen Rasse angesehen werden müsse, der 
gewichtige Umstand, dass Fauna und Flora aller Inseln auf Asien 
hinweisen und in Folge dessen die letzteren vor dem Auftreten 
asiatischer Ankömmlinge aller Vegetation und animalischen Bewohner 
entblösst gewesen sein müssen. Solche Inseln sind aber, wie Jeder- 
mann auf den ersten Blick einsieht, nicht geeignet, um für die 
Wiege einer so zahlreichen Menschenvarietät, wie es die malayische 
ist, angesehen zu werden. 

Es bleibt also, da vermöge der asiatischen Fauna und Flora 
an eine Einwanderung aus Amerika nicht gedacht werden kann, 
nur der eine Fall übrig, nämlich die Einwanderung der malayischen 
Rasse von der entgegengesetzten Richtung, von Westen anzunehmen. 

Ist aber der Malaye vom Westen her auf die von ihm gegen- 
wärtig bewohnten Inseln vorgedrungen, so müssen wir nothwendig 
seine Urheimath im Westen jenes Landstriches suchen, welchen der 
von ihm verdrängte Papua gegenwärtig beuohnt, mithin im Süd- 
osten des asiatischen Festlandes. 

Wir halten daher den Südosten von Asien für die Urheimath 
der malayischen Rasse, von wo sie auf die angrenzenden Inseln 
überging, bis sie sich nach und nach über die Inseln des pacifisciien 
Oceans verbreitete. Die Auswanderung oder Verdrängung derselben 
durch eine andere Menschenvarietät nach den Inseln des indischen 
Archipels muss aber sehr früh d. i. schon in einer Zeit stattgefunden 
haben, wo die jetzigen Bewohner des asiatischen Continents, welche 



270 

insgesamrat der niongolisclieii Hasse augehören , denselben noch 
nicht inne hatten. 

Von dieser Katastrophe scheinen sich bei den einzelnen Völkern 
des nialavischen Stammes nur dunkle Reminiscenzen erhalten zu 
haben (^bei den Javanen, den Bugis), welche in den meisten Fällen 
Stammeitelkeit umarbeitete und mit anderen Zufällen in Verbindung 
brachte. Dass aber jedes lebendigere Bewusstsein des Zusammen- 
hanges mit dem Festlande verloren ging, und auch weder von 
sprachlicher noch von ph3^sischer Seite directe Beweise für die 
Aboriginerschaft der Malayen au den Küsten des ostasiatischen 
Contineuts heut zu Tage erbra( lit werden können , dies mag vor 
allem dem Charakter jener Rasse, von welcher sie verdrängt wurden, 
nämlich der mongolischen , zuzuschreiben sein. Es ist dies eine 
Rasse, welche stets massenhaft und mit wildem Ungestüm auftritt 
und alles Fremde sich assimilirt, aber auch, wenn sie in der Minder- 
heit erscheint, leicht ihren Charakter verliert und untergeht. Wir 
sind daher auch fest überzeugt, dass gerade diese Rasse eine Menge 
fremden Blutes in sich enthält (vgl. den Typus der Indo-Chinesen), 
woraus sich auch ihr beispiellos grosser Umfang erklärt. 

Daher kam es, dass die Malayen, als sie nach mehreren 
Menschenaltern an den ostasiatischen Küsten wieder erschienen, 
und sich uiederliessen , weder Spuren von iliren in der Heimath 
zurückgebliebenen Brüdern vorfanden, noch auch von den Bewohnern 
wieder erkannt wurden. Daher mögen auch die Ansiedelungen auf 
dem Continent gegenüber jenen auf den Inseln als bedeutend jünger 
erscheinen, und scheint dann die spätere Rückwanderung für eine 
in historischer Zeit stattgefundene Einwanderung zu gelten. 

Mit dieser von uns im Westen des gegenwärtigen Verbreitungs- 
bezirkes der malayischen Rasse fixirten Urheimath derselben stimmt 
auch das, was wir über die Wanderungen der östlichen Abtheilung 
der malayischen Rasse, der am spätesten sesshaften, wissen, voll- 
kommen überein. Aus den Traditionen und Reminiscenzen nämlich, 
welche sich in Polynesien über die geraachten Wanderungszüge 
erhalten haben, geht die merkwürdige Thatsache hervor, dass wir 
im Osten überall sichere Kunde von den im Westen 
gelegenen Inseln finden, während sich im Westen nirgends 
eine genauere Kenntniss der östlichen Inseln nachweisen lässt. 

Da dieses Factum in ethnologischer Beziehung von der grössteu 
Wichtigkeit ist, so wollen wir es im Nachfolgenden etwas genauer 
betrachten. 



280 

Wir beginnen mit der nördlichsten Gruppe, den Sandwich- 
Inseln. Hier findet sich eine alte Tradition, welche berichtet, die 
ersten Einwanderer seien von Tahiti gekommen. Daneben lässt 
sich Bekanntschaft mit der Marquesas-Gruppe nachweisen, von welcher 
die Namen der beiden grössten Inseln, Nukuhiva und Fatuliiva 
nämlich, genannt werden. Der Name der grössten Insel der Sand- 
wich-Gruppe, Hawaii, ist nichts anderes als eine sprachgemässe 
Umformung des Namens der Samoa-Insel Savaii. Der nördlichste 
Punkt von Hawaii trägt den Namen üpolu ; dieser Name kommt 
aber auch einer Insel der Samoa-Gruppe zu. Eine kleine Felsen- 
Insel bei Niihau wird Lehiia genannt; dieses ist aber nichts anderes 
als die sprachgemässe Veränderung des Namens Levuka, der Haupt- 
ansiedelung der Insel Ovolau der Tonga-Gruppe. 

Wir sehen also deutlichen Hinweis auf Tahiti und die Mar- 
quesas- Inseln nebst lieminiscenzen , welche auf die Samoa- und 
die Tonga-Gruppe sich beziehen. Wie wir weiter unten sehen wer- 
den, wurde Nukuhiva von Tonga aus bevölkert, es musste also, 
nachdem die Reminiscenz an Tonga sich so frisch erhalten hatte, 
Hawaii nicht gar lange Zeit nach Nukuhiva bevölkert worden sein. 

Auf den Marquesas-Inseln findet sich im Norden (Nukuhiva), 
die directe Tradition , die Bevölkerung sei von Vavao gekommen. 
Dieses ist offenbar nichts anderes als die Insel Vavao der Tonga- 
Gruppe. Und in der That schliesst sich die Sprache Nukuhivas zu- 
nächst ans Tonga an, wie auch die Sitten der Bewohner au die auf 
Tonga herrschenden auffallend erinnern. 

Auf den südlichen Marquesas-Inseln dagegen berichtet die 
Tradition, das Land wäre aus dem Sitze der Geister (Havaiki) 
emporgetaucht. Nun ist Havaiki nichts anderes als der sprach- 
gemäss veränderte Name der Samoa-Insel Savaii. Da auch in der 
Tradition Tahitis Erwähnung geschieht, und die Sprache der süd- 
lichen Marquesas-Inseln ans Tahitische zunächst sich anschliesst, so 
scheint eine Einwanderung von dieser Insel-Gruppe vorzuliegen. 

Was nun Tahiti selbst betrifft, so bezeichnet die Tradition 
direct Havaiki als den Ausgangspunkt der Ansiedelungen. Nach 
ihr sollen die Ankömmlinge auf Raiatea sich niedergelassen und 
ihren Platz Havaii genannt haben. Nun weisen aber die Namen 
Havaiki und Havaii wieder auf nichts anderes als auf die Samoa- 
Insel Savaii hin. 

Auf Rarotonga bezeichnet die Sage Avaiki als jenes Land, 
wo der erste Mensch ans Land stieg. Dieses Avaiki ist wieder 



281 

nichts anderes als die bekannte Somoa-Insel Savaii. Eine andere 
bestimmtere Sa;j:e nennt zwei Häuptlinge, welche die Insel bevölker- 
ten , nämlich den Häuptling von Mauuka (einer Sanioa-Insel), der 
von Westen herkam, Namens Karika, und den tahitischen Häupt- 
ling Tangiia. Ersterer soll im Nordwesten, letzterer im Osten 
sich niedergelassen haben. Die Nachkommen des erstereu nennen 
sich noch heut zu Tage Ngati - karika, die des letzteren Ngati- 
tangiia. Obwohl von der Sage die ersteren als Sieger bezeichnet 
werden, scheinen sie doch im Laufe der Zeit von der letzteren über- 
wunden worden zu sein, indem die Sprache von Rarotonga sich 
zunächst ans Tahitische anschliesst. 

Neu-Seeland wurde nach der Tradition von Havaiki aus be- 
völkert. Die Sage bewahrt nicht nur die Namen der ersten An- 
siedler, sondern auch die Namen ihrer Canoes auf. 

Die ersten Niederlassungen sollen an der Westküste und im 
Osten der Cook-Strasse stattgefunden haben. Später kamen mehrere 
Männer von Savaii, welche den süssen Erdapfel (Kumara) mit- 
brachten. Nachdem das letztere Ereigniss etwa vier Generationen 
oder etliche 120 Jahre zurückdatirt wird, so mag auch die erste 
Ansiedelung nicht weit zurückgehen und kaum vor das Jahr 1200 
unserer Zeitrechnung fallen. 

Fassen wir nun die betrachteten Punkte, nämlich Sandwich- 
Inseln, Marquesas-Inseln, Tahiti-Rarotouga, Neu-Seeland zusammen. 
so finden wir, dass die Tradition überall auf die Samoa-Tnsel Savaii 
hinweist und nebenbei auch die Tonga -Gruppe erwähnt. Wir 
glauben uns daher vollkommen zu dem Schlüsse berechtigt, dass 
wir in den Samoa- und Tonga-Inseln den ü r s i t z der P o 1 y n e - 
sier zu suchen haben, oder jenen Punkt, auf welchem die 
östliche Abtheilung der malayischen Rasse nach ihrer 
Absonderung von der westlichen sich niedergelassen 
und von wo aus sie sich über die Südsee verbreitet hat.*) 

Die einheimische Tradition führt uns jedoch noch weiter 
zurück. Gleichwie auf den östlichen Inselgruppen der Name Savaiki 
wiederkehrt als Bezeichnung eines Landes, welches für das Eden des 
Polynesiers gelten kann, das er mit der Poesie sorgenfreier Kindheit 
umgibt, ebenso bewahrt die Tradition von Samoa und Tonga d-as 
Andenken an eine grosse Insel, welche im Westen gelegen ist und 
als Wohnort der Seligen und Ausgangspunkt der polyuesischen 

*) Vergl. Waitz. Anthropologie der Naturvölker, V, 2, S. 202 ff. 



282 

Menschheit angesehen wird. Der Name dieser Insel lautet in der 
Sprache Samoas Pul o tu oder Purotii, in der Sprache Tongas 
Bulotu. Nun ist es, da der Name gewiss einen geographischen 
Hintergrund haben dürfte , mehr als wahrscheinlich , dass wir iu 
diesem Ausdrucke den Namen der Insel Büro zu erkennen haben.*) 

Wenn wir nun die von uns vorgebrachten Thatsachen über- 
blicken, so stellt sich, falls man ihnen eine historische Bedeu- 
tung zugesteht, unzweifelhaft heraus, erstens, dass wir die süd- 
östlichen T heile Asiens als die Urheimath der 
malayischen ßasse annehmen müssen, und zweitens, dass 
sich diese zuerst über die Inseln des indischen 
Archipels bis Büro verbreitete und erst von da aus 
zur Samoa- und Tonga- Gruppe vorrückte, um von 
diesem Centrum aus die polynesischen Inseln zu be- 
völkern. 

lieber die Zeit dei- Trennung und Absonderung der Völker der 
malayischen Rasse. 

Wenn wir nun nach der Zeit fragen, in welcher zunächst die 
beiden Abtheilungen, die östliche und die westliche, von einander 
sich getrennt haben, so können wir bei der Antwort darauf uns 
nur auf Schlüsse stützen, welche aus der Vergleichung der beider- 
seitigen Sitten und Sprachen mit mehr oder weniger Sicherheit 
abgeleitet werden können. 

Ein wesentliches Moment zur Entscheidung der Frage bildet 
das Vorhandensein von fremden, namentlich altindischen Elementen 
in den Sprachen der westlichen Abtheilung. Von solchen lässt sich 
in den Idiomen der östlichen Abtheilung nicht die leiseste Spur 
nachweisen. 

Da nun diese Elemente, wie mau aus ihrer Form, sowie auch 
aus der Form der mit ihnen gleichzeitig entlehnten Schrift nach- 
weisen kann, um den Beginn unserer Zeitrechnung eingewandert sein 
müssen, und wie sich bestimmt zeigen lässt, die Sprache schon da- 
mals jenen entwickelten Typus an sich trug, den sie heut zu Tage 
darbietet, so können wir bei der Annahme, sie habe mindestens 



*) Das Element tu in dem Worte Pulotu dürfte mit dem Worte tabu 
(vergl. tonga tabu, das heilige Tonga) zusammenhängen und der Ausdruck nichts 
anderes als „das lieiligre Bure" bedeuten. 



283 

tausend Jahre zu dieser ihrer Eutwicklung gebraucht, etwa das 
Jahr 1000 vor Christi Geimrt als Zeitpunkt festsetzen, von wo aus 
die Theilung der malayischeu Kasse in ihre zwei Abtheilungen datirt 
werden muss. *) 

Auch die Zeit der Spaltung der Polynesier in ihre verschiede- 
neu Sippen können wir annähernd bestimmen. Hier haben wir zwar 
\ erschiedene, nach Menschenaltern rechnende, einheimische Traditionen 
vor uns. Diese sind aber entweder nach und nach verwirrt worden 
oder sie übertreiben ihre Angaben ; denn wenn man auch zuzugeben 
genöthigt wird, dass seit der Trennung der Polynesier (der östlichen 
Abtheilung) von den Malayeu (der westlichen Abtheilung) geraume 
Zeit vergangen sein muss (derart verschieden sind die beiderseitigen 
Sprachen und Sitten), so kann man doch bei der grossen Aehn- 
lichkeit de rpolynesischen Sprachen und Sitten unter 
einander nicht leicht annehmen, dass die Spaltung der Polynesier 
in die einzelnen Stämme vor langer Zeit stattgefunden habe. 

Gewiss dürfen wir, da die Polynesier auf Büro und später 
auf den Samoa- und Tonga-Inseln wohl geraume Zeit zusammen 
lebten, nicht vor das erste Jahrhundert unserer Zeitrechnung zurück- 
greifen, eine Zeitepoche, welche so ziemlich mit den einheimischen 
Traditionen übereinstimmt, wenn man die Menschenalter nach den 
unter den Polynesiern geltenden Verhältnissen auffasst. Damit haben 
wir den Beginn der Wanderungen von Savaii und von den Tonga- 
Inseln bezeichnet; zwischen demselben und der Einwanderung nach 
Neu-Seeland liegt die Geschichte der polynesischen Züge, ein Factum, 
welches in der Geschichte der Menschheit nicht seinesgleichen wieder- 
findet. **) 

lieber das Verhältniss der einzelnen Abtlieilungen der malayisclien 

Rasse zu einander. 

Nachdem wir im Vorhergehenden die Frage über den Ursitz 
der malayischen Rasse und die Wanderungen der einzelnen Stämme, 



*) Viel weiter setzt Gerland in Waitz , Anthropologie der Naturvölker, 
Bd. V, 2, S. 215, die Zeit der Trennung der Malayo-Polynesier zurück. 

**) Auch die verliältnissniässig geringe Anzalil der Polynesier (kaum eine 
halbe Million) lässt auf eine in niclit entfernter Zeit liegende Trennung scbliesgen. 
Nimmt man auch an, dass durch Kindesmord , Cannibalismus und andere Ge- 
wohnheiten eine grosse Anzahl von Individuen zu Gründe gegangen ist, so lässt 
sich die spärliche Population doch nur begreifen, wenn man einerseits eine 
geringe Anzahl von Staunnpaaren nunimmt, andererseits die Zeit, innerhalb 
welcher sie sich fortgepÜanzt haben, niclit zu weit ausdehnt. 



284 

welche zu ihr gehören, erledigt haben, werden wir auch die Frage 
über das Verhältniss der einzelneu Abtheilungeu zu einander leicht 
beantworten können. 

Wie wir gesehen haben, theilt die malayische Kasse von 
Sumatra bis an die Grenze der Samoa-Gruppe ihre Wohnsitze mit 
einer zweiten dunklen Rasse, den sogenannten Papuas. Obwohl 
diese beiden Kassen, wo sie sich zugleich finden, in der Kegel ge- 
trennt von einander leben , so lässt sich doch annehmen , dass 
Mischungen derselben mit einander, namentlich in frühester Zeit, 
wo der Kassenhass noch nicht entwickelt war, eingetreten sind. Diese 
Mischungen werden natürlich um so stärker gewesen sein, je weiter 
ein malayischer Stamm durch papuanisches Gebiet sich durch- 
schlagen rausste, d. h. je weiter östlicher er vordrang. Darnach 
müssten im Grossen und Ganzen die Mitglieder der östlichen Ab- 
theilung jener der westlichen gegenüber vom malayischen Typus 
am weitesten sich entfernt haben. Diess wird auch in der That 
von dem ausgezeichneten Naturforscher A. Rüssel Wallace, welcher 
durch mehrere Jahre den malayischen Typus in seinen verschiedenen 
Variationen zu beobachten Gelegenheit hatte, bestätigt. Wallace 
ist nicht abgeneigt die Polynesier mit den Melanesiern und Papuas 
für Varietäten einer und derselben Rasse zu erklären, was aller- 
dings vom rein anthropologischen Gesichtspunkte nicht unrichtig 
ist, dagegen im Zusammenhange mit dem ethnologischen Momente 
nicht angeht. 

Wenn wir nun auch die westliche Abtheilung der malayischen 
Rasse, die sogenannten Malayen im engeren Sinne, für eine dem 
alten Typus treuer gebliebene Varietät ansehen, als die östliche, 
so haben wir damit nicht im mindesten behauptet, dass der alte 
malayische Kassentypus sich bei ihr überall gleichmässig unver- 
misclit erhalten habe. Im Gegentheil, wir glauben auch theilweise 
bei ihr an Mischungen und zwar theils mit Papuas (aber in geringem 
Grade), theils mit Mongolen. Dravidas und Mittelländern. Durch 
diese Mischungen erklären sich die zwei Haupttypen, Avelchen wir 
innerhalb der malayischen Rasse begegnen ^nd die wir weiter 
unten näher zu betrachten Gelegenheit haben werden. 

Wie wir oben gesehen haben, geht die einheimische Tradition 
mit ilireii historischen Reminiscenzeu in Betreff der älteren Heimath 
auf die Samoa- und Tonga-Gruppe zurück. Von da springt sie plötz- 
lich mit Uebergehung des melanesischen Gebietes auf Büro hinüber. 
Wir glauben gerade in diesem Punkte ein bedeutendes Moment zur 



285 

Beurtlieilung der Stelhing der Melanesier zu den Malayen und den 
Polynesien! gefunden zu haben, insofern als damit angedeutet wird, 
dass der Polyuesier als solcher auf den zwischen Neu -Guinea und 
dem Samoa-Archipel liegenden vulcanischen Inseln sich nicht nieder- 
liess, sondern dieselben auf seiner Wanderung nach Osten nur be- 
rührte. Durch die geringe Beimischung von polynesischem Blute zum 
Papua wäre der reine Papua-Typus der Melanesier erklärt, während 
durch den Hinzutritt der gebildeten und mehrere wesentliche Nutz- 
pflanzen und Nutzthiere mit sich führenden Polynesier zu den 
Papuas das ethnologische Moment der Melanesier, welches im 
wesentlichen malayisch ist, begreiflich würde. 

Diese Betrachtungen , wornach die westliche Abtheilung dem 
ursprünglichen malayischen Typus näher steht als die östliche, be- 
treffen den anthropologischen Gesichtspunkt. Ganz verschieden von 
ihm ist der ethnologische, dessen Betrachtung wir uns nun zu- 
wenden wollen. 

Von diesem Gesichtspunkte aus, mit dem der sprachliche 
identisch ist, könnte man, besonders wenn man die an den flec- 
tireuden Sprachen gemachten Beobachtungen hier anwendet, auch 
zur Ansicht verleitet werden, dass die Sprachen der östlichen Ab- 
theilung (die poly-melanesischen) gegenüber jenen der westlichen 
(den malayischen) einen späteren Zustand darstellen, d. h. aus einer 
Sprache, welche in den Idiomen der westlichen Äbtheilung ihren 
Typus ziemlich* treu bis auf den heutigen Tag erhalten hat, 
durch lautlichen Verfall hervorgegangen sind. Diese Ansicht 
würde noch dadurch unterstützt werden, dass wirklich jene Formen, 
welche in den beiden Abtheiluugen identisch sind, in der westlichen 
Abtheilung sich vollständiger erhalten haben, und von der in der 
östlichen Abtheiluug so stark überhandnehmenden Consonanten- 
verschleifung frei geblieben sind. 

Dagegen ist mit Recht einzuwenden, dass die -an flectirenden 
Sprachen gemachten Erfahrungen nicht überall ohne Weiteres an- 
gewendet werden dürfen. Während nämlich die flectirenden Sprachen 
erst zu einer Zeit von einander sich abgetrennt haben, wo der Bau 
dersell)en bereits vollendet war und die weitei'e Geschichte derselben 
nichts anderes zeigt, als lautlichen Verfall ihrer Formen, scheinen 
die nicht flectirenden Sprachen sich schon in einer Periode von 
einander losgerissen zu haben, wo der Bau des Sprachgebändes erst 
im Werden begriff'en war, wo also einer jeden Abtheilung, welche sich 
lostrennte, die Aufgabe zufiel, den Ausbau mit den überkommenen 



286 

Mitteln selbständig weiterzuführen. Daher kommt es, dass sich 
dann Identität der Wurzeln und der formbildenden Elemente, aber 
nicht, ausser nur in wenigen Fällen, Identität fertiger Wortformen 
nachweisen labest. 

Diess passt auch ganz vortrefflich auf die beiden grossen Ab- 
theilungen der malayischeu Rasse. Hier lässt sich nur in verhältniss- 
mässisr seltenen Fällen Wörtergemeinschaft zwischen denselben 
nachweisen, — ein Factum, welches den oberflächlichen Beobachter in 
Betreff" der Verwandtschaft irre führen kann — , während der Be- 
weis ursprünglicher Wurzel- und Formeinheit mit derselben wissen- 
schaftlichen Strenge und Evidenz wie auf anderen Gebieten ge- 
führt werden kann. 

Einer stricteu Anwendung der aus den flectireuden Sprachen 
gewonnenen Ansichten steht auch ein gewichtiger Umstand entgegen, 
der sie ganz und gar unmöglich macht! Wir begegnen nämlich 
in jeder der flectireuden Sprachen, selbst wenn Bildungen späterer 
Epochen überhand genommen und das Sprachmaterial nivellirt haben, 
dennoch einzelnen Formen, Avelche als Zeugen älterer Zustände 
übrig geblieben sind und wie Inseln aus dem weiten Ocean hervor- 
ragen. Nach solchen würden wir aber, wenn wir voraussetzten, 
die in den Sprachen der westlichen Abtheilung geltenden Formen 
und Bildungen seien aus der Ursprache herübergenommen und 
wirkten hier lebenskräftig fort, in den Idiomen der östlichen Ab- 
theiluug vergebens suchen. 

Es bleibt daher, um den Entwicklungsgang der malayo-poly- 
nesischen Sprachen genügend zu erklären , nur die Annahme off"en, 
dass die poly-melanesischen Sprachen mit ihrem höchst armseligen 
Lautinventar, ihren einfaclien Formen, ihrem kunstlosen Baue, den 
ursprünglichen Sprachzustand viel treuer repräsentiren , als die 
malayischeu Sprachen mit ihren ziemlich reich entwickelten Lauten, 
ihren in mancher Hinsicht äusserst kunstvollen Formen , ihrem zur 
Darstellung des Gedankens gut eingerichteten Baue. 

Diese Ansicht erhält von Seite der Culturgescliichte ihre volle 
Bestätigung. Wie wir oben bemerkt liaben und aus den nach- 
folgenden ethnographischen Schilderungen entnehmen wer<len. stellen 
die Poly-Melanesier einen tieferen Culturgrad dar, als die Malayen. 
Nun ist es eine allgemein gemachte Wahrnehmung, dass Cultur- 
und Sprachentwicklung in einem gewissen Zusammenhange stehen; 
dass nämlich dort, wo die Cultur auf einer niedrigen Stufe stehen 
bleibt, auch die Sprache die jener Cultur entsprechende Stufe nicht 



287 

flbersehreitet, während dort, wo die Cultur sich rasch entwickelt, 
auch die Sprache diesen Entwicklungen folgt. Es werden daher 
überall, wo noch keine für den Gedanken passende Formen vor- 
handen sind , diese geschaft'eu , da hingegen , wo sich bereits fertige 
Formen vortinden, diese dem sich entwickelnden Gedanken unter- 
worfen. Daher bemerken wir im ersteren Falle, gegenüber dem 
ursprünglichen Zustande, Wachsthum, im letzteren Absterben und 
Zersetzung. 

Wir können daher auch aus dem niederen Culturgrade der 
Poly-Melanesier den Schluss ziehen, dass ihre Sprache gegenüber 
dem Idiome der in der Cultur weiter vorgeschrittenen Malayeu 
einen älteren Zustand repräsentirt, dass wir also, was die beiden 
im Volksleben die grösste Rolle spielenden Factoren , Sprache und 
Sitte, anlangt, den reinsten und ursprünglichsten Typus derselben 
bei der östlichen Abtheilung der malayischen liasse zu suchen 
haben. 

Uebersicht der Völker, welche zur malayischen Rasse gehören. 

A. Westliche A bthe ilung. (Malayen.) 
Zur westlichen Abtheilung gehören folgende Stämme: 
1, Die Bewohner der Philippinen, von einigen Tagalas, 
Ton anderen Bisayas genannt. Der ethnologische Zusammenhang 
aller dieser Inselbewohner zeigt sich einerseits in der Sprache, 
welche, wenn sie auch in mehrere Dialekte zerfällt, die im ge- 
wöhnlichen Leben kein unmittelbares Verständniss zulassen , den- 
noch als eine bezeichnet werden kann, andererseits in den Sitten, 
welche auf den einzelnen Inseln von einander wenig abweichen. 
Wie wir bereits in dem Abschnitte, welcher über die Papuas 
handelt, bemerkt haben, wohnt im Innern einzelner Inseln eine 
Rasse, welche als dunkel gefärbt bezeichnet wird, nämlich die so- 
genannten Negritos, hier genannt Aetas, „die Schwarzen" (vgl, S. 96). 
Neben diesen beiden Stämmen finden wir auf Luzon, im Westen der 
nordöstlichen Cordilleren, nicht weit von Palanan, den Mischstamm 
der Jrayas. Ein Theil derselben, die sogenannten Catalanganes, 
welche .am Catalangan , dem östlichen Arm des Rio de Jlagan, 
wohnen, sind einer Mischung der Tagalas mit Chinesen entsprossen, 
während der andere Theil , die Jrayas a m J 1 a r ö u , aus einer 
Mischung der Tagalas mit Negritos hervorgegangen zu sein scheint. 
Auf der westlichen Seite von Luzon, in der Berglandsehaft, wohnen 



288 

die Stämme der Ygorrotes, welche ein Mischstamm aus tagalischem 
und chinesisch -japanischem Blute sein dürften. Sie unterscheiden 
sich wesentlich sowohl von den Tagalas, als auch von den Jrayas. 
In den östlichen Cordilleren, zwischen Baier und Casiguran, treffen 
wir die Ylungut oder Ylongotes, wilde Tagalastämme von 
unbekanntem Ursprung, Die Mänobos auf der östlichen Seite von 
Mindanao sind ein Mischstamm, hervorgegangen aus einer Ver- 
mischung der Tagalas mit Chinesen.*) 

An die Tagalas sind die Bewohner von Formosa anzuschliessen ; 
wenigstens ist das Formosanische mit dem Tagala aufs innigste 
verwandt. Auch die Bewohner der Sulu-Iuselu scheinen desselben 
Stammes mit den Bewohnern der Philippinen zu sein, wenn auch 
frühzeitig Mischungen mit Dayaks und später mit Malayen statt- 
gefunden zu haben scheinen. 

2. Die Malayen, Als Hauptsitz dieses Handelsvolkes kann 
die Halbinsel Malaka gelten, wo Sprache und Sitten sich auch in 
ungetrübter Reinheit erhalten haben. Die Malayen haben hier 
mehrere selbständige Staaten gegründet und durch indische und 
muhammedanische Einflüsse eine eigenthümliche Cultur und Literatur 
erzeugt. Nächst Malaka finden sich die Malayeu beinahe auf allen 
Inseln des indischen Archipels, sowie in Indien und auf Ceylon als 
Bewohner der Küsten vor. Unmittelbar an die Malayen dürften 
die Ats Chinesen, die Bewohner des Reiches Atscheh auf Sumatra 
anzuschliessen sein, vielleicht auch die P a s s u m a h und Red sc hang 
im Inneren von Palembang und die Lampong im Südosten von 
Sumatra. 

Zu den Malayen sind auch jene Stämme zu rechnen, welche in 
den inneren Theilen der Halbinsel Malaka wohnen und von den Malayen 
Orang-benua, „Menschen des Landes % genannt werden. Es sind diess 
wahrscheinlich ächt-malayische Stämme, welche im Naturzustände 
geblieben sind und auch eine verhältnissmässig weniger entwickelte 
und von fremden Elementen freie Sprache reden. Ol) sie vor den 
civilisirten Malayen eingewandert sind oder nur eine alte Ab- 
zweigung derselben darstellen, lässt sich schwer mit Sicherheit 
entscheiden. Die Orang-gunung, , Bewohner des Gebirges % Orang- 
laut, „Bewohner des Meeres". Orang-dagang, Jvaufleute", welche 
oft als malayische Stämme genannt werden, sind keine Völker- 
stämme, sondern vielmehr nur Menschenclassen. 



*) Vgl. Semper,C., Die Philippinen und ihre Bewohner, Würzburg 18G9, 8''. 



289 

o. Die S Uli d ;iiit'seii , im Westen der Insel Java, ein Volk, 
welches als Mittelglied zwischen den Malayeu, Javaiien und Battak 
gelten kann. 

4. Die Javanen auf der Ostseite der Insel Java. Dieses 
Volk kann für das gebildetste der ganzen malayischeu Rasse gelten ; 
es ist wahrscheinlich, dass die indischen Einflüsse, welche sich auf 
dem Archipel frühzeitig geltend machten, in demselben einen eifrigen 
Verbreiter gefunden haben. Unmittelbar an die Javanen schliessen 
sich die Baiines en, die Bewohner der Insel Bali, auf welcher früh- 
zeitig javanische und indische Einflüsse nachgewiesen werden können. 
Wahrscheinlich gehören auch hieher die Maduresen, die Bewohner 
der Insel Madura, welche der Sprache nach in zwei Abtheilungen 
zerfallen. 

5. Die Battak. Der Hauptsitz derselben ist die Hochebene 
Tobah, im Inneren von Sumatra, wo sie sich bis Kauro erstrecken. 
Von ihrer Sprache gibt es drei unterschiedene Dialekte, nämlich den 
Toba'scheu, den Mandailing'schen und den Dairischen. Stamm- 
verwandt mit den Battak sind die Bewohner der Nias- und Batu- 
Inseln. In naher Verwandtschaft zu den Battak stehen die Hovas 
auf Madagascar, denn das Malagasi, die Hauptsprache Madagascars, 
zeigt die meiste Verwandtschaft mit dem Battak und seinen Seiten- 
dialekten. 

G. Die D a y a k oder, wie sie sich selbst nennen, Olo-Ngad- 
schu, auf Borneo. Sie zerfallen in die Biadschu oder die Be- 
wohner der Südküste von Borneo, zwischen der Mündung des 
Barito- Flusses und dem Gebirge von Kota- Wariugin (wozu die 
Olo-Pulopetak, Olo-Meugkatip , Olo-Kahayan , Olo-Sampit u. a. ge- 
hören), in die Ot-Danom im Innern von Borneo an den Flüssen 
und die Dayak-Pare an der Ostseite Borneos. 

7. Die Maukasaren im Südwesten und die Bugi im Süd- 
osten von Celebes. Obgleich die Sprachen dieser beiden Völker 
nicht Dialekte genannt werden können, so scheint dennoch ein so 
inniger Zusammenhang derselben obzuwalten, dass man sie von 
einander nicht leicht trennen kann. Zu den Bugi gehören wahr- 
scheinlich auch die Küstenbewohner jener Inseln, welche im Süden 
von Celebes, von der Allas-Strasse bis gegen Timor, sich ausdehnen. 
Die Wadscho (Wadschur es en, Badscho) auf Celebes und einigen 
nahe gelegenen Inseln, auch Orang-laut genannt, dürften nichts 
anderes als ein Mischstamm sein, hervorgegangen aus der Vermischung 

Müller, AUg. Ethnographie. 19 



290 

der Bugi-maukasansclien Aboriginerbevolkeruug mit eingewanderten 
Malayen. 

8. Die Alfuren auf den Molukken und den benachbarten 
kleinen Inseln und im Norden von Celebes. 

B. Oestliche Abtheilung. (Poly-Melanesier.) 

1. Polynesier. 
(Dunkle, schlichthaarige Malayen.) 

Zu dem Stamme der Polynesier gehören: 

1. Die Bewohner der Samoa- Gruppe (Schiffer - Inseln, 
Navigator Islands), der westlichsten aller polynesischen Ansiedelungen, 
einer Inselgruppe zwischen 169'' und 173^ westl. Länge und 13" 
und 15^^ südl. Breite. Die Namen der vier grössten Inseln sind 
Savaii (ungefähr 100 engl. Meilen im umfange) , Upolu , Tutuila 
und Manua; die Namen der vier kleineren Manono, Apolima, Oro- 
senga und Ofu. 

2. Die Bewohner der Tonga- Gruppe (Freundschafts-Inseln, 
Friendly Islands). Dieselbe liegt im Süd-Südwest der Schiffer-Inseln, 
zwischen 173'^ und 176° westl. Länge und 18" und 2'2^ südl. Breite. 
Die grösste und südlichste Insel ist Tonga, gewöhnlich tonga tabu, 
„die heilige Tonga", genannt (ungefähr 60 engl. Meilen im Um- 
fange), welche mit Ena und einigen kleineren Inseln eine Gruppe 
für sich bildet. Ungefähr 60 Meilen nordöstlich von Tonga liegen 
Habai, Lefuka, Namuka und die Felseuinseln Kao und Tofua und 
weiter gegen Norden Vavau. 

3. Die Bewohner von Neu-Seeland (New-Zealand), genannt 
Maori. Neu-Seeland besteht aus zwei grossen Inseln, welche sammt 
den zugehörigen Inselchen etwa 5000 Quadrat -Meilen umfassen. 
Sie erstrecken sich von Nordosten gegen Südwesten und werden 
durch die Cook-Strasse von einander geschieden. Die nördliche 
Insel (New Ulster) heisst bei den Eingeborenen He-ahi-no-Maui 
(das Feuer des Maui), die südliche (New Munster). Te-wai-pounamu 
(der See des Grünsteius). 

4. Die Bewohner der Tahiti -Gruppe (Gesellschafts-Inselu, 
Society Islands). Dieselbe besteht aus zwei kleinen Gruppen, von 
denen die östliche Tahiti, Aimeo oder Moorea, Tetuarora, Tapuae- 
manu und Metia, die westliclie Huahine, Raiatea, Tahaa und 
Porapora umfassen. Tahiti, die grösste der Inseln, liegt unter 
149° 30' westl. Länge und 17° 30' südl. Breite. 



291 

5. Die Bewohner der Earotouga- Gruppe (Hervey oder Cooks 
Islands), west-südwestlich von Tahiti, zwischen 155" — 160° westl. 
Länge und 19"— 22° südl. Breite. Sie besteht aus sieben Inseln, 
nämlich Rarotonga, Atiu, Mangaia, Aitutald, Mauke, Mitiaro, Manuai. 

6. Die Bewohner der T up uai-G ruppe (Austral Islands), 
eines Complexes von mehreren kleinen Inseln, etwa 5" südlich von 
Tahiti. Dahin gehören Kimatara, ßurutu, Tupuai, Raivavai und Kapa. 

7. Die Bewohner der M a n g a r e v a - G r u pp e (Gambier group), 
östlich von der Tupuai-Gruppe gelegen unter 23" südl. Breite und 
135" westl. Länge. Die wichtigsten der dahin gehörenden Inseln 
sind Maugareva, Akeua, Akamaru und Tarawari. 

8. Die Bewohner der Pakumotu-, Paumotu- oder Tua- 
motu-G ruppe, einer Reihe kleinerer Inseln, zwischen der Tahiti- 
und Mangareva-Gruppe etwa zwischen 135" und 150" westl. Länge 
uud 14" und 23" südl. Breite. 

9. Die Bewohner der Marquesas-Inseln, einer Gruppe 
zwischen 138" und 141" westl. Länge und 7" und 11" südl. Breite. 
Diese Inseln bilden zwei kleinere Gruppen, eine südöstliche, zu 
welcher Fatuhiva, Tahuata und Hivaoa, und eine nordwestliche, zu 
welcher Xukuhiva, üahuka und Uapou gehören. 

10. Die Bewohner der Hawaii -Gruppe (Saudwich Islands), 
zwischen 154" und 161" westl. Länge und 18" uud 23" nördl. 
Breite. Die südlichste und -grösste der Inseln ist Hawaii (etwa 
250 engl. Meilen im Tnifange). Die Namen der anderen Inseln 
sind Maui, Oahu, Tauai, Tahoolawe, Lanai, Molotai uud Niihau. 

11. Die Bewohner einzelner Inseln, welche vereinsamt im 
Ocean herumliegen, so Fakaafo (Bowditch Island), Nukunono und 
Oatafu, etwa 5" nördlich von der Samoa-G ruppe gelegen und von 
der uordamerikanischen Expedition unter Comm. "Wilkes Union 
group genannt. Etwa 10" westlich davon liegen drei Koralleninseln, 
nämlich Yaitupu (Tracys Island), Nukufetau (Depeysters Island) 
und Funafati (EUices Island). Zwölf Grade östlich von Neu-See- 
land liegt Chatham Island, von Einwanderern aus Neu - Seeland 
bewohnt. 

Ferner sind besonders zu erwähnen: Tikopia oder Tukopia 
(12" 30' südL Breite, 169" östliche Länge), die westlichste und 
Vaihu oder Oster-Insel (Easter Island) unter 27" südl. Breite, 
109" 50' westl. Länge, die östlichste der von den Polynesiern 
bewohnten Inseln. 

19* 



292 

Zu den Polynesien! gehört auch die Bevölkerung des soge- 
nannten Mikronesien, nämlich einer Eeihe von Gruppen kleiner 
Inseln, welche sich östlich von Mindanao und Gilolo bis etwa zum 
180 Längengrad hinziehen und nördlich bis an die nördlichsten 
Marianen und südlich bis an den Aeqnator sich erstrecken. Die 
wichtigsten dieser Gruppen sind: 1. die Marianen oder Ladro- 
nen, eine Reihe von Inseln zwischen dem 12" und 20" nördlicher 
Breite und dem 142" bis J48" östl. Länge. Die alte Bevölkerung 
dieser Inseln ist jedoch ausgestorben oder in den neuen Ansiedlern 
(Tagalas und Spaniern) spurlos untergegangen, üeberdies sind nur 
die zwei südlichsten Inseln wirklich bewohnt. 2. Die Karolinen, 
ein Complex von etwa 400—500 Inseln, die sich in 48 Gruppen 
vertheilen. Auch von diesen sind mehrere unbewohnt. 3. Das so- 
genannte Marsh alls Archipel, aus der Ealik- und Ratak-Kette, 
bestehend , im Osten der Karolinen. Es umfasst im Ganzen un- 
gefähr 3 Insel-Gruppen. 4. Das sogenannte Gilberts Archipel, 
die südliche Fortsetzung des vorhergehenden an der Grenze von 
Polynesien, zu dem es auch ethnologisch den Uebergang bildet. 

2. Melanesier. 

(Dunkle kraushaarige Malayen oder Papuas mit malayischera Volksthum.) 

Dahin gehören: 1. die Bewohner der Viti- (Fidschi-) Inseln 
einer Gruppe, westlich von den Schiffer- und Freundschafts-In.^elu. 
Die grössten der hieher gehörigen Inseln sind Vanua-Levu und Viti-- 
Levu. Die Vitis sind der östlichste Stamm der Melanesier. 2, Die 
Bewohner von Neu-Caledonien (Baladea), sowie der umher gelegenen 
kleineren Inseln, wie Kunaie, den sogenannten Loyalitäts-Inseln 
(Uwea, Lifn, Marc). Nordwestlich von diesen liegen die neuen 
Hebriden, (Aneityum, Tanna, Erronan und Erromango). Nördlich 
von den neuen Hebriden finden wir Api, Mallikolo, Espiritu-Santo, 
dann Ambrym, Aragh, Aoba und Maiwo. — Noch weiter im Norden 
liegen Vanikoro und die sogenannte Nitendi-Gruppe, so benannt 
von der grössten dahin gehörigen Insel. 3. Die Bewohner ein- 
zelner im Nordosten dieser Inselgruppen gegen Neu -Guinea sich 
hinziehenden Inseln, deren ethnographische Verhältnisse jedoch gegen* 
wärtig noch nicht mit der gehörigen Klarheit festgestellt sind. 

Leiblicher Typus der nialayischen Rasse. 

Abgesehen von den Melanesiern, die beinahe den reinen Papua- 
Typus zeigen, hat sich der malayische Typus innerhalb der verschiedenen 



293 

Stämme bedeutend diftereuzirt , was sich aus dem Umstände, das 
diese Kasse durchgehend Inseln oder Kiistengegenden bewohnt und 
vielfache Mischungen mit anderen liasseu eingegangen ist, leicht 
erklärt. Im Ganzen lassen sich drei Grundtypen feststellen , näm- 
lich: 1. der sogenannte malayische, 2. der sogenannte battak'sche 
und o. der polynesische. Davon dürfte der erstere der relativ am 
meisten unvermischte sein, während die beiden anderen durch Misch- 
ungen und zwar einerseits mit Hinterindiern, andererseits mit Papuas 
hervorgegangen sind. Den reinen malayischen Typus zeigen die 
Malayen, die Kedschang, die Atschinesen, die Javauen, die Sunda- 
uesen, die Maduresen und die Tagalas ; den Battak-Typus die Battak 
die Passumah, die Lampong, die Bewohner der Nias- und der Batu- 
Inseln, die Baliuesen, die Bugi, die Mankasaren und die Alfuren auf 
Celebes und den Molukken; den polynesischen Typus endlich die 
Bewohner der Südsee (Poly- und Mikrouesier). 

Auf den malayischen Typus dürfte ungefähr folgende Schilde- 
rung passen: Körperhöhe zwischen 4^2 bis 5 Fuss; die Männer 
sind immer etwas grösser und schlanker als die Frauen. Der Schädel 
ist gleich laug und breit, das Hinterhaupt kurz und im Viereck 
verflacht, die Backenknochen sind vorstehend, der Unterkiefer breit 
und hervorragend. Die Nase ist platt, die Nasenflügel sehr breit, 
dio Nasenlöcher gross.*) Die Augenlider sind nicht so weit ge- 
spalten wie bei der mittelländischen, aber auch nicht so eng ge- 
schlitzt wie bei der mongolischen Kasse. Das Auge ist schwarz 
und vcn mattem Glanz. Der Mund ist gross und breit, mit dicken 
aber nicht wulstigen Lippen. 

Die Hautfarbe ist kupierbräunlich, mit einem Stich ins- Gelb- 
liche, etwa wie schwach gerösteter Kaftee. Der Bart maugelt fast 
ganz, ebenso ist die Behaarung der bedeckten Körpertheile schwach 
entwickelt. Die Haare sind schlicht und grob. Die Farbe derselben 
ist schwarz, mit einem Stich ins Bräunliche. Die Schenkel und 
Waden sind schwach und mager. Bei den Frauen sind die Brüste 
klein, spitz und kugelig, der Busen wenig entwickelt und oft 
ganz platt. 

*) Im höchsten Grade merkwürdig und lehrreich ist der Umstand » dass 
dieser Charakter, nämlich Verflachung des Hinterhauptes und Plattheit der 
Nase, welcher der malayisclien Rasse eigenthümlich ist, von den Mitgliedern 
derselhen nacli dem auf S. 42 citirten Grundsatze Alexander von Humboldt's 
zu übertreiben gesucht wird. (Ueber die Malayen vergl. Waitz, Anthropologie 
der Naturvölker, V, 85, 86, 109; über die Polynesier ebenda, VI, 26 u. s. w.) 



294 

Von dem zweiten, dem Battak-Typus dürfte folgendes Bild zu 
entwerfen sein: Die Körperhöhe ist grösser als bei dem vorher- 
gehenden Typus, ebenso ist der Körper etwas stärker und musculöser. 
Schädelform und Gesichtsbildung sind mehr oval, das Hinterhaupt 
etwas zugerundet. Die Backenknochen stehen weniger stark hervor, 
der Unterkiefer ist weniger breit. Die Nase ist mehr spitz und 
gerade mit bedeutend eingedrückter Glabella. Der Mund ist etwas 
kleiner und proportiouirt. Die Farbe der Haut ist lichtbraun, auf 
den Wangen zeigt sich eine leichte ßöthe. Das Haar ist zwar 
schlicht, aber bedeutend feiner als beim Malayen und von etwas 
lichterer, mehr ins Braune spielender Farbe. Bei den Frauen sind 
die Brüste grösser und hemisphärisch, der Busen voller und gehobener. 

Der polynesische Typus dürfte in folgender Skizze zusammeu- 
gefasst werden: Die Körperhöhe ist bedeutender als bei den beiden 
vorhergehenden Typen; in manchen Fällen kann der sehnige, wohl- 
proportionirtc Körperbau der Männer beinahe athletisch genannt 
werden. Die Weiber sind den Männern gegenüber etwas untersetzt 
und plumper gebaut , ihre Brüste sind wie beim malayischen Typus 
spitz zulaufend. Der Schädel ist hoch, von starkem Knochenbau, 
mit grossen von einander abstehenden Scheitelhöckern; die Scheitel- 
basis ist schmal, die Stirn hoch, das Hinterhaupt abschüssig und 
viereckig, die Jochbögen stehen ein wenig vor, die Nasenbeine sind 
ein wenig abgeplattet und klein, die Schläfen flach nach vorne cou- 
vergirend. Von oben betrachtet hat der Schädel eine nach hinten 
breite Keilform. Die Nase ist bedeutend grösser und mehr hervor- 
ragend, so dass sie in vielen Fällen beinahe adlerartig genannt wer- 
den kann (wie bei den Papuas). Die Farbe der Haut ist um mehrere 
Töne dunkler, und zwar ist dies nicht so sehr unter dem Aequator, 
wie man glauben sollte (wo die Farbe gerade am hellsten ist), als 
vielmehr au den beiden äussersten Enden im Süden und Norden (Neu- 
seeland und den Sandwich-Inseln) der Fall. Das Auge ist klein, 
schwarz, selten braun und von besonderer Lebendigkeit. Das Haar 
ist schlicht, grob, mit einer Anlage zum Kräuseln, von schwarzer 
Farbe mit einem Stich ins Blaue , seltener röthlich oder flachsgelb, 
in Folge einer Beizung mittelst Korallenkalk. Der Bartwuchs, sowie 
die Behaarung am Körper sind ebenso wenig wie bei den zwei 
vorhergehenden Typen entwickelt. 



295 



Psychischer Charakter der malayischeii Rasse. 

Der Grunclziig des Charakters der malayischeii Hasse sind Ver- 
schlossenheit und Härte, die sich äusserlich durch ein scliweigsames, 
berechnetes Benehmen und einen tiefen Ernst offenbaren. Dort 
wo Mischungen mit der Papua-Kasse stattgefunden haben (in Poly- 
nesien) ist der Ernst, welcher über den ganzen psychischen Charakter 
des Malayen ausgebreitet ist , einer gewissen Fröhlichkeit und liebens- 
würdigen Geselligkeit gewichen. Dass aber der letztere Zug den 
Grundtou des malayischen Ciiarakters nicht ganz zu verdecken 
vermochte, beweist die stille Melancholie, welche dem Gemüthe des 
Polynesiers anhaftet und ihn sowohl vom Malayen als auch vom 
Papua auszeichnet. 

Aus der Verschlossenheit des malayischen Charakters erklärt 
sich der Hang zum gemessenen Betragen, welcher allen Mitgliedern 
der malayischen Kasse eigenthümlich ist. Der Malaye liebt es 
nicht, dass mau ihm zu nahe trete, aber auch er beobachtet ängst- 
lich die Schranken, welche die Idee der freien Individualität und 
des Standes ihm dictirt. Ein Ausfluss dieses eigeuthümlichen Zuges 
sind im Westen die ceremouielleu Gewohnheiten, im Osten die 
sogenannten Tapu-Gesetze. * 

Eine weitere Folge des oben erwähnten psychischen Grund- 
zuges sind die Wildheit und Unbändigkeit, sowie der unmenschliche 
Blutdurst, durch welche der Malaye von allen Kassen sich unter- 
scheidet. Er ist der Cannibale xax' Jco/rjv; es lässt sich diese 
unmenschliche Sitte bei ihm nicht etwa aus dem Mangel an Nahrung 
erklären , sondern scheint in der That ein Product seiner eigeu- 
thümlichen Gemüthsriehtung zu sein. Die Sitte des Cannibalismus 
kann nicht nur bei allen Bewohnern der Südsee nachgewiesen 
werden, sondern auch bei mehreren civilisirten Stämmen des Westens, 
wie z. B. bei den Battak auf Sumatra, welche eine geschriebene 
Literatur besitzen, und bei denen der Cannibalismus sogar in 
einzelnen Fällen gesetzlich vorgeschrieben ist. (Vergl. Junghuhn, Die 
Battaländer auf Sumatra, Berlin 1847, 8«. IL, 155. ft\) 

Charakteristisch für den Malayen ist der Umstand, dass er 
durchwegs ein guter, unerschrockener Seemann ist, der sich un- 
bedenklich einem schwankenden Boote anvertraut, das ein anderer 
kaum besteigen würde, um in demselben weite Keisen zu unter- 
nehmen. Der Malaye ergreift gerne jede Gelegenheit, fremde Länder 
und Völker zu sehen, er ist der Cosmopolit Süd-Asiens. Er hat 



29G 

grosse Beobachtungsgabe, ist fremden Ideen in der Regel leicht 
zugänglich und nimmt daher rasch fremde Sitten und Gewohn- 
heiten an. 

Eine Folge dieser cosmopolitischen Charakterrichtung ist die 
verhältnissraässig geringe Entwicklung jener Gefühle und Tugenden, 
welche auf das Familienleben sich beziehen. Die Familienbande 
sind, namentlich im Osten, ziemlich locker. Kindesmord kommt oft 
vor, hilflose und alte Personen werden hart behandelt. Die Eltern 
haben über die Kinder nur geringe Autorität. Die Prostitution, 
«ine Folge des besonders stark ausgeprägten Wollusttriebes dieser 
Kasse, wird häufig geübt und oft sogar von den Eltern , des 
•Gewinnes halber, befördert. Die Hoffnung auf Gewinn ist über- 
haupt eine Leidenschaft, welche des Malayen ganze Seele 
erfüllt. Dem Gewinn zu Liebe begeht er mit der grössten Gewissen- 
losigkeit alle Verbrechen, wie Mord, Diebstahl, Lüge u. a. Nicht 
so sehr das beleidigte Ehrgefühl, als vielmehr die Hoffnung auf 
Beute verleitet ihn zum Kriege. Auf den Inseln des indischen 
Archipels gilt die Seeräuberei für ein ehrenvolles , ritterliches 
Handwerk. 

Als Krieger ist der Malaye tapfer, er tritt mit kühner Todes- 
verachtung dem Feinde entgegen. Andererseits scheut er sich aber 
nicht seine Waffen zu vergiften und spitze Barabuspflöcke im hohen 
Gras in die Erde einzurammen. 

Eine Folge der leichten Erregbarkeit des Charakters der 
raalayischen Rasse ist ein tiefes religiöses Gefühl, welches sich in 
vielen Gebräuchen (z. B. den Tapu-Gesetzen) und den reich ent- 
wickelten religiösen Sagen kundgibt. 

Die geistigen Anlagen der malayischen Rasse sind nicht un- 
bedeutend. Zwar erreicht der am höchsten entwickelte Zweig der- 
selben, der Javane, trotz indischer Einflüsse, nicht den Azteken, die 
Blüte der amerikanischen Rasse. Aber wenn man bedenkt, dass der 
Malaye auf kleine Inseln verschlagen, ohne andere Thiere als das 
Schwein, das Huhn und den Hund, es zu einer nicht unbedeutenden 
Cultur gebracht hat und auch gegenwärtig für die Cultur des 
Abendlandes sich äusserst empfänglich zeigt, so kann man nicht 
umhin auf eine gewisse geistige Energie zu schliessen, wie sie nur 
wenigen Rassen eigenthümlich ist. 



297 



Ethnographische Schilderung. 

1. Folynesier. 

Bis Zinn Eintritte der Pubertät gehen beide Geschlechter in 
der Kegel nackt einher; erwachsene Weiber und Männer legen 
einen Gürtel um die Hüften, der bei den ersteren bis über die 
Kiiiee hinabhängt, bei den letzteren dagegen kaum mehr als die 
Schamtheile bedeckt. Das Material dazu ist vegetabilischer Natur. 
Auf Neurfeeland trägt man wegen der rauheren Witterung auch 
Mäntel aus dem Felle des einheimischen Hundes. Bei festlichen 
Gelegenheiten werden Matten über den Rücken geworfen. Der 
Oberkörper bleibt nackt und wird höchstens zum Schutze gegen die 
Hitze oder die Mücken mit Fett eingerieben. 

Das Haar wird von den Männern entweder lang getragen und 
zu einem Knoten zusammengebunden, oder bis auf eine grosse 
Locke abgeschnitten, von den Weibern dagegen immer kurz geschoren. 
Häufig ist das Beizen des Haares oder einzelner Partien desselben 
mittelst Korallenkalk, wodurch es eine röthliche, oft flachsgelbe 
Färbung erhält. 

Die Hauptzierde des Polyuesiers aber ist die Tätowirung. 
Dieselbe wird in der Regel an den erwachsenen Jünglingen um 
die Zeit der Pubertät vorgenommen und besteht in dem Einstechen 
gewisser Linien und Figuren in die Haut, welche, um dauerhaft 
zu sein, mit einem in Fett aufgelösten Farbstoffe reichlich ein- 
gerieben werden. Wenn der ganze Körper ausgiebig und gut 
tätowirt ist, wie dies auf einzelnen Inseln zu geschehen pflegt, so 
scheint es, als ol) er mit einem enganliegenden Tricot bekleidet 
wäre. Doch ist es auch Sitte nur einzelne Theile des Körpers, wie 
Gesicht, Arme, Brust u. dgl., zu tätowiren. 

Der Ursprung dieser Sitte, welche den Polyuesieren in dieser 
Art und in diesem Umfange ganz eigenthümlich ist, dürfte ein 
religiöser sein, und wir stimmen den Ausführungen G. Gerland's 
über diesen Punkt im 6. Bande der Waitz'schen Anthropologie 
der Naturvölker, S. '64. ff., vollkommen bei. 

Eine zweite Sitte, die bei den Polynesiern vielfach wiederkehrt, 
ist die Beschneidung. Sie besteht im Aufschlitzen der Vorhaut; 
welche dann über der Eichel zusammengebunden wird. Auch diese 
Sitte ist sicher religiösen Ursprungs, wie die vortrefflichen Be- 
merkungen G. Gerland's darüber a. a. 0., S. 40 If., unwiderleglich 
darthun. 



298 

Die Häuser bestehen auf den meisten Inseln in grossen Hütten, 
die in der Mitte ungefähr 30 Fuss hoch sind und an den Seiten 
bis 4 Fuss tief herabgehen. Das Gerüste solcher Hütten besteht 
in Pflöcken, das Dach wird mit Blättern eingedeckt. Auf Neu- 
seeland sind dieselben ungefähr G Fuss hoch ; das Dach reicht 
beiderseits bis auf den Boden herab und steht auf der vorderen 
Seite weit vor, wodurcli eine Art Veranda gebildet wird. Wegen der 
leichten Bauart sind die polynesischen Häuser sehr luftig und kühl. 
Das Innere besteht in der Kegel aus einem einzigen Eaume, selten 
ist es durch leichtes Flechtwerk oder Matten in mehrere Theile 
gesondert. 

Der Häuserbau wird von einer bestimmten Zunft von Hand- 
werkern gegen Bezahlung besorgt. Nur an der Herbeischaflfung 
und Bearbeitung einzelner Bestandtheile derselben nehmen auch die 
Weiber Tlieil. 

Die Nahrung der Polynesier war immer vorwiegend vege- 
tabilischer Natur, am dürftigsten wegen mangelnder Nutzpflanzen 
auf Neu-Seeland. Während man hier grösstentheils mit Farrn- 
wurzeln, Beeren und Kohlsprossen sich begnügte, bildeten auf den 
anderen Inseln namentlich die Brodfrucht, die Kokosnuss, Yams^ 
Taro und die Batate (süsse Kartoftel) die Hauptnahrung. Die 
aminalischen Nahrungsmittel, theils den Fischen , Schildkröten und 
Schaltthieren, theils den auf den Südsee-Inseln einheimischen Haus- 
thieren, dem Schwein, dem Huhn und dem Hunde, entnommen, 
wurden seltener und zwar in der Regel nur bei festlichen Gelegen- 
heiten genossen. 

Die Speisen werden in Gruben auf heissen Steinen oder 
glühender Asche gebraten. Das Fleisch wird vorher mit Meer- 
wasser begossen, da der Gebrauch des Salzes in Pohmesien un- 
bekannt ist. Aus der gegohrenen Brodfrucht , welche in eine 
breiige Masse sich verwandelt, bäckt mau eine Art von Brod. Aus 
dem gegohrenen Satzmehl der Taro - Wurzel wird ein klebriges 
Muss (Poi) von säuerlichem Geschmack bereitet, das sich lange Zeit 
in Gruben aufbewahren lässt. 

Als Getränk dienen Wasser, sowohl süsses als salziges, und 
der Saft der halbreifen Kokosnuss, welcher von angenehmem, süss- 
licliem Geschmack ist. Als Festtrank, den mau entweder bei feier- 
lichen Gelegenheiten oder beim Male, aber nicht nach, sondern vor 
demselben zu sich nimmt, dient der Ava- oder Kava-Saft. Derselbe 
wird aus der Wurzel der Ava- oder Kava-Pflanze (piper methysticum) 



299 

derart bereitet, dass mau dieselbe in kleinere Stücke zerschnitten, 
entweder von Weibern oder Knaben kauen lässt, und nachdem der 
also zubeioitete Brei sammt dem Speichel in einem f^rösseren Gefiiss 
gesammelt worden, das Ganze unter Zusatz von einij,^^! zerstosseuen 
Blättern der Pflanze und Wasser oder Kokosmilch durch ein 
ßasttuch seiht. 

Wie der Genuss des Pulque in Mexico, war auch jeuer des 
Kava in Polynesien nie freigegeben, sondern nur den vornehmen 
Männern gestattet; die Weiber, sowie das gemeine Volk waren 
stets von ihm ausgeschlossen. Die Wirkungen dieses unflätliigeu 
Getränkes äussern sich sowohl in einem mit wollüstigen Bildern 
erfüllten Rausche, als auch in einer dem Aussatz ähnlichen Haut- 
krankheit, welche bedeutende Narben zurücklässt. Diese Narben 
galten stets für Ehrenzeichen, da sie auf die vornehme Abkunft des 
Betreffenden schliessen Hessen. 

Unter den häuslichen Geräthen der Polyuesier sind namentlich 
hervorzuheben die zierlich gearbeiteten Decken, welche bei festlichen 
Gelegenheiten als Mäntel und Nachts als Betten dienen, die netten 
Körbe und Schwingen, sowie die zierlich zugeschnitzten Kokusnuss- 
schalen. Die Fischnetze, welche von den Frauen aus Ptlanzenfasern 
mit freier Hand verfertigt werden, zeichnen sich durch Festigkeit 
und Dauerhaftigkeit aus. Eigenthümlich gearbeitet sind die Kähne 
der Poljnesier. Die kleineren einfachen Kähne sind durchgeheuds 
im Verhältniss zu ihrer Schmalheit (die Breite beträgt ott nicht 
mehr als 30 Zoll) sehr lang (oft 50 Fuss), so dass es nöthig ist, 
sie zur Vermeidung des ümschlagens mit einem sogenannten Aus- 
leger, einem parallel mit dem Kahne im Wasser schwimmenden Balken 
zu versehen. Einen viel solideren Bau zeigen die Doppelkähue ; sie 
sind in der Regel viel breiter und haben einen hohen mit Schnitze- 
reien verzierten Schnabel. Welche Mühe und welchen Zeitaufwand 
es kostete, aus einem riesigen Baumstamme mit den unvollkommenen 
Knochen- und Steinwerkzeugen, wie sie den Polynesiern zu Gebote 
standen, einen solchen Kahn zu zimmern, lässt sich leicht ermessen. 

Bei dem Mangel au einer grösseren Zahl von Nutzthieren 
war stets neben der Fischerei der Ackerbau die vornehmste Be- 
schäftigung der Polynesier, Man verwendete namentlich auf den 
Anbau der spärlichen Knollengewächse, die man besass, grosse 
Sorgfalt, indem man den Boden auflockerte und durch Abbrennen 
des Unkrautes düngte. Nirgend aber wurde dem Ackerbaue so 
grosse Sorgfalt zugewendet, wie auf Neu-Seeland , was sich sowohl 



300 

aus der gänzlichen Ärmuth des Landes an animalischer Nahrung, 
als auch dem kalten Klima leicht erklärt. 

Die Schneide -Instrumente und Waifen der Poljnesier waren 
aus hartem Holz und Fischknochen verfertigt. Nur auf Neu-Seeland 
stellte man solche auch aus Stein her. Unter den Waffen steht 
obenan die Keule, welche oft zierlich geschnitzt uud mit Haifisch- 
zälmen ausgelegt erscheint, ferner der sechs bis acht Fuss lauge 
Speer, desseu Spitze mit scharfen Fischgräten besetzt ist. 

Auf allen Inseln, mit Ausnahme Neu-Seelauds, war die Schleuder 
im Gebrauche, mit welcher man Steine von der Grösse eines Hühner- 
eies warf; dafür erscheint auf Neu-Seeland die steinerne Keule, bei 
Vornehmen aus dem prächtigen harten Grünstein gefertigt. Daneben 
kommen — aber selten — auch Bogen und Pfeil vor, und zwar 
nicht im Kriege, sondern nur bei der Jagd auf Vögel verwendet. 

In Folge des warmen Klimas und der leicliteu Bekleidung, 
sowie der insularen Lage befleissigen sich die Polynesier einer grossen 
Keinlichkeit ; man badet gewöhnlich wenigstens einmal des Tages, 
wodurch der Schweiss und das Fett, womit man den Körper einzu- 
reiben pflegt, sich nicht auf der Haut ausainmelu können. Nur 
Neu-Seeland mit seinem rauhen Klima macht davon eine Ausnahme. 
Der Neu-Seeländer zeichnet sich von den übrigen Polynesiern durch 
eine gewisse Uureinlichkeit aus und strotzt in Folge seiner aus 
Hundefelleu bereiteten Kleidungsstücke in der Regel von Ungeziefer. 

Im ehelichen Leben der Polynesier herrschte die Polygamie ; '''•) 
die Anzahl der Weiber richtete sich nach dem Vermögen und Stande 
des Mannes. Während Häuptlinge oft fünf bis sechs Weiber sich 
nahmen , musste der Arme mit einem einzigen sich begnügen. Das 
Leben der unverheiratheten Mädchen war überall ein im höchsten 
Grade zügelloses, ja unverschämtes, dagegen wurde von den ver- 
heiratheten Frauen Keuschheit uud Eingezogeniieit gefordert und in 
der Kegel auch beobachtet. — Es erscheint daher sonderbar, wenn 
auf einzelnen Inseln der Bräutigam die Jungfrauschaft seiner Braut 
nach geschlossenem Bündniss coram populo-digito admoto zu prüfen 
pflegte, wo elfjährige Mädchen öffentlich vor Aller Augen sich preis- 
gaben und in der Kunst der Venus vnigivaga gleich geriebenen 
Courtisanen Bescheid wussten! Trotz oder vielmehr in Folge dieser 
Sittenlosigkeit gab es auch unnatürliche Laster in Hülle und Fülle. 



*) Dem gegenüber soll auf den Marquesas- Inseln wegen der grossen 
Ueboizalil der Männer die Polyandrie geherrscht habf'ii. 



301 

So existirten auf Tahiti als Weiber herausstaffirte Männer, welche 
besonders von den „Vornehmen" frequentirt ^vurden, auch Onanie 
war unter den Aermeren, die sich keine AVeiber schaffen konnten, 
stark verbreitet. Es gab dort sogar eine eigene Gottheit, welche 
dem unnatürlichen Laster vorstand. 

Trotzdem kommen auch, wie sich bei der sinnlich-leidenschaft- 
lichen Anlage des pol3'nesischen Oemüthes nur erwarten lässt, auch 
Fälle wahrer Liebe und Zuneigung vor, namentlich sollen sich die 
polynesischen Frauen an euroiVäische Männer innig anschliessen und 
an denselben mit rührender Zärtlichkeit hängen. 

Ehebruch wird auf den meisten Liseln strenge geahndet, und 
auch Blutschande Avird überall — bis auf einzelne Fälle, welche der 
königlichen Familie erlaubt sind — verabscheut. Namentlich wenn 
Kinder vorhanden sind, pflegt sich das Band der Ehe immer mehr 
und mehr zu festigen. 

Es gibt jedoch zwei Fälle im ehelichen Leben der Poljne- 
sier, welche nach unseren ]5egriffen einen unauslösclibaren Fleck 
auf ihren moralischen Charakter werfen, nämlich die sogenannte 
ßlutfreundschaft, wonach zwei Männer, nachdem sie mit einander 
eine auf einem gegenseitigen Schutz- und Tiutzbünduiss beruhende 
Freundschaft geschlossen, zur Weibergemeinschaft sich verpflichten, 
und der Kindermord, der nirgends in der Welt in diesem Umfange 
und mit dieser alles moralische Anstandsgefühl empörenden Scham- 
losigkeit wie in Polynesien geübt wird. 

Die Erziehung der Kinder — wenn man die in Polynesien 
übliche also nennen kann — besteht darin, dass das Kind von den 
Eltern in den Handgriffen , welche es zur Fristung seines Daseins 
braucht, unterwiesen und mit den Sagen der Familie und des 
Stammes, sowie mit den auf Anstand bezüglichen Reden und Ge- 
bräuchen bekannt gemacht wird. Sonst werden dem Kinde alle 
Unarten nachgesehen, es wird nie ernstlich ge/.flchtigt, damit man 
nicht seinen Trieb nach Freiheit und Selbständigkeit lähme. Da 
das Kind von der frühesten Jugend an den Gesprächen der Er- 
wachsenen ungehindert zuhören und alles Thnn derselben beobachten 
kann, so wird es frühzeitig in alle Geheimnisse des geschlechtlichen 
Lebens eingeweiht, und es soll ganz gewöhnlich sein, dass Knaben 
und Mädchen gleich beim Erwachen der Geschlechtslust dieselbe ohne 
weiteres befriedigen. 

Die verwandten Familien, sowie deren Hütten und Felder sind 
in der Regel zu Dörfern vereinigt. An üer Spitze eines solciien 



302 

Dorfes steht ein Oberhaupt, welches sowohl im Frieden als auch 
im Kriege eine gewisse Autorität ausübt, aber sich durch irgend 
welche Abzeichen von den einzelnen Gemeindemitgliedern nicht 
unterscheidet. Doch tritt in der Anrede und im Gespräche dieser 
Kang-Unterschied hervor, man bedient sich dabei gewisser Phrasen 
und bestimmter Titel,*) 

Nach der alt-malayischen Staramverfassung , einer erweiterten 
Familieuverlassung, die bei allen Völkern dieser Rasse mit grösseren 
oder geringeren Modificationen wiederkehrt, sind die Gemeinden 
ursprünglich von einander unabhängig ; doch findet zu gewissen 
Zeiten eine Vereinigung mehrerer unter einem höhereu Oberhaupte 
statt, sei es, dass äussere Verhaltnisse dazu zwingen, sei es, dass 
es einem Häuptlinge mit seinem Stamme gelingt, eine gewisse 
Oberherrlichkeit an sich zu reissen. 

Die Oberhäupter entscheiden im Frieden vorkommenden Falls 
nach althergebrachten Satzungen. Dieselben beziehen sich 
auf die verschiedenartigen Vorgehen und setzen bedeutend entwickelte 
Ideen über die menschlichen Verhältnisse voraus. 

Bei wichtigen gemeinsamen Angelegenheiten, z. B. wenn Krieg 
droht, versammeln sich die Gemeinden auf einem grossen, mit Brod- 
fruchtbäumen umgebenen Platze. Dabei bilden die Familienober- 
häupter das Parlament, während die Häuptlinge und der Oberhäupt- 
ling schweigend zuhören. Eine solche Versammlung dauert oft Tag 
und Nacht, da mit den dabei geltenden Förmlichkeiten ganze Stunden 
vergeudet werden. So ist es Sitte, dass, wenn Jemand sprechen 
will, alle zur Rede berechtigten Mitglieder der Versammlung sich 
zum Worte melden, um schliesslich, indem sie aus Höflichkeit gegen 
einander auf dasselbe verzichten, es dem ersten zu überlassen. Dieser 
beginnt nun seine Rede, einen Fliegenwedel aus Haar in der Hand 
haltend und auf einen Stab oder eine Lanze gestützt, nicht mit 
einer an Alle gerichteten Ansprache, sondern mit einer speziellen 
Anrede aller Anwesenden, wobei er deren "Würden und Titel weit- 
liiutig zu erwähnen nicht vergisst. Die einzelnen Sätze werden nicht, 
wie bei uns, mit gegen Ende fallender, sondern steigender Stimme 



*) Dieser Zug ist der malayischen Rasse so ganz eigenthümlicli. In 
diesem Festhalten am Ceremonienwesen unterscheidet sich der verfeinerte 
Javane von dem naturwüchsigen Südsee-Insuhmer in gar nichts. Auf den 
Inseln der Südsee pfl>'gen nicht nur gemeine Männer im Verkehr, sondern selbst 
halberwachsene Knaben beim Spiele einander „Häuptling" zu tituliren. 



303 

gesprochen ; die letzten Worte werden überdies mit einer besonderen 
Kraft ausgestossen. *) 

Die Gesellschaft zerfallt beinahe auf allen Inseln in drei Stände, 
nämlich den Adel, das Volk und die Sclaven. Die letzteren bestehen 
durchwegs aus Kriegsgefangenen. Der Adel, der auf einzelnen 
Inseln in den höheren und den niederen (die Laudbauer, welche zu 
dem höheren Adel in einer Art Lehensverhältniss stehen) sich spaltet, 
ist der eigentliche Besitzer aller politischen Rechte und aller Macht, 
während das Volk in Abhängigkeit von demselben sich befindet. 
Bezeichnend für die Stellung des niederen Volkes zum Adel und 
namentlich zu den Häuptlingen ist es, dass ehemals auf Tonga die 
"Weiber desselben den Adeligen, bei zufälliger Begegnung, falls diesen 
das Gelüste kam, unweigerlich zu Willen sein mussten. Das Leben 
des gemeinen Mannes hatte überhaupt keinen Werth, er war zur 
Verrichtung der niedrigsten Handgriffe, Avie Feldbau, Kochen — 
Beschäftigungen, welche sonst den Weibern obliegen — verurtheilt. 

Am reinsten und ursprünglichsten hat sich die altraalayische 
Verfassung auf den beiden Ausgangspunkten polynesischer An- 
siedeluugen, nämlich auf Samoa und Tonga erhalten (namentlich 
auf der letzteren Inselgruppe), dagegen hat sie auf den übrigen 
polynesischen Niederlassungen nicht unwesentliche Abänderungen 
erlitten, worin einerseits Tahiti, Karotouga und Hawaii (mit einem 
Streben zum centralisirten Königthum) , andererseits Xeu-Seeland, 
die Paumotu-Gruppe und die Marquesas-Inseln (mit immer wachsen- 
der Tendenz der Isolirungj unter einander übereinstimmen. Indem 
aber gerade die Kenntniss der Verfassungen auf Samoa und Tonga 
für die Beurtheilung der altmalayischen Zustände von der höchsten 
Wichtigkeit ist, können wir nicht umhin, auf die ausführliche 
Schilderung derselben bei Waitz, Anthropologie der Naturvölker, VI, 
165 — 185, hier ausdrücklich zu verweisen. 

Höchst merkwürdig erscheint die Sitte auf Tahiti, dass nach 
der Geburt des Thronfolgers die königliche Würde auf diesen über- 
ging: der regierende König wurde von da an gleichsam nur als 
Verwalter der königlichen Macht angesehen. Es ist wahrscheinlich, 
dass — nach Gerland's Erklärung (Waitz, Anthropologie der Natur- 
völker, VI, 191) die Idee des höheren Adels, da der Sohn um 



*) Auch die Battak auf Sumatra pflegen ihre Keden förmlich heraus- 
zuschreien. 



304 

eineil eilauchten Ahnen mehr zählte als der Vater, bei dieser 
sonderbaren Sitte massgebend war. 

Vermöge der auf der Familie begründeten Gesellschaftsform 
der Polynesier waren bei Vergehen eines Einzelnen in der Kegel die 
Mitglieder seiner Familie haftbar. Man nahm in Fällen, die sich 
auf gütlichem Wege durch Intervention des Häuptlings nicht 
schlichten Hessen, 7Air Selbstjustiz seine Zuflucht, unbekümmert 
darum, ob man damit den Schuldigen oder den Unschuldigen traf. 
Merkwürdiger Weise erscheinen gerade dort, wo die alte Familieu- 
verfassung zum reinsten Despotismus sich umgewandelt hatte, 
nämlich auf Hawaii, die alten Eechtsgewohuten am vollständigsten 
entwickelt. Das dort geltende mündliche Gewohnheitsrecht, welches 
selbst für den Despoten von bindender Kraft war, bezog sich auf alle 
Verhältnisse des öffentlichen und Privatlebens und Avurde vom Könige 
selbst gehandhabt. 

Krankheiten, besonders schwere, werden dem Zorne der Götter 
zugeschrieben , und man wendet dabei das Mittel an , den Priester 
zu befragen, was zu geschehen habe. Dieser bestimmt nun entweder 
alsogleich ein Geschenk für die erzürnte Gottheit, oder fordert die 
Mitglieder der Familie des Kranken zur Beichte auf, um zu sehen, 
ob nicht ein Tapu verletzt worden , oder der Gott sonst irgendwie 
zum Zorn gereizt worden sei. 

Gegen mehrere Krankheiten werden bestimmte, theils äussere, 
theils innere Mittel angewendet , so gegen Vergiftungen , gegen 
Entzündungen u. a. Beliebt sind das Kneten und Einreiben des 
Körpers mit Gel; doch kommen auch sympathetische Mittel, die 
man dem Kranken in einem Säckchen um den Hals hängt, zur Ver- 
wendung. Wunden werden gereinigt und mit Blättern verbunden, 
Ott auch mit dem Bauche der Kokosnuss ausgeräuchert. Geschwüre 
werden mit einer scharfen Muschel oder mit einem Haifischzahn 
aufgeritzt; bei Verwundungen durch Waffen, wobei ein Stück der- 
selben im Fleische stecken geblieben, führt man einen Schnitt von 
der entgegengesetzten Seite und stösst den in der Wunde stecken- 
den Körper heraus. 

War auf Samoa irgendwo ein Todesfall vorgekommen, so 
pflegten die Einwohner des Hauses während des Tages zu fasten 
und nur des Nachts ausser dem Hause Speise und Trank zu sich 
zu nehmen; man hütete sich auch den Körper des Todten zu be- 
rühren, da man sonst einer fünftägigen Keiuigung mit heissem 
Wasser au Gesicht und Händen sich unterziehen musste. Diejenigen, 



305 

welclio den Lcicliiuun berührt hatten, durften nicht selbst essen, 
sondern mussten gefüttert werden, da man fürchtete, ilinen würden 
bei Berührung der Speisen Haare und Zähne ausfallen. 

Die Todten wurden mit Oel gesalbt und in Tücher eingehüllt. 
Die armen Leute w'urden einfach in die Erde gelegt, die Kelchen 
dagegen pflegte man in einen kahnförmigen Sarg oder in einen 
alten Kahn selbst zu legen und mit dem Haupte nach Osten in der 
Nähe der Wohnung zu begraben. Auf das Grab wurden Steine 
haufenförmig zusammengetragen. Ringsum wurden in der Regel 
einige Bäume gepflanzt. 

Der Todte wurde von den Angehörigen und Freunden be- 
trauert, und zwar richtete sich das Mass der Trauer nach der Stel- 
lung, die der Verstorbene im Leben eingenommen. Namentlich 
bei Königen war die Trauer gross und allgemein. 

Auf Neu -Seeland wurden die Leichen etwa in einem Jahre 
wieder ausgegraben und gereinigt (und dies oft zweimal), um dann 
unter neuen Ceremonien aufs neue beigesetzt zu werden. Auf 
Samoa soll ehemals auch die abscheuliche Sitte existirt haben, die 
Leichen über der Erde faulen zu lassen. Sobald sie aufgeschwollen 
waren, bohrten die Verwandten ein Loch in den Bauch, saugten 
denselben aus und spieen das Ausgesogene in eine Schüssel. 

Die Seelen der Verstorbenen*) gelangen nach einem all- 
gemein in Polynesien geltenden Glauben an einen eigenen Aufent- 
haltsort, wo sie das hienieden beschlossene Leben fortsetzen. Sie 
können von dort zeitweilig die Oberwelt besuchen , wo sie während 
des Tages in der Regel als Thiere, während des Nachts als ver- 
schiedenartig gestaltete Gespenster erscheinen und auf die Schick- 
sale der Menschen bedeutenden Einfluss ausüljen können. Der Sitz 
der abgeschiedenen Seelen, in der Unterwelt gedacht, war Anfangs 
von dem Sitze der Götter, die ober der Erde wohnend vorgestellt 
wurden, ganz verschieden; erst später machte sich hie und da eine 
Vermischung nicht nur der beiderseitigen Wohnsitze, sondern auch 
der beiden Welten geltend. 

Die Religion der Polynesier besteht in der Verehrung be- 
stimmter Gottheiten, theils allgemeiner, theiis localer Natur. — 
Ihre Anzahl ist sehr gross und hat frühzeitig zur Schöpfung eines 



*) Doch grösstentheils blos der Edlen, da nach dem Ghiubeii der Poly- 
nesier nur diese eine individuelle Seele haben, das gemeine Voik dagegen sich 
in diesem Punkte von den Thieren nicht wesentlich unterscheidet. 

U aller, Allg. Ethnographia. 20 



306 

Sageiicyclus geführt, der, was poetische Kraft imd Tiefe der Auf- 
fassung auhelangt, sich kühn mit den Sagenkreisen mancher Cultur- 
Yölker messen kann. Nicht nur die metaphysischen Probleme über der 
Welt und des Menschen Entstehung werden darin behandelt, sondern 
auch manche die Verbreitung und älteste Geschichte der Polynesier 
betreffenden Facta im mythischen Gewände vorgeführt. 

Ein Ausfluss des religiösen Glaubens der Polynesier ist das 
Tapu (Tabu). Das Wort bedeutet soviel wie „Merkmal, Zeichen", 
und sagt aus, dass ein Ding, welches tapu ist, als ein von den 
Geistern in Besitz genommenes und bewachtes betrachtet wer- 
den muss. Nicht nur verschiedene äussere Gegenstände können 
tapu sein, sondern auch der menschliche Körper selbst, oder einzelne 
Theile desselben. So sind z. B. auf Neu-Seeland der Kopf und das 
Wirbelbein des ]\rannes tapu , und er darf in Folge dessen keine 
Last auf dem Rücken tragen , da diese dadurch selbst tapu und in 
Folge dessen für den täglichen Gebrauch unbrauchbar würde. Die 
Verletzung des Tapu wird von den Göttern hart bestraft ; daher ist 
der Polynesier stets darauf bedacht, dass das Tapu nicht verletzt, 
d. h. der geweihte Gegenstand mit nichts Unreinem in Berührung 
gebracht werde. 

Die Tapu -Gesetze finden sich auf allen polynesischen Inseln 
mehr oder weniger entwickelt vor, sie illustriren so recht den Zu- 
sammenhang, dieser Stämme mit einander und lassen auf einen 
ungewöhnlichen Grad des religiösen Bewusstseins derselben vor 
ihrer Trennung schliessen. 

Ein wesentlicher Punkt, welcher die Polynesier ethnologisch 
charakterisirt , ist der Cannibalismus. Wenngleich dieser un- 
menschliche Gebrauch bei mehreren Rassen wiederkehrt und von 
Haus aus der ganzen malayischen Rasse eigenthümlich zukam, so 
findet er sich dennoch selten in dieser Ausdehnung und alles mora- 
lische Gefühl empörenden Roheit wie in Polynesien. Doch hat (zur 
Ehre der auch im Polynesier schlummernden Menschlichkeit) diese 
Sitte einen religiösen Hintergrund, wie namentlich die auf Neu-See- 
land bei den Cannibalenfesten herrschenden Gebräuche, sowie der 
Umstand, dass nicht Alle ausnahmslos vom Menschenfleische geniessen 
durften, deutlich beweisen. 

Bezeichnend für das moralische Gefühl der Polynesier ist es, 
dass bei ihnen Diel)stahl und Lüge., sofern sie an Fremden be- 
gangen wurden, nicht für Vergehen angesehen werden. Im Ganzen 
ist der Hang zu Diebereien nirgends so wie hier entwickelt und 



307 

die Geschicklichkeit, mit welcher dieselben ausgeführt werden, bei- 
nahe bewunderungswürdig. 

Eine Folge jener heiteren, sorglosen Stimmung, die bei den 
Polynesiern vorherrscht, ist ihre Gastfreundschaft; doch hat sie sich 
meistens in Folge des bösen f]influsses der Europäer in das Gegen- 
theil verkehrt. Gleich den meisten Naturvölkern, sind auch die Poly- 
uesier von einem gewissen Stolze erfüllt, und haben für Beleidigungen, 
die man ihnen angethau, ein treues Gedächtniss. Sie sind tapfer und 
unternehmungslustig , aber in Folge ihrer sinnlichen , heiteren Ge- 
müthsstimmung in hohem Grade der Wollust ergeben. Es gibt keine 
Rasse, welche in diesem Punkte den Polynesiern an die Seite ge- 
stellt werden könnte, namentlich auf Tahiti scheint die Unzucht den 
Gipfelpunkt erreicht zu haben, den zu erreichen menschlicher Begierde 
überhaupt möglich ist.*) In intellectueller Beziehung stehen die 
Polynesier ziemlich hoch und überragen hierin manche andere Rassen. 
Wenn sie es auch nicht factisch zu einer besonders hohen Cultur- 
stufe gebracht haben, so muss man einerseits die geringe Anzahl 
der Nutzthiere und Nutzpflanzen in Anschlag bringen, welche sie 
aus ihrer alten Heimath auf die Inseln mitgebracht haben, anderer- 
seits die isolirte Lage derselben nicht übersehen. Und gerade jener 
Stamm, der von allen polynesischen Stämmen am stiefmütterlichsten 
bedacht \var, nämlich der Stamm der Maori, hat es zu nicht ganz 
unbedeutender Culturentwicklung gebracht und sich in neuester Zeit 
in seinen einzelnen Individuen als nicht bildungsunfähig erwiesen, 
ein Beweis, dass aus dem Polynesier mehr geworden wäre, wenn 
ihn die Natur nicht so lieblos verlassen und gleich einem ver- 
lorenen Kinde in zartester Jugend im uuermesslichen Ocean aus- 
gesetzt hätte. 

2. Melanesier. 

Die Kleidung der Melanesier ist in der Regel noch einfacher 
als die der Polynesier und erinnert vielfach an die der Papua's. 
Man bedeckt blos die Scham und lässt den übrigen Körper ganz 
unbekleidet, der auf vielen Inseln tätowirt,**) überall aber bemalt 
wird. Dem krausen, abstehenden Haar wendet man eine besondere 

*) Ueber den hauptsächlichsten Grund dazu vgl. bei Waitz, Anthropologie 
der Naturvölker, V, 2. S. 17. 

**) Die Tätowirung besteht in der Regel in Linien und wird mittelst 
einer scharfen Muschel eingeritzt, ist also mehr papuanisch als malayisch. 
(Vergl. Waitz. Anthropologie der Naturvölker, VI, 572, und besonders 574 ff.) 

20* 



308 

Sorgfalt zu und durchbohrt den Nasenknorpel, um einen Zierrath 
durchzustecken , Züge , die ganz an die bei den Papuas herrschende 
Sitte erinnern. 

Auch der Sitte der Beschneidung begegnet man in Melanesien 
öfter. Dieselbe besteht, wie bei den Polyuesieru, im Aufschlitzen 
eines Theiles der Vorhaut, die über der Eichel zugebunden wird. 
In der Regel wird der ganze Penis eraporgezogen und an dem um 
den Leib geschlungenen Gürtel befestigt. 

Merkwürdig vom ethnologischen Staudpunkte und die Stellung 
dieser Völker illustrirend ist die Thatsache, dass nur die Viti's an 
dem den Polyuesiern eigenthümlicheu Gebrauche des Kava-Trinkens 
theilnehmen, während dagegen ihre westlichen Verwandten, denen 
der Genuss des Kava unbekannt ist, des Tabaks, gleich den Malayen, 
als Reizmittel sich bedienen. Offenbar haben die Viti's die Sitte 
des Kava-Trinkens von den Polynesiern angenommen, wie denn auch 
die Ceremonien bei der Bereitung und dem Genüsse des Trankes, so- 
wie die Formen der Gefässe den polynesischen Ursprung an sich tragen. 

Die Nahrungsmittel der Melanesier sind mit jenen der Poly- 
nesier identisch , und zwar bestehen die animalischen aus dem 
Fleische der ihnen bekannten Hausthiere, des Schweines, des Hulmes 
und des Hundes, die vegetabilischen aus den bei ihnen gezogenen 
Pflanzen, der Brodfrucht, dem Taro, Yams, den Bataten (süssen 
Kartoffeln) u. a. *) Die Speisen nverdeu ebenso wie in Polynesien 
in Gruben auf erhitzten Steinen gar gemacht; seltener bedient man 
sich roh gearbeiteter irdener Töpfe. 

Bei dem Umstände, dass der Boden in der Regel fruchtbar ist 
und mehrere Nutzpflanzen vorhanden sind, steht der Ackerbau bei 
den Melanesiern auf einer ziemlich hohen Stufe der Entwicklung, 
insoferne dies der Mangel grösserer Nutzthiere nämlich gestattet. 

In Bezug auf den Hausbau schliessen sich die Viti's grössten- 
tlieils an ihre östlichen Nachbarn, die Polynesier, an. Die bei ihnen 
gebräuchliche Form der Hütten ist der auf Tonga vorkommenden 
ganz ähnlich. Die Mitte erhebt sich auf starken Pfeilern, wäinend 
die Seiten bedeutend abfallen. Die Wände bestehen aus Rohr- 
geflecht. In Folge dieser Bauart ist die Thür klein und niedrig, 
und kann das Innere nur in gebückter oder kriechender Stellung 



*) InNeu-Caledonien, wo es gleichwie aut'Neu-Seeland keine einheimischen 
Nutzthiere gab, war man wie dort ausschliesslich auf vegetabilische Nahrung 
angewiesen. 



309 

betreten werden. Auf anderen Inseln sind die Hütten ärmlicher 
und kleiner, am scliiecbtesteu wohl in Neu-Caledonien, das hier 
dieselbe Stellung einnimmt wie Neu-Seeland in Polynesien. 

Auch in Bezug auf den Schiffbau schliessen sich die V^iti's an 
ihre östlichen Machbarn au. Ihre Kähne, den polyuesischeu ähnlich, 
zeichnen sich vor diesen in manchen Punkten sogar aus. Gleich 
den Pülynesiern sind auch die Viti-Insulaner gute Seeleute und tüch- 
tige Taucher, während die übrigen Melanesier ein der Seefahrt 
entschieden abholder Stamm sind. 

Ein charakteristisches Merkmal, wodurch sich sämmtliche 
Melanesier von den Polynesiern unterscheiden , ist die Kunst der 
Töpferei. Man verfertigt, und zwar wieder am vorzüglichsten auf 
den Viti-Inseln, mit freier Hand ohne Drehscheibe Töpfe und andere 
Gefässe aus einem blauen Thou, der mit Sand vermengt und dann 
mit Harz bestrichen Avird, wodurch, nachdem das Gefäss im Feuer 
gebrannt worden, eine Art von Glasur sich bildet. Diese Gefässe 
sind weitbauchig, mit einer engen Mundöffuung und mit ver- 
schiedenartigen Ornamenten , grösstentheils Zickzacklinien , verziert. 

Die Werkzeuggeräthe und Waffen sind, wie bei den Poly- 
nesiern, aus harten Holzgattuugeu, Stein und Knochen gearbeitet. 
Unter den Waffen stehen obenan die Keule, der Speer, die Schleu- 
der, Bogen und Pfeil. Namentlich der Gebrauch von Bogen und 
Pfeil ist über ganz Melanesien verbreitet, während man bekanntlich 
in Polynesien dieser Waffe nur in seltenen Fällen, und da nur als 
Jagdgeräth, begegnet. Es verhalten sich in diesem Punkte die 
Melanesier zu den Polynesiern geradeso, wie die Hottentoten zu den 
Kaffern (vgl. S. 75, 157). 

Eine echt papuanische Sitte, der wir unter den Melanesiern 
öfter begegnen, ist das Vergiften der Waffen, speciell der Pfeile. 

Jn Betreff der Ehe herrscht bei den Melanesiern, wie in Poly- 
nesien, zwar die Polygamie , doch wird sie bei den weniger sinn- 
lichen Anlagen derselben nicht in so ausgedehnter Weise wie dort 
geübt. Im Ganzen ist die Eingezogenheit des weiblichen Geschlechts, 
sowohl vor als nach der Heirath , in Melanesien eine bedeutend 
grössere als in Polynesien ; solche grobe sinnliche Ausschweifungen, 
wie sie an letzterem Orte geübt werden, lassen sich in Melanesien" 
nicht nachweisen. Namentlich bei den Viti's dürfen die Jünglinge 
vor dem 18. bis 20. Jahre einem Weibe nicht beiwohnen, da man glaubt, 
man müsse sterben, wenn man frühzeitig, bevor einem der Bart ge- 
wachsen ist, die Begattung vollzieht. Freilich haben sich heut zu Tage 



310 

durch den Eiafluss der Europäer diese Zustände zwar -wesentlich 
geändert, trotzdem sollen aber unnatürliche Laster, welche in Poly- 
nesien so sehr verbreitet sind, unter den Melanesiern nicht vor- 
kommen. Dagegen findet sich überall, mit Ausnahme der Viti- • 
Inseln , die polynesische Sitte des Namentausches und der Blut- 
verwandtschaft, welche wir oben besprochen haben. 

Gegenüber diesen Lichtseiten , wie sie namentlich auf Viti 
vortheilhaft hervortreten, bietet das Familienleben manche Schatten- 
seiten dar. So dürfen nach den strengen Tapu-Gesetzen Mann und 
Weib weder zusammen essen, noch zusammen schlafen. Der Mann 
kommt in der Regel Morgens zu seiner Familie, um Abeuds wieder 
in das Gemeindehaus, wo die Männer schlafen, zurückzukehren. Selbst 
die ehelichen Pflichten erfüllt er weit weg vom Hause in der Ein- 
samkeit des Waldes. 

Der Kindesmord, welcher in Polynesien so verbreitet ist, findet 
sich in demselben, vielleicht in noch grösserem Umfange in Mela- 
nesien wieder. Besonders weibliche Kinder werden von diesem 
harten Schicksale betroffen. Man tödtet das Kind unmittelbar nach 
der Geburt, und zwar gibt es Leute, welche aus diesem Verbrechen 
ein Geschäft machen und in den Dörfern umherziehen. Hat das 
Kind aber nur einen Tag gelebt, so bleibt es am Leben und wird 
dann mit einer gewissen Liebe und Zärtlichkeit behandelt. Auch 
künstlicher Abortus, theils durch mechanische Mittel, theils durch 
bestimmte Arzneien bewirkt, soll häufig geübt werden. 

Doch wird die Sitte des Kindesmordes bei den Melanesiern 
durch eine andere abscheulichere Sitte noch bedeutend überboten, 
nämlich das Tödten jener Personen, welche durch Alter oder Krank- 
heit für die Gesellschaft nutzlos geworden sind. Diese Sitte ist 
mit dem Denken und Fühlen dieses Volks innig verwachsen und 
wird von den Betreffenden als eine Wohltbat angesehen, so dass 
diese selbst, gegenüber den Einwendungen europäischer Missionäre, 
auf die Ausübung derselben dringen. Mit welcher eisigen Gleich- 
giltigkeit mau sich in diese Sitte hineinfindet, beweist der Umstand, 
dass auf Viti jeder Mann, der sich tödten lassen will, vorher ein 
Abschiedsfest feiert, darauf selbst sein Grab gräbt, und nachdem er 
nochmal feierlich Abschied genommen , sich tödten lässt. Auch 
der grausame Brauch, dass die Frau dem Manne in den Tod nach- 
folgt, ist hier sehr verbreitet, und wird ein solch gewaltsamer Tod 
von den Weibern selbst als eine ihnen gebührende Ehre in Anspruch 
genommen. Eine Erklärung aller dieser grausamen Bräuche dürfte 



vielleicht iu dem Glaubcü liegen, welcher hier allgemein verbreitet 
ist , dass das künftige Leben eine unmittelbare Fortsetzung des 
jetzigen sei und man in demselben Zustande, in welchem man das 
letztere verlassen, das erstere antreten müsse. Der Cannibalismus, 
der , wie wir oben bemerkt haben , in Polynesien in hoher Blüte 
steht, wird auch iu Melanesien und zwar am wildesten im Osten, 
an der Grenze Polynesiens, auf den Viti-Inselu, geübt. Nicht nur 
die im Kriege Gefallenen und die gefangenen Feinde wurden stets auf- 
gefressen, sondern auch jedes wichtige Werk im Frieden, z. B. die 
Errichtung eines Tempels, der Bau eines Schiffes, die Keise eines 
Fürsten, wurden mit einem Menschenfrass eröffnet. Man nahm dazu 
entweder Kriegsgefangene, oder in Ermangelung derselben das erste 
beste Individuum aus dem gemeinen Volke. Älerkwürdig ist, dass man 
überall, wo der Cannibalismus geübt wurde, die Schamtheile des 
Opfers, als das edelste Stück des Ganzen, dem Könige vorsetzte. 
Uebrigens hatte diese grausame Sitte, wie auch bei den Polynesiern 
namentlich aus den auf Neu- Seeland dabei geltenden Gebräuchen 
hervorgeht,*) einen religiösen Hintergrund, da die Weiber, sowie das 
gemeine Volk sammt den Sclaven von dem Genüsse des Menschen- 
fleisches ausgeschlossen waren und die bei einem solchen Mahle 
in Gebrauch gewesenen Geräthe sämmtlich für tapu galten. 

Die Verfassung der melanesischen Stämme entspricht im 
Ganzen der im westlichen Polynesien geltenden. Der Häuptling, 
der vor den anderen Genossen sich selten durch etwas anderes als 
eine andere Kopffrisur unterscheidet, hat nur in soweit eine gewisse 
Macht iu Händen, als er entweder durch Tapferkeit oder Keichthum 
ein höheres Ansehen sich zu geben vermag. An einzelnen Stellen 
ist es wohl manchen Fürsten gelungen eine Art Feudalherr:jchaft 
zu begründen. Dieselben werden zwar von den ßeisenden „Könige" 
genannt; sie können aber höchstens als Ober-Häuptlinge bezeichnet 
werden , denn jene despotische Verfassung, wie sie namentlich auf 
den Sandwich- Inseln uns entgegentritt, kommt in dieser Gestalt 
unter den Melanesiern nirgends vor. 

Das Volk selbst bildet einen einheitlichen Stand (anders als 
in Polynesien), welcher dem Fürsten gegenüber steht. Die Sclaven, 
welche als dritter Stand angesehen werden können, sind in der 



*) Vergl, Reise der Fregatte Novara, Anthropologischer Theil, III. Ab- 
theilung, Ethiiogrnphie, Wien 1868, 4", S. 53. 



312 

Kegel Kriegsgefaugeue und erfreuen sich im Ganzen keiner schlech- 
ten Behandlung. 

Krankheiteü werden wie überall bei den Naturvölkern für 
Einwirkungen böser Geister angesehen und durch Zauberformeln, 
Araulete und andere Hexenmittel geheilt. In einzelnen Fällen wendet 
man jedoch wirkliche Heilmittel an , namentlich bei äusserlichen 
Krankheiten. Die Bestattuugsart der Todteu ist mannigfaltig : die 
Leichen werden theiis begraben, theils ober der Erde auf Gerüsten 
der Fäulniss ausgesetzt. 

Ueber die religiösen Ideen und Sagen der Melanesier ist uns 
wenig Sicheres bekannt; aus demselben geht aber deutlicli hervor, 
dass die Religion der Melanesier mit jener der Polynesier im tief- 
sten Grunde zusammenhängt, wenn sie auch einerseits sich nicht zu 
jener Tiefe und Mannigfaltigkeit entwickelt hat wie die polynesische, 
andererseits auch nicht zu jener Klarheit durchgedrungen ist. UeberaU 
finden wir Tempel und eine dem Dienste der Gottheit sich wid- 
mende Priesterciasse. Merkwürdig ist nur dies, dass überall bei 
den Melanesiern die Tempel zugleich Gemeindehäuser sind und als 
8chlafraum für die Männer, namentlich aber für fremde Reisende 
benutzt werden. 

Die Tapu- Gesetze, welche in Polynesien, sowohl im öifent- 
lichen , als auch im privaten Leben , eine so grosse Rolle spielen, 
finden sich auch in Melanesien in derselben Strenge wieder, nament- 
lich an der Grenze Polynesiens, auf den Yiti-Inseln. 

Was den moralischen Charakter der Melanesier anbelangt, so 
werden sie allgemein als diebisch und im höchsten Grade lügnerisch 
geschildert. Ihre Begehrlichkeit und Habsucht scheut selbst vor 
einem offenen Morde nicht zurück. Ohne tapfer zu sein, sind sie 
ungemein blutdürstig. Bei einer Leichtgläubigkeit , die sie alles 
Unsinnige mit dem grössten Vertrauen glauben lässt, sind sie den- 
noch gegen die Fremden, namentlich die Weissen, von dem grössten 
Skepticismus erfüllt. Gleich dem Neger sind sie von einem un- 
begränzten Hochmutlie eingenommen; sie können, wenn ihr Stolz ver- 
letzt worden , in eine förmliche Raserei gerathen , die sie oft zum 
Selbstmorde treibt. Sie sind ungemein rachsüchtig; Beleidigungen 
werden von ihnen nie vergessen. 

Diesen Zügen gegenüber, welche ein abschreckendes Bild der 
Gemüthsrohheit und Wildheit der Melanesier geben, stehen* wieder 
andere Züge, welelie ihre intelloctuelle Begabung und Bildung als 



313 

nicht uubedeutend erscheinen lassen. Der grossen technischen Fer- 
ligkeiten, welche in den (jleriltheu der Melauesier überall hervortreten, 
haben wir schon oben Erwägung gethan ; in Bezug auf den Handel 
sind die Melauesier ihren östlichen Nachbarn, den Polynesieru, ent- 
schieden überlegen und bilden auch so den Uebergaug zu der west- 
lichen Gruppe dieser Kasse, den Malayen. 

Von einem bedeutenden Culturfortschritte der Melauesier zeugt 
auch die bei ihnen geltende Zeitrechnuug; sie beruht auf der Be- 
obachtung des Mondes uud der damit in Zusammeuhaiig stehenden 
Erscheinung der Ebbe und Fluth. Wie alle Völker, welche nach 
dem Mondlauf ihre Zeiteintheiluug einrichten , rechnen auch die 
Melanesier nicht nach Tagen, sondern nach Nächten. 

Das Zahlensystem der Melanesier scheint ursprünglich , wie 
das der Australier und Papuas nicht über Drei hinausgereicht zu 
haben (was unter anderem durch das Glossar bei Earl, The native 
races of the Indian archipelago, bestätigt wird) ; erst durch polyne- 
sischeu Einfluss erweiterte sich dasselbe zu jenem Umfange, in 
welchem es uns heut zu Tage entgegentritt. (Vgl. Waitz, Anthro- 
pologie der Naturvölker, VJ, 619 ff".) 

3. Malayen. 
a. D a j a k s. *) 

Die Kleidung der Männer besteht aus einem 4 bis 5 Ellen 
langen , zwischen den Beinen durchgezogenen und dann mehrere 
^lale um die Mitte gewundenen Tuche , dessen Enden vorne und 
hinten herabhängen. Die Frauen tragen ein kurzes, eng anliegen- 
des Kleid. In einigen Gegenden werden überdies kurze Jacken 
von gefärbter Baumrinde oder Stoflfen mit schönen Mustern getragen, 
welche bei den Männern ohne Aermel, bei den Frauen dagegen mit 
Aermeln versehen sind. Als Schmuckgegenstände trägt man Arm- 
und Beinringe von Elfenbein, Holz oder Metall, ferner Ohrgehänge 
von verschiedener Gestalt. Zum Schutze gegen Sonne und Regen, so- 
wie bei Feldarbeiten trägt man grosse buntbemalte Hüte, üebrigens 
trägt jeder Krieger einen Talisman, bestehend aus Zähnen wilder 

*) Kessel, Oscar von, Ueber die Volksstämme Borneo's (Zeitschrift 
für Erdkunde der Gesellschaft in Berlin, Neue Folge III, (1857), S. 377 ff. 
Buddingh, S. A., Neerlands-Oost-Indie. Reizen 1852—1857. Rotterdam 
1859—1861, 8", 3 voll. Perelaer, M. T. H. , Ethnographische beschrijving 
der Dajaks. Zalt-Bonimel 1870, 8". 



314 

Thiere , Holzstückchen , Steinchen und anderem Material entweder 
am Gürtel oder am Griffe des Schwertes mit sich, der beim Dayak 
dieselbe Rolle spielt wie der Medicinsack beim Indianer Nord- 
amerikas. 

Die Wobnungen der Dayak ruhen auf Pfählen und sind durch- 
weg aus Holz aufgebaut. In Betreff der Form besteht aber in- 
sofern ein grosser Unterschied, als im Nordwesten und in den mittleren 
Theilen Borneo's die Häuser kleinen Hütten gleichen, die auf 8 bis 
10 Fuss hohen Pfählen stehen und nur von zwei bis drei Familien 
bewohnt werden, während in Süd- und Ost-Borneo die Häuser 200 
bis 250 Fuss lang sind, auf einigen hundert 20 Fuss hohen Pfählen 
von Eisenholz ruhen und über ein halbes hundert Familien um- 
fassen. Die letzteren Häuser sind in 2 Hälften abgetheilt, deren 
eine als gemeinsamer Versammlungsraum dient, die andere in ebenso 
viele Zellen zerfällt , als Familien vorhanden sind. In jeder Zelle 
befindet sich ein Kochherd. Das Haus hat zwei Thüren, zu welchen 
Balken, die mit Einschnitten versehen sind, hinaufführen. In jedem 
Dorfe finden sich Gemeindehäuser, in welchen die erbeuteten Feindes- 
schädel aufgehangen werden und wo die jungen unverheiratheten 
Männer schlafen. Diese Häuser sind bedeutend höher als die ge- 
wöhnlichen Wohnhäuser; sie ruhen auf 25 Fuss hohen Pfählen. 

Die Nahrung der Dayak besteht vorwiegend aus gekochtem 
Reis, der mit grosser Sorgfalt angebaut wird. Unter den nordwest- 
lichen Stämmen besteht eine Art siebenjähriger Brachfeldwirthschaft, 
insofern als man erst im achten Jahr wieder dasselbe Feld anbaut 
und das inzwischen gewachsene Unkraut, welches verbrannt wird, als 
Dünger verwendet. Diese Art von Wirthschaft zwingt auch die 
betreffenden Stämme zu fortwährender Wanderung, da sie ihre 
kleinen Hütten immer in der Nähe ihrer Felder haben wollen. 
Von Hausthieren werden nur Schweine, Hunde und Hühner gehal- 
ten , ihr Fleisch wird aber, sowie jenes der Affen und Krokodille 
nur bei festlichen Gelegenheiten gegessen. 

Die Verfassung der Dayak ist mit jener der anderen malayi- 
schen Völker identisch. Die Stämme, welche von einander un- 
abhängig sind, haben je einen Häuptling an ihrer Spitze. Die Würde 
ist theils erblich, theils wird sie durch Stimmenmehrheit der Stamm- 
mitglieder an eine durch grösseres Besitzthum einflussreiche Person 
übertragen. Doch ist die factische Gewalt der Häuptlinge un- 
bedeutend, da alle wichtigen Geschäfte und Unternelimuugen durch 



315 

die Volksversamnihing entschieden werden, liecht wird nach den 
bestehenden traditionellen Gesetzen (hadat) gesprochen. 

Die Dayak sind ein kriegerisches, wenn auch nicht besonders 
tapferes Volk, was schon ans der Ausrüstung der Krieger, welche 
nach den einzelnen Gegenden verschieden ist, sich erkennen lässt. 
Dieselbe besteht im Ganzen aus einem Helme, einem Halsband aus 
Zähnen wilder Thiere, einem aus Leoparden- oder Bärenfell, Baum- 
rinde oder geflochtenen Schnüren verfertigten Panzer, einem Schild 
aus Baumrinde oder Holz, der in der Regel mit grotesken Malereien 
versehen ist. Arm- oft auch Beinringeu, einem Schwert, einer 5 bis 
6 Fuss langen Wurfstange mit Widerhaken und anderen Stücken, 
die theils zum Aufputz, theils zum Angriif und zur Vertheidigung 
(z. B. das Blasrohr, Bogen, Pfeil) dienen. Die Spitzen der kleinen 
Pfeile, die mittelst des Blasrohres abgeschossen werden, sind mit 
Gift (Upas) bestrichen. 

Den häutigsten Anlass zu den Kriegen, in denen die Stämme 
der Dayak beinahe unaufhörlich leben , bietet die bei ihnen all- 
gemein verbreitete Sitte des Kopferbeutens (Menayau). Dieselbe 
wird theils aus religiösen (um ein Opfer für einen Verstorbenen zu 
bereiten) , theils ans kriegerischen Motiven (um sich eine Kriegs- 
trophäe zu erwerben) geübt. — Dieses Köpfeerbeuten besteht aber 
nicht in einem offenen Kampfe, sondern in einem aus dem Hinter- 
halte unternommenen Meuchelmorde. Der des Kopfes beraubte 
Leichnam (ganz gleichgiltig , ob Mann, Weib, Kind) wird zurück- 
gelassen und der Kopf von dem auf seineu Muth stolzen Krieger, 
in dem mit Feindeshaaren geschmückten tornisterartigen Körbchen 
aus Bambus im Triumphe nach Hause getragen. Das glückliche 
Ueberbriugen des Kopfes nach Hause gilt für ein grosses Fest, 
welches von den Dorfbewohnern mit einem Schmause, wobei mehrere 
Schweine geschlachtet werden, gefeiert wird. In einzelnen Gegen- 
den werden die Stirnhaut und das Herz des Erschlagenen gekocht 
und den Knaben zu essen gegeben , um sie dadurch muthig und 
tapfer zu maclien. Der Sieger, der den Kopf glücklich nach Hause 
gebraclit, darf eine Trophäe vor seinem Hause aufrichten und eine 
Schwanzfeder des Vogels Angang auf dem Kopfe tragen. Die Zahl 
dieser Schwanzfedern zeigt die Zahl der erbeuteten Köpfe au. 

Zu den Vertheidigungsmitteln , womit die Dayak ihre Dörfer 
gegen die Angriffe ihrer Feinde zu befestigen trachten, gehören die 
auf den Sunda-Inseln allgemein ver])reiteten kleinen Bambuspfähle 
(Ranju), welche im hohen Grase in kleinen Abständen von einander 



316 

verborgen Averden. Der Feind ist dadnrch gezwungen äusserst 
langsam vorzurücken und kann dem eigentlichen Angriffe nicht jene 
Aufmerksamkeit schenken, während der Vertheidiger ihm wirksamer 
entgegenzutreten vermag. 

Unter den Beschäftigungen ist bei den Männern das Schmiede- 
handwerk besonders beliebt. Die Dayak sind in der Kegel aus- 
gezeichnete Schmiede, welche mit ihren imvollkommenen Werkzeugen 
besonders gute Schwerter verfertigen. Die von ihnen gearbeiteten 
Klingen sollen sehr hart und dennoch sehr elastisch sein; man kann 
mit ihnen, ohne die Schneide zu verletzen, einen eisernen Nagel 
von massiger Stärke durchschlagen. Sie graben und schmelzen das 
Eisen selbst, aus dem sie nebst ihren Waffen noch Ketten, liiuge 
und andere Artikel verfertigen. 

Trotz dem lieichthum Borneo's an verschiedenem Wild, sind 
die Dayak keine passiouirteu Jäger. Sie tödten das Wild lieber 
durch sogenannte Selbstschüsse (Lanting), welche aus einem horizontal 
zumckgebogenen Aste mit einem an der Spitze desselben im rechten 
Winkel befestigten zugeschärften Pflocke aus Bambus bestehen. 

Wie bei den meisten wilden Stämmen der malayischen 
Rasse, werden auch bei den Dayak die Frauen von ihren Männern 
gut behandelt. Doch ruht der grösste Theil der häuslichen Arbeiten 
auf ihnen; nicht nur dass sie beim Feldbau tüchtig mithelfen 
müssen, haben sie die Bereitung und Verfertigung der Kleider zu 
besorgen, welche sie auf sehr einfach gebauten Stühlen selbst weben. 
Innerhalb der Eiie herrscht durchwegs die Monogamie. Die Braut 
wii-d den Eltern entweder vom Bräutigam abgekauft oder er sucht 
sie durch Lohndienst bei ihnen zu erwerben (vergl. die Sitte bei 
den Battak). — Die Hochzeit besteht in einem solennen Schmruise, 
dessen Kosten der Bräutigam zu tragen hat. Bei der Geburt des 
Kindes finden keine Festlichkeilen statt. Die Erziehung der Kinder 
ist sehr mild, sie \\ erden in der Regel nie gezüchtigt. Und trotz- 
dem sind sie nie ausgelassen, sondern befleissigen sich eines stillen, 
gesitteten Betragens. Man heirathet nacii eingetretener Geschlechts- 
reife, das männliche Geschlecht mit dem 18., das weibliche mit dem 
14. Jahre. 

Von Krankheiten sind namentlich Ausschläge unt^r den Dayak 
sehr verbreitet. Die meisten derselben sind erblich (so der so- 
genannte Kurrap) und man kennt kein Mittel zu deren Heilung. 
Sonst werden die Krankheiten von den einheimischen Aerzten (Dukun) 
theils diiich Sympatbieniittol, tlioils durch Znuboi'sprüche geheilt. 



317 

Die Todten wurden ehemals häufig verbrannt und die Asche 
in irdenen Gelassen anfbewalirt. Gegenwärtig werden sie in der 
Regel begraben, seltener (in Ost-Borneo) in hölzernen Kisten im 
Walde über der Erde aufbewahrt. Bis zur Bestattung der Leiche 
ruht alle Arbeit und der Todte wird betrauert. Die Art dieser 
Trauer ist nach den Gegenden verschieden. Ueberall wird für den 
Verstorbenen ein Menschenopfer dargebracht, an einigen Orten in 
der Zeit zwischen dem Tode und der Bestattung (wenn auch Wochen, 
Monate, ja Jahre darüber vergehen sollten), an anderen Orten nach 
der Beerdigung, wo dann bis zu jener Zeit, wo das Menschenopfer 
dargebracht werden kann, die Stelle des Todten durch ein hölzernes 
Conterfei desselben, mit seinen Kleidern angetlian, vertreten wird. 
Nach vollzogenem Menschenopfer, oder erbeutetem Menschenkopfe, 
wird dieses Conterfei mit dem Kriegscostüm und den Waffen des 
Dahingegangenen im Walde aufgestellt, wo bereits mehrere Bilder 
der früher verstorbenen Krieger sich befinden. 

Zu den urs})rünglichen religiösen Vorstellungen der Dayak 
gehört der Glaube an die Geister der Verstorbenen. Man bringt 
ihnen kleine Speiseopfer dar, bestehend aus gekochtem Reis, mit 
etwas Fisch oder Fleisch. Als Aufenthalt der mächtigen Geister 
werden die hohen Berge betrachtet und ihnen dort Speise- oder 
Hühneropfer dargebracht. Bei besonders wichtigen Unternehmungen 
pflegt man drei Tage und Nächte auf solchen Bergen, fastend und 
den Schutz der Geister anrufend, zuzubringen. Viele Stämme im 
Osten verehren Sonne, Mond und Sterne. Sonst kommen bei den ein- 
zelnen Stämmen ganze Reihen verschiedener Gottheiten vor, bei denen 
es schwer zn unterscheiden ist, wie viel Einheimisches und wie viel 
Fremdes (buddhistisches) in ihnen steckt. Dass in früherer Zeit der 
Buddhismus auch in Boriieo, wie auf Java uud Sumatra vorhanden 
war, dies beweisen die Ruinen von Buddha -Tempeln und die 
Inschriften, welche sich an einzelnen Orten noch heut zu Tage vor- 
finden. Dem heutigen Dayak ist jedoch alle Erinnerung an diese 
fernen Zeiten abhanden gekommen. 

Dieser Periode dürften die bei den Dayak so hoch geschätzten 
und heilig geachteten antiken Gefässe, genannt Tapayan , ange- 
hören. Es sind dies Vasen ohne Henkel, mit verschiedenen Ab- 
bildungen, meistens Blumen und Drachen. Je nach dem Alter, 
das von den Dayak nach gewissen Zeichen erkannt wird, stehen sie 
hoch im Preise; oft werden für ein einzelnes Exemplar 4000 
bis 5000 Gulden in Goldstaub bezahlt. Diese Gefässe werden im 



318 

täglichen Leben nicht gebraucht, sondern jenachdem sie einzelnen 
Familien oder dem ganzen Dorfe angehören, in der Wohnung oder 
im Gemeindehause sorgfältig aufbewahrt. Man führt ihrerwegen 
oft blutige Kriege; zu einzelnen besonders alterthümlichen Ex- 
emplaren werden von weit und breit förmliche Wallfahrten unter- 
nommen, um von Krankheiten und Bezauberungen befreit zu wer- 
den. Da diese Gefässe auch auf Java und Sumatra vorkommen, 
so ist es beinahe sicher, dass es nichts anderes als buddhistische 
Keliquienkrüge sind und von den Dayak als Ueberbleibsel des ihnen 
unverständlichen alten Cultus hoch in Ehren gehalten werden. 

b. Battaks.*) 

Die Kleidung der Battak besteht in einem grossen Tuche, 
das in Gestalt einer weiten Hose um die Lenden geschlungen wird 
und bis an die Kniee hinabreicht. Die Zeuge dazu werden von den 
Battak selbst verfertigt. Die Frauen und die Vornehmen (Rad- 
scha's) tragen statt des Tuches ein weites Kleid, ähnlich einem 
weiblichen Unterrocke, genannt Kopokopo. Der Oberleib bleibt 
unbekleidet, der Kopf wird mit einem Tuche, genannt Bungus, 
umschlungen. Als Schmuck werden Spangen um die Arme und 
Messingriuge um den Hals getragen; bei den Männern ist das Zu- 
feilen der Zähne Sitte. 

Die Battak sind ein Ackerbau und Viehzucht treibendes Volk, 
sie wohnen in Dörfern, welche befestigt sind, beisammen. Ihre 
Wohnungen , zu den sie Bambus und Allanggras als Material ver- 
wenden, ruhen auf P.fähleu und müssen mittelst einer Leiter be- 
stiegen werden. Sie sind viereckig und haben nur eine Thür; 
Fenster sind an ihnen nicht vorhanden. Die Länge derselben be- 
trägt 20—24, oft sogar 100 Fuss, die Breite 10—12 Fuss, die 
Höhe in der Kegel 6 Fuss. Der Unterraum dient als Stall für die 
Hausthiere. Die Wohnung hat keine Decke, sondern unmittelbar 
das Dach über sich. Dieses ist sehr hoch und in der Gestalt eines 
Schiffes ausgeschweift, daher ist es oben nach beiden Seiten länger 
als unten. Die beiden Spitzen des Daches sind mit Hörnern ver- 
ziert. Unterhalb des Daches befindet sich auf der Vorderseite an 



*) Jungliuhn. F., Die Battaländer auf Sumatra. Aus dem Holländischen, 
Berlin 1847, 8", 2 voll. Neub ronner van der Tuuk, Bataksch- neder- 
duitsch woordenboek, Amsterdam 1861, 4" (mit herrlich ausgeführten ethno- 
grapliischfn Abbildungen). 



319 

den Häusern der Vornehmen ein Vorbau, welcher mit einem Ge- 
länder eingefasst ist; überdies sind die Pfeiler des Hauses mit 
mannigfachen Schnitzereien und sonstigem Zierrath versehen. Im 
AVohngemache befindet sich ein Feuerherd oder mehrere, jeuachdem 
das Haus von einer oder mehreren Familien bewohnt ist. Die 
Häuser sind in Reihen an einander gebaut, so dass jedes Dorf eine 
lange Gasse bildet, welcher die Schmalseiten der Häuser mit den 
Thüren zugekehrt sind. Neben den Wohnhäusern finden sich so- 
genannte Gemeindehäuser, zur Bewirthung und Beherbergung der 
Fremden. Dieselben sind often und in vielen Fällen auch ausser- 
halb der Dörfer angelegt. 

Jedes Dorf ist mit einem Bambus-Dickicht umgeben, mit 
schmalen Eingängen und Tribünen für die Wachen. Ringsumher 
wächst überdies hohes Gebüsch und Gras, in dem stellenweise kleine 
spitzige Pflöcke aus Bambus stecken. Innerhalb des Dorfes findet 
sich keine Vegetation. Ausserhalb des Dorfes stehen keine Wohnun- 
gen, ausser einzelnen Hütten auf den Reis- und Maisfeldern, und. 
diese sind in der Regel auf hohen Bäumen errichtet und müssen 
mittelst einer Leiter bestiegen werden. Die Dörfer sind meistens 
auf hohen Bergrücken erbaut und so gelegen, dass sie leicht ver- 
theidigt werden können. 

unter den liäuslichen Geräthen sind hervorzuheben irdene 
Töpfe von halbkugelförmiger Gestalt, welche beim Kochen auf drei 
im Dreieck gelegte Steine gestellt werden müssen, Bambusröhren 
von 4 bis 5 Fnss Länge, welche als Trinkbecher dienen, Körbe aus 
Bambusrohr, viereckige Klötze mit einem oder zwei Löchern, in 
welchen der Mais und Reis gestampft werden, Messer u. a. Zum 
Ackerbau bedienen sich die Battak einer Hacke und eines mit Eisen 
beschlagenen Stockes. Der Pflug, der von Büffeln gezogen wird, 
ist bei ihnen weniger gebräuchlich. Zum V/eben ihrer Zeuge besitzen 
sie ein Spinnrad und einen ziemlich primitiv gebauten Webstuhl. 
Ihre Wafl'en sind das Schwert*) und die Lanze, welche ent- 
weder mit einer hölzernen oder eisernen Spitze versehen ist, und 
in neuerer Zeit die alte Lunten-Flinte, welche sie entweder von den 
Malajen einhandeln, oder selbst verfertigen. In jedem Haushalte 
trifft man ferner mehrere kupferne oder messingene Pfeifen von 
mehreren Pfunden Gewicht, aus denen die Battak ihren Tabak zu 
rauchen pflegen. 



*) Der malayisch-javanische Kris kommt bei den Battak nicht vor. 



320 

Die Nahrung der Battak ist theils animalisclier, tlieils vege- 
tabilischer Natur. Die erstere ist dem Fleische der von ihnen ge- 
züchteten Hausthiere (Schwein, Büffel, Hund, Pferd, Huhu) entnommen, 
die letztere besteht in Reis (padi) oder Mais (jagon). Namentlich 
der Reis wird fleissig angebaut und zwar entweder auf trockenen 
oder unter Wasser gesetzten Feldern. Daneben werden auch Bataten 
und in neuester Zeit Kartoffeln cultivirt. Als Gewürze dienen 
spanischer Pfeffer (Lasiok), Ingwer und Betelpfeffer. Der Gebrauch 
des Salzes ist den Battak unbekannt. Fruchtbäume werden nicht 
gezogen , ausser der Palme , aus welcher der bekannte Palmwein 
(Tuak) gewonnen wird. Industrie und Handel der Battak sind un- 
bedeutend. Die erstere beschränkt sich auf die Bereitung einzelner 
Farbstoffe und auf gewisse Metall- und Elfenbeinarbeiten, der Handel 
besteht im Austausch einzelner Producte, wie Pfeffer, Kampher, 
Benzoe u. a. Artikel. 

Die Verfassung der Battak beruht auf der altmalayischeu 
Familien- Verfassung. Jedes Dorf hat einen Radscha mit erblicher 
Würde an seiner Spitze, dessen Einfluss aber vornehmlich auf die 
Kriegszeiten beschränkt ist. Die Verfassung ist also keine mon- 
archische, sondern vielmehr eine demokratische. Oft tritt ein 
Ober-Radsclia an die Spitze mehrerer zu einem Bunde verbündeten 
Dörfer. Die eigentliche Regierung geht durch die Volksversammlung 
vor sich. In solchen Volksversammlungen, zu denen alle Freien, 
selbst halberwachsene Knaben Zutritt haben, geht es in der Regel 
stürmisch zu ; es wird viel durch einander geredet und geschrieen. 
Dem Stande der Freien sind die Sclaven entgegengesetzt, die aber 
von den Battak äusserst mild behandelt werden, so dass sich im 
gewöhnlichen Leben der Sclave vom Freien wenig unterscheidet. 
Der hauptsächlichste Grund der Sclaverei sind Schulden. 

Im ehelichen Leben der Battak ist zwar die Polygamie ge- 
stattet, man findet aber innerhalb einer Familie selten mehr als 
zwei Frauen. Die Heirath kann auf dreifache Weise vollzogen 
werden, nämlich erstens durch einfache Entführung, zweitens nach 
der Form Sumondo, was dadurch geschieht, dass der Bräutigam 
in das Haus der Eltern seiner Braut zieht und sich bei ihnen als 
Arbeiter verdingt, und drittens nach der Form Mangoli, wo der 
Bräutigam die Braut um den Preis von fünf bis zehn Büffeln den 
Eltern abkauft. — Die Hochzeit findet ohne bestimmte Festlich- 
keiten statt, nur beim Einzug der Braut in ihre neue Behausung 
"wird ein kleines Fest gegeben , indem ein Büffel oder ein Schwein 



geschlachtet und unter die Doi-fbewohner veitheilt wird. l)io Frauen 
werden bei den Battak gut behandelt, abgesehen davon, dass, wie 
bei allen Naturvölterii, auf ihnen sämmtliche Geschäfte des Hauses 
ruhen. Die Gesetze (hadat), nach denen bei den Battak entschieden 
wird, sind traditionell. ]\Ierkwürdiger Weise können nach den Be- 
stimmungen derselben mehrere Strafen abgekauft werden. Nur bei 
bestimmten Vergehen ist diess unzulässig, so z. B. beim fJidbruch, 
der immer mit dem Tode bestraft wird. 

Merkwürdig ist der Umstand, dass die Anthropophagie 
bei den Battak in drei Fällen sogar gesetzlich als Strafe an- 
befohlen wird. Diese Fälle sind: 1. wenn ein Gemeiner mit der Frau 
eines Kadscha Ehebruch getrieben; 2. wenn Jemand als Landes- 
verräther, Spion oder Ueberläufer zum Feinde ertappt worden, 
und 3. wenn ein Feind mit den Wallen in der Hand gefangen ge- 
nommen worden. Und zwar werden in den beiden ersten Fällen die 
Betreffenden getödtet und dann verzehrt, während in dem dritten 
Falle ein Auffressen bei lebendigem Leibe vorgeschrieben ist. In 
Folge dieser Bestimmungen hat bei den, Battak der Cannibalismus, 
welcher der malayischeu Rasse eigenthümlich ist, sich bis auf den 
heutigen Tag erhalten , und namentlich einzelnen Radschas soll der 
Genuss des Meuschenfleisches zum Bedürfniss geworden sein, das 
sie auf jede W^eise zu befriedigen suchen. Ehemals soll es auch 
bei den Battak Sitte gewesen sein, kranke oder gebrechliche Per- 
sonen der Verwandtschaft aufzuessen. Man Hess dabei die beireffende 
Person auf einen Baum steigen und schüttelte denselben unter dem 
Absingen des Liedes: „Die Zeit ist gekommen, — Die Frucht ist 
gereift, — sie falle herunter!" Nachdem die Person herabgefallen, 
fiel man über sie her und frass sie auf. 

Die Kriege haben theils in Grenzstreitigkeiten, theils in Be- 
leidigungen der Ptadschas ihren Grund. Sie werden nach vorher- 
gegangener Volksversammlung feierlich erklärt und wird dabei keine 
Neutralität geduldet. Mau eröffnet sie durch Abfangen von Geissein, 
die Anfangs in don Block gespannt, dann aber geschlachtet und 
aufgegessen werden. Das Ende des Krieges bildet die Einnahme 
des Dorfes durch den siegenden Feind, der es demolirt und dessen 
Bewohner auffrisst. 

Zu den Belustigungen der Battak gehören die unter den 
Malayeu so beliebten Hahnenkämpfe und die Tänze. Krankheiten 
schreibt man dem Einflüsse der bösen Geister zu und sucht sie 
durch Zauberformeln oder Zaubermittel zu heilen. 

Müller, AUg. Ethnographie. 21 



322 

Wenngleich wild, sind die Battak doch edel, offen und gast- 
freundlich. Sie sind ein aufgewecktes Volk, unter dem die Lese- 
uud Schreibekunst allgemein verbreitet ist. Sie haben eine alte 
Schrift, welche aus der indischen Monumentalschrift hervorgegangen 
sein dürfte. Ihre Bücher (pustaha) sind oft von bedeutendem Alter. 
Sie werden mit den anderen Kostbarkeiten in den Gemeindehäusern 
aufbewahrt. 

Zu den religiösen Vorstellungen, welche den Battak von Haus 
aus eigenthüralich sind, gehört jene der Geister der Vorfahren, 
welche einer besonderen Verehrung sich erfreuen. Auch die bösen 
Geister (Begu's), welche in der Unterwelt wohnen, werden besonders 
eifrig verehrt und durch Opfer versöhnt. 

Als oberste Gottheit gilt Diebata, der Schöpfer der Welt, der 
im siebenten Himmel wohnt. Er hat, nachdem die Schöpfung der 
Welt vollendet war, die Regierung derselben an die drei Götter 
Batara Guru, Sri Padi und Mangala Bulan übergeben. Diese gött- 
lichen Personen sind aber, wie ihre Xamen darthun, nicht malayische, 
sondern indische Schöpfungen und stammen aus jener Zeit, in welcher 
Indien den Bewohnern des indischen Archipels neben seiner Cultur 
und Schrift auch einen Fond religiöser Ideen überbrachte. 

c. T a g a 1 a s. *) 
Die Tracht der Männer besteht in einem weiten, oft am Rande 
reich verzierten Hemde, von verschiedener, meist hellrother Farbe, 
Avelches über die Beinkleider bis über den Nabel herabhängt. Der 
Stoff zum Hemde ist entweder Baumwollgespinnst oder ein anderes 
inländisches Fabrikat, die Beijikleider werden entweder aus Seide 
oder aus Cattun verfertigt. Um die Mitte wird ein Tuch geschlungen, 
dessen Falten als Taschen zur Aufbewahrung verschiedener kleinerer 
Gegenstände dienen. Das Haupt bedeckt entweder ein turbanartig 
geschlungenes Tuch oder ein Strohhut ; die beliebteste Kopfbedeckung 
ist aber ein Hut aus Bambus von der Gestalt einer umgekehrten 
Schüssel, an dessen Spitze sich ein Metallknopf befindet. Auf den 
Füssen tragen die Männer Sandalen oder leichte Schuhe, während 
die Frauen in der Regel barfuss einhergehen. 



*) Bo wring, Jolni, A visit to the Philippine islauds, Londou 1859, 8°. 
Hügel, C. Freiherr von. Der stille Ocean und die spanischen Besitzungen 
im ostindischen Archipel, Wien 1860, 8". (Als Manuscript gedruckt.) Das 
Haui)twerk ist Buzeta, Manuel und Bravo, Felipe, Diccionario geografico, 
«stadistico, historico de las islas Filipinas, Madrid 1850, 8", 2 voll. 



323 

Die Frauen tragen lange bis an den Hals reichende und die 
Fusskuöchel bedeckende Kleider von europilischem Schnitte, aus ver- 
schiedenartigen, oft kostbaren Stoffen. In den Ohrläppchen trägt 
luan Gehänge von Edelmetallen und Edelsteinen , ebenso Perlringe 
um Hals und Arme. Jede Frau trägt überdies ein Crucifix oder 
ein kleines Heiligenbild am Halse. Das schöne schwarze Haar wird 
geschmackvoll in Zöpfe oder einen Knoten zusammengebunden, mit 
Kämmen und goldenen Nadeln befestigt und mit verschiedenen wohl- 
riechenden Blumen verziert. Zum Schutze gegen die Sonne bedient 
man sich eines breiten Strohhutes. 

Man befleissigt sich der grössteu Keinlichkeit, namentlich die 
Frauen baden öfter und kämmen ihr Haar. 

Die Wohnungen sind leicht und luftig aufgebaut. Ihre Pfeiler 
bestehen aus Holz, der Fiissboden aus Bambus und das Dach aus 
Nipa-Blättern. Sie sind im Innern mit Crucifixen und Heiligen- 
bildern reichlich geziert. Die hauptsächlichste Einrichtung besteht 
in grossen Matten, auf denen die Tagala ruhen und schlafen, und 
kleinen sesselartigeu Tischchen zum Daraufstellen der Speisen. 
Weitere Utensilien sind Mörser zum Zerstosseu des Reises, Krüge 
und Löffel aus der Schale der Cocosnuss, Töpfe und Kessel zum 
Kochen, Messer, thönerne Lampen, Pechfackeln u. a. Nirgends 
fehlen Yorräthe au Betelblättern und Arekanüssen, etwas Tabak zum 
Verfertigen von Cigarretteu, nebst einer Laute und Flöte. 

Die hauptsächlichste Nahrung der Tagala bildet der Reis, 
der in Wasser gekocht entweder allein oder mit einer Zutliat von 
Vegetabilien oder Fischen dreimal des Tages genossen wird. Man 
isst mit den drei ersten Fingern der rechten Hand, indem mau einen 
Mundvoll Reis aus der gemeinschaftlichen Schüssel herausholt und 
dann in die bereitstehende Sauce taucht. Ausser dem Reis geniesst 
man Wildpret, aber in der Regel getrocknet, und Fische nebst anderen 
Producten des Meeres. 

In Betreff der Heirath besteht noch theilweise die Sitte, welche 
sich auch noch anderswo (z. B. bei den Battak) wiederfindet, dass 
der Bräutigam um die Braut den Eltern derselben Knechtsdienste 
leistet; doch werden in den meisten Fällen die Heirathen durch die 
Priester vermittelt önd die Braut den Eltern abgekauft. Dabei ist 
es jedoch Brauch, dass der Bräutigam immer die Initiative ergreift. 

Im gewöhnlichen Leben sehr einfach, namentlich in Betreff 
der Kost, zeigt sich der Tagala seinen Gästen gegenüber sehr 

21* 



324 

splendid. Nicht nur eine Reihe der auserlesensten Gerichte und 
Weine, sondern auch feine Cigarreu und Musik zieren dann seine 
Tafel. — 

Zu den Unterhaltungen, denen die Tagala mit Leidenschaft 
ergehen sind, gehören das Spiel und die Hahnenkämpfe. In die 
Reihe der ersteren gehört eine Art Kartenspiel, das gesetzlich nur zu 
gewissen Stunden (12—2 Nachmittags und von Sonnenuntergang bis 
10 Abends) gestattet ist, und das Lottospiel, bei dem die Ziehungen 
monatliclr einmal zum Besten der spanischen Verwaltung statt- 
finden. Die Hahneukämpfe sind die eigentlichen Volksfeste der 
Tagala. — Die Hähne werden zu diesen Kämpfen eingeübt und 
an den Sporen mit kleinen scharfen Messern verseiien. Der Kampf- 
hahn ist das Lieblingsthier des Tagala, er trägt ihn immerdar auf dem 
Arme mit sich herum, liebkost und füttert ihn, kann ihn schweigend 
stundenlang betrachten und spricht überall nur von seinen Vorzügen. 
Es gibt in der Tagalasprache eine Menge von Ausdrücken für die 
verschiedenen Abstufungen in der Federfarbe der Kampfhähne; der 
Kenner pflegt auch die Anzahl der Schwungfedern zu zählen und 
die Stellung der Zehen, sowie die Gestalt der Beine genau zu 
betrachten. 

Den Kampfhahn Jemandem zu zeigen gilt für eine Art von 
Gunstbezeugung; in jedem grösseren Orte findet sich ein Kampf- 
platz, dessen Pacht der Regierung eine gewisse Summe abwirft. 
Ausser den Hahnenkämpfeu sind auch Papierdrachen (von den Chinesen 
eingeführt) und Feuerwerkskünste beliebte Volksbelustigungen. 
Uebrigens spielt auch die Musik unter den Belustigungen eine 
grosse Rolle ; der Tagala legt nicht nur grosse Neigung für dieselbe 
an den Tag, sondern zeigt sich auch in hohem Grade für die Aus- 
übung derselben befähigt. 

Trotz dem Christenthum, welches die Tagala von den Spaniern 
angenommen haben, neigen sie dennoch in vielen Punkten zu ihrem 
alten Glauben hin. So ist die Verehrung der Seelen der Vorfahren 
(Nouo) unter ihnen allgemein verbreitet. Man wendet sich oft im 
Gebete an sie, um Gefahren abzuwenden oder Glück herbeizuführen. 
Bestimmte Orte werden vom Tagala nie betreten, ohne dass er die 
Seelen der Vorfahren angerufen hätte. Den bösen Geist stellen 
sie sich bald unter der Gestalt eines alten schwarzen Maunes, bald 
eines wilden Pferdes, bald eines üngethümes vor. Als Schutzmittel 
gegen ihn wendet mau den geweihten Rosenkranz an. 



325 

Der alte heidnische Gott der Tagala liiess Bathala, ein Name 
der auch auf Java wiederkehrt. Demselhen wurde die Er?cliaffung 
der Welt zugesciirieben. Neben Bathala gab es eine Keihe ver- 
schiedener Götter, welche den einzelnen Beschäftigungen vorstanden. 

Die Tagala zerfielen vor der Besetzung des Landes durch die 
Spanier in eine Eeilie von einander unabhängiger Familien mit 
Aeltesten an der Spitze. Diese sprachen Recht nach traditionellen 
Gesetzen. Ein Mord, von einem Sclaven begangen, wurde mit dem 
Tode bestraft, dagegen konnte er, von einem Freien verübt, der 
Familie des Getödteten abgekauft werden. Bei einem Diebstahl 
wurden alle verdächtigen Personen eingeladen mit je einem Büschel 
Gras auf einem bestimmten Ode zu erscheinen. Man warf dann 
das Gras durcheinander und stellte den gestohlenen Gegenstand, wenn 
er sich darin vorgefunden, dem Bestohlenen einfach zurück. Kam 
aber der Gegenstand nicht zum Vorschein, so warf man die ver- 
dächtigen Personen ins Wasser und jene, welche am ersten auf der 
Oberfläche sichtbar wurde , war die schuldige und wurde bestraft. 
Oft soll es vorgekommen sein, dass Personen, um nicht für schuldig 
angesehen zu werden, lange unter Wasser zu bleiben versuchten 
und in Folge dessen ertranken. 

Der Gruss bestand darin, dass man das linke Knie ein wenig 
beugte. Kam ein Niedriger in das Haus eines Vornehmen, so duckte 
er sich nieder und blieb so lange in dieser Stellung, bis ihm sich 
zu erheben' befohlen wurde. Beim Friedensschlüsse und beim feier- 
lichen Eidschwur ritzten sich beide Theile die Haut auf, vermischten 
das herausfliessende Blut mit Wein und tranken davon. 

Die Tagala werden als im höchsten Grade neugierig und keck 
geschildert. So soll es vorkommen, dass wenn zwei in einem Ge- 
spräche begi-ifl:en dastehen, der Tagala sich hinstellt, um zu horchen, 
wenn er auch kein Wort von dem, was gesprochen Avird, versteht. 
Er dringt in fremde Häuser ungenirt ein und geberdet sich im Auf- 
treten, wie wenn er der Herr des Hauses wäre. 

Was die geistigen Anlagen betrifft, so sind die Tagala als 
ein zwar ziemlich aufgewecktes, aber energieloses Volk zu betrachten. 
Zu allen Verrichtungen, welche auf Nachahmung und einem gewissen 
Geschick beruhen, zeigen sie sich vollkommen befähigt, während sie 
für Geschäfte, wo es auf selbständiges Denken ankommt, zu be- 
schränkt sind. Als Diener und Handwerker sollen sie tief unter 
den Chinesen stehen. Sie ahmen daher ihren Herren, den Spaniern, 
in Aeusserlichkeiten nach, — in ihrem Stolze, ihrem freien Leben, 



326 

ihrer Bigotterie, zeigen aber für die höhere abeudländisclie Cultur 
wenig Verstand niss , so dass sie über einen gewissen Grad rein 
äusserlicher Bildung nicht liinauskommen. 

ci. Malayen. 

Die Kleidung der Männer besteht aus weiten Beinkleidern, 
welche bis aus Knie reichen, einem sogenannten Sarong, einem kurzen 
engen Weiberrock, und einem offenen Camisol. Um die Mitte wird 
eine Schärpe geschlungen, an den Füssen trägt man Sandalen. — 
Den Kopf bedeckt entweder ein turbanartig geschlungenes Tuch 
oder ein grosser Hut aus Stroh oder Ratan. Bei den Kelchen und 
Vornehmen ist die gelbe Farbe (Seide) beliebt, während bei dem 
gemeinen Volke namentlich blau (Cattun) häufig vorkommt. 

Die Weiber tragen den Sarong, manchmal auch eine Jacke, 
welche vorne mit Knöpfen zusammengehalten wird. üeberdies 
bilden Ohrgebänge, Finger- und Armringe ihren besonderen Schmuck, 
Mit eingetretener Zeit der Pubertät werden bei beiden Geschlechtern 
die Zähne abgefeilt und schwarz gefärbt, oft auch mit kleinen Gold- 
plättchen ausgelegt. 

Die Häuser stehen auf Pfählen und sind durchwegs aus Holz 
aufgebaut. Sie bilden in der Regel ein Viereck von 100 Fuss Länge. 
20 bis 25 Fuss Breite und 8 bis 10 Fuss Höhe. Anderswo (bei 
^^\\ Lampong) sind die Häuser oft rund angelegt. — Der freie 
Kaum unteriialb der Hütte dient als Stall für das Kleinvieh und 
zugleich als Miststätte , indem man die Abfälle durch den aus 
Bambus verfertigten Boden hindurchfallen lässt. 

Die hauptsächlichsten Geräthe , welche mau in einer solchen 
Hütte findet, bestehen, ausser der wie überall üblichen Küchen- 
Einrichtung, aus Matten und Mooskissen zum Ausruhen und Schlafen, 
Fackeln aus Damarharz, in Pisangblätter gewickelt, zum Erleuchten 
des Innern wäbrend der Nacht u. a. 

Mehrere zusammenstehende Häuser bilden ein Dorf. Dieses 
ist mit einer Erdmauer oder Pallisadirung umgeben und hat in der 
Mitte einen freien, in der Regel gepflasterten Platz, auf dem die 
Volksversammlungen abgehalten Averden. 

Die Nahrung des Malayen ist hauptsächlich vegetabilischer 
Natur. Reis oder Sago mit anderen Vegetabilien oder Fischen sind 
seine Hauptnahrungsmittel. Fleisch wird nur bei festlichen Ge- 
legenheiten genossen. Salz als Würze der Speisen ist nicht überall 
bekannt. Als Getränk dienen Palmwein und Arak, als Reizmittel 



327 

siuil Betel und Areka (hiev Sirih und Pinaug"^ allgemein verbreitet. 
Der Genuss des Tahaks kommt nur hie und da vor. 

Mau hält zwei Mahlzeiten, eine um 10 Uhr Morgens, die 
andere um 7 Uhr Abends. Man greift die Speisen mit den drei 
ersten Fingern der rechten Hand aus den Bambusgefässen heraus. 

Zu den hauptsächlichsten Beschäftigungen der Malayen gehören 
die Fischerei und der Handel. Der letztere war früher, während 
des Bestandes der malayischeu Reiche, sehr blülieud, während er 
gegenwärtig immer mehr dem Verfalle zugeht. Namentlich aber 
gilt die Piraterie für eine noble ritterliche Beschäftigung. Der 
Landbau wird nur an einzelnen Orten (so aufMalaka) in grössereui 
Massstabe getrieben. Man baut Keis, Kaffee, Tabak, Zucker, 
Pfeffer u. a. Die Industrie der Malayen ist ziemlich bedeutend. 
Es gehören dahin die Weberei und Färberei, deren Producte in 
diesen Gegenden berühmt sind, die Lederfabrication, Tischlerei und 
Drechslerei, die Waffenfabrication , die Goldarbeiterkunst und der 
Schifl'bau. Mit der Gewinnung und Bearbeitung des Eisens, sowie 
anderer Metalle sind die Malayen seit langem gut vertraut, scheinen 
auch selbständig auf die Bereitung des Stahles gekommen zu sein. 

Die Grundlage der altmalayischen Verfassung bildeten die 
Familien (Suku) mit Oberhäuptern (Panghulu) an der Spitze. Die 
Würde des Panghulu war nicht erblich, sondern wurde durch Wahl 
vergeben, wobei die Abstammung von der Mutter massgebend war, 
dalier die Würde in der Regel auf den von derselben Mutter ge- 
borenen jüngeren Bruder oder Schwestersohu überging. lu den 
Händen der Panghulu liegt die eigentliche Regierungsgewalt; sie 
sind die Richter ihrer Familien, haben dieselben nach aussen /.u 
vertreten und treten bei drohenden Gefahren zur Berathuug zu- 
sammen, worauf sie die von ihnen gemeinsam gefassten Beschlüsse 
den Familien mittheilen. Sie empfangen von ihren Familien gewisse 
Naturalabgaben und Geschenke. Jeder Suku hat ein Stück Landes 
als Eigenthum zugewiesen , welches unveräusserlich ist und den 
einzelnen Wirthschaften pachtweise überlassen wird. 

In Betreff der Successiou ist die Familie der Mutter mass- 
gebend. Der Mann wird dabei nicht als Gründer des häuslichen 
Heerdes, sondern nur als Erzeuger der Nachkommenscliaft betracbfet. 
Das Vermögen, welches der Frau angehört, ist für ihn unantastbar 
und Eigenthum der von der Mutter geboreneu Kinder. Sein eigenes 
Vermögen erben nicht seine Kinder, sondern die Kinder seiner 
Schwestern und in zweiter Linie seine Brüder. 



328 

Aus diesen Einriclitiingeu erklärt sich die Sitte, dass bei der 
Heirath nidit der Bräutigam um die Braut wirbt, sondern derselbe 
von der Mutter der Braut für sie geworben wird. Ist die Familie 
der Braut reich und braucht der Bräutigam für die Braut nichts 
zu zahlen, so hat er auch kein Kecht auf die Kinder. In dem 
Falle jedoch, wo er ein Geschenk für die Frau hingibt und diese 
wieder ihrerseits die Kosten der Heirath bestreitet, haben sie gleiche 
Hechte auf die Kinder und das erworbene Vermögen. Hat aber 
der Mann die Frau sich gekauft, so gehören die Kinder und das 
erworbene Vermögen ihm und fallen nach seinem Tode seiner 
Familie -zu. 

Die Polygamie, welche gesetzlich erlaubt ist, kann der Natur 
der Sache nach nur im dritten Falle factisch stattfinden. Im All- 
gemeinen erfreuen sich die malayischeu Frauen des besten Leu- 
mundes, sowohl was eheliche Treue als Kührigkeit in Besorgung 
des Hauswesens anbelangt, namentlich in den. Ackerbau treibenden 
Districten. 

Die meisten dieser Institutionen haben aher im Laufe der Zeit 
durch den Islam wesentliche Veränderungen erfahren, da mit dem 
muhaminedanischen Despotismus die Familienverfassung, auf welcher 
sie im Grunde basirt sind, immer mehr und mehr verfallen musste. 

Zu den nationalen Vl'affen der Malayen gehören: das Schwert 
(Klewaug), der Kris, von dem es, wie auf Java, mehrere Formen 
gibt, die Lanze, die Schleuder und das Blasrohr, mit kleinen, -in 
der liogel vergifteten Pfeilen. Sie werden aber m neuester Zeit, 
ausser dem Schwert und dem Kris nur wenig verwendet, man be- 
dient sich lieber der Flinte, durch welche dk Malayen der Schrecken 
der Bewohner des indischen Archipels geworden sind. Unter den 
Vertheidigungsmitteln sind auch hier die bei anderen Völkern der 
Sunda-Inseln beliebten Pflöcke, Avelche im Grase verborgen werden, 
zu erwähnen. 

Von den ursprünglichen religiösen Vorstellungen der Malayen 
haben sich nur bei einzelnen Stämmen Spuren erhalten; dahin 
scheint der Glaube zu gehören, dass die Geister der Abgeschiedenen 
häufig in Thiere, besonders Tiger, übergehen, welche daher für 
heilig gelten. Doch wurden diese Vorstellungen frühzeitig vom 
Brahmaismus und Buddhismus überwuchert, Avas aus der grossen 
Anzahl von indischen Götternamen hervorgeht; seit dem 13. Jahr- 
hundert hat der Islam an den meisten Orten beinahe alle Spuren 
des alten Glaubens vernichtet. Daher laufen im gewöhnlichen Leben 



;J29 

uiul in der Dichtung alle diese' drei Elemente unverstanden durch 
einander, niid nanientlicli das Capitel über Zauberei weist die ergötz- 
lichsten Misch niigen der disparatesten Vorstellungskreise auf. 

In Bezug auf geistige Begabung und Rührigkeit übertrifft der 
heutige ^lalaye den Javanen, was seinem regeren Verkehr mit den 
verschiedenen Culturvölkern des Ostens zuzuschreiben ist. Doch dürfte 
die Höhe der malayischen Bildung kaum an jene der javanischen 
hinanreichen; sie wird von dieser entschieden durch grössere Tiefe 
übertroffen. Beide Völker, der Malaj^e und der Javane, gehören zu 
den gebildetsten der malayischen Kasse, sie ergänzen sich gegen- 
seitig insofern das eine ein uutüTnehmungslustigos, kühnes Handels- 
volk, das andere ein Ackerbauvolk ist, mit ruhiger contemplativer 
Gemüthsrichtung. — Daher linden wir am Malayen vorzugsweise 
jene Eigenschaften, die mit einem kühnen , der socialen Stellung 
sich bewussten Charakter verknüpft sind, nämlich eine ungemessene 
Leidenschulllichkeit, ein beinahe krankhaftes Ehrgefühl, eine bis 
zur Tollkühnheit gesteigerte Todesverachtung, die manchmal in 
Baserei ausartet (vgl. das sogenannte Amok- Laufen), dabei aber 
auch eine gewisse PJhrliclikeit und Aufrichtigkeit, Eigenschaften, 
die namentlich innerhalb der malayischen Kasse zu den seltenen 
gehören. 

c. Javanen.*) 

Die gewöhnliche Kleidung besteht in einem Camisol aus Lein- 
wand und einem darüber angelegten laugen Cattunrock. Den 
Unterleib bedeckt entweder ein um die Lenden geschlungenes Tuch 
(Sarong) oder kurze Beinkleider. Frauen tragen ein Camisol mit 
langen, eng anliegenden Aermeln und darunter ein langes, um den 
Oberleib gewickeltes Tuch. Den Unterleib bedeckt der Sarong, 
welcher in der Kegel bis an die Fussknöchel hinabhängt. 



*) Raffles, Thomas, Staniford, The history of Java, London 1817, 4", 

2 voll. Mars den, William, The history of Sumatra, 3. edition, London 1811, 4". 
Crawfurd. John, History of tlic Iiidian archipelago , Edinburgh 1820, 8", 

3 voll. Hollander, J. J. de, Handleiding bij de beoefening dor land- en volken- 
kunde van Nederlandsch Oost-Iiidie, voor de kadetten van alle wapeneu bestemd 
voor de dienst in die gewesten, Breda 1861 — 64, 8", 2 voll. Eine gute Schilderung 
der Javanen vom ethnologischen Standpunkte findet sich in der Zeitschrift für 
Erdkunde der geograph. Gesellschaft in Berlin II H 8.^)1), S. 81 ff. und IV 
(1855), S. 210 ff., verfasst von einem deutscheu Olli/.ier in niederländischen 
Diensten. 



330 

Verschieden davon ist die sogeuaunte Hofkleidung, welche an 
den Höfen der javanischen Fürsten vorgeschrieben ist. Der Ober- 
leib bleibt dabei nackt und wird mit Sandelpulver gelb angestrichen. 
Den Unterleib bedecken ein langes weites Beinkleid und ein um die 
Mitte geschlungenes Tuch. Bei den Frauen tritt noch eine Schärpe 
und ein tief herabhängender Gürtel hinzu. Die Männer bedecken 
dabei den Kopf mit einer schwarzen mit Goldborten reich verzierten 
Mütze Yon der Gestalt eines krämpenlosen Cylinderhutes, genannt 
Kuluk oder Kopyah. 

Das Haar wird von den Männern im täglichen Leben in einen 
Knoten zusammengebunden und unter einem turbanähnlichen Kopf- 
tuche verborgen, während man es bei feierlichen Gelegenheiten frei 
über den Kücken herabwallen lässt. Die Frauen zieren das frei 
herabhängende Haar mit wohlriechenden Blumen und tragen Ohr- 
gehänge aus Gold oder Silber in den Ohrläppchen. Die Männer 
führen einen Dolch (Kris) und eine Beteldose mit sich. 

Die Häuser der Javanen sind aus Bambus viereckig aufgebaut 
und mit Palmblättern oder Alangalang-Gras eingedeckt. Das vor- 
springende Dach bildet eine Art von Veranda. Die Thür ist öfter 
einige Fuss über dem Boden angebracht, so dass man das Haus 
nur mittelst einer angelegten Leiter betreten kann. In diesem Falle 
bildet der unterhalb der Wohnung befindliche Raum den Stall für 
die Hausthiere (Schafe, Ziegen, Geflügel). 

Im Inneren der Wohnung befindet sich vor allem eine aus Bam- 
bus geflochtene lange Bank, welche zum Ausruhen und Schlafen dient. 
Innerhalb eines jeden Hauses findet mau die nöthige Küchen- 
Einrichtung, wie Mörser zum Zerstossen des Reises, Töpfe, Pfannen, 
Schlüsseln, sowie ein Spinnrad und einen Webstuhl, worauf die 
Frauen die für den Hausbedarf nöthigen Stofte selbst verfertigen. 

Die Hauptnahrung der Javanen bildet der Reis , von den 
Aermeren werden auch der Mais und die süsse Kartoftel gegessen. 
Nur bei festlichen Gelegenheiten isst man Fleisch, und zwar Hühner- 
und getrocknetes Büft'elfleisch. Als Würze dient spanischer Pfeffer 
oder eine aus halbverfaulten Fischen und Conchilien bereitete käsige 
Masse, Als Getränk sind beliebt ein aus der Kokospalme gezogener 
Wein und ein aus gegohrenem Reiswasser, Ingwer und Zucker be- 
reiteter arakähnlichor Absud. 

Als Reizmittel ist das Betelkauen allgemein verbreitet; in 
der neuesten Zeit weiden auch Tabak und Opium von den Javaneu 
mit Vorliel)e genossen. 



:}3i 

Der Ackerbau, uamentlicb der Keisbau, steht bei den Javanen 
auf einer hohen Stufe der Entwicklung. Ihre Ackergeräthe sind im 
lianzen vorzüglich: das Rind und der Büffel, deren sie sich als 
Zugthiere bedienen , sind zugleich mit dem Reis aus Indien ein- 
geführt. 

Die nationale Waffe der Javanen ist der bekannte Kris, von 
welchem es auf Java gegen linndert verschiedene Arten gibt. Ehe- 
mals wurde auch der Speer, sowie Bogen und Pfeil verwendet. 
Die Schleuder kommt hie und da noch heut zu Tage vor. In 
neuester Zeit haben die Feuerwaffen Eingang gefunden und die 
alten Waffen, mit Ausnahme des Kris, immer mehr und me])r zurück- 
gedrängt. 

Die Dörfer der Javanen sind alle mehr oder weniger gleich- 
artig angelegt. Sie haben in der Mitte einen freien Platz, genannt 
Alunalun, auf dem. von mehreren Bäumen eingeschlossen, die Moschee, 
öfter auch ein Schulhaus sich beiludet. Um das Dorf zieht sich 
ein dichtes Bambusgehölz von ungefähr 50 Fuss Höiie, welches 
nach Innen und Aussen von üppigen Gebüschen umwachsen ist. 
Dadurch wird das Dorf ganz verdeckt und gegen plötzliche feind- 
liche Ueberfälle gesichert, 

Die Städte (Nagara) zeigen im Ganzen dieselbe Anlage wie 
die Dörfer, nur dass vom Hauptplatze aus, auf welchem nebst 
der Moschee der Palast des Fürsten sich erhebt, gerade Strassen 
nach allen Richtungen auslaufen, auf deren beiden Seiten die mit 
Vorgärten versehenen Häuser aufgebaut sind. 

Die grösseren Paläste (Kadaton oder Kraton) sind ausgedehnte, 
mit Gräben und Wällen versehene viereckige Gebäude, deren Inneres 
in mehrere Abtheilnngeu geschieden ist. Sie haben oft bis zwei 
Stunden im Umfange und können 10.000 bis 15.000 Menschen 
beherbergen. 

Was das Familienleben des Javanen anbelangt, so ist ihm 
die Polygamie gestattet, aber nur der Reiche und der Vornehme 
machen von dieser Erlaubuiss Gebrauch. Der gemeine Mann nimmt 
sich selten mehr als eine Frau. Ehescheidungen sind leicht zu 
bewerkstelligen. Die Hochzeitsgebräuche sind nach den Gegenden 
verschieden; im Ganzen sind sie sehr umständlich und ceremoniös. 

Die Leichenfeierlichkeiten sind die bei den Muhammedanern 
üblichen, mit wenigen unwesentlichen Abänderungen. 

Nach der alt- malayischen Familienverfassuug zerfallen die 
Javanen in bestimmte Familien mit je einem Oberiiaupte an der 



332 

Spitze. Die Familien mitgiieder wohnen in der ßegel anf einem 
Orte beisammen. 

p]ine jede Familie hat ein Stück Landes znr Bebanuiig an- 
gewiesen, von dessen Ertrag sie ein Fünftel an den Fürsten, den 
Eigenthümer des Landes, als Pachtzins zu entrichten hat. Die 
javanische Gesellschaft zerfällt in zwei Stände, Adel und Volk. 
Der erstere ist reiner Gcbnrtsadel und gründet sich auf die Ver- 
wandtschaft mit der fürstlichen Familie. Ans dem Adel werden 
vom Fürsten die Beamten gewählt, deren es mehrere Abstufungen 
gibt. Zwischen diesen Abstufungen gibt es bestimmte Regeln des 
Verkehrs, welche genau beobachtet werden müssen. 

Die Kegierungsform ist streng despotisch. Die mit dem Des- 
potismus eng verbundene Etikette hat sich aber beim Javanen auf 
das ganze Leben ausgedehnt. Darnach muss der Jüngere dem 
Aelteren, der Niedere dem Vornehmen immer mit einer gewissen 
feierlichen Ehrfurcht begegnen und ihn in einer gewählten Sprache 
anreden. Jeder waffenfähige Manu ist zum Kriegsdienste verpflichtet 
und hat sich vorkommenden Falles unter den Befehl seines Vor- 
gesetzten im Frieden zu stellen. 

Unter den javanischen Lidustriezweigeu sind namentlich her- 
vorzuheben: der Schiff'bau, dessen Producte gesucht werden, die 
Zucker- und Salzsiederei, die Papier- und Lederfabrication, sowie 
die Eisenwaaren-Industrie und die Holzschnitzerei. Nicht unbedeutend 
sind auch die Weberei und Färberei, obschon die hielier gehörigen 
Artikel nicht liandwerksmässig, sondern blos von den Frauen zu 
Hause erzeugt werden. Dagegen ist der Handel, mit Ausnahme des 
binnenländischeu, ganz unbedeutend. 

Die alte Keligion der Javanen, Avelche mit den Glaubensansichten 
der malayo-polynesisclien Völker zusammenhing, wurde im sechsten 
Jahrhundert unserer Zeitrechnung durch den Brahniaismus und Budd- 
hismus, welche von Lidien aus dorthin verpüanzt worden waren, 
verdrängt. Seit dem 15. Jahrhundert ist aber der Islam die herr- 
schende Religion Javas, ein Factum, welches mit der Zerstörung der 
alten auf indischen Cultureleraenten beruhenden Reiche Padscha- 
dscharan (im Westen) und Madschapahit (im Osten) zusammenhängt. 

Trotz der Vernichtung der indischen Religionen auf Java sind 
aber dem Javanen mehrere indische Culturelemente bis auf den 
lieutigen Tag geblieben. Dazu gehören, ausser den zahlreichen 
Sanskrit-Elementen innerhalb der Spraclie und der classischen Litera- 
tur, das altjavanische Schattenspiel (Wayang^ und die Musik. Auch 



333 

die horrlicheii Tempol-Ruiiicn, sowohl die braliaiiiaiiisclieii (auf dem 
Gunuug Dieng) als auch die buddhistisclieii (Borobudor) datireu 
aus der Zeit der Hlüte indischen Glaubens auf Java. 

Die Javanen sind das entwickeltstn und gebildetste Volk der 
nialayischen Rasse, Sie zeigen uns so recht was aus dem Malayen 
werden kann, wenn er in eine au Hilfsquellen reiche Naturumgebuug 
gesetzt und von höher begabten Kassen angeregt wird, und in der 
That hat der Javane, wenn man die alten Baumonumente und die 
Denkmäler der classischeu Kavi-Literatur mustert, eine hohe Stufe 
der Entwicklung erreicht. Aber gerade darin, dass die alte Cultur 
nach dem Aufhören der Verbindung mit Indien alsogleich verfiel, 
zeigt sich die Beschränktheit malayischer Geistesbegabung. Es ist 
die Begabung des talentvollen Kindes, nicht aber die des reifen, 
energischen ]Maunes. 

Sprache. 

Die malayo-polvnesischen Sprachen bilden einen Sprachstamm, 
welcher unabhängig dasteht und weder mit irgend einer Sprache 
der alten noch der neuen Welt zusammenhängt. Sie sind Abkömm- 
linge einer gegenwärtig nicht mehr existirenden , in ihnen auf- 
gegangenen Ursprache , welche sich zu einer Zeit in drei bis vier 
Aeste theilte, als ihr Bau noch nicht vollendet war. Wahrschein- 
lich war sie in Bezug auf grammatische Ausbildung nicht über die 
Wurzelvariation hinausgekommen. Es stimmen daher sämmtliche 
malayo-polynesische Sprachen in allen jenen Punkten unter ein- 
ander überein, welche in der Ursprache bereits ausgeprägt vorlagen, 
wie Lautsystem, allgemeine Form der Stammwörter, Inventar der 
Formelemente und dem Princip der grammatischen Formung. 

Das Lautsystem umfasste ursprünglich die Stummlaute der 
drei Organe: Kehle, Zähne und Lippen (k, t, p), mit deren Nasen- 
lauten (ng, n, m), ferner den Hauchlaut h, die Spiranten s, f, w 
und den flüssigen Laut r. An Vocalen waren a, i, u, e, o vor- 
handen. Erst später entwickelten sich die tönenden Laute g, d, b 
und die gequetschten Zahnlaute tsch, dsch, ny, sammt y und 1, 
sowie die anderen Laute, die den einzelnen Idiomen eigenthümlich 
sind. Die Stammwörter (Lautcomplexe, in welchen die Wurzel 
bereits umgebildet vorliegt) sind ursprünglich mehrsilbig, die ein- 
silbigen scheinen aus ihnen durch lautliche Verstümmelung hervor- 
gegangen zu sein. Die Formelemente sind ein- bis zweisilbige 
Lautcomplexe, durch deren Zuhilfenahme aus den Stammwörtern 



334 

sowohl die einzelnen Kedetheile als auch die bereits fertigen Worte 
gebildet werden. Sie werden denselben entweder vorgesetzt (prä- 
figirt) oder angehängt (suff'igirt). In einzelnen Sprachen hat sich 
aus dem Processe der Präfigirung jener der Intigiruug gebildet. 

In Betreff der Entwicklung bilden die malayo - polynesischen 
Sprachen eine Stufenleiter, auf deren unterster Stufe die polyne- 
sischen Sprachen sich befinden. — Die nächst höhere Stufe bilden 
die mikronesisehen und melanesischeu Sprachen, am höchsten ent- 
wickelt sind die malayischen und daruuter besonders die Tagala- 
Sprachen. Die umgekehrte Abstufung dagegen gilt in Betreff der 
grösseren oder geringeren Conservirung der Sprachformen gegenüber 
gewissen Lautzersetzungsprocessen. Hier stehen, was den Verfall 
der Formen anlangt, die polynesischen Sprachen obenan, während 
die melanesischeu Sprachen mehr Conservationskraft besitzen, die 
malayisclien Sprachen verhältuissmässig am besten erhalten sich 
präsentiren. 

Fast alle malnyo- polynesischen Völker haben eine nicht un- 
bedeutende Literatur, wenn auch nicht durchgehends eine ge- 
schriebene. Auf allen Inseln der Südsee finden wir Sagen und 
Gesänge in reichlicher Anzahl. Unter den Völkern der westlichen 
(malayischen) Abtheilung besitzen die meisten ( Malayen , Javanen, 
Battak, Redschang, Lampoug, Bugis, Mankasaren, Tagahis) eine 
eigene Schrift. Diese Schriften gehen alle bis auf die malayische, 
welche die arabische Schrift ist, auf ein altes indisches Alphabet 
zurück, welches, wie die Foimen dieser Schriften darthun, mit der 
Schrift der alten buddhistischen Denkmäler innig verwandt ist. 

Unter den Literaturen dieser Völker sind besonders die java- 
nische und die malayische von grösserer Bedeutung. Die erstere 
wurde durch indische Einflüsse hervorgerufen, wie sie denn auch 
eine indische Färbung in Form und Inhalt an sich trägt, während 
die zweite dem Islam ihrn Entstehung und Hlüthe verdankt. Beide 
können sich, sowohl was Form als auch was den Umfang der Leistun- 
gen anbelangt, mit der Literatur manches von Natur aus reicher 
begabten Volkes messen. 



335 



5. Mongolen. 

Unter dem üblichen Ausdrucke „mongolische Rasse", an dessen 
Stelle ^vir lieber den von uns schon früher (Reise der Fregatte 
Novara, Ethnographischer Theil, S. 140) vorgeschlagenen Ausdruck 
„mittel- oder hochasiatische Rasse" setzen möchten, begreifen wir 
jene Völker, welche das ganze östliche, mittlere und uöa'dliche Asien, 
mit Ausnahme der in dem letzteren Theile von den Völkern der 
Hyperboreer-Rasse eingenommenen Striche, bewohnen und sich über 
einen ansehnlichen Theil des nördlichen p]uropa verbreiten. Sie 
sind in physischer Beziehung durch gewisse, leicht in die Augen 
s]>vingende Merkmale von ihrer Umgebung (den Hyperboreern, 
Malayen, Dravidas und Mittelläudern) deutlich geschieden und 
bilden umgekehrt, trotz ethnischer Verschiedenheit, eine durch ge- 
wisse physisch-psychische Merkmale ausgezeichnete Rasseneinheit. 

Wie aus der Schichtung dieser Völker auf jenem Orte, wo 
sie als compacte Masse auftreten, nämlich in Asien, und den Wan- 
derungen derselben , die sie zu verschiedenen Zeiten unternommen 
haben, hervorgeht, muss Mittel-Asien als das Stamniland derselben 
angenommen werden. W'ir haben es bereits oben (S. 66) versucht 
diese Frage im Grossen und Ganzen zu berühren und nach Mass- 
gabe unserer Kenntnisse einer endlichen Beantwortung näher zu 
bringen, so dass wir hier füglich zur Betrachtung der einzelnen 
Volksstämme, in welche dieser Rassentypns aufzulösen ist, über- 
gehen können. 

Uebersicht der Volksstämme, in Avelche die mongolische Kasse 

zerfällt. 

Eine exacte, dem wahren Thatbestande entsprechende Behand- 
lung dieser Frage ist heutzutage aus dem Grunde noch nicht mög- 
lich, weil die Sprachen der wenigsten Völker, Avelche hieher gehören, 
in hinreichendem Maasse bekannt nnd nach den Anforderungen des 
heut zu Tage geltenden wissenschaftlichen Standpunktes untersucht 
worden sind. Die Bestimmungen, welche die Ethnographie trifft, 
sind dem zufolge nur als vorläufige zu betrachten und werden mit- 
fortschreitender Erkenntniss dereinst besseren Platz machen müssen. 

Wir theilen , der Uebersicht wegen , die hieher gehörenden 
Völker in zwei Abtheilungen , die wir nach einem äusserlichen 
Merkmale der von ihnen gesprochenen Sprachen benennen, nämlich 



336 

in Völker mit mehrsilbigen und in Völker mit einsilbigen 
Spraclien. *) Wir könnten eben so gut dabei von dem Cultm-- 
grade , welchen die einzelnen hieher gehörenden Völker erveicht 
haben, ausgehen und dieselbe in die zwei Abtheilungen der cultur- 
losen und der Culturvölkern vertheilen. Allein da die Cultur nicht 
jenen auch äusserlich leicht erkennbaren Gegensatz darbietet wie 
die Form der Sprache, und auch andererseits die Völker mit 3iielir- 
silbigen Sprachen, sowie die mit einsilbigen möglicherweise 
zwei genealogische Einheiten bilden dürften, so haben wir es vor- 
gezogen, von der Sprache auszugehen, abgesehen davon, dass diese 
einen viel constauteren Factor bildet als die oft wandelbare und 
von Zufälligkeiten abhängige Cultur-Entwicklung, 

lieber das Verhältniss dieser beiden Abtheilungen zu einander 
müssen wir uns jeder bestimmteren Ansicht enthalten. Wir finden 
es vor der Hand im Interesse der strengen Wissenschaft gerathen, 
eine vollkommene Unabhängigkeit beider von einander anzunehmen, 
ohne damit die Möglichkeit geläugnet zu haben, dass es vielleicht 
einmal der W^issenschaft gelingen dürfte, eine Verwandtschaft beider 
zu statuiren. In gleicher Weise halten wir an einer Unabhängig- 
keit der .unter diese beiden Abtheilungen fallenden Stämme fest, 
ohne auch hier eine mögliche Verwandtschaft im vorhinein abzu- 
läugnen. Uns scheint eben die Trennung, namentlich anf diesem 
Gebiete, für den Fortschritt, sowohl der Sprachwissenschaft als auch 
der Ethnographie, viel mehr förderlich, als die auf nicht genug aus- 
reichende Beweise allzu voreilig gestützte Vereinigung. 

Nach den von uns über diesen Punkt angestellten Forschungen 
stellt sich die Uebersicht der in die mongolische Kasse fallenden 
Volksstämme folgendermassen dar: 

Ä. Völker mit mehrsilbigen Sprachen. 

1. Ural-altaische Völker. 

2. Japanesen. 

3. Koreaner. 

B. Völker mit einsilbigen Sprachen. 

1. Tübeter und Himalaya-Völker. 

2. Barmanen und Lohita- Völker. 



*) Wie Kenner dieser Sprachen -wissen, sind diese Ausdrücke nicht ganz 
richtig; wir behalten sie aber als allgemein gebrauchte bei. insofern als die 
charakteristische Tendenz beider Sprachclassen damit kurz angedeutet wird. 



337 

3. Thai-Völkev. 

4. Annamiten. 

5. Chinesen. 

l). Isolirte Völker der binterindischen Halbinsel. 

A. Völker mit mebrsilbigeu Sprachen. 

1. Ural-altaische Völker. *) 

Man bezeichnet diese Völker mit dem Namen der ural-altai- 
scheu deswegen, weil der Stammsitz derselben in der Gegend 
zwischen dem Ural und Altai gesucht wird. Der genealogische 
Znsammeuhang aller dieser Völker, welcher namentlich in der neuesten 
Zeit durch die Bemühungen des Sprachforschers A. Castren wissen- 
schaftlich festgestellt wurde, ist nicht mit dem Maasse, das man 
au der Hand der auf dem Gebiete der flectireuden Sprachen ge- 
wonnenen Erfahrungen sich gemacht hat, zu messeu. Die Eut- 
wicklungsgeschicbte der ural-altaischeu Sprachen weicht von jener der 
flectirenden Sprachen ganz ab, insofern wir nicht die absteigende, 
sondern die aufsteigende Phase an ihr beobachten können. Sie 
hat daher mit jener der malayo-polyuesischen Sprachen grosse 
Aehnlichkeit : wie dort zeigt sich die Verwandtschaft nicht so sehr 
in der massenhaften Uebereinstimmung fertiger Worte, als vielmehr 
in der Einheit des Bildungspriucipes, der Pronominal- und der den 
Stämmen zu Grunde liegenden Verbalwurzelu. 

Der ural-altaische Volkstamm zerfällt in fünf Zweige, nämlich: 
a) den samojedischen, b) den finnischen, c) den tungusischefi, d) den 
mongolischen und e) den tatarischen. 

a. Der samojedische Zweig. Die Samojeden**) waren 
ursprünglich die Bewohner der sajanischen Gebirgskette und ver- 



*) Vergl. Pauly, T. de, Description ethnographique des peuples de la 
Russie, S. Petevsbourg 1862, fol". Schnitzler, J. H.. L'empire des tsars, au 
point actuel de la science, Paris 1856, 8", 4 voll., vol. II, (1862). La population. 
Castren, Ethnologische Vorlesungen über die altaischen Völker, St. Peters- 
burg 1857, 8". Fischer, Johann Eberhard, Sibirische Geschichte, St. Peters- 
burir 1768, 8", 2 Theile. Der allerneueste Staat von Siberien, . . . Entdeckend . .,. 
die Sitten und Gebräuche der Samojeden, Wagullen, Calmuken, Ostjaken, Tun- 
gusen, Buratten, Mongolen und anderer tartarischen Völker, Nürnberg 1720, 8". 

**) Der Name Saniojed, welcher russisch so viel wie „Selbstesser" bedeutet, 
indem angeblich die Samojeden ehemals Cannibale'n gewesen sein sollen, dürfte 
der Volksetymologie zu Liebe aus Samod entstanden sein, mit welchem Namen 

Müller, AUg. Ethnographie. 22 



338 

breiteten sich von da aus an den Flüssen , welche diesem Gebirge 
entspringen , nämlich dem Jenissei und dem Ob. Später wurden 
sie durch das Eindringen ostjakischer und tatarischer Stämme zer- 
sprengt und in die nördlichen Gegenden zurückgedrängt. Die 
Samojeden waren ehemals ein zahlreiches Volk, heut zu Tage stellen 
sie in einer Gesammtzahl von etwa 16.000 Seelen nur Trümmer 
desselben dar. Sie bewohnen gegenwärtig die Küsten des Eismeeres 
vom sogenannten Aveissen Meere bis an die Chatanga-Bucht,*) und 
reichen vom Eismeere im Norden bis zu den sajanischen Bergen 
im Süden. Sie zerfallen in vier Stämme, Avelche verschiedene 
Dialekte reden. 

Diese vier Stämme sind: 1. Der jurak'sche; derselbe er- 
streckt sich vom weissen Meer im Westen bis zum Jenissei im 
Osten, wo er auf den waldlosen Tundern des Eismeeres nomadisirt. 
Nach Castren kann man fünf Mundarten der Jurak- Samojeden 
unterscheiden, nämlich: a) die Kanin-timan'sche, b) die Ishem'sche, 
c) die Bolscheserael-obdor'sche, d) die Kondin'sche oder Kasym'sche 
und e) die jurak'sche im engeren Sinne. 2. Der tawgy'sche-, 
derselbe reiht sich ostwärts an den jurak'schen Stamm an, wo 
er auf den Tundern längs des Eismeeres bis an die Chatanga-Bucht 
nomadisirt. Man kennt die Tawgy auch unter dem Namen der 
Awam'schen Samojeden. 3. Der j enissei'sche; dieser Stamm 
wohnt zwischen den beiden vorhergehenden, auf den Tundern des 
unteren Jenissei. Castren unterscheidet innerhalb der Sprache des- 
selben zwei Mundarten, nämlich die Chantai-Karassin'sche und die 



noch gegenwärtig um Aichangel die Samojeden von den Russen bezeichnet 
werden. Er ist wahrscheinlich mit dem Namen Suomi (Finne) und Same, Sabme 
(Lappe) verwandt und datirt aus einer Zeit, wo Finnen, Lappen und Samojeden 
in unmittelbarer Nähe zusammen wohnten. Vergl. Fischer, J. E., Sibirische 
<jeschichte I, 118. Wir bemerken, dass üuch Castren, die erste Autorität auf 
diesem Gebiete, eine enge Verwandtschaft der Samojeden mit den Finnen an- 
nimmt. Ueber die Samojeden vergl. ausser Pauly noch Castren, Ethno- 
logische Vorlesungen über die altaischen Völker, St. Petersburg 1857, 8". Des- 
selben Grammatik der samojedischen Spraclien , 1854, 8", und Müller, 
Ferdinand Heinr., Der ugrische Volksstamm, Berlin 1837, 8°, I, 312. 

*) Fischer (Sibirische Geschichte, I, 117) liisst die Samojeden vom 
weissen Meere bis an den Lenastrom reichen, worin ibm Berghaus (Physi- 
kalischer Atlas, II. Ethnographie Nr. 13) folgt, während Klaproth (Asia 
polyglotta, Paris J823, 8", p. 139) die Ausdehnung in Uebereinstimmung 
mit den neueren russischen Quellen bis zur Chatanga-Üucht angibt. 



339 

Baicha'sche. 4. Der ostjak'sche. Die Ostjak-Samojeden bewohnen 
die Waldregiou am Ob und dessen Nebenflüssen, zwischen dem Tym 
und Tschulym. Nach Castren umfasst ihre Sprache drei Mundarten, 
nämlich die nördliche (Tvm-Narym'sche), die mittlere (Kefsche) und 
die südliche (Tschulynrsche). 

Von diesen vier Stämmen sind die beiden ersten Kenthier-Noma- 
den, der vierte ein Stamm, der sich vorwiegend durch den Ertrag 
der Jagd und des Fischfanges ernährt, während der dritte an beiden 
Beschäftigungen Theil nimmt. Auch in Betreff ihrer Wohnungen 
unterscheiden sich diese Stämme, insofern als die nomadisirenden 
unter Zelten wohnen, die Jagd und Fischfang treibenden dagegen 
kleinerer Hütten, sogenannter Jurten, sich bedienen. 

Zu den Samojeden gehören ihrer Abstammung nach folgende 
Stämme: 1. Die Sojoten, zwischen dem sajanischen Gebirge und 
dem Altai und Changai und den Flüssen Tas und Baschkus. Sie 
stehen gegenwärtig unter chinesischer Oberhoheit und werden von 
den Chinesen Ul-yang-hai genannt; 2. die Matoren am Flusse 
Tuba, östlich vom Jenissei und nördlich von den sajanischen Bergen; 
'3. die Koibalen, auf beiden Seiten des oberen Jenissei; 4. die 
Karagassen,*) in den sajanischen Bergen an der Uda, und 
5. die Kamassinzeu um Abakansk und Kansk. 

Gegenwärtig haben alle diese Stämme ihre Sprache und ihre 
Sitten aufgegeben und sind grösstentheils tatarisirt, zu einzelnen 
Theilen auch burjatisirt worden. 

b. Der finnische Zweig. Zu welcher Zeit die Finnen 
von ihren Verwandten in Hochasien sich losgerissen und in die 
Gegenden des nördlichen Europa gezogen haben, ist schwer zu be- 
stimmen. Jejloch ranss dies geraume Zeit vor Beginn unserer Zeit- 
rechnung geschehen sein, da Ptolemäus**) und Tacitus***) dieselben 
in der Gegend des heutigen Littauens und an der Weichsel bereits 
kennen. Heut zu Tage bewohnen die Finnen das nordöstliche Europa 
und nordwestliche Asien. Man theilt den finnischen Zweig in 
folgende vier Familien : 



*) Vgl. Zeitschrift für Erdkunde der Berliner Gesellschaft 1860, pag. 400. 
**) Claudii Ptolemaei geographiae Hbri octo ed. F. G. Willbevg, Essendiae 
1838. fol». pag. 200. 

***) Germania, cap. XXVI, wo ein prägnantes Bild ihi-er tiefen Cultur- 
stufe entworfen wird. 

22* 



340 

1. Die ugrische Familie. Zu ihr gehören: a) die Ostj aken,*) 
welche in einer Stärke von etwa 23.000 Seelen im Gouvernement 
Toholsk und theilweise im Gouvernement Tomsk sich aufhalten 
lind theils als Nomaden, theils als Fischer und Jäger ein ärmliches 
Leben führen; b) die Wogulen,**) welche etwa 7000 Köpfe stark, 
im nördlichen Ural, an der Konda bis hinauf zur Ssoswa als Jäger 
umherziehen, und c) die Magyaren in Ungarn und Siebenbürgen. 

2. Die bulgarische oder Wolga-Familie. In dieselbe 
fallen: a) Die Tscheremiss eu,***) welche ungefähr 200.000 
Seelen stark als Ackerbauer an der linken Seite der Wolga im 
Gouvernement Kasan sesshaft sind. Sie reichen im Norden bis 
zur Kama und Wjatka, im Süden bis gegen Orenburg. b) Die 
Mordwinen. t) Sie wohnen in einer Gesamiutzahl von etwa 
700.000 Seeleu als Ackerbauer und Bienenzüchter zwischen den 
Flüssen Oka und W^olga in den Gouvernements N. Nowgorod, Tam- 
bow, Pensa, Simbirsk, Saratow und Samara bis nach Astrachan. 
Sie zerfallen in zwei dialektisch von einander geschiedene Stämme, 
nämlich in die Mokschas, au der Sura und Mokscha und die 
E r s a s an der Oka. 

Der Abstammung nach gehören in diese Familie auch die 
Tschuwaschen,ff) welche etwa 670.000 Seelen stark im Ge- 
biete der sogenannten kasan'schen Tataren in den Gouvernements 
Kasan, Simbirsk, Samara, Orenburg, Saratow und Perm wohnen, 
während sie dagegen ihrer Sprache nach in die Gruppe der tata- 
rischen Völker gezählt werden müsseu. 

3. Die permische Familie. In dieselbe fallen: a) die 
Permi er, tff) im Flussgebiete der Kama, wo sie in einer Gesammt- 
anzahl von etwa 60.000 Seelen als Ackerbauer lebeu. Ihr Gebiet 
ist das altberühmte Bjarmaland , bekannt aus den Fahrten der 

4 

*) Müller. Johann Bernhard, Leben und Gewohnheiten der Ostjaken. 
eines Volcks, dass bis unter dem Polo Arctieo wohnet, Berlin 1720, 8". Müller, 
Ferdinand Heinr., Der ugrische Volksstamm. Berlin 1837, 8", I, 300. 

**) Ueber die Wogulen vgl. Ermans Archiv XX, 150, XXV, 72, Zeitschrift 

für Erdkunde der Berliner Gesellschaft, 1859, pag, 222, Globus VIII, 91, 115. 

Müller, Ferdinand Heinr.. Der ugrische Volksstamm, Berlin 1837, 8", I. 162. 

***) Vgl. Erman's Archiv, XVII, 386. Müller, F. H., a. a. 0., 462. 

t) Müller, F. H., a. a. 0., II, 468, und Ahlquist, August. Mokscha- 

niordwinische Grammatik, St. Petersburg 1861, 8". 

tt) Ueber die Tschuwaschen vgl. Erman's Archiv III, 70, IX, 562, XIII, 
70, XVIII, 39. Müller, a. a. 0., II, 453. 

ttt) Müller, Ferd. Heinr., a. a. 0., II, 382. 



341 

skandinavischen W'ikingsfahrer ; b) die Syrjänen*); sie wohnen 
nördlich von den Penuiern an der Petschora und den von rechts 
einmündenden Nebenflüssen der Dwina, in den Gouvernements 
Archaugel und Wologda, wo sie sich etwa ÜO.OOO Seeleu stark als 
Ackerbauer augesiedelt haben; c) die Wotjakeu**); sie wohnen, 
230.000 Seelen stark au der oberen Kama und au der Wjatka im 
Gouvernement Wjatka und in einzelnen Gebieten der Gouvernements 
Kasan und Oreuburg. 

4. Die finnische Familie im engeren Sinne. In dieselbe 
fallen: a) die europäischen Finnen (Suomi )***), welche das 
beutige Finnland, von dessen Gesammtbevölkerung sie fünf Sechstel 
ausmachen (1,400.U00), und einzelne Theile der Gouvernements 
Petersburg, Nowgorod, Archaugel, Twer,'01ouetz (in einer Gesammt- 
stärke von etwa 200.000 Seelen) bewohnen. Zu den Suomi gehören 
die Kareleu, welche eheujals im Bjarmalande wohnten, von wo 
sie im 8. Jahrhunderte auszogen , um sich längs des bottnischen 
Busens zu verbreiten. Sie wohnen gegenwärtig am westlichen und 
nördlichen Ufer des Ladoga-Sees und in den Gouvernements Peters- 
burg und Twer. Ferner die Tschuden, d. h. die mit den 
Tawastern nahe verwandten Wessen, in den Gouvernements Now- 
gorod und Olonetz , wo sie in schwachen Ueberresten vorkommen, 
und die Woteu oder südlichen Tschuden; b) die Ehsten; sie 
bewohnen , etwa 100.000 Köpfe stark, das heutige Ehst- und Livland, 
wo sie seit deu ältesten Zeiten angesiedelt sind. Einzelne Colouien 
derselben finden sich seit der neuesten Zeit auch im Gouvernement 
Pleskau; c) die Liven; sie waren die ursprünglichen Bewohner 
Livlands , sind aber hier von den Letten theils verdrängt, theils 
ihrer Nationalität beraubt worden, so dass sie gegenwärtig nur 
einen schmalen Küstensaum an der Nordspitze vou Kurland in einer 
Reihe von Dörfern von Lyserort bis an den Meerbusen von Kiga 
in einer Ausdehnung von etwa 10 Meilen bewohnen. Zu den Liven 
gehörte auch der nunmehr ausgestorbene Stamm der Kiew in gen; 
d) die Lappen (Sabme)t); dieselben waren die ursprünglichen 



*) Müller, F. H., a. a. 0., II, 382. 
**) Müller, F. H., a a. 0., II, 388. 
***) Müller, Ferdinand Heinr. , Der ugrische Volksstamm, Berlin 1837, 
8". I, 487. Helms, Henrik, Finnland und die Finnländer, Leipzig 1869, 8^. 

t) Müller, Ferdinand Heinr., Der ugrische Volksstamm, Berlin 1837, 
8", I, 496. Frisch, J., Die Lappen und ihre Lebensweise (Globus XIIl, 205, 
24.5). Helms, Henrik, Lappland und die Lappländer. Leipzig 1868, 8". 



342 

Bewohner Finnlands, von wo sie von den eindringenden Finnen 
immer mehr nach Westen und Norden verdrängt wurden. Gegen- 
wärtig bewohnen sie den äussersten Norden Europas, wo wir sie 
im Gouvernement Archaugel, in Finnland und in den inneren 
Theilen Schwedens und Norwegens etwa 20 Meilen von der Küste 
des bottnischen Meerbusens entfernt, bis zum ßb'^ und 64^ nördl. 
Breite herab, als Berg- und Seelappen, entweder angesiedelt oder 
nomadisirend finden. 

Wahrscheinlich sind auch der Abstammung nach hieher zu 
rechnen die Baschkiren*) (800.000 Seelen) mit den Mesch- 
tcherjäken und Teptjären (200.000 Seeleu), welche zu einem 
Volke vereinigt und sowohl tatarisirt, als auch dem Islam zugethan, 
in den Gouvernements Orenburg, Perm, Samara und Wjatka wohnen. 

Die meisten der hieher gehörenden Stämme sind durch den 
Einfluss civilisirter Völker über den Naturzustand hinausgekommen 
und habeu sich als Viehzüchter und Laudbauer an ein ansässiges 
Leben gewöhnt. Nur die Ostjaken und Lappeu sind durch die Natur 
des von ihnen bewohnten Landes gezwungen, das Kenthier-Nomaden- 
leben fortzuführen und sich nebenbei vom Fischfange zu ernähren. 
Ein wesentlicher Vorzug des finnischen Stammes vor seinen Ver- 
wandten ist es, dass einzelne Völker desselben das Christenthum 
und mit ihm auch die Civilisation des Abendlandes angenommen 
haben. 

Zwei von den hieher gehörenden Völkern sind auch in der 
Geschichte als handelnd aufgetreten, und es ist ihnen dabei gelungen, 
selbständige Staaten zu gründen. Wir meinen die Bulgaren und 
die Magyaren. Jedoch hat man unter den Bulgaren , wie sie in 
der Geschichte des Mittelalters auftreten, nicht blos finnische oder 
tschudische Völker zu verstehen, sondern auch mauche mit dies(3n 
verbündete tatarische Stämme. Während aber die Bulgaren ihre 
Sprache und ihre Nationalität eingebiisst und dieselben von ihren 
Unterworfenen, den südlichen Slaveu, angenommen haben, ist es 
den Magyaren gelungen, beide bis auf den heutigen Tag ungeschvvächt 
zu behaupten. 



*) Erman's Archiv, X., 357 und Müller, Ferdinand Heinr.. Der ugrisclie 
Yolksstamni, Berlin 1837, 8», I, 141. 



343 

c. Der tungusische Zweig. Derselbe umfasst die beiden 
Völker der Tiinguseu und Mandschu. Die Tungusen*) 
wohnen im sogenannten östlichen Sibirien , jenem Landstriche, der 
im Norden vom Eismeer, im Osten vom Lande der Tschuktscben 
und Korjaken und im Westen vom Jenissei begrenzt wird, dessen 
unerraessliche, mit Bergen, Sümpfen und undurchdringlichen Ur- 
wäldern bedeckte Strecken sie in einer Gesamniantzahl von etwa 
70.000 Seelen durchziehen. Sie leben grösstentlieils von der Jagd, 
nur ein ganz geringer Bruchtheil derselben widmet sich dem Fisch- 
fang oder der Viehzucht saramt dem Ackerbau. Sie werden als 
offen, aufrichtig, friedlich und gastfreundlich geschildert, aber mit 
einem starken Triebe zur Freiheit und Unabhängigkeit. Sie sind 
eifrige Anhänger des Schamanismus, der sich bei keinem Volke 
Sibiriens so unverfälscht wie bei ihnen findet. Die au der Pod- 
kamenaja Tuuguska streifenden Tungusen werden speciell Tscha- 
pogiren genannt, während man die an der unteren Tunguska 
wohnenden mit dem Namen Orotongen (Orotong-Tungusen) be- 
zeichnet. Die an beiden Ufern des Amur im Norden bis Jablonovoi 
Krebet von den Quellen des Amazar bis zu jenen des Oldoi wohnen- 
den Stämme nennt man speciell rotschonen, die östlichen Nach- 
barn derselben am linken Ufer des Amur werden mit dem Namen 
Maniagren bezeichnet. Die Daurier wohnen am Amur, vom 
Einflüsse des Khumar bis zu jenem des Ussuri, die Khoadsongen 
vom Einflüsse des Ussuri bis zum Dondon birra, die Ghelghanen 
oder Golden von den Sitzen der Khoadsongen bis zum See Kizi, 
und die Manguten von dem Sitze der Golden bis zu dem Sitze 
der Giljaken. 

Die Mandschu bewohnen die sogeuannte Mandschurei. Zu 
ihnen gehören auch die Lamuten (Meer-Tungusen) am ochotskischen 
Meer, welche in neuerer Zeit immer mehr nach Kamtschatka vor- 
dringen, wo sie die mittleren Theile des Westgebirges in Besitz ge- 
nommen haben, und die sogenannten Schibä, imlli-Thaie, an der 
russisch-chinesischen Grenze. 

Die Mandschu sind ein aufgewecktes, kriegerisches, mit grosser 
Energie begabtes Volk, dem es 1G44 gelang, sich in den Besitz des 
Thrones von China zu setzen und das Land sammt den zahlreichen. 



*) Ueber die Tungusen vgl. Erman's Archiv IV, 5. XVII, 581, XXI, 18, 
Zeitschrift für Erdkunde der Berliner Gesellschaft 1858, p. 48, und Castren, 
Tungusische Sprachlehre, St. Petersburg 1856, 8". 



344 

ihm an Zahl bei weitem überlegenen Horden, bis auf die neueste 
Zeit zu beherrschen. In den alten Anualen Chinas wird mehrerer 
Tungusenstämme Erwähnung gethan, welche einen thätigen Antheil 
an den Geschicken des Keiches der Mitte genommen haben. Die 
erste Erwähnung dieser Stämme datirt aus dem 11. Jahrhundert 
vor Beginn unserer Zeitrechnung und bezieht sich auf einen Stamm 
Su-tschin (wahrscheinlich den gegenwärtigen Stamm Niutschi). 
Im Jahre 263 n. Chr. wird ein Stamm Iliu erwähnt, welcher einen 
Tribut in Panzern, Pfeilen, Bogen und Zobelfellen darbrachte. 

d. Der mongolische Zweig. Derselbe zerfällt in drei 
Familien: 1. Die Ostmongolen*), w^elche die sogenannte Mongolei 
bewohnen, jenes Land, welches von Sibirien im Norden bis nach 
China im Süden, von der Mandschurei im Osten bis zur sogenannten 
hohen Tatarei im Westen sich erstreckt. Dies iat das eigentliche 
Stammland der Mongolen, wo der Grundstock dieses Volkes sich 
immer noch befindet und von wo die anderen Zweige ausgezogen sind. 
Sie zerfallen in zwei Abtheilungen, nämlich die Schara-Mongolen, 
im Süden bis gegen Tübet, und in die Kalka-Mo ugolen, im 
Norden der Wüste Gobi. 2. Die Westmongolen oder Kal- 
müken (Oelöten).**) Der Ursitz derselben ist die sogenannte 
Dsuugarei. Durch Zwistigkeiten im Innern, sowie durch die Be- 
wegungen, welche in Folge der Eroberungszüge Tschinggis-Chans 
eintraten, wanderten einzelne Stämme derselben gegen Westen, wo 
sie in verschiedenen Gegenden sich niederliessen. Ein ansehnlicher 
Wanderungsstrom bewegte sich gegen den Altai, von da gegen die 
Kirgisensteppe, von da weiter gegen das Quellengebiet des Tobol. 
endlich an den Muchadschar- Bergen vorüber nach dem Uralfluss 
und der Mündung der Wolga. Dort, in der Steppe zwischen der 
Wolga und dem Ural, um Astrachan und Stawropol, bis gegen 
Saratow, nomadisiren nun seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts 
diese Kalmüken (Torgoten), wo sie oft mit den Mitgliedern der 
Herrnhuter- Gemeinde Sarepta in Berührung kommen. Die am 
Altai angesiedelten Kalmüken sind auch unter dem Namen der 



*) Vergl. Bitschurinski, Jakinf, Die Bevölkerung und Verwaltung 
der Mongolei (Erman's Archiv, IV, 534). 

**) Vgl. Globus IX,, 379. Sie werden auch Durban oirad (die vier Ver- 
bundenen) genannt, weil sie seit Alters aus vier Stämmen bestehen, nämlich 
aus den Dsungar, Torgot. Choschod und Dar bat. (Castreu, Ethnolog. 
Vorlesungen, 42). 



345 

s h w a r z e u K a 1 m ü k e u bekannt, zum Unterschiede von den T e 1 e u - 
teu oder weissen Kalmüken, welche im Gouvernement Tomsk 
leben und tatarisirt worden sind. 3. Die Burjaten*). Dieselben 
•wohnen etwa 200.000 Seeleu stark im südlichen Theile des Gouverne- 
ment-; Irkutsk in Sibirien und in jenem Lande, welches um den 
Baikal-See herum liegt, von der chinesischen Grenze bis zum Fluss- 
gebiete der Lena und vom Onon bis zur Oka. Sie sollen dort schon 
vor dem Auftreten Tschiuggis-Chans angesiedelt gewesen sein. 

Einige Mongolenstämme, die sogenannten Aimak und Haza- 
rah, wohnen im nordöstlichen L-än, von wo sie auch in das nord- 
westliche Lidien hinüberziehen; sie sprechen einen mongolischen 
Dialekt, der nicht unbedeutend durch das Persische influeuzirt 
worden ist. 

Die Mongolen, obwohl kriegerisch und brutal, sind dennoch 
im Ganzen ein träges, phegraatisches Nomadenvolk, und stehen dem 
Jägervolke der Tungusen an Energie und Raschheit nach. Diese 
Eigenschaften, sowie namentlich der Umstand, dass sie durchgehends 
orthodoxe Buddhisten (Lamaisten) sind, eifrige Anhänger einer Lehre, 
welche Frieden und Versöhnung predigt, macht dieses furchtbare 
Eroberervolk gegenwärtig den umgebenden Völkern wenig gefährlich. 
Sie sind unter allen Völkern Hochasieus unstreitig das mächtigste 
und tüchtigste, sie könnten leicht, wenn ein neuer Teniudschin unter 
ihnen erstünde, sich zu Herreu von China und vielleicht von ganz 
Asien macheu. Dass sie die Kraft haben, unermessliche Dinge zu 
verrichten, wenn sie von einem talentvollen Manne aus ihrer Mitte 
begeistert und geführt werden, dies beweisen ihre Züge unter 
Temudschin (Tschiuggis-Chan), Temir (bei uns gewöhnlich Timur- 
lang oder Tamerlan genannt) und Baber, dem Stifter des indischen 
Mogul-Reiches. Die Mongolen haben das grösste Reich gegründet, 
welches je die Erde gesehen, sie haben ganz Asien erobert und 
sich zu Herren von einem grossen Theile Europas gemacht; aber auch 
kein Reich war von so geringer Dauer, wie das mongolische. 

e. Der tatarische Zweig.**) Als die ürheimath dieses 
Zweiges, der sich gegenwärtig in seinen einzelnen Ausläufern von 
den grünen Gestaden des Mittelmeeres bis an die eisigen Ufer der 
Lena in Sibirien erstreckt , muss Turkestan betrachtet werden , von 



*) Vergl. Erman's Archiv, III, 5Ü, und Ca streu Burjatische Sprach - 
leiire, St. Petersburg 1857, 8». 

**) Vf,'l. Vambery. Arm., Sketches of Central- Asia, Loiulon 1868. 8". 



340 

wo wahrscheiulicli schon vor Beginn uusever Zeitrechnung mehrere 
Stämme nach verschiedenen Kichtungen ausgezogen sind und sich 
den einzelnen Eroberungen der hochasiatischen Völker angeschlossen 
haben. Die Tataren sind unter den Völkern der mongolischen Rasse 
die ersten, welchen wir in der Geschichte des Abendlandes begegnen. 
Sie haben gleich den Mongolen grosse, mächtige Reiche gegründet, 
das Römerreich gezüchtigt und ganz Europa in Schrecken gesetzt. 
Die Throne Chinas, Persiens, Indiens, Syriens, Aegyptens und des 
Chalifenreiches wurden von Tataren in Besitz genommen. Mit Aus- 
nahme der Jakuten , durchwegs Anhänger des Islam , sind die 
Tataren dem Gebote des Propheten sich mit dem Schwerte das 
Paradies zu erkämpfen, stets getreulich nachgekommen. Trotz den 
vielfachen Eroberungen sind sie sämmtlich nomadisireude Hirten 
geblieben, welche bei gebotener Gelegenheit in räuberische Kriegs- 
horden sich verwandeln. 

Die älteste Geschichte der Tataren, die wir vornehmlich aus 
Abulghazi Behadur Chan*) und dessen Quelle Raschid-ed-din**) 
schöpfen müssen, ist durch islamitische Tendenzen vielfach getrübt. 
Sie fängt gleich den anderen von Muhammedanern verfassten Ge- 
schichtswerken mit Noah an und läuft durch eine Reihe augenschein- 
lich erfundener Genealogien bis auf die historisch beglaubigten 
Zeiten herunter. 

Japhet, dem von seinem Vater der Osten zugewiesen worden 
war, und der an den Strömen Etel und Jaik wohnte, hatte acht Söhne, 
deren ältester, Turk, in der Gegend um den Issi-köl sich nieder- 
liess. Einem seiner Nachkommen, Aeländschä-Chan, wurden Zwillinge 
geboren, deren einer Tatar, der andere Mongol hiess. Unter 
diese beiden wurde das Reich getheilt. Ein Nachkomme Mongols 
war Oghuz-Chan. Dieser wird von der Sage als zweiter Abraham 
geschildert; er ist ein eifriger Muslim, welcher alle anderen zu 
seiner Religion zu bekehren sucht. Oghuz-Chan ging in seinem 
religiösen Eifer so weit, dass er mehrere Frauen, die seinen Glauben 
anzunehmen sich weigerten, verstiess. 



*) Abul-ghazi Behadur Chan, Histoire des Mogols et des Tataies 
publ. par Le Baron Desmaisous, S. Petersbourg 1871. 8°. Deutsche Uebersetzung 
von Messerschmidt, Göttingen 1780, 8". 

**) Raschid- ed - (1 i n, Historie des Mongols publ. par Etienne Quatre- 
mere, Paris 1835, fol. (Collection Orientale, Tom. I.). 



:U7 

Als dor Vater Oghuz-Cliaus von dem Fanatismus seines Solmes 
hörte, ward er gegen ihn aufgebracht und traclitete ihm nacli dem 
Leben. Dieser hatte aber bereits eine Reihe von Anhängern sich 
erworben, welciie ihn vor den Nachstellungen des Vaters beschützten. 
Er nannnte dieselben Uigur (Helfer). Dies sind dio Ahnherren 
des späteren mächtigen üigurenstammes. 

Oghuz-Chan führte iiierauf mit seinem Vater einen Krieg, aus 
dem er schliesslich als Sieger hervorging. Er unterwarf sich dann 
die Keiche Khatai, Kara-Khatai und Tangut. Besonders mit Kara- 
Khatai hatte er eine hitzige Schlacht zu kämpfen, während welcher 
das Weib eines gefallenen Befehlshabers in einem hohlen Baume 
(Kip tschak) einen Sohn gebar. Dieser wurde der Staminyater der 
so benannten türkischen Horde und Gründer des Reiches Kiptschak. 

Oghuz-Chan starb nach einer 116 Jahre langen Regierung. 
Von seinem Tode bis auf Temudschin rechnet mau 4000 Jahre; 
also wäre die Regierungszeit Oghuz- Chans auf das Jahr 2800 
V. Chr. anzusetzen. 

Mehr sichere, wenn auch nicht bedeutend reichlichere Nach- 
ricliten über die Tataren erfahren wir aus den alten Annalen der 
Chinesen.*) Die Tataren kommen dort frühzeitig unter dem 
Namen Hiong-nu vor. Sie sollen vou dem mythischen Kaiser 
Hoang-ti, welcher um 2700 vor Beginn unserer Zeitrechnung lebte, 
nach Norden verdrängt worden sein. 

Die Beschreibung, welche die chinesischen Annalen von den 
Hiong-nu entwerfen, ist besonders deswegen interessant, weil die 
meisten Züge mit den noch heut zu Tage bei den hochasiatischen 
Stämmen geltenden Sitten und Gebräuchen zusammenstimmen, und 
auch die Schriftsteller des Abendlandes Aehnliches über die während 
der Völkerwanderung auftretenden Völker tatarischer Abstammung 
berichten. 

Als Begründer des Hiong-nu-Reiches gilt Maotun , Sohn des 
Toraau, der im Jahr 209 vor Beginn unserer Zeitrechnung zur 
Regierung gelangte. Er unterwarf sich ganz Hochasien und griff 
auch China au, das einen Frieden mit ihm unter harten Bedingungen 
erkaufen mnsste. Später eroberte er Turkestan, die Bucharei und 
alles Land bis zum kaspischen Meere. 



*) Vergl. Neu mann, K. F., Die Völker des südlichen Russlands in 
ihrer geschichtlichen Entwicklung, Leipzig 1847, 8", und Castren. A., Ethno- 
logische Vorlesungen über die ural-altaischen Völker, St. Petersburg 1857, 8". 



348 

Im Jahre 48 u. Chr. zerfiel das Eeich der Hiong-iiii in zwei 
Theile, ein nördliches und ein südliches. Ersteres verschwand bald 
vom Schauplatze der Geschichte, nachdem es von den südlichen 
Hioug-nu, den Chinesen und zwei anderen Völkern, den Sieu-pi und 
den Ting-ling angegriffen worden war. Das eroberte Land wurde 
von den Sien-pi, einem Tungusenstamme, in Besitz genommen. 

Die Sien-pi verbündeten sich zu wiederholten Malen mit den 
südlichen Hiong-nu gegen China, welches schliesslich den Entschluss 
fasste, die Barbaren in sein Gebiet aufzunehmen und zu colonisiren. 
Nach dem Auftreten verschiedener kleinerer Keiche begegnen wir 
endlich im sechsten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung einem 
grösseren tatarischen Stamme, nämlich den Tu-kiu. 

unter diesem Stamme haben wir gewiss nichts anderes als 
die Türken des Abendlandes zu verstehen, da der Ausdruck Turk 
nach chinesischer Aussprache Tu-kiu lautet. Die Erzählung, welche 
die chinesischen Annalen über den Ursprung dieses Volks vorbringen, 
das sie mit den Hiong-nu in Verbindung setzen, ähnelt zu sehr 
jener bekannten von Eomulus und Eemus, und findet sich zu oft 
bei den morgenläudischen Schriftstellern, als dass sie im entferntesten 
authentisch sein könnte. 

Der Begründer der Herrschaft der Tu-kiu ist Turnen, der im 
Jahre 54(3 das tungusische Reich der Tseu-tsen, deren Vasall er 
war, im Vereine mit den To-po erschütterte und vernichtete. Sein 
Sohn Mokau gründete in Hochasien ein grosses Keich , und trat 
mit dem oströmischen Reiche, unter Justin IL, in Verbindung. Das 
Reich der Tu-kiu dauerte bis zum Jahre 745, wo es von den Kao- 
tsche, einem Zweige der Uiguren, zerstört wurde. 

Die Uiguren sind unstreitig der am weitesten in der Cultur 
fortgeschrittene Stamm der Tataren. Sie hatten frühzeitig eine 
eigene Schrift und Literatur; von der ersteren machen die Chinesen 
schon im Jahre 478 Erwähnung. Wahrscheinlich ist darunter eine 
nun verloren gegangene Schrift zu verstehen, die sich noch heut zu 
Tage auf einigen Inschriften findet. Später nahmen die Uiguren 
bekanntlich von den nestorianischen Missonären die syrische Schrift 
an, *) aus Avelchen sich auch die Schrift der Mongolen , Kalmüken 
und Mandschu entwickelte. 



I 



*) Vergl. Vambery, Herrn., Uigurische Sprachmonumente und das 
Kudntku bilik, Innsbruck, 1870, 4". 



349 

Nach den Berichten <ier Chinesen waren am Hofe des niguri- 
schen Clians eigene Chronikenschreiber angestellt. Westlich vom 
Lop-See traf ein chinesischer Pilger bereits zu Anfang des fünften 
Jahrhunderts gegen 400 Bnddhisten und um dieselbe Zeit circulirten 
unter den Uiguren manciie chinesische Werke in uigurischer Ueber- 
setzung. Neben dem Buddhismus und der chinesischen Bildung 
landen auch der persische Zarathustra-Glaube, die Lehre Mauis und 
das nestorianische Christenthum vielfach Eingang. 

Die Uiguren haben sich durch lange Zeit als ein eigener 
Stamm behauptet und standen weg^ ihrer Bildung und Cultur in 
hohem Ansehen. Später vermischten sie sich mit Mongolen, Chinesen, 
Arabern und mehreren muhammedanischen Tatarenstämmen und ver- 
loren dadurch sowohl ihre Bildung, als auch ihre Nationalität. 

Neben den eigentlichen Uiguren (Kao-tsche) kommen noch 
zwei andere Uigurenstämme in der Geschichte vor, nämlich die 
Oezbegen, welche im 16. Jahrhundert aus Innerasien über den Dschihun 
vordrangen und sich in den Besitz von Balch, Chiva, Buchara, 
Ferghanah u. s. w. setzten, und die Seldschuken, welche im 
11. und 12. Jahrhunderte besondere Dynastien in Mesopotamien, 
Syrien, Persien und Kleinasien gründeten, und von denen auch die 
heutigen Osmanly abstammen. 

Gegenwärtig vertheilt sich der tatarische Zweig in folgende 
Völker : 

1. Die Jakuten (Sachalar), die nordöstlichsten Ausläufer 
dieses Zweiges. Sie leben in einer Gesammtanzahl von etwa 200.000 
Seelen zwischen den Tungusen vorzugsweise an den beiden Ufern 
der Lena bis zum Eismeere hin, ferner im Westen an der Anabara 
und im Osten an der Jana, ludigirka und Kolyma. Im Süden reichen 
sie bis an den Aldan und die obere Maia. In Jakutsk ist ihre 
Sprache die Conversationssprache der Kaufmannswelt. Sie zeichnet 
sich von allen bekannten tatarischen Idiomen durch die grösste 
Alterthümlichkeit aus ; sie ist das Sanskrit der tatarischen Sprachen. 
Die Jakuten sind grösstentheils Nomaden und haben in der neuesten 
Zeit, bis zu welcher sie dem Schamanismus anhingen, das Christen- 
thum angenommen. 

2. Die sibirischen Tataren.*) Dieselben sind vor alter 
Zeit in jenen Gegenden , welche ursprünglich von den Samojeden 



*) Vergl. Völker türkischer Sprache im südlichen Sibirien (Erman's 
Archiv VI, 724\ 



350 

und den Finnen besetzt gewesen wiireu, eingezogen und haben sich 
mit ihnen in mannigfacher Weise vermischt. Man kann unter 
diesen Tataren, die theils nomadisiren, theils ansässig sind, drei 
Gruppen unterscheiden, nämlich: a) die Tataren von Tobolsk und 
Tomsk (ungefähr 40.000 Seelen), b) die Tataren von Jenisseisk 
(etwa 22.000 Seelen) und c) die weissen Kalmüken (Teleuten) des 
Gouvernements Tomsk (4000 Seelen), welche urspiünglich Kalmüken 
waren, gegenwärtig aber ganz tatarisirt worden sind. Unter dem 
Ausdrucke Barabinzen begreift man jene Stämme, welche die 
Steppe Baraba zwischen dem Irtisch und dem Ob bewohnen. 

3. Die schwarzen Kirgisen*) oder Buruten. Sie be- 
wohnen das sogenannte chinesische Turkestan, das Land von den 
Thälern des Tian-schan und den Ufern des Issi-köl bis gegen Cho- 
kand, von wo sie nach allen Richtungen weite Raubzüge unter- 
nehmen. Sie sind blos dem Namen nacli Muhauimedaner, und werden 
von den Reisenden als gastfreundlich und treu im Frieden, aber 
im Kriege als ebenso grausam und unbändig geschildert. 

4. Die Kirgisen**) oder richtiger Kasaken. Sie sind der 
ausgedehnteste aller Tatarenstämrae und zerfallen in drei Abthei- 
lungen : 1) Die grosse Horde, welche grösstentheils unter chinesischer 
Oberhoheit stehend in Jarkand, Utschi, Tasclikend und in Turkestan 
uomadisirt: 2) die mittlere Horde, welche vornehmlich um den Bal- 
kasch-See herum bis zu den Quellen des Tobol sich aufhält, und 
3) die kleine Horde, welche nördlich vom Aral-See und dem kas- 
pischen Meere sitzt. 

5. Die Oezbegen. Ihre Sitze laufen von der chinesischen 
Tatarei, Bochara, Balch, Chiva, Ferghanah bis zum kaspischen Meer 
und Oxus. 

6. Die Turkomanen südlich vom Oxus, bis nach Kleinasien, 
gegen Armenien und Syrien , andererseits bis nach Chorasan. 

7. Die Karakal palen südlich vom Aral-See imd am unteren 
Lauf der Sir-Darya und Kuvan-Darya. 

8. Die Nogaier, welche etwa 50.000 Seelen stark zwischen 
dem schwarzen und kaspischen Meere am Kuban, an der Kuma und 

*) Vgl. Ermairs Arcliiv, XI. 4Ul. .Schott, üeber die äclitLii Kirgisen. 
(Abliiiiidlmigcn der Berliner Akademie 1864, S. 429 ff.) 

**) Müller, Kerdiiiaiid Hciiir.. Der ugrische Volkstamiu. Berlin 1837, 8", 
I, 227. lieber ibre Gescbiclitu vergl. Howurtli, Henry H., in Journal of the 
iintbiopoldgical Institute of Groat-Britain and Irland 1871, (Üctober) p. 226 ff. 



351 

an der Wolga sowie in der Krim wolinen. Sie eiitlialteu viele Ueber- 
reste der Chazareii, Petscbenegcn und Kumaneu, und sind staric mit 
Mongolen gemischt, 

9. Die Kumüken im nordöstlichen Kaukasus, am unteren 
Koisu und Terek. 

10. Die basianischen Türken, im nördlichen Kaukasus, 
südöstlich vom Berge Eiburs. 

11. Die kasan'schen Tataren,*) der üeberrest des mäch- 
tigen Tataren-Keiches Kiptschak an der Wolga. Sie leben in einer 
Anzahl von einer Million in den Gouvernements Kasan, Orenburg, 
Samara, Stawropol und den umliegenden Gegenden. 

12. Die Osmanly, die türkische Bevölkerung der europäischen 
Türkei und theihveise Klein-Asiens und Afrikas. 

Sprachlich sind zu den Tataren zu rechnen die bereits oben 
erwähnten Baschkiren im südlichen Ural, die Tschuwaschen, 
Meschtscherjäkeu und Teptjären au der Wolga. 

An diese Stämme ural-altaischer Abstammung, welche noch 
immer mit selbständiger Nationalität und Sprache fortleben , ist 
eine Reihe von Völkern anzuschliessen, welche im Verlaufe der Ge- 
schichte Europas auftreten, gegenwärtig aber bis auf geringe Spuren 
verschwunden sind. Es sind dies folgende: 

1. Die Scythen, **) Unter diesem Namen verstanden die 
Alten eine Reihe von Völkerschaften, die ethnologisch gar nicht 
zusammengehörten. Der Ausdruck repräsentirt überhaupt keinen 
ethnographischen Begriff, wie die meisten der von den Alten über- 
lieferten Namen. Gewiss waren manche der von den Alten mit 
der Bezeichnung Scythen belegten Horden ural-altaischer, speciell 
tatarischer Abkunft, wenn auch wieder andere sicher indogermani- 
scher Abstammung gewesen sein mögen. ***) 

2. Die Hunuen.f) Auch diese waren nach den Schilderun- 
gen der abendländischen Geschichtschreiber ural-altaischer Abkunft ; 



*) Müller, Ferdinand Heinrich, Der ugrische Vollisstamni, Berlin 1837. 
80, II, 446. 

**) Vergl. Cuno, J. G., Forschungen im Gebiete der alten Völkerkunde. 

Berlin 1871, 8", Vol. I. Ueber den Werth der darin aufgestellten Hypothesen. 

Tcrgl. V. Gutschmid's Recension im Literarischen Centralblatte 1871, S. 102.5! 

***) Vergl. Müllenhoff in den Monatsberichten der Berliner Akademie, 

1866, S. 549. 

t) Vergl. P allmann, R. , Die Geschichte der Völkerwanderung, Gotha 
1863, I, 86 flf.. Neumann, a. a. 0., 42 ff., und Zeuss, Kaspar, Die 
Deutschen und die Nachbarstämme, München 1837, 8", S. 706. 



352 

wahrscheinlicli sind unter diesem Namen mehrere tatarisch-finnische 
Stämme begriffen. 

3. Die Alanen, von den Chinesen An-tsai genannt.*) 

4. Die Koxolanen.**) 

5. Die Avaren. ***) Sie sind ein Theil der von den Tu-kiu 
und To-po im Jahre 546 u. Chr. zersprengten Tseu-tseu. Nachdem 
sie sich durch mehrere vom Westen her eingewanderte Schaaren 
verstärkt hatten, unterwarfen sie sich das bulgarische Keich und 
drangen bis an die Donau vor. Von da aus verheerten sie die 
angrenzenden Länder, besonders Ost-Kom, die Länder der Franken, 
Baiern, ferner Galizien u. s. w. Sie konnten sich jedoch nicht 
lange selbständig behaupten. Wahrscheinlich wurden sie von anderen 
mächtigeren Stämmen assimilirt, denn sie verschwinden nach und 
nach ganz aus der Geschichte. Ein Theil der Avaren eroberte 598 
die dalmatinische Küste, wurde aber später von den südlichen Slaven 
unterjocht. Dies sind die Morlaken, welche lange Zeit hindurch 
ihre Sprache und Sitten beibehielten, später aber beide ganz eiu- 
büssten. 

G. Die Bulgaren.!) Unter diesem Ausdrucke scheinen 
mehrere finnisch-tatarische Stämme begriffen zu sein. Die Bulgaren 
erscheinen zuerst unter Arschak I, König der Parther (127—114 
V. Chr.). Damals wohnten sie im Norden, von wo sie später gegen 
den Ararat zogen und sich dort niederliessen. Im fünften Jahrhun- 
dert n. Chr. zogen sie von da westlich gegen den Don und Dnjepr, 
wo sie unter die Herrschaft der Avaren geriethen. Im Jahre 635 
schüttelten die Bulgaren das Joch der Avaren ab uud stifteten unter 
ihrem Führer Kubrat das bulgarische Reich. Sie wurden immer 
mächtiger und eroberten schliesslich Mösien, welches damals von 



*) Vergl. Neuiuaini, K. F., Die Völker des südlichen Russlands in ihrer 
geschichtlichen Entwicklung, Leipzig 1847. 8", S. 35 ff. 
**) Zeuss. K., a. a. 0., 283. 
***) Neumann, a. a. 0., 90 iF. Zeuss, a. a. 0., 727. 

t; Neumann. a. a. 0., 90 ff. Zeuss, a.a.O., 710 ff. Rösler.R., hält 
(Romanische Studien, Leipzig 1871, 8", 233) die Bulgaren für einen Samojeden- 
stamm. wobei er sich hauptsächlich auf die Analyse einer Reihe von Ausdrücken 
im Rumänischen , die nach ihm auf das Bulgarische zurückgeführt werden müssen, 
stützt. Wir halten bei den mangelhaften Publicationen über den Wortschatz 
der finnischen Sprachen die Angelegenheit noch nicht für spruchreif. Vergl. 
übrigens die sehr lehrreiche ethnographische Schilderung dieses Volkes bei dem- 
selben Gelehrten, a. a. 0., S. 239. 



35:-i 

slavischen Stämmen bowolint war. Hier nahmen sie die Sprache 
ilirer Unterworfenen an und verloren ihre nationale Selbständisfkeit. 

7. Die Chazareii.*) Während der Völkerwanderunof lagerten 
die Chazaren nm den Kaukasns, von wo sie häufig in Armenien 
und Iberieu eintielen. Im Laufe des -achten Jahrhunderts gerietlien 
die Muliammedaner. bei ihrem Vorrücken gegen den Kaukasus, in 
einen harten Kampf mit denselben. Sie konnten jedoch dieselben 
nicht unterjochen, sondern im (iegentheile, die Macht der Chazaren 
wuchs immer mehr und mehr, so dass ihr Reich im 9. Jahrhundert 
vom Jaik bis zum Dnjepr und Bug und vom südlichen Ende des 
Kaukasus bis zur mittleren Wolga und Oka sich erstreckte.**) 
Die Chazaren standen lange Zeit mit den Bulgaren und norraanischen 
Russen in freundschaftlichem Verkehre bis sie mit anderen Völkern 
den Mongolen unterlagen und dabei ihre Sprache und Nationalität 
einbüssten. 

8. Die Petsch euegen.***) Wir finden die Petscheuegen zu- 
erst an der mittleren Wolga und am Jaik. Sie wohnten nördlich von 
den Bulgaren, östlich von den Chazaren und waren dem grossen 
türkischen Reiche in Hochasien zinspflichtig. 

Als das grosse türkische Reich zerfiel, wanderten die Pet- 
scheuegen mit andern verwandten Horden gegen Westen und Hessen 
sich an den Ufern des kaspischen Meeres nieder. Hier geriethen 
sie in einen blutigen Krieg mit den älteren Bewohnern des Landes, 
namentlich den Chazaren, welcher besonders im achten und neunten 
Jahrhundert mit grosser Erbitterung geführt wurde. Gegen Ende 
des neunten Jahrhunderts verbanden sich die Chazaren mit den 
Ghuzen gegen die Petscheuegen , welche besiegt und zersprengt 
wurden. Ein Theil unterwarf sich den Siegern und blieb im Lande 
zurück , ein anderer Theil dagegen überschritt den Don und Avarf 
sich auf die Magyaren, welche damals den Chazaren tributpflichtig 
waren. Die Magyaren wiirden von den Petscheuegen geschlagen 
und durch die Moldau und Siebenbürgen nach Pannonien gedrängt. 
Die Petscheuegen nahmen das Land zwischen dem Don und der 
Donau ein, welches durch den Dnjepr in eine östliche und westliche 



*) Neamann, a.a.O.. 101 ff. Eösler, R., a.a.O., S. 249 ff. Zeuss, 
a. a. , 742. 

**) Neumanii, a. a. 0., 10'). 
***) Neumann, a. a. 0., 111 if. Zeuss, a. a. 0., 742. 

U all er, Ällg. Ethnographie. 23 



354 

Hälfte getlieilt wurde.*) Sie wurden da von ihren Nachbarn, den 
Russen, Bulgaren und Griechen sehr gefürchtet. Nach dem Ende 
des 12. Jahrhunderts verschwinden die Petscheuegen aus der Ge- 
schichte und verlieren ihre Sprache und Nationalität. 

9. Die Knmanen. **) Die Kumanen treten im 11. Jahrhundert 
als Feinde Russlands und des byzantinischen Reiches auf. Besonders 
ersteres wurde von ihnen hart mitgenommen. Sie verheerten die 
Dnjestr- und Dnjepr- Gegenden und drangen über Siebenbürgen und 
Ungarn sogar nach Polen vor. Im 11. und 12. Jahrhunderte führten 
sie Kriege mit den Russen . Byzantinern und Bulgaren. Ihr Ende 
erreichten die Kumanen, als die gefürchteten Scliaaren der Mongolen 
über das Abendland hereinbrachen. Sie verbanden sich mit den 
Russen gegen dieselben , wurden aber — wie bekannt — in der 
blutigen Schlacht an der Kalka (1223) vollständig geschlagen. Ein 
Thei! der Kumanen blieb zurück und wurde später nach Aegypten 
in die Sclaverei ge.-^chleppt , ein anderer Theil floh zu den Griechen, 
Serben und Bulgaren, ein Theil endlich zog nacli Ungarn, wo die 
Kumanen lange Zeit ihre Sprache behaupteten, bis sie endlich in 
den Älaygaren aufgingen. 

2. Japanesen ***) 

Die Bewohner des Inselreiches Japan, f) die von uns schlecht- 
weg genannten Japaner oder Japanesen, sind nicht die Aboriginer 
der Inseln. Verschiedene Nachrichten melden von wilden Stämmen, 
welche das Land früher eingenommen haben und noch immer in 
den inneren Theilen einzelner Inseln sich finden sollen. Auch der 
Typus der Bewohner der südli(dieu und südöstlichen Küstenstriche 
(dunklere Hautfarbe und krauses Haar) spricht für eine Mischung 
mit einem stammfremden Volke. Ob darunter Stämme zu verstehen 
.sind, welche mit den Papuas auf den Philippinen und auf Formosa 

*) Neu mann, a. a. 0., 126. 
**) Neuniann, a. a. 0., 132 ff. Rösler, R., a. a. 0., 338 und besonders 
352. Zeuss, a. :i. 0., 743. 

***) Siebold, Philipp Fr., Nippon, Leyden 1852, fol"., 6 voll. Atlas, 
7 Abtheilungeii. Kaempt'er, Engelbert, Histoiie naturelle, civile et ecclesias- 
tique de Tempire du Japon. La Haye 1729, fol". 2 voll. 

t) Der Name Japan (spr. dscliapan) entstammt dem chinesischen dschipen 
(^üsteu/j die einheimische Bezeichnung lautet Akizu-no-sima (lusel der Wasser- 
jun-irau) vgl. Klaproth, Asia pulyglotta, Paris 1823, 4", 327. 



355 

znsanimenhrmgfn, oder »^b Verwandte der Aino und Giljaken vor- 
liegen, ist nach den vorhandenen Nachrichten schwur /u entscheiden. 

Gleicher Abstammung mit den Japanesen sind die Bewohner 
der Lien-Kieii-inseln. 

Das Japanesische (samrat der Sprache der Lien-Kien) ist eine 
raehrsilbit^e Sprache und soll nach den üutersuchungen A. Boller's 
(Sitzungsberichte der k. Akademie der Wissenschalten in Wien, 
Band XXITI, Jahrg. 1857) zu den ural-altaischeu Sprachen in einem 
entfernteren verwandtschaftlichen Verhältnisse stehen. Es soll sich 
hier zunächst ans iMandschu und Mongolische anschliessen. Doch 
wird von mehreren Forschern auf ural-altaischem Gebiete der dort 
geführte Beweis für nicht ausreichend zur Begründung der oben 
cilirten Hypothese gehalten. 

3. Koreaner. *) 

Die Bewohner der Halbinsel Korea (chinesisch Kao-li), welche 
durch das weisse Gebirge von der nördlich liegenden Mandschurei 
getrennt wird, tragen den mongolischen Typus deutlich an sich 
und sind ein Mischvolk, nämlich einerseits Nachkommen der in der 
Geschichte Hochasiens zu wiederholten Malen auftretenden Sien-pi, 
andererseits der im Süden Koreas ansässigen Snn-lian (die drei Hau, 
nämlich Ma-han, Pian-lian und Schin-han). Ihre Nationalität und 
Sprache erhielten sie von dem im zweiten Jahrhunderte v. Chr. 
vom Norden her eingedrungenen Kroberervolke der Kao-li, welches 
die ganze Halbinsel unter seine Herrschaft brachte. 

Gegenwärtig wird Korea von einer einheimischen Dynastie 
beherrscht, Avelcho der chinesischen Mandschu - Dynastie tribut- 
pflichtig ist. 

Die Sprache Koreas ist eiiie mehrsilbige Staramsprache; nach 
Kosny (Journal asiatique, Serie VI, vol. 3, aiin. 1864) steht sie zum 
Japanesischen und den ural-altaischen Sprachen in einem entfernten 
Verwandtschalt-verhältnisse. 

*) Hall, IJ., Entdeckungsreise nach der Westküste von Korea. Mit zwei 
Karten, Weimar 181^, 8", (Hd. XIX der neuen Bibliothek der wichti<,'sten Reise- 
lesclireibungeii , lierausgegebcn von F. J. Bertuch, Weimar 1815 — 1835, 8", 
65 voll.1 und Klai)roth, Jul., Asia polyglotta, Paris 1823, 4°. pag. 333 fF. 

23* 



35G 



JB. Völker mit einsilbigen Sprachen.*) 

1. Tübeter \vad. Himalaya - Völker. **) 

Die eigentlichen Tübeter (Bod-dschi) bewohnen das Land 
Tübet, das Hochland im Norden Indiens.***) In innigster Ver- 
wandtschaft zu ihnen stehen die nicht civilisirten Stämme, genannt 
Horsok, welche das Land zwischen dem Himalaya und dem Nyen- 
tschhen-thang-la bewohnen. Es sind dies die Horpa im Westen, 
welche sich bis in die kleine Bucharei und Dsuugarei erstrecken, 
die Drokpa in der Mitte, und die Sokpa im Osten des betreffen- 
den Gebietes, welche sich bis Kokonoor und Tangut ausdehnen und 
zum grössten Theile mongolisirt worden sind. 

Tübet ist der Hauptsitz des nördlichen Buddhismus. Unzählige 
Schaareu von Mönchen leben da in den steilen Gebirgsthälern, durch 
Wüsten und schneebedeckte Berge von der übrigen Welt abgeschlossen, 
in Ehelosigkeit und vollständiger Enthaltung von den weltlichen 
Geschäften. Das ehelose Leben gilt hier für das würdigste und 
angesehenste; sich zu verheirathen und ein weltliches Geschäft zu 
betreiben, ist mit Degradation gleichbedeutend. In Tübet ist be- 
kanntlich das lustitut der Polyandrie zu Hause, von dem übrigens 
auch im altindischen Epos Spuren vorhanden sind. 

In nahem Verwandtschaftsverhältnisse zu den Tübetern. speciell 
den Horsok, stehen die 8i-fan, die Bewohner der Alpenländer 
westlich von den chinesischen Provinzen Schen-si und Sse-tschuen, 
am oberen Laufe der Zuflüsse des Hoang-ho und des Yang-tse-kiang. 
Sie werden von dem Jahre G34 n. Chr. an in den chinesischen 
Annalen öfter erwähnt und sind gegenwärtig den Chinesen tribut- 
pflichtig. Die Si-fan sind Nomaden, welche sich vornehmlich mit 
Schafzucht befassen und unter Zelten wohnen. Diese sind entweder 
von gelber oder schwarzer Farbe; daher man gelbe und schwarze 
Si-fan unterscheidet. 

*) Leyden, Oii the laiiguage and littcrature of tlie Indo-Chinese iiation.s 
(Asiatic researches, Vol. X.). Rost, Rud.. Die indo-cliinesischen oder hiiiter- 
indischen Spraclien. (Globus, X, 269.) 

**) Seh lagint weit- Sali ii II 1 uns ki, Herrn, von. Reisen in Indien und 
Hochasien, Leipzig 18'j9, 8", vol. 1—2. Campbell, J., Ethuology of India 
(Journal of the royal Asiatic society of Boiigal 1866. 8"), p. 46 (f., und Lassen, 
Indische Alterthumskunde, I. 

***) Im westlichen Tübet finden sich auch mehrere Mongolenliordon . die 
bei Klaproth (Asia polyglotta 345) namentlich erwähnt werden. 



357 

Das Hiinalaya- Gebirge wird vom Indus bis an den Brabma- 
putra von melueren Stiunnien bowobiit, wek-lie etlinoloniseli an die 
Tübeter sich anscliliessen. Sie stehen sänimtlich auf einer niedrigen 
Culturstule und nähren sich hauptsächlicli von der Viehzucht. Sie 
hängen grösstentheils dem alten, allen hochasiatisclien Völkern ge- 
meint^amen Aberglauben an und sind dem Buddhismus fern geblieben. 

Das letztere Moment belehrt uns über den ungefähren Zeit- 
punkt, in welchem sie sich von ihren Stammverwandten in Tübet 
losgetrennt haben. Nachdem die Einführung des Buddhismus in 
Tflbet ins siebente Jahrhundert unserer Zeitrechnung fällt, so muss 
die Trennung vor diese Zeit, also wenigstens ins sechste Jahrhundert, 
wahrscheinlich aber noch weiter zurück datirt werden. 

Diese Stämme erstrecken sich über die mittlere (von 10.000 
bis 4000 Fuss Höhe) und untere Region (von 4000 Fuss Höhe bis 
ins Thal) des Himalaya : die obere Region (von 10.000 Fuss Höhe 
aufwärts) wird von den Tübeteru bewohnt. 

Unter diese Stämme sind von Osten nach Westen zu rechnen: 
die Leptscha (Lepcha")*), im Stromgebiete der Tista. Sie zerfallen 
in zwei Abtheilungen, Rongund Khamba, und dehnen sich weit 
über ihr ursprüngliches Gebiet auf beinahe 120 Meilen Länge aus. 
Sie sind grösstentheils Buddhisten. Die Kiranti und Limbu 
wohnen östlich vom eigentlichen Nepal im Stromgebiete der Kausiki, 
kommen ;il>er auch hie und da in Sikkim vor. Die Limbu zerfallen 
in zwei Abtheilungen, nämlich Hung und Rai. Die Murmi und 
die Nevar haben in Nepal das Gebirge, welches zwischen der 
Kausiki und Gandaki dahin zieht, inne. Im Stromgebiete der 
Gandaki wohnen die Gurung, Ma gar und Sunvar; alle drei 
wahrscheinlich Mischstämme. 

Im Westen der Gandaki bis gegen Gilgit treffen wir durch- 
gehends Mischstämme aus tübetischem und Hindu-Blut hervor- 
gegangen. Es sind dies die Stämme der Kha, Kohli, Garhwali, 
Kakka. Bamba, Gakar, Khatir^ Avan, Dschandschuh 
und die Dom, die Sudra's von Kamaon. 

In den sumptigen Niederungen und Wäldern des Himalaya 
treffen wir, unterhalb des Verbreitungsbezirkes dieser Stämme, noch 
folgende, zu derselben Familie gehörende Stämme angesiedelt: die 
Kitschak oder Kirat. in den Dschangeln von Sikkim und Nepal, 



*) Campbell. Oii the Lcpchas (Journal of the ethiiolo^ical socioty of 
London. New Series I, 1808—1869). Lassen, Indische Alterthumskundc, I, 442 ff. 



358. 

dio T b a ru , 1) e n w a r , B o t s a r , H a y u , T s c h e p a n g , K ii s u n d a 
(die letzten drei in den Wäldern von Nepal), die Dürre und die 
Bramlui, von denen uns ausser den blossen Namen nichts Näheres 
bekannt ist. 

2. Barmanen und Lohita - Völker. 

Die Barmauen*) oder Birmanen (Myamma, spr. Byamnia. 
arakaniscli Bramma), welches aus dem sanskritischen Mahavarma. 
einem Epitheton der Kriegerkaste aus Mizzimadetha. dem heiligen 
Keich der Mitte, d. i. Indien, entstanden sein soll (chinesisch Mien), 
bewohnen den westlichen Theil der indo-chinesischen Halbinsel, wo 
sie die Ahoriginerstämme unterjocht und oin mächtiges Keich ge- 
gründet haben. Das Land wird von der Iravadi durchschnitten 
und reicht von Arakan im Westen bis Slam im ()steu. 

Mit den Barmanen hängen aufs innigste zusammen die Be- 
wohner von Arakan**), der Küstengegend am Meerbusen von 
Bengalen. Die Sprache von Arakan, zu der das Barmanische wie ein 
Dialekt sich verhält, steht auf einer älteren Lautstufe als das letztere 
und ist nicht so stark abgeschlitten wie dieses, aber auch etwas 
rauher. 

An diese beiden Völker schliesst sich eine Keihe von uncnltivir- 
ten Gebirgsstämmeii an, welche wir unter dem Nuaien Lohita-Völker 
zusammenfassen. Lohita ist ein anderer Ausdruck für den Brahma- 
putra. Sie stehen zu den Barmanen in demselben ethnologischen 
Verhältnisse wie die Himalaya-Völker zu den Tül)eiern. 

Zu diesen Stämmen gehören die Kotsch***), welcher Name 
aus dem sanskritischen Kavatscha entstanden ist. Sie treten als 
compacte Masse im Westen bis zum Flusse Koiiki, einem Neben- 
flusse der Ganga, auf; sie reichen aber einzeln auch darüber hinaus. 
Das im Jahre 1773 aufgelöste Reich der Kotsch. mit der Hauptstadt 
Kotsch- Behar. erstreckte sich von 20" I.is 27'' nördl. Breite und 
A-on 88" bis 93" 30' östl. Länue. Im Noiden und Osten des Landes 



*) San fjerm IUI 0, A description of t1)o IJmniesL' onipiro. Roino 1833.4". 
Masoii. Fr., Rurniah, its jicoplo, Raiifroon i86(\ 8". Bastian, Adolf. Ueber 
die Völkerstännue Biniias (Zeitschrift für Erdkunde der Berliner Gesellschaft 
1863, S. 212 ff.). 

**) Der Name Arakan ist verderbt aus Rakhaing (Rukheng), welches aus 
dem Pali Rakkhapura (Wohnung der Raksasi entstanden ist. 

***) Hodgson, B. H., On the aborigines of India. Essay the first. on 
the Kocch, Bodo and Dhinial tribcs, Calcutta 1847, S". 



359 

der Kotscli sit/eu die Dliimal und dio Bodo (Ijoito). unch 
K;i tscliari ufcnaniit, let/teir östlich vom beugalisclien Dislricle 
Silliet. I,»ip Kalscliari liiosseii ehemals Kang-tsa und sollen nach 
ihrer einheimischen T.adition aus einem Lande, das nordöstlich \on 
Assam lag, iu ihre gegenwärtigen Sitze eingewandert sein. Sie er- 
oberten das alte Reich von Kamriip und gründeten die Dynastie 
der Ha-tsung-tsa. An die Bodo schliessen sich die Garro au, 
welche ehemals einen Strich bewohnten, der im Norden vom Brahma- 
putra, im Süden von den Districten Silhet und Maimunsingh. im 
Osten von Assam und im Westen von den Bergen des Brahmaputra 
begrenzt wurde. Gegenwärtig sind sie aber blos auf die im Centrum 
dieses Gebietes befindlichen Gebirge beschränkt. DieMikir wolmen 
im Bezirke Nowgong in Ceutral-Assam. Im östlichen Theile des 
Himalaya, bis etwa 2^2 Längengrade westlich von der Stelle, wo 
der Dihong die jähe Senkung des Kammes umströmt, finden wir die 
Abor, und in gleicher Höhe, aber näher dem Rande des Gebirges. 
die Daphla, lerner in Assam die Akha, Miri (am nördlichen 
Ufer des Brahmaputra, nördlich von Banokotta und Lukimpur;, die 
Mischmi und die Tscbanglo im oberen Thal des Brahmaputra. 
l)ie Singpho gehen im Westen bis zu einer Linie, welche von 
Sadiya bis an die Patkoi-Kette läuft, im Osten bis an den Lohita- 
Fluss und auf beiden Seilen der Iravadi bis an die Grenzen von 
China. , 

Hieher gehören aucii die zahlreichen Niiga-Stämme,*) oder 
wie sie sich selbst nennen, die Kwaplii. Sie bewohnen einen 
Landstrich, der westlich vom Flusse Kopili, östlich von den Bergen, 
welche Assam von dem Bor-Khamti-Lande scheiden, nördlich vom 
Thale von Assam und südlich von einer Linie, welche mit dem 
23" nördl. Breite zusammenfällt, begrenzt wird. Die Naga üben 
die Tätowirung, welche aber nur an jungen Männern, welche einen 
Kopf als Beute nach Hause gebracht haben (vgl. die Sitte bei den 
Dayak auf Borneo). vollzogen wird. Sie leben iu immerwährendem 
Kriege, sowohl mit ihren Nachbarn, als auch unter einander. Die 
Khyeng sitzen in den Juma-Bergen, welche Arakan vom Thale der 
Iravadi scheiden. Jene uncivilisirten Stämme, welche an den beiden 
Seiten der Iravadi bis Assam und Tübet wohnen, werden von den 
Harmauen im Allgemeinen mit dem Namen Kakhyen bezeichnet.**) 



*) Vergl. Ausland 1872, S. 1079 (nach «. E. Peal). 
') Schlagintweit-Sakünlünski, I, 564. 



360 

Es sind ihrer mehrere, wie die Maren, die Lapai, die Nakum, 
die Kaiiri, die Karen u. a. Sie sind alle in Gestalt und Tracht 
den Singpho sehr ähnlich. Die Karen*) speciell wohnen in den 
Bergen von Arakan, in Pegu nnd im südlichen ßarma, ferner in den 
Thälern der Iravadi nnd des Saluen und sporadisch bis an den 
Menam. Zu ihnen sind auch die Jabain (Zabaing) zu rechnen, 
welche namentlich das Thalgebiet des Sitang, in der Nähe der Stadt 
Toungoo bewohnen. Zu den Barmanen und Lohita- Völkern sind 
auch zu rechnen die Lolo, die Aboriginer-der chinesischen Provinz 
Yun-nau. Sie treiben besonders Bergbau und sind als gute Waft'eu- 
schmiede bekannt. 

3. Thai -Völker.**) 

Die Tliai sind die östlichen Nachbarn der Harmanen und 
nehmen den grössten Theil der indo-chinesischen Halbinsel ein. Sie 
zerfallen in die Thai im engeren Sinne oder die Siames en,*'*'*) die 
Hauptbevölkerung des ßeiches Slam, die Lao, die Ahom, die 
Khamti und die Khassia. Die Lao sind die südlichen Nach- 
barn der Chinesen ; sie bev/ohnen die inneren und nördlichen Theile 
der Halbinsel und zerfallen in die weissen Lao (Lao-pnng-kah) 
und die schwarzen Lao (Lao-pung-dam). Ihre Sprache ist mit 
dem Thai nahe verwandt, sie steht diesem gegenüber auf einer älteren 
Lautstufe» und verhält sich zli demselben wie das Rakhaing zum 
Barmanischen. Die Pe-y (oder wie sie sich selbst nennen, die 
Lok-thai) und die Pape, welche in der Nachbarschaft der Lao 
wohnen, gehören nicht zu ihnen, sondern vielmehr zu den Thai 
oder Siamesen. Die Aliom sind das erobernde Schau - Volk von 
Assam.f) Ihr Idiom, welches gegenwärtig nur für eine todte 
Sprache gelten kann , ist dem Idiome der anssässigeu Bewohner 
Assams, dem Assami, gewichen, einer Schwestersprache des Bangali. 



*) Vergl. Zeitschrift für Erdkunde der Berliner Gesellschaft 186G, S. 128. 
**) Bo wring, Mission to tlie kingdom of Siani in 1855, London 1857, 
8", 2 voll. Pinlayson, George. Tlie mission to Siarn and Hue, the capital 
of Cochin-China (1821—1822), London 182(3, 8°. 

***) Von den Chinesen und Barnianea Seh an genannt, woraus unser 
Siiun < ntstanden ist. Schan oder Sehjan selbst soll dem sanskritischen schyaiua. 
„braun", entstammen. 

t) Den Namen Ahorn erliielteii die Sclian - Eroberer von ihren Unter- 
gebenen. Ahom. identisch mit asam, entsiricht dem sanskritischen asama (un- 
gleich), d. h. fremd. 



361 

Die Kliamti woliupii zwischen dem Dibong und dem HraliniaiMitra, 
sowie im Quellengebiete der Iravadi, im höchsten Norden von Siam. 
Die Khassia bewohnen ein Gebiet, welches im Norden von Assam, 
im Westen von den Garro- Hergen, im Osten von dem Lande der 
Katschari, im Süden von dem Bezirke Silhet begrenzt wird. Zu 
den Thai-Völkern sind auch die Stämme der Miao-tse (Miau-tsi), 
„Söhne der Erde", d. h. Aboriginer zu rechnen, welche in den ge- 
birgigen Theilen verschiedener Provinzen Chinas , wie Sse-tschuen, 
Kwei-tschau, Hu-naii, Hu-peh, Yun-uan, Kwaug-si und an den 
Grenzen von Kwan-tnng wohnen.*) Auch die Bewohner des Inneren 
von Hai-nan sollen hieher gehören. 

4. Annamiten.**) 

Die Auuamitcu (chinesisch Ngan-nan) sind die Bewohner von 
Tuugking und Cochiu- China. Sie scheiden ^icll streng von ihren 
westlichen Nachbarn und schliessen sich in Keligion und Sitten an 
die Chinesen au. Die Keligion Annams ist der Buddhismus, aber in 
chiuesischer Fassung (Foismus). Zugleich mit chinesischer Bildung 
und Gelehrsamkeit hat auch die Lehre Kung-fu-tse"s, namentlich unter 
den Gebildeten, Eingang gefunden, 

5. Chinesen.***) 

Unter diesem Ausdrucke begreifen wir die ansässige, ackerbau- 
treibende Bevölkerung Chinas. Dieselbe ist ein Misch volk, dessen 
Grundstock ein von Nordwesten!) her (dem wahrscheinlichen ür- 
sitze der Tübeter, Barmanen, Thai, Annamiten und Chinesen) in 
grauer Urzeit eingewanderter Stamm bildet, ff) Durch Aufnahme 

*) Lockhart, William, On tho Miau-tsze or Aboii'nues of Cliiria 
(Transactions of the ethiiological society of London, N. S. I, 177), und Edk i n s , J., 
The Miau-tsi tribes, Foochow 1870, 8". 

**) Finla^'son, George, The m.ssion to Slam and Hue, the capital of 
Cocliin-Chiua (1821—1822) London 1826. 8". . 

***} Unter den vielen Werken, welche über China handeln, sind besonders 
hervorzuheben: Paufhier in L'Univers, Histoire et description de tous les 
peuples, Paris 1835, (2 voll., das alte und neue China behandelnd) und Wells, 
William, Das Reich der Mitte, übersetzt von Collmanii, Cassel 1854, 8°, 

t) Der .Schauplatz der chinesischen Mythologie und Sage ist der Kuen- 
lun (Kulkunj. 

tt) Vor der Besiudelung des Landes war China, neben anderen Völkern 
hauptsächlich von tübetischen , barnianischen und siamesischen Stämmen be- 
wohnt, wie die Ueberreste derselben (die Sifan , Lolo und Miao-tse) beweisen, 
die von den Chinesen als die barbarischen Aboriginer angesehen werden. 



362 

einer Menge fremder Elemente, Aveiclie er sich assimilirie, wachs 
(V.e<ei- Stamm allmählich zu dem grossen Volke der Chinesen heran, 
welches, oLviohl eine ethnologische Einheit, dennoch sprachlich in 
mehrere Abtheilungen zerfällt, die selbst im gewöhnlichen Leben 
keinen unmittelbaren Verkehr unter einander pflegen können. 

6. Isolirte Völker d r hinterindischen Halbinsel.*) 

Unter diesem Collectiv-Ausdrucke fassen wir die Aborifjiner- 
bevölkerung der indu-cbinesischeu Halbinsel zusammen, welche von 
den eingewanderten Stämmen (ßarmauen, Thai und Annamiten) in 
die Gebirge oder Flussmüiidungen abgedrängt wurden. Es sind 
grösstentheils uncivilisirte Völker, welche dem Buddhismus und der 
chinesischen Bildung fern geblieben sind. 

Es gehören hirdier: 1. Die Mon (Peguer\ im Delta der Iravadi, 
welche von den Barmanen Taiaiug genannt werden. Ihre Sprache 
ist mit dem Barn'anisclien nicht verwandt. Die Grenze zwischen 
den Barmanen und Rlon beginnt unterhalb Prome, wo der Akhou- 
ktoung-F'elscii in <ler Iravadi vorspringt. Während die Barmanen 
eine Tradition ihrer Einwanderung ans einer nördlichen Gegend 
besitze;!, sehen die Mon sich selbst als Aboriginer des Landes an. 
2. Die Khamen oder Khom, die Urbewohner von Kambodia. 
Sie sind namentlich in den Sumpfgegenden angesiedelt. Verwandt 
mit ihnen sind die Khamendong (Khamen der Wälder) oder 
Khamen boran (die alten Khamen), in den Hügelreihen, die 
sich vom Battabong-Flusse in einem Halbzirkel um das westliche 
Ul'er des Sees herum nach der Meeresküste herabziehen. Sie heissen 
auch Haklöli (Hochländer). Ferner die Samreh in den Bergen 
nördlich von Thalosab. Die Sprachen dieser Stämme sind sowolil 
vom Thai als auch vom Annamitischen ganz verschieden, o. Die 
Tsiampn. von den Annamiten Lau genannt. Sie wohnen sporadisch 
in Kambodia. 4. Die Qu ante, am oberen Mekhong, im Norden 
von Tungking. 5. Die von den Siamesen sogenannten Kha. welche 
von den Cochin-Chinesen Moi, von den Tungking-Chineseu Myong 
und von den Kaml)odiern Pnom genannt wenbrn. E^ sind dies 
wilde Gebiigsstämme, welche die Lüugsthäler der steilen Gebirgs- 
kette bewohnen, die den Strom Mekhong begleitend die anuamitischen 
Länder von dem übrigen Hinterindien abscheidet. Die wichtigsten 



*) Vergl. Basti:iii. Adolf, Beiträge zur Keiiiitiiiss der Gebirg.-jstämme 
von Kuiiibodiii (Zeitschrift für Erdkunde der Gctelläcliaft in Berlin 1866, S. 'M). 



(lieser Stämme siud <lie Bannr, R a n ii n m , Beuiigao, Brau, 
Chanofrai, Ha lang, Kejoiig, Qarr, Kadeli, Sedau, 
S tili eng. Die Gegenden, in welchen diese Stämme sich aufhalten, 
sollen von alten Steindeiikmälern und Kninen angefüllt sein, was 
dafür spricht, dass sie die Ahoriginer dersellien sein mögen.*) 

Leiblicher Typus der mongolischen Rasse. 

Die Statur der Kasse ist durchschnittlich mitlelgross: die 
iraueu s,ind in der lieget klein. In Bezug auf Muskelentwickluug 
steht die mongolische Kasse der mittelländischeu nach, ihre Arheits- 
h'istuug ist daher bedeutend geringer. Meistens zeigt sich ein Hang 
zum Fettwerdeu, daher die Gestalt gegen die sehnige mittelländische 
wie aufgedunsen erscheint. Der Hals ist kurz, die Gliedraassen 
schmächtig. Die Gesichtshildung ist rund mit Ijcscnders starker 
Kntwiiklung der oh-Ten Theile. Die Augen sind klein und vun 
schwarzer Farbe, die Augenhöhlen liegen nicht tief, die Augenlider 
erscheinen gegen die Nase zu schief geschnitten, da sicli die inneren 
Winkel derselben nur unvollkomnien öffnen. Die Augi'nl)iuuon sind 
schmal, schwarz und wenig gebogen. Die Backenknochen sind hoch 
und vorstehend. Die Nase sitzt an der Stirne breit auf. und liegt 
an der Wurzel mit dem Gesichte beinahe in derselben Ebene, am 
äussersten Ende ist sie breit und platt. Die Lippen sind breit und 
fleischig, die Zäline grob und weiss. Das Kinn ist kurz, die Ohren 
gross und \om Kopfe ein wenig abstehend. 

Das Haupthaar ist schlicht, grob und schwarz L'länzeud. Der 
Bart ist schwach entwickelt, dünn und von schwarzer Farbe: er 
wächst in der K-egel nur um die Lippen und die unteren Theile des 
Kinnes. Backenbärte sind innerhalb der mo;;golischeü Kasse etwas 
Unerhörtes. Die Behaarung der bedeckten Tlieile ist spärlich oder 
mangelt ganz,**) daher ist die Haut stets sanft anzufühlen. 

Die Farbe der Haut ist weiss mit einem Stich ins Gelbe oder 
Bräunliche, in den südlichen Gegenden sogar ins Schwärzliche. Die 
Weiber, ***j welche sich seltener der freien Luft aussetzen, bekommen 



*) Nach den älteren Nachrichten sol'en die Mui von schwarzer Gesiciitsfarbe, 
krausem Haar und negeiaitigen Gesiclitszügen sein (Papuas Vj. 

**) Während ein Mongole mir versidicrte, dass die Behaarung dor Scham-^ 
gegend bei ihm nnd seinen Leuten in der Regel sehr spärlicli sei. finde ich 
auf chinesischen und japanesisclien Darstellungen des Coitus. nimentlich den 
letzteren, eine üppige Behaarung diesi-r Tiieile ausgedrüikt. 

***) Ein-i Eigenthümlichkeit der Weiber dieser Kasse sollen die auffallend 
engen Geschlechtstheile sein, ein Pun'<t, auf den schon Bluraenbni'h (De generis 



364 

eine kraukhaft weisse Hautfarbe, wi'ilirend uie Haut der Männer, 
durch die Gewohnheit den Körper den Unbilden der Witterung 
und der Sonne auszusetzen , mit der Zeit einen lohfarbenen Teint 
bekommt. 

Im Ganzen macht der mongolische Typus den Eindruck des 
Kindlichen, Offenen, Sorglosen und Geselligen. Alle diese Züge 
werden bedeutend erhöht durch den mangelnden oder schwachen 
Bartwuchs, was dem Manne einen weibischen Typus verleiht. In 
der That ist es dort, wo eine weite Kleidung getragen wird, oft 
schwer, Männer- und Weibergesichter von einander alsogleich zu 
unterscheiden. 

Der Mongoleutypus bietet auch, gleich dem Kiudergesichte, 
geringen Spielraum für die Entwicklung besonderer Individualitäten. 
Gar manchem Keisenden ist die grosse Aelinlichkeit aufgefallen, 
welche zwischen den einzelnen Individuen herrscht, so dass er be- 
haupten konnte, man habe, wenn man ein Exemplar zu Gesicht be- 
kommen, £0 ziemlich alle gesehen. 

Dieser Typus gilt im Allgemeinen von den meisten ural- 
altaischen Stämmen, mit Ausnahme jener, welche durch wiederholte 
Mischungen mit der mittelländischen Rasse sich nicht unbedeutend 
geändert haben, so dass manche derselben eher zu der letzteren, 
als zur mongolischen zu gehören scheinen (namentlich mehrere 
türkische Stämme , sowie manche Typen der Finnen). Die Samc- 
jeden und Lappen zeigen ia einzelnen Punkten Anklänge an die 
Hyperboreer -Kasse; das Knochengerüste eines Samojedenscbädels 
soll mit dem eines Eskimo die meiste Aelinlichkeit haben. 

Die meisten Abweichungen von dem oben geschilderten mon- 
golischen llassen-Typus zeigen die sogenannten indo- chinesischen 
Völker, welche nach den Aussagen der competentesten Beobachter 
grosse Aehnlichkeit mit den Malayen haben sollen.*) Ihre mittlere 
Grösse beträgt 2 bis 3 Zoll über fünf Euss; ihre Hautfarbe ist 
gelb oder lichtbraun, bei den höheren Classen und den Frauen 
beinahe goldfarbig. Die Haut ist glatt, weicii, glänzend und haar- 
los. — Der Bartwuciis ist mangelhaft , dagegen der Wuchs des 



huniani varietate nativa, ed. III, Gottingae 1795, pag. 241) aufmerksam gemacht 
hat. Von (ieii Japaiieriiiiicn berichtet dies ausdrücklich 0. Muhnike (Die Japaner, 
Münster 1872, 8", S. 31). In Japan soll selbst öffentliclie.i ^Mädchen der ge- 
schlcclitliche Umgang mit kräftig gebauten Nord-Europäern physisch unmög- 
lich sein. 

*) Vergl. oben S. 279. 



3(>5 

schwarzen und dünnen Haares anflallend üppig. Die Nase ist kloin 
und nicht abgeplattet, die Nasenlöcher nicht parallel, sondern ein 
wenig von einander divergirend. Der Mund ist weit, aber die 
Lippen klein. Die Augen sind klein mit einer gelblichen Färbung 
des "Weissen. Die Wangonbeino sind auffallend breit und iiocli, und 
der hintere Theil des Unterkiefers sehr gross und stark, wodurch 
die Form des Gesichtes rautenähnlich (wie mit geschwollenen Ohr- 
speicheldrüsen versehen) erscheint. Die ganze Physiognomie dieser 
Völker hat etwas Desperat- Finsteres, wie die Physiognomie von 
.l(Mnandem, der etwas Bitteres oder Saueres im Munde führt.*; 

"Weniger abweichend von dem allgemeinen mongolischen Typus 
erscheint der tflbetische, welchen neuestens H. v. Schlagiutweit- 
Sakünlünski (Reisen in Indien und Hochasien, IT, 48 ff.) gut 
beschrieben hat. Die Körperhöhe jst geringer als im mittleren 
Europa, dagegen ist die Brust breit, die Muskeln sehr stark, eine 
Folge des Aufenthaltes im Hochgebirge. Die Stirue ist oft niedrig, 
aber dann breit, das Haar schwarz und struppig, die Backenknochen 
breit, das Kinn schmal. Als ' besonders eigenthümlich wird der 
sehr flache und tiefe Nasensattel hervorgehoben, so dass er im 
Profil nur sehr wenig über die "Wölbung des Auges hervortritt, 
oder dass er gar nicht zu sehen ist, wenn das Individuum kräftig 
ist und seine Augen nicht eingefallen sind. Es bilden dann, was 
•las Gewöhnliche ist, der Nasensattel und die beiden Augen, wenn 
geschlossen, eine gerade Linie. Aber auch solche Fälle sind nicht 
selten, dass die "Wölbung des Auges weiter hervortritt als die tiefste 
Stelle der Nase. Diese Form . obsclion sie weiter östlich in China 
oft vorkommt, findet sich dennoch nirgends so rein ausgeprägt als 
in Tübet. 

Das Schiefstehen der Augen , wornach bei vertikal gestelltem 
Kopf die inneren Augenwinkel tiefer liegen als die äusseren, theilt 
der tübetische Typus mit allen mongolischen Völkern. 

Die Mongolen beschreibt P. Jakinf ßitschurin **) als von 
mittlerem Wüchse, hager, jedoch stark. Sie haben schwarzes Haar, 
ein bräunliches Gesicht mit rothen Wangen, einen nach oben zu 
breiten und kugelförmigen Kopf und abstehende Ohren. Die Augen 
sind klein, die Backenknochen vorragend, aber das Kinn schmal, 

*) Vergl. Fiiilaysoii, Tlie luission to Siam and Hue, London 182G, 8", 
pag. 224 ff. 

**) Denkwürdigkeiten über die Mongolei, aus dem Russischen übersetzt 
vun K. F. von der Borg, Berlin 1832, 8", S. 124. 



3CG 

daher das Gesiclit nach unten zu spitz eiöcheint. Die Lippen sind 
klein, die Zähnf! weiss, der Bart spärlich. Die Beine sind infolge 
ihrer eigenthiimlichen Keitmethode (mit sehr kurzen Steigbügeln) 
etwas nach aussen gebogen, weshalb sie etwas gekrümmt einher- 
gehen und ihr Gang stark wackelnd erscheint. 

Einen gleichen Typus zei^^en die Kalmüken.*) Sie haben 
einen festen , untersetzten Körper , an dem besonders der grosse 
Kopf auffallend erscheint. Die Stirne ist schmal. Das Auge ist 
braun und tiefliegend. Das Ohr ist etwas nach vorne gebogen. 
Die Nase ist klein und liegt mit der Stirr.e beinahe in einer Linie. 
Die Backenknochen sind stark entwickelt, dagegen ist das Kinn 
breit und kurz. Die Zähne sind stark und weiss. Die Oberlippe 
ragt ein wenig über die Unterlippe hervor. Der Bart ist schwach 
entwickelt und wird sorgfältig ausgerauft. Der Hals ist kurz, die 
Schultern breit, die Arme stark und muskulös. Die Beine sind 
wie bei den Mongolen schief. Die Hautfarbe ist gelblichweiss, bald 
lichter, bald dunlder, je lia'.li der Lebei,.-weise des betreffenden 
Individuums. 

Die Japaner werden von Otto Mohnike (einem Arzte , der 
mehrere Jahre in Japan zugebracht hat) *) lolgendermasseu 
geschildert: Statur mittelgross (-leich deu Vülkeni Süd-Euiu] as). 
Die Frauen sind in der liegel bedeutend kleiner als die Männer, 
so dass lür die Männer 5' 1—2" und für die Frauen 4' 1—3" als 
Mittelmass angenommen werden kann. Die Gestalt ist meiir unter- 
setzt als schlank, der Körperbau eher krältig als schwach. Der 
Kopf ist gross und sitzt niclit selten unverhältnissmässig Lief 
zwischen den Schultern. Der Brustkasten ist geräumig und wohl 
gewölbt. Der Bauch tritt häufig stark hervor. — Der Kumpf iat 
in der Regel gegenüber den unteren Extremitäten unverhältnisb- 
mässig lang und der Oberschenkel auch etwas länger als der Uater- 
sclieiikel. Häutig macht der Oberschenkel eine leichte Krümmung 
nach Aussen, der UiiLcrscuenkel aber nach Hinten. Dagegen siud 
die Extremität; n fein gebaut uud zart und die Muskeln an diesen 
Thcilen nur mittelmässig entwickelt. 

Das Gesicht des Japaners bildet ein Trapez. Eine naeh den 
beiden Wangenbeinen gezogene Linie , welche das Trapez in der 

*) Bergmann. Benjimiin Xoniadisclic Stieifereien unter den Kahnüken, 
Riga 1R04, 8°. Tbeil II, S. 47. 

**) Die .Japaner. Eine etliiiogra(ilii.sclie Monographie, Münster 1872, 8", 
Seite 15. 



367 

Mitte diirclisclincidet , Mldot den giössten Breitediirclinios.sev des 
Gesichtes. Von dieser Linie vennindeit sich die Breite des Gesichtes 
sowohl nach der Stirn als ancli nach dem Kinne m. — Die Stirn 
ist im Ganzen niedri«:;, obgleich bei der eigentliüniliclien Haartracht 
der Männer, wornach der ganze vordere Tlieil des Kopfes kahl 
geschoren wird, das Gegentheil zn sein scheint. 

Charakteristisch für das japanische Gesicht ist die eigenthüm- 
liche unschöne Nase. Im Gegensatze zu der Nase der anderen mongo- 
lischen Völker ist sie stark entwickelt, namentlich der obere Theil der- 
selben, aber sehr breit und platt. Die Zähne sind stark, weiss, etwas 
nach vorne gerichtet und stehen nicht dicht beisammen. Die Augen 
sind schwarz, seltener brann, und klein, die Augenlider wie bei 
allen mongolischen Völkern schief geschlitzt. Die Farbe der Haut 
ist bei den Männern gelblich, bei den Frauen weiss mit rosigen 
Wangen, In der Eegel sind die der freien Lutt ausgesetzten 
Partien des Körpers lichter gefärbt als die bedeckten, im Gegensatz 
zu den Europäern. Das Kopfhaar ist dicht, nicht allzu lang und 
schwarz, seltener braun. Das Barthaar ist stärker cutwickelt als 
bei den anderen Völkern mongolischer Kasse, uumenllich stärker ais 
bei den Chinesen. Wie schon oben bemerkt worden, zeichnen sich 
die japanischen Frauen durch besonders enge Geschlechtstheile 
aus, ebenso sollen ihre Brüste aufi'allend schlapp und lang herab- 
hängend sein, in Folge der länglichen Gestalt der Brustdrüsen und 
deren geringer Umkleidung mit Fett und Zellengewebe. 

Der Typus der Chinesen ist nach der von uns im ethno- 
graphischen Theile der Novara-Expedition, S. 156, darüber angestellten 
Untersuchung folgender: Die Gestalt mittelgross, gut gebaut, 
etwas schwächer als die des Europäers, mit einer Neigung zum 
Fettwerden. Die Frauen sind kleiu und zierlich. Das Gesicht ist 
rund und glatt ; dift Backenknochen hoch. Die Nase ist klein und 
etwas eingedrückt. Die Augen sind kleiu und schwarz mit schief 
geschlitzten Augenlidern, die Lippen fleischig, aber nicht wulstig. 
Das Haupthaar ist grob, schlicht, schwarz und glänzend. Der Bart- 
wuchs ist schwach; meistens findet sich nur der Schnurrbart und 
ein schwacher Anflug am Kinn. Die Behaarung am übrigen Körper 
mangelt ganz. Die Farbe des Barthaares ist stets schwarz. Der' 
Eu.opäer mit dem blonden Haare, dem Backenbart und der vor- 
springenden Nase ist dem Chinesen ein fremdartiges Schauspiel, 
das mit dem Ideale seiner Schönheit nimmer in' Einklang zu 
bringen ist. 



368 

Die Farbe der Haut ist gelblieh, mit einem Stich ins Bräun- 
liche. Frauen, welche sich der freien Luft wenig aussetzen, bekommen 
einen krankhaft weissen Teint, die Männer dagegen sind stets etwas 
dunkler gefärbt. — Im Süden wird die Hautfarbe oft schwärzlich, 
etwa so wie bei leberkranken Individuen im Süden Europas. 

In der Jugend bis etwa zum fünfzehnten Jalire ist der Chinese 
oft von hübschem, einnehmendem Aussehen, dagegen wird er nach 
erlangter Geschlechtsreife in der Regel hässlich, da die breiten 
Backenknochen hervortreten. 

Psychischer Charakter der mongolischen Rasse. 

Vermöge des Phlegmas, welches dem Mongolen innewohnt und 
sich in seinen kindlichen Gesichtszügen deutlieh ausprägt, ist seine 
Gemüthstimmung vorwiegend eine saufte und friedliche. Ein Be- 
weis dafür ist seine Beschäftigung. Der Mongole ist vorwiegend 
Viehzüchter und Landbauer, nur in seltenen Fällen wirft er sich 
auf die Jagd und den Fischfang. Der sanften Gemüthsrichtung des 
Mongolen hat es auch der Buddhismus vor Allem zu verdanken, 
dass er in Central- und Ost- Asien so grosse Fortschritte gemacht 
hat, und was die Zalil seiner Bekenner anlangt, zur ersten Religion 
der Erde geworden ist. 

Das Phlegma des Mongolen schliesst aber keineswegs eine 
kriegerische Stimmung aus. Freilich fehlt dem Mongolen die per- 
sönliche Tapferkeit, welche andere Rassen in hervorragender Weise 
auszeichnet. — Heldentiguren, wie wir sie unter den Malayen, den 
Eingeborenen Amerikas und der mittelländischen Rasse finden, werden 
wir innerhalb der mongolischen Rasse vergebens suchen. — Der 
Mongole wird nur dann zum tapferen Krieger, wenn ihm andere 
mit ihrem Beispiele vorangehen, wenn Jemand es versteht, ihn zu 
fanatisiren. üeberall wo die Mongolen als PJroberer auftreten, 
werden sie von begeisterten Männern augeführt und neigen durch 
ungestüme Massenangrilfe die Wagschale auf ihre Seite. Jedoch 
keines der grossen Reiche, welche sie gründen, ist im Stande, den 
Tod des Urhebers lange zu überdauern : sie werden nach kurzer 
Zeit selbst die Beute ihrer Unterworfenen. Und selbst die grossen 
Reiche im fernen Osten, deren Bewohner durchgehends der mongo- 
lischen Rasse angehören, haben ihre Dauer vor Allem ihrer eigenen 
Schwere, dem Phlegma ihrer Bewohner zu verdanken, sowie dem 
Umstände, dass sie ernsten Angriffen von Seite anderer höher 



369 

begabter Rassen nicht ausgesetzt waren. In Avie weit die Wider- 
staudsfäliigkeit derselben nach dieser Richtung sich bewährt, haben 
die Vorgänge der neuesten Zeit hinlänglich bewiesen. 

Die Verfassung der Völker mongolischer Rasse ist patriarchalisch 
im strengsten Sinne des Wortes. Das Oberhaupt der Gemeinschaft 
oder des Staates steht zu den einzelnen Mitgliedern in demselben 
Verhältnisse, wie der Vater zu den Gliedern der Familie. Ihm 
gebührt von Seite der letzteren dieselbe Pietät, derselbe Gehorsam, 
wie dem Vater von seinen Kindern ; er kann von ihnen dieselben 
Opfer beanspruchen. Im Ganzen sind die Mongolen über diesen 
Zustand nicht hinausgekommen; selbst dort, wo sich grössere 
Staaten gebildet haben, ist der Stempel des Patriarchalischen ihrer 
ganzen Verfassung deutlich aufgedrückt. 

Diesen Einrichtungen, welche das Ausprägen bestimmter Indi- 
vidualitäten nicht gestatten (wir haben oben Gleiches vom körper- 
lichen Typus bemerkt), entspringt die Unselbständigkeit der mon- 
golischen Rasse. Eine freie Bewegung innerhalb der Gesellschaft 
ist dem Mongolen vollkommen fremd; überall muss ihm der Weg 
förmlich vorgezeichnet werden. Eine Folge davon ist das Formen- 
wesen, in welches er stets verfällt, der sclavische Sinn, der ihm 
förmlich anerzogen wird. 

Die patriarchalischen Einrichtungen bringen eine ungemeine 
Verehrung alles dessen mit sich, was von den Aeltern und Vor- 
ältern überliefert worden ist. Alles was die Vorfahren dachten und 
thaten, rauss gut sein, da ihnen ja reiche Erfahrungen zur Seite 
standen. Es ist der Inbegriff" der Weisheit und Klugheit dies alles 
zu wissen und darnach zu leben. 

Diese Anschauungen bringen es mit sich, dass der Mongole 
im Allgemeinen für den Typus des ärgsten Reactionärs gelten kann, 
welcher in seiner Civilisiation nur langsam fortschreitet. Auf der an- 
deren Seite bedingen diese Anscbauungen eine gewisse Vertiefung in 
das Einheimische, welches dadurch viel mehr in das Fleisch und Blut 
jedes Einzelnen übergeht, als dies anderwärts, wo verschiedene An- 
sichten und Strebungen sich kreuzen, der Fall sein kann. Diesem 
Umstände hat das grösste Culturreich der mongolischen Rasse, China, 
seine Eigenthümlichkeiten zu danken: eine im Einzelnen beispiellose 
Vollendung, dagegen aber auch eine Stagnation, welche jedem Fort- 
schritte hinderlich ist. 

Hand in Hand mit diesen Eigenthümlichkeiten gehen das Vor- 
wiegen des kalten, berechnenden Verstandes und der Mangel an 

Müller, AUg. Ethnographie. 24 



370 

aller erwärmenden schöpferischen Phantasie. Die edleren Gefühle der 
Liebe und Freundschaft, welche im Leben des Mittelländers eine so 
grosse Rolle spielen, sind dem Mongolen fremd. Ueberall tritt der 
kalte Verstand hervor, welcher alsogleich den Massstab des Zweck- 
mässigen und Nützlichen anlegt. Die Poesie der mongolischen Kasse 
ist unbedeutend ; sie klebt gleich ihrer Philosophie und Religion an 
der Erdscholle. Es gibt nur diese sichtbare Welt, von welcher der 
Mongole etwas weiss, an eine andere, unsichtbare Welt zu denken, 
scheint ihm vollkommen überflüssig. 

Zur Ergänzung dieser allgemeinen Schilderung mögen noch 
folgende einzelne Völker dieser Rasse betreffende Charakteristiken 
dienen, indem sie die Uebereinstimmung aller in gewissen Punkten 
dartbun. 

Den Charakter des Chinesen haben wir im ethnographischen 
Theile der Novara-Expedition, S. 162, folgendermassen geschildert: 
Die Grundzüge des chinesischen Charakters sind Nüchternheit 
und Ruhe. Damit Hand in Hand gehen die vorwiegende Entwick- 
lung des Verstandes und Mangel au schöpferischer Phantasie. Aus 
diesen Anlagen erklärt sich die in jeder Richtung zu Tage 
tretende Stagnation des Chinesen. Die Gesellschaft, in welcher 
er lebt, beruht immer noch auf denselben Grundlagen wie vor 
tausend Jahren; die Wissenschaft, welche er cultivirt, bringt im 
AVesentlichen immer dieselben Resultate zu Wege (sie beschränkt 
sich in der Regel auf das Studium und das Commentiren der Alten); 
die Erfindungen, welche durch die Bedürfnisse einer höhern Cultur 
geweckt wurden, sind noch immer dieselben, wie zu jener Zeit, als 
man sie machte. Das Vorhandene erscheint dem Chinesen immer 
als das Beste; für Ideale und Zukunftspläue, und wären sie noch 
so golden, hat er keinen Sinn. 

Der Chinese ist der ütilitarier v.at' eloy/jv unter den Völkern. 
Er ist fleissig, massig, betriebsam, nüchtern und immer gleichen 
Muthes. Er hat nur Sinn für jene Dinge, welche das tägliche 
Leben betreffen; Dinge, die ausser diesem stehen, erscheinen ihm 
völlig unbegreiflich. J]r cultivirt daher nur jene Künste und Wissen- 
schaften, welche in des tägliche Leben eingreifen. Mit Speculationen 
über Dinge sich abzugeben, welche nicht in seinem Gesichtskreise 
gelegen sind, vollends gar mit übersinnlichen Dingen sich zu be- 
fassen, hält der gebildete Chinese für eine grosse Thorheit. 

Diese Richtung auf das Praktische, welche zum allseitigen 
Verkehre mit den Menschen führt, sowie eine Beimischung von 



371 

etwas Phlegma und eine von Jugend auf sorgfältig geleitete Erziehung 
bewirken es, dass die Hoheit im Chinesen fast ganz verschwindet, 
und aus ihm ein Mensch wird, der sich durch feine und gesellige 
Umgangsformen auszeichnet. Freilich ist der Chinese seiner ge- 
selligen Bildung sich wohl bewusst und lässt den Ausländer , der 
in seinen Augen ein roher ungebildeter Barbar ist, seine Ueber- 
legenheit öfter fühlen. 

Die Japaner, deren psychisches Charakterbild im Ganzen und 
Grossen das der mongolischen Kasse im Allgemeinen uud jenes der 
Chinesen im Besonderen wiederspiegelt, zeigen trotzdem manche 
nennenswerthe Eigenthümlichkeiteu. Vor allen tritt eine warme 
Empfänglichkeit für fremde Ideen hervor uud ein Fassungsvermögen, 
welches den Japaner selbst Verhältnisse uud Zustände, die ausser 
seiner unmittelbaren Erfahrung liegen, mit Leichtigkeit begreifen 
lässt. — 

Gleichwie er in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung 
die chinesische Cultur begierig in sich aufnahm, finden wir ihn heut 
zu Tage den Ideen des Abendlandes mit einer bei asiatischen Völkern 
unerhörten ^Värme zugänglich. Wie 0. Mohnike treffend bemerkt, 
sind Chinese und Japaner^ obschon demselben ßassentjpus angehörig 
und in dpmselben Verhältnisse zu einander stehend, wie der Deutsche 
zum Italiener, geistifj noch mehr von einander verschieden als diese 
beiden Völker Europas.*) 

Abgesehen von diesem Zuge ist Alles im Japaner wieder echt 
mongolisch. Unter den Geisteskräften herrscht der Verstand vor 
der Phantasie auffallend vor. Von einer Kunst, in der höheren 
Bedeutung des AVortes, ist keine Spur vorhanden, der Begriff des 
Idealen fehlt ganz und gar. An Alles, selbst das Unbedeutenste 
werden "Winkel und Kichtmaass angelegt: daher sind die Producta 
der japanischen Kunst und Industrie zwar vollkommen, es mangelt 
ilinen aber der höhere Schwung. In der Dichtkunst herrscht das 
didaktische Element auffallend vor. 

Zwei Punkte sind es, in denen sich die Japaner in socialer 
Kichtuug von den Chinesen vortheilhaft unterscheiden — ilire Kein- 
iichkeitsliebe und ihre Massigkeit. Durch die erstere Eigenschaft 
stehen sie in der Reihe der Völker mongolischer Kasse, die be- 
kanntlich mit dem AVasser nicht gern in Berührung kommen, isolirt 
da. Die letztere Eigenschaft ist umsomehr anzuerkennen , als das 



*) Die Japaner, Münster 1872, 8", S. 34. 

24' 



372 

Land in der That an allen Producteu reich ist und durch die Ver- 
hältnisse oft Anlass zu einer grösseren Entfaltung des Luxus vor- 
handen wäre. 

Ethnographische Schilderang. 

Die Culturformen, welchen wir innerhalb der mongolischen Rasse 
begegnen, sind äusserst mannigfaltig; keine Rasse kann sich mit 
ihr in dieser Beziehung vergleichen. Neben Völkern, welche auf 
der untersten Stufe menschlicher Cultureutwicklung stehen , finden 
wir Völker, welche die höchste Stufe der Cultur erstiegen haben, 
und dazwischen alle die Uebergänge, welche von einer Stufe auf die 
andere hiuüberleiten, so dass diese Rasse in ihren einzelnen Völkern 
alle Culturstufen repräsentirt. 

Zum besseren Verständuiss des Ganzen wollen wir eine kurze 
Uebersicht dieser Culturformen vorausschicken: 

L Naturvölker. Religion: Schamanismus. 

a. Fischer- Völker : Samojeden, Ostjaken, Lappen; 

b. Jäger - Völker : Samojeden, Ostjaken, Wogulen, Tun- 
gusen, Lohita- Völker; 

c. Renthier-Nomaden : Samojeden, Ostjaken, Lappen. 

IL Halbcultivirte Völker (Vieh-Nomaden). 

a. Schamanische Stämme: Himalaja -Völker, Sifan, Ja- 
kuten (in neuester Zeit christianisirt) ; 

b. Buddhisten (Lamaisten): Mongolen, Tübeter; 

c. Muhammedaner: Tataren. 

IIL Culturvölker (Ackerbauer). 

L Völker des chinesischen Culturkreises : 

a. Chinesen; 

b. Japanesen; 

c. Koreaner; 

d. Annamiten, 

2. Völker des indischen Culturkreises: 

a. Barmanen; 

b. Siamesen. 

3. Völker des europäischen Culturkreises: 

a. des römisch - germanischen Culturkreises: Finnen, 
Magyaren; 



373 

b. des byzantinisch-russiscbeu Culturkreises: Mehrere 
tinniscbe Völker, wie Tscheremissen , Mordwinen, 
Permier u. ii. 

4. Völker des miibammedaniscben Culturkreises; 
Osmanly. 

1. Naturvölker. *) 

Die Kleidung der Samojeden besteht dort, wo sie nicht bereits 
fremden Einflüssen gewichen ist, in einem kurzen Kenthierpelz, dessen 
haarige Seite nach aussen gekehrt ist. An den Füssen trägt man 
Stiefel aus Renthierhaut mit langen bis an die Schenkel reichenden 
Schäften, ebenfalls aus Renthierhaut oder grobem Tuche. Nament- 
lich in neuester Zeit, wo die wilden ßenthiere immer mehr und 
mehr abnehmen, wird die Haut derselben durch Tuch ersetzt. Die 
Kopfbedeckung ist bei den Männern hoch und spitzig und aus ßen- 
thierfell gearbeitet, bei den Weibern dagegen mehr platt und ab- 
gerundet und aus Eichhorn- oder Hermelinfell verfertigt. 

Nicht viel verschieden im Ganzen und Grossen ist die jetzige 
Kleidung der Ostjaken, welche aber ehemals in der Regel aus 
Fischhäuten und Vogelbälgen zusammengesetzt war, wie es ihre 
vornehmste Beschäftigung, der Fischfang, erforderte. (Müller, Job. 
Bernhard. Leben und Gewohnheiten der Ostjaken, Berlin L720, S'', 
S. 31.) Dagegen weicht die Tracht der Tungusen von der samo- 
jedisch-ostjakischen wesentlich ab, insofern sie dem Körper enge 
anliegt. Das Hauptstück derselben ist ein schmal zugeschnittener 
aus gegerbtem oder rohem Renthierfell verfertigter Frack, der mit 
Tuchstreifen. Pferdehaaren und Glasperlen reichlich verziert ist. 
Das Haar Avird in lange Zöpfe zusammengebunden und mit Perlen 
verziert. Den Kopf bedeckt eine kleine ebenfalls mit Perlen verzierte 
Mütze. Das Gesicht wird mit bogenförmigen Tätowirungen ver- 
sehen, welche ebenso wie bei den Eskimos mittelst eines geschwärzten 
Fadens ausgeführt werden. 

Die Tracht der Lappen besteht in einem Pelze, 'Beinkleidern 
und Schuhen aus Renthierfell. Die beiden letzten Stücke sind bald 



*) Castren, M. A. , Reiseerinnerungen aus den Jahren 1838 — 1844, 
Petersburg 1853, 8°. Derselbe, Reiseberichte und Briefe aus den Jahren 
1845 — 1849, Petersburg 1856, 8". Derselbe, Ethnologische Vorlesungen über 
die altaischen Völker, Petersburg 1857, 8°. Derselbe, Vorlesungen über die 
finnische Mythologie, Petersburg 1853, 8°. 



374 

zusammengenäht bald nur festgeschnürt. Die norwegischen und 
finnischen Lappen tragen um den Hals einen Bärenfellkragen, welcher 
über die Brust und die Achseln herabhängt und überdies noch 
Ohren und Gesicht schützt. Die russischen Lappen tragen dagegen 
eine mit Ohrlappen versehene Kopfbedeckung, welche bei den 
Männern eine abgernndete Form hat, während sie bei den Weibern 
mehr hoch und breit ist. 

Die Wohnungen der Samojeden bestehen entweder in Zelten 
aus Keuthierfell oder iü sogenannten Jurten, elenden leichten 
Hütten aus Brettern und Baumrinden. Als Rauchfang und Fenster 
zugleich dient ein entweder au der Seite oder oben am Dache an- 
gebrachtes Loch, welches man im Winter mit einem Eisstücke ver- 
macht. In einer Ecke befindet sich ein offener aus Lehm verfertigter 
Herd. In den besseren Jurten findet man den Boden theilweise 
oder ganz mit Binsenmatten bedeckt, welche von der Familie zu 
Lagerplätzen benutzt werden. Im Ganzen herrscht in den Wohnun- 
gen der Samojeden die grosste Unreinlichkeit. 

Bemerkenswerth sind die Wohnungen der Lappen, Avelche nach 
Art der Bescliäftigung von einander bedeutend abweichen. Im 
Ganzen stehen die nomadisirenden Berglappeu viel tiefer als die 
ansässigen Fischerlappeii. Die Wolmungen der Berglappen sind kleine 
elende Zelte, deren aus bogenförmigen Hölzern bestehendes Gerüst 
mit einer groben Tuchdecke überzogen ist. In der Mitte befindet 
sich unter dem Rauchloche der Herd, der aus einigen kreisförmig 
zusammengereihten Steinen besteht. Der Boden wird mit Birken- 
reisern bestreut und mit einigen Renthierhäuten bedeckt. Viel 
besser und wohnlicher sind die Hütten der Fisclierlappen aufgeführt. 
Auf der hölzernen oder steinernen mit Torf ausgekleideten Unter- 
lage ruht ein Brettergerüst von pyramidaler oder mehr abge- 
rundeter Form , welches oben eine Oeffnung für den Abzug des 
Rauches frei lässt. Das Innere ist durch zwei Längen- und zwei 
Querbalken in neun Theile abgetheilt, von denen die drei hinteren 
als Voratbskammern für Lebensmittel und die besseren Geräthe, die 
drei vorderen zur Aufbewahrung von Holz und dem gewöhnlichen 
Hausrath dienen, während die drei mittleren zur Wohnung bestimmt 
sind, so zwar, dass die Küche unterhalb des Rauchloches, die 
eigentlichen Wohnstätten zu beiden Seiten der Küche sich befinden. 
In der Nähe einer solchen Hütte befindet sich in der Regel eine 
Fischkammer, welche geradeso wie die kamtschadalischen Balagaue 



auf Pfählen aufgebaut ist, damit die dort aufbewahrten Vorräthe 
gegen die Angriffe der wilden Thiere geschützt seien. 

Die Nahrung ist ausschliesslich animalischer Natur; Brod, das 
von den russischen KauHeuten eingehandelt wird , gilt als Lecker- 
bissen. Während die nördlichen Samojeden das Fleisch mit grosser 
Vorliebe roh verzehren, halten die südlichen dies für eine Sünde und 
pflegen daher das Fleisch der grösseren Thiere (Eleu, Renthier,- 
Hase, Eichhörnchen) zu kochen oder zu braten, das Fleisch der 
kleineren (der Vögel) an der Sonne zu trocknen. Fische werden 
sowohl roh als auch eiugesalzen, gebraten oder gekocht gegessen. 

Bemerkenswerth ist die Scheu des Samojeden vor dem Fleische 
der Eaubthiere, der Wöife, Füchse, Zobel, Vielfrasse und besonders 
des Bären.*) Nach dem Glauben des Samojeden wird jeder Jäger, 
der vom Bärenfleische geniesst, später selbst von einem Bären auf- 
gefressen. Man scheut sich auch Fische und Bärenfleisch, falls n\an 
die oben erwähnten Scrupel überwindet, gleichzeitig zu geniessen, 
da eine Vermischung dieser beiden Naln-ungsstoffe ein Verschwinden 
aller Fische aus dem Flusse zur Folge haben soll. Dagegen steht 
man nicht an, das Fleisch von todteu Seethieren, welche an den 
Strand getrieben werden, seltener von umgestandenen Landthieren, 
zu verzehren. 

Während das Weib die Kleider näht, in deren Verfeitio^ung: 
es eine ausserordentliche Geschicklichkeit zeigt, schnitzt und schneidet 
der Mann alle Geräthe, deren er bedarf, mit einer Kunstfertigkeit, 
die bei den schlechten Werkzeugen, deren er sich hiebei bedient, 
unsere Bewunderung erregen muss. Für seinen leichten Kahn 
liefert ihm die Espe das geeignete Bauholz. Die Schneeschuhe, ein 
allen Polar Völkern nothwendiges Geräthe,**) werden in der Regel 



*) In den Werken: Der allerneueste Staat von Siberien. Nürnberg 1720. 
8", S. 152, und Müller, Job. Bernh., Leben und Gewohnheiten der Ostjaken, 
Berlin 1720, 8", IS. 55, wird berichtet, dass die Ostjaken , nachdem sie den 
Bären mit ihren Spjiessen getödtet haben, demselben den Kopf abhauen, diesen 
auf einen Baum stecken und dann den Körper unter Geheul und Klagen um- 
kreisen. Sie fragen dann den Bären: „Wer hat Dicli getödtet':"' — „Wer hat 
Dir den Kopf abgehauen?" — „Wer hat Dir den Bauch aufgeschlitzt?-' u. s. w., 
und antworten darauf: „Die Russen" — „ein russisches Messer" u. s. w., wo- 
durch sie die Schuld auf die Russen laden und sich selbst entschuldigen wollen. 
**) Es sind dies etwa 5—6 Ellen lange und 1 Fuss breite, vorne und 
hinten schnabelförmig zugespitzte Bretter, welche man oft an der unteren Seite 
der Dauerhaftigkeit wegen mit dem Felle von Seethieren überzieht. Sie werden 



376 

aus dem Holz der Ceder, der Bogen aus der Lärche, Tröge, Schüssela 
und Löffel aus der Birke verfertigt. Ueberdies besitzt jede Familie 
einen Kessel, der namentlich Abends nach vollendeter Tagarbeit 
ans Feuer gehängt und mit Fleisch und Fischen angefüllt wird. 

Die Jagdgeräthe, deren sich diese Völker bedienen, sind sehr 
primitiv. Sie bestehen in Bogen und Pfeil, in neuerer Zeit auch 
in der Flinte, vornehmlich aber in Fallen und aufgerichteten 
Bogen, welche bei der leisesten Berührung den Pfeil abschiessen 
und mit einer erstaunlichen Sicherheit treffen. 

Sowohl die Samojeden als auch die Ostjaken zerfallen in 
mehrere von einander unabhängige Stämme, deren jeder aus mehreren 
Familien besteht. Diese Familien halten sich für mit einander 
verwandt und heirathen nicht unter einander. Sie wohnen auch in 
der Eegel nahe beisammen und betrachten es für eine Pflicht ein- 
ander zu helfen. An der Spitze eines solchen Stammes steht ein 
Aeltester, der eine gewisse Autorität geniesst und bei vorkommen- 
den Streitfragen ohne juristische Formalitäten entscheidet. 

Jeder Stamm hat seit uralten Zeiten seine eigenen Götzen- 
bilder, oie von ihm in einer eigenen Jurte bewahrt und mit Opfern 
und anderen religiösen Ceremonien verehrt werden. Eine solche 
Jurte steht unter der Aufsicht eines Schamanen , eines heiligen 
Mannes, der Priester und Arzt zugleich ist und ein beinahe gött- 
liches Ansehen geniesst. 

Was die ehelichen Verhältnisse betrifft, so ist die Polygamie 
unter diesen Völkern zwar durch die Sitte gestattet, sie kommt 
aber wegen des hohen Brautschatzes immer seltener vor. — Die 
Ehe wird nämlich zwischen dem Bräutigam und dem Vater der 
Braut oder ihren nächsten Verwandten abgeschlossen. Dabei wird 
für das Mädchen stets ein Kaufpreis gefordert, der sich nach den 
Vermögensverhältnissen der Familie richtet, welcher die Braut ent- 
stammt. — Während die Tochter eines reichen Mannes oft 100 
Renthiere kostet, verkauft der arme Mann sein Kind um 20 Ken- 
thiere. Der Kaufpreis soll dem Vater des Mädchens einerseits die 
Kosten zurückerstatten, welche er an die Erziehung desselben 



mittelst Eiemen an den Füssen befestigt. Die Polarvölker, welche mit diesen 
Schneeschuhen gut umzugehen wissen, setzen damit über das schwache Eis und 
den tiefen Schnee mit einer Sicherheit und Geschwindigkeit, dass sie dabei 
kaum von einem massig schnellen Pferde eingeholt werden könnten. 



377 

aulgewendot, andererseits ihm einen Ersatz für den Verlust au 
Arbeitskraft bieten, der ihm durch den Abgan«,' seiner Tochter aus 
dem Vaterhause erwächst. 

Wie bei allen Naturvölkern nimmt auch bei den Samojeden 
und Ostjakeu das Weib innerhalb der Familie eine niedere Stellung 
ein. Sie lebt in der tiefsten Erniedrigung im buchstäblichen Sinne 
des Wortes und Avird förmlich als ein unreines Wesen betrachtet. 
— Es ist daher selbstverständlich, dass dem Weibe kein Erbrecht 
zukommt. Es erbt weder der Mann mit seiner Frau, noch bekommt die 
Wittwe nach dem Tode ihres Mannes irgend einen Antheil am hinter- 
lasseneu Vermögen. Letzteres fällt, falls Söhne vorhanden sind, 
diesen zu , wo sie dann die Verpflichtung haben , Mutter und 
Schwestern gemeinsam zu erhalten; fehlen aber die Söhne, so wird 
unter denselben Bedingungen den Anverwandten des Mannes das 
ganze hiuterlassene Vermögen zugesprochen. 

Je nach der Beschäftigung der in die Abtheilung der Natur- 
völker gehörenden Stämme, ist die Lebensart derselben verschieden. 
Während der Fischer ein einigermassen sesshaftes Leben führt, ist 
der Jäger und uocli mehr der Kenthier- Nomade auf ein ewiges 
Wandern angewiesen. Es liegt nämlich in der Natur des mit 
einem dicken Pelze bekleideten lienthiers sich während der wärmereu 
Jahreszeit an die kühle Meeresküste zurückzuziehen, wo es auch 
während der Periode der Haarung von den zahllosen Mücken, welche 
in diesen (iegenden während des kurzen Sommers die Luft durch- 
schwärmeu, weniger belästigt wird. Man wandert daher beim Be- 
ginn der wärmeren Jahreszeit gegen den Norden in die weit aus- 
gedehnten Tundern und kehrt bei nahendem Winter in die schützende 
Waldregion zurück. Bei diesen Wanderungen werden von den ßen- 
thier-Nomadeu die Jagd und der Fischfang nebenbei eifrig getrieben. 

Was die religiösen Vorstellungen der Samojeden betrift't, so hän- 
gen sie mit den allen ural-altaischeu Völkern gemeinsamen zusammen, 
indem sie auf einer Verehrung der Naturkräfte, die dem Menschen 
in der Regel gewaltig entgegentreten , beruhen. Der oberste Gott 
Xum, der erhaben über dieser Welt thront und sie leitet und regiert, 
ist mit dem syrjänischen jen , dem tscheremissischen juma, dem 
lappischen jubmel, dem ehstnischeu jummal und dem finnischen 
jumala identisch und bedeutet ursprünglich den leuchtenden glänzen- 
den Himmel. Noch jetzt blickt der Samojede Morgens und Abends 
mit frommer Andacht zum Himmel und bringt damit dem mächtigen 
üotte seine Verehrunfj dar. Der Aufsicht Num's vertraut der 



378 

Samojede das Kostbarste an, was er besitzt, nämlicb seine Ren- 
tbierheerden, daber Niim den Beinamen Jilibeambaertje , d. i. 
„Wäcbter der Heerden", fübrt. 

Aebnlicb dem Num der Samojeden ist der Turum der Ostjaken. 
Aucb Tnrum ist erbaben über dieser Welt, die er uacb den unab- 
äuderlicben Gesetzen der Gerecbtigkeit regiert. Er spricbt nur mit 
der zornerfüllten Stimme des Donners und des Sturmwindes mit den 
Meuscben (man bedenke, dass auch num bei den Kamassinzen 
„Donner" bedeutet) und kümmert sich weder um ihre Gebete noch 
um ihre Opfer. Er ist daber unnahbar. 

Untergeordnet dem allmächtigen Num und von ihm abhängig 
werden geistige und unsichtbare Wesen gedacht, welche von den 
Tomskischen Samojeden Lohet oder Loset (singul. Loh , Los) von 
den Obdorskischeu Habe oder Sjadaei und von den Ostjak-Samojedeu 
Lonk genannt werden. Sie sind zwar dem gewöhnlichen Menschen 
auch unzugänglich, gleichwie Num, doch besitzt der Scbaman die 
Kraft sie zu schauen, mit ihnen zu sprechen und ibre Fürbitte bei 
Num zu erlangen. Dem gewöhnlichen Menseben müssen Abbildungen 
derselben genügen, grössteutheils bekleidete Menschenfiguren aus 
Holz, manchmal auch seltsam gestaltete Naturdinge, wie Steine, 
Bäume u. dgl. Man bringt ihnen in dieser Form Opfer dar: doch 
handelt es sich darum, eine Antwort oder Auskunft zu erlangen, so 
ist, wie gesagt, der Schaman dazu unbedingt nothweudig. 

Diese Götzenbilder, welche auch bei den Ostjaken unter dem 
Namen Jiljan wiederkehren, werden theils in besonderen Jurten, 
theils in Hainen unter schattigen Bäumen aufbewahrt und auf einem 
besonderen Schlitten bei den Wanderungen des Stammes mitgezogen. 

Die Schamanen, welche dem Dienste dieser Götter sich widmen, 
sind gewandte, in den Tascheuspielerkünsten wohl bewanderte Leute, 
die auch mit der Heilung der Krankheiten sich befassen. Die 
Curen, welche sie an den Kranken vornehmen, sind, wie bei allen 
Naturvölkern, in der Kegel sympathetischer Natur und stets so ein- 
gerichtet, dfiss das Renommee dieser Wunderdoctoren, mag die Cur 
wie immer ausfallen, keinen Schaden erleidet. 

Ein wesentlicher Punkt in der Religion der ural-altaischen 
Völker ist die Feier des Andenkens der Verstorbenen. Dies ge- 
schieht mittelst Opfer und anderer Ceremonicn und gründet sich 
auf den Glauben des Fortbestandes des Dahingegangenen, der, ob- 
wohl bestattet, dennoch fortfährt dieselben Bedürfnisse zu haben 
und dieselben Beschäftigungen wie bei Lebzeiten zu treiben. Bei 



379 

Yoruelimen werden Bilder aus Holz aiifjfcstellt , mit den Kleidern 
derselben Morgens bekleidet während der Mahlzeit zum Tische ge- 
setzt, wo ihnen Speise und Trank gereicht werden, und Abends aus- 
gekleidet und ins Bett gelegt. Dies Alles geschieht durch drei Jahre, 
nach deren Ablauf man auch die Figur beerdigt, da dann nach 
dem Glauben der Samojeden die Unsterblichkeit ein Ende hat. Nur 
die Schamanen führen ein wirklich unsterbliches Leben, indem sie 
sich nach dem Tode in gewisse andere Wesen, eine Art von Mittel- 
gottheiten, verwandeln. 

Unter den religiösen Ceremonien dieser Völker ist der Eid 
bemerkensw^erth. Derselbe ist in der Regel ein Reinigungseid. Ist 
irgend ein Verbrechen gegen Jemanden heimlich begangen worden 
und bat dieser gegen eine bestimmte Person einen Verdacht, so 
kann ei- ihr einen solchen Reinigungseid abfordern. Der mächtigste 
Eid ist der bei der Bärenschnauze abgelegte, wobei der Angeklagte 
eine Bärennase mit dem Messer zerschneidet und spricht: „Möge 
der Bär mich auffressen, wenn mein Eid falsch ist. '" — *) Ein 
solcher Eid wird sehr heilig gehalten und man ist vollkommen 
überzeugt, dass ein Meineid unumgänglich bestraft wird. Daher 
nimmt der Schuldige den Eid nicht an, sondern beichtet lieber sein 
Verbrechen, Umgekehrt wird einer, der einen Eid abgelegt hat, für 
vollkommen rein und tadelfrei gehalten. Ist aber irgend Jemand 
von einem Bären aufgefressen worden oder auf sonst eine Art ver- 
unglückt, so hört man oft die Vermuthuüg ansprechen, dass die 
betreffende Person bei ihren Lebzeiten einen falschen Keinigungseid 
abgelegt haben müsse. 

Trotz den Wildnissen, in denen diese Völker leben, sind sie 
reich, an Gesängen. Davon werden die lyrischen für Stücke ange- 
sehen, deren Erfindung sich jeder mit einem oftenen Auge, Ohr und 
Herzen versehene Mann selbst zutraut. Dagegen stehen Männer, 
welche die Heldengesänge gut zu dichten und vorzutragen wissen, 
in grossem Ansehen. Man lauscht ihren Worten mit tiefer Andacht 
gleich den begeisterten Reden des Schamanen und spendet ihnen 
reichen Beifall. 



*) Vergl. auch Müller, Joli. Bernliard , Leben und Gewulmlieiten der 
Ostjacken, Berlin 1720, 8", S. 56. 



380 



2. Vieh - Nomaden, 
a. Jakuten (Sachalar). *) 

Die Jakuten sind ein Nomadeuvolk, dessen Eeichtlium in Pferden 
und Hornvieh besteht, von deren Ertrage sie leben. Daneben ver- 
legen sie sich mit besonderem. Eifer auf die Jagd, welche in den 
Avaldigen Gegenden ihres Landes besonders ergiebig zu sein pflegt. 

Ihre Wohnungen sind je nach der Jahreszeit doppelter Art. 
Die Sommerwohnungen bestehen aus leichten kegelförmigen Zelten, 
deren aus Stangen zusammengesetztes Gestell mit weichgekochten 
und zusammengenähten Biikenrindenstücken eingedeckt ist. Die 
Jakuten ziehen während des Sommers mit diesen Hütten auf den 
grasreicheu Wiesen umher, wo ihr Vieh weidet, und sind bemüht, 
Heuvorräthe für den Winter zu sammeln. Die Winterwohnungen 
sind die sogenannten Jurten, nämlich aus leichten Balken auf- 
geführte, von aussen mit Lehm und Rasen dicht belegte grössere 
Hütten. Li der Mitte einer solchen Jurte befindet sich ein freier 
Herd, auf welchem unaufhörlich das Feuer unterhalten wird, und 
an den Seiten ringsumher laufen Sitze, welche während der Nacht 
zu Schlafstellen dienen. An den Wänden hängen die Kleidungs- 
stücke, Waffen und Hausgeräthe. Um die Jurte herum laufen einige 
Schuppen für die Kühe. Die Pferde bleiben in der Kegel unter 
freiem Himmel und müssen sich das Futter selbst unter dem Schnee 
hervorscharren. Die Jurten stehen meistens einzeln, da der Jakute 
vermöge seines ernsten, verschlossenen Charakters die Einsamkeit liebt. 

Die Nahrung besteht aus gesäuerter Kuh- und Stutenmilch 
und Kind- und Pferdefleisch, welches entweder gekocht oder durch 
den Winterfrost getrocknet gegessen wird. — Fett gilt als grösster 
Leckerbissen und wird massenweise vertilgt. Mau vermischt es, zur 
Ausfüllung des Magens, mit der gepulverten Kinde des Lärchenbaumes 
oder mit gedörrten Fischen und kocht das Ganze zu einem Brei 
zusammen. — Aus der Kuhmilch bereitet man eine Käseart von 
säuerlichem Geschmack, die angenehm munden und nahrhaft sein 
soll. Unglaublich ist die Massigkeit und zugleich die Fresslust 



*) Ausser T. de Pauly, vgl. Wrangel, Ferd. von, Eeise längs der Nord- 
küste von Sibirien, Berlin 1839, 8", 2 voll. Erman, Adolf, Eeise um die Erde 
in den Jahren 1828—1830, Berlin 1833, 8", voll. 1—2, und D ob eil, Peter, 
Travels in Kanitchatka and Siberia, London, 1830, 8", 2 voll. 



381 

dieses Volkes. Wiilirend der Jakute die härtesten Strapazen zu 
ertragen im Stande ist, ohne etwas anderes als gesäuerte Milch zu 
geniessen, stellt er, wenn genug Proviant vorhanden ist, gehörig 
seinen Mann und ist gar nicht verlegen in wenigen Tagen ein 
ganzes Pferd aufzuessen. 

Als Reizmittel gebraucht man allgemein den Tabak, und zwar 
die schwerste Sorte. Der Kauch wird, wie bei vielen Naturvölkern, 
verschluckt, wodurch die narkotische Wirkung desselben bedeutend 
erhöht wird. 

Die Gesänge der Jakuten sind ungemein traurig und monoton 
und spiegeln den ganzen Charakter dieses düsteren, ungeselligen 
und verschlossenen Volkes wieder. 

Obwohl die Jakuten getauft und dem Namen nach zum 
griechischen Christenthume bekehrt worden sind, hängen sie doch 
noch immer dem Schamanenthum an, was namentlich bei Krank- 
heiten , Unglücksfällen und wichtigen Unternehmungen hervortritt. 
In solchen Fällen ist der Schamau der Nothanker des abergläubischen 
Jakuten, in dessen Zauberkraft er unbedingtes Vertrauen setzt. 

b. Mongolen und Kalmüken. *) 

Bei den Mongolen besteht die Kleidung der Männer im Sommer 
aus Nauking-Köcken von dunkler Farbe, im Winter aus Schafpelzen. 
Die Mitte wird mit einem Riemen umgürtet, von dem ein Messer 
und die Pfeife mit dem Tabakbeutel herabhängen. Bei Regenwetter 
werden Mäntel aus Tuch umgelegt, bei Vornehmen von rother, bei 
Gemeinen von schwarzer Farbe. Den Kopf bedeckt eine Mütze aus 
Tuch, welche im Winter mit Schaf- oder Fuchsfell verbrämt ist. 
An den Füssen trägt man plumpe Stiefel aus Leder nach chinesi- 
schem Schnitt mit dicken Sohlen. Das Haupthaar wird ringsum 
abgeschoren bis auf ein Stück am Scheitel, welches in einen Zopf 
zusammengeflochten wird. Der Bart wird ebenfalls geschoren und 
womöglich ausgerupft. Ueberdies werden Beinkleider von beiden 
Geschlechtern gleichmässig getragen. 



*). Bi tschurin, Jakinf. Denkwürdigkeiten über die Mongolei. Aus 
dem ßussiscben übersetzt von K. F. von der Borg, Berlin 1832, 8". Berg- 
mann. Benjamin, Nomadische Streifereien unter den Kalmüken, Kiga 1804, 
8", 3 voll. Pallas, P. S., Sammlung historischer Nachrichten über die 
mongolischcn'Tölkerschaften, St. Petersburg 1776-1801, 2 voll., 4" (mit vielen 
Abbildungen häuslicher Scenen). 



382 

Die Kleidung der Weiber weicht von jener der Männer nur 
unbedeutend oder gar nicht ab. Nur die Röcke haben oft einen 
verschiedeneu Schnitt und eine etwas reichlichere Verzierung ; ebenso 
sind die Hüte und Stiefel mit einigem Zierrath versehen. Das Haar 
wird uach beiden Seiten abgetheilt, in zwei Zöpfe geflochten und 
mit Perlen und Korallen verziert. Man lässt dieselben nach vorne 
auf beiden Seiten herabhängen. 

Nicht verschieden von der mongolischen Kleidung ist jene der 
Kalmüken. Auch hier ist sie bei beiden Geschlechtern ganz gleich 
und unterscheidet sich nur durch die Länge und das grössere oder 
geringere Maass der Verzierung. Das Hauptstück derselben ist ein 
schlafrockähnliches Obergewand, genanut Labtschik, unter dem eine 
Art Rock, der bis zu den Knien reicht, genannt Bäschmät, und 
Hosen (Schalbur) angezogen werden. Im Winter Averden Pelze aus 
Scliaffellen getragen. AVäbreud der Regenzeit zieht man zottige Filz- 
mäntel an, die sehr weit sind und am Halse mittelst eines Riemens 
zugebunden werden. Als Kopfbedeckung dienen kleine Mützen in 
der Regel von gelber Farbe, die im Winter mit Fell verbrämt und 
ausgefüttert sind. — Die Füsse stecken in weiten Stiefeln mit hohen 
Absätzen aus schwarzem Leder oder (bei den Reichen) aus rothem 
Saffian. Arme Leute gehen im Sommer barfuss einher. Sämmtliche 
Kleidungsstücke werden weder geputzt noch irgendwie reparirt, 
sondern man trägt sie so lange, bis sie durch den Schweiss morsch 
werden und zerfallen. Gleich den Chinesen ist den Mongolen und 
Kalmüken das Baden unbekannt. 

Die Wolinungen sowohl der Mongolen als auch der Kalmüken 
bestehen in runden Jurten (Kibitken). Das Gerüst derselben be- 
steht in Gitterwänden aus Holz, deren einzelne Theile mit Riemen 
an einander befestigt sind. Oben hat die Hütte eine Oeffnung, 
welche als Rauchfang und Fenster dient, und an der Seite eine Thür. 
Von aussen ist sie mit melireren mantelartig über sie aufgehängten 
Filzdecken behängt, welche mittelst wollener Bänder oder Stricke 
angebunden werden. Die Höhe einer Jurte beträgt in der Regel 
an den Seiteuwänden 5', in der ]\Iitte das Doppelte, der Durch- 
messer ungefähr 12' bis 20'. Der Boden ist mit Filzdecken, bei 
den Reichen und Vornehmen auch mit Teppichen bedeckt; beiden 
letzteren hängen überdies an den Seitenwänden baumwollene oder 
seidene Stoffe herunter. 

Da in den gewöhnlichen Jurten nicht nur gekocht wird, son- 
dern im Winter auch die kleineren Hausthiere, wie Kälber, Lämmer, 



383 

Hunde, untergebracht werden müssen, so lässt sich denken , welche 
Uureinliohkeit in denselben herrscht. In der Hegel wimmeln sie 
von Ungeziefer aller Art, dem man dadurch zu entgehen sucht, 
dass einige handfeste Männer das Gerüst der Jurte anfassen, sie 
eine Strecke weit forttragen und dann au einem geeigneten Orte 
aufstellen. 

Die Einrichtung der Jurte selbst ist höchst einfach. Ausser 
den Schilfmatten und Filzdeckeu , welclie zugleich zu Lagerstätten 
dienen, wobei ein untergeschobener Sattel den Kopfpolster ersetzt, 
findet man, falls darin gekocht wird, den Herd, auf dem nur Mist- 
kohlen gebrannt werden. Dies hat seinen Grund darin, dass man 
beim. Holzfeuer das Sprühen der Funken fürchtet, welches leicht 
die ausgebreiteten Decken in Brand setzen könnte. An den 
Wänden herum stehen die überall nothwendigen Geräthe, wie ein 
oder zwei Kessel, einige lederne Scliläuclie zum Aufbewahren des 
AVassers und der Milch, einige flache Schüsseln und Tröge aus Holz, 
mehrere Schalen, ein Schaumlöffel, ein Beil, ein Messer, ein Zuber, 
ein Eimer und andere kleinere Utensilien. 

In den Jurten der Vornehmen, wo nicht gekocht wird , findet 
mau ausser den üblichen Decken und Teppichen mehrere Kästchen, 
in welchen die heiligen Bücher, die Bilder der Götter, Opferschalen 
u. a. kostbare Dinge aufbewahrt werden. Zwischen denselben 
liegen die Waffen und Sättel zur Schau ausgestellt. 

Die Nahrung dieser Völker ist grösstentheils dem Ertrage der 
von ihnen getriebenen Beschäftigung, nämlich der Viehzucht, ent- 
nommen. 

Das Hauptgericht der Mongolen besteht im Ziegel-Thee, welchen 
man mit Hir.semehl kocht und mit Salz, Butter und Milch an- 
richtet. Das Fleisch, welches von allen Hausthieren, ausgenommen 
vom Schweine, genossen wird, kocht man im Wasser ohne alle 
Würze, selbst ohne Salz, zerlegt es und geniesst es, indem man die 
Stückchen vorher in Salzwasser eintaucht. Jedoch werden die Haus- 
thiere so selten wie möglich geschlachtet. Aermere Leute pflegen 
selbst gefallenes Vieh zu geniessen. Aus der Milch des Pferdes, 
des Rindes und des S>.hafes werden Butter und Käse bereitet und 
ein starker Branntwein destillirt, der gehörig abgezogen unserem 
Kornbranntwein an Güte nicht nachstehen soll. 

Ein Gleiclies gilt von den Kalmüken. Bei ihnen bildet ein 
dünner Mehlbrei die Hauptualirung des gemeinen Mannes. Das dazu 
gehörige geschrotete Weizenmehl wird von den benachbarten Tataren 



384 

eiogehandelt. D er Tb ee wird in der Regel mit Kamelmilch angemacht. 
Da das Wasser in der Steppe selten trinkbar ist, geniesst man all- 
gemein die gesäuerte Milch des Pferdes, des Rindes und des Schafes. 
Von den Fleischsorten gelten jene des Pferdes und Rindes für die 
edelsten, das Schaffleisch für minder kostbar. Wildpret (vom 
Wildschwein, Hirsch) kommt nur auf den Tafeln der Vornehmen vor. 

Im Ganzen genommen ist die Zubereitung der Speisen schmack- 
haft und nahrhaft. Nicht dasselbe Lob kann jedoch der mongolisch- 
kalmükischen Küche in Betreff der Reinlichkeit ertheilt werden. 
Abgesehen davon, dass man die Geschirre nie reinigt, sondern 
höchstens ausleckt oder mit den Fingern in den Mund ausputzt, 
werden auch die zu kochenden Fleischstücke keiner vorherigen 
Reinigung oder Zurichtung unterzogen. Es geschieht daher häutig, 
dass Haare, Gras oder andere Dinge in der Brühe herumschwimmen, 
oder dass man beim Genüsse des im Kessel gekochten Thees den 
Geschmack des am Tage zuvor darin gesottenen Pferdefleisches zu 
verspüren meint. 

Man isst täglich zweimal, Morgens und Abends. — Unmittelbar 
oder etwa eine Stunde nach der Abendmahlzeit legt man sich zur 
Ruhe, was gewöhnlich mit einer Tabakspfeife im Munde geschieht. 
Alt und Jung, Herr und Diener schlafen ohne Unterschied des Ge- 
schlechtes in einer und derselben Jurte. 

Die Hausthiere, mit deren Zucht sich die Mongolen und Kal- 
müken abgeben und welche den Reichthum derselben ausmachen, 
sind das Kamel, das Pferd, das Rind, das Schaf und die Ziege. 
Das Kamel ist das eigentliche Lastthier dieser Völker; wegen seiner 
Genügsamkeit ist es besonders für das Leben in den Steppen und 
Wüsten geeignet. Aus der Wolle desselben verfertigt man Stricke 
und rauhe Zeuge; die Milch, welche etwas salzig schmeckt, dient 
zur Verbesserung des Thees; das Fleisch, obgleich etwas zähe, wird 
von den Aermeren gerne gegessen. Das Rind wird von diesen 
Völkern auch zum Lasttragen und Reiten abgerichtet; die Kühe 
geben jedoch nur wenig Milch. Das Schaf ist grösser als das 
europäische und zeichnet sich durch einen Fettschwanz aus. Seine 
Wolle, welche zweimal im Jahre gewonnen wird, ist haarig und 
kann nicht zu Tuch, desto besser jedoch zu Filzdeckeu verwendet 
werden. 

Zu den Beschäftigungen der Männer gehört vor allem die 
Wartung und Pflege des Vielies. Obschon diese Beschäftigung 
während der warmen Jahreszeit keine allzu beschwerliche zu sein 



385 

scheint, ist sie im Winter eine der aufreibendsten, die es gibt, da 
das Vieh nicht in Ställen untergebracht ist, sondern unter freiem 
Himmel sich befindet. Neben der Viehzucht wird theil weise auch 
Jagd getrieben, ebenso werden bei dem Maugel einer zünftigen 
Industrie die meisten Geräthe zu Hause verfertigt. Dagegen liegt 
es der Frau ob, die Geschäfte des Hauses zu besorgen und der 
Pflege der Kinder sich zu widmen. 

In Betreff" der Familienverhältnisse herrscht unter diesen 
Völkern die Polygamie. Doch pflegen nur Reichere von der gesetz- 
lichen Erlaubniss Gebrauch zu machen, und es nimmt in diesem 
Falle eine der Frauen die Stelle der Hausfrau ein, während die 
übrigen Frauen mehr die Stellen von Dienerinnen vertreten. Während 
die Hauptfrau dem Manne in Betreff der Familie ebenbürtig ist, 
sind die Nebenfrauen entweder aus ärmeren Familien genommen 
oder sind gekaufte Sclavinnen, welche er, wenn es ihm beliebt, 
wieder verkaufen kann. Die Stellung der Frau gegenüber dem 
Manne ist, wie bei Nomadenvölkern überhaupt, eine freie und hat 
nichts von jener willenlosen ünterthänigkeit an sich, die bei Natur- 
völkern so oft augetroften wird. *) 

Die Kindererziehung ist die einfachste, die es geben kann. 
Dem mit grosser Leichtigkeit zur Welt gekommenen Kinde reicht 
man gleich nach der Geburt ein Stück Fett zum Saugen und erst 
nach einigen Tagen die Mutterbrust. Das Kind wird dann in Filz- 
decken eingehüllt und in eine kasteuähnliche Wiege gelegt, wo es 
tagelang sich selbst überlassen wird, nur dass die Mutter ab und 
zu herbeikommt und ihm die Brust reicht. 

Sobald das Kind laufen kann, wird es sich selbst überlassen. 
Während der warmen Jahreszeit lässt man es vollkommen nackt, 
während der kälteren Jahreszeit gibt man ihm einen weiten Pelz, 
der vorne nur lose geschlossen wird. Es wächst auf diese Weise 
ein Geschlecht heran, fähig dem Wechsel der launischen Witterung 
zu trotzen und wenn es gross geworden, wieder ein kräftiges Ge- 
schlecht zu zeugen. 

Die Todten werden , da eine Beerdigung in der Steppe nicht 
leicht möglich und eine Verbrennung zu kostspielig ist, in der Kegel 
in Filze gewickelt und mit einigen Steinen oder Baumzweigen 

*) Ueber die Hochzeitsgebräuche vgl. Kopernicki, J., in Journal of 
the anthropological Institute of Great Britain and Ireland 1872 (January), 
p. 403 ff., und Bitschurin, Jakinf, a. a. 0,, S. 134 tf. 

Müller, AUg. Ethnographie. 25 



386 

bedeckt, worauf sie in kurzer Zeit von den Eaubthiereu und Hunden 
vertilgt werden. 

Vermöge ihrer Beschäftigung sind diese Völker auf ein immer- 
währendes Wandern von einer Stelle zur anderen angewiesen. Doch 
hat in der Regel jeder Stamm seine Plätze, welche er nach ein- 
ander bezieht und zwar je nach der Jahreszeit, so dass während 
des Winters und der Eegen-Zeit mehr die v/asserarmen , während 
der trockenen Zeit mehr die wasserreichen Gegenden besucht werden. 
Man bleibt selten länger als drei bis vier Wochen auf einem 
Platze. Nachdem das Oberhaupt des Stammes den Aufbruch be- 
schlossen, packt man Alles zusammen, legt es auf die Kamele und 
zieht unter Gesang dem Häuptling und seinem Gefolge, das rauchend 
und plaudernd vorwärts reitet, nach. Auf dem Platze angelangt, 
stellt man die Jurten ebenso schnell auf, wie man sie abgebrochen 
und richtet sie für die kurze Zeit des Aufenthaltes wohnlich ein. 

Die Verfassung dieser Völker war ursprünglich ein reine patri- 
archalische. Mehrere durch das Band der Verwandtschaft verbundene 
Familien bildeten einen Khotou mit einem Aeltesteu (Aga) an der 
Spitze; mehrere Khotous bildeten einen Aimak, an dessen Spitze ein 
Saisang stand, dessen Würde erblich war. Mehrere Aimaks bildeten 
einen Uluss mit dem Noyon als Oberhaupt; mehrere Ulusse unter 
einem Taischa bildeten einen Stamm ; sämmtliche Stämme bildeten das 
Volk, mit dem Khan an der Spitze. 

Gegenwärtig, wo diese Völker ihre staatliche Selbständigkeit 
verloren haben und theils unter chinesischer, theils russischer Ober- 
herrschaft stehen, ist die Sachlage eine andere. Bei den Mongolen 
sind, seit ihrer Unterwerfung unter die chinesische Mandschu-Dynastie, 
die Aimaks zerstückelt und in mehrere von einander unabhängige 
„Fahnen" aufgelöst worden mit Theilfürsteu an ihrer Spitze, welche 
zwar den Titel Khan führen, aber factisch nur Fürsten erster Classe 
sind; bei den Kalmüken existiren nur Ulusse mit Noyonen an der 
Spitze, welche dem Collegium zu Astrachan unterstehen. Früher 
war einer der Fürsten, in der Piegel der torgotische, mit der W^ürde 
eines Vice-Khaus (Khaani-orotschi) oder Taischi bekleidet. 

Darnach zerfällt die Gesellschaft in drei Abtheilungen, nämlich: 
1) Adel, 2) Geistlichkeit und o) Krieger. Das gemeine Volk befindet 
sich dem Adel und der Geistlicheit gegenüber in einer tiefen Stellung, 
die in mancher Beziehung mit jener der niederen Kasten in Indien 
zu den privilegirten Ständen zu vergleichen ist. Kein gemeiner 



387 

Miinii darf es wayeii auf der Decke eiues Vornehmen sich nieder- 
zulassen und nmgekelirt wird kein Vornehmer mit dem gemeinen 
Manne aus einer und derselben Schale trinken. Nur die äusserste 
Nothwendigkeit kann den Vornehmen bewegen in die Hütte des 
gemeinen Mannes zu treten. 

Die Keligion, zu welcher sich diese Völker bekennen, ist der 
Buddhismus, speciell der tübetische Lamaismus. Derselbe verhält 
sich zu den beiden anderen Kichtuugeu dieser Lehre (der südlichen 
und dem Foismus) etwa wie der Katholicismus zu den anderen 
christlichen Secten. Er hat eine ausgebildete Hierarchie mit einem 
als heilig verehrten Oberhaupte*) an der Spitze. 

Speciell haben die Mongolen ihre Khutuktu's, **) Stellvertreter 
des Dalai-Lama, die zwar von diesem installirt, aber von der chine- 
sischen Regierung bestimmt werden , indem diese nach dem Tode 
eines Khutuktu nach ihren Absichten die Gegend und das Haus 
andeutet, wo die Seele des verstorbenen Khutuktu sich von Neuem 
zu verkörpern habe. 

Die Kalmüken haben als Oberhaupt einen Lama, der bis zum 
Jahre 180U vom Dalai-Lama eingesetzt wurde; seit diesem Jahre 
wird er von der russischen Regierung ernannt. Er wohnt am Ufer 
der Wolga in Bazar Kalmuk, eine Meile von Astrachan entfernt, 
und hält jeden Sommer eine Rundreise durch die Steppe. 

Sowohl die Mongolen als auch die Kalmüken sind von dem 
crassesten Aberglauben befangen und halten viel auf Vorzeichen und 
andere Wunderdinge, ein Zug, der mit ihrem sonstigen scharfen 
praktischen Verstände in dem grellsten Gegensatze sich befindet. 

Unter den literarischen Producten des mongolisch-kalraükischen 
Volksgeistes sind die Erzählungen hervorzuheben. Dieselben werden 
von Jedermann, der auf den Namen eiues gebildeten Mannes An- 
spruch erhebt, auswendig gewusst und in der Regel von bestimmten 
Erzählern vorgetragen. Manche derselben sind von sehr bedeuten- 
dem Umfange und beweisen die enorme Gedächtuisskraft dieses 
Naturvolkes. 



*) Doch besteht hier seit Langem ein Schisma. Während der Dalai-Lama 
in Lhassa wohnt, thront der Taischu-Lama in Taschi-Lhumpo. 
**) Es sollen ihrer ungefähr zehn sein. 

25* 



388 



3. Culturvölker. 
a. Chinese n. 

Die Kleidung des Chinesen besteht in einem Hemd aus Seide, 
Baumwolle oder Linnen und weiten Beinkleidern aus denselben Stoffen 
und einem Camisol (bei den Aermeren) oder einem langen kaftanähn- 
lichen Kocke darüber (bei den Reicheren). Je nach dem Klima und 
der Jahreszeit ist der Stoff der letzteren verschieden. TJm die Mitte 
wird ein Gürtel getragen, von dem bei Vornehmen der in einem 
Futteral befindliche Fäclier nebst einem Tabakbeutel herabhängt. 

Als Kopfbedeckung dient im warmen Klima und im Sommer 
ein trichterförmiger Hut aus Bambus oder Keisstroh, im Winter 
eine halbkugelförmige Kappe aus Sammt oder anderen Stoffen mit 
rund herum aufgestülptem Rande. An den Füssen trägt man Stiefel 
oder Schuhe von plumper Form, deren Obertheil aus Seide, Nanking 
oder Linnen gearbeitet ist, während die Sohlen aus dicker Pappe 
mit einem Lederüberzuge bestehen. 

Während der Arbeit trägt der Landmann einen breitkrämpigen 
Hut und einen kurzen spanischen Mantel aus Riedgras. Die Füsse 
bis au die Schenkel hinauf bleiben nackt. 

Die Frauen tragen lange Röcke aus Baumwolle oder Seide. 
Beliebt ist bei ihnen die grüne und rosenrothe Farbe, während von 
den Männern die violette, schwarze und besonders die blaue ge- 
tragen wird. Gelb ist die Farbe der kaiserlichen Familie. Weiss 
die Trauerfarbe. Der Schnitt der Kleidung ist in China keiner 
Mode unterworfen, er bleibt sich an allen Orten und zu den ver- 
schiedenen Zeiten im Wesentlichen immer gleich. 

Das Haupthaar wird seit der Eroberung Chinas durch die 
Mandschu (1644) geschoren, bis auf einen Büschel am Scheitel, 
welcher in einen Zopf gebunden wird und über den Rücken frei 
herabhängt. Vor der Eroberung durch die Mandschu war den 
Chinesen der bei uns sprflchwörtlich gewordene Zopf unbekannt. Die 
Anhänger der Lehre Lao-tse's (der Tao) huldigen nicht der fremden 
Sitte, sondern lassen nach alter Weise das Haar lang wachsen und 
binden es in einen Knoten auf dem Scheitel zusammen. 

Das weibliche Geschlecht trägt das Haar bis zur Verheirathung 
in losen, frei herabhängenden Locken. Nach der Verheirathung wiid 
es in einen Knoten zusammengebunden und mittelst zweier kreuz- 
weise eingesteckter Nadeln am Hinterhaupte befestigt. 



389 

Reinlichkeit ist keine Eigenschaft des Chinesen. Er trägt das 
Hemd und die Kleider so lauge, bis sie durch den Gebrauch un- 
brauchbar geworden sind, ohne sie in der Zwischenzeit zu reinigen. 
Bäder sind ihm vollkommen unbekannt: gleich vielen anderen 
Völkern der mongolischen Kasse hält er das Baden für der Gesund- 
heit nicht zuträglich und deu Göttern nicht angenehm. 

Die Wohnungen der Chinesen sind im Grossen und Ganzen 
vergrösserte und aus festem (Backstein-) Material aufgeführte Zelte. 
Namentlich in der Form der Daches tritt dieser an das alte Nomaden- 
leben erinnernde Zug deutlich hervor. Die Häuser sind in der 
Recrel nie über ein Stockwerk hoch, haben kleine Zimmerchen, und 
die papierenen Fenster derselben sehen nicht auf die Gasse, sondern 
in den Hofraum oder Garten. Im nördlichen China mit seinen 
strengen Wintern müssen die Gemächer geheizt werden, was mittelst 
eines unterirdischen Ofens geschieht, aus welchem die Wärme 
mittelst Röhren in die einzelnen Gemächer gegleitet wird. 

Während das Haus des gemeinen Mannes sich durch eine 
nüchterne, beinahe an Aermlichkeit streifende Einfachheit auszeichnet, 
sind die Wohnungen der Reichen und Vornehmen mit einem ge- 
wissen Luxus ausgestattet und namentlicli mit geschmackvoll an- 
gelegten Gärten versehen. 

Die Anlage der Dörfer und Städte ist überall die gleiche. 
Einige ungepflasterte Gassen und um das Ganze ein Wall aus Erde 
oder Backsteinen. Die niederen Häuser sind in der Regel hinter 
dem Walle verborgen. Der Baumwuchs fehlt beinahe ganz, ebenso 
höhere Gebäude oder Thürme, welche eine Stadt oder ein Dorf für 
den Anblick aus der Ferne so reizend gestalten. 

Das Hauptnahrungsniittel "des Chinesen, namentlich des 
ärmeren, ist der Reis; er ist sein tägliches Brod, gegen welches 
der Genuss jedes anderen Nahrungsmittels ganz zurücktritt. Neben 
Reis werden auch andere Vegetabilien , besonders Kohl genossen. 
Von animalischen Nahrungsmitteln geniesst der wohlhabende Chinese 
Alles, selbst Manches, vor dem wir uns ekelnd abzuwenden pflegen, 
so z. B. : Regeuwürmer, halbausgebrütete Eier, Ratten. Ein beson- 
ders beliebtes Gericht ist das Fleisch des Schweines, sowie auch 
des Hundes, der in China zu diesem Zwecke gemästet wird. Da- ' 
gegen wird das Fleisch des Rindes entweder gar nicht oder nur 
sehr selten genossen, was einerseits auf die Wirthsciiaftsverhältnisse 
Chinas (Ackerbau, keine Viehzucht), andererseits auf die Eiuwir- 
kuno^en des Buddhismus zurückgeführt werden umss. 



390 

So einfach die Mahlzeit des ärmeren Chinesen ist, die nie 
über Keis, Schweinefleisch und Fische hinausgeht, ebenso raffinirt und 
reichhaltig ist sie bei Leuten von Vermögen. Man findet da die 
seltensten Speisen auf alle mögliche Weise mit reichlichem Zusatz 
von Gewürzen zubereitet. Statt der Butter, die dem Chinesen un- 
bekannt ist, bedient man sich des Eicinusöles, welches aber rein 
und frei von jedem Beigeschmack dargestellt wird. Aus den Fischen 
wird, wie auf Kamtschatka, in Hinterindien und anderen Gegenden 
durch Verwesung und Gährung eine käsige Masse bereitet, die von 
Feinschmeckern sehr geschätzt wird. 

Als Getränk, welches von Jedermann, selbst dem Aermsten 
genossen wird, dient Thee. Nebstdem kommt ein aus Reis ge- 
zogener Branntwein (Samtschu) vor, der w'arm getrunken wird. Im 
Norden kennt man auch mehrere mongolisch- tatarische Getränke, 
so den Kumis und einen aus Schöpsenfleisch gezogenen Branntwein. 
Obwohl in China die Weintraube in mehreren vorzüglichen Sorten 
sich findet, ist dennoch die Bereitung des Weines dem Chinesen 
unbekannt. 

Die bereits klein geschnittenen Speisen werden auf Platten in 
napfförmigen Gefässen aufgetragen und mittelst zweier Stäbchen 
gegessen. In grösseren Städten existiren Speisehäuser, in denen der 
Arbeiterbevölkerung die zubereiteten Speisen um billige Preise ver- 
kauft werden. 

Als Reizmittel sind der Tabak und das Opium über ganz 
China verbreitet. Die Einführung beider geht in den Anfang des 
achtzehnten .Jahrhunderts zurück. Der Tabak wird nicht nur von 
den Männern, sondern auch von den Frauen geraucht, bei denen er 
dieselbe Rolle spielt, wie bei uns der Kaffee. 

Im Gegensatze zu den Nomadenstämmen der mongolischen 
Rasse, die um den Chinesen herum wohnen, ist er selbst der Acker- 
bauer xat' sioyv-v. Die Einführung des Ackerbaues an Stelle der Jagd 
und Viehzucht, den Hauptbeschäftigungen der alten Chinesen, wird 
von der Sage schon dem zweiten der fünf mythischen Kaiser Chinas, 
nämlich Schin-nong, zugeschrieben. Jeder Fleck Landes wird von 
dem iudustriösen Sohne des „himmlischen Reiches" nutzbar ge- 
macht. Bei dem Ueberflusse an guten Wasserstrasseu in Gestalt von 
schiffbaren Flüssen und Kanälen werden die Landwege so viel als 
möglich eingeschränkt; Weideland ist bei der beschränkten Benützung 
von Rind und Pferd ohnedies entbehrlich, und zu Leichenhöfeu wer- 
den nur steinigte oder unfruchtbare Orte verwendet. Der Boden 



391 

wird reichlich gedüngt und zwar bei dem Mangel an Viehzucht 
vorwiegend mit menschlichen Excreraenten und Küchenabfälleu. 
Vom Keis, dem Hauptnahrungsmittel, gewinnt man zwei Ernten 
und bepflanzt obendrein in der Zwischenzeit das Feld mit Kohl oder 
anderen Vegetabilien. 

Neben dem Ackerbau sind besonders die Seidenzucht und der 
Baumwollenbau hervorzuheben , deren Producte dem Chinesen den 
Flachs und das seltene Leder ersetzen. 

An den Flüssen und Meeresküsten wird Fischerei getrieben. 
Von Hausthieren werden hauptsächlich das Schwein und die Ente 
gezogen, welche mit den Abfällen der Küche gefüttert werden. 

Was die Familienverhältnisse des Chinesen anlangt, so ist 
ihm gesetzlich nur eine rechtmässige Frau, die seinen Namen führt 
und ihm feierlich angetraut wird, gestattet, dagegen darf er sich, 
namentlich wenn die Frau als unfruchtbar sich erwiesen hat, mehrere 
Beischläferinnen nehmen. Die Kinder, welche die letzteren geboren 
haben, sind ebenso legitim wie die mit der rechtmässigen Frau 
gezeugten. 

Die Verlobungen, welche den Heirathen vorausgehen, werden 
gemeiniglich schon in der zartesten Jugend von den beiderseitigen 
Eltern vollzogen. Die förmliche Werbung selbst muss der Sitte 
gemäss mittelst gewisser Unterhändler geschehen, und den beiden 
Theilen wird vor der Hochzeit das Horoscop gestellt, nach dessen 
Ausfall Tag und Stunde des Hochzeitsfestes bestimmt werden. 
Dieses selbst findet unter einer Keihe von Festlichkeiten statt, w^nn 
auch die Ceremonie, durch welche die Frau dem Mann angetraut wird, 
sehr einfach und alles religiösen Charakters entkleidet ist. Sie be- 
steht einfach darin, dass Bräutigam und Braut aus einem Gefässe 
gemeinschaftlich trinken und eine alte würdige Matrone den Segen 
über sie spricht. 

Bei den Heirathen sieht man besonders darauf, dass beide 
Theile in Rang und Vermögensverhältnissen einander gleich stehen. 
Ebenso müssen beide Theile Chinesen sein ; Heirathen zwischen 
Chinesen und Fremden sind gesetzlich verboten. Die Scheidung ist 
auf gewisse gesetzlich genau bestimmte Fälle beschränkt. 

Innerhalb der Familie ist der Hausvater unumschränkter Herr, 
gegen den sich aufzulehnen ein todeswürdiges Verbrechen wäre. 
Vermöge seiner religiösen Anschauungen ist das Streben eines jeden 
Chinesen darauf gerichtet, einen Sohn zu besitzen. Daher wird die 



392 

Geburt eines Sohnes in der Familie für ein frohes Ereigniss an- 
gesehen, wälirend man die Geburt eines Mädchens als einen Un- 
glücksfall betrachtet. Von den Aermeren werden daher die Mädchen 
öfter gleich nach der Geburt ausgesetzt. 

Die Kinder werden frühzeitig zu bescheidenem und sittigem 
Betragen angebalten und mit den ersten Elementen des Lesens be- 
kannt gemacht. Für unbemittelte Leute gibt es öffentliche Schulen, 
worin gegen ein massiges Schulgeld der Unterricht in den Elementar- 
kenntnissen erheilt wird. In Städten, wo eine grössere Arbeiter- 
bevölkerung sich aufhält , existiren Schulen , welche während der 
Nachtstunden offen stehen, damit jene Kinder, welche zur Tageszeit 
ihren Eltern bei der Arbeit helfen, die Wolilthaten des Schulunter- 
richtes nicht entbehren müssen. 

Im Leben sind die beiden Geschlechter von einander streng 
geschieden. Die Frauen sind von der Oeffentlichkeit ganz aus- 
geschlossen und auf die Familie beschränkt. Dadurcli erhält die 
Gesellschaft etwas Steifes und Pedantisches. Andererseits entwickelt 
sich im Manne leicht eine Hinneigung zu geheimen Vergnügungen, in 
denen er seine sinnliclien Lüste zu befriedigen sucht. 

Sowohl die Mädchen als auch die verheiratheten Frauen zeichnen 
sich durcli Bescheidenheit und Eingezogenheit aus. Dagegen gibt 
es zahlreiche Mädchen, welche in öfientlicheu Häusern das Gewerbe 
der Prostitution ausüben. Zwar ist die Prostitution gesetzlich ver- 
boten, sie wuchert aber wie anderswo üppig fort, und es wird das 
Gesetz gerade von jenen umgangen, die über die Erfüllung desselben 
zu wachen bestimmt sind. 

Die chinesische Familie ist ein Staat im Kleinen mit dem 
Familienvater an der Spitze. Er empfängt von seinen Untergebenen 
unbedingten Gehorsam und unbegrenzte Verehrung, er ist aber auch 
zur Erhaltung und zum Schutz derselben verpflichtet und für die 
Aufführung der einzelneu Mitglieder derselben verantwortlich. Des- 
lialb kommen ihm auch die Verdienste derselben zu Gute, da man 
sie als eine Folge seiner guten Kegiernng betrachtet. Während bei 
uns erworbene Verdienste auf die Nachkommen vererbt werden 
können, ist in China das Umgekehrte der Fall. Eltern werden für 
die Verdienste ihrer Kinder im Grabe geadelt, während Ansprüche, 
welche auf die Verdienste der Eltern sich gründen, dort ganz un- 
bekannt sind. 

Umgekehrt ist auch der chinesische Staat eine Familie im 
Grossen, mit dem Kaiser als Oberhaupt an der Spitze. Der Chinese 



393 

betrachtet seinen Kaiser nicht als einen Fürsten von Gottes oder 
Volkes Gnaden, sondern als seinen Vater, dem das Beste seiner 
grossen Familie, des Landes, wirklich am Herzen gelegen ist. 13e- 
geisternng für eine bestimmte Dynastie und deren Zwecke ist dem 
Chinesen vollkommen fremd. Eben deswegen, weil das chinesische 
Staatsgebäude auf so natürlichen einfachen Grundlagen ruht, hat es 
alle Stürme, welche über dasselbe hereingebrochen sind, überdauert. 
Es erklärt sich daraus ferner der für uns merkwürdige Umstand, 
dass China seine Dynastie so oft gewechselt hat. und dass jede 
Dynastie, nachdem sie einmal vom Throne Besitz genommen, ge- 
horsame Uuterthaneu gefunden hat. 

Gleich der Familie verfolgt auch der chinesische Staat nur 
beschränkte Tendenzen. Jeder ausserhalb des Staates Stehende gilt 
dem Chinesen für einen Reclitloseu , gegen den jeder Betrug, jede 
Uebervortheiluug erlaubt ist, während man gegen jeden Mitbürger 
ein freundliches, gesittes Benehmen und Ehrlichkeit fordert. 

Vermöge der patriarchalischen Grundlagen, auf denen der 
Staat ruht, wird dem Alter und der Erfahrung eine besondere Ver- 
ehrung erwiesen. Im noch höheren Ansehen jedoch steht das Wissen. 
Weder Geburt noch Eeichthum geuiessen in China irgend welche 
Achtung und sind im Stande dem Besitzer irgend welche Präpon- 
deranz zu verschaffen; nur durch Wissen allein wird man üer 
Aemter und Auszeichnungen und in Folge derselben eines persön- 
lichen Adels theilhaftig. 

Da die Aristokratie Chinas, der Gelehrtenstand, ihre Mitglieder 
aus allen Schichten des Volkes recrutirt und dieselben in der Eegel 
ein schlichtes, einfaches Leben führen, so fällt der Anlass zu grösserem 
Luxus hinweg. In Folge dessen wird auch der Keichthum, da er 
kein Ansehen innerhalb der Gesellschaft verleiht, nicht so begierig 
gesammelt, wodurch eine grössere Vertheilung des Besitzes und 
Wohlhabenheit der Einzelnen entsteht. — Andererseits ist der 
Mangel einer bevorzugten auf Geburt und Keichthum basirten Kaste 
für die Entwicklung des Talentes von den besten Folgen. Alle diese 
Umstände haben zur Festigkeit des chinesischen Staatsgebäudes 
beigetragen und dasselbe aus den Stürmen, welche über dasselbe 
gezogen, unversehrt bewahrt. 

Die Staatsbürger Chinas zerfallen in vier Classen, nämlich: 
1) Gelehrte, 2) Ackerbauer, 3) Handwerker und 4) Kaufleute. Als 
ausserhalb der Staatsbürger oder des „ehrlichen Volkes" stehend 



394 

gelten Henker, Dienstboten, öffentliche Mädchen, Schauspieler und 
Vagabunden, d. i. Personen, die kein bestimmtes Obdach haben. 

Der erste Stand (Gelehrtenstand) bildet den Adel Chinas, 
dessen Würde rein persönlicher Natur ist. Aus ihm werden die 
Candidateu für die verschiedenen Aemter gewählt. In denselben 
einzutreten steht jedem Staatsbürger frei. Ueber die Würdigkeit 
der Candidateu entscheiden Prüfungen, deren es, je nach den Stellen, 
auf die man aspirirt, eine ganze Reihe gibt. 

An der Spitze des Staates steht der Kaiser, der in Ueber- 
einstimmung mit den Satzungen der Weisen regiert. Er vergibt 
selbständig die einzelnen Stellen. Eine parlamentarische oder gar 
republikanische Regierung , das Ideal des 19. Jahrhunderts , würde 
dem Chinesen ebenso absurd erscheinen, wie die Wahl eines Vaters 
durch die Familie. 

Unmittelbar unter dem Kaiser stehen dreizehn Körperschaften, 
nämlich die Cabinetskanzelei , das leitende Ministerium , die sechs 
SpeciabMiuisterieu (Inneres, Finanzen, Cultus, Krieg, Justiz, Arbeit), 
die kaiserliche Akademie der Wissenschaften, das Colonial-Ministerium, 
die oberste Central-Behörde, der oberste Gerichtshof und das Reichs- 
Einreichungs-Protocoll. Unter diesen dreizehn Körperschaften steht 
eine Reihe von Behörden, welche eine fortlaufende Rangstufe bilden. 
An der Spitze einer jeden Provinz steht ein General-Gouverneur 
(Vice-König). 

Trotz den guten Intentionen der chinesischen Gesetze, welche 
die Gesellschaft für das Thun jedes Mitgliedes derselben verantwort- 
lich macheu und auf diese Weise ein ausgebreitetes Polizei-System 
schaffen, ist es dennoch sowohl mit den öffentlichen Zuständen als auch 
mit der Handhabung der Gesetze kläglich bestellt. Nirgends existiren 
so viele geheime Gesellschaften als in China, nirgends sind die Pira- 
terie und das Bettelunwesen so grossartig entwickelt. 

Verwaltung und Justiz sind vereinigt. Unter den Strafen, 
welche über die Schuldigen verhängt werden, ist das Schlagen mit 
dem Bambusrohr die häufigste. Sie gilt nicht für entehrend. Alle 
Würdenträger, selbst die Prinzen des kaiserlichen Hauses, können 
ihr verfallen. Dem Schlagen mit dem Bambus zunächst steht das 
Umlegen des hölzernen Halskragens (eines mit einer Oeffnung für 
den Kopf versehenen Blockes). Unter den Todesstrafen gilt das 
Henken für die mildeste, — Köpfen und Spiessen, welche für schmach- 
voll gelten, werden nur an schweren Verbrechern, wie Landes- 
verräthern, Vatermördern, Tempelschändern, vollzogen. 



395 

Die Militärmacht Chinas ist im Verhältniss '/au Grösse des 
Reiches unbedeutend. Die regulären Truppen (Mandschus) belaufen 
sich nur auf 80.000 Mann, welche in 8 Abtheilungen, jede zu 
10.000 Mann, zerfallen. Die übrige Mannschaft, welche wohl gegen 
700.000 Köpfe betragen mag, sind nur Milizen, die in ihren 
Recrutirungsbezirken den gewöhnlichen Beschäftigungen nachgehen. 
Da die Offiziere aus derselben Classe wie die Civilbeamten genommen 
werden und keine besondere kriegswissenschaftliche Vorbildung haben, 
so lässt sich der klägliche Zustand des chinesischen Heeres leicht 
ermessen. 

Die Waffen des Chinesen bestehen seit alter Zeit aus Bogen 
und Pfeil und einem breiten Schwerte. AVenngleich mit dem Pulver 
lange bekannt, hat er es bis auf die Neuzeit meistens nur zu 
Feuerwerken benützt. 

Die Industrie Chinas steht, trotz der geringen Aufmunterung, 
die ihr von Seite der Aristokratie (armer Gelehrtenadel) und der 
Regierung (m Folge der mangelhaften Handelsverbindungen) zu Theil 
wird, dennoch auf einer hohen Stufe der Entwicklung. 

Die Erfindung und Cultur mehrerer Industriezweige geht in 
China ins graueste Alterthum zurück. So z. B. die Gewinnung und 
Verarbeitung der Seide, die Fabrication des Porzellans, des Papiers, 
der Tusche u. s. w. 

Der Handel Chinas ist vorwiegend Binnenhandel. Einem 
grösseren Aufschwünge des Handels überhaupt stehen mehrere 
Hindernisse entgegen, wovon der Mangel an flüssigem Capital obenan 
steht. Jener grosse Reichthum und jene neben ihm einhergeheude 
grosse Armuth , wie wir sie in Europa kennen , sind in China un- 
bekannt. Zudem sind die chinesischen Schiffe viel zu plump ge- 
baut und für längere, weite Seereisen gar nicht geeignet. Uebrigens 
fehlt bei China gerade jenes Moment, welches den Handel besonders 
begünstigt, nämlich das Bedürfniss. Das Land bietet alles, dessen 
der civilisirte Mensch bedarf, in reichstem Maasse, ja es kann sogar 
vieles von dem, was es ])esitzt, an andere abgeben. 

Der wichtigste Ausfuhrartikel Chinas, der Thee, wäre allein 
im Stande, dem Reiche der Mitte enorme Summen Bargeldes zu- 
zuführen, wenn nicht das Opium ein dort so stark gesuchter Artikel" 
wäre, dass die Einfuhrsumme des letzteren heut zu Tage beinahe 
das Doppelte der Ausfuhrsumme des ersteren ausmacht. 

Von Krankheiten kommen in China namentlich die Hautaus- 
schläge zahlreich vor, was eine Folge der grossen Unreinlichkeit 



396 

und des allzu häufigen Genusses des Schweinefleisches sein dürfte. 
Dagegen sollen die Krankheiten der Verdauungsorgane und des 
Nervensystems in China viel seltener als bei uns vorkommen , was 
in der massigen Lebensweise und dem allgemeinen Theetrinken 
seinen Grund haben mag. Die Heilkunde, obschon sie von zunft- 
raässigen Aerzten geübt wird, steht jedoch auf einer tiefen Stufe. 
Sie ist noch zu viel mit astrologisch-^n Anschauungen verbunden, 
und die Jünger derselben widmen sich ihr ohne vorherige theoretische 
Vorbildung. 

Bei eingetretenem Todesfalle werden die Anverwandten und 
Freunde des Verstorbenen davon alsogleich in Keuntniss gesetzt. 
Sie erscheinen darauf weiss gekleidet (weiss ist die Trauerfarbe), 
um den Todteu zu betrauern. Die Tliüren des Hauses werden 
mittlerweile weiss behangen. Darauf begibt sicli der älteste Sohn 
oder dessen ältestes Kind mit einem Gefässe, in welchem einige 
Münzstücke sich befinden, zum nächsten Flusse, um Wasser für 
den Verstorbenen zu kaufen. Mit diesem Wasser wird er gewaschen, 
in weisse Gewänder gehüllt und in einen mit ungelöschtem Kalk 
ausgestreuten Sarg aus dicken Brettern gelegt. Der Sarg wird 
luftdicht verschlossen und eine Tafel mit dem Namen und den 
Würden des Verstorbenen auf demselben befestigt. Man stellt ihn 
durch einundzwanzig Tage aus, nach deren Ablauf er unter Musik- 
begleitung und Verbrennen duftender Harze bestattet wird. 

Die Gräber befinden sich an unfruchtbaren, steinigen Orten. 
Oft werden, wenn kein Platz vorhanden ist. die Särge übereinander 
geschichtet und übermauert. Am Grabe werden die Kostbarkeiten 
und Kleider des Verstorbeneu (aber nur sinnbildlich, ans Papier 
verfertigt) verbrannt. Die Trauer um den Todten, während welcher 
man sich weiss kleidet nnd von allen Belustigungen zurückzieht, 
dauert siebenundzwanzig Monate. Zweimal im Jahre, im Frühling 
und im Herbst, wird den Verstorbenen auf den Gräbern geopfert. 

Was die Religion Chinas betrifft, so muss man zwischen der 
Religion des Volkes und der Gelehrten unterscheiden und darf auch 
den Glauben der alten Zeit mit jenem der neuen nicht verwechseln. 

Die alte Volksreligion der Cliinesen bestand — wie die Religion 
der hochasiatischen Völker überhaupt — in der Verehrung der 
Naturkräfte, speciell des Himmels, der Erde und des Menschen, 
d. h. der Geister der Verstorbenen, besonders der alten Kaiser und 
der Erfinder der nützlichen Dinge. Sie kannte weder Tempel noch 
Götterbilder, sondern imr Opfer, welche vom Kaiser, seineu Beamten 



397 

uud den Oberhäuptern der Familien dari^^ebradit wurden. Ein be- 
stimmter Priesterstand war nicht vorhanden. 

Dieser einlache Glaube ist es, w^elcher der heut zu Tage als 
officiell i^elteuden Volksreli<?ion zu Grunde liegt, an welcher von 
den Leuten gewöhnlicher Durchschnittbildung festgehalten wird. Er 
ist es, welchen später Kung-fu-tse reformirte und zur Grundlage seines 
das eigentliche ChinesiMithum coustituirenden nationalökononiischen 
Systems erhob. Die Lehre Kuug-fu-tse's, die ethisch rel'ormirte alte 
Volksreligiou ist die eigentliche Religion der Gebildeten Chinas, 
während einzelne Philosophen, sowie das gemeine ungebildete Volk 
zwei anderen Religionen, nämlich der Tao und dem Buddhismus 
anhängen. 

Die Tao (der Weg) verdankt ihre Entstehung Lao-tse, einem 
Zeitgenossen Kung-fu-tse's. Sie ist der mystische Niederschlag der 
alten Volksreligion. — Ihre Anhänger befassen sich mit Vorliebe 
mit der Magie. Alchymie und andern mystischen Hantirungen. 

Der Buddhismus ist kein chinesisches Erzeugniss, sondern eine 
importirte Religion . die aber trotz mehrfachen Verfolgungen von 
Seite der Regierung in den Gemüthern des gemeinen Volkes, welches 
die rein auf den Verstand berechnete Lehre Kung-fu-tse"s nicht 
befriedigte, feste Wurzeln geschlagen hat. Doch unterscheidet sich 
der chinesische Buddhismus (Foismus) wesentlich sowohl vom hinter- 
indischen und singhalesischen, als auch vom tübetischen und mongo- 
lischen, insofern er durch den Eintluss der Lehre Kung-fu-tse's mehr 
popularisirt und vieler seiner Extravaganzen beraubt worden ist. 

Das bürgerliche Jahr des Chinesen ist ein Mondjahr. Es be- 
steht abwechselnd aus zwölf und dreizehn Monaten , und fängt mit 
dem nächsten Neumond nach dem 15" des Wassermannes an. Die 
Woche zerfällt wie bei uns in sieben Tage, der Tag, welcher mit 
11 ühr vor Mitternacht anhebt, in 12 Stunden. Kuhetage, au denen 
die Arbeit eingestellt wird, kennt der Chinese nicht, ebenso ist die 
Zahl der Feste, welche er feiert . sehr beschränkt. 

Als allgemein gefeierte Feste können nur vier gelten, nämlich 
das Neujahrfest, das Laternenfest (zur Feier des ersten Vollmondes 
im Jahre), das Frühlingsfest und das Fest zu Ehren der Verstorbenen 
(am ersten Tage des siebenten Monats). 

Die Sprache Chinas, welche aus einsilbigen Stammwörtern 
besteht, durch deren ganz bestimmte Stellung innerhalb des Satzes 
der Maugel au Flexion ersetzt wird, zerfällt in zwei Hauptrichtungeu, 
nämlich : 1) Volkssprache und 2) Schriftsprache, neben welchen noch 



398 

die Umgangssprache der Gebildeten (Mandarin- Dialekt) als dritte 
Richtung gelten kann. Die Volkssprache, welche gegenwärtig in 
mehrere Dialekte zerfällt, die in der Aussprache von einander so 
stark abweichen, dass sie keinen unmittelbaren Verkehr im täglichen 
Leben zulassen, ist weniger abgeschliffen, als die Schrift- und ge- 
bildete Umgangssprache, iusoferne sie noch Consouauten am Ende 
des Auslautes der einzelnen Wurzelformeu duldet, während die beiden 
letzteren nur Vocale und Nasale im Auslaute gestatten. Sie steht also 
dem Ursprünge viel näher als die beiden anderen und muss daher 
auf sie bei Erwägung der etwaigen Verwandtschaftsverhältnisse mit 
anderen Sprachen vor allem Kücksicht genommen werden. 

Die Literatur Chinas zeichnet sich sowohl durch ein ehrwür- 
diges Alter als auch einen ansehnlichen Umfang vor allen bekannten 
Literaturen aus. Ihre Grundlage bilden die sogenannten fünf Bücher 
(Wu-king), nämlich: Y-king (das Buch der Verwandlungen), Schu- 
king (das Buch der Urkunden). Schi-king (das Buch der Lieder), 
Li-ki (der Ritualcodex) und Tschun-tsiu (Frühling und Herbst). 
Diese Bücher stehen bei den Chinesen in einem ähnlichen Ansehen 
wie der Koran bei den Muhammedanern und die Bibel bei den Juden. 

Unter den Werken der weltlichen Literatur sind besonders 
hervorzuheben die zahlreichen Geschichtswerke, die. Werke über 
Philologie, Literatur, Völkerkunde, Naturwissenschaften, Medicin und 
verschiedene gewerbliche Zweige, die zahllosen Werke der schönen 
Literatur, wobei das Drama und der Roman vorherrschen, gar nicht 
zu erwähnen. Allen diesen Werken ist der Charakter des chinesischen 
Volksgeistes, nämlicli Nüchternheit und eine ins Einzelne gehende 
Genauigkeit, gepaart mit einem Mangel au Schwung und echt künst- 
lerischer Gestaltung, deutlich aufgeprägt. 

Das Studium dieser Alles umfassenden Literatur, sowohl nach 
Form als auch nach Inhalt, ist die Hauptaufgabe der chinesischen 
Erziehung und Bildung. Alles das was die Alten erdacht haben 
genau zu kennen und zu commentiren ist das Endziel der chinesi- 
schen Gelehrsamkeit. Damit ist die Beschränktheit und zugleich 
die Tiefe der Bildung Chinas auf ihren hauptsächlichsten Grund 
zurückgeführt. 



399 



b. Japanesen/) 

Die Kleidung der Japanesen ist nach den Ständen sehr ver- 
schieden. Während der gemeine Mann namentlich in der warmen 
Jahreszeit bis auf eine um die Lenden geschlungene Schürze nackt 
einhergeht, steckt der Vornehme in weiten und bauschigen Kleidern, 
aus Seide und anderen kostbaren Stoffen. In der Kegel ist die 
Kleidung des Japaners, der einem Geschäfte nachgeht, mehr 
anliegend und einfach, dagegen die Staats- und namentlich die Hof- 
kleidung mit ihren weiten Aermeln und langen schleppenden Bein- 
kleidern sich durch eine nach unseren Begriffen übertriebene Stoff- 
verschwendung auszeichnet. Jede Kleidung, und mag sie noch so 
einfach sein, zeichnet sich durch eine gewisse Keinlichkeit vortheil- 
haft aus, wie denn auch der Japaner, seinem westlichen Nachbar 
gegenüber, dem Chinesen, das Bad fleissig gebraucht.**) 

Au den Füssen trägt man Strohschuhe, welche beim Betreten 
des Zimmers abgelegt werden. Auf dem Kopfe trägt man einen 
Hut, der in der Kegel einer umgekehrten Schüssel nicht unähnlich 
ist. Das Haar wird von den Männern am Vorderkopf bis gegen 
den Scheitel geschoren und dann das auf dem Hinterkopfe stehen 
gebliebene Haar mit Pomade reichlich eingerieben und nach vorne 
gekämmt. Die Frauen lassen das Haar lang wachsen, binden es zu 
einem Knoten zusammen und befestigen diesen mittelst mehrerer 
kreuzweise eingesteckter Nadeln am Kopfe. 

Bemerkenswerth ist die Sitte der japanesischen Frauen, Lippen 
und Zähne sich zu färben. Dies geschieht zu jener Zeit, wenn ein 
Mädchen Braut wird oder am Tage der Vermählung. Die Zähne 
werden mittelst einer Mischung von Eiseufeilspänen und Saki schwarz 
gebeizt, und die Lippen mit einer Farbe überzogen, welche sie An- 
fangs dunkelroth erscheinen lässt, bei fortgesetztem Gebrauche jedoch 
ihnen eine dunkelviolette Färbung ertheilt. 



*) Ausser den oben angeführten Werken von Kaempfer und Siebold vgl. 
besonders: Perry, M. C, Narration of the expedition of an American squadron 
to the China seas and Japan , performed in the years 1852 , 1853 and 1854, 
Washington 1856, 4". Pompe van Meerdervoort, Vijf jaren in Japan. 
Bijdragen tot de kennis van het japansche keizerrijk en zijne bevolking, Leyden 
1867 — 68, 8", 2 voll., und Spiess, Gustav. Die preussische Expedition nach 
Ustasien, während der Jahre 1860—1862, Leipzig 18G4, 4". 

**) In den öffentlichen Bädern, deren es allenthalben mehrere gibt, baden 
beide Geschlechter im Zustünde vollkommener Nacktheit mit einander. 



400 

Die Häuser der Japaner sind durcbgeheuds aus Holz (meistens 
Tannenholz) aufgebaut und in der Regel einstöckig. Die einzelnen 
Abtheilungen (Zimmer) haben eine bestimmte Grösse, da die Matten, 
mit denen mau den Fussboden bedeckt, hineinpassen müssen. Ebenso 
sind Fenster, Thüren u. a. genau ausgemessen. Man kauft die 
Häuser meistens fertig und lässt sie aufstellen. Die Scheidewände 
im Innern, welche verschoben werden können, sind entweder aus 
Holz oder häufiger aus Pappe; die Fenster sind mit ölgetränktem 
Papier überzogen. Rauchfänge finden sich an den Häusern nicht; 
der Rauch muss theils durch Thür und Fenster, theils durch die 
Ritzen des Hauses nach aussen entweichen. — Das Dach , welches 
vorne weit vorspringt, um Schutz gegen Sonne und Regen zu ge- 
währen, ist mit Ziegeln eingedeckt. In den Pfosten, auf welchen der 
Dachvorsprung rulit, sind Läden eingelassen, die man bei Tage und 
schöner Witterung lierauszieht, dagegen Nachts und bei Regenwetter 
einsetzt, namentlich um das Papier der Fenster vor dem Durch- 
weichen durch das Regenwasser zu schützen. 

Ausser den Tapeten , womit in den Häusern der Vornehmen 
die Zimmerwände überzogen werden, sowie Vasen und anderen Scliau- 
Objeeten, bietet ein japanisches Zimmer nichts Bemerkenswerthes 
dem Auge des Beschauers dar. Es mangeln ihm Tische, Sesseln, 
Kästen, Betten und andere Stücke, welche ein europäisches Zimmer 
so wohnlich gestalten, ganz und gar. 

Jedes japanische Haus ist entweder auf der vorderen oder auf 
der rückwärtigen Seite mit einem Garten versehen , der bei den 
Aermeren mit Küchengemüsen, bei den Reicheren mit Ziergewächseu 
bepflanzt und mit Wasserbecken, in denen Goldfische herumschwimmen, 
besetzt ist. 

Die Nahrung des Japaners ist zum grössten Theil den Vege- 
tabilien und den Producten des Meeres entnommen. — Reis ist, 
wie in China so auch in Japan das Hauptnahrungsmittel, das von 
Arm und Reich täglich in verschiedenen Formen genossen wird. 
Dem Rois zunächst kommt der Fisch, an dessen verschiedenen Arten 
das japanische Meer so reicli ist und der auch seit undenklichen 
Zeiten dort gefangen wird. Gänse, Enten, Hühner und anderes Haus- 
geflügel, deren Zucht in Japan getrieben wird, sind nur für die 
Tafein der Vornehmen bestimmt. Das Rind, welches, wenn auch 
in beschränkter Anzahl, in Japan sich findet, ist dort Zug- und 
Lastthier, nicht Zuchtthier; weder sein Fleisch noch seine Milch wird 
genossen. Dasselbe gilt auch vom Schafe. 



401 

Zu ileii Niiizifewäehsoii. welche ausser dem Reis in Japan 
eultivirt werden, «gehören Weizen, Gerste, Buchweizen, Mais (der 
sich beim Betreten Japans durch die Europäer dort bereits vor- 
gefunden haben soll), mehrere Bohnenarten, Yams. süsse Karte Hein. 
^Ielun(Mi, namentlich aber mehrere Rettigarlen, welche von den 
.lapaiiern mit einer besonderu Vorliebe genossen werden. 

Im Ganzen und Grossen ist die japanische Küche einfach und 
steht zur ausgesucht raffiairten Schlemmerei des Chinesen in einem 
stricten Gegensatze. 

Der Ackerbau, obgleich er die Grundlage der japanischen Gesell- 
schaft biblet. wird dennoch mit den primitivsten Werkzeugen be- 
trieben. Der Pllug dos Japaners ist noch immer jenes einfache 
Instniment, dessen sich unsere alten Vorfahren bedienten. Da- 
gegen versteht der Japaner die Bewirth'^cliaftniig des Bodens ganz 
vorzüglich, was bei dem Mangel an Viehdünger besonders anzu- 
erkennen ist. Wie in China wird jedes einigermassen zum Acker- 
bau passende Stück Landes benützt und durch alle Mittel rationeller 
Ijandwirthschaft verbessert. 

Das beliebteste Getränk ist, gleichwie in China, der Thee, 
dessen Cultnr in Japan 7.iemlich alt ist, indem sie wahrscheinlich 
schon in den Beginn des neunten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung 
zurückreicht. Man zieht den Theestrauch längs der Ackerfelder 
und Landstrassen und in kleinen Anlagen, wo er besonders in den 
Strichen zwischen dem 30" und ob'^ uördl. Breite vortrefflich ge- 
deiht. Ein weiteres Getränk ist der Saki, ein Branntwein, der in 
verschiedenen Graden destillirt und oft auch mit Gewürzen versetzt 
wird. Man kann den Japanesen grosse Unmässigkeit im Genüsse 
dieses Nationalgeträukes nicht absprechen und es sollen jährlich 
manche Individuen in Folge dessen an Säuferwahnsinn, Schlagflnss 
und anderen Krankheiten zu Grunde gehen. 

Als Reizmittel dient allgemein der Tabak, der sowohl von den 
Männern als auch von den Frauen ans kleinen Pfeifchen den ganzen 
Tag über geraucht wird. Man baut für den sehr bedeutenden Ver- 
brauch im Lande mehrere Sorten an; die beste soll die aus Satsuma 
stammende sein. 

Da die Japaner bei dem Mangel an Viehzucht den Talg nicht 
kennen, so wird in ziemlich grossen Massen der sogenannte Wachs- 
baum (Rus succedanea) eultivirt, dessen Früchte ein unserem Bienen- 
wachs ähnliches Pflanzenfett liefern. Daneben wird auch die 

UblUr, AUg. Ethnographie. 26 



402 

Bienenzucht stark getrieben, deren Producte, Wachs und Honig, hier 
um so werthvoller sind, als Japan der Zuckerbau gänzlich mangelt. 

Weiter sind hervorzuheben die Cultur des sogenannten Papier- 
maulbeerbaumes (Broussonetia papyrifera), aus deren in Lauge ab- 
gesottener und weichgeklopfter Kinde das in Japan übliche Papier 
bereitet wird, ferner die Cultur der Baumwolle, deren Producte 
den Hauptbekleidungsstoff liefern. 

Das ganze bebaute Land in Japan zerfällt in zwei Theile, 
nämlich in das ebene, mit Reis bebaute Feldland und das an den 
Hügeln mit anderen Nutzpflanzen besteckte Bergland. Das letztere 
ist das eigentliche Eigenthum des Landmannes, während das erstere 
dem Landesfürsten gehört und an den Landmann gegen eine jährliche 
Abgabe vom Ertrage, die 50—60 Procent beträgt, verpachtet wird. 
Trotz der grossen Ausdehnung des bebauten Bodens nehmen die 
Waldungen in Japan einen grossen Theil des Landes ein. Sie sind 
durchgehends in einem guten Zustande, da sie weder durch Wild 
noch durch das Vieh zu leiden haben , was bei dem ungeheueren 
Verbrauche des Holzes zum Häuserbau und zur Feuerung besonders 
hervorgehoben werden muss. 

Die Jagd sowohl auf das vierfüssige als auch das Vogelwild 
ist ein Privilegium des höchsten Adels ; doch ist es dem Landmann 
gestattet, das Wild, wenn es seinem Acker verderblich zu werden 
droht, auf diesem durch aufgestellte Schlingen und andere Vor- 
richtungen zu vertilgen. 

Die Anlage der Dörfer und Städte ist ziemlich gleichförmig, 
üeberall stehen die einstöckigen Häuser zu Reihen zusammen- 
gestellt, wobei jedoch wenig auf die Symmetrie Rücksicht genommen 
ist, so dass oft ein Haus mehr hervorragt als das andere, bei dem 
<3inen der Garten vorne, bei dem andern dagegen hinten sich be- 
lindet. Die Gassen sind sehr reinlich und selbst bei grosser Be- 
lebung derselben ziemlich geräuschlos, üeberall findet man Tempel, 
sowohl der Anhänger des einheimischen Sinto- oder Kami-Cultus 
als aucli der Buddhisten , die sich durch eine gewisse wohlthuende 
Reinlichkeit im Innern und eine schöne schattige Umgebung aus- 
zeichnen. Die Friedhöfe sind in Japan nicht wie in China auf 
steinigem, unfruchtbarem Boden angelegt, sondern befinden sich in 
der Regel in einer schönen Umgebung und sind mit den herrlichsten 
Zierpflanzen geziert, so dass man beim Betreten derselben nicht auf 
einem Orte der Verwesung, sondern eher in einem fröhlichen Garten 
zu wandeln vermeint. 



403 

Die Laudstrasseu , welche das Land durchziehen und selbst 
in die unwirthbaren Gegendeu des Gebirges hinaufführen, sind solid 
gebaut. Der Weg ist durch festgestampften Scliotter und Sand 
gleichmässig geebnet und zu beiden Seiten mit Abzugcanäleu für 
das Regenwasser, sowie mit dichten schattigen Bäumen versehen. 
Die Entfernungen sind durch Meilenzeiger kenntlich gemacht und 
von Strecke zu Strecke finden sich Anstandsorte, damit der Weg 
nicht verunreinigt und das Auge des Reisenden nicht beleidigt werde. 

Was die Familienverhältnisse des Japanesen anbelangt, so ist 
ihm gesetzlich die Polygamie gestattet. Die Anzahl der Frauen 
richtet sich nach dem Range und Vermögen, so dass, wie anderswo, 
der xVrme, der kaum den Unterhalt einer Frau zu bestreiten vermag, 
factisch in der Monogamie leben muss. Trotz der grossen Freiheiten, 
welche Mädclien und Frauen bei den Japanesen geniessen, lobt man 
allgemein ihren züchtigen und eingezogenen Wandel, und es sollen 
Scandalgeschichten, an denen wir so reich sind, dort gar nicht vor- 
kommen. 

Dieser Punkt mag wohl im tiefsten Grunde mit einem anderen 
zusammenhängen , nämlich mit der wohlorgauisirteu Prostitution, 
welche in allen grösseren Städten, wo viele Fremde zusammen- 
strömen, besteht. Dort gibt es nämlich sogenannte Theehäuser in 
denen arme, junge Mädchen, welche von ihren Eltern für die Zeit 
ihrer Jugendblüte dorthin verkauft werden, das Gewerbe ausüben.*) 
Da selbst der verheirathete Japanese in der Befriedigung des Ge- 
schlechtstriebes ausserhalb der Ehe und dem Besuche eines öffent- 
lichen Bordells weder ein moralisclies Vergehen nocli eine Erniedrigung 
erblickt, so wird in der That durch diese unsere Gefühle verletzende 
Einrichtung der Zucht und Sittlichkeit innerhalb der Familie eine 
Schutzwelir geboten. 

Im Ganzen genommen sind die Lüsternheit und Geilheit in 
geschlechtlichen Dingen in Japan nicht so gross wie bei uns, indem 
beiden Geschlechtern von fniher Jugend an nichts verheimlicht wird 
und man selbst öffentlich Obscouitäten ihrem Anblicke nicht entzieht. 
So kommt es, dass bei dem frühzeitigen Heirathen (beim Manne mit 
dem zwanzigsten, beim Mädchen mit dem fünfzehnten Jahre) beide . 
Gosclilecliter physisch unverdorben in den Stand der Ehe treten. 



*) Diese Mädchen kehren etwa um das 24. Jahr wieder in die ehrliche 
(icsellschaft zurück, und sollen, da man ihre frühere Lebensweise nicht als 
Schande ansieht, manchmal gute, geachtete Hausfrauen werden. 

26* 



404 

Die Kinder werden naturgemäss, einfach erzogen. Man setzt 
sie von frühester Jugend au dem Wechsel der Witterung aus und 
ilberlässt sie ihren Neigungen und Spielen. Sobald sie grösser ge- 
worden sind, schickt man sie in die Schule. An Volksschulen, wo 
die Knaben im Lesen und Schreiben und die Mädchen auch noch 
im Nähen und Stickeu unterrichtet werden, ist Japan sehr reich; 
fast jedes Dorf iiat seine Schule, in den Städten gibt es deren 
mehrere. Daher trift't man sowie in China auch in Japan selten 
einen Menschen, der nicht lesen und schreiben könnte. Dagegen 
ist der höhere Unterrieht sehr mangelhaft, und ist der nach Wissen 
dürstende Jüngling theils (wenn er reich istl auf einen Privatlehrer, 
theils (wenn er arm ist) auf sein eigenes Studium angewiesen. 

Die Bevölkerung Japans zerfällt in acht Classeu, nämlich: 
1) die Fürsten, 2) den Adel, o) die Priester (sowohl des einheimischen 
Sinto- als auch des importirten Buddhacultus, 4) die Krieger, ö) die 
Beamten und x\erzte, G) die Kaufleiite und Grosshändler, 7) die 
Kleinhändler, Künstler und Handwerker, mit Ausnahme der Gerber 
(deren Handwerk für unrein gilt), 8) die Laiidleute und Taglöhner. 
Ausserhalb des ehrlichen Volkes stehen die Gerber, Henker und 
andere Personen, welche mit Leichen, Häuten und Fellen in Be- 
rührung kommen. 

Aus den Mitgliedern der beiden ersten Classeu werden die 
Functiouäre für die höchsten Würden und Aemter gewählt und ist 
nur ihnen ein grösserer Luxus gestattet. Dagegen ist der letztere 
don Mitgliedern der sechsten Classe, wenn auch die ausgiebigsten 
Mittel dazu vorhanden sind, durch strenge Gesetze verboten. Der 
Adel sammt der vierten Classe ist zum Kriegsdienste verptiichtet. 
Der achte Stand ist der eigentliche Nährstand Japans, indem nnr 
der Landmann thatsächlich besteuert ist, während der Industrielle 
einen im Verhältniss zu den Abgaben des vorigen kaum der Rede 
werthen Beitrag leistet. Die Beamten, welche ihre Gehalte in 
natura geliefert erhalten , sind in der Regel schlecht bezablt , was 
trotz der Ordnung und Coutrole, welche überall gehaudhabt werden, 
Ilnterschleife und Bestechungen zur Folge hat. 

Japan ist ein monarchischer Vasallenstaat mit einem geistlich- 
weltlichen Oberhaupte (Mikado) an der Spitze. Dieses entstammt 
dem alten Göttergeschlechte Zin-Mu's , der im Jahre (360 vor Be- 
ginn unserer Zeitrechnung die Geschichte Japans eröffnet. Innere 
Verwicklungen und Fehden der einzelnen Vasallen fürsten (Daimio's) 



405 

unter einauder veranlasyteu den Mikado Go-Toba im Jahre 1185 
unserer Zeitrechnung, seinen zweiten Solin Yoritomo zur Unter- 
driic-knng der Unruhen mit dem Titel eines Sjognu (Kroiioeneral)*) 
an die Spitze eines grösseren Heeres zu stellen. Die glückliche 
Beendigung der Kriege und die in Folge dessen entstandene An- 
hänglichkeit des Heeres an ihn, veranlassten Yoritomo nach und 
nach alle äusseren Angelegenheiten an sich zu reissen und sich iu 
eine vom Mikado unabhängige Stellung zu versetzen. Trotz hart- 
näckigem Widerstreben erkannte der Mikado die Dinge im Jahre 
lU»! an, womit neben dem geistlichen und legislativen Oberhaupte 
iu Japan ein weltliches und executives förmlich eingesetzt wurde. 
Dies dauerte unter fortwährendem Zurückdrängen des Mikado iu 
eine steife Etikette und müssige Beschaulichkeit bis in die neueste 
Zeit(18(il) fort, wo das Erscheinen der Europäer und Nord- Amerikaner 
dem jungen Mikado mit Hilfe einer mächtigen Adelspartei Gelegen- 
heit gab. den Sjogun niederzuwerfen und sich wieder zum freien 
unumschränkten Oberhaupte des Feudalstaates zu machen. 

Die Gesetze der Japanesen sind sehr streng: auf die meisten 
schwerereu Vergehen ist schon die Todesstrafe gesetzt, während 
kleinere Vergehen, wie Diebstahl von Sachen geringeren Werthes, mit 
der Brandmarkung bestraft werden. Doch darf der Dieb nicht zu 
oft rücktällig werden, da nach dem vierundzwanzigsten Male, wo 
er ertappt worden . an ihm auch die Todesstrafe vollzogen wird. 
Die letztere Strafe gilt für entehrend und ist mit Vermögensconlis- 
cation verbunden. Wenn daher ein vornehmer Mann ein Vergf^heu 
begangen hat, worauf die Todesstrafe gesetzt ist, so sucht er sich 
durch das Banchanfschlitzen (Harakiri) selbst zu entleiben, da er 
auf diese Weise dem Gesetze gegenüber rein dasteht und seiner 
Familie das Vermögen rettet. 

Unter den einheimischen Waffen Japans steht das ungemein 
gut gearbeitete und haarscharf geschliffene Schwert obenan. Es 
bildet das Abzeichen der vornehmen Staude auch im Frieden und 
werden in der Regel zwei, zu jeder Seite eines, getragen. Den Ge- 
brauch des Schiessgewehres und der Kanone haben die Japaner 
frühzeitig durch die Portugiesen und Holländer kennen gelernt nad 
ihre Waffen nach dem Muster der bei diesen Völkern verwendeten 



*) Der Name Taikun. mit welchem man ihn oft bezeichnet findet, ist ihm 
von rien Amerikanern beicjelegt. 



406 

Exemplare verfertigt. In neuester Zeit haben die verbesserten 
Waffen der Europäer und Nord-Amerikaner Eingang gefunden und 
dürfte in kurzer Zeit die japanische Armee den Heeren des civili- 
sirten Abendlandes ebenbürtig zur Seite gestellt werden können. 

Die Japanesen sind grosse Freunde der gymnastischen Uebun- 
gen und allenthalben sieht man die Jugend mit der Pflege der 
Turn- und Fechtkunst beschäftigt. Auch die Productionen auf 
diesem Gebiete gehören zu den Lieblingsschauspielen der Japanesen. 
Jene Leute, welche dem Ringer- und Fechtergewerbe obliegen, 
pflegt man, damit sie bei Kräften bleiben, mit reichlicher und kräf- 
tiger Kost zu versorgen, wodurch ihre Muskeln derart an Umfang 
zunehmen, dass die betreffenden Personen wandelnden Fettklumpen 
gleichen. 

Die ursprüngliche Religion der Japaner beruht im Ganzen auf 
denselben Grundlagen, wie die Religion der anderen hochasiatischeu 
Völker; auch sie bezieht sich auf die Verehrung der Naturkräfte, 
speciell des Himmels und jener Mächte, welche den Verkehr zwisclieu 
der unsichtbaren Gottheit und dem Menschen vermitteln. Nebenbei 
spielt wie in China innerhalb derselben die Verehrung der Ahnen 
eine grosse Rolle. 

Gleich dem Turum der Ostjaken ist auch die Sonnengottheit 
der Japaner (unter dem Symbol eines reinen Spiegels*) dargestellt) 
zu erhaben, als dass der Mensch sich unmittelbar an sie wenden 
könnte. Er bedarf zu diesem Zwecke der Vermittlung anderer 
Götter, sogenannter Kami, deren es zwei Arten gibt, nämlich erstens 
eigentliche Götter und zweitens Heroen oder göttergewordene fromme 
Menschen. Dieser Cultus, Kami-no-madsu, „der Weg der Götter", 
ist mehr unter dem chinesischen Aequivalente dieses Ausdrucks, 
nämlich Sin-to (chinesisch Schin-tao) unter uns bekannt. 

Der Sin-to ist die eigentliche Staatsreligion Japans, mit dem 
Mikado als Oberhaupt an der Spitze. Gleichwie die Doctrin Kung- 
fu-tse's mit dem Denken und Fühlen des gebildeten Chinesen innig 
zusammenhängt, ebenso ist der Sinto mit den ganzen Einrichtungen 
in Familie und Volk bei den Japanern innig verbunden. Er ist 
ein Ausfluss des japanischen Volksgeistes und als solcher unzerstörbar. 

In praktischer Hinsicht hat der Sinto-Cultus grosse Aehn- 
lichkeit mit der Religion Zarathustras. Auch er empfiehlt gleich 



*) Vergl. den mexicanischen Tezcatlipoca, S. 265. 



407 

dieser seinen Anbilngeru Reinheit des Herzens und Leibes durch 
Enthaltung von jeder Verunreinigung durch Gedanken , Worte und 
Thaten und macht ihnen die Bewahrung des Symbols der Reinheit, 
des heiligen Feuers, zur PHieht. 

In dieser ursprünglichen Reinheit wird jedoch gegenwärtig 
dieser Cultus nicht mehr angetrotten , sondern ist durch den Bud- 
dhismus und die Lehre Kuug-fu-tse's bedeutend modificirt. 

Der Buddhismus, dessen Einführung in Japan (aus dem be- 
nachbarten China) in das sechste Jahrhundert unserer Zeitrechnung 
zurückgeht, hat dort eine grosse Verbreitung gefunden. Er kann 
wie in China für die Religion des gemeinen Volkes gelten und zer- 
fallt in mehrere Secteu, jenachdem er mehr oder weniger von dem 
Sinto-Cultus in sich aufgenommen hat. 

Neben diesen beiden Religionen findet sich noch die Lehre 
Kung-fu-tse's in Japan vor : sie wird jedoch nur von wenigen , wie 
es scheint, dem Gelehrtenstande angehörenden Individuen bekannt. 

Das japanische Jahr ist ein Mondjahr und besteht wie das 
chinesische abwechselnd aus 12 (354 Tagen) und 13 Monaten 
(384 Tagen) und beginnt mit dem Februar. Tag und Nacht zer- 
fallen je in 6 Stunden, die nach der Jahreszeit kürzer und länger 
sind. Von den drei Cyclen der Zeitrechnung, die im Gebrauche 
sind, ist der eine, sechzigjährige derselbe, dessen die Mongolen und 
Kalmükeu sich bedienen.*) 

Gleich den Chinesen und allen Völkern der mongolischen Rasse 
ist den Japanern ein in bestimmten Zeiträumen (Wochen) wieder- 
kehrender Ruhetag unbekannt, ebenso ist die Zahl der Feste sehr 
beschränkt. — Diese werden aber gleich unseren Kirchweihfesten 
mit Aufzügen und Trinkgelagen gefeiert und Arm und Reich beeilt 
sich dabei, die Sorgen des Tages zu vergessen und das lang ersehnte 
Fest in fi-öhlicher Stimmung zu verleben. 

Die japanische Sprache, ein in Betreff der Structur dem Maud- 
schu und Mongolischen ähnliches Idiom, wurde frühzeitig schrift- 
stellerisch ausgebildet und besitzt eine ziemlich reichhaltige Literatur. 
Diese ist wesentlich durch die Anregung Chinas gebildet worden 
und hat sich lange Zeit über eine Nachahmung der chinesischen 
in Stoff und Form nicht zu erheben vermocht. Gleichwie in der 



*) Bergmann. Benjamin, Nomadische Streifereieo unter den Kalmüken, 
Riga 1804, 8°, II, S. 3.37. 



408 

chinesischen sind auch in ihr besonders Geschichte, Geographie, 
Natiirwisseuschal'ten, Philologie und unter der sogenannten schönen 
Literatur das Drama und der Roman vertreten. Obwohl der chine- 
sischen an Selbständigkeit und Unmittelbarkeit der Auffassung über- 
legen, erhebt sie sich dennoch gleich dieser nicht über das Alltägliche 
und kann eine gewisse verstaudesmässige Nüchternheit nicht ver- 
läuguen. Die Bücher werden in Japan um einen beispiellos billigen 
Preis hergestellt, so dass die Leetüre derselben Jedermann , selbst 
dem Unbemittelten zugänglich ist. Die besseren Producte der 
japanischen Buchdruckerkunst zeichnen sich durch einen gewissen 
kalligrapliischen Geschmack aus, welcher überliaupt von den Orien- 
talen bei Werken , die über das unmittelbarste Bedürfuiss hinaus- 
gehen, gefordert wird, ein Punkt, für den uns beinahe jedes Ver- 
ständniss mangelt. Die Bücherläden sind mit Bildern, Landkarten 
und scliwungvoll ausgeführten Stücken der chinesischen Kalligrapl.ie 
behangen und bieten überhaupt das Bild eines regen geschäftigen 
Lebens dar. Eine nicht unbedeutende Rolle spielen die ausgestellten 
obscöncn Bilder der ärgsten iVrt, welche von Alt und Jung, Vornehm 
und Niedrig mit grossem Interesse betrachtet werden, ein Zug, der 
den Japaner dem modernen Al)endlande gegenüber trelMich illustrirt. 
Dasselbe was von der Literatur, gilt auch von der höheren 
Industrie und Kunst, falls der letztere Ausdruck hier überhaupt 
Platz finden kann. Auch hierin sind die Japaner den Chinesen 
bedeutend überlegen; ihre Producte zeigen mehr Schwung als die 
chinesischen. Aber trotzdem sind beide noch weit entfernt von den 
Ansprüchen, die wir an Kunstwerke zu stellen gewohnt sind. Es 
ist im Grunde nur eine wunderbar vervollkommnete Technik, die 
in den Producten Chinas und Japans uns entgegentritt; eine Kunst, 
die auf der Verkörperung des Ideals beruht, ist es nicht, da den 
Völkern der mongolischen Rasse der Begritf des Ideals ganz und 
gar mangelt. 

Sprache. 

Die Sprachen der Völker, welche zur hochasiatischen oder 
mongolischen Rasse zählen, sind ebenso mannigfaltig, wie die 
Culturstufen , zu denen sich die einzelnen Völker erhoben haben. 
Wir finden da Sprachen von dem einfachsten Bau, den man sich 
nur denken kann (vergleichbar den Mollusken innerhalb des Thier- 
reiches), andererseits auch Sprachen von solch ausgebildeter Cou- 
struction, dass selbst Sprachforscher vom Fache einen Augenblick 



409 

in ZweitVl seiu konnten, ou mau sie iiichl niil den höehst ent- 
wickelten aller Sprachen, den indo-germauischen, in eine Reihe stellen 
müsse. Man kann sich keinen grösseren Gegensatz denken . als 
die Sprachen Hinterindiens nnd das Suomi, die Sprache Finnlands I 

Zu die.-em tritt noch der merkwürdige Umstand, dass jenes 
Volk, welches für das entwickeltste dieser Rasse gelten kann, «las 
chinesische, einer Sprache sich bedient, welche der äusseren Form 
nach an die einsilbigen Idiome Barmas und Slams sich anschliesst, 
während die am tiefsten stehenden Stämme Nordsibiriens, wie die 
Samojedeu. Ostjaken. Tuugusen, Jakuten, Sprachen reden, die durch 
mehr weniger entwickelte Formfülle ausgezeichnet sind.*) 

Es Hesse sich schon vom Standpunkte der Culturgeschichte 
behaupten, dass jenes einsilbige Idiom, in welches der Chinese seine 
Gedanken kleidet, eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich 
haben müsse und unmöglich, wie man oft geglaubt hat, der Anfang 
menschlicher Rede sein könne, wenn nicht die Wissenschaft in den 
zahlreichen chinesischen Volksdialekteu und in den tübetischen 
Idiomen die vermittelnden Glieder gefunden hätte, welche das Pro- 
totyp der einsilbigen Sprachen, das Chinesische, an die mehrsilbigen 
Formen der menschlichen Rede anknüpfen dürften. 

Es ist eine Aufgabe der zukünftigen Wissenschaft zu unter- 
suchen, wie es denn gekommen, dass die continentaleu Völker Süd- 
Ost-Asiens zu einer solch eigentliü:nlichen Form der Sprache ge- 
langt sind und ob ähnliche Factoren wirksam waren wie etwa 
im Französischen und Englischen, wo ein grosser Theil der urtliüm- 
lichen Wortformen durch zersetzende Lautprocesse auf den Umfang 
der Einsilbigkeit xusammengescTirumpft ist. 

Nach Massgabe der gegenwärtig der Wissenschaft zu <-rebote 
stehenden Mittel müssen wir annehmen , dass die Sprachen jener 
Völker, welche in den Bereich der hochasiatischen Rasse fallen. 
nicht auf eine oder zwei Urspraciien zurückgehen, sondern mehreren, 
von einander unabhängigen Quellen entsprungen sind. Wir haben iu 
der Uebersicht dieser Völker die Anzahl dieser Ursprungspunkte auf 
mindestens neun veranschlagt, eine. Ziffer, die wenigstens dies eine 
für sich hat, dass sie aus der nüchternen Erwägung aller in Be- 
tracht zu kommenden Thatsachen hervorgegangen ist. 



*) Vergl. Steintbal, H.. Charakteristik der hauptsächlichsten Typen de» 
Sprachbaues, Berlin 1860, 8", Ö. 107 ff.. 148 tf. nnri 177 ff. 



410 



B. Lockenhaarige. 

1. Dravidas. 

Die Halbinsel Vorder-Indien wird von den Abhängen des 
Himalaja, wo Völker der liochasiatischeu oder mongolischen Rasse 
(vgl. S. 357) sitzen, bis gegen die Südspitze, das Cap Comorin, von 
zwei Rassen bewohnt, deren eine den südlichen Theil, das so- 
genannte Dekhan sammt den gebirgigen Theilen des Innern ein- 
nimmt, während die andere in den nördlichen Ebenen vom Indus 
bis in das Brahmaputra -Thal hinein ansässig ist. Die letztere 
Rasse, oder richtiger das letztere Volk, die sogenannten Arya (Arier), 
sind vor nicht gar langer Zeit — etwa um 2000 bis 1500 vor 
Beginn unserer Zeitrechnung in diese Gegenden eingewandert. Sie 
bilden eine Abtheilung der mittelländischen Rasse und sind die 
nächsten Verwandten der im Westen des Indus sitzenden Eranier. 
Wir worden daher das Nähere über die Einwanderung derselben 
in jenem Abschnitte bemerken, welcher über die mittelländische 
Rasse, speciell den vierten Stamm derselben, die Indogermanen, 
handelt. 

Die erste der beiden Rassen, die südliche, welche wir nach 
einem Sanskrit-Ausdrucke Dravida-Rasse nennen, war vor der Ein- 
wanderung der Aryas über ganz Indien verbreitet. Als die erobernden 
Schaaren der Aryas von Nordwesten her eindrangen, scheinen 
heisse Kämpfe zwischen den ansässigen Dravidas und ihnen ent- 
brannt zu sein, die mit der Unterjochung jener endeten. Ueberall 
dort, wo die bisher nomadisirenden Aryas sich niederliessen und 
das Land für ihren Ackerbau in Besitz nahmen, musste die über- 
wundene Rasse der siegenden Knechtesdienste leisten und wurde 
als nothwendiges Glied in die Gemeinschaft derselben aufgenommen. 
Dagegen behauptete sich in jenen Gegenden, wohin die Sturmfluth 
der arischen Eroberungszüge nicht gelangt war, die einhämische 
Rasse unabhängig, und es bedurfte bedeutender Anstrengungen von 
Seite der Sieger, die Thalebenen der Gauga ihrer Botmässigkeit zu 
unterwerfen. 

Während in den ersten Zeiten der arischen Eroberungszüge 
bei der Einfachheit der patriachalischen Zustände eine Vermischung 
der Weissen Sieger mit den dunklen Aboriginern leicht eingetreten 
war, machte sich sjnitor bei Consolidirung der Zustände und der 
raschen Entwicklung einer cigenthümlichen Cultur eine immer molir 



. 411 

und mehr fortschreitende Abschliessuug der verschiedenen Gesell- 
sthaftsclasseu geltend. Es bildete sich zuletzt ein Gegensatz zwischen 
den drei alten arischen Classen der Priester, Krieger und sassigen 
Ackerbauer einerseits und den gemeinen Arbeitern andererseits aus, 
welche den unterworfenen Aborigineru angehörten. Darauf deutet 
namentlich der Sanskrit- Ausdruck für Kaste: varna, welcher ur- 
sprünglich ., Farbe'' bedeutet. 

Wie man sieht, müssen in allen jenen Theilen der indischen 
Halbinsel, wohin die Aryas drangen, bis auf jene Zeiten herab, wo 
ein starres Abschliessen der einzelnen Kasten gegen einander sich 
geltend machte (es ist jene Zeitepoche, welche man mit dem end- 
lichen Siege des Brahmaismus identificiren kann), bedeutende 
Mischungen der beiden Kassen, der Diavida- Rasse und der mittel- 
ländischen nämlich, stattgefunden haben. Und zwar waren sie in 
den ersten Zeiten der Einwanderung viel intensiver als in den 
späteren Epochen. Dagegen war die arische Bevölkerung, je weiter 
sie ins Innere vordrang, eine mehr gemischte, so dass in der späteren 
Zeit die seltener w^erdende Vermischung durch die grössere Gemischt- 
heit der Einwanderer beinahe aufgewogen wurde. Daher kommt es 
nun, dass überall dort, wohin die arische Einwanderung gedrungen 
(und dies war mit der Zeit ganz Indien mit Ausnahme der gebirgigen 
Theile des Innern), keine der beiden Rassen, weder die mittellän- 
dische noch die Dravida-Rasse, für unvermischt gelten kann. Der 
arische Inder ist vom Standpunkte der Rasse streng genommen 
kein Mittelläuder, sondern ein Mischling aus mittelländischem und 
Dravida-Blute, und auch der Dravida, sofern er cultivirt ist, kann 
auf Unvermischtlieit seiner Rasse keinen Anspruch machen, sondern 
ist ebenso ein Mischling aus Dravida- und mittelländischem Blute. 

Gleichwie wir vom Standpunkte der Rasse den reinen Mittel- 
länder oder Indogermanen ausser Indien suchen müssen, ebenso müssen 
wir den reinen Dravida dort suchen, wo er von Mischungen mit 
dem stammfremden Einwanderer sich rein erhalten hat, nämlich 
in den gebirgigen Theilen des Innern der indischen Halbinsel. 

Vom ethnologischen Standpunkte zerfällt die Dravida-Rasse 
in Indien in zwei, und wenn wir die Aboriginer-Bevölkerung von 
Ceylon hinzurechnen, in drei von einander grundverschiedene, 
Volksstämme, nämlich einen uord- und einen süd-indischen, oder den 
Munda-Stamm und den Dravida-Stamm im engeren Sinne und die 
Singbalesen. Diese Eintheilung stützt sich auf die Sprachen der liie- 
her gehörenden Völker, welche vermöge der Verschiedenheit der 



412 . 

sie coiistitnirendeii Gnindelemeiite iinaiöglich einer Quelle entspruugon 
seiu köuiieu. sondern deutlich auf drei verschiedene Urspruugs- 
punkte iiin weisen. 

I. Munda - Stamm. *) 

Dahin gehören mehrere uiicultivirte Gebirgs-Stänime des Hoch- 
landes von Tschota-Nagpur. südwestlich von Calcutta, die im all- 
gemeinen mit dem Namen Kol, richtiger Kolli,**) bezeichnet 
werden. Es sind dies die Santal iSonthal), die Kolli von Singh- 
bhum (Larka-Kolh oder Ho), Bhuraidsch und die sogenannten 
Mnnda-Kolh; die letzteren sitzen in der Gegend südlich von 
Eantschi, im sogenannten Kollian. Dagegen sind die Uraon- 
(Ürauh-) und Radsch mahal - Ko 1 h niciit iiieher zu beziehen, 
sondern in die Classe der Dravida- Völker zu stellen ***) Die oben ange- 
führten vier Kolh-Stämme sprechen noch jetzt ihre Sprache, während 
andere Stämme, welche ebenfalls liieher gehören, diese eingebüsst 
nnd eine andere angeuonimeu haben. Dahin gehören die Kol oder 
Kuliy) in Guzerat, welche wohl dem Namen nach mit den vorigen 
identisch sind, ein Ackerbau treibender, wilder Stamm, der sich aber 
in Sprache nnd Sitten von den brahmanischen Hindus nicht unter- 
scheidet. Die Jiamusi wolmen im Süden Puna's bis Kolapur ff) 



*) C am j) bell, J. , The ethnology of India (Journal of the roj-al Asiatic 
Society of ticiigal. ISlUi, 8".) — Dal ton, E. T., The Kols of Chota-Nagpore 
(Ebendaselbst, 15o ff.). Jellinghaiis, Th., Sagen, Sitten und Gebräuche 
der Munda-Kolhs in Chota-Nagpore (Zeitschrift für Ethnologie von Bastian 
und Hartmann. HI, 326, 367). — Müller, Max, bei Bunsen . Ch. J.. Christi- 
anity and mankind, Vol. III (London 1854, 8"). pag. 435. Lassen. Christian, 
Indisclie Alterthuinskunde, I, 366. Tickell, örammatical constiuctiou of the 
Ho language (Journal of the royal Asiatic society of Bengal 1866. 8". pag 268). 
**) Der Ausdruck soll j-Scliweinetödter" bedeuten — altiiid. kolaha. 
***) Wohin die Stämme der Kherrias, Beiidkarrs, Birliurs, Bhu- 
hars oder Boyars, die drei ersteren im Süden, die letzteren im Norden des 
Hochlandes von Tschota Nagpur, und die Dchuangas oder Patuns, in den 
Dsohangeln von Kattak, gehören, ist gegenwärtig nicht zu entscheiden, da von 
ihren Sprachen niclits Näheres bekannt geworden ist. 

t) Dagegen sind die Koli in den Sinila-Bergen, welche bei Bastian , Das 
Beständige in den Menschenrassen , Berlin 1868 , 8", auf der Karte als ein 
Dravida-Stamm augeführt werden, nichts als eine niedere Kaste (Campbell. 
a. a. 0.. 46 und 123). 

tt) In den Ehenen der Flüsse Mann. Nira, Bhinia und Pera. sowie den 
daran stossendon Hochländern zwischen 17" und 20" nördl. Breite und 73" 40' 
und 75" 40' östlicher Länge (Mackintosh. Alexander. An account of the origin 
and ])resent condition of the tribe of Bamoossies, Bombay 1833 8"). 



413 

uml die W'arali niiil Katodi oder Katkari, die ersteren in 
di'ii ^V;■lldel•u im Süd-Osten Dam ans, die let/ieveii an der Westseite 
der Gliat, zwischen Pnna und Nasik, und an der Ostseite und im 
Norden zwischen der I)aniaii Ganga und Tapti. Die Bhilla, ein 
weit ausgebreiteter Stannn . wohnen in den Wäldern der Anhöhen, 
welche die Flüsse Tapti. Narbadchi und Mahi begleiten; sie reichen 
im Osten bis zur Varada, an das Gebiet der Gonda. Im Süden 
reichen sie in den West-Ghats bis gegen Puna und Daman. Sie 
finden sich auch in den Bergen Guzerats und von da westwärts 
und nordwärts. Die Bhilla sind ein sehr stark gemisciiter Stamm, 
wek-her Sitte und Sprache grösstentheils von jenen cnltivirten 
Völkern, in deren Gebiet, er le!)t, angenommen hat. Die Mera 
(Mhairs) sitzen in der Aravali zwischen Komulmer und Adschmir, 
wo sie Ackerbau treiben, die Mi na, ein mit den vorigen innig 
verwandter Stamm, wohnen in dem Gebirgszuge, welcher von Ad- 
schmir gegen die Dschamua hin verläuft. 

IL Dravida- Stamm.*) 

Der Dravida- Stamm zerfällt in zehn sprachlich geschiedene 
Abtheilungen, nämlich: I) Tamuleu (Tamil), 2) Teliugas (Telugu), 
3) Kanaresen (Kanuadi), 4) Malayalas , 5) Tuluvas, Ö) Todas, 
7"i Gondas, 8) Ku's (Kiiond, Kand), 9) die üraon- und Kadsch- 
mahal-Kolh . 10) die Brahui in Belutschistan. 

1. Die Tamulen wohnen im sogenannten Karnatik, d.i. dem 
Lande unterhalb der Ghats von Palicat bis au das Cap Comorin 
und dem darüber liegenden Hochlande. Die Nordgränze reicht von 
Palicat bis gegen Bangalor ; die Westgräuze zieht sich von da über 
Koimbator gegen das Cap Comorin. An der Westgräuze der Ghats 
wird im südlichen Travancor von Cap Comorin bis gegen Trivandram 
Tamil gesprochen. Zu den Tamulen gehört auch die Arbeiter- 
bevölkernug des nördlichen und nordwestlichen Ceylon. Ebenso 
gehört die grösste Anzahl dei sogenannten Kling's oder Kaliugas, 
welchen man in den Seestädten Hinterindiens und des malayischen 
Archijiels begegnet, zu dem Volke der Tamuleu, dem gebildetsten 
und unternehmendsten Volke der Dravida-Kasse. 



*) Caldwell, R., A comparative grainmar of the Dravidian or South- 
Jndian family of languages. London 1856, 8**. Lassen, Christian, Indische 
Alterthumskunde, Bonn 1847, 8", Bd. I, S. 362 ff. und Beames, Johu, Outliues 
of Indian pliilology, IL edit., London 1868, 8°. 



414 

Zu dem Volke der Tamulen gehören der Sprache nach die 
wilden Stämme der Irular und Kur um bar,*) welche in den 
Nilagiris im Norden von Koimbator wohnen. 

2. Die T e 1 i n g a s (Telugu) , deren Sprache von den älteren 
Keisenden auch Gentoo genannt wird, eine Verstümmlung des por- 
tugiesischen Gentios, „Heiden". Das Gebiet derselben läuft von 
Palicat an der Ostküste bis Ganjam (Gaudscham) , wo das Gebiet 
der Oriya (Orissa, Odra) beginnt. Im Norden bildet Orissa und 
das Land der Gond, im Nordwesten das Mahratten-Land die Gränze. 
Die Westgränze läuft von Bidar durch Adoni und Naudidurga bis 
Kadschakotta im Süden Bangalors in den Ost-Ghats. Noch zu den 
Zeiten des griechischen Geographen Ptolemaeus muss das Volk der 
Telinga weit nach Norden bis gegen die Mündungen der Ganga 
gereicht haben, da einerseits dem Volke der Audhra, womit bei den 
arischen ludern die nördlichen Telingas bezeichnet werden, diese 
Ausdehnung gegeben wird, andererseits die meisten der in diesen 
Gegenden aufgezählten Städteuamen der Telugu-Sprache angehören. 

3. Die Kanaresen (Kannadi's, Karuatas), welche in Maisur 
und Kanara wohnen, Die Nordwestgränze, welche unterhalb der 
Godaveri beginnt, bildet das Mahratten-Land, die Ostgräuze das 
Telugu- und Tamil-Gebiet, die Westgränze das Tulu-Land. Im 
Süden reicht das Gebiet der Kanaiesen bis unterhalb Maisur. An 
das Volk der Kanaresen sind sprachlich die wilden Stämme der 
K 1 a r oder K o h a t a r und B a d a g a r ( B u r g h e r ) anzuschliesseu, 
welche die Nilagiri-Wälder zwischen Maisur und Koimbator be- 
wohnen. Ferner gehören zu ihnen die Kodugu (Coorg), ein 
culturloser Stamm , welcher das Bergland bewohnt, das /wischen 
dem Flusse Hemavati im Norden und dem Tambatschen-Passe im 
Süden gelegen ist und im Westen von Süd-Kanara und Nord- 
Malnyala und im Osten von Maisur begiimzt wird.**) Die Sprache 
der Kodugu schliesst sich aus Alt-Kanaresische au, hat aber eine 
Menge aus dem Tamil und Malayalam in sich aufgenommen. 

4. Die Mal abaren oder Malayala's. Ihr Gebiet ist die 
sogenannte Küste Malabar an der Westse